Handschlag muss sein

Kürzlich kursierte die Geschichte eines Mannes, der einer Frau den Handschlag verweigerte, in den Medien. Der Aufschrei war gross, man nutzte die Geschichte, um gegen Glaubensrichtungen zu schimpfen und berief sich auf Sitte und Anstand. Nur so grundsätzlich:

Nicht jeder Mensch mag Berührungen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Nun haben wir in unseren Breitengraden die Konvention, dass ein Handschlag eine adäquate Begrüssung ist, die man dem Anstand schuldet. Es gab eine Bewegung, da mussten es drei Küsschen sein. Damit noch schlimmer für Berührungsablehnende.

Nehmen wir an, wir treffen einen Menschen, der uns freundlich anlächelt und uns grüsst. Ohne Handschlag. War er unfreundlich? Unhöflich? Wäre ein grummlig blickender Mensch ohne Worte aber mit Handschlag besser? Nehmen wir noch den Gruss dazu, lassen den grimmigen Blick, würde er die Konvention erfüllen. Besser? Wieso legen wir so viel Wert auf Äusserlichkeiten, die innere Haltung dabei ist aber weniger wichtig, wenn die Form eingehalten wird? Wäre es andersrum nicht sinnvoller?

Wer nun Gründe für den ausbleibenden Handschlag fordert, einige per se ausschliesst, andere anerkennt: Wohin nimmt er das Recht zu richten? Eine Krankheit ist gut, Glaube nicht?

Wer bin ich?

Noch vor kurzem waren alle Charlie. Auf Twitter, Facebook und in Zeitungen. Überall las man nur noch von Menschen, die Charlie waren. Es waren wohl Millionen Charlie. Hintergrund der Geschichte? Ein satirisches Blatt in Frankreich, Auflage an die 60’000 Exemplare, fiel einem Massaker zum Opfer. Muslimische Blutsrächer fühlten sich durch eine Zeichnung verletzt in ihrer Ehre und rotteten bestialisch aus, was sie als Kern allen Übels erachteten. Die Betroffenheit war gross. Die Solidarität auch. Jeder, der etwas auf sich hielt, war nun Charlie – benannt nach dem bekanntesten der satirischen Zeichner. Diskussionen, ob die Zeichnungen angebracht gewesen seien, wurden als pietät- und geschmacklos im Keime erstickt. Täter und Opfer waren klar, diese Grenze musste zementiert werden. Zudem: Meinungsfreiheit. Die muss sein. Alles darf, alles kann. Widerspruch zwecklos.

Schauen wir aber mal genauer hin. Hätten alle, die plötzlich Charlie waren, die Zeitschrift gekauft, hätten 60’000 Exemplare nie gereicht. Nach dem Attentat stieg die Auflage auf Millionen. Wieso wird nach einer Schreckenstat Meinungsfreiheit so hoch gelobt, vorher aber nicht unterstützt? Und: Darf Satire wirklich alles? Diese Frage durfte man ja nicht mal mehr stellen. Die war geschmacklos. Eines vorweg: Eine solche Tat ist durch NICHTS zu beschönigen oder entschuldigen, sie ist barbarisch, sie ist unmenschlich, sie ist ein absolutes NO-GO. Meinungsfreiheit dagegen ist ein MUSS. Man muss seine Meinung offen sagen dürfen. Aber ob man sie in jeder Art und Weise (auch einer beleidigenden und andere Individualitäten verletzenden) sagen MUSS – diese Frage stellt sich mir. Und nochmals – für alle, die es noch nicht begriffen haben und schon zum entsetzten, erzürnten und niedermetzelnden Aber ansetzen – : Der Anschlag war falsch, unentschuldbar und grausam.

Das satirische Blatt ging jüngst in Millionenauflage raus. Sie haben ihr eigenes Unglück ausgenutzt und machen es zu Geld. Hätte es ein anderer gemacht, wäre der Aufschrei gross. Wie kann man nur. So sagt keiner was. Darf man eine solche Tat für den eigenen Profit ausnutzen? Vielleicht spenden sie den Gewinn bald – oder eröffnen eine Stiftung. Ist es dann besser?

Fakt bleibt: Der Anschlag war eine Gräueltat, wie sie ihresgleichen sucht – und hoffentlich nicht findet und finden wird. Trotzdem bleiben viele Fragen offen. Diese unter den Tisch zu kehren, würde niemandem helfen. Und: Ich bin ich. Ich war nie Charlie. Ich kannte das Blatt vor dem Anschlag nicht mal. Ich kaufe es auch heute nicht. Ich achte jeden Menschen in seinem Sein und seinem Glauben. Nie käme es mir in den Sinn, jemanden zu verspotten oder zu verachten, weil er anders ist oder glaubt. Wieso? Ich möchte auch nicht verspottet werden. Ich argumentiere. Und ich bin dankbar, darf ich offen sagen, was ich denke. Nein, ich gehöre keiner Kirche an. Und ja, ab und an denke ich, es wäre schön, einer anzugehören. Zu glauben, dass da irgendein gütiger Herr sitzt, der alles lenkt und für mich denkt. Nur denke ich lieber selber. Und liesse ihn wohl nicht mal ausreden. Aber: Wer an ihn glauben kann und daraus Trost schöpft – soll ich ihn verlachen? Verachten? Verspotten? Weiss ich es denn besser? Ich glaube nur, es besser zu wissen – schlussendlich glauben wir alle. Keiner weiss.

