Gedankensplitter: Zuhause

«Ein wahres Zuhause ist der Ort – jeder Ort –, an dem persönliche Entwicklung stattfinden kann, und der zugleich Beständigkeit bietet.» bell hooks

Wo bin ich zu Hause, wo ist der Ort, an den ich gehöre, der Ort, an dem ich sein kann, wer ich bin, weil ich merke, dass ich es auch sein darf? Was bedeutet dieses «Sein können, wer ich bin» überhaupt und wie realisiert es sich, realisiere ich es?

Als Mensch ohne wirkliche Wurzeln, weder bei Menschen noch an Orten, war das Gefühl von Heimat oder Zuhause für mich immer ein fremdes, eines, das zwar einer Sehnsucht entsprach, von dem ich aber nie wusste, was es genau ist und was es in einem bewirkt. Die Begriffe und das, wofür sie standen, wurden immer grösser und aufgeladener, das Hoffen, sie irgendwann ergründen und gar fühlen zu können, immer stärker.

Es gab immer wieder Momente, in denen ich dachte, nun gefunden zu haben, angekommen zu sein. Dieses Ankommen war ein Ziel gewesen, eines, das dem Sehnen und Bangen ein Ende setzen würde, das den gefühlten Mangel begleichen könnte. Immer wieder war es zerbrochen. Das Gefühl kam irgendwann auf, dass das einzige, worauf ich mich verlassen, worauf ich bauen, wo ich eine Art Zuhause finden könnte, ich selbst sei. Dies aber nicht in einer Selbstsicherheit des mir selbst Halt-Gebens, sondern vielmehr als Abkehr von anderen und dem Verlust jeglichen Vertrauens in sie, entstand es doch aus dem Gefühl heraus, dass sowieso nichts von Dauer und alles dem Verlust ausgeliefert sei.

Auf dieser Basis war ein Zuhause-Fühlen kaum möglich, auf dieser Basis war ein Wohlgefühl im Sein illusorisch, da dieses mangelnde Vertrauen auch aus einem Vertrauen in mich selbst rührte – oder das mangelnde Vertrauen zu anderen auf mich zurückwirkte, indem ich dachte, dass es an mir läge, wenn ich mich alleine fände, keinen hätte, auf den ich bauen könnte. Und vielleicht tat es dies, aber anders als gedacht: Nicht war ich in meinem SO-Sein nicht in Ordnung und damit nicht liebenswert, sondern in meinem fehlenden Vertrauen vermittelte ich selbst eine Form von Abwehr, verschanzte ich mich selbst hinter den selbstgebauten Schutzmauern, die sich schlussendlich als Gefängnismauern entpuppten.

Es ist wohl gar nicht so falsch, dass ich schlussendlich in mir selbst zuhause sein muss, dass ich auf mich bauen und vertrauen muss. Nur wenn ich das tue, kann ich mich öffnen nach aussen, im Wissen, dass ich sein darf, wie ich bin, dass ich auch anders sein darf, und doch in Ordnung bin. Aus diesem Wissen heraus kann ich mit einem Selbstverständnis auf andere zugehen, das diesen ihr Sein auch lässt, das uns in unserem jeweiligen So-Sein verbindet auch als Verschiedene, so dass daraus eine Beziehung entsteht, die auf Verständnis, Vertrauen, Zugewandtheit basiert. Wo würde man sich wohler fühlen als im Kreis von Menschen, die ein solches Miteinander leben? Wo wäre man mehr zuhause als da, wo man sich als Ich anerkannt fühlt und sich nicht schützen muss vor Verletzungen und Angriffen, wo man nicht in Angriffsstellung stehen muss, um gefürchtete Verletzungen abwehren zu können?

Es ist nicht immer leicht, die alten Muster abzulegen, die durch jahrelange Erfahrungen und Prägungen zustande kamen. Oft greifen sie in die Kindheit zurück, wurden da gefestigt und in die Seele gemeisselt. Veränderung braucht immer Zeit. Am besten gelingt sie an einem Ort, an dem man sich geschützt weiss, an dem man weiss: Hier darf ich sein. Und auch werden.  Schön, wenn man (manchmal auch einen) Menschen gefunden hat, die (der) einem das vermittelt. Vielleicht ist das dann Zuhause. Weil da Liebe herrscht und nicht Hass und Ablehnung. Ganz im Sinne von bell hooks Satz:

«Liebe ist die einzige Kraft, die einen Feind in einen Freund verwandeln kann.» bell hooks

Nicht dass vorher alle Menschen Feinde gewesen wären, aber die Angst, dass sie es sein könnten, hat eine wahre Begegnung verunmöglicht und damit ein Zuhause unmöglich gemacht.

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Buchempfehlung zum Thema:
bell hooks: Dazugehören. Über eine Kultur der Verortung

bell hooks wächst in Kentucky auf, verlässt den ländlichen Staat, um in der Stadt ihr Leben weg von der Arbeiterklasse und im universitären Umfeld zu führen. Sie schreibt vom Wunsch, dazuzugehören, von Rassismus, der auf dem Papier abgeschafft, doch im Leben präsent wie eh und je ist. Sie schreibt vom Trost der Natur, vom Wert der Familie, der Kunst und des sorgsamen Umgangs mit Menschen und der Welt. Sie träumt von einer Welt des Miteinanders, einer Welt der Zugehörigkeit ohne Rassismus und Segregation. Und sie schreibt von ihrer Rückkehr nach Kentucky, den Ort, den sie überall hin mitgenommen hat durch die verinnerlichten Werte und Muster, und wo sie sich nun niederlassen will.

(bell hooks: Dazugehören. Über eine Kultur der Verortung, Unrast Verlag, Münster 2022.

