Leseerlebnis – Ingeborg Bachmann: «Senza Casa»

Autobiographische Skizzen, Notate und Tagebucheintragungen

«Ständig bewohnt von Gefühlen
Gespinst voll von Gespinsten
wehenden, flatternden, zerrissenen
veränderlichen, denen ich ein
mangelhaftes Haus aus Fleisch und Wasser und Muskel
und Haut gebaut hab.»

Es gibt wohl kaum eine Zweite, mit der ich mich so verbunden fühle, weil ich mich in ihren Zeilen immer wiedererkenne, wie Ingeborg Bachmann. Das ist sicher auch der Grund, wieso ich an keinem Buch von ihr oder über sie vorbeikomme. Ich muss sie haben, ich muss in sie eintauchen, ich muss mehr erfahren. Und finde immer auch mich in den Texten.

«Einbruch des Vergangenen in die Intensität. Die Liebe: das Zurückrufen der Liebe aus einer Zeit, in der sie es nicht war.»

«Senza Casa» ist wohl eines der persönlichsten Bücher. Hier finden sich Notate aus ihren Tagebüchern, hier finden sich ihre tiefsten Gedanken, Gefühle, aufgeschrieben aus der Situation heraus, wie sie gerade auftauchten, sich drehten und damit Ingeborg Bachmann umtrieben. Liest man es als erstes Buch, um ihr näher zu kommen, stösst man in die Tiefe vor, sieht sich mit Gefühlen konfrontiert, die man nicht zuordnen kann, die aber für sich Bilder auslösen. Liest man es vor dem Hintergrund eines schon vorhandenen Wissens über ihr Leben, Denken und Schaffen, finden sich zusätzlich Bezüge zu diesem, weiss man die einzelnen Stellen zuzuordnen.

«Allein sein. Frei sein.»

Ein Herzensbuch, das ich nur ans Herz legen kann. All denen, die eine spannende, wunderbare und sehr eigensinnige, eigenwillige Frau näher ergründen wollen.

André Gorz: Brief an D: Geschichte einer Liebe

«Bald wirst du zweiundachtzig sein. Du bist um sechs Zentimeter kleiner geworden, Du wiegst nur noch fünfundvierzig Kilo, und immer noch bist Du schön, graziös und begehrenswert. Seit achtundfünfzig Jahren leben wir nun zusammen, und ich liebe Dich mehr denn je.»

Wenn ein Buch so anfängt, dann weiss ich, dass hier etwas Wunderbares auf mich wartet, in das ich mich ganz reingeben möchte. Aufsaugen werde ich dieses Buch, da bin ich mir sicher.

Worum geht es?

«Du hast mir Dein ganzes Leben und alles, was du bist, geschenkt; ich möchte Dir in der Zeit, die uns noch bleibt, alles von mir schenken können.»

Nach achtundfünfzig gemeinsamen Jahren schreibt André Gorz seiner Frau Dorine mit diesem Buch eine wundervolle Liebeserklärung voller Tiefe, Wärme, Poesie. Die Liebe dieser beiden Menschen ist förmlich spürbar und sie rührt zeitweise zu Tränen. Neben dieser wunderbaren Liebeserklärung blickt André Gorz klar auf die Zeit, die war, beleuchtet die einzelnen Stationen des gemeinsamen Lebens und geht auch mitunter hart mit sich ins Gericht. Er schilt sich einiger Fehler, denen er diese Schrift gegenüberstellen möchte.

«Und so bin ich bald der Chefredakteur dieses Pressedienstes geworden. Du kamst oft in die Redaktion, um einen grossen Teil der englischen Publikationen durchzusehen… Deine Eleganz und Dein britischer Humor erhöhten mein Ansehen bei den Vorgesetzten.»

Zu sehen, wie Dorine André Gorz nur zudiente, sich in seinen Dienst stellte, obwohl sie ihm ebenbürtig wäre, von ihm in gewissen Bereichen sogar als Überlegene gesehen wird, verwundert mich. Ist es der Zeit geschuldet? Einerseits sicher, doch verkehrten die beiden eng mit Beauvoir und Sartre, so dass sie ein anderes Beispiel gehabt hätten (wobei Simone durchaus sich unterordnende Züge hatte trotz aller Unabhängigkeit). Wie sah Dorine ihre Rolle? Waren sie ein wirkliches Team, wie es durchaus oft klingt in diesem Buch, oder doch Macher und Helferin? Später ist Dorine auch eigene Wege gegangen, hat eine eigene Karriere angestrebt.

André Gorz beschreibt ihren Weg immer mit Ehrfurcht, Anerkennung und voller Zugewandtheit. Er betont dabei, dass ihr Weg immer auch ein gemeinsamer war, dass diese Gemeinsamkeit sie nährte und ihrem Leben Sinn verlieh.  

«Ich kann mir nicht vorstellen, weiter zu schreiben, wenn du nicht mehr bist. Du bist das Wesentliche, ohne das alles Übrige, so wichtig es mir erscheinen mag, solange Du da bist, seinen Sinn und seine Bedeutung verliert.»

Das Schreiben war für André Gorz das wichtigste, das zentrale Element in seinem Leben. Er bedankt sich bei Dorine immer wieder für ihr Verständnis diesem Schreiben gegenüber und für ihre Unterstützung dabei. Ohne sie hätte er es nicht geschafft, so zu schreiben, und ohne zu schreiben, hätte er nicht sein können.

Ich sitze mit diesem Buch in meinem Sessel und lese mich durch die Zeilen. Ich lese von der Liebe zwischen diesen beiden Menschen, die beim Lesen fast körperlich spürbar ist, sie geht sprichwörtlich zu Herzen. «Brief an D. Geschichte einer Liebe» ist ein persönliches und berührendes Buch. Es ist das Buch eines Menschen, der liebt und der es schafft, diese Liebe spürbar werden zu lassen. André Gorz ist es gelungen, ein authentisches Buch zu schreiben, das von grossen Gefühlen spricht und nie pathetisch wird. Er hat ein wahres Buch geschrieben, das auch die schwierigen Momente und Zeiten nicht ausblendet, und es doch immer wieder schafft, zur Liebe zurückzukehren, die die Basis von allem ist.

«Jeder von uns möchte den anderen nicht überleben müssen. Oft haben wir uns gesagt, dass wir, sollten wir wundersamerweise ein zweites Leben haben, es zusammen verbringen möchten.»

In diesen letzten Zeilen klingt das Ende dieser Liebe an. Sie haben kurz darauf beschlossen, gemeinsam aus dem Leben zu gehen. Und ja, ich wünsche mir von Herzen, dass sie dieses gemeinsame zweite Leben haben (auch wenn ich nicht an ein Leben nach dem Tod glaube).

Was soll ich noch zu dem Buch sagen? Es ist schon viel zu viel und reicht doch nicht an das heran, was ich fühle nach dem Lesen. Vielleicht noch das: Ich kann es nur ans Herz legen. Von Herzen!

Sigrid Nunez: Der Freund

«Denn es geht nur um den Rhythmus, hast du gesagt. Gute Sätze beginnen mit einem Taktschlag.»

Zuerst brauchte ich etwas Zeit, in den Rhythmus des Buches hineinzufinden. Die Geschichte ist schnell erzählt: Der ehemalige Lehrer und bald engste Freund der Ich-Erzählerin stirbt, er hinterlässt drei Ehefrauen und einen Hund. Als die dritte und letzte der Angetrauten der Ich-Erzählerin sagt, dass der Verstorbene den nun depressiven Hund ihr zugedacht habe, erachtet sie das nicht als wirkliche Option. Aber: der Hund, eine Dogge namens Apollo, zieht ein – zuerst in die Wohnung und dann mehr und mehr ins Herz und ins Leben. Dass die Gefahr besteht, die Wohnung zu verlieren,weil diese keine Hundehaltung erlaubt? Egal, auch wenn das in New York keine banale Sache ist, wenn man eine neue zahlbare bräuchte. Das Argument, dass sie eigentlich Katzenmensch wäre, ist bald vergessen. Klar ist: Diesem Hund muss in seiner Trauer geholfen werden, er braucht einen Freund, der für ihn da ist – oder ist es nicht eigentlich umgekehrt? 

«Was sind wir, Apollo und ich, wenn nicht zwei Einsame, die einander schützen, grenzen und grüssen? Es ist gut, dass die Dinge klar sind. Wunder oder kein Wunder, was immer geschieht, nichts wird uns trennen.“

So oder so: Sigrid Nunez schrieb einen wunderbaren Roman über das Zusammenwachsen zweier Wesen, über eine Liebe, die tief geht. Sie schreibt zudem immer wieder auch über das Schreiben:

«Statt über das zu schreiben, was ihr wisst, hast du zu uns gesagt, schreibt über das, was ihr seht. Geht davon aus, dass ihr sehr wenig wisst und nie viel wissen werdet, ausser ihr lernt, zu sehen. Führt ein Notizbuch, um aufzuschreiben, was ihr seht, zum Beispiel, wenn ihr draussen auf der Strasse seid.»

*Der Freund» ist eine Geschichte über Risken und Verluste im Leben, über den Tod, über Freundschaft, über Hunde und deren Welt, wie sie durch Apollo nach und nach erfahrbar wird:

«Sie begehen keinen Selbstmord. Sie weinen nicht. Aber sie können zerbrechen und sie tun es. Ihre Herzen können brechen, und sie tun es. Sie können den Verstand verlieren, und sie tun es.»

Nicht zuletzt ist es eine Geschichte über das Loslassen. 

«Was wir vermissen – was wir verlieren und worum wir trauern -, ist es nicht das, was uns zuinnerst zu der Person macht, die wir wirklich sind.“

Am Schluss dieses Buches sass ich da und seufzte tief. Ums Herz war mir schwer und doch warm. Die Träne im Auge wäre zu kitschig, sie noch zu erwähnen, weswegen ich das lasse. 

Sigrid Nunez’ «Der Freund» ist ein Herzensbuch, eines, das man ungern aus der Hand legt, das man in einem Zug weglesen möchte und doch Angst hat, es könnte zu Ende gehen. Es ist ein Buch, das tief geht und da auch noch eine Weile bleibt. 

Arthur Schnitzler: Die Traumnovelle

«So gewiss, als ich ahne, dass die Wirklichkeit einer Nacht, ja dass nicht einmal die eines ganzen Menschenlebens zugleich auch seine innerste Wahrheit bedeutet.»

«Und kein Traum», seufzte er leise, «ist völlig Traum.»

