Krisen sind unschön. Man wünscht sie sich nicht. Und wenn sie dann da sind, fragt man sich, wie es so weit kommen konnte. Meist drum, weil man nicht damit rechnete, dass es wirklich passiert, obwohl man eigentlich grundsätzlich den ganzen Tag damit beschäftigt ist, sich Sorgen um Dinge zu machen, die nicht sind, die aber sein könnten. Und man steigert sich dann gerne rein, und man fühlt sich dann auch ganz unglaublich schlecht und das bitte zu recht, hat man doch schliesslich das entsprechende Szenario im Kopfe präsent.

Nur: Was man dann nicht tut, ist ein Mittel zu erdenken, das greifen würde, täte das so aktuell ausgedachte Szenario auch wirklich eintreffen. Man suhlt lieber in den sich vorgestellten Leidenspfuhlen, statt gedanklich zum Retter zu werden. Und so bleibt es nicht aus, dass in dem Fall, wenn wirklich ein Unglück eintrifft, alle mit offenen Augen und Mündern dastehen und denken – sogar sagen:

Wie konnte das passieren? Damit hat ja keiner je gerechnet?

Und nein, damit hatte in der Tat keiner gerechnet, die meisten rechneten tagtäglich mit viel schlimmerem, denn sonst hätten sie viel mutiger ihren Lebensalltag bestritten. Leider war das nicht mutige Beschreiten die einzige Massnahme, die nur dazu führte, den eigenen Lebenssaft abzuschneiden, nie aber dazu, in wirklichen Notsituationen Lösungen präsent zu haben. Und so stehen wir nun hier.

Und wir stehen und sehen und klagen und zagen. Und sind so ziemlich am Berg. Und stehen halt an. Wir könnten den Berg auch als Chance sehen. Eine Chance, die uns zeigt, dass wir was lernen können. Ich habe einiges gelernt bislang, es kommt sicher noch viel dazu. Hier mal das wenige bis nun:

  • Ich bin dankbar, kann ich alleine sein.
  • Ich bin dankbar, kann ich mich selber beschäftigen.
  • Ich bin dankbar, habe ich ein schönes Dach über dem Kopf, an dem es sich leben lässt, auch wenn ich es nicht verlassen darf.
  • Es gibt Menschen, die mir wichtig sind und um die ich mich kümmere. Auch aus der Distanz.
  • Es gibt Menschen, die an mich denken. Auch aus der Distanz.
  • Es gibt Menschen, die hört man nicht – selbst wenn man sich selber meldet. Das gibt Platz in der Agenda für die Zeiten, die wieder voller sind. Die muss man dann auch nicht mehr berücksichtigen.
  • Es gibt Solidarität unter den Menschen. Sie wird gelebt.
  • Es gibt in allen Situationen auch Gutes. Man muss es nur sehen.

Ich habe die Zeit bislang genutzt, zu sehen, was ich wirklich will. Ich habe sie aber auch nutzen können, zu sehen, was oder wer mir wichtig ist, zu spüren, wem ich wichtig bin. Und ich werde das sicher nicht vergessen, wenn die Zeiten wieder „normal“ werden. Ich wünsche mir, dass wir alle gut aus dieser Situation kommen. Ich wünsche mir zudem, dass wir gelernt haben, dass Solidarität, Empathie und ein Miteinander die einzige Möglichkeit sind, zu überleben. Keiner ist eine Insel, keiner überlebt für sich allein. Profit allein wird uns nicht retten. Wir brauchen neben den notwendigen Mitteln vor allem eines: (Mit-)Menschlichkeit. Gelebte Beziehungen. Und ab und an ist es wertvoll, zu sehen, auf welche man bauen kann. Dafür bin ich dankbar – trotz ein paar wenigen Enttäuschungen.

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Wie oft ist es gerade nach den dunkelsten Nächten plötzlich hell, so hell, wie man es sich nicht hätte erhoffen können noch in der Nacht? Könnte man doch in der Nacht das Vertrauen haben und drauf bauen, dass die Sonne immer wieder aufgeht. Das Dunkel wäre leichter zu ertragen. Doch zum Glück: Auch ohne dieses Vertrauen geht sie irgendwann wieder auf.

Danke für all das Licht!

„Glück ist Selbstgenügsamkeit.“ Aristoteles

Erich Fromm sagte mal, dass nur der eine Beziehung führen kann, der allein sein kann. Nur wer sich selber eine gute Gesellschaft ist, kann eine Beziehung auf Augenhöhe führen. Wenn ich mir selber nicht genug bin, brauche ich den anderen, um die Lücken zu stopfen. Ich trete mit Erwartungen an ihn auf und degradiere ihn zum Erfüller.