Lebenskunst: Glauben

Mein Zugang zum Yoga kam über die Philosophie. Ich kannte zuerst die Hintergründe, stieg erst dann auf die Matte. Man könnte sagen, dass dies dem entspricht, was ich bin: Ich will zuerst wissen, was ich tue, bevor ich es tue. Diesen Zug habe ich nie ganz ablegen können, er ist aber auf der Matte anders geworden: Ich habe gelernt, etwas zu tun, um dann zu erfahren, was dahinter steckt, wie es wirkt. Dies nun von der Matte ins Leben zu holen, ist nicht immer einfach, aber immer befriedigend, wenn es gelingt, da es einen unmittelbareren Zugang zum Leben mit sich bringt, einen, der nicht von vorauseilenden Gedanken, Bewertungen, auch Ängsten beschwert ist. Es ist eine neue, mir vorher sehr fremde Art des Vertrauens in das Tun und dessen Wirkung, ein Vertrauen auf die Erfahrung dadurch und daraus.

Meine erste Begegnung mit Ganesha kam erst später. Und: Es war Liebe auf den ersten Blick. Ich hatte in verschiedenen Yogastudios verschiedene Statuen hinduistischer Gottheiten gesehen, sie haben ich alle nicht sonderlich angesprochen, hier war es anders. Dass Ganesha der Gott der Intelligenz und der Künste ist, dass er Glück bringt und Hindernisse aus dem Weg räumt, erfuhr ich dann bei der weiteren Auseinandersetzung und befand: Das passt, das kann ich brauchen.

„Om Gam Ganapataye Namaha“ (Ganesha-Mantra)

Nun bin ich kein gläubiger Mensch und in vielem doch eher westlich als östlich ausgerichtet, da so geprägt, und doch gefällt mir das hinduistische Konzept der Anbetung verschiedener Götter je nach Lebenssituation und Bedürfnissen. Für mich bedeutet das, die Energie auf das zu lenken, was im Leben aktuell ist. Ich stehe vor einer Aufgabe und sehe Hindernisse? Ganesha ist da. Für mich nicht als Gott, sondern eher als Symbol dafür, dass Hindernisse aus dem Weg geräumt werden können. Wenn ich daran glaube und das Meinige dazu tue. Diese Haltung kommt aus dem Glauben, dass das, worauf ich meine Energie lenke, stark wird, weil die gelenkte Energie ihm Kraft gibt. Und wer weiss: Vielleicht hilft Ganesha ja doch mit. Und sonst ist er einfach «mein Elefäntli», das mich begleitet in meinem Leben. (Dass ich Elefanten liebe und sammle, hat sicher auch ein wenig zu dieser Liebe beigetragen)

Lebenskunst: Vertrauen statt Zweifeln

„Lenke deine Energien mehr und mehr in dein Vertrauen und deine Liebe – denn die Energie, die zu Zweifel wird, ist die gleiche Energie, die zu Vertrauen wird.“ Osho

Und plötzlich ist da diese Idee. Du willst etwas machen und malst dir alles in den buntesten Farben aus. Und dann kommen sie: die leisen und immer lauter werdenden Stimmen, die überall Probleme sehen, die alles in Zweifel ziehen, die eine Hürde nach der anderen sehen und einem Gelingen kaum mehr Chancen geben. Es sind die Stimmen der Angst vor dem Scheitern, die Stimmen, die alles im Keime ersticken, was gross werden könnte. Es sind die Stimmen, die Risikos vermeiden wollen um der Sicherheit willen – die eigentlich der Tod alles Lebendigen ist.

Wie viele Träume hast du schon nicht verwirklicht, wie viele Wege bist du nicht gegangen aus Angst, sie könnten in die Irre führen? Wie viele Entscheidungen hast du nicht getroffen, nur um später zurückzuschauen und zu denken: Hätte ich doch… Und wieso? Um keinen Fehler zu machen? Nicht zu „scheitern“? Was wäre so schlimm? Was wäre das Schlimmste, das passieren könnte, wenn etwas misslingt?

Oft fürchten wir einen Gesichtsverlust oder fürchten, etwas zu verlieren bei der falschen Entscheidung. Nur: Ohne Entscheidung verlieren wir mehr: Unser Vertrauen in uns, unseren Glauben an unsere Möglichkeit, unser Leben zu gestalten, und: Unsere Freiheit. Zweifel sind die Stäbe eines selbstgebauten Gefängnisses, Vertrauen ist der Boden, auf dem wir stehen und aus diesem hinauswachsen können.

Zweifel unterdrücken zu wollen, bringt nichts, sie werden tief drin weiter wüten. Aber wir können anfangen, Möglichkeiten zu sehen statt Hindernisse, können Wege finden statt Blockaden. Und dann machen wir den ersten Schritt. Und den nächsten. Und irgendwann kommen wir am Ziel an. Vielleicht ist es sogar ein anderes als geplant, aber es ist eines, das wir mutig erreicht haben.

Tagesgedanken: Ans Licht

«Die meisten Schatten in unserem Leben rühren daher, das wir uns selbst in der Sonne stehen.» (Ralph Waldo Emerson)

Ich mag meine gewohnten Tagesabläufe, ich habe mich darin eingerichtet und fühle mich wohl damit. Wenn sich eine Störung derselben ankündigt, überfordert mich das im ersten Moment. Dann stehe ich da, sehe meine Pläne und die Störung, und meine erste Reaktion ist: Das geht nicht. Früher konnte mich so etwas regelrecht aus der Bahn werfen. Nach und nach habe ich Strategien entwickelt, damit umzugehen: Ich versuche, mir Wege vorzustellen, wie es doch gehen könnte. Wie kann ich meinen Tag gestalten, dass die anstehende Veränderung auch für mich passt. Am Anfang gelang es mir gar nicht im Vorfeld, die Situation musste erst eintreten, doch dann merkte ich: Es geht. Mit der Zeit gelang es mir immer besser.