Was ist Realität? Was Traum? Ist, was wir im Wachen erleben, unsere Wirklichkeit oder zeigt die sich im Traum, wenn das Denken ausgeschaltet ist und sich die unbewussten Regungen an die Oberfläche bewegen, sich da zeigen, wirken, sicht- und fühlbar werden, um dann wieder zu verblassen bei Erwachen, gar oft ganz zu verschwinden? Arthur Schnitzler ist nicht der erste, den diese Frage bewegt. Schon Georg Büchner hat sie aufgeworfen. Sein «Lenz» schwankt auch zwischen Wachen und Traum, fragt sich danach, was blosses Spiel und Rolle, und was Realität ist.

Fridolin und Albertine leben mit ihrer kleinen Tochter ein glückliches Leben. Sie sind innig verbunden, einander zugetan. Als sie eines Tages beschliessen, sich alles sagen zu wollen, bekommt die heile Welt Risse. Albertine erzählt Fridolin von einem Traum, der ihn verwirrt und verstört. Die traumhaften erotischen Fantasien seiner Frau stellen alles, was er bislang von ihr und ihrer Beziehung zueinander glaubte, in Frage. In einer inneren Aufgewühltheit streift er durch die Strasse, sucht nach eigener Befriedigung. Die Erlebnisse dieser Nacht hallen tief nach, doch sieht er seinen Verrat an der Ehe mit Albertine ungleich geringer als den Albertines, die ihm von einem weiteren Traum erzählt, wodurch für Fridolin ihr Betrug klar und ein weiteres glückliches Zusammenleben unmöglich erscheint. Er sinnt nach Rache, sucht nach Möglichkeiten dafür und will Albertine schliesslich alles erzählen.

Und über allem steht die Frage: Was ist wirklich Wirklichkeit? Was ist blosser Traum?

Gedanken zum Buch

Zum ersten Mal las ich die Geschichte im Rahmen meines Studiums, als ich es mir zur Aufgabe machte, für die Abschlussprüfung Schnitzlers Gesamtwerk zu lesen. Vom Professor mit hochgezogener Augenbraue gefragt, ob ich das nochmals überdenken wolle in Anbetracht des Umfangs, bestätigte ich die Wahl und habe das nie bereut. Beim Wiederlesen weiss ich, wieso: Die Sprache Schnitzlers ist von einer Schönheit, wie man sie in der heutigen Literatur nicht mehr findet. Sein Blick in die menschliche Psyche, sein Erzählen, das einen in das Unbewusste seiner Figuren eintauchen lässt, sind grossartig. Schnitzler vermag, einen den Menschen in seiner ganzen Seinsfülle sehen zu lassen, er konfrontiert mit den unbewussten Beweggründen des menschlichen Handelns und öffnet den Blick für das, was im Menschen vorgeht.

Es gelingt ihm dabei aber auch, ein Zeugnis seiner Zeit und der Gesellschaft zu liefern. Ohne den Moralzeigefinger zu schwingen weist er auf die Doppelmoral im menschlichen Denken und Urteilen hin, zeigt die Rollen, in welchen die einzelnen Figuren verstrickt sind, und hinterfragt deren Aufrichtigkeit. Auf diese Weise gelingt es ihm, den Menschen in seinem Sein an sich und im Miteinander zu präsentieren, wodurch der Leser immer auch auf sich selbst zurückgeworfen wird, indem er merkt, dass dies auch ihn selbst betrifft.

Schnitzler ist für mich ein sicherer Wert. Zu ihm kann ich immer greifen, wenn ich eine Leseflaute habe, wenn ich wieder eine sichere Lesefreude erleben möchte. Er enttäuscht mich nie.

Zum Autor

Arthur Schnitzler wird am 15. Mai 1862 in Wien geboren, besucht da das Gymnasium und studiert anschliessend Medizin. Er arbeitet erst als Assistenzarzt und in Kliniken, später eröffnet er eine eigene Praxis. Schon da ist er der Literatur zugewandt. Sein Leben war bewegt, viele Frauen säumten seinen Weg. Schrieb er anfänglich hauptsächlich Dramen, wandte er sich später mehr Erzählungen zu. Allen gemeinsam war sein Blick auf die Innenperspektive der Menschen, die psychologische Sicht auf ihr Leben. Schnitzler starb am 21. Oktober 1931 an einer Hirnblutung. Von ihm erschienen sind unter anderem Der Reigen, Fräulein Else, Das weite Land, ThereseAnatol.

Kurzes Porträt Arthur Schnitzlers: HIER

Inspirationen für die Woche – KW 16

Beim Gang durch die Welt schnappe ich immer wieder Dinge auf, die mich inspirieren, die mich bewegen, die mich begeistern. Diese möchte ich mit uns teilen. Vielleicht findet ihr etwas für euch dabei.

Folgende Bücher kann ich ans Herz legen, sie haben mich begeistert beim Lesen:

Michael Schmidt-Salomon: Die Evolution des Denkens

«Tatsächlich hat ‘das Genie’ mit der realen Person, die im Zentrum des Verehrungskults steht, oft wenig gemein… Hinter dem Kult verbirgt sich jedoch ein tiefes menschliches Bedürfnis: Wir brauchen Vorbilder, um uns in unserem Leben zu orientieren. Sie sind Teil unserer Identität, sagen uns, wer wir sind oder sein könnten.»

10 grosse Denker, ihr Leben und Schaffen im Blick, um daraus Lehren für die Gegenwart und Zukunft zu ziehen. Michael Schmidt-Salomon zeigt, dass all die klugen Geister ihr mutiges und neugieriges Denken und Forschen, ihre Unabhängigkeit, ihr Sinn für Vernetzung und ihr offener Blick sowie der Umstand, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, zu den Denkriesen machte, als die wir sie heute sehen. Was können sie uns also zeigen, was uns für unsere Zeit nützt? Ein sehr informatives, kurzweiliges, packendes Buch.

(Michael Schmidt-Salomon: Die Evolution des Denkens: Das moderne Weltbild – und wem wir es verdanken, Piper Verlag 2024)

Sarah Bakewell: Wie man Mensch wird

«Ich bin ein Mensch, und nichts Menschliches erachte ich als mir fremd.» Publius Terentius Afer

Sarah Bakewell rollt die Geschichte des Humanismus von Anfang an auf. Was heisst es, humanistisch zu denken und zu handeln? Worauf gründen Entscheidungen, was macht den Menschen aus? Ausgehend von der Idee, dass der Mensch im Kern gut sei, bildete sich vor über 700 Jahren eine Lebenshaltung aus, deren Ziel es ist, den Menschen im wahrsten Sinne des Wortes zum Menschen zu machen, der er ist: ein freies, glückliches, im Hier und Jetzt lebendes Wesen, dem das friedliche Miteinander am Herzen liegt, weswegen er auf Mitgefühl und Verantwortung setzt statt auf Gebote und Gesetze. Bakewell erzählt aus dem Leben verschiedener Literaten, Künstler, Denker und zeigt ihre Lebens- und Denkwege auf. Für mich etwas viel Geschichte und zu wenig Denken, was aber subjektiven Vorlieben geschuldet ist.

(Sarah Bakewell: Wie man Mensch wird: Auf den Spuren der Humanisten, C. H. Beck Verlag 2023)

Arthur Schnitzler: Die Traumnovelle

«So gewiss, als ich ahne, dass die Wirklichkeit einer Nacht, dass nicht einmal die eines ganzen Menschenlebens zugleich auch seine innerste Wahrheit bedeutet.»

«Und kein Traum», seufzte er leise, «ist völlig Traum.»

Die Geschichte von Fridolin und Albertine, einem jungen Ehepaar mit einer kleinen Tochter, verbunden in einer innigen Beziehung, die Risse bekommt, als sie beschliessen, sich alles zu sagen. Die jeweiligen erotischen und Fantasien und Hoffnungen verwirren nicht nur jeden für sich, sondern führen auch zu emotionalen Abgründen miteinander. Was für eine Sprache, was für eine Welt, in die man da hineingerät: In die Tiefen des menschlichen Fühlens und Wünschen. Wo liegt die Wahrheit? Was ist wirklich gewollt, gelebt, was nur geträumt?

(Arthur Schnitzler: Traumnovelle – in verschiedenen Ausgaben, unter anderem SZ Bibliothek 2004)

Folgenden Podcast habe ich gehört:

Freiheit Deluxe mit Jagoda Marinić und Ilker Çatak

Hier geht’s zum Podcast

«Freiheit kommt mit Bewusstsein.» David Foster-Wallace (abgekürzt)

Ein Gespräch über Freiheit, über Ausgrenzung, darüber, ignoriert und ausgeschlossen zu werden. Es ist ein Gespräch über die blinden Flecken in der Gesellschaft, in welcher Exklusion schon in Fleisch und Blut übergegangen ist, dass es nicht mehr auffällt – ausser, man ist betroffen. Es ist ein Gespräch darüber, wie wir mit mehr Bewusstsein unser Leben leben sollen, denn nur so sind wir frei. Und vieles mehr.

Das vollständige Zitat lautet:

„Die wirklich wichtige Art der Freiheit beinhaltet Aufmerksamkeit und Bewusstsein, Disziplin und Anstrengung, und die Fähigkeit, sich wirklich um andere Menschen zu sorgen, für Sie Opfer zu bringen, jeden Tag auf neue auf unzählige, kleine, unsittliche Arten und Weisen.“

Überhaupt möchte ich euch den Podcast von Jagoda Marinić ans Herz legen. Sie hat eine sehr warme, kompetente Art zu fragen und zuzuhören. Es sind Gespräche, die in die Tiefe gehen, die Persönliches ans Licht bringen und auch die Gesellschaft, wie sie ist, und unser Sein darin immer wieder hinterfragen.

In der ARD-Mediathek und bei SRF Play findet sich nun der von Daniel Kehlmann geschriebene Sechsteiler über Franz Kafka. Da kommt alles zur Sprache: Das Verhältnis zum Vater, die Beziehungen zu den verschiedenen Frauen, seine Freundschaft zu Max Brod – und vieles mehr. Ich bin sehr gespannt, ich habe die Serie noch nicht gesehen.

Hier geht’s zur Sendung

Zu Kafka werde ich in den nächsten Wochen sicher noch mehr schreiben.

Ich hoffe, ihr habt etwas gefunden, das euch anspricht. Wenn ihr Tipps für mich habt, immer nur her damit.

Habt eine gute Woche!

