Herta Müller: Mein Vaterland war ein Apfelkern

Inhalt

«Mein Vaterland war
ein Apfelkern man
irrte umher zwischen
Sichel und Stern»

In einem ausführlichen Gespräch mit Angelika Klammer erzählt Herta Müller von ihrem Aufwachsen in Rumänien, von ihren Fantasien und Ängsten als Kind. Sie erzählt von der Bespitzelung, von der Unterdrückung, von der Auswanderung, erzählt von Leid und dem Erbe eines solchen Aufwachsens. Und immer wieder spricht sie auch von ihrem Schreiben, vor allem dem an der „Atemschaukel“, sowie vom Kleben ihrer Collagen.

Gedanken zum Buch

„Privat anständig bleiben bedeutet öffentlich versagen.“

Im sozialistischen System Rumäniens hatte man zwei Möglichkeiten: Einerseits Gehorsam und Kooperation, dann konnte man es zu etwas bringen, andererseits aber Verweigerung und Ablehnung, dann hatte man kaum eine Chance, wurde im Gegenteil verfolgt, bespitzelt, diffamiert und ausgeschlossen – auf oft subtile Art. Herta Müller hat die Kooperation mit klaren Worten abgelehnt. Es blieb nicht ohne Konsequenzen für sie. Sie wurde verleugnet, schikaniert und verlor schlussendlich ihre Stelle. Sie nahm das im Kauf, weil alles andere nicht mit dem zusammengepasst hätte, was sie von sich als Mensch erwartete.  

„Es kann einen niemand zwingen, so zu werden, wie man erzogen worden ist, oder so zu bleiben.“

Blinder Gehorsam ist der Weg des geringsten Widerstands. Er entbehrt jeglicher Selbstverantwortung, weil man einfach in vorgespurten Mustern bleibt, ohne diese zu hinterfragen. Für Herta Müller kam das nicht in Frage. Sie sah sich in der Pflicht, ihren Werten gemäss zu handeln, was bedeutete, nicht mit einem ausbeuterischen und faschistischen Regime zusammenzuarbeiten. Dass sie sich damit keine Freunde machte, liegt auf der Hand. Allerdings sieht sie das nicht als Heldenleistung Ihrerseits, sondern als Selbstverständlichkeit und Pflicht als verantwortungsbewusster Mensch.

„Umwege, weil es die richtigen Wege beim Schreiben gar nicht gibt. Nein, ich glaub, die Umwege sind die richtigen Wege. Ich muss doch, um einen Satz zu schreiben, aus den sprachlichen Gewohnheiten der Wörter ausscheren, die Wörter finden sich aufgrund von Takt und Klan, sie werden auf unerwartete Weise genau und sagen, was ich nicht wusste, dass ich es weiss, zum ersten Mal.“

Texte fliessen nicht einfach druckreif aufs Papier, sie finden ihren Weg über die Suche nach dem richtigen Wort, nach den richtigen Zusammenhängen und dem klangvollen Zusammenspiel von Wörtern. Texte werden so förmlich komponiert, bis durch die Kombination von Wort, Takt und Klang ein Ausdruck ihrer Bedeutung entsteht.

„das Schreiben ist eine innere Notwendigkeit gegen einen inneren Widerstand. Ich schreibe immer für und gegen mich selbst.“

Es ist keine Option, nicht zu schreiben, das Schreiben sucht sich seinen Weg. Die Worte wollen zu Papier gebracht werden, und so ergreift das Schreiben Besitz vom Schreibenden und lässt ihn nicht mehr los. Es ist Kampf und Freiheit, es ist eine Notwendigkeit aus sich selbst heraus.

„das Schreiben hat mit dem Schweigen zu tun, nicht mit dem Reden. Die Sätze sagen natürlich etwas, aber das hat man mit sich selber ausgemacht, man war in der Komplizenschaft mit dem Schweigen, nicht mit dem Reden.“

Schreiben ist ein Tun, das darüber Reden bringt wenig. Um Schreiben zu können, braucht es die Ruhe, das Schweigen, denn nur in dieser Stille zeigen sich die Wörter, formen sie sich zu Sätzen, dabei Form, Rhythmus, Klang gehorchend. Wer viele Worte schreibt, steht oft im Verdacht, auch viel zu reden, das Gegenteil ist meist der Fall: Das zu Sagende braut sich im Stillen, im Schweigen zusammen, und bricht  dann als Schrift heraus, fliesst quasi komponiert zu Papier.

Ein wunderbar tiefgründiges, persönliches, informatives, intelligentes Gespräch einer mutigen und spannenden Frau und einer grossartigen, sprachgewaltigen Autorin.

Fazit
Ein persönliches, bewegendes Buch mit tiefen Einblicken in die sozialistische Welt Rumäniens, das Aufwachsen in ihr sowie das Schreiben und Kleben von Literatur. Sehr empfehlenswert.

Gedankensplitter: Träume leben lassen

«Es ist unheimlich schwer, die eigenen Wünsche durchzusetzen, und so viel unanstrengender, sich darüber lustig zu machen.» Deborah Levy

Als Simone de Beauvoir ein Mädchen war, wusste sie genau, was sie vom Leben wollte: Sie wollte schreiben, wollte lesen, wollte frei sein. Sie hat alles darangesetzt, dieses Ziel zu erreichen, nichts und niemandem wollte sie sich unterordnen. Sie hat ihr Leben genau so gelebt, wie sie sich dies erträumte. Ganz nach dem Motto:

«Ich möchte vom Leben alles.»

Ich glaube, jeder hat im Leben Träume, jeder wünscht sich eine Zukunft nach seiner Vorstellung. Er (sie) träumt vom Schreiben, Malen, vom Leben in der Ferne, als Zugchauffeur, Stewardesse, Pilot oder Model. Meist wird einem die Erfüllung dieser Träume nicht auf dem Silbertablett serviert, es braucht viel Anstrengung – und Mut. Eierseits ist da all die Arbeit, die in die Erfüllung investiert werden muss, andererseits der Kampf gegen Widerstände. Und nicht selten wiegt der fast schwerer.

Beschwingt von den eigenen Träumen und Plänen erzählt man anderen und stösst auf Reaktionen, die auf einer Skala von skeptisch bis erheitert reichen. Sich davon nicht verunsichern zu lassen, an den eigenen Träumen festzuhalten und an ihrer Erfüllung zu arbeiten, fällt schwer. Umso schwerer, weil wir vieles, was uns von aussen entgegenschlägt, schon von unseren inneren Stimmen kennen, die gegen die (wie wir uns sagen) hochtrabenden Wünsche wettern. Die Reaktionen von aussen fallen also auf einen fruchtbaren Boden, sie können sich da festsetzen und wachsen, stärker werden und so unsere Träume im Keim ersticken. Und wenn sie dann wieder einmal lachen über uns und unsere Ambitionen, lachen wir mit ihnen mit. Wir wollen unser Gesicht  wahren und bestätigen, dass wir natürlich wissen, dass das alles Flausen sind, dass wir natürlich nicht so vermessen oder gar dumm sind, an sowas zu glauben.

Und tief in uns drin stirbt leise ein Traum – und damit ein Stück von uns selbst.

Hinter die Kulissen geschaut: Bettina Storks

Wir lesen Bücher und tauchen in Welten ein. Doch wer hat diese Bücher geschrieben, die Welten geschaffen? Ich schaue gerne Autoren über die Schulter, frage sie, wieso sie schreiben, wie sie schreiben und was sie bewegt. Dieses Mal habe ich bei Bettina Storks nachgefragt:

Bettina Storks wurde 1960 in Waiblingen geboren, studierte in Freiburg und Tübingen Neuere deutsche Literaturgeschichte, Romanistik und Kulturwissenschaften und promovierte im Fach Literaturgeschichte an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg über die Prosa Ingeborg Bachmanns. Bis 2008 arbeitete sie in einem baden-württembergischen Staatsbetrieb als Redakteurin. In diesem Jahr erhielt sie ein Stipendium vom Förderkreis deutscher Schriftsteller Baden-Württemberg und verschrieb sich darauf ganz dem Schreiben literarischer Texte. Das Debüt erschien 2016:  „Das Haus am Himmelsrand“ bei Bloomsbury (Piper). Weitere folgen bald.

