Das Skandalöse stirbt – und wir damit

Ich lese viel. Und ich schaue auch gern fern. Kriterium: Es muss gut sein – für mich. Es muss eine Botschaft haben, Inhalt, mich berühren. Es muss Tiefe haben, eine Geschichte, und Personen, die mich fesseln. Ich muss mich einfühlen können und mitfiebern. Sie dürfen mir fremd sein, aber nicht irreal. Ich mag keine Eierköpfe und auch keine mit allen Problemen dieser Erde beladenen Charaktere. Ich mag das Leben, wie es ist – und ich will etwas darüber erfahren.

Vor einigen Jahren war ich an einer Vernissage. Ausgestellt waren die Bilder von Veit Relin, Exmann von Maria Schell. Einer der Besucher war Franz Xaver Kroetz, zwar schon geschieden von der Tochter des Künstlers, trotzdem noch im Kreis. Ich kam mit ihm ins Gespräch und wir diskutierten darüber, was die Literatur und das Erzählerische in heutigen Tagen so schwer macht. Wir fanden bald einen Nenner:

Die Skandale von gestern sind heute zum Gähnen.

Wir schaukeln uns hoch in unserem Blutrausch. Krimis werden immer brutaler. Reichte vor einigen Jahren ein Toter, müssen es heute 10 sein. Sah man damals einen Blutsee, ist es heute ein Massaker – drunter wirkt es nicht. Verfolgt man die Staffen von Criminal Minds, waren die Verbrechen schon immer perfid, aber die Blutmenge und die Perversion steigerten sich von Staffel zu Staffel.

Wir sind Junkies und wir stumpfen ab. Was früher Nervenkitzel war, weckt heute kaum noch ein müdes Gähnen. Und wer mithalten will, springt auf den Zug auf. Will man das nicht, bleibt nur noch, eine neue Form zu finden. Man setzt Zeit und Raum ausser Kraft oder irritiert den Leser sonst auf eine Weise, die er noch nicht kennt.

Wir streben nach Neuem, wir werden immer schneller müde und gelangweilt von dem, was wir kennen. Wir schauen nicht mal mehr genau hin – ein kurzer Blick, abgehakt, durchgewunken. Schliesslich sehen wir schon in den Nachrichten und all den Medien genug Leid – da muss Fiktion einen drauf setzen. Und so töten wir langsam die Fiktion – weil wir uns selber töten. In unserem Empfinden.

12 Gedanken zu “Das Skandalöse stirbt – und wir damit

  1. Gerade bei Filmen setze ich auf jegliches Gefühl und liebe es, wenn ein Film erzählt wird. Eher ermüden mich ständige Explosionen und Morde im Sekundentakt, doch es scheint einfacher zu sein Film- und Buchblut fließen zu lassen, als pure Spannung zu erzeugen. Für mich ist das kein Zeichen von Qualität, sondern von Bequemlichkeit.

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    • Geht mir gleich. Ein Film muss in mir ein Gefühl wecken, ich muss mich in den Film hineinfühlen und -denken können. Wenn nur noch Blut spritzt oder alles immer noch brutaler sein muss (und ich mag durchaus auch Krimis und Thriller), dann wird mir das zu bunt, da dann nur noch auf Effekt gespielt wird, kaum noch auf Tiefe.

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  2. Was ist denn der Sinn von Abstumpfung? Ich mag solche Formate nicht, auch wenn im Einzelfall aus rein formalen Gründen Gewalt stattfindet. Wenn man Gewalt darstellen muß und will, dann geht es immer auch auf subtile Weise.
    Ich gehe nur in Arthouse-Kinos, da sehe ich meist Filme, die mir schmecken und gewisse Dinge gewürdigt werden.

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  3. Mir fällt ja in Bezug auf Krimis noch was anderes auf: Sie werden (zum Teil) psychologischer, wobei es nicht nur um die Psyche von Täter und Opfer geht, sondern auch um die Beziehungsprobleme der Kriminalisten; und dass es gehäuft um KommissarINNEN geht. Aber das ist ein anderes Thema…

    Hinter dem zunehmenden Blutrausch steckt ein Suchtverhalten. Charakteristikum der Sucht ist ja, dass man die Dosis immer weiter erhöhen muss, weil der Konsum abstumpft. Für pornografische Filme gilt dasselbe.
    Hinter dieser Tendenz steht das Streben nach immer höher, weiter, schneller – mit einem Wort, nach Überschreiten der Grenzen. Dasselbe Prinzip wie im Sport und jeglichem Abenteuer.
    Hinter diesem steht die Sehnsucht nach Transzendenz. Der Mensch ist Endlichkeit, bezogen auf Unendlichkeit. Diese Spannung auszuhalten, ist nicht jedermanns/fraus Sache, daher projiziert man auf die psychische Ebene (Abenteuer, Neugier, Reisen, multiple Beziehungen usw.), auf die körperliche Ebene (Extrem-Sport, Bodybuilding, Schönheitschirurgie usw.). Die „bequemere“ Variante ist das Konsumieren (Krimis, Actionfilme aller Schattierungen, Pornos usw.).
    Die direkte und ehrliche Variante wäre eigentlich die Religion. Ernst genommen als Weg nach innen, Überschreiten der Grenzen des Ich, Erforschen der Innenwelt, das letzte wirkliche Abenteuer, das uns noch bleibt, nachdem es in der Außenwelt kaum noch was zu entdecken gibt. Mit allen Kennzeichen des Abenteuers, auch der vielfältigen Gefahren.

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  4. Gute Literatur ist immer noch möglich. Entscheidend finde ich Authentizität. Fast jedes Leben enthält hochspannende Widersprüche, Krisen und Wendungen. Das Handwerk, dies aufzuschreiben und auch lesen zu können, geht leider in Zeiten von 140 Zeichen statements zunehmend verloren.

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  5. Ich lese ebenfalls viel, auch gerne Krimis. Aber eine Jillian Hoffman ist mir da schon fast zuviel. Filme gerne, aber eher in die Richtung „man lernt nie aus“, also schöne leise Geschichten, die einen noch im Nachhinein amüsieren und berühren. Eben weil die Welt immer brutaler und mordlustiger wird. Erst heute habe ich bei einem Lied (irgendwas mit „born again“) noch darüber nachgedacht, ob ich in diese Zeit noch einmal hineingeboren werden möchte und für mich ganz klar entschieden: Nein, will ich nicht. Es ist einfach alles zu brutal geworden und eine unbeschwerte Jugend heute zu leben, stelle ich mir ungleich schwerer vor, als damals in den 60er/70er Jahren.

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