Simone de Beauvoir: In den besten Jahren

Inhalt

«Als ich im September 1929 wieder nach Paris kam, berauschte mich vor allem meine Freiheit. Seit meiner Kindheit hatte ich von ihr geträumt…»

Nach Memoiren eines Mädchens aus gutem Haus ist dies der zweite Teil von Simone de Beauvoirs autobiografischen Schriften. Sie schreibt darin über ihr Leben ab 20, das ihr endlich die ersehnte Freiheit gibt. Es ist die Erzählung ihrer Beziehung zu Sartre, zu ihren Beziehungen und Freundschaften, die sich über die Jahre bilden. Es ist ein Schreiben über ihr eigenes Schreiben und das Ringen um die ersten Romane sowie ein Blick in das Erstarken des Nationalsozialismus und den Ausbruch des Weltkrieges, wie die Kriegsjahre sich auf das Leben und die Gesinnung der Menschen auswirkten, sowie die Analyse der eigenen Verwandlung von einem apolitischen hin zu einem politisch engagierten Menschen.

Gedanken zum Buch

«Mit fünfzig Jahren hielt ich den Augenblick für gekommen; mein erinnerndes Bewusstsein hat für das Kind und das junge Mädchen – die beide auf dem Grunde der verlorenen Zeit ausgesetzt und mit ihr verloren sind – das Wort ergriffen. Ich habe ihnen eine Existenz in Schwarz und Weiss geschaffen.»

Es gibt Bücher, die eignen sich nicht fürs Lesen mit dem D-Zug, Bücher, die Satz für Satz gelesen werden wollen. Jeder Satz erschliesst dabei neue Gedankenwelten, die man ergründen, in die man sich hineindenken will. Solche Bücher weisen über sich hinaus, sie verleiten zu weiteren Lektüren, sie wecken neue Interessen. Wenn man sie dann gelesen hat, ist man nicht am Ende angelangt, sondern am Anfang, weil man am liebsten nach dem Umblättern der letzten Seite mit der ersten wieder beginnen möchte, es oft auch tut, und sei es nur, um nochmals einzelnen Sätzen nachzuspüren.

Ich habe Simone durch die Jahre nach dem Studium begleitet, habe mit ihr die Wandlung von einer politisch uninteressierten Frau hin zu einer, die sich engagieren will, erlebt. Ich habe sie ihr Schreiben bezweifeln und feiern sehen und die Kriegsjahre politisch wie lebenswirksam Revue passieren lassen. Ich habe sie auf ihre Wander- und Velotouren durch Frankreich begleitet und neue Freundschaften zu grossen Namen der damaligen Zeit kennengelernt.

Ich bin in Simone und in Sartres Schreiben und Denken eingetaucht, habe mitgedacht, markiert und notiert. Ich bin tiefer in das Leben und Schaffen einer Frau eingedrungen, die mich mehr und mehr fasziniert, weil ich immer wieder Parallelen entdecke, weil mich ihr Denken und ihr Leben faszinieren. Ich bin gespannt, wohin mich die weitere Reise mit Simone bringen wird.

«Ich möchte vom Leben alles.»

Zu Simone de Beauvoir
Simone de Beauvoir wurde am 9.1.1908 in Paris in ein ursprünglich wohlhabendes, später mit den Finanzen kämpfendes Elternhaus geboren. Mit fünfeinhalb Jahren kam Simone an das katholische Mädcheninstitut, den Cours Désir, Rue Jacob; als Musterschülerin legte sie dort den Baccalauréat, das französische Abitur, ab. 1925/26 studierte sie französische Philologie am Institut Sainte-Marie in Neuilly und Mathematik am Institut Catholique, bevor sie 1926/27 die Sorbonne bezog, um Philosophie zu studieren. 1928 erhielt sie die Licence, schrieb eine Diplomarbeit über Leibnitz, legte gemeinsam mit Merleau-Ponty und Lévi-Strauss ihre Probezeit als Lehramtskandidatin am Lycée Janson-de-Sailly ab und bereitete sich an der Sorbonne und der École Normale Supérieure auf die Agrégation in Philosophie vor. In ihrem letzten Studienjahr lernte sie dort eine Reihe später berühmt gewordener Schriftsteller kennen, darunter Jean-Paul Sartre, ihren Lebensgefährten seit jener Zeit.

1932-1936 unterrichtete sie zunächst in Rouen und bis 1943 dann am Lycée Molière und Camille Sée in Paris. Danach zog sie sich aus dem Schulleben zurück, um sich ganz der schriftstellerischen Arbeit zu widmen. Zusammen mit Sartre hat Simone de Beauvoir am politischen und gesellschaftlichen Geschehen ihrer Zeit stets aktiv teilgenommen. Sie hat sich, insbesondere seit Gründung des MLF (Mouvement de Libération des Femmes) 1970, stark in der französischen Frauenbewegung engagiert. 1971 unterzeichnete sie das französische Manifest zur Abtreibung. 1974 wurde sie Präsidentin der Partei für Frauenrechte, schlug allerdings die «Légion d’Honneur» aus, die ihr Mitterrand angetragen hatte. Am 14.4.1986 ist sie, 78-jährig, im Hospital Cochin gestorben. Sie wurde neben Sartre auf dem Friedhof Montparnasse beigesetzt.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Rowohlt Taschenbuch; 32. Edition (1. Januar 1969)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Pocket Book ‏ : ‎ 744 Seiten
  • Übersetzung ‏ : ‎ Rolf Soellner
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3499111129

Bärbel Reetz: Emmy Ball-Hennings. Leben im Vielleicht

Inhalt
Will man Emmy Hennings beschreiben, weiss man kaum, wo anfangen, so vieles war sie: Tänzerin, Schauspielerin, Dichterin, Schriftstellerin, Künstlerin und vor allem auch Mensch. Sie wollte hoch hinaus, hatte Träume, und fiel immer wieder. Sie kämpfte um ihr Leben, ums Überleben gegen Mächte, Zwänge, Widrigkeiten und Sorgen. Sie hatte Talent und wurde einerseits hochgeschätzt und gelobt, andererseits doch verkannt. Sie fand kein Auskommen und kein Ankommen. Eigentlich eine tragische Geschichte.

Bärbel Reetz beschreibt in ihrer Biografie das Leben dieser aussergewöhnlichen Frau, sie zitiert aus Briefen und Tagebüchern von Weggefährten, sprach mit Leuten, die sie gekannt oder von ihr gehört haben, zeigt die Stationen ihres Lebens auf und zeichnet ihre Wege nach.

Gedanken zum Buch

„Es ist so seltsam, keine Legitimation zu haben. Es ist so traurig, vaterlandslos zu sein. Ich kann nichts dafür, dass ich es bin, aber meine Sprache ist doch deutsch und meine Sprache sollte verraten, wohin ich gehöre… du kannst es nicht so verstehen, wie das ist, Hugo, nirgends eine Aufenthaltsbewilligung zu haben.“

Sie war eine Reisende, mal aus eigener „Weltflucht“, mal, weil sie nicht bleiben durfte, wo sie war. Die Gründe für die Reisen waren vielfältig. Sie träumte von besseren Orten, die politischen Bestimmungen duldeten ihr Bleiben nicht mehr, das Geld war zu knapp. So zog sie von Ort zu Ort, immer eine Suchende, die aber nie fand und von ihrer Sehnsucht nach einem Ankommen innerlich zermürbt wurde.

„Aber wie immer, wenn sie ernstlich gefordert wird, zeigt die labile Emmy überraschende Stärke.“

Emmy Hennings war oft auf Hilfe angewiesen. Ihre vielen Freunde machten sich viele Sorgen um sie, ihre Gesundheit, ihre Zu- und Umstände. Doch sie war nicht nur die Schwache und Kränkelnde, sie war auch immer für ihre Freunde da, setzte sich ein, kämpfte. Wo sie hinkam, nahm sie die Herzen der Menschen durch ihre spielerische, leicht kindliche, frische Art ein. Sie zeigte Humor, Enthusiasmus, Esprit und vor allem immer viel Herz.

«Es kommt freilich nicht darauf an, wie das Leben wirklich ist, sondern wie es einem vorkommt. Ich hielt es für verfehlt.»

Ein Mädchen, eine junge Frau mit Tatendrang, Visionen, Träumen und Zielen, die den Mut hat, all diese zu verfolgen, die in die Welt aufbricht, sich alles erkämpfen muss und dabei unten durch geht, die tanzt, dichtet, liebt, sich verkauft, abstürzt, im Gefängnis landet, sich immer wieder aufrappelt. Sie beweist immer wieder, dass sie etwas kann, viele verehren sie – und doch reicht es nie zum Leben, knapp nur zum Überleben. Wie oft stürzte sie das in Zweifel, in eine Erschöpfung, Krankheit gar. Wie oft haderte sie mit dem Leben, mit sich, mit der Welt. Und doch rappelte sie sich immer wieder auf, schritt mutig voran, um ihre Träume, ihre Leidenschaften, ihr Schreiben weiterzutreiben. Die grossen Namen (allen voran Hermann Hesse) hielten grosse Stücke auf sie, schätzten ihr Talent und ihre Literatur hoch ein, doch sie fand keine Verleger und wenig Publikum.

«Ein gefallenes Mädchen… von gefallen Männern hörte man bei uns nie. Männer konnten wahrscheinlich nicht fallen.»

Für ihren Traum, auf der Bühne zu stehen, nimmt Emmy Hennings viel auf sich. In grosser Geldnot prostituiert sie sich, endlich beim Theater angekommen, merkt sie, dass es auch da mehr um Körper als um Kunst geht, dass der Einsatz nach dem Fall des Vorhangs noch nicht zu Ende ist. Sie fühlt sich dreckig, fragt sich sogar, ob sie nicht auf der Strasse reiner gewesen ist als nun auf der Bühne. Sie wird von Männern (teilweise vorgeblich liebevoll) Hure genannt, während die Männer selbst doch fantasieren, wann sie sie wieder sehen, was mehrheitlich auch nehmen bedeutet. In Erich Mühsams Tagebüchern (um nur einen zu nennen) finden sich viele explizite Passagen dazu. Emmy erlebt, nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal, am eigenen Leib, was für ein Nachteil es ist, als Frau in dieser Welt zu leben.

Bärbel Reetz zeichnet das Leben und Schaffen der Emmy Hemmings nach, wobei sie zu viel Gewicht auf all die Figuren um sie herum und zu wenig auf Emmy selbst schaut. Dadurch ist eine sehr langatmige, oft verwirrende, zeitlich hin und her springende Biografie entstanden, welche den Menschen Emmy Hemmings nicht wirklich fassbar macht.