Bettina Storks lebt mit ihrer Familie am Bodensee. 

Zum Interview

Wer bist du? Wie würdest du deine Biografie erzählen?

Verheiratet, tierliebend, zur Zeit leider ohne Hund (meine Hündin Anfang des Jahres verstorben). Wir leben am schönen Bodensee. Nach dem Abitur habe ich Literaturgeschichte und Kulturwissenschaften studiert, dann über die Prosa Ingeborg Bachmanns promoviert, viele Jahre redaktionelle Tätigkeit, heute bin ich vollberuflich Schriftstellerin. 

Wieso schreibst du? Wolltest du schon immer Schriftstellerin werden oder gab es einen Auslöser?

Ich habe 25 Jahre als Redakteurin gearbeitet und mich erst spät an kreatives Schreiben herangewagt. Jetzt arbeite ich an meinem zehnten Roman. Ich empfinde meine heutige Arbeit als großes Privileg. Es ist schön, wenn man das, was man tut, nicht als Arbeit empfindet (na ja, die meiste Zeit jedenfalls). 

Woher holst du die Ideen für dein Schreiben? Natürlich erlebt und sieht man viel, aber wie wird eine Geschichte draus?

Eigentlich entscheide ich mich schon immer für Themen, die mich persönlich bewegen, mich emotional packen. Das kommt vor allem bei meinen Familienromanen zum Tragen. Die Konflikte in Familien bilden ja eine unerschöpfliche Ressource für tiefgründige Geschichten, Geheimnisse. In meinem aktuellen Romanprojekt heißt es: „Das familiäre Gedächtnis vergisst nichts.“ Diese Überzeugung treibt mich sozusagen an.

Wenn du auf deinen eigenen Schreibprozess schaust, wie gehst du vor? Entsteht zuerst ein durchdachtes Gerüst oder aber schreibst du drauflos und schaust, wo dich das Schreiben hinführt?

Alles beginnt mit einer Geschichte, die man möglichst in fünf Sätze fassen kann. Ich weiß, wie sie anfängt, wie sie ausgeht, welche Figuren die Hauptrolle spielen. Erdachte Geschichten leben von der Plausibilität, vom Ausschlussverfahren. Meistens beginne ich mit einem Prolog, um ein Gefühl für die Geschichte zu bekommen. Ich plotte sehr bewusst durch. Oft habe ich 30 Seiten Plot, an die ich mich nicht akribisch halten muss, aber sie bilden die Grundlage für einen Roman.

Wie schreibst du? Noch mit Papier und Stift oder alles am Computer? Und: Hat das Schreibmittel deiner Meinung nach einen Einfluss auf den Schreibprozess?

Ich schreibe auf meinem Laptop. Bevor ich loslege, habe ich unzählige Notizbücher vollgekritzelt und mache das die ganze Zeit über, ich nutze also beides. Ich könnte mir niemals vorstellen, meine Texte zu sprechen und habe das mal versucht, auf Spaziergängen, Szenen, die mir einfallen aufzuschreiben. Das geht nur in Stichworten, aber nicht als flüssiger Text.  

Gab es Zeiten in deinem Leben, wo der Schreibfluss versiegte? Und wenn ja, wie gingst du damit um?

Es gibt immer Phasen mit Blockaden. Ich habe gelernt, dass sie ihren Grund haben. Oft stimmt im Plot etwas nicht, wenn das Schreiben nicht will. Die Muse küsst nicht freiwillig. Inspiration kommt durch Arbeit.

Ich hörte mal, der grösste Feind des Schriftstellers sei nicht mangelndes Talent, sondern die Störung durch andere Menschen. Brauchst du zum Arbeiten Stille und Einsamkeit, oder stören dich andere Menschen nicht?

Also, ich persönlich brauche tatsächlich Ruhe, die ich glücklicherweise habe. Manchmal vermisse ich eine atmosphärische Bibliothek zum Arbeiten, wie früher während des Studiums, die Uni-Bibliothek oder das Deutsche Seminar (solche öffentlichen Arbeitsplätze helfen tatsächlich bei Blockaden). Ich ziehe mich völlig zurück, wenn ich schreibe, umso schöner, wenn man Feierabend macht und sich mit dem Mann zum Abendessen oder Kochen in der eigenen Wohnung verabredet. Was sagte Ingeborg Bachmann: „Denken ist solitär, allein sein eine gute Sache.“ Schreiben ist wirklich eine einsame Angelegenheit. Für mich war das aber noch nie ein Manko, sondern ein Privileg.

Hat ein Schriftsteller je Ferien oder Feierabend oder bist du ständig „auf Sendung“? Wie schaltest du ab?

Oh je! Ja, leider bin ich ständig auf Sendung. Jeder Ferienort wird abgespeichert, Fotos gemacht für künftige Settings. Künftige Romanthemen schwingen immer mit. Das Regulativ eines Ehemanns bewirkt hier Wunder.

Was sind für dich die Freuden beim Leben als Schriftstellerin, was bereitet dir Mühe?

Am Anfang finde ich plotten, also Geschichten entwickeln, sehr mühsam. Erst im fortgeschrittenen Schaffensprozess macht mir die Entwicklung Freude. Das Schreiben selbst geht mir ziemlich leicht von der Feder, aber erst, wenn die Vorarbeit erledigt ist. Sie bildet sozusagen das Fundament.

Goethe sagte einst, alles Schreiben sei autobiographisch. Wie viel von Bettina Storks steckt in deinen Büchern?

Ich gebe ihm unbedingt recht, die Frage ist nur, wie gut man seine Geschichten und das, was einen bewegt, tarnt. Am Ende möchte man ja seine persönlichen Geheimnisse wahren.   

Du hast viele Romane nach realen Gegebenheiten geschrieben, was reizt dich an dieser Form? Und wie stösst du auf die Geschichten?

Außer bei Bachmann-Frisch durch Zufall. In Menerbes (Provence) entdeckte ich das Haus von Dora Maar, Picassos Geliebter, und fing an zu recherchieren. In Dieulefit habe ich die Rettungsgeschichte von über tausend Flüchtlingen entdeckt und schrieb einen Roman darüber. Es ist immer nur die Frage, wie man Historisches umsetzt.

Bei wahren Gegebenheiten sind gewisse Meilensteine im Leben der Protagonisten vorgegeben. Fällt es dir leichter, dich an diesen entlangzuschreiben, oder ist die ganz freie Form einfacher?

Beides hat seine Vor- und Nachteile. Die freie Form erlaubt natürlich mehr Freiheiten, Fantasien. Im konkreten Fall Bachmann-Frisch oder im Vorgänger Dora Maar und Picasso bestand die wirkliche Herausforderung darin, wahre Begebenheiten dramaturgisch aufzuarbeiten. Beide Paare boten glücklicherweise viel Drama, wobei bei Bachmann-Frisch die Dramatik weniger im Außen als im Inneren der Protagonisten angelegt ist. Das Innenleben finde ich immer viel spannender als das handlungsorientierte Erzählen. 

Dein achtes  Buch handelt von der Liebesbeziehung zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch. Wenn man deinen Lebenslauf kennt, sind das für dich alte Bekannte. Wieso hast du dich nun entschieden, diese Geschichte aufzuschreiben?

Eigentlich ergab sich das im Gespräch mit meinem Verlag Aufbau. Als ich sagte, ich hätte über Bachmann promoviert, war es klar, dass ich den Stoff mache.

Nun kam der wohl lange erwartete Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch heraus. Oft hörte man die Frage, ob man diese privaten Zeugnisse lesen dürfe, zumal Ingeborg Bachmann das nicht wollte. Was denkst du dazu? Der Briefwechsel wirft ein neues Licht auf die Beziehung, die vorher die vorher einem Mythos gleich immer wieder das Bild des Opfers Ingeborg Bachmann und den bösen Beziehungstyrannen Max Frisch dargestellt wurde. Man konnte schon vorher ahnen, dass das nicht ganz der Realität entspricht. Hat es dich überrascht? Und vor allem: Würdest du dein Buch heute anders schreiben?