Kennst du das auch: Du bist mit einer Situation konfrontiert, die dich überfordert, weil sie etwas von dir verlangt, dem du dich nicht gewachsen fühlst, oder weil du Angst hast. In dir schreit alles «das kann ich nicht» und du suchst nach Wegen, dich der Situation zu entziehen. Tief drin weisst du, dass es kein Entkommen gibt, du musst da durch. Du durchläufst die Situation und alles geht gut. Und du schimpfst mit dir, dass du dir so viele unnötigen Sorgen gemacht hast. Nun würde man denken, beim nächsten Mal mit so einer Situation greifst du auf deine positive Erfahrung zurück und verzichtest auf die Sorgen und Abwertungen. Weit gefehlt. Es läuft wieder gleich. Wieso?

Solche Verhaltensmuster fussen auf tiefen Prägungen, die noch aus der Kindheit stammen. Es sind Erfahrungen, die uns daran hinderten, Vertrauen aufzubauen – nicht zuletzt auch zu uns selbst. Es sind Wunden, die zurückgeblieben sind, tief angelegte Glaubenssätze, die uns immer wieder an uns zweifeln lassen. Um sie aufzulösen, ist es wichtig, zurück zum Ursprung zu gehen. Die Verletzungen, die Glaubenssätze, die Prägungen müssen bewusst werden, nur dann ist es möglich, sie aufzulösen, sie in positive zu wandeln. Dann hilft es, sich die neuen positiven Erfahrungen ins Bewusstsein zu rufen und aus ihnen ein Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten abzuleiten. Das wird vielleicht nicht immer gelingen, aber immer besser.

«Vertraue dir selbst! Jedes Herz vibriert mit dieser eisernen Saite.» (Ralph Waldo Emerson)

Lügen und andere Wahrheiten

Heute las ich auf Facebook einen Spruch:

 Lüge keinen an, der dir vertraut.
Vertraue keinem, der dich belügt.

Er traf bei mir ins Schwarze, denn es gibt nichts, das ich mehr verabscheue als Lügen. Und ich mache wenig Unterscheidungen, worum es geht, Lüge ist Lüge. Es gibt Menschen, die zwischen weissen und schwarzen Lügen unterscheiden. Es gibt Menschen, die finden, ein körperlicher Betrug und die Lüge wiege mehr als einer auf anderen Ebenen. Ich sage nein. Denn in meinen Augen ist das Schlimme an Lügen nicht mal die Lüge an sich (wäre es so, wäre ihr Gegenstand ausschlaggebend), sondern das, was sie für die Beziehung zwischen zwei Menschen bedeutet.

Wenn einer lügt, gesteht er dem anderen das Recht nicht zu, mit der Wahrheit umzugehen. Dies entweder, weil er es ihm nicht zutraut, oder aber, weil er dessen Reaktion fürchtet. Was eine Beziehung in beiden Fällen wert ist, liegt auf der Hand: Nichts. Auf der anderen Seite steht der andere, welcher glaubt, was er hört. Irgendwann muss er merken: Es war alles eine Lüge (vielleicht auch nur ein Teil, wer weiss es so genau?). Einerseits sieht er sich beschissen vom andern, andererseits kommen nun die Selbstzweifel auf. Was erkenne ich überhaupt? Bin ich so naiv? So leicht zu täuschen?

Es gibt Aussagen, dass jeder Mensch täglich lügt. Mehrfach. So kleine Dinge wie „Die Spaghetti sind lecker!“, „Das Kleid steht dir toll!“, „Ich bin nur müde…..“ Ist das so? Ist die Wahrheit wirklich tödlich? Schnitzlers Traumnovelle verheisst nichts Gutes, denn als das Ehepaar wirklich ehrlich miteinander ist, driftet es ins Aus. Andererseits sagte bereits Thomas Mann:

 Eine schmerzliche Wahrheit ist besser als eine Lüge.

Ich halte es mehr mit Thomas Mann (auch wenn ich Schnitzler sehr liebe und schätze, alles von ihm gelesen habe – von Thomas Mann übrigens auch). Ich mag keine Lügen. Der Gegenstand ist egal. Lüge ist Lüge. Ich kann nicht garantieren, dass ich gelassen reagiere auf die Wahrheit, die mir nicht gefällt, im Gegenteil. Ich bin sehr impulsiv und die Chance, dass das Temperament Purzelbäume schlägt, ist gross. Aber: Sollte ich die Lüge aufdecken, sind es keine Purzelbäume mehr, dann ist die Welt in Trümmern.

Wo fängt eine Lüge an? Gibt es verzeihbare Lügen? Ist Lügen nicht Respektlosigkeit dem andern gegenüber? Ist Lügen Feigheit? So oder so: Es verunmöglicht eine Beziehung auf Augenhöhe – eine andere ist in meinen Augen nicht erstrebenswert.

Fragen über Fragen – Die Lüge

Wie viel Ehrlichkeit braucht eine Beziehung? Wie viele Lügen verträgt sie? Wo fängt eine Lüge an und wo hört die Wahrheit auf? Ist etwas zu verschweigen auch schon eine Lüge? Was darf verschwiegen werden, wo ist Redebedarf? Gibt es ein Massband, an dem ich es sehe? Kann ich es fühlen oder weiss ich es intuitiv?

Es heisst jeder Mensch lügt tagtäglich einige Male, gibt es weisse und schwarze Lügen? Gibt es Motive, die Lügen rechtfertigen oder wäre es doch immer besser, die Tatsachen zu kennen? Hilft ein Vertuschen und wenn ja, wem eigentlich? Ist es nicht oft mehr als Fürsorge getarnte Feigheit denn wirkliche Rücksicht?

Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, was passiert mit dem Vertrauen? Ist es dahin, wo bleibt die Liebe dann? Kann man alles verzeihen? Muss man gar? Wie steht es mit dem Vergessen? Wenn was verziehen, nicht aber vergessen ist, liegt es nicht doch in der Luft? Die schwächste Stelle der Vase, die immer wieder genau da bricht?

Ist eine Lüge nicht auch ein Zeichen, dass man sich mehr zugesteht als dem anderen, weil man denkt, der andere sei zu klein, die Wahrheit zu tragen? Kann darauf gebaut werden oder ist dieses Fundament nicht immer schief? Ein Schloss, das auf Sand gebaut wurde?

Kann ich lieben und lügen gleichzeitig? Bedingt Liebe nicht auch Respekt und Achtung und machen beide nicht die Lüge unmöglich? Kann ein Leben mit Lügen ein Miteinander sein? Ist es nicht eher so, dass einer lenkt, der andere blind den Weg hinterhertapst, der ihm zugewiesen wurde, ohne dass er eine Wahl hatte? Wieso sollte man das wollen? Wieso sollen?

Internetbekanntschaft

Er: Hallo Schöne, bist du schon lange auf dieser Dating Plattform?
Sie: Hallo Fremder, seit einem Monat – du?
Er: Ich seit einer Woche. Hast du schon viele Männer kennengelernt?
Sie: Es geht so, kurz gesprochen, aber alle scheinen nur „das Eine“ zu wollen. Zudem sind viele eigentlich verheiratet und suchen was für nebenher.
Er: Ist dir Treue wichtig?
Sie: Sie ist absolute Bedingung.
Er: Was ist dir sonst wichtig in einer Beziehung?
Sie: Dass man zusammen lachen kann, ähnliche Interessen hat, gemeinsam am gleichen Strick zieht, für einander da ist, gemeinsam etwas aufbauen kann. Die gemeinsame Wellenlänge halt. Vertrauen, Liebe, aber auch Freiraum.
Er: Und Sexualität?
Sie: Klar, dass dich das wieder interessiert. Sie gehört dazu, schöne Sexualität ist etwas Wunderbares, aber sie ist nicht zentral.
Er: Hast du Hobbies? Dinge, die dir wichtig sind?
Sie: Radfahren, ins Kino gehen, lesen, stricken, nähen – ach, und noch vieles mehr.
Er: Müsste dein Partner das alles auch mit dir machen?
Sie: Nein, ich habe ja auch Freundinnen. Mit einer gehe ich immer ins Kino, die andere liest dieselben Bücher und wir reden drüber, dann ist da noch meine Freundin Karin, mit der ich über Gott und die Welt spreche.
Er: Würdest du für einen Partner deine Hobbies aufgeben; wie ist es mit deinen Freunden?
Sie: Nein, niemals.
Er: Wieso denn nicht?
Sie: Meine Freunde begleiten mich schon lange, ich kann mit ihnen lachen, wir teilen Interessen, sie sind für mich da, wie auch ich für sie. Das gibt man nicht so einfach auf.
Er: All das, was du nun aufzähltest, ist dir auch in einer Beziehung wichtig. Sexualität nicht. Wieso also ist dann Treue eine absolute Bedingung? Wieso würdest du einen Partner verlassen, nur weil er einen dir nicht so wichtigen Punkt nicht ausschliesslich mit dir teilt, während du die dir wichtigen Punkte durchaus mit verschiedenen Menschen teilen kannst?
Sie:…

Wieso eigentlich?

Die Gesetze des Lebens

Das Leben ist nie eine gerade Linie, es ist wohl nicht mal kausal, so gerne man das glauben möchte. Das Weltbild, dass B aus A erwächst, man mit A den Grundstein für B legt und sich B immer aus A erklären lässt, ist ein beruhigendes für unseren Geist, weswegen der selbständig Kausalketten bildet und dadurch Sinn in die Geschehnisse und Erlebnisse legt. Würde man das Leben als lose Aneinanderreihung von Momenten sehen, würde man sich haltlos fühlen. Man hätte keine Möglichkeit mehr, einzugreifen, sähe sich hilflos den Eventualitäten des Lebens ausgesetzt. Dass es in Tat und Wahrheit eigentlich so ist, ahnt man zwar irgendwo, doch der Mechanismus des Gründe Suchens, des Ketten Knüpfens ist so in Fleisch und Blut übergegangen, dass wir uns dieser oft unbewusst ablaufenden Tätigkeit nicht entziehen. Sie gibt uns das Gefühl, unser Leben im Griff zu haben und sie liefert Erklärungen für das Warum.

 

Im Leben fasst man gerne Ziele. Diese sollen möglichst positiv sein, möglichst viel Glück bringen und Leid vermeiden. Um die Ziele zu erreichen, planen wir Wege, die wir beschreiten wollen. Auch hier sehen wir die Kausalität vor uns. Das Ziel einmal erreicht, wollen wir es nicht mehr loslassen. Je schöner es ist, je besser es sich anfühlt, desto fester wollen wir es halten. Aufgeben, loslassen – keine Option. Schlägt das Schicksal dann doch zu oder schlägt der Zufall böswillig drein, das vormalige Ziel und momentane Gute geht dahin, stehen wir vor den Scherben, hadern mit dem Leben und suchen schnell Gründe, wieso das wohl gut sein könnte, was dazu geführt hat und wie wir daraus etwas machen können.