Fazit
Bärbel Reetz beschreibt das Leben von Emmy Hennings informativ und mit Verweis auf viele Quellen und Zitate. Sie lässt dabei den roten Faden und die Chronologie etwas zu oft aus dem Blick, so dass das Ergebnis etwas unübersichtlich wird. Trotzdem sehr empfehlenswert.

Zur Autorin
Bärbel Reetz, geb. 1942, Studium der Germanistik und Anglistik lebt als Autorin und freie Journalistin in Berlin; ihre Arbeiten wurden mehrfach mit Preisen ausgezeichnet, u.a. 1994 Bettina-von-Arnim-Preis für die Erzählung Virginia oder die Gleichzeitigkeit.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Suhrkamp Verlag; Originalausgabe. Edition (21. Mai 2001)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 399 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3518397404

Buchtipp – Annie Ernaux: Die Scham

Die zwei Welten der Welt

Und plötzlich erinnert man sich an etwas, und man hat ihn, den

«Beweis für die Existenz zweier Welten und unsere Zugehörigkeit zur unteren.» Annie Ernaux

Oft heisst es, wir haben diese eine Welt, in der wir leben, wir teilen sie. Das mag rein physikalisch materiell so sein, doch im Leben, ideell, in den sozialen Strukturen sind es mehrere Welten, schon zwei reichen nicht aus. Früher sprach man von der Dritten Welt, um Länder zu bezeichnen, welche nach westlichen Massstäben weniger entwickelt und finanziell arm waren. Diese klare Hierarchie hat man sprachlich abgemildert, doch hat sich sonst etwas geändert?

Die Frage, die sich immer wieder stellt, ist doch, welche Massstäbe auf das Leben und die Welt angelegt werden, um eine Hierarchie zu schaffen. Alle sind sie an einer Norm ausgerichtet, die nach den Werten der entsprechenden Gesellschaft, teilweise auch nur von Teilen davon, bestimmt sind.

Es sind Grundsätze, die in der Luft hängen, für jeden spürbar, als Geländer im Leben, das zeigt, dass nur diesem entlang ein richtiges, weil passendes möglich ist. Über einem Misstritt, einem Fehlverhalten schwebt das vernichtende Urteil:

«Was sollen die anderen von dir denken?»

Sitzt man drin im eigenen Leben, erscheint es als einzig mögliches, als einzig lebbares, als normal. Erst wenn der Blick auf andere Leben fällt, man sieht, was es auch noch gibt in dieser Welt an anderen Welten, kommt aus dem Vergleich das Werten. Man setzt den Bezug und je nachdem ist die Fallhöhe hoch. Was vorher die Welt war, ist nun ein kleiner Teil davon, schwierig wird es, wenn es nicht der wünschenswerte im Ganzen ist. Plötzlich fühlt man sich klein, sieht in den Augen der anderen die Abwertung, spürt sie in deren Verhalten, fühlt den eigenen Platz unten. Und damit kommt die Scham. Sie wird von nun an das Leben begleiten, sich über alles legen, bei allem mitschwingen. Sie wird das Nebengefühl beim eigenen Tun und Sein.

«Das Schlimmste an der Scham ist, dass man glaubt, man wäre die Einzige, die so empfindet.» Annie Ernaux

Ein Merkmal der Scham ist, dass sie im Stillen herrscht, im Privaten. Dort schwingen Angst und Mangel mit. Die Scham behält man für sich, sie zu benennen fühlte sich noch beschämender an. Und mit diesem Schweigen verstärkt sie sich noch, sie füllt das eigene Denken und sie bewirkt, dass man sich damit allein fühlt, weil man sich nicht vorstellen kann, dass es noch jemanden gibt, der so denkt.

Und vielleicht liegt genau da das Heilmittel: Im Teilen und Mitteilen. Denn dadurch würde man merken, dass es noch mehr Menschen in der gleichen Welt gibt, welche die gleiche Scham teilen. Und wenn man merkt, dass man mit Dingen, derentwegen man sich schämt, nicht allein ist, stellt man fest, dass diese in der Welt normal sind, so dass sie keinen Grund zur Scham darstellen. Annie Ernaux hat das für sich erkannt und über ihre Scham geschrieben. Weil Schreiben Öffentlichkeit ist, es ist ein Heraustreten aus der eigenen Scham, aus dem eigenen privaten Empfinden des eigenen Unwerts hinaus in die Welt der Gleichgesinnten.

Zum Inhalt:
Ein Erlebnis 1952, das die Welt in ein Davor und ein Danach einteilt. Die Erfahrung, dass es zwei Welten gibt, eine unten und eine oben, zu der sie, als eine von unten, nie gehören wird. Die Scham dieser Erkenntnis, die Scham, die sich im Leben festsetzt, die sich in den Zellen des Körpers speichert und immer wieder hervorbricht. All das sind die Themen dieses Buches, das aus Erinnerungen und Reflexionen des schreibenden Erinnerns besteht – Erinnerungen an die Schulzeit, an das Leben zu Hause, an die Eltern, an sich selbst.

Zur Autorin
Annie Ernaux, 1940 in Lillebonne (Frankreich) geboren, Schriftstellerin mit mehrheitlich autobiografisch geprägten Werken, die 2022 den Nobelpreis für Literatur gewonnen hat.

Ingeborg Bachmann, Max Frisch: «Wir haben es nicht gut gemacht.»

Der Briefwechsel

Inhalt

«Wir wären ein Unheil füreinander. Aber auch so kein Heil.» (MF)

Diese Worte schreibt Max Frisch an Ingeborg Bachmann, nicht lange nach ihrem ersten Treffen, in dem schon die Ahnung lag, was kommen wird. Es muss eine grosse Liebe gewesen sein, die einschlug und beide ergriff. Und doch war wohl beiden bewusst, wie schwer es für jeden von ihnen selbst ist, mit einem anderen Menschen zu eng zusammen zu sein, wie schwer es durch denselben Beruf und auch die Öffentlichkeit, in welcher beide standen, sein würde.

«…Lass das nicht zu! Ich möchte mit Dir ans Ende gehen, und wenn Du mich verlassen musst, nie wieder lieben…» (MF)

Der Leser wird Zeuge eines verzweifelten Ringens von zwei Personen um die Lebbarkeit einer Liebe, er liest sich Zeile für Zeile durch Alltäglichkeiten, Hoffnungen, Abgründe, Schmerz und Liebe. Es waren zwei Königskinder, die zwar sich, aber nicht wirklich zueinander im Sinne eines Miteinanders fanden.

Der hier veröffentlichte Briefwechsel gewährt erstmals einen offenen Blick auf eine Beziehung, die von Mythen umgeben war. Vor allem auf der Seite der Bachmannanhänger existierte das Bild der zum Opfer eines Beziehungstyrannen gewordenen Frau. Die 3jährige Arbeit von vier Herausgebern, Bachmann- und Frisch-Experten, legen einen neuen Grundstein für einen neuen Blick sowohl auf die Lebens- und Beziehungswege sowie die Werkbezüge der beiden Autoren.

Gedanken zum Buch

«Jetzt weiss ich es aus Erfahrung, dass ich in deiner Liebe, uns wenn sie mir über Jahre erhalten bliebe, allein sein werde… Man kann nicht zuhause sein zu zweit und allein sein. Du wirst mich aber immer allein lassen.» (MF)

Max Frisch suchte die Zweisamkeit, er wollte die Liebe im Alltag präsent haben und sah sich mit einer Frau konfrontiert, die sich diesem Wunsch immer wieder entzog, die sich nicht einengen lassen wollte und wohl auch nicht konnte. Dies lag wohl in ihrem Naturell, welchem sie sich nicht entziehen konnte. Ihre Worte klingen anders:

«Es ist schwer für mich, weil ich so gerne etwas Ganzes möchte, etwas Kompromissloses mit Mann und Haus und Kind.» (IB)

Ingeborg wollte eigentlich alles, sie suchte die Liebe, sie brauchte sie, sie lechzte förmlich danach. Und doch konnte sie sie nicht so leben, sie konnte die Nähe nicht aushalten, floh immer wieder nach kurzer Zeit oder, wenn schon weg, verzögerte die Rückkehr. So lebten die beiden zwar in einem Haushalt, und waren doch sehr selten beide am gleichen Ort.

«…ich habe in der Liebe und durch die Liebe immer den Boden verloren und daher nie einen gehabt… ich werde, solange ich liebe, keinen Platz in der Welt finden, nie das bekommen, was ich am meisten ersehne, und darum wird alles, was ich sonst bekomme und wofür ich mich bemühe , dankbar zu sein, für immer ohne Glanz sein.» (IB)

Es klingt, als ob Ingeborg Bachmann resigniert hat, als ob sie Angst hat, die Liebe zu leben, wie sie sie gerne leben würde, aus Angst vor neuem Schmerz, wie sie ihn in der Vergangenheit erlebt hat. Indem sie sich also nicht auf Max Frisch einlassen kann, entzieht sie ihm das, was er wiederum bräuchte, um ihr das zu bieten, wonach sie sich tief drin sehnen würde. Und so drehen sich die beiden im Kreis eines sich gegenseitig befeuernden Entziehens, mit dem schlussendlich beide nicht zurechtkommen.

«Ich fand keine Brücke, keine Möglichkeit einer Brücke. Ich bin auf Brücken angewiesen, Du wahrscheinlich nicht. Ich zweifle nicht an deiner Liebe, Ingeborg, nicht an der Grösse deiner Liebe, wenn du liebst. Ich weiss nur, dass ich nicht beziehungslos lieben kann… Vielleicht weil bei mir die Leidenschaft nicht ausreicht, um sich selbst zu genügen. Ich kann nicht allein sein.» (MF)

Wir lesen diese Briefe mit steigernder Bestürzung, wir werden Zeuge eines Paares, das mit sich und mit dem anderen ringt, das leidet, kämpft und doch immer wieder resigniert. Wir lesen Liebesschwüre, Anschuldigungen, wir lesen Entschuldigungen und Selbstverteidigungen, wir lesen von Lösungsansätzen und Missverständnissen und sind tief in einer Zweierkiste der Dritte, irgendwie nicht ganz zu Recht da. Es stellt sich die Frage, ob es legitim ist, eine so intime Geschichte so nah mitzuverfolgen. Es stellt sich die Frage, ob wir als Voyeure dieses privaten Austauschs nicht zu weit gehen, eine Grenze überschreiten. Und doch gibt es diesen Briefwechsel, er ist gedruckt worden und das hatte Gründe, die vielschichtig sind.