Ich habe die Opfer- und Täterrolle in meinem Roman nicht bedient, weil mir seit meiner Promotion über Ingeborg Bachmanns Prosa klar war, dass solche Kategorien nicht weiterführen. Es waren zwei erwachsene Menschen, die sich wissentlich aufeinander eingelassen haben. Schuldzuweisungen führen doch nur ins Leere. Und ja, ich würde das Buch genauso schreiben wie vor zwei Jahren.

Hast du schon ein neues Projekt? Wird es wieder eine historische Begebenheit oder ein rein fiktiver Roman werden? Kannst du etwas verraten?

Nach meinem aktuellen Roman Die Kinder von Beauvallon schreibe ich wieder an einem Roman, der auf wahren Begebenheiten beruht. Diesmal bewege ich mich in Polen, ein Land, das mich schon immer reizt und zu dem ich autobiographische Verbindungen habe. (Der Roman ist mittlerweile erschienen)

Die meisten Schriftsteller lesen auch viel – gibt es Bücher, die dich geprägt haben, die dir wichtig sind, Bücher, die du empfehlen würdest?

Wer mich unbedingt geprägt hat ist die israelische Schriftstellerin Zeruya Shalev. Ich liebe ihre Art des Schreibens, die Themen, die sie aufgreift. Sie hält im Alltag den Finger in die Wunde.

Welche fünf Tipps würdest du einem angehenden Schriftsteller geben?

Sich selbst treu bleiben, Geduld, Dranbleiben, eine gewisse Zwanghaftigkeit schadet nicht, Struktur und „gute Bücher lesen“.

Deborah Levy: Was das Leben kostet

Inhalt

«Seitdem ich nicht mehr mit der Gesellschaft verheiratet war, befand ich mich im Übergang zu etwas oder jemand anderem. Zu was oder wem?»

Die Ehe ist zerbrochen, das alte Leben ist vorbei. Es gilt, ein neues aufzubauen, was immer bedeutet, dass man neue Orte und Abläufe finden muss, dass man in einem neuen Zuhause und im neuen Leben ankommen und sich da einrichten muss. Deborah Levy erzählt aus dieser Zeit des Umbruchs, sie erzählt von den Gedanken, Gefühlen, Herausforderungen und immer wieder auch vom Schreiben. Sie erzählt, wie ein Weg weg von jemandem zu einem Weg zu sich selbst werden kann. Ein wunderbares Buch, ein tiefgründiges Buch, ein Buch zum Mitfühlen, Mitleben, Mitdenken.

Gedanken zum Buch

«In der ungewissen Zeit, in der ich mich befand, war das Schreiben eine der wenigen Tätigkeiten, bei denen ich mit der Angst vor der Ungewissheit, der Angst vor der völlig offenen Zukunft fertigwurde.»

Neues macht Angst, weil man sich vielen Unsicherheiten ausgesetzt fühlt. Was vorher eingespielt, eingeübt, gewohnt war, ist plötzlich alles weg, neue Abläufe und Lebensinhalte stehen vor einem und wollen verstanden und verinnerlicht werden. Neben guten Freunden und anderen Menschen, die in solchen Zeiten immer wieder Rückhalt und Zuspruch geben, hilft bei Deborah Levy auch das Schreiben. Es ist ein Halt in ein einer sonst haltlosen Zeit, es ist das, was weiterträgt.

«Einen Roman zu schreiben erfordert stundenlanges Stillsitzen, wie auf einem Langstreckenflug – mit unbekanntem Ziel, aber halbwegs festgelegtem Streckenverlauf.»

Gerade, weil das Schreiben einen grossen und wichtigen Teil ihres Lebens ausmacht, ist es in diesem Buch, das ein sehr persönliches ist, sehr präsent. Deborah Levy schreibt darüber, was es braucht, um schreiben zu können, sie schreibt von der Wichtigkeit des passenden Ortes, von der benötigten Ruhe und vom Durchhaltevermögen.

«Eine Idee tauchte auf, kam meines Weges, war vielleicht aus einem Kummer gekrochen, aber ob sie meiner vagabundierenden, gar meiner konzentrierenden Aufmerksamkeit standhielte, war unklar. Einer beliebigen Anzahl Ideen quer durch alle Dimensionen der Zeit auf den Grund gehen zu können, ist das grosse Abenteuer des Schreibens.»

Schreiben ist ein Suchen und Gefundenwerden, ist ein Abenteuer und eine Reise. Schreiben führt immer wieder zu neuen Themen, in neue Welten. Es ist das Erfassen dieser Welten in Worten, wodurch es lebendig und begreifbar wird.

«Alles Schreiben dreht sich darum, die Welt zu sehen, zu hören, zu beobachten.»

Um Schreiben zu können, bedarf es der Offenheit, man muss sehen, was um einen ist, man muss die Geschichten, die in der Welt sind, entdecken und aufnehmen, sie entwickeln und aufschreiben. Das kann auch Gefahren mit sich bringen.

«Zu schreiben und offen zu sein und alles Mögliche aufzunehmen ist schwer, wenn das Leben hart zu einem ist; aber sich gegen alles abzuschotten heisst, dass man kein Material hat, mit dem sich arbeiten lässt.»

Schreiben braucht Mut, denn Schreiben ist immer auch ein Risiko. Man weiss selten, was auf einen zukommen, man lässt sich von dem Schreibfluss, der irgendwann von einem Besitz nimmt, anstecken, und folgt ihm zu unbekannten Zielen, solchen, die mitunter auch verletzen können, weil sie auf Themen treffen, die schmerzen. Gerade in unsicheren Zeiten ist diese Gefahr gross. Und doch will man sich ihr stellen, denn das Schreiben ist auch Lebensnotwendigkeit, ohne die Offenheit dem Material gegenüber, würde nicht nur der Schreibfluss versiegen, sondern auch der Lebenssinn.

Fazit
Deborah Levy hat ein persönliches, ein tiefes, ein offenes Buch geschrieben, ein Buch über das Leben und Schreiben, über Umbruch und Neuaufbau, ein Buch über sich und ein Buch für jeden, der sich darin finden mag.

Uwe Timm: Von Anfang und Ende

Über die Lesbarkeit der Welt

«Am Anfang ist die Lust der Tat, das Beginnen ins Offene – das Ende hat, gerade in seiner gelungenen Geschlossenheit, etwas von jener ‘traurigen Klarheit, in der wir die Welt aus der Distanz sehen, ‘wie mattblaue, starr gewordene Wolken’.»

Wo fängt ein Schriftsteller an, wo hört er auf, wie schuf Gott die Welt und wann war sie wirklich gut? Wann ist ein Buch gut und womit hadert der Schriftsteller bis zum schlussendlichen Gefühl, dass es nun gut sei?

„Welches ist das rechte, das wahre Wort? Und wie und wann kann er von dem Geschriebenen, seinem Werk sagen: „Es ist gut?“

Von der Idee zum Schreiben, vom Hadern mit dem Text, vom Neuschreiben und Umschreiben, von all dem erzählt Uwe Timm in diesem Buch und gibt Einblicke in die Schreibprozesse seiner Bücher.

Ich weiss nicht, ob es allen schreibenden Menschen so geht, dass sie sich für die Schreibprozesse anderer interessieren. Ist es die Selbstvergewisserung des eigenen Tuns und dass man damit nicht allein ist? Ist es die Suche nach den Möglichkeiten des Tuns, die es neben dem eigenen auch gäbe? Ist es die professionelle Neugier, die hofft, für sich selbst etwas zu finden, das eigene Tun zu verbessern – in welcher Form auch immer? Oder ist es schlicht blosse Neugier, der Blick durch die Gardinen in fremde Welten?

Das Thema „Schreibprozesse“ begleitet mich schon eine Weile, in meiner Masterarbeit untersuchte ich den Thomas Manns (und in dem Zusammenhang auch vieler anderer), seine Faszination dafür brach nie ab. Die Reihe der Frankfurter Poetikvorlesungen, in deren Rahmen dieses Buch entstanden ist, ist für mich deswegen eine wahre Fundgrube zum Stillen meiner Neugier.

Lesemonat September

Die Zeit rast. Vor knapp drei Wochen bin ich nach Spanien geflogen, zu meinem zweiten Arbeitsplatz. Vor dem Fenster rauscht das Meer, der Wind lässt die Oberfläche kräuseln, die Palmen wiegen sich im Wind – und ich lese und schreibe. Ich habe mir für diesen Aufenthalt viel vorgenommen, bislang läuft es gut. Und wenn es gut läuft, geht es mir gut. Ich geniesse die Ruhe hier, das ungestörte Arbeiten. Und das Lesen, was immer dazugehört. Im September ist viel an Lektüre zusammengekommen.