 

Das Leben hat seine eigenen Gesetze, der Mensch kann diese nicht erfassen. Was immer und überall durchschimmert ist eine Dualität von Polen, von Erschaffung und Zerfall, von gut und böse, von Leid und Glück. Schatten und Licht. Diese gegensätzlichen Pole ziehen sich rund um den Erdball, sie finden sich in allen Philosophien und Religionen, zu allen Zeiten. Das deutet darauf hin, dass dahinter ein universales und allgemeingültiges Prinzip liegt. Man muss es nicht beweisen können, da es ausserhalb unserer Macht und unseres Geistes liegt. Man kann es wohl nicht mal ganz erfassen und beschreiben, es ist da und es ist erlebbar. In vielen tagtäglichen Beispielen und Erlebnissen erfahren wir es. Es hilft nichts, sich auf eine Seite zu stürzen, die andere gehört unweigerlich dazu.

 

Was man einmal bildet, geht auch wieder zu Grunde, um etwas Neuem Platz zu machen. Das macht Angst, denn das Neue ist ungewiss, unbekannt und damit ungeheuer. Das Bekannte kann man erfassen und sich damit arrangieren, beim Neuen muss man erst einen Weg dahin finden. Hat man ihm, möchte man ungern wieder loslassen, um wieder weiter zu gehen. Genau das macht aber das Leben aus. Es ist kein Tag wie der andere, keine Beziehung heute, wie sie morgen sein wird. Kein Mensch ist heute derselbe, wie er gestern war und er hat heute die Chance, sich für morgen neu zu erfinden. So erschreckend der Gedanke sein kann, dass alles im stetigen Fluss ist und immerwährender Veränderung unterliegt, so gross kann die darin liegende Chance sein.

 

Nichts ist ewig. Man kann etwas erschaffen, es geniessen, weiter gehen. Man kann es ausbauen, neu definieren, umstürzen, neue Wege gehen. Man kann daran arbeiten, dass es besser wird, wenn es heute nicht gefällt. Wichtig dabei ist wohl immer, ehrlich zu sich selber zu sein, genau hinzuhören, was man wirklich will und wirklich kann und dann den Weg zu gehen. Und vielleicht führt der Weg nicht zielgerichtet dahin, wohin man will, vielleicht liegen Steine auf dem Weg, tun sich Abgründe auf. Vielleicht muss man auch mal einen Umweg gehen, um den wirklich richtigen Weg zu erkennen. Wirklich planen kann man nie alles. Am Schluss bleibt wohl immer nur das Vertrauen darauf, dass es kommt, wie es kommen muss. Das ist weder gut noch schlecht, es ist, wie es ist. Und vermutlich ist genau das gut daran.

Alex Capus: Léon und Louise

Lebenslange Liebe

Léon und Louise lernen sich 1915 in einem kleinen Ort in der Normandie kennen. Beide sind sie 17 Jahre alt und verlieben sich ineinander. Bei einem romantischen Wochenendausflug mit dem Rad geraten sie in einen Fliegerangriff und werden verletzt. Da sie sich danach nicht mehr finden können, glauben beide, dass der andere tot ist. Léon geht nach Paris, lernt Yvonne kennen und heiratet sie. Sie haben vier Kinder und sind glücklich. Bis Léon eines Tages durch das Fenster der Métro Louise sieht.

„Ich habe dieses Mädchen getroffen.“
„Was für ein Mädchen?“
„Ich bin nicht sicher.“
„Du bist nicht sicher? Du triffst ein Mädchen, bist aber nicht sicher und verspätest dich um zwei Stunden?“
„Ja.“
„Mein Lieber, das klingt, als hätten wir etwas zu besprechen.“
„Ich glaube, es war Louise.“

Léon sucht und findet Louise, die Leidenschaft ist wieder da, trotzdem beschliessen die beiden, ihre Leben so zu belassen, wie sie sich diese in den letzten zehn Jahren eingerichtet haben, Léon bei seiner Familie, Louise als unabhängige Frau. Trotzdem bleibt das Band bestehen, der Kontakt bricht nicht ab und hält ein Leben lang.

Indem sie alle so weiterlebten, übten sie keinen Verzicht, rieben kein Doppelspiel und machten sich auch keiner Heimlichkeiten schuldig; sie setzten nur ihr bisheriges Leben in der einzig möglichen Weise fort, weil es ein neues Leben ohne das alte nicht geben konnte, für keinen von ihnen.

Alex Capus erzählt die Geschichte  einer grossen Liebe, die ein Leben lang dauert. Es ist die Geschichte dreier Menschen, die miteinander verbunden sind und einen Weg suchen und finden, diese Verbindungen zu leben. Es ist auch die Geschichte von Verantwortung und Pflichtbewusstsein, von Leidenschaft und Vertrauen. Léon und Louise besticht durch eine grosse Tiefe sowohl in der Ezählweise wie auch in der liebevollen Darstellung der Figuren.

Fazit:
Eine feinfühlige, mitreissende, emotionale und wunderbar erzählte Geschichte. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Alex Capus
Alex Capus wird am 23. Juli 1961 in der Normandie als Sohn eines Franzosen und einer Schweizerin geboren. Die ersten fünf Lebensjahre lebt er mit seiner Familie in der Wohnung des Grossvaters in Paris, zieht nach der Trennung seiner Eltern mit seiner Mutter nach Olten in die Schweiz.  Neben seinem Studium der Geschichte, Philosophie und Ethnologie an der Universität Basel arbeitet er bei diversen Tageszeitungen als Journalist und ist während vier Jahren als Inlandredaktor einer  bei einer Schweizerischen Depeschenagentur in Bern beschäftigt. Zwischen 2009 und 2012 fungiert er als Präsident der Sozialdemokratischen Partei Oltens. Alex Capus lebt als freier Schriftsteller mit seiner Familie in Olten. Von ihm erschienen sind unter anderem Munzinger Pascha (1997), Der König von Olten (2009),  Léon und Louise (2011), Skidoo (2012), Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer (2013).