Für die Literaturwissenschaft ist der Briefwechsel wohl ein Geschenk. Es sind Briefe von hohem literarischem Niveau, die nicht einfach nebenbei geschrieben, sondern regelrecht sprachlich komponiert sind. Man merkt den Briefen die Mühe und Sorge an, welche die Schreibenden einfliessen liessen. Die Briefe sind zudem ein weiterer Schritt zur Erschliessung zweier Werke, die durch diese Offenlegung einen neuen Schlüssel zu ihrer Interpretation erhalten.

«Ich möchte wieder lieben können – Dich und vieles und auch mich.» (IB)

Die vorliegende Korrespondenz ist nichtsdestotrotz privat und sie legt intime Gedanken und Gefühle zweier Menschen offen. Ingeborg Bachmann wollte aus diesem Grund nicht, dass die Briefe veröffentlicht werden, und Max Frisch hatte ihr testamentarisch zugesichert, dass dies nie passieren wird. Er hat später seine Meinung geändert und sie lediglich für eine bestimmte Zeit nach seinem Ableben gesperrt. Da diese Frist bald ausläuft, wären die Briefe bald öffentlich zugänglich. Diesen Umstand nennt Heinz Bachmann, Ingeborg Bachmanns Bruder, als eine Begründung, wieso er einer Veröffentlichung in diesem vorliegenden Rahmen zustimmte: so sei immerhin die sorgfältige und gewissenhafte Aufarbeitung gewährleistet. Dies ist auch gelungen. Ergänzt wird der Briefwechsel durch verschiedene sachkundige Kommentare der Herausgeber sowie einen ausführlichen Stellenkommentar.

«Wir haben es nicht gut gemacht.»

Was Frisch hier zum Ausdruck bringt, kann als sachliches Fazit gesehen werden. Wer die Briefe gelesen hat, weiss, dass keiner der beiden so sachlich gewesen ist, was diese Beziehung anbetraf. Beiden ging sie tief, beide litten sie, beide nagten am Ende und zogen ihre Wunden ins weitere Leben hinein. Als Leser bleibt man tief betroffen und auch nachdenklich zurück. Das ist kein Buch, das man einfach mal durchliest und beiseitelegt. Es hallt nach.

Fazit
Ein bewegendes, berührendes, ab und zu auch bedrückendes Buch, das einen neuen Schlüssel zur Erschliessung von Leben und Werk zweier grossartiger Schriftsteller liefert.

AutorInnen und Herausgebende
Ingeborg Bachmann, geboren am 25. Juni 1926 in Klagenfurt, wurde durch einen Auftritt vor der Gruppe 47 als Lyrikerin bekannt. Nach den Gedichtbänden Die gestundete Zeit (1953) und Anrufung des Großen Bären (1956) publizierte sie Hörspiele, Essays und zwei Erzählungsbände. Malina (1971) ist ihr einziger vollendeter Roman. Bachmann starb am 17. Oktober 1973 in Rom.

Max Frisch, geboren am 15. Mai 1911 in Zürich, arbeitete zunächst als Journalist, später als Architekt, bis ihm mit seinem Roman Stiller (1954) der Durchbruch als Schriftsteller gelang. Es folgten die Romane Homo faber (1957) und Mein Name sei Gantenbein (1964) sowie Erzählungen, Tagebücher, Theaterstücke, Hörspiele und Essays. Frisch starb am 4. April 1991 in Zürich.

Hans Höller war bis 2012 Professor für Neuere Deutsche Literatur am Fachbereich Germanistik der Universität Salzburg und bis 2020 einer der Gesamtherausgeber der Salzburger Bachmann Edition. Er ist Verfasser zahlreicher Bücher zur zeitgenössischen Literatur, Mitherausgeber mehrerer Bände der Thomas-Bernhard-Werkausgabe und der Jean-Améry-Ausgabe.

Renate Langer ist Lehrbeauftragte am Institut für Germanistik der Universität Salzburg, Herausgeberin der Bände 3 und 6 der Thomas-Bernhard-Werkausgabe und Herausgeberin mehrerer Bände der Salzburger Bachmann Edition.

Thomas Strässle ist Professor für Neuere deutsche und vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Zürich und Leiter des transdisziplinären Y Instituts an der Hochschule der Künste Bern. Er ist Präsident der Max Frisch-Stiftung.

Barbara Wiedemann, Literaturwissenschaftlerin mit editionsphilologischem Schwerpunkt, Lehrbeauftragte an der Universität Tübingen, Herausgeberin von Werken und Briefen Paul Celans, quellenkritische Studien zu Paul Celan im Kontext der zeitgenössischen Literatur (u. a. von Ingeborg Bachmann und Nelly Sachs).

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Suhrkamp Verlag; 3. Edition (21. November 2022)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 1039 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3518430699

Lesemonat Juni

Ein Monat ging zu Ende, ein neuer beginnt. Aufgehört habe ich ihn lesenderweise mit Sabine Harks „Gemeinschaft der Ungewählten“, den neuen beginne ich mit Wilhelm Schmids „Die Liebe atmen lassen“. Was für ein Übergang. Von der Beschreibung eines Lebens in einer Welt mit solchen, die man sich nicht selbst gewählt hat und die auch einen nicht wählten, hin zur Wahl des zu Liebenden – in allen Facetten. Es war ein abwechslungsreicher Lesemonat, ich befasste mich mit Corine Pelluchon mit einer neuen Sicht der Aufklärung, fragte mit Edith Hall, was Aristoteles zum glücklichen Leben zu sagen hat, schaute mir dann mit Ferdinand Fellmann die Philosophie der Lebenskunst an, und stolperte danach über Care Carlisles Kierkegaard-Biographie, die ich abbrechen musste – sie entsprach nicht meinen Erwartungen. 

Den Trost über die Leseentäuschung holte ich bei Alain de Bottons Trost der Philosophie, um nachher mit Albert Kitzler der Frage nach dem guten Leben nachzugehen. Sartre zeigte mir, dass die Hölle die andern sind, vor allem in geschlossenen Gesellschaften. Mit Christina Berndt analysierte ich die Frage der Individuation, wie ich werde, wer ich bin, um dann als solche als Ungewählte unter Ungewählten zu leben und für ein gutes Zusammenleben mit Sabine Hark nach Möglichkeiten zu suchen. 

Damit schliesst sich mein Juni, der Juli beginnt mit der Liebe und wird sich generell mit Themen des Miteinanders, des Lebens in der Welt befassen. Ich freue mich drauf. 

Was sind eure Lesepläne für den Juli?

Hier noch die genaue Liste:

Corine Pelluchon: Das Zeitalter des LebendigenIst die Aufklärung noch aktuell angesichts der heutigen Probleme? Müssten wir zu anderen Denkmustern greifen? Aufklärung neu gedacht, als Prozess des kritischen Hinterfragens und Suchens neuer Handlungsmaximen ist auch heute noch aktuell. Ziel ist es, ein Miteinander lebender Wesen, einen neuen Humanismus, der Natur und Mensch wieder verschmelzen lässt durch die Sorge für die Welt und das Miteinander, zu finden.4
Edith Hall: Was würde Aristoteles sagen? Zehn philosophische Lektionen für das GlücklichseinAristoteles’ Texte nach seiner Meinung zu relevanten Kriterien für ein glückliches Leben befragt, veranschaulicht mit aktuellen und lebensnahen Beispielen. 5
Joan Didion: Was ich meineNur auszugsweise gelesen – Essays aus dem Leben3
Ferdinand Fellmann: Philosophie der LebenskunstEine Verbindung von antiker Tugendethik und moderner Sollensethik. Es geht um allgemeine Verhaltensregeln, die man ausgehend vom Menschen aufstellen kann. 4
Clare Carlisle: Der Philosoph des Herzens. Das rastlose Leben des Søren Kierkegaardabgebrochen – zu viel und langatmig erzähltes Leben, zu wenig Werk und Schaffen2
Alain de Botton: Trost der Philosophie. Eine GebrauchsanweisungBei Philosophen nachgefragt, wie man mit Unvollkommenheit, Frustration, gebrochenem Herzen und mehr umgehen kann. Etwas wenig Tiefe und viel Geschwätzigkeit. 3
Albert Kitzler: Wie lebe ich ein gutes Leben? Philosophie für PraktikerLebenspraktische Themen mit Ansichten aus der östlichen und westlichen Philosophie behandelt, um aus den Texten Handlungsanleitungen ins Leben mitnehmen zu können. 4
Marietheres Wagner: Epikurs Biobliothek. Geschichten vom GlückLebensthemen mit Epikur und passenden Romanen beleuchtet – leider etwas merkwürdige Literaturauswahl und auch sonst sehr oberflächlich. 2
Jean Paul Sartre: Geschlossene GesellschaftDrei Menschen in der Hölle, die durch die Begegnungen mit den anderen auf sich selbst zurückgeworfen werden.5
Christina Berndt: Individuation. Wie wir werden, wer wir sein wollen. Der Weg zu einem erfüllten IchWissenschaftliche Studien, wie das Ich entsteht und die frohe Botschaft, dass wir uns bis ins hohe Altern verändern können – und dies auch immer wieder tun.4
Sabine Hark: Gemeinschaft der Ungewählten. Umrisse eines politischen Ethos der KohabitationWie soll eine Gesellschaft aussehen, in der verschiedene Menschen als Gleiche unter Gleichen zusammenleben können?5

Tagesgedanken: Mein Platz in der Welt

Seinen Platz in der Welt finden – das ist wohl für viele selbstverständlich, sie finden sich in dieser Welt, in die sie geboren wurden und leben ihr Leben, ohne dieses und die Welt zu hinterfragen. Andere hadern mehr damit, sie sehen eine Welt, in welcher sie sich nicht wohl, nicht gesehen fühlen, und haben doch keine andere als die des eigenen Rückzugs, was zwar eine momentane Erleichterung, aber kein lebenswertes und lebensmögliches Leben darstellen würde, sind wir doch immer auf die Mitwelt angewiesen, können nicht ohne sie sein – gerade darum ist der Halt in ihr wohl so elementar und es nagt tief, wenn man ihn für sich nicht findet. 