Ich habe mit bell hooks geschaut, was Heimat ist und wo man hingehört, und das Thema mit Daniel Schreiber weiter vertieft. Das Thema ist auch bei Annie Ernaux (ich liebe sie) und Herta Müller (eine ganz spannende Frau) präsent. Ich habe lesend an verschiedenen Leben teilgenommen (unter anderem bei Deborah Levy, die mir so oft aus dem Herzen schrieb) und mich intensiv mit dem Schreiben und verschiedenen Schreibprozessen auseinandergesetzt.

Es war ein bereichernder Monat, ein Monat, in dem ich mich in meiner Lektüre sehr oft wiederfand, ein Monat, der inspiriert war und mir gut tat. Das absolute Lesehighlight war Edouard Louis mit «Abschied von Eddy» – eine wunderbare Entdeckung für mich. Auf ihn kam ich durch Didier Eribon, der mich auch dazu inspirierte, Annie Ernaux nochmals eine Chance zu geben, nachdem ich beim ersten Versuch wenig angetan war – dieses Mal hat sie mich gepackt (es scheint für Bücher eine richtige Zeit zu geben, sie passen nicht immer ins eigene Leben). Sie gehört also zu den Lesehighlights dazu, ebenso Deborah Levy und Daniel Schreiber.

Ich bin auch heute noch dankbar für Didier Eribons Buch «Rückkehr nach Reims», es hat in mir viel zum Klingen gebracht, es hat viel angestossen. Was für eine Wirkung doch Bücher haben können. Ich liebe es!

Was waren eure Lesehighlights im September?

Die ganze Liste:

bell hooks; dazu gehören. Über eine Kultur der Verortungbell hooks wächst in Kentucky auf, verlässt den ländlichen Staat, um in der Stadt ihr Leben weg von der Arbeiterklasse und im universitären Umfeld zu führen. Sie schreibt vom Wunsch, dazuzugehören, von Rassismus, der auf dem Papier abgeschafft, doch im Leben präsent wie eh und je ist. Sie schreibt vom Trost der Natur, vom Wert der Familie, der Kunst und des sorgsamen Umgangs mit Menschen und der Welt. Sie träumt von einer Welt des Miteinanders, einer Welt der Zugehörigkeit ohne Rassismus und Segregation. Und sie schreibt von ihrer Rückkehr nach Kentucky, den Ort, den sie überall hin mitgenommen hat durch die verinnerlichten Werte und Muster, und wo sie sich nun niederlassen will. 4
Noam Chomsky im Gespräch mit Emran Feroz: Kampf oder Untergang. Warum wir gegen die Herren der Menschheit aufstehen müssenDer grosse Denker unserer Zeit über die Gefahren der Klimakrise und eines Atomkrieges, über die manipulative Macht von Massen- und sozialen Medien, über die selbstgemachte Zerstörung unserer Welt. Er behandelt die Notwendigkeiten einer neuen Form von Bildung, die zu mündigen, kritischen Menschen führen ebenso wie die Hoffnung, die im Menschsein und dessen Fähigkeiten begründet ist. Wir tragen gute und schlechte Seiten in uns, wir haben die Wahl, welche wir stärken und wie wir sie einsetzen. 4
Daniel Schreiber: ZuhauseIst Zuhause nur eine romantische Verklärung, eine Illusion, oder können wir es finden? Ist es ein Ort oder einer Gefühl? Ist ein Zuhause eine Einschränkung und damit Feind der Freiheit, oder doch erstrebenswert? Was braucht ein Ort, um zu einem Zuhause zu werden, und was tragen wir dazu bei? Wie wirken sich Orte auf uns aus, und wie bringen wir uns in sie ein? Diese und weitere Fragen über das Leben, das Ankommen, das Wohnen, das Sein behandelt Daniel Schreiber in diesem wunderbaren Essay.5
Annie Ernaux: Erinnerung eines MädchensDie Geschichte eines Mädchens und einer jungen Frau auf der Suche nach dem richtigen Platz im Leben, ihr Heranwachsen mit Wünschen, Träumen, Verletzungen und Scham. Der Blick von Heute auf das Gestern, der Versuch, sich selbst in der eigenen Vergangenheit zu finden und zu durchleuchten, schreibend, und dabei dieses Schreiben selbst immer wieder zu hinterfragen. Ein Herzensbuch!5
Annie Ernaux: Die SchamEin Erlebnis 1952, das die Welt in ein Davor und ein Danach einteilt. Die Erfahrung, dass es zwei Welten gibt, eine unten und eine oben, zu der sie, als eine von unten, nie gehören wird. Die Scham dieser Erkenntnis, die Scham, die sich im Leben festsetzt, die sich in den Zellen des Körpers speichert und immer wieder hervorbricht. All das sind die Themen dieses Buches, das aus Erinnerungen und Reflexionen des schreibenden Erinnerns besteht – Erinnerungen an die Schulzeit, an das Leben zu Hause, an die Eltern, an sich selbst.4
Carolin Emcke: Weil es sagbar ist. Über Zeugenschaft und GerechtigkeitWas lässt sich erzählen und wer kann es tun? Für wen erzählen wir und wem wollen wir erzählen? Für wen können wir sprechen und wieso sollen wir es tun? Carolin Emcke fragt nach den Geschichten des Lebens, beleuchtet das Sprechen von Schrecken und Leid. Sie zeigt den Wert der geteilten Geschichten für das Leben und das Überleben, denkt über die Sprache als Verbindung zwischen den Menschen nach. Es sind die Geschichten, die uns als Menschen ausmachen, wir sollten sie teilen. Ein persönliches, ein tiefgründiges, ein zum Nachdenken und Selbst-Erinnern anregendes Buch. 5
Herta Müller: Lebensangst und WorthungerHerta Müller über ihr Schreiben, wie dieses vom Leben und ihrer Herkunft geprägt ist, und über ihre Zusammenarbeit mit Oskar Pastior für das Buch «Atemschaukel».4
Florian Illies: 1913. Der Sommer des Jahrhunderts1913 – ein Jahr des Aufbruchs und doch zeichnet sich auch ein ein Untergang an. Oswald Spengler prognostiziert ihn. Doch nicht nur das: Karl Kraus verliebt sich, Rilke leidet, Kafkas Heiratsantrag geht in die Hose und vieles mehr passiert in der Welt der Musiker, Literaten, Denker. Florian Illies zeichnet ein wunderbares Panorama des Jahres 1913.5
Gabriele von Arnim: Der Trost der SchönheitEin Buch vom Sehen und vom Fühlen, von der Milde des Alters, von der Gelassenheit, die sich einstellt und doch immer wieder mit Affekten durchbrochen wird. Vom Sich-Einrichten im Leben und seinen Umständen, vom Geniessen der kleinen Dinge, vom Sich-Freuen an den Blumen am Wegesrand, den Wolken am Himmel, dem Buch auf dem Tisch und der Zeit, die bleibt. Und vom Atmen. Und Fühlen. Vom Allem. Und nichts. 3
Uwe Timm: Von Anfang und Ende. Über die Lesbarkeit der WeltWo fängt ein Schriftsteller an, wo hört er auf, wie schuf Gott die Welt und wann war sie wirklich gut? Wann ist ein Buch gut und womit hadert der Schriftsteller bis zum schlussendlichen Gefühl, dass es nun gut sei? Von der Idee zum Schreiben, vom Hadern mit dem Text, vom Neuschreiben und Umschreiben, von all dem erzählt Uwe Timm in diesem Buch und gibt Einblicke in die Schreibprozesse seiner Bücher.4
Robert Menasse: Die Zerstörung der Welt als Wille und VorstellungIm Rahmen der Frankfuter Poetikvorlesungen erzählt Robert Menasse von seinem Schreiben – so dachte ich, wurde aber eines Besseren belehrt. Menasse zeichnet ein Zeitbild, ein Bild der politischen Gesinnung der Gesellschaft, ein Bild von Kapitalismus, Globalisierung und Demokratie, vom falschen Verständnis der Menschen und Polarisierung der Moral. 2
Heinz Bachmann: Ingeborg Bachmann, meine Schwester. Erinnerungen und BilderHeinz Bachmann erzählt aus dem Familienleben, erzählt über das Aufwachsen mit Ingeborg, über seine Beziehung zu ihr, über ihr Leben, ihre Beziehungen. Die Erinnerungen führen nach Wien, Paris, Rom, Zürich und immer wieder auch nach Klagenfurt. Das Buch ist eine Liebeserklärung an die verstorbene Schwester, man spürt die Verbindung der beiden. Wirklich neu ist kaum etwas davon, trotzdem berührt das Buch durch die persönliche Note des Bruders. 5
Alexander Mäder: Journalistisches SchreibenEinführung in die Praxis des journalistischen Schreibens, von der Recherche über die Absicherung der Fakten hin zu Stilfragen ist alles mit Beispielen aus der Praxis anschaulich gemacht und theoretisch erläutert. Alexander stellt die verschiedenen Formen journalistischer Texte vor und gewährt Einblicke in die tägliche Arbeit von Journalisten in Redaktionen wie auch als freie Mitarbeiter. Kompetent, sachlich, auf den Punkt.  5
Edouard Louis: Das Ende von EddyEddy wächst in einem kleinen Dorf im Norden Frankreichs auf, in welchem männliche und weibliche Rollen klar definiert werden. Als schwuler kleiner Junge aus einer armen Familie sieht er sich schon früh Spott, Abwertung und Gewalt ausgesetzt. Er versucht all das wegzulächeln, versucht sich bis zur Selbstverleugnung anzupassen, bis er merkt, dass es eine andere Lösung geben muss. Ein grossartiges Buch!6 von 5
Beate Rössler: Autonomie. Ein Versuch über das gelungene LebenBeate Drössler analysiert, was Autonomie mit einem gelungenen Leben zu tun hat, wieso ein glückliches Leben nicht immer ein gelingendes ist. Sie beleuchtet den Sinn von Tagebüchern für die Selbsterkenntnis sowie deren Beziehung zur Autonomie, ebenso zeigt sie auf, wie Freiheit und Ambivalenzen mit Autonomie zusammenhängen. Welche Voraussetzungen müssen für ein autonomes Leben gegeben sein, und: Gibt es sie wirklich oder ist sie eine Illusion?4
Deborah Levy: Was das Leben kostetDie Ehe ist zerbrochen, das alte Leben ist vorbei. Es gilt, ein neues aufzubauen, in einem neuen Zuhause und im neuen Leben anzukommen und sich da einzurichten. Deborah Levy erzählt aus dieser Zeit des Umbruchs, erzählt von den Gedanken, Gefühlen, Herausforderungen und immer wieder auch vom Schreiben. Ein wunderbares Buch, ein tiefgründiges Buch, ein Buch zum mitfühlen, mitleben, mitdenken. 5
Hans-Ulrich Treichel: Der Entwurf des Autors. Frankfurter PoetikvorlesungHans-Ulrich Treichel erzählt in fünf Vorlesungen im Rahmen der Frankfurter Poetikvorlesungen von seinem Werden als Schriftsteller. Er nimmt den Zuhörer/Leser mit auf eine Reise aus der Kindheit ins Erwachsensein, von der Lyrik in die Prosa, durch Stationen wie Berlin, Kreta, Rom und immer auch wieder zurück in den Osten, nach Ostwestfalen. Ein persönliches Buch voller Einblicke in das Werden, Schreiben und Leben.  5

