Lehrer werden ist schwer, Lehrer sein auch

Als Mutter eines Schulkindes und neu in der Ausbildung zum Gymnasiallehrer steckend, mache ich mir dann und wann Gedanken über den Lehrerberuf und die dahin führende Ausbildung. Einige davon habe ich hier mal gesammelt:

In den letzten Jahren wurde die Lehrerausbildung immer mehr verschult. Theorie wuchs im Vergleich zur Praxis an, was in den Grundschul- und Sekundarlehrerausbildungen wohl dem Wandel vom Seminar zur Fachhochschule und damit einhergehender Anforderungen geschuldet war, beim Gymnasiallehrer dem Ausbau der Anforderungen für das zu erwerbende Diplom und die generelle Akademisierung einer universitären Ausbildung. Ursache für diese Verschiebung war wohl der Anspruch, gesicherte Qualitätsmerkmale zu erhalten, welche durch Prüfungen und theoretische Abhandlungen besser zu erreichen sind als durch praktische Arbeit. Das Resultat überzeugt in meinen Augen nicht.

Der Lehreranwärter erlebt hauptsächlich Theorie und in der Praxis einen quasi geschützten Rahmen, indem die Anforderungen nie denen entsprechen, die ihn erwarten, wenn er wirklich in den Beruf einsteigt. Was wirklich alles auf einen zukommt als Lehrer, erfährt man zwar in der Theorie anhand von Statistiken und Untersuchungen, womit es auf einer rationalen Ebene bleibt, vielleicht die einen oder anderen Ahnungen weckt, dabei aber nie emotional erfahrbar wird. Steigt man dann in den Beruf ein, wird aus den rationalen Überlegungen ein emotionales Wechselbad der Gefühle, welches für so manchen überfordernd sein kann. Ich habe das in letzter Zeit an einer Reihe von Berufseinsteigern in der Grundschule miterleben müssen, was meine Sicht bestätigt hat. Dabei entsteht Schaden sowohl an Kindern, die überfordernden und bald abtretenden Lehrerin gegenüber stehen und auch an Menschen, die den Lehrberuf aus Überzeugung wählten, um sich dann einer Situation gegenüber zu sehen, mit der sie nicht klar kommen.

Ich war zeitlebens ein eher theoretischer Mensch, habe darum wohl Philosophie und Germanistik studiert, weil es sich nirgends so schön theoretisieren lässt wie da. Um dieses Theoretisieren nicht gleich enden zu lassen, habe ich promoviert, dies zwar in praktischer Philosophie, die allerdings auch eher theoretisch ist in einer Dissertation. Nun steige ich in eine – wie ich dachte – praktisch anwendbare Ausbildung ein, und ich sehe mich Theorien ausgeliefert. Ich lerne, was Piaget vor 100 Jahren sagte, höre, dass man dies nicht mehr so sehe heute, muss es aber doch lernen. Ich lerne Statistiken, lese in der Fachdidaktik seitenlange Artikel über theoretische Unterrichtskonzepte, ohne bislang je eine Unterrichtsstunde nur im Ansatz gestaltet zu haben. Die Allgemeine Didaktik liefert zwar Raster, wie man eine solche gestalten sollte in der Theorie, allerdings geht auch das unter in Bergen von Blättern zu theoretischen Abhandlungen über theoretische Konzepte zu theoretischen Unterrichtseinheiten unter.

Und irgendwann steht man ganz allein vor 20 Schülern, die gar nicht theoretisch agieren, sondern ganz praktisch nicht mitmachen, dazwischenrufen, sich streiten, Deutsch doof finden, Philosophie kompliziert und überholt. Und dann? Soll man ihnen dann erzählen, was Piaget vor 100 Jahren gesagt hat?