 

CapusLéonLouiseAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 320 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. Juli 2012)
ISBN-Nr.: 978-3423141284
Preis: EUR  9.90 / CHF 15.90

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Vertrauen

Schenkt man Vertrauen im Voraus? Muss Vertrauen erst verdient werden? Kann man Vertrauen aufbauen? Zerstören kann man es. Was dann? Ist es dann weg? Für immer oder nur bei diesem einen Menschen? Machen schlechte Erfahrungen das Vertrauen in andere schwerer? Ist das fair? Lässt man dann nicht Menschen für etwas zahlen, das andere verbrochen haben? Was ist Vertrauen überhaupt? So etwas wie der naive Glaube an das Gute im Leben und im Menschen? Ist Naivität gut? Oder vielleicht auch dumm?

Vertrauen ist gut, Kontrolle besser.

Wo ist das Vertrauen noch, wenn man denkt, kontrollieren zu müssen? Oder ist blindes Vertrauen dumm? Wäre dann Liebe auch dumm, da sie ja blind macht. Und Vertrauen soll – so sagt man – die Basis von Beziehungen sein, welche – im besten Falle – auf Liebe basieren. Wenn ich nun also nicht in den anderen vertraue, was liebe ich dann? Etwas, dem ich nicht traue? Oder denke ich, etwas nicht zu kennen, liebe aber das, was ich kenne? Oder kenne ich vielleicht die kritischen Punkte, habe darum Mühe mit Vertrauen?

Was ist Misstrauen? Selbstschutz, weil man zu oft auf die Nase fiel? Oder eine evolutionäre Massname zum Überleben, die schon ohne Vorerfahrungen da ist? Lässt uns Misstrauen nicht ständig auf der Hut und in Anspannung sein? Wie verträgt sich das mit Liebe, in der man sich einfach mal fallen lassen müsste? Oder ist die Welt vielleicht doch nicht ganz so einfach, dass Liebe auf Vertrauen baut, alles rosig und im Lot ist? Hat überhaupt jemand gesagt, es sei einfach?

Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen
Den Vorhang zu und alle Fragen offen.
(Berthold Brecht: Der gute Mensch von Sezuan)

Sophie McKenzie: Seit du tot bist

Verratenes Vertrauen

Als Gen ihr Kind durch eine Totgeburt verliert, hört auch ihr Leben ein Stück weit auf, der Schmerz hüllt es ein und legt es lahm. Zwar führt sie eine gute Ehe mit Art, einem erfolgreichen Unternehmer, doch sie selbst bringt neben ein paar Kursen in kreativem Schreiben nichts mehr auf die Reihe. Alle Versuche, wieder schwanger zu werden, sind erfolglos, Gen ist nicht mal mehr sicher, ob sie noch weiter machen will. Acht Jahre ist der Verlust her, als plötzlich eine Frau vor Gens Tür steht. Ihre Behauptungen sind ungeheuerlich.

„Es…“ Die Frau holt tief Luft. „Es geht um Ihr Baby.“
Ich starre sie an. „Wie meinen Sie das?“
Sie zögert. „Es lebt.“ Ihre dunklen Augen scheinen mich zu durchdringen. „ Ihr Baby, Beth, ist am Leben.“

Der Boden unter Gens Füssen scheint sich aufzutun. Nicht nur soll ihr totgeglaubtes Kind noch am Leben sein, sie weiss nicht mehr, wem sie noch trauen kann. Spricht die Frau die Wahrheit oder geht es ihr nur um Geld? Wer hat davon gewusst? Wieso will sie niemand verstehen, wenn sie der Sache nachgehen will?

Gens Mann Art macht sich Sorgen um Gen, er denkt, sie habe den Verstand verloren, will ihr helfen, will nach vorne schauen mit ihr, der Frau, die er über alles liebt. Kann sie ihm trauen oder ist auch das nur eine Masche? War sein Schmerz nicht echt damals?

Gen macht sich auf die Suche nach Anhaltspunkten, niemand will etwas wissen, alle damals involvierten Personen sind verschwunden, tot oder kommen unter mysteriösen Umständen ums Leben.

Sophie McKenzie ist mit Seit du tot bist ein packender Thriller gelungen, der einen von der ersten Seite an nicht mehr loslässt. Ein sauber gestrickter Plot, geschickt platzierte Cliffhanger, plastisch gezeichnete Figuren lassen das Buch zum Lesegenuss werden. Als Leser leidet man mit Gen mit, wird man immer wieder in Zweifel gestürzt, wer wirklich die Wahrheit spricht, wem man trauen soll, worauf man hoffen darf.

Fazit:
Spannung und Tiefe in eine packende Form gebracht. Ein Thriller, der seinem Namen alle Ehre macht. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Sophie McKenzie

Sophie McKenzie wurde in London geboren und wuchs auch da auf. Sie arbeitete als Journalistin und als Herausgeberin eines Magazins, entdeckte als sie arbeitslos wurde die Liebe zum Schreiben und meldete sich in einem Kurs über Kreatives Schreiben an. Sophie McKenzie hat bereits mehr als fünfzehn Romane geschrieben, darunter die preisgekrönten Teenage-Thriller Girl, Missing, Sister, Missing und Missing Me. Sie erhielt zahlreiche Preise und stand zwei mal auf der Longlist für die Carnegie Medal. Sophie McKenzie lebt mit ihrem Sohn in London. Von ihr erschienen sind unter anderem Lauren vermisst (2013), Seit du tot bist (2013).

McKenzieTotAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 480 Seiten
Verlag: Heyne Verlag (13. Mai 2013)
Übersetzung; Ursula Pesch und Friedrich Pflüger
ISBN-Nr.: 978-3453410442
Preis: EUR  9.99 / CHF 15.90

Online zu kaufen bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Das eigene Leben leben

So, es reicht. Ich habe mich immer redlich bemüht, lieb und nett zu sein, es allen recht zu machen. Ich habe Kohlen aus dem Feuer geholt, den Kopf hingehalten, Dinge gerade gerückt, die andere verbockt haben und am Schluss selber eins auf den Deckel gekriegt. Ich stand schon als Kind brav beim Examen, um dem Vater keinen Kritikpunkt zu liefern, wurde dann dafür gescholten, dass ich neben dem stand, der doof tat. Irgendwas ist immer, irgendwas stösst an. Allen macht man es nie recht.