Simone de Beauvoir litt unter den Einschränkungen und vielen Verboten ihrer Kindheit, schon früh regte sich in ihr ein Freiheitsdrang und die Überzeugung, das eigene Leben selbst in die Hand nehmen zu wollen. Als es dann nahezu so weit war, stellte sich diese teilweise Freiheit doch als schwieriger dar als erhofft, da sie bei allem Sehnen unvertraut und noch nicht gewohnte Lebenswelt war:

„Das Übel, an dem ich litt, bestand in Wahrheit darin, dass ich aus dem Paradies der Kindheit vertrieben war und meinen Platz unter den Menschen noch nicht gefunden hatte.“

Wie man doch verklärt, was war, wenn das Neue noch nicht ist, was man sich davon erhofft. Das war nicht der einzige Kampf von Simone de Beauvoir. Dazu kam das eigene Gefühl des Minderwerts. Dass dieser nicht aus dem Nichts einfach da war, liegt auf der Hand:

„Gewiss bedauerte ich nicht, eine Frau zu sein; ich zog im Gegenteil grosse Befriedigung daraus. Meine Erziehung hatte mich von der geistigen Unterlegenheit der Frau überzeugt, die auch von vielen meiner Geschlechtsgenossinnen zugegeben wurde.“

Anfangs traute sich Simone nicht, mit den männlichen Kommilitonen zu sprechen, sah sie diese doch ihr überlegen. Als sie nach einigen Gesprächen dann doch merkte, dass dem nicht so war und sie durchaus etwas zu sagen hatte, kam langsam das Selbstbewusstsein. So oder so verfolgte sie immer ehrgeizig ihre Pläne und Träume für ihr Leben: Unabhängig sein und Schreiben. Das war ihr Ziel und das sollte sie auch erreichen – und das schon bald in einer lebenslangen Gemeinschaft mit einem anderen grossen Denker: Sartre.

„…sein Geist war immer wach. Er kannte keine Erschlaffung, Schläfrigkeit, Gedankenflucht, Abschweifung, Ermattung, aber auch keine Vorsicht und keinen Respekt. Er interessierte sich für alles und nahm niemals etwas als selbstverständlich hin.“

Diese Offenheit des Denkens, diese Vorurteilslosigkeit, war es vielleicht auch, die dazu führte, dass Sartre Simone de Beauvoir nie geringachtete, dass er hinschaute und sah, was sie zu bieten hatte, was in ihr steckte. Er spornte sie an, ihre Ziele nie aus den Augen zu verlieren:

„Auf alle Fälle solle ich mir das bewahren, was das Schätzenswerteste an mir sei: meinen Hang zur Freiheit, meine Liebe zum Leben, meine Neugier, meinen Willen zum Schreiben.“


In Sartre fand sie den Mann, mit dem sie all das leben konnte, was sie wollte, denn:

„er war der Doppelgänger, in dem ich in einer Art von Verklärung alles wiederfand, wovon ich auch selber besessen war. Mit ihm würde ich immer alles teilen können.“

Vielleicht ist man dann in der Welt zu Hause, wenn man sich selbst treu bleiben kann und in dieser Selbsttreue und dem Verwirklichen des eigenen Seins begleitet und verstanden wird. Und manchmal muss das nicht von der ganzen Welt passieren, manchmal reicht einer, der einem die Welt ist.

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Leseempfehlung: Simone de Beauvoir: Memoiren einer Tochter aus gutem Hause

Jahresrückblick in Büchern – meine Highlights

Ein Jahresübergang bietet sich immer an, zurückzuschauen auf das, was war. Bücher haben in meinem Leben natürlich eine grosse Rolle gespielt. Es war ein sehr abwechslungsreiches Jahr, das einer Reise glich. Ich startete sehr intensiv mit Lyrik, konzentrierte mich dann bald auf die dichtenden Frauen – und auf Rilke. Es folgte eine Zeit, die hauptsächlich Ingeborg Bachmann gewidmet war, ich las ihre Gedichte, Biographien, Kurzgeschichten – und ich war fasziniert von dieser Frau, mit der ich doch in verschiedenen Punkten Parallelen zu haben schien.

Dann verschob sich der Fokus langsam hin zu Romanen, erst noch bunt gemischt, dann immer mehr darauf blickend, wer das Buch geschrieben hat. Ich kann nicht mal sagen, woher diese Ausrichtung kam. Es kamen verschiedene literaturtheoretische Bücher dazu und dann bewegte ich mich weiter auf meiner Reise, der Feminismus kam in den Fokus und er hat mich gepackt – mit allen Themen, ohne die er kaum zu denken ist: Sexismus, Rassismus, Patriarchat, Klasse – Intersektionalität also. Da bin ich noch, die Reise führte mich also hin (oder zurück, wie man es auch sehen könnte) zur Philosophie, daneben auch mit einer Faszination für Soziologie (und einem kleinen Bedauern, das damals nicht studiert zu haben – bleibt das Selbststudium, das mir sowieso am meisten liegt).

Zu meinen Lesehighlights, dies ohne den Anspruch, dass es wirklich die besten Bücher waren, aber es sind die, welche mir spontan im Sinn waren, als ich danach suchte:

  • Rainer Maria Rilke: Gesammelte Gedichte – Rilke ist wohl mein Lieblingsdichter, wenn man eine Rangliste machen wollte. Ich habe im Frühjahr dieses ganze Buch durchgearbeitet, habe mich mit der Interpretation einzelner Gedichte und deren Verbindung zum Leben Rilkes beschäftigt. Eine sehr spannende Zeit.
  • Mascha Kaléko: Mein Lied geht weiter – ich liebe diese Lyrikerin für ihre Melancholie, ihren versteckten und teilweise auch offensichtlichen Witz.
  • Edgar Rai: Ascona – einer der ersten Romane, mit denen ich in die nächste Phase stieg. Edgar Rai ist eine packende Romanbiographie über Erich Maria Remarque gelungen, die von der ersten bis zur letzten Seite spannend zu lesen ist und Lust auf Remarque macht.
  • Erich Maria Remarque: Drei Kameraden – das war dann das Resultat, für mich eine Entdeckung, da ich zwar den Namen kannte, aber noch nie etwas von ihm gelesen hatte. Diese Geschichte über drei Freunde und eine Liebe hat er in Edgar Rays Roman geschrieben – ein grossartiges Buch mit sehr viel Witz, Tiefe und Zeitkolorit.
  • Kate Kirkpatrick: Simone de Beauvoir – ein fundierter Einblick in Leben und Werk einer inspirierenden Frau, die mich ziemlich in ihren Bann zog, ich las viel von ihr und über sie danach, auch Alois Prinz’ Biographie, die ich ebenfalls empfehlen kann.
  • Franziska Schutzbach: Die Erschöpfung der Frau – ein wichtiger Einblick in die Situation der Frau in der heutigen Gesellschaft, ihre Kämpfe, ihre Rollen, ihre Erschöpfung, die daraus resultiert. Ein deutliches Bild, dass wir noch nicht erreicht haben, wonach wir schon so lange streben: Gleiche Rechte, gleiche Entlöhnung, gleiche Chancen, gleiche Sichtbarkeit, gleiche Anerkennung.
  • Nicole Seifert: Frauenliteratur – ein Blick auf die Welt der Literatur, auf die Frauen, die vergessen gingen, auf die, welche nicht berücksichtigt werden, auf die Abwertung, Ignoranz, die ungerechte Verteilung von Sichtbarkeit und Bewertung.
  • Daniel Schreiber: Allein – sehr persönliche Einblicke in ein zwiespältiges Lebensmodell, sein Ruf in der Gesellschaft und das persönliche Erleben.
  • Alice Schwarzer: Lebenslauf – durch ein Interview wurde ich auf sie aufmerksam und war in ihren Bann gezogen. Ich hatte sie vorher völlig anders, falsch eingeschätzt und lernte durch das Interview, vor allem aber auch durch dieses Buch eine grossartige Frau, die mit Mut und Leidenschaft ihren Weg ging und geht, kennen. Den zweiten Band werde ich sicher auch noch lesen (Lebenswerk).
  • Gisèle Halime: Seid unbeugsam – aufgewachsen in Tunesien merkte sie schon bald, dass für Mädchen andere Regeln gelten als für Jungen. Da sie das nicht wollte, begehrte sie auf – mit Erfolg. Sie ging ihren Weg gegen alle Widerstände: Eine beeindruckende Frau, die dafür kämpfte, als Frau Rechte zu haben – für sich und für andere.

Ich freue mich auf mein Lese-Jahr 2022, viele Bücher liegen schon bereit, die thematische Ausrichtung wird da ansetzen, wo das Jahr 2021 aufhörte: Die Gesellschaft und die darin vorherrschenden Verteilungen, Intersektionalität, (soziale) Gerechtigkeit – und sicher werden auch der eine oder andere Roman und ein paar Gedichte Platz finden. Ich hoffe, ihr begleitet mich weiter durchs 2022.

Was waren eure Buchhighlights?





Vladimir Nabokov: Die Kunst des Lesens

Wer liest, sollte liebevoll auf Einzelheiten achten. Gegen den Mondschein der Verallgemeinerung ist nichts einzuwenden, vorausgesetzt, er zeigt sich, nachdem die sonnigen Kleinigkeiten des Buchs liebevoll zusammengetragen wurden. Wer mit einer fertigen Verallgemeinerung an ein Buch herangeht, beginnt am falschen Ende und bewegt sich von ihm fort, bevor er angefangen hat, es zu verstehen.

Literatur lesen bedeutet für Nabokov, mit Liebe an ein Werk heranzugehen und zuerst unbedarft und ohne Erwartungen aufzunehmen, was das Buch einem bietet. Nur so sei es möglich, die neuen Welten, die in einem Werk drin stecken, zu erfassen, sie zu erleben. Jede vorgefasste Meinung über ein Buch und Erwartung daraus stellt nach Nabokov einerseits eine Ungerechtigkeit dem Autor gegenüber dar und nimmt einem andererseits die wahre Freude an dem Buch, weil man sie so nie auf das Buch selber einlässt.

Wir sollten immer daran denken, dass mit jedem Kunstwerk, ausnahmslos, eine neue Welt erschaffen wird und diese stets als erstes so gründlich wie möglich erforschen, uns ihr als etwas völlig Neuem nähern, als einer Sache, die keine offensichtliche Verbindung mit den uns bereits bekannten Welten hat.

Romane sind so gesehen immer Märchen, sie stellen nie die Wirklichkeit dar, sondern sind erfundene Geschichten in erfundenen Welten. Dabei liefert immer die Realität den Rohstoff, aus denen man die Kunst schafft, die uns am Schluss als Roman entgegen tritt. Um dies zu erfassen, muss auch der Leser Eigenschaften mitbringen, die es ihm möglich machen, so zu lesen, dass sich die neuen Welten eröffnen.