Ich bin froh, hatte ich ein gutes Praktikum bei einem tollen Lehrer. 10 Lektionen durfte ich zusehen, wie er seine Klasse führte in meinen beiden Fächern. Das nächste Praktikum steht bevor, die Lehrerin habe ich selber gesucht und darf da mehr machen, als ich eigentlich müsste. Das klingt nach Strebertum, was mir allerdings fernliegt, ich möchte einfach endlich mal etwas Praxis sehen. Am Ende dieses Semesters muss ich eine Prüfung ablegen über all die Themen der Pädagogischen Psychologie. Spannend, keine Frage, zumal ich einen Sohn in dem Alter habe und Psychologie generell spannend finde. Was davon ich je anwenden können würde als Gymnasiallehrerin, weiss ich nicht. Vieles wohl kaum je, sicher nicht die vielen nicht zu merkenden Namen, nach welchen irgendwelche Konzepte benannt werden, die irgendwelche Statistiken liefern, die wir auswendig lernen müssen. Wir müssen also genau das machen, wovon man uns abrät, es in unserem eigenen Unterricht zu tun, denn: Auswendig lernen war gestern, heute konstruieren wir unser Wissen selber.

Bin ich frustriert? Nein. Ich mag Theorie. Ich bin sie gewohnt, mochte meinen akademischen Weg und lerne gerne Neues (das auch alt sein darf). Ich hätte für eine Lehrerausbildung mehr Praxis sinnvoller gefunden, da ich denke, dass der Umgang mit Menschen immer ein praktischer sein sollte, da Menschen immer real und nie statistische Zahlen sind. Meine Utopie einer funktionierenden Lehrerausbildung sähe so aus, dass Neulehrer als quasi Co-Piloten einem erfahrenen Lehrer zur Seite gestellt würden. Sie würden so Schritt für Schritt ins Lehrersein eingeführt, wären mit Klassen konfrontiert, übernähmen sukzessive neue Aufgaben und wüchsen in die Rolle. Das ergäbe erstens einen weniger harten Einstieg und damit wohl weniger Überforderung, zudem wären dabei Aufstiegsmöglichkeiten vorhanden, die ja heute fehlen. Man steigt unten ein und geht vom Hilfslehrer langsam über zum Hauptlehrer. Nächstes Semester mache ich weitere Praktikas – ich bin gespannt.

Ich lerne nun erst mal, was Piaget vor 100 Jahren sagte, schreibe meine Prüfung (und ja, ich habe Prüfungsangst, hatte die immer und starb bei jeder meiner unendlich vielen Prüfungen qualvolle Tode), dann sehen wir weiter. Zum Glück unterrichte ich heute schon mit grosser Freude und zufriedenen Schülern, ich weiss aber, dass Mitschüler, die das nicht haben, schon jetzt sehr beissen, weil sie überhaupt nicht wissen, wo sie stehen. Ich finde das schade. Für alle Beteiligten.

2 Comments

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  1. Ein großartiges Lehrstück, und du hast den Nagel auf den Kopf getroffen. Lehrer, die heute in den Schuldienst entlassen werden, haben leider nicht die nötige praktische Erfahrung gesammelt. Ist das schlimm? Nicht für die Schüler, denn denen ist die Lehrerausbildung egal, aber für den Lehrer ist es Grundvoraussetzung, um gut zu sein, und vor allem, zu bleiben. Lehrer merken in der Regel erst nach Jahren, ob der Job sich für sie eignet, und das nach einer langen, schweren Ausbildung. Es wäre auch mein Wunsch, wenn bereits der Studierende nach einem Semester die ersten praktischen Erfahrungen sammelt, um für sich die Entscheidung über den Fortgang der Ausbildung treffen zu können. Mein Vater war Hochschullehrer, aber leider lausig als Wissensvermittler. Er gehörte zweifellos zu den fünf besten weltweit auf dem Forschungsgebiet, aber er hat stets Monologe gehalten. Ein guter Lehrer erzählt Geschichten, ob in Biologie, Deutsch, oder Mathematik. Verbinde ich den Stoff mit etwas greifbaren, ist er besser und leichter zu erfassen. Fazit: Ein guter Lehrer ist immer auch ein guter Geschichtenerzähler, und sollte Nerven aus Stahl haben, also gute Aussichten für dich 🙂

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  2. Nach meiner Erfahrung sind Sportlehrer häufig gute Lehrer, wahrscheinlich weil sie meist schon lange als Übungsleiter im Sportverein gearbeitet haben. – Natürlich leiden auch die Schüler unter schlechten Lehrern. Manche Schulabbrecherkarriere wurde nur dadurch verursacht.

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