Gedankensplitter: Wertschätzung

Viele kennen sie, die Erzählungen der verschrobenen Schriftsteller, die sich zum Schreiben in ihr Zimmer einschliessen und nicht gestört werden wollen. Ruhe brauchen sie, Alleinsein. Hinter mehr oder weniger vorgehaltenen Händen zerreisst man sich das Maul: Ein komischer Kauz sei das, ein asozialer Mensch, ein Eigenbrötler. Aber man ist ja tolerant. Wenn er es so will, lässt man ihn, denkt sich seinen Teil.

Dem Schreibenden bleibt das kaum verborgen, ist er doch generell ein eher aufnahmefähiges Gemüt, weswegen er auch überall neue Ideen sieht und Inspirationen findet. Das ist übrigens mit ein Grund für den Wunsch der Ruhe und Abgeschiedenheit, denn ansonsten wären die Einflüsse so dominant, dass die Aufmerksamkeit nicht bei der zu beschreibenden Seite bleiben könnte. Einerseits schmerzt das Unverständnis, doch immerhin wird die Ruhe gewährt. Man kann wohl nicht alles haben im Leben, denkt sich der Schreibende, und wendet sich seinem leeren Blatt zu.

Wie schön, wenn es auch anders geht. Davon schreibt Deborah Levy in ihrem Buch «Was das Leben kostet». Ihr Leben ist gerade in seiner alten Form auseinandergebrochen, ein neues ist im Aufbau und wird nach und nach eingerichtet. Nur eines fehlt: Ein Ort zum Schreiben. Eine Freundin sieht das und hilft. Nicht nur stellt sie ihr den Raum zur Verfügung, sie sorgt auch für die nötige Ruhe:

«Solange sie Wache hielt, durfte niemand mich stören, niemand an meine Tür klopfen, um mich zum Plaudern anzustiften… Derart geschätzt und respektiert zu werden, als sei es das Normalste der Welt, war eine ganz neue Erfahrung.» Deborah Levy

In diesem Moment, es könnte die dunkelste Zeit ihres Lebens sein, wendet sich vieles zum Guten. Deborah Levy wird in diesem Raum drei Bücher schreiben und sie wird es aus der Sicht der ersten Person tun – als ob sie diese erst jetzt gefunden hätte. Was für ein Glück, einen Menschen zu finden, der einen nicht nur vordergründig toleriert, sondern im ganzen Sein und Tun wertschätzt.

«Einen Schutzengel wie Celia hat jeder Mensch verdient.» Deborah Levy

Gedankenströme: Verstehen wollen

«Sprache ist nicht Wahrheit, sondern reflektiert unser Dasein in der Welt.» Paul Auster

Wieso schreibe ich? Was treibt mich an, Tag für Tag Buchstaben zu Worten und Worte zu Sätzen zu formen? Es ist nicht mal so sehr ein Schreiben-Wollen, sondern eher ein Müssen, ein Wissen darum, dass ich nur im Schreiben das finde, was für mich lebensnotwendig ist, weil es mir im Leben immer wieder darum geht: Verstehen wollen. Ich will verstehen, wie die Dinge laufen. Ich will verstehen, wieso die Dinge sind, wie sie sind. Ich will verstehen, wieso ich bin, wie ich bin. Und ich will verstehen, wie ich durch die Welt gehe, und wieso ich es auf die Art und Weise tue, in der ich es tue. Ich möchte verstehen, wieso die Welt mir erscheint, wie sie es tut, und ich möchte verstehen, wieso Menschen auf mich reagieren, wie sie es tun. Und ich auf sie.

Ich schreibe, weil durch das Schreiben mir die Dinge verständlich werden. Wenn ich nicht schreibe, schwirren sie in wilden Formationen durch mein Hirn, drehen und wenden sich, werden kaum fassbar, sind oft ein Durcheinander von losen Fetzen, die mich umtreiben. Indem ich sie einfange, zu Papier bringen, nehmen sie langsam eine Ordnung an, werden sie zu etwas, das sich immer deutlicher zeigt, bis ich es fassen, erfassen kann. Dann komme ich dem Verstehen näher. Und mit dem Verstehen kommt die Ruhe.

Ich mag es nicht, wenn Dinge unklar sind. Ich mag es nicht, wenn ich Dinge nicht einordnen kann. Zwar mag ich Fragen, doch möchte ich sie dann klären. Das Ungeklärt lassen liegt mir nicht. Ich kann sie nicht einfach mal beiseiteschieben oder offenlassen. Sie lassen mir dann keine Ruhe, sondern drehen sich, löchern mich, bewegen mich, treiben mich um. Ich gehe den Dingen gerne nach, erforsche sie, will sie erkennen und erklären können. Zumindest für mich. Und oft, wenn in mir ein Wieso oder Warum auftaucht, greife ich zum Stift, weil ich gemerkt habe, dass sich die Lösungen meist im Prozess des Schreibens wie von selbst aufs Papier ergiessen.