Wer also ist Charlie? Und was ist das Fazit von der Geschichte? Ich weiss es nicht. Ich blicke in die Welt und ich finde sie kompliziert, in meiner kleinen Welt oft wunderbar, weiter draussen teilweise erschreckend.

Jüdischer Arzt zum Thema Beschneidung

Aufgrund der jüngsten Diskussion über die Beschneidung jüdischer Jungen machte sich auch ein jüdischer Arzt, Gil Yaron, seine Gedanken. Ein Artikel der FAZ zeigt eindrücklich das Resultat dieser Gedanken. 

 

Wieso beschneiden Juden ihre männlichen Kinder am 8. Tag nach der Geburt? Das ausschlaggebende Argument ist wohl immer die Tradition und das dadurch vermittelte Zusammengehörigkeitsgefühl. Die religiösen Gründe sind vielen nicht bekannt und wenn, gibt es mehrere, die nicht wirklich kongruent sind. 

Reicht der Grund, das Kind könnte sonst in der jüdischen Gemeinde nicht akzeptiert sein, ausgelacht werden aus, um ein Kind zu beschneiden? Die Prozedur scheint doch für einige traumatisch zu sein, wenn man das nun liest. Zwar lässt die Grausamkeit nach und der Stolz, es gemacht zu haben nimmt überhand, doch gründet dieser auch auf traditionellen Begründungen. 

Selber wurde Yaron das erste Mal mit der Frage konfrontiert, als seine Schwester sich gegen die Stimmen der ganzen Familie entschied, ihren Sohn nicht beschneiden zu lassen. Das zweite Mal, als er selber in der Situation war, Vater eines Jungen zu werden. Trotzdem er kein wirkliches Argument für eine Beschneidung fand, merkte er, wie schwer es fällt, darauf zu verzichten.

Die Angst, dass mit dem Ende der Beschneidung das letzte Stück Judentum von den Menschen abfalle, blieb bestehen. Auch das Zusammengehörigkeitsgefühl, das man als Juden untereinander doch hat, welches nicht zuletzt auf Traditionen gründet, selbst wenn sie noch so unerklärbar sind rational, schien ihm wert, nicht einfach mit diesen Traditionen zu brechen. Und doch – wenn nichts dafür spricht, wieso es hochhalten? Was wären die Alternativen? Für sich fand er die, seinem Sohn einst die Entscheidung selber zu überlassen, ob er beschnitten werden will oder nicht, sich selber aber anstatt der Beschneidung seines Sohnes das versprechen zu geben, den Sohn in einer jüdischen Gesinnung aufzuziehen, ihn so zu einem Mitglied dieser Gemeinschaft zu machen. 

 

Wie mir scheint ein sehr guter Weg, welcher die Traditionen schlussendlich viel besser weiter gibt, weil dieses versprechen die jüdischen Glaubensinhalte hochhält und weitergibt, statt es bei einer Beschneidung als äusserem Zeichen, welchem möglicherweise wenig weitere folgen im Innern, belassen zu lassen. Glaube kann auch ohne diese frühe körperliche Beschneidung (im wahrsten Sinne – körperlich ein Stück Haut, rechtlich die Unversehrtheit) gelebt werden, Traditionen und Feste dienen dem Zusammengehörigkeitsgefühl wohl mehr. 

Yaron ruft die jüdische Gemeinschaft dazu auf, das zu tun, was dem jüdischen Menschen entspricht: nachzudenken und zu diskutieren. Ich denke, diese Zeit sollte gegeben sein. Nach wie vor gefällt mir der Gedanke nicht, dass man von aussen an eine Region herantritt und ihr befielt, wie sie zu leben hat, ihr verbietet, ihre Religion auszuleben. Schön wäre, wenn von innen eine der heutigen zeit angepasstere Lösung gefunden werden könnte.

Das meine ich nicht nur in Bezug auf dieses Thema und schon gar nicht beschränkt auf das Judentum, sondern das sollte bei allen Religionen so sein. Die Zeiten ändern, Glaubensinhalte wie auch Praktiken verlieren ihre Rechtfertigung oder sollten überdacht werden. Nicht, um den Glauben, die Religion zu schwächen, sondern um sie auch in neuen Zeiten lebbar zu machen. ich denke, das würde den einzelnen Religionen mehr bringen – auch an Anhängern. Wenn der Spagat zwischen dem Leben im Heute und der Religion immer grösser wird, können ihn viele Menschen nicht mehr machen und entscheiden sich dann dafür, das eine oder andere aufzugeben – meist die Religion und damit die Gesellschaft. 

 

Quelle: http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/beschneidungsdebatte-unsere-seltsame-tradition-11827726.html