Wer bin ich?

Noch vor kurzem waren alle Charlie. Auf Twitter, Facebook und in Zeitungen. Überall las man nur noch von Menschen, die Charlie waren. Es waren wohl Millionen Charlie. Hintergrund der Geschichte? Ein satirisches Blatt in Frankreich, Auflage an die 60’000 Exemplare, fiel einem Massaker zum Opfer. Muslimische Blutsrächer fühlten sich durch eine Zeichnung verletzt in ihrer Ehre und rotteten bestialisch aus, was sie als Kern allen Übels erachteten. Die Betroffenheit war gross. Die Solidarität auch. Jeder, der etwas auf sich hielt, war nun Charlie – benannt nach dem bekanntesten der satirischen Zeichner. Diskussionen, ob die Zeichnungen angebracht gewesen seien, wurden als pietät- und geschmacklos im Keime erstickt. Täter und Opfer waren klar, diese Grenze musste zementiert werden. Zudem: Meinungsfreiheit. Die muss sein. Alles darf, alles kann. Widerspruch zwecklos.

Schauen wir aber mal genauer hin. Hätten alle, die plötzlich Charlie waren, die Zeitschrift gekauft, hätten 60’000 Exemplare nie gereicht. Nach dem Attentat stieg die Auflage auf Millionen. Wieso wird nach einer Schreckenstat Meinungsfreiheit so hoch gelobt, vorher aber nicht unterstützt? Und: Darf Satire wirklich alles? Diese Frage durfte man ja nicht mal mehr stellen. Die war geschmacklos. Eines vorweg: Eine solche Tat ist durch NICHTS zu beschönigen oder entschuldigen, sie ist barbarisch, sie ist unmenschlich, sie ist ein absolutes NO-GO. Meinungsfreiheit dagegen ist ein MUSS. Man muss seine Meinung offen sagen dürfen. Aber ob man sie in jeder Art und Weise (auch einer beleidigenden und andere Individualitäten verletzenden) sagen MUSS – diese Frage stellt sich mir. Und nochmals – für alle, die es noch nicht begriffen haben und schon zum entsetzten, erzürnten und niedermetzelnden Aber ansetzen – : Der Anschlag war falsch, unentschuldbar und grausam.

Das satirische Blatt ging jüngst in Millionenauflage raus. Sie haben ihr eigenes Unglück ausgenutzt und machen es zu Geld. Hätte es ein anderer gemacht, wäre der Aufschrei gross. Wie kann man nur. So sagt keiner was. Darf man eine solche Tat für den eigenen Profit ausnutzen? Vielleicht spenden sie den Gewinn bald – oder eröffnen eine Stiftung. Ist es dann besser?

Fakt bleibt: Der Anschlag war eine Gräueltat, wie sie ihresgleichen sucht – und hoffentlich nicht findet und finden wird. Trotzdem bleiben viele Fragen offen. Diese unter den Tisch zu kehren, würde niemandem helfen. Und: Ich bin ich. Ich war nie Charlie. Ich kannte das Blatt vor dem Anschlag nicht mal. Ich kaufe es auch heute nicht. Ich achte jeden Menschen in seinem Sein und seinem Glauben. Nie käme es mir in den Sinn, jemanden zu verspotten oder zu verachten, weil er anders ist oder glaubt. Wieso? Ich möchte auch nicht verspottet werden. Ich argumentiere. Und ich bin dankbar, darf ich offen sagen, was ich denke. Nein, ich gehöre keiner Kirche an. Und ja, ab und an denke ich, es wäre schön, einer anzugehören. Zu glauben, dass da irgendein gütiger Herr sitzt, der alles lenkt und für mich denkt. Nur denke ich lieber selber. Und liesse ihn wohl nicht mal ausreden. Aber: Wer an ihn glauben kann und daraus Trost schöpft – soll ich ihn verlachen? Verachten? Verspotten? Weiss ich es denn besser? Ich glaube nur, es besser zu wissen – schlussendlich glauben wir alle. Keiner weiss.

