Rainer Maria Rilke: Der Blinde

Sieh, er geht und unterbricht die Stadt,
die nicht ist auf seiner dunkeln Stelle,
wie ein dunkler Sprung durch eine helle
Tasse geht. Und wie auf einem Blatt

ist auf ihm der Widerschein der Dinge
aufgemalt; er nimmt ihn nicht hinein.
Nur sein Fühlen rührt sich, so als finge
es die Welt in kleinen Wellen ein:

eine Stille, einen Widerstand -,
und dann scheint er wartend wen zu wählen:
hingegeben hebt er seine Hand,
festlich fast, wie um sich zu vermählen.

Das Gedicht entstand 1907 in Paris. Es steht in einer Reihe von Gedichten, die sich mit den menschlichen Sinnen, dem menschlichen Sehen oder auch unmenschlichem Wegsehen befassen. Das Sehen selber wird Gegenstand, der Gegenstand, auf den der Blick fallen könnte, rückt in die zweite Reihe.

Das Gedicht fängt mit einem Apell an: Sieh! Der Leser soll hinsehen, wo es nichts zu sehen gibt, weil alles im Dunkel liegt. Er soll das tun, was dem Blinden verwehrt ist, der mit seiner Blindheit alles in die Dunkelheit führt. Damit entstehen Fronten: Einer soll hinsehen, einer sieht nichts. Hellsicht und Blindheit stehen nebeneinander.

Rilke fordert den Sehenden auf, das zu sehen, was er wohl im Alltag selber nicht sieht. Er zeigt ihm, wie der Blinde durch die Welt geht und wie er sie wahrnimmt. Weil alles um ihn Dunkelheit ist, muss er die Stadt auf eine andere Weise erleben. Er muss sie fühlen, muss die anderen Sinne aktivieren. So wirken denn Wellen auf ihn, sie kommen als Stille und auch als Widerstand daher. Er nimmt seine Hand und tastet. Damit verbindet er sich mit der Stadt, geht mit ihr eine innige Beziehung ein.

So gesehen ist der Blinde tiefer in der Stadt als es ein Sehender meist ist. Während dieser quasi blind durchs Leben eilt, verweilt der Blinde und fühlt. Er wird eins mit der Stadt, vermählt sich mit ihr. Oft denken wir, der Blinde könne etwas, das wir können, nicht. Wir nennen ihn in seiner Wahrnehmung behindert durch diese Einschränkung. In Tat und Wahrheit nimmt er viel mehr wahr, als wir es tun, die wir sehen können. Geblendet von all den oberflächlichen Eindrücken gehen wir nicht mehr in die Tiefe. Wir vermählen uns nicht mit den Dingen, wir fühlen sie nicht, sondern sehen sie aus der Distanz von uns getrennt.

Erst, wenn wir lernen, mit allen Sinnen an einem Ort zu sein, werden wir ihn auch wirklich wahrnehmen und erleben. Dann leben wir an diesem Ort, dann sind wir ganz da. Dahin zielt der Appell am Anfang: Sieh! Und zwar wirklich – auch das, was für die Augen nicht sichtbar ist, im Dunkel liegt.

2 Comments

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  1. Rilke versteht es deutlich zu machen, was Religion meint, und er braucht dazu das Wort Religion gar nicht, denn es geht nur um eines: um Tiefe.

    Wenn in der Bibel die Rede ist von Blinden oder der Heilung des Blinden, dann ist da auch nicht einer gemeint, der kein Augenlicht hat, sondern die kein inneres Licht haben. Die Blinden sind die, die glauben zu sehen und nichts sehen, so wie die Toten nicht die Gestorbenen sind, sondern diejenigen, die auf den Straßen herumlaufen und noch nicht lebendig sind.

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