Wieso will man eigentlich auf Gedeih und Verderb gefallen? Irgendwann hat man mal gelernt, dass man nur gut genug ist, wenn man das tut, was von einem erwartet wird. Die Problematik an dem Unterfangen ist nur, dass man

  1. nie genau weiss, was erwartet wird, das unterliegt der eigenen Findungsgabe, es erraten,
  2. nie weiss, wie der andere interpretiert, was man tut, das unterliegt, seiner Wahrnehmung,
  3. alles oft ganz anders kommt, als man sich das ausmalt.

Das Resultat beim Gefallenwollen sind meist Frust, Trauer, Wut – zumindest nichts Gutes und das bei allen betroffenen Seiten. Und trotzdem macht man weiter. Man denkt, dass es irgendwann gelingen muss, man sich nur nicht richtig angestellt, sich nicht genug bemüht hat. Und läuft immer wieder ins selbe Aus.

Wozu eigentlich? Hätte ich damals in der Schule mit dem Nachbarsbub die Sau rausgelassen, hätte ich wenigstens Spass gehabt. So wurde ich für etwas getadelt, wofür ich nichts konnte und hatte noch das ständige Gefühl, was zu verpassen.

Wieso soll ich den netten Mann von nebenan nicht anflirten, wenn er eine Frau hat? Ist er treu, ist es ein Spiel, ist er’s nicht, kriegte ihn sonst die Dritte, die sich traut, was ich aus sogenannt moralischen Rücksichtnahmen unterlasse. Wieso soll ich mein Glas Wein nicht trinken und das zweite noch dazu? Spiesser nennen es ungesund, ich habe Spass. Und wer von uns zuerst die Kurve kratzt, das zu entscheiden liegt eh nicht wirklich in unserer Hand – und auch sonst bei keinem, der uns nicht gerade mutwillig umbringt. Das Leben hat seine ungeschriebenen Gesetze, die menschlichen Versuche, denen auf religiösem, wissenschaftlichem oder esoterischem Wege beizukommen, sind eher der Sinn suchenden Verzweiflung denn dem Glauben an Erfolg gewidmet.

Ich denke an all die Menschen, die frisch fröhlich durchs Leben gehen, sich nehmen, was sie wollen, lügen, betrügen, opportunieren, wenn es ihnen in den Kram passt. Ich denke, was für eine Freude im Leben sie haben müssen, können sie tun und lassen, wie ihnen beliebt, wie es ihnen nützt, ohne Rücksicht auf Verlust. Frei nach dem Motto „Mir gehört die Welt und ich nehme sie mir“. Sollten sie je vom hohen Ross fallen, haben sie den Ritt bis dahin genossen, bleiben sie im Sattel, überspringen sie sämtliche Hürden.

Kürzlich sah ich einen Vortrag eines Neurowissenschaftlers und Psychologen. Er erzählte von einem Experiment, in welchem aufgezeigt wurde, dass kleine Babies zu altruistischem Verhalten neigen (sie neigen nicht nur, sie sitzen voll und ganz drin in dem Altruistentopf), erst das Wahrnehmen der Aussenwelt, die Adaption von Vorbildern dazu führe, egoistische Tendenzen auszubilden, sie sich anzueignen. So gesehen wäre jeder Altruist, der auf puren Egoismus verzichtet, schlicht lernresistent. Er hat es verpasst, sich von der Aussenwelt die überlebensnotwendigen egoistischen Tendenzen abzuschauen, die es später erleichtern, über Leichen zu gehen.

Was also tun? Pflicht oder Kür? Der Wunsch nach der Emanzipation vom Urteil von aussen, die Sehnsucht nach der eigenen Grösse, das zu tun, was gerade beliebt, ist gross. Einfach mal die Sau rauslassen, einfach mal den eigenen Weg gehen, fernab von allen Konventionen, Zwängen, Erwartungen. Im Wissen, immer noch geliebt zu sein, akzeptiert zu sein, wenn man ist, wie man ist und sein will. Einfach mal da stehen und wissen, man ist gut, wie man ist, und wer das nicht sieht, kann gehen. Man selber bleibt. Genau so. Der Wunsch bleibt, er fühlt sich gut an. Und doch hat er Grenzen. Sie sind da, wo andere leiden. Wirklich leiden. Nicht weil ihre überzogenen Erwartungen, die nur eigenem Egoismus entsprangen, verletzt werden, sondern weil man ohne Rücksicht auf wirkliche Verluste in ihre Welt eindrang, diese verletzte.

Also doch bleiben, was man zögerlich ist, der ständige Versuch, zu gefallen? Bei Weitem nicht. Augen auf und hinschauen lautet die Devise. Wer bin ich und wo will ich hin? Wieso soll das jemand anders für mich entscheiden? Es ist mein Leben, ich habe nur das eine. Andere geben Tipps und behaupten, alles besser zu wissen, leben lassen sie es doch mich. Wieso nicht gleich das tun, was ich will, wenn ich es sowieso selber tun muss? Dabei aber nie vergessen, dass jeder Mensch ein Recht auf sein Glück hat und mein Weg nicht zwangsläufig durch das Gebiet des andern gehen muss. Glücklich sein, weil andere leiden kann man nur, wenn man die Augen verschliesst vor dem wirklichen Leben. Ich muss mein Leben nicht nach den Erwartungen anderer richten, kann aber auch nicht erwarten, dass sie mein Leben durch ihr Leid mittragen. Würde jeder so denken, entstände ein Miteinander von selbstbestimmten, das eigene Ich lebenden Menschen.