Wer also ist Charlie? Und was ist das Fazit von der Geschichte? Ich weiss es nicht. Ich blicke in die Welt und ich finde sie kompliziert, in meiner kleinen Welt oft wunderbar, weiter draussen teilweise erschreckend.

6 Comments

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  1. Nun, auch ich bin ein „Charlie“. Nicht weil ich die Zeitschrift kenne, oder gut fand. Ich wollte auch kein Exemplar kaufen, und habe daher selber ein paar Karikaturen gezeichnet, um ein Statement zu setzen gegen diejenigen die mit Gewalt eine Religion durchsetzen möchte, die sie dafür nicht einmal berufen hat. Ich gehören keiner Kirche an, kann aber verstehen warum ausgerechnet diese Einrichtungen angreifbar sind, denn nicht die Religion selber ist das Ziel von Spott, sondern die selbsternannten Hüter. Schießen satirische Zeitungen über das Ziel hinaus? Das tun sie sicher, sind dabei auch geschmacklos und nicht immer präzise, aber das sind viele andere solcher Formate auch. Deswegen tötet man nicht, sondern man lässt solche Dinge links liegen und schenkt ihnen keine Beachtung. Nicht mehr, aber auch nicht weniger erwarte ich von freier Meinungsäußerung. Den Rest können Gerichte klären.

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  2. Gut, zu lesen, dass auch sehr intelligent und tief nachdenkende Menschen das selbe denken wie ich. Auch ich hatte noch nie von Charlie Hebdo gehört und es auch jetzt nicht gekauft. Und ich will auch kein Charlie sein und verneine, dass Menschen jede Freiheit nutzen dürfen, egal wie sie andere damit verletzen, demütigen, vielleicht sogar vernichten.
    Es könnte so einfach viel mehr Friede sein, würden die Menschen sich gegenseitig mehr achten, respektieren, anständig behandeln, mehr Demut und Zufriedenheit und viel weniger Egoismus und Arroganz pflegen.
    Klar verurteile ich das Rache-Attentat in Paris und alle andern rund um die Welt. Doch ebenso verneine ich die absolute, absolut grenzenlose jede Rücksicht auf andere verlangende (Meinungsäusserungs)Freiheit. Ist das überhaupt Freiheit?

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    • Hab selten so etwas undiferenziertes gelesen. Es geht um Meinungsfreiheit, nicht Indoktrination. Wer kann schon letztlich beurteilen, welche Meinung richtig ist, und welche falsch. Im Übrigen hat der Spott über die Oberen eine sehr lange Tradition, und wurde bereits durch Hofnarren am Königshof betrieben, um die verblümte Wahrheit zu sagen, deshalb gibt es auch bei uns eine Pressefreiheit und Satire, um Dinge schärfer anzusprechen, die sonst rechtlich unausgesprochen bleiben müssten. Es geht nicht darum einen einzelnen normalen Menschen damit zu defamieren, sondern auf besonders arge Umstände hinzuweisen. Dieses Instrument nutzen nicht nor Karikaturisten, sondern auch Politiker und sogar Lehrer in der Schule. Das ist eine Freiheit, für die Menschen gestorben sind, und ich meine keine Zeitungsmacher aus Paris.

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  3. Je suis Almathun. Bonjour. Satire war ursprünglich ein Mittel, um innenpolitische Missstände augenfällig zu machen, vor der eigenen Türe mit dem Spottbesen zu kehren. Das hat funktioniert. Es funktioniert anscheinend nicht mehr so eindeutig im Zeitalter der Globalisierung.

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    • @almathun, es scheint, dass das Feingefühl was Satire ausdrücken soll nur noch instrumentalisiert wird, um es für den Eigenbedarf nutzbar zu machen. Somit hast du wahrscheinlich Recht. Ob es an der Globalisierung liegt, weiß ich nicht, aber jeder kocht da sein eigenes humorigen Süppchen.

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