Selbstverständlich ist ein guter Leser, wie Sie es sich schon gedacht haben, jemand, der über Vorstellungskraft, ein Gedächtnis, ein Wörterbuch und eine gewisse künstlerische Einfühlungsgabe verfügt.

Nachdem Vladimir Nabokov diese Grundzüge des Lesens und Lesers geklärt hat, geht er über, grosse Werke der europäischen Literatur auf diese Weise zu durchleuchten. Er zeigt, wie in Jane Austens Mansfield Park die einzelnen Personen eingeführt werden, wie man nach und nach in die Welt eintaucht, die Jane Austen zeichnet. Er analysiert den Aufbau, die Einleitungen von Szenen, die Darstellung von Gefühlen, die Beschreibung von Situationen, weist auf Austens Stilmittel hin. Neben aller wohlwollenden Liebe zu dem Werk zeigt er auch auf dessen Schwachstellen, die sich besonders am Schluss zeigen, indem er der Autorin einen gewissen Überdruss am eigenen Werk zuschreibt, welchen er an der zerfasernden Struktur desselben festmacht.

Als nächstes Wendet sich Nabokov Dickens zu, setzt das Leseerlebnis bildlich von dessen Bleakhaus in Beziehung zu dem des Mansfield Parks. Wieder sticht er in die Tiefe des Werkes, beleuchtet die Kernmotive, analysiert sie und zeigt ihren Gang durch den Roman. Er beleuchtet die Beziehungen der Figuren untereinander, zeigt, wie diese lebendig wirken und geht auf so manches Detail der Dickenschen Romanschreibung ein. Ebenso verfährt er mit Flauberts Madame Bovary, Stevensons Dr. Jeckyll und Mr. Hyde und Kafkas Verwandlung.

Doch wieso soll man überhaupt lesen, vor allem in Anbetracht der Umstände, die das reale Leben mit sich bringen? Lesen wird, so Nabokov, nicht helfen, das Leben zu meistern oder mit seinen Umständen besser zurecht zu kommen. Es kann aber, wenn es auf die richtige Weise und mit Liebe zum Kunstwerk geschieht, ein gutes Gefühl und eine Befriedigung über einen bringen, so dass es im Leben nicht nur Widrigkeiten, sondern auch Vollkommenheit und Inspiration gibt.

In einem zweiten Teil wendet sich Vladimir Nabokov Meisterwerken der russischen Literatur zu, er spricht über Gogols Der Mantel, Tolstois Anna Karenina und Tschechows Die Dame mit dem Hündchen. Auch ein Kapitel über Dostojewski findet sich, zu dem er sich eine eigentümliche und schwierige Haltung attestiert. Er sieht in schwanken zwischen brillantem Humor und literarischen Plattheiten. Dass Nabokovs Verhältnis zur Literatur Dostojewskis gespalten ist, zieht sich durch den ganzen Text, der sich stark auf die Schwächen des Schreibens konzentriert und diese auch gut belegt. Trotz alledem hat er ihn seine Auswahl der russischen Meisterwerke aufgenommen, dies wohl eher wegen der begeisterten Rezeption als wegen des in seinen Augen mangelhaften literarischen Werts.

Aus Nabokov spricht eine grosse Liebe zur und Kenntnis der Literatur. Diese Liebe geht beim Lesen dieses Werkes auf einen über, man möchte hingehen und alle vorgestellten Bücher nochmals lesen, sie noch genauer lesen.

Fazit:
Ein wunderbares Buch über die Liebe zum Lesen. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Vladimir Nabokov
Vladimir Nabokov wurde am 22. April 1899 in St. Petersburg als Kind einer russischen Adelsfamilie geboren. Er kam wegen seines westlich orientierten Vaters schon als Kind in Kontakt mit der Weltliteratur, sprach französisch und englisch. Bereits mit 17 Jahren veröffentlichte er seinen ersten Gedichtband.   Das politische Engagement des Vaters bringt diesem verschiedene Inhaftierungen und führt schliesslich zur Flucht nach London. Nabokov studiert an der Universität Cambridge Romanistik und Russische Literatur und zieht nach dem Studium nach Berlin. Er publiziert unter dem Pseudonym V. Sirin, kann aber nicht leben von der Literatur und hält sich mit Tennis- und Boxunterricht über Wasser. 1937 folgt die Emigration nach Paris, 1940 die Flucht in die USA, wo er als Kurator des zoologischen Museums an der Harvard University arbeitet und wissenschaftlich schreibt. 1948-1958 hat er eine Professur für russische und europäische Literatur an der Cornell Universität inne. 1955 erscheint sein Roman Lolita, der für Aufruhr sorgte, aber  grosse Erfolge einfuhr. Er kann in der Folge vom Schreiben leben. 1961 folgt die Übersiedlung in die Schweiz, nach Montreux, wo er 1977 stirbt. Werke Nabokovs sind unter anderem Die Mutprobe (1932), Verzweiflung (1934), Lolita (1955), Ada oder das Verlangen (1969).

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 253 Seiten
Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag (Juli 2010)
Übersetzung aus dem Englischen: Karl A. Klewer
ISBN: 978-3596902804
Preis: EUR  12/ CHF 17.90

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Simone de Beauvoir: Die Unzertrennlichen

Inhalt

«Mit neun Jahren war ich ein sehr artiges kleines Mädchen; das war nicht immer so gewesen; in meiner frühen Kindheit stürzte mich die Tyrannei der Erwachsenen bisweilen in eine derart blindwütige Raserei, dass eine meiner Tanten eines Tages ernsthaft erklärte: «Sylvie ist vom Teufel besessen.» Der Krieg und die Religion bezwangen mich schliesslich.»

Als Sylvie Andrée in der Schule kennenlernt, ist sie sofort hingerissen von diesem selbstsicheren, selbständig wirkenden Mädchen. Zwischen den beiden entwickelt sich eine tiefe Freundschaft. Sie durchleben gemeinsam die erste Liebe, den damit verbundenen Schmerz. Sie versuchen, trotz des strengen Regimes des jeweiligen Elternhauses ihr Leben zu leben, was oft unmöglich ist und schlussendlich tragisch enden wird.

Weitere Betrachtungen

«Warum hatte ich ihr meine Liebe nicht zeigen können? Andrée war mir in allem so herausragend erschienen, dass ich gemeint hatte, sie müsse vollkommen glücklich sein. Mir war danach zumute, sie und mich zu beweinen.»

«Die Unzertrennlichen» ist ein Buch über Freundschaft. Es ist eine Freundschaft, die trotz aller Nähe und des gegenseitigen Vertrauens immer auch einen Rest an Zurückhaltung behält. Die beiden Freundinnen gehen auch nie zum vertraulichen Du über, sie bleiben die ganze gemeinsamen Jahre über beim förmlichen Sie. Im Nachhinein bereut Sylvie, sie steht für Simone de Beauvoir, diese Zurückhaltung zutiefst.

«In Büchern erklären die Leute einander ihre Liebe , ihren Hass, sie wagen, sich alles zu erzählen, was sie auf dem Herzen haben; weshalb ist das im wahren Leben unmöglich?»

Ob dieses Bedauern mit ein Grund dafür ist, dass sie später in ihrer Beziehung mit Sartre vollkommene Offenheit will, Transparenz in den Gedanken und im Tun?

«Zaza ist daran gestorben, dass sie aussergewöhnlich war. Man hat sie umgebracht, ihr Tod war ein «spirituelles Verbrechen».»

Dies schreibt Sylvie Le Bon de Beauvoir, die Frau, die Simone de Beauvoir adoptiert  und mit ihrem Nachlass betraut hat. Sie war viele Jahre die engste Vertraute von Simone de Beauvoir. Die Geschichte dieses aussergewöhnlichen Mädchens hat Simone de Beauvoir im vorliegenden, zu Lebzeiten nie veröffentlichten Roman festgehalten. Sie hat ihn mit folgenden Worten Zaza gewidmet:

«Wenn ich heute Abend Tränen in den Augen habe, ist es dann, weil sie tot sind oder weil ich lebe? Ich sollte ihnen diese Geschichte widmen. Aber ich weiss, dass sie nirgends mehr sind, dass mir nur der Kunstgriff der Literatur erlaubt, hier mit Ihnen zu reden.»

«Die Unzertrennlichen» ist nicht grosse Literatur in dem Sinn, aber es ist ein kleines, authentisches und zum Nachdenken anregendes Buch, das die Gefahren von Erwartungen aufzeigt. Es ist ein Buch darüber, wie Menschen leiden, die unter dem Druck des gefallen Wollens und gehorchen Müssens zerbrechen, die sich selber verleugnen müssen, um dem zu entsprechen, das sie darstellen sollen.

Es ist ein leidenschaftliches und auch tragisches Buch, ein Zeitzeugnis und ein Bild der bürgerlichen Gesellschaft mit all ihren Zwängen und Moralvorstellungen. Simone de Beauvoir schrieb mit «Die Unzertrennlichen» einen autofiktionalen Roman, in welchem sie ihre Freundschaft mit Zaza thematisierte. Sie zeigt darin sehr deutlich die Einschränkungen, die sie als Kind und Jugendliche hinnehmen musste und die bei Zaza zum Tod führten. Diese Erlebnisse sind es wohl auch, welche bei ihr den tiefen Wunsch nach Freiheit und Eigenständigkeit wachsen liessen.

Persönlicher Bezug
Simone de Beauvoir übt immer wieder eine grosse Faszination auf mich aus. Ihre Gedanken, ihr Schreiben, ihr Hinsehen auf die eigene Geschichte und die Form, in welche sie diese verpackt, um damit soviel offenzulegen von ihrem Werden, sind eine grosse Inspiration. Nie lassen sie mich einfach kalt, immer erkenne ich mich in gewissen Punkten wieder und immer regt mich die Lektüre ihrer Schriften zum Nachdenken an.

Simone de Beauvoir hat den Finger auf Missstände gegen Frauen gelegt, sie hat immer wieder gegen deren Unterdrückung angeschrieben und selber ein Leben gelebt, das dieser entgegentrat. Damit ist sie ein Vorbild für die Generationen nach ihr geworden. Ihre Ansichten und auch ihre Forderungen für eine gerechte Gesellschaft sind auch heute noch aktuell wie damals. Leider ist noch viel zu wenig davon umgesetzt worden.