Und manchmal denke ich, dass mein eigenes Leben ein grosses Geheimnis ist, eines, das ich noch nicht ergründet habe. Es liegt hinter mir, ist mit mir und erstreckt sich weiter in die Zukunft. Und im Heute denke ich manchmal, woher die Dinge kommen, die ich wahrnehme, wo sie ihren Ursprung nahmen. Wo sind all die Fragen, Sätze, Gefühle, Affekte entstanden, die ins Heute wirken, manchmal auch auf eine Weise, die ich mir selbst nicht erklären kann? Und so fange ich an, mich meinem Leben entlangzuschreiben, grabe in die Tiefen und hole, einem Archäologen gleich, die Fundstücke ans Licht. Vielleicht ist es genauso, wie es auch Daniel Schreiber in seinem Buch «Zuhause» schreibt, dass etwas in mir mich dazu trieb

«die Geschichten, die mich umtrieben, so oft zu erzählen, bis sie einen Platz in mir fanden, mit dem ich leben konnte.»

Biografien von A bis Z: A

KI ist in aller Munde, dass diese nun auch schreiben kann, ängstigt. Was wird dann aus den Schreibenden? Sind die überflüssig? Ich denke, die Frage ist falsch gestellt. Abgesehen davon, dass Schreibende natürlich, um leben zu können, gelesen werden müssen, schreiben sie auch, weil sie nicht anders können. Schreiben ist Leidenschaft, Drang, Notwendigkeit. Ebenso bei den Philosophen das Denken, das dann in einer Form auch aufs Papier fliesst. Seit ich denken kann, interessieren mich hinter den Texten immer auch die Menschen, die sich diese ausgedacht haben: Wie haben sie gelebt, wie haben sie geschrieben und wieso? Was hat ihr Denken geprägt? 

Aus diesem Grund liebe ich Biografien. Ein paar davon möchte ich hier vorstellen, ich taste mich dazu dem ABC entlang und starte heute mit A:

Wie könnte es anders sein: Hannah Arendt – Lieblingsdenkerin, spannende Persönlichkeit, interessante und vielschichtige Frau. Müsste ich eine empfehlen, wäre es die von Elisabeth Young-Bruehl, sie ist und bleibt für mich der Klassiker.

«Man könnte wohl sagen, dass die lebendige Menschlichkeit des Menschen in dem Masse abnimmt, in dem er auf das Denken verzichtet..» (Hannah Arendt)


Aristoteles – Einer der ersten, der wohl systematisch über alles, was auf dieser Welt vorkommt, nachdachte. Gewisse Gedanken sind noch heute bedenkenswert, zum Beispiel seine Theorie eines gerechten Staates. Flashar als ausgewiesener Experte zu Aristoteles hat hier eine grossartige Biographie geschrieben.

„Denn das ist den Menschen vor den anderen Lebewesen eigen, dass sie Sinn haben für Gut und Böse, für Gerecht und Ungerecht und was dem ähnlich ist. Die Gemeinschaftlichkeit dieser Ideen aber begründet die Familie und den Staat.“ (Aristoteles)


Ilse Aichinger – Repräsentantin der deutschen Nachkriegsliteratur, deren Werk immer wieder die sozialen und politischen Zustände kritisierte und die Verantwortung des Menschen thematisierte.

«Schreiben kann eine Form zu schweigen sein.» (Ilse Aichinger)

Lou Andreas-Salomé – faszinierende, intelligente, vielschichtige Frau, die die Herzen der berühmtesten Männer brach.

«Glaubt mir, die Welt wird euch nichts schenken. Wenn ihr ein Leben wollt, so stehlt es.» (Lou Andreas-Salomé)

Rose Ausländer – Verfasserin wunderbarer Lyrik mit einem sehr bewegten Leben.

«Ich schreibe mich ins Nichts – es wird mich ewig aufbewahren.»

Was für Biografien zu A könnt ihr empfehlen?

Sätze aus Büchern: Schreiben als Ort

»Das Schreiben ist mein wahrer Ort. Von allen eingenommenen Orten ist es der einzige immaterielle, der sich nirgends einordnen lässt, doch der, davon bin ich über-zeugt, alle anderen auf die eine oder andere Weise um-fasst.« (Annie Ernaux, Le vrai lieu)

Sätze aus Büchern – manchmal find ich sie, Sätze in Büchern, die unabhängig von der Geschichte sonst, zu mir sprechen, mich inspirieren, etwas in mir zum Klingen bringen. Das ist einer davon. Ich möchte ihn mit euch teilen, denn vielleicht geht es euch wie mir.

Habt einen schönen Tag! 💕

Judith Hermann: Wir hätten uns alles gesagt

Inhalt

«…das ist, was ich schreibe: Ich schreibe über mich. Ich schreibe am eigenen Leben entlang, ein anderes Schreiben kenne ich nicht.»

Judith Hermann schreibt in den vorliegenden Frankfurter Poetikvorlesungen über ihr Schreiben. Und sie schreibt vom Verschweigen im Schreiben. Sie schreibt davon, wie sie eine Geschichte beginnt und weiterspinnt. Sie schreibt von ihrem Leben und ihren Erinnerungen und wie diese mit dem Schreiben zusammenhängen. Sie schreibt sich in diesem Buch ihrem Leben entlang und nimmt den Leser mit in eine Geschichte des Lebens und Schreibens, die anmutet, als entdecke sie Judith Hermann beim Schreiben erst selbst.

Entstanden ist ein Buch, das Einblicke in Judith Hermanns Kindheit und Aufwachsen gibt, das Freundschaften und Familie thematisiert, und mehr noch als Geschichten Gefühle transportiert – und auslöst.

Gedanken zum Buch

«Jede Geschichte hat ihren ersten Satz. Nicht der Satz, mit dem die Erzählung im Buch beginnt, sondern der Satz, mit dem sie in meinem Kopf beginnt.»

Der Blick hinter die Kulissen von Schreibenden ist immer wieder spannend. Während die einen ihre Geschichten feinsäuberlich planen und sich dann an feste Tagesabläufe halten, lassen sich andere inspirieren und schreiben sich dann in die Geschichte hinein, wie sie sich ihnen zeigt.

«Jede Entscheidung für einen Satz ist eine Entscheidung gegen unzählige andere Sätze. Jede Entscheidung für eine Geschichte schlägt unzählige andere Geschichten aus. Ein Wort vernichtet ein anderes Wort. Schreiben heisst auslöschen.»

Dabei bleibt es nicht aus, dass vieles im Kopf auftaucht, wovon nur ein Bruchteil schliesslich Eingang in die Geschichte findet. Oft weiss der Schreibende mehr über seine Figuren, als er dem Leser explizit zeigt, er kennt Hintergründe und Eigenheiten, die für das Schreiben wichtig sind, die der Geschichte aber nicht dienen.

«Keine Geschichte ist die, die ich erzählen wollte oder müsste. Aber ich kann davon erzählen, dass ich das Eigentliche nicht erzählen kann, das Verschweigen des Eigentlichen zieht sich durch alle Texte…»

Melancholie tropft aus den Zeilen und sitzt in den Zwischenräumen des Geschriebenen. All das, was Verschwiegen wird, findet sich in Andeutungen des Schweigens, nicht aber in seiner wahren Präsenz. Es ist ein Schreiben über Erinnerungen, von denen nicht sicher ist, dass sie wirklich sind oder nur gedacht. Es ist ein Schreiben über das Schreiben, welches das Nicht-Geschriebene in und mit sich trägt. Es ist ein Schreiben dem Leben entlang, von dem nie ganz klar ist, ob es Traum oder Wirklichkeit ist. Entstanden ist ein Buch, das alles offenlässt und dessen Ende man als Leser selbst finden muss. Auch den Sinn von allem muss man selbst ergründen, er zeigt sich nicht offensichtlich.

Fazit
Ein poetisches, ein rätselhaftes, ein melancholisches Buch über das Schreiben und das Leben. Ein Buch, das einen nachdenklich zurücklässt und dessen Sinn sich vielleicht erst später auftut.

Zur Autorin
Judith Hermann wurde 1970 in Berlin geboren. Ihrem Debüt »Sommerhaus, später« (1998) wurde eine außerordentliche Resonanz zuteil. 2003 folgte der Erzählungsband »Nichts als Gespenster«. Einzelne dieser Geschichten wurden 2007 für das Kino verfilmt. 2009 erschien »Alice«, fünf Erzählungen, die international gefeiert wurden. 2014 veröffentlichte Judith Hermann ihren ersten Roman, »Aller Liebe Anfang«. 2016 folgten die Erzählungen »Lettipark«, die mit dem dänischen Blixen-Preis für Kurzgeschichten ausgezeichnet wurden. Für ihr Werk wurde Judith Hermann mit zahlreichen Preisen geehrt, darunter dem Kleist-Preis und dem Friedrich-Hölderlin-Preis. Im Frühjahr 2021 erschien der Roman »Daheim«, der für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert wurde, und für den Judith Hermann mit dem Bremer Literaturpreis 2022 ausgezeichnet wurde. Die Autorin lebt und schreibt in Berlin. Literaturpreise: Preis der LiteraTour Nord 2022Bremer Literaturpreis 2022Rheingau Literatur Preis 2021Blixenprisen 2018 für »Lettipark«Erich-Fried-Preis 2014Friedrich-Hölderlin-Preis 2009Kleist-Preis 2001Hugo-Ball-Förderpreis 1999Förderpreis zum Bremer Literaturpreis 1999

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ S. FISCHER; 3. Edition (15. März 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 192 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3103975109

Olga Tokarczuk: Übungen im Fremdsein

Inhalt

«Mir scheint, die Literatur als unaufhörlicher Prozess des Erzählens der Welt hat grössere Möglichkeiten als irgendetwas sonst, diese Welt in ihrer gesamten Perspektive gegenseitiger Einflüsse und Verbindungen zu zeigen.»

Die Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk hat in diesem Buch zwölf Essays und Reden zusammengestellt, die sich mit dem eigenen Schöpfungsprozess beschäftigen. Sie schreibt über die Motiviation zum Schreiben, zur Konstruktion von Figuren, zu den politischen, psychologischen, soziologischen und biographischen Quellen ihres Schreibens. Sie beleuchtet, wie wir durch Sprache neue Welten schaffen, beleuchtet den Lauf der Welt und die Art und Weise, wie Literatur damit umgeht.

«Existiert denn überhaupt die eine Welt…. Oder leben wir, die wir uns in der einen räumlichen Sphäre befinden, in Wahrheit in den jeweils eigenen Phantasmen?»

Entstanden ist ein Blick hinter die Kulissen ihres Schreibens und Denkens, ein kritischer Blick auf die Welt und unser Leben in ihr. Es ist zudem ein Aufruf, die Welt mit verschiedenen Augen aus verschiedenen Perspektiven zu sehen.

Gedanken zum Buch

«Wunder des Lesens… die Bereitschaft, sich mittels einer bewussten Verwendung von Sprache, durch das Spiel mit den Zeichen, Kontexten und Verweisen geduldig in vielschichtige, komplizierte, bedeutungsvolle Struktur der Welt ringsumher zu vertiefen, stetig weiter hinabzusteigen oder auch, wie über die Wendeltreppen eines perspektivischen Verwirrbildes, immer höhere Höhen zu erklimmen.»

Olga Tokarczuk bezeichnet sich als buchabhängig. Sie liest, sie liest Bücher auch mehrfach, und sie schaut, was in diesen Büchern steckt, wie sich die Geschichten ihr gegenüber öffnen, wie sich verschiedene Schichten beim wiederholten Lesen entfalten. Literatur ist ein Blick auf die Welt, welche diese sichtbar werden lässt in ihren Zusammenhängen und Strukturen.

«Ich bin überzeugt, dass unser Leben nicht nur eine Summe von Ereignissen ist, sondern ein verschlungenes Sinngefüge – das wir selbst schaffen, indem wir den Ereignissen jeweils einen Sinn zuschreiben.»

Literatur ist ein Sinnstifter, da durch das Schreiben den Dingen zugeschrieben wird. Geschichten kreisen um einen Sinn, der nicht den Dingen innewohnt, sondern den die Dinge für uns haben, weil wir ihnen diesen zusprechen.

«Die Geschichte, das Erzählen ist somit das fünfte Element, das uns die Welt auf ebendiese und keine andere Weise sehen lässt, das uns ihre unendliche Vielfalt und Vielschichtigkeit verstehen, unsere Erfahrung einordnen und sie von Generation zu Generation, von einer Existenz zur anderen weitergeben lässt.»

Seit Menschengedenken erzählen wir uns Geschichten. Es sind diese Geschichten, welche die Welt erfahrbar machen, indem sie eine Einordnung der Phänomene in einen Zusammenhang vornehmen. Indem wir unterschiedliche Geschichten von verschiedenen Menschen hören, eröffnet sich ein weiterer Blick, der aufzeigt, dass es mehrere Sichtweisen auf die eine Welt gibt, dass quasi diese eine Welt aus ganz vielen Welten besteht, die wir erst durch die Geschichten anderer Menschen erfahren können. Damit das so ist, bedarf es auch einer Offenheit. Wir müssen uns von unserem Standpunkt lösen und uns neuen Standpunkten, neuen Perspektiven gegenüber neugierig zeigen.

«Im Grunde nimmt der Reisende des Westens die Welt als nicht wirklich wahr. Gleich einem ewig eilenden Schatten bewegt er sich durch die Länder und Kulturen, die er besucht. Nichts berührt er, in nichts ist er einbezogen, er bleibt verkapselt in seinem Überlegenheitsgefühl.»

Tokarczuk wirft einen kritischen Blick auf die Welt und die Menschen in ihr. Sie thematisiert die Vereinzelung, die oft mit Entfremdung einhergeht, ebenso wie die wohl aus dieser hervorgehende Haltung der eigenen Überlegenheit. Zu oft verharren wir in der Meinung der eigenen Deutungshoheit, wir sehen uns und unser Erleben als Massstab, den wir auf den Rest der Welt anwenden. Was aus einer gefühlten Überlegenheit heraus passiert, führt uns eigentlich bei Lichte betrachtet in eine Verarmung der Wahrnehmung, da wir diese selbst beschränken.

Fazit
Ein klarer, scharfer und durchdringender Blick auf die Welt, das Leben, Lesen und Schreiben. Eine Hommage an die Sprache und ihre Möglichkeit, mit ihr die Welt erst zu schaffen.

Zur Autorin
OLGA TOKARCZUK, 1962 im polnischen Sulechów geboren, studierte Psychologie in Warschau und lebt heute in Breslau. Sie zählt zu den bedeutendsten europäischen Autorinnen der Gegenwart. Ihr Werk wurde in 37 Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Für Die Jakobsbücher wurde sie 2015 (zum zweiten Mal in ihrer Laufbahn) mit dem wichtigsten polnischen Literaturpreis, dem Nike-Preis, ausgezeichnet und 2018 mit dem Jan-Michalski-Literaturpreis. Im selben Jahr gewann sie außerdem den Man Booker International Prize für Unrast, für den sie auch 2019 wieder nominiert war: Ihr Roman Der Gesang der Fledermäuse stand auf der Shortlist. 2019 wurde Olga Tokarczuk mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Zum Schreiben zieht sie sich in ein abgeschiedenes Berghäuschen an der polnisch-tschechischen Grenze zurück.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Kampa Verlag; 1. Edition (14. Oktober 2021)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 320 Seiten
  • Übersetzung ‏ : ‎ Bernhard Hartmann, Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein ,  
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3311100751

Tillie Olsen: Was fehlt

Inhalt

«Wen hören und lesen wir, wen nicht? Und warum nicht?»

Wie entstehen Kunstwerke, was steht diesem Entstehen im Weg? Wieso hört man viele Stimmen nicht, obwohl sie so wichtig wären? Wieso schweigen viele, die etwas zu sagen hätten, während andere sich ungehindert Gehör verschaffen können? Und: Wieso sind es oft Frauenstimmen, die nicht sprechen können, die nicht gehört oder gar verhindert werden?