Friede? Mit sich und den anderen? Alles blosses Hirngespinst und Utopie? Nachtgedanken einer heillosen Idealistin?

Rollenspiele

Wer bin ich, was macht mich aus? Diese Frage ist wohl eine der zentralen im Leben. Oft kann man sie nicht abschliessend beantworten und beruft sich auf einzelne Rollen, die man spielt. Man ist Mutter, Hausfrau, Leseratte, Frau, Buchhalterin, Polizistin, heisst Corinne, vielleicht auch Chantal. Vielleicht ist man auch Mann und heisst Paul, ist Versicherungsvertreter, homosexuell oder Buddhist. Oder alles miteinander? Und was davon ist nun das Ich? Was zählt in all dem, worauf liegt der Schwerpunkt?

 

Wir alle entwerfen für uns selber ein Bild von uns, wie wir uns sehen und noch eines, wie wir gerne wären. Problematisch wird es, wenn die beiden Bilder weit auseinander klaffen und ebenso schwierig ist es, wenn eine der von uns als zentral erachteten Rollen wegfällt. Wenn die Arbeit aufhört, die Kinder ausfliegen – die Welt gerät ins Schwanken und man hat sich selber verloren mit dem Wegfall der Rolle. Was bleibt, wenn das Zentrale weicht?

 

Das nächste Bild, das wir zeichnen, ist das nach aussen. Wir stellen uns dar, geben gewisse Dinge preis, andere eher nicht. Wir stellen uns vor und zeigen uns dann von „unserer guten Seite“ – oder gerade umgekehrt, wenn wir im Sturm-und-Drang-Alter sind voller Rebellion und Aufstand. In irgendeiner Form positionieren wir uns zur Welt und machen so oder so immer dasselbe: Wir reagieren auf das Aussen in einer Form, die wir diesem Aussen angemessen erachten.

 

Im Zeitalter des Internets sind diese eingenommenen Rollen noch viel relevanter geworden. Man tummelt sich auf Plattformen und wird überall gefragt, wie man heisst, was man arbeitet, was man mal gearbeitet hat, ob man eine Beziehung hat und sogar, ob die schwierig ist. Man presst sich in Rollen, um dadurch in die dazugehörige Schublade zu passen. Wenn das eigene Bild nicht nach aussen soll, nimmt man sich ein Pseudonym und schreibt nicht mehr als Charlotte, sondern als Susanne. Von aussen erscheint ein neuer Mensch. Es lebe die Welt des Rollenspiels. Was echt ist, was nicht, die Grenzen sind schwimmend. Worauf kann man noch vertrauen? Sind wirklich alles nur noch gespielte Rollen? Schöne neue Welt.

 

Rollen geben Halt und bieten wohl auch Schutz. Indem ich mich zu einer Rolle bekenne, mich mit ihr identifiziere und mich nach aussen in ihr zeige, gebe ich den anderen etwas in die Hand, woran sie mich messen können. Ich weiss dadurch, was sie von mir erwarten, weil sie sich auf diese eine Rolle stürzen und mich als diese nehmen. Oft schmerzt das mit der Zeit, weil man sich nur einseitig wahrgenommen sieht und merkt, wie viel von einem selber dabei auf der Strecke bleibt. Auch Dinge, die einem wichtig wären, die aber nicht mehr zum Tragen kommen. Es kann auch schwierig sein, wenn man sich der eigenen Rolle dann und wann nicht gewachsen fühlt oder fürchtet, man könnte sie irgendwann nicht mehr ausfüllen. Was dann? Wer wird einen dann noch wahrnehmen? Das war doch das einzige, was man nach aussen kundtat, so wurde man gesehen. Was also, wenn die Schublade nicht mehr passt, man herausfällt? So gesehen können Rollen auch Druck erzeugen, sie können förmlich erdrücken. Schlussendlich ist jede Schublade auch nur eine bessere Holzkiste und man schafft sich damit quasi selber den Sarg, der irgendwann im selbst geschaufelten Grab versinkt.

 

Wer also bin ich? Sicher immer mehr als meine Teile und sicher etwas anderes als ein durch wenige Stichworte oder Rollen beschriebenes Bild. So lange ich mich hinter einer Rolle verstecke, mich mit Namen oder Berufsbezeichnungen verkaufe oder gar profiliere, muss ich mich nicht wundern, wenn keiner mich wirklich sieht. Das mag ab und an toll sein, oft gar eine Ahnung von Versteckspiel, Schauspielerei, vielleicht sogar Überlegenheit vermitteln, ob das tief drin wirklich ausfüllt, bleibt dahin gestellt.

Sehnsucht

Einfach mal schwach sein. Aufgefangen werden. Nicht mehr selber müssen. Einfach mal wissen, dass jemand da ist und alles macht, man sich zurück lehnen kann, anlehnen. An starken schützenden Schultern. Sich geborgen fühlen in starken Armen. Die einen halten. Die einen stützen. Die da sind. Um einen, bei einem, mit einem. Wo und wie man sie braucht. So dringend.

Einfach mal wissen, man ist nicht allein. Man muss nicht alles selber schaffen. Man kann auch mal aufatmen. Man kann ausspannen. Man muss nicht immer selber. Und nicht immer allein. Vertrauen können, dass alles läuft. Auch ohne eigenes Tun. Darauf bauen können. Und Kraft schöpfen. 

Einfach mal aufatmen. Tief und nachhaltig. Sich geborgen fühlen. An nichts denken müssen. Sich einmal freuen. An der Leichtigkeit des Seins, das bloss Illusion nur scheint. Einmal keine Sorgen. Keine Nöte. Keine Ängste. Sich einfach zu Hause fühlen, angekommen. In Sicherheit.