Fazit
Ein authentisches Buch über die Freundschaft zweier Mädchen, die den Erwartungen der Zeit zu trotzen versuchen. Grosse Leseempfehlung.

Autorin
Simone de Beauvoir wurde am 9.1.1908 in Paris in ein ursprünglich wohlhabendes, später mit den Finanzen kämpfendes Elternhaus geboren. Mit fünfeinhalb Jahren kam Simone an das katholische Mädcheninstitut, den Cours Désir, Rue Jacob; als Musterschülerin legte sie dort den Baccalauréat, das französische Abitur, ab. 1925/26 studierte sie französische Philologie am Institut Sainte-Marie in Neuilly und Mathematik am Institut Catholique, bevor sie 1926/27 die Sorbonne bezog, um Philosophie zu studieren. 1928 erhielt sie die Licence, schrieb eine Diplomarbeit über Leibnitz, legte gemeinsam mit Merleau-Ponty und Lévi-Strauss ihre Probezeit als Lehramtskandidatin am Lycée Janson-de-Sailly ab und bereitete sich an der Sorbonne und der École Normale Supérieure auf die Agrégation in Philosophie vor. In ihrem letzten Studienjahr lernte sie dort eine Reihe später berühmt gewordener Schriftsteller kennen, darunter Jean-Paul Sartre, ihren Lebensgefährten seit jener Zeit. 1932-1936 unterrichtete sie zunächst in Rouen und bis 1943 dann am Lycée Molière und Camille Sée in Paris. Danach zog sie sich aus dem Schulleben zurück, um sich ganz der schriftstellerischen Arbeit zu widmen. Zusammen mit Sartre hat Simone de Beauvoir am politischen und gesellschaftlichen Geschehen ihrer Zeit stets aktiv teilgenommen. Sie hat sich, insbesondere seit Gründung des MLF (Mouvement de Libération des Femmes) 1970, stark in der französischen Frauenbewegung engagiert. 1971 unterzeichnete sie das französische Manifest zur Abtreibung. 1974 wurde sie Präsidentin der Partei für Frauenrechte, schlug allerdings die «Légion d’Honneur» aus, die ihr Mitterrand angetragen hatte. Am 14.4.1986 ist sie, 78-jährig, im Hospital Cochin gestorben. Sie wurde neben Sartre auf dem Friedhof Montparnasse beigesetzt.

Übersetzung: Amelie Thoma, geboren 1970 in Stuttgart. Sie studierte Romanistik und Kulturwissenschaften in Berlin und arbeitete als Lektorin, ehe sie die Übersetzerlaufbahn einschlug. Neben Leïla Slimanis Romanen und Essays übertrug sie u. a. Texte von Marc Levy, Joël Dicker und François Sagan ins Deutsche.

Angaben zum Buch
Herausgeber: Rowohlt Buchverlag; 2. Edition (19. Oktober 2021)
Gebundene Ausgabe: 144 Seiten
Originaltitel: Les inséparables
Übersetzung: Amelie Thoma
ISBN: 978-3498002251

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Ruth Klüger: weiter leben

Inhalt

«Ich kenne die Stadt meiner ersten elf Jahre schlecht. Mit dem Judenstern hat man keine Ausflüge gemacht, und schon vor dem Judenstern war alles Erdenkliche für Juden geschlossen, verboten, nicht zugänglich. Juden und Hunde waren allerorten unerwünscht…»

«weiter leben» erzählt von einer Kindheit in Wien, einer Jugend im KZ und dem (Weiter-)Leben danach. Das Buch ist in vier Teile gegliedert. Der erste Teil erzählt von der Kindheit in Wien, davon, dass Ruth Klüger vieles verwehrt war wie zum Beispiel, auf einer Parkbank zu sitzen. Das Wien ihrer Kindheit ist für Ruth Klüger undurchdringbar, voller ihr fremd bleibender Menschen (inklusive ihrer Familie) und unverständlicher Zusammenhänge. Alles, was passiert, geschieht hinter vorgehaltener Hand, im Verborgenen, wird im Flüsterton besprochen.

Teil zwei handelt vom (Über-)Leben in verschiedenen Lagern. Mit elf Jahren kam Ruth Klüger mit ihrer Mutter nach Theresienstadt. Es folgten Auschwitz-Birkenau und Christianstadt/Gross-Rosen. Ruth Klüger erzählt vom Lageralltag, von Hunger, Durst, Gestank, vom Ausgeliefertsein, von stundenlangem Stehen bei Appellen und den ständig rauchenden Schornsteinen der Krematorien.

In Teil drei wird die Flucht und das Leben in Bayern erzählt. Es handelt vom Einmarsch der US-Army und der damit verbundenen Hoffnung, nach Palästina oder in die USA zu emigrieren.

Teil vier erzählt vom Leben in den Staaten, vom Leben mit der Mutter in New York, dem Umzug an die Westküste und dem folgenden Studium. Den Schluss macht ein Epilog, in welchem Ruth Klüger mit amerikanischen Studenten nach Göttingen kommt.

Weitere Betrachtungen
Ruth Klüger verwebt in ihrem autobiographischen Text die Vergangenheit mit der Gegenwart, sie stellt Bezüge her zwischen dem Erlebten damals und dem heutigen Wissen. So ist das Ganze keine chronologische Geschichte, die einzelnen Erlebnisse sind nie eindeutig so passiert, sondern es besteht überall die Möglichkeit einer späteren Zuschreibung durch hinzugekommenes Wissen. Ruth Klüger erzählt, erinnert, springt zwischen Ereignissen hin und her, übt Kritik an vielem und auch an sich.

«Ich muss gestehen, dass ich tatsächlich eine sehr schlechte Jüdin bin.»

In dem Buch wird auch deutlich, wie wenig das Gefühl der eigenen Identität und Zugehörigkeit zählt, wenn die Sicht von aussen eine andere ist. Es wird aber auch deutlich, wie oft sich Menschen schon eine Meinung gemacht haben über das, was passiert ist, so dass sie gar nicht mehr wirklich zuhören. So kommt in dem Buch eine in den USA lebende Deutsche vor, welche Ruth Klüger erzählt, dass Theresienstadt ein mildes KZ gewesen sei, Göttinger Doktoranden sondern zweifelhafte Kommentare zu israelischen Auschwitz-Überlebenden ab und viele weitere Stimmen geben. vor, zu wissen, was nun wie gewesen sei. Und das besser als Ruth Klüger, die mittendrin war. Als Rezensierende stehe ich hier vor der Aufgabe, etwas zu dem Buch zu sagen, ohne selbst in die Falle von zuschreibenden Adjektiven zu tappen. Ruth Klüger kritisierte unter anderem die Zuschreibung erschütternd, welche oft in Zusammenhang mit solchen Überlebenden-Berichten verwendet wird. Und doch liegen sie auf der Zunge nach der Lektüre. Vielleicht darf sie das auch, als eigene Wahrnehmung von etwas, von dem wir sicher keine Ahnung im Sinne Ruth Klügers haben, aber eine Wirkung bemerken beim Erfahren davon.

Das Buch besticht durch eine Klarheit und Menschlichkeit. Es verzichtet auf Sentimentalität, berichtet sachlich, teilweise gar mit einem leichten Augenzwinkern und beissendem Sarkasmus von einer Jugend, die durch die Umstände eine ganz besondere war, eine, in der Ruth Klüger erlebt hat, was kein Mensch je erleben sollte, von einem Über- und dann Weiterleben, von den Reaktionen anderer Menschen auf ihr Schicksal. Sie erzählt auch davon, was ihr in schwierigen Zeiten geholfen hat, wodurch sie neue Hoffnungen schöpfte.

«Man liess mich lesen, weil ich dann niemanden behelligte. Manchmal sah man darin ein Zeichen von Intelligenz, machmal auch eine Unart.»

Ruth Klüger flüchtete sich früh in die Welt der Bücher. Da sie wusste, dass sie jedes Buch, das verboten oder den Eltern sonst ein Dorn im Auge war, abgeben musste, sie es aber hasste, eine Lektüre abbrechen zu müssen, beschränkte sie sich auf Bücher, die genehm waren: Die Welt der Klassiker.

Literatur hatte noch andere Funktionen. Im Lager sagte sie sich Balladen auf, wenn sie bei Appellen stundenlang anstehen musste. In der Ordnung dieser Verse, fand sie ein Gegengewicht zum Chaos des Lagers. Gedichte waren Halt und Trost in einer Welt, in der beides verloren gegangen war.

Persönlicher Bezug
Die Literatur von Überlebenden hat eine grosse Rolle in meiner Dissertation gespielt. Das Bedürfnis dieser Menschen, Zeugnis abzulegen für das, was war, hat mich tief ergriffen und nie mehr losgelassen. Es sind Zeugnisse, die von den schlimmsten Gräueln unserer Geschichte sprechen, Zeugnisse von Menschen, welche die Hölle sahen und mit ihrem Schreiben auch denen eine Stimme geben wollten, welche keine mehr haben, weil sie in den Konzentrationslagern auf bestialische Weise ermordet wurden.

Ich bin der festen Überzeugung, dass diese Zeugnisse auch heute noch wichtig sind, dass man sie auch heute noch lesen sollte, um zu sehen, wozu der Mensch fähig ist, und um bewusst wahrzunehmen, wohin wir nie mehr steuern wollen als Gesellschaft, als Menschen.

Fazit
Die eindrücklich erzählte Lebensgeschichte einer Frau, die als Kind die Deportation ins Lager und das grausame Leben da erfahren musste, fliehen konnte und mit all den Erinnerungen und Erfahrungen sowie den Reaktionen darauf weiterleben musste. Eine grosse Leseempfehlung!

Zur Autorin
Ruth Klüger wurde am 30. Oktober 1931 in Wien geboren. Als Jüdin wurde sie nacheinander in die Konzentrationslager Theresienstadt, Auschwitz-Birkenau und Christianstadt verschleppt. 1947 wanderte sie in die USA aus und studierte dort Anglistik und Germanistik. Sie lebte bis zu ihrem Tod 2020 als Literaturwissenschaftlerin in Irvine/Kalifornien – mit einem zweiten Wohnsitz in Göttingen. Ihre Biographie ›weiter leben‹ war ihre erste literarische Veröffentlichung. Sie fand damit ein überwältigendes Echo bei Kritikern und Publikum und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Angaben zum Buch
Herausgeber ‏ : ‎ dtv Verlagsgesellschaft (1. November 1994)
Taschenbuch ‏ : ‎ 288 Seiten
ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3423119504

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