Es kann nur einen geben, der mich ganz macht: Mich selber.

„Wem genug zu wenig ist, dem ist nichts genug.“ Epikur von Samos

Eigentlich ist alles gut. Das Wetter ist schön, die Beziehung im Lot, das Zuhause hat genügend Platz, der Kühlschrank ist voll. Und dann ist da dieser Gedanke: Da muss doch noch mehr gehen? Das kann doch nicht alles gewesen sein?

Es ist gut möglich, dass es noch mehr gibt. Nur: Wieso will man es unbedingt haben? Wozu? Was verspricht man sich von mehr? Anerkennung? Status? Wirklich Glück? Und: Gibt es nicht immer noch mehr?

„Nichts wird langsamer vergessen als eine Beleidigung und nichts eher als eine Wohltat.“ Martin Luther

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Wieso lenken wir oft so viel Energie auf das Negative, so wenig auf das Positive? Wie viel länger bleiben uns unschöne Erlebnisse im Kopf als schöne? Wie lange tragen wir jemandem etwas nach und wie lange sind wir ihm dankbar?

Das, worauf wir unsere Energie lenken, ist in unserem Leben dominant. Wir haben es in der Hand.

„Manchmal ein bisschen träumen

Und immer ein bisschen hoffen –

So blieb zu seligen Räumen

Mir allzeit ein Türlein offen.“ (Ernst Goll)

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Wenn das Leben dunkle Seiten zeigt, was könnte mehr Licht bringen als die Hoffnung, dass es wieder besser wird? Wenn eine Tür zuschlägt, wo fände man mehr Trost als im Gedanken, dass dafür ein Fenster aufgeht? Es ist die Hoffnung, die uns weiter an das Gute glauben lässt, es ist die Hoffnung, die hilft, den Mut nicht zu verlieren. Und manchmal ist es auch die Hoffnung, dass Träume wahr werden können, die dabei hilft, eigene Wege zu verfolgen.
Wie dankbar kann also der sein, der noch Hoffnung hat? Wie dankbar der, welcher Träume hat und daraus ein Leben bilden will – in der Hoffnung und im Glauben, dass es gelingen kann?

„Das Glück gehört denen, die sich selber genügen.“ (Aristoteles)

Was wollen wir nicht alles haben im Leben, und vergessen dabei oft, was wir schon alles haben. Und verpassen damit das Glück, das in der Zufriedenheit liegt. Das ist umso bedauerlicher, da sich Glück selten einstellt (zumindest nicht dauerhaft), wenn wir erreichen, was wir so dringend gewollt hatten. Denn dann stellt sich viel eher der nächste Wunsch ein.

„Je schöner und voller die Erinnerung, desto schwerer ist die Trennung. Aber die Dankbarkeit verwandelt die Erinnerung in eine stille Freude.“ Dietrich Bonhoeffer

Als mein Vater starb, war das für mich sehr schwer, da er mir sehr viel bedeutet hat. Wo ich auch war, was ich auch tat, es weckte Erinnerungen – und sei es nur, dass ich dachte, ich könnte ihn anrufen, wie ich es immer tat. Wo anfangs viel Trauer war, wuchs mehr und mehr Dankbarkeit. Eine ganz tiefe Dankbarkeit dafür, ihn in meinem Leben gehabt zu haben, mit ihm so viel erlebt zu haben.

Trennungen sind nicht immer einfach, nur: Sie sind dann schwer, wenn das, was vorher war, schön war. Dafür können wir dankbar sein. Manchmal vielleicht auch erst nach der ersten Trauer, dann aber trägt diese Dankbarkeit durch die Zeit.

„Wir sollten uns immer wieder klar machen, dass die Emotionen, die wir haben, ob negative oder positive, genau das sind, was wir brauchen, um ganz Mensch sein zu können, ganz erwacht und lebendig.“ (Pema Chödrön)

Wir neigen dazu, Gefühle in gute und schlechte einzuteilen. Die einen wollen wir haben, die anderen nicht. Doch: Nichts hat nur eine Seite. Sobald wir einige unserer Gefühle verleugnen oder gar verdammen, negieren wir einen Teil unserer selbst.

Und seien wir mal ehrlich: Würden wir einem Menschen begegnen, der ständig nur grinst wie ein Honigkuchenpferd, der nie nachdenklich, traurig, wütend ist: Würden wir uns nicht fragen, ob dieser Mensch wirklich authentisch ist? Weil wir selber nicht glauben, dass jemand nur gut drauf ist. Wieso also erwarten wir es von uns selber?