Diesen Fragen geht Tillie Olsen in den in diesem Buch gesammelten Vorträgen und Essays nach und greift damit eine Diskussion auf, die auch heute noch aktuell ist (man denke nur an Nicole Seiferts «Frauenliteratur»).

«Was braucht das Schöpferische, um sich verwirklichen zu können? Ohne die Absicht oder den Anspruch, literaturwissenschaftlich vorzugehen, verspürte ich im Laufe der Jahre das Bedürfnis, alles darüber zu lernen, was ich in Erfahrung bringen konnte, blieb ich doch selber fast stumm und musste die Schriftstellerin in mir wieder und wieder sterben lassen.»

Gedanken zum Buch

«Warum werde so viel mehr Frauen zum Verstummen gebracht als Männer? Warum sind die wenigen Werke von Frauen, die es immerhin gibt…, so wenig bekannt, werden sie so spärlich im Unterricht behandelt oder Ausgezeichnet?»

Tillie Olsen (1912 – 2007) ist selbst eine der (fast) verstummten Stimmen. Neben der Betreuung ihrer Kinder sowie der Arbeit für den Lebensunterhalt blieb kaum Zeit für die eigene Kreativität. Vermutlich ist es diesem Umstand geschuldet, dass sie über viele Jahre Gründe sammelte für das literarische Schweigen. Auch Zeugnisse von Schreibenden, die mit dem Schreiben und mit Blockaden und Hindernissen kämpften, fanden Eingang in ihre Vorträge und Reden, es sind Zitate aus Tagebüchern und Briefen von Franz Kafka und Virginia Woolf, Katherine Mansfield und Rainer Maria Rilke, von Dorothy Parker und Carson McCullers, und vielen mehr.

«Man wächst auf mit dieser […] seltsamen Vorstellung von weiblicher Verfügbarkeit in jeder geistigen Beziehung und dass man jedem, der es einfordert, zu Diensten sein muss.»

Gerade Frauen fiel es mehrheitlich schwer, für ihr Schreiben einzustehen. Dies hing auch mit den Rollenbildern früherer Zeit zusammen, in welcher Schreiben und Kunst für Frauen nicht vorgesehen war, sie ihre ihnen zugeschriebenen Aufgaben in der Gesellschaft hatten und den Rest den Männern überlassen sollten.

«Wie viel nötig ist, um zu schreiben. Neigung (viel verbreiteter als angenommen), die rechten Umstände, Zeit, die Entwicklung des eigenen Handwerks – aber darüber hinaus: wie viel Überzeugung von der Wichtigkeit des eigenen Worts, des eigenen Rechts, es auszusprechen. Und der Wille, der unerschöpfliche Vorrat an Glauben an sich selbst, um die eigenen Lebenserkenntnisse zu finden, ihnen treu zu bleiben, sie in die richtige Form zu giessen.»

Olsen thematisiert aber nicht nur, wer alles schwieg und aus welchen Gründen, sondern sie beleuchtet auch die Bedürfnisse eines schreibenden Menschen: Was braucht es, damit ein schreibender Mensch seiner Berufung zu schreiben folgen kann? Welche äusseren und inneren Bedingungen müssen erfüllt sein?

«Letzten Endes ist Kreativität eine Abbildung der Wechselbeziehung zwischen dem Individuum und der Umwelt, in der es lebt.»

Wichtig zu sehen ist, dass das Verstummen vieler Stimmen nicht nur ein individuelles Problem ist, sondern ein systemimmanentes. So lange die Rollen zwischen den Geschlechtern aufgeteilt sind, wie das auch heute noch oft der Fall ist, haben Frauen es schwerer, sich die nötigen Bedingungen für ihr eigenes Schreiben zu schaffen. Dazu kommt, dass der Literaturbetrieb auch heute noch zu einem grossen Teil männlich dominiert ist, so dass Bücher von Männern mehr berücksichtigt, mehr beworben und mehr besprochen werden, und auch die Schullektüren vorwiegend männlich ausfällt. (Ein Blick in die Schweizer Pflichtlektüre für die Matur hat das leider aktuell bestätigt: Siehe hier, hier und hier). Den Bezug zur heutigen Situation stellt auch das persönliche, kompetente und aufschlussreiche Vorwort von Julia Wolf her, welches den Boden für das Buch quasi vorbereitet, in welchen die Samen der Gedanken des Buches nachher fallen sollen, um von da zu wachsen.

Dem Aufbau Verlag ist ein grosses Lob auszusprechen, dass er diese Autorin auf den deutschen Markt gebracht hat, einerseits mit dem vorliegenden Buch, andererseits mit dem Erzählband «Ich stehe hier und bügle».

Fazit
Ein wichtiges Buch über die Situation schreibender Menschen, was sie zum Schreiben brauchen und wie so viele von ihnen verstummen und nie gehört werden.

Zur Autorin und den Mitwirkenden
Tillie Olsen, 1912 als Tochter jüdischer Einwanderer aus Russland in Nebraska geboren, musste als junge vierfache Mutter ihre fortschrittlichen politischen Ansichten mit künstlerischem Ehrgeiz und Brotarbeit unter einen Hut bringen. Gleich ihre erste Story, »Ich steh hier und bügle«, erschien in den »Best American Short Stories of 1957«, kurz darauf wurde sie mit dem begehrten O.-Henry-Preis ausgezeichnet. Obwohl sie die Highschool ohne Abschluss verlassen hatte, erhielt sie für ihr Werk diverse Stipendien, Ehrentitel und Gastprofessuren der großen amerikanischen Universitäten, darunter Stanford, Harvard und Amherst College. Ihr berühmter Essay »Was fehlt« entstand aus einem Vortrag, den sie 1962 am Radcliffe Institute der Harvard University gehalten hatte. Sie starb 2007 in Oakland, Kalifornien, und gilt heute als Vorreiterin der emanzipatorischen Literatur.

Nina Frey studierte Anglistik und Germanistik in Hamburg. Sie arbeitete lange im Kunsthandel, bevor sie sich als Übersetzerin selbstständig machte. Sie lebt in Wien.

Hans-Christian Oeser, geboren 1950 in Wiesbaden, ist literarischer Übersetzer, Herausgeber, Reisebuchautor, Publizist, Redakteur und Sprecher. Er hat zahlreiche Klassiker ins Deutsche übertragen, darunter Mark Twains Autobiographie. Zahlreiche Auszeichnungen, u. a. »Heinrich Maria Ledig-Rowohlt«-Preis, Helmut-M.-Braem-Übersetzerpreis und Straelener Übersetzerpreis.

Nele Holdack, leitende Lektorin moderne Klassik und Klassik, gab unter anderem Werke von Hans Fallada und Victor Klemperer, Lion Feuchtwanger und Mark Twain, Tillie Olsen und Brigitte Reimann heraus.

Julia Wolf ist Autorin und Übersetzerin. Zuletzt erschien ihr Roman »Alte Mädchen«. Sie ist Mitbegründerin des Kollektivs »Writing with Care/Rage« und lebt mit ihrer Familie in Leipzig.
Tillie Olsen, 1912 als Tochter jüdischer Einwanderer aus Russland in Nebraska geboren, musste als junge vierfache Mutter ihre fortschrittlichen politischen Ansichten mit künstlerischem Ehrgeiz und Brotarbeit unter einen Hut bringen. Gleich ihre erste Story, »Ich steh hier und bügle«, erschien in den »Best American Short Stories of 1957«, kurz darauf wurde sie mit dem begehrten O.-Henry-Preis ausgezeichnet. Obwohl sie die Highschool ohne Abschluss verlassen hatte, erhielt sie für ihr Werk diverse Stipendien, Ehrentitel und Gastprofessuren der großen amerikanischen Universitäten, darunter Stanford, Harvard und Amherst College. Ihr berühmter Essay »Was fehlt« entstand aus einem Vortrag, den sie 1962 am Radcliffe Institute der Harvard University gehalten hatte. Sie starb 2007 in Oakland, Kalifornien, und gilt heute als Vorreiterin der emanzipatorischen Literatur.

Nina Frey studierte Anglistik und Germanistik in Hamburg. Sie arbeitete lange im Kunsthandel, bevor sie sich als Übersetzerin selbstständig machte. Sie lebt in Wien.

Hans-Christian Oeser, geboren 1950 in Wiesbaden, ist literarischer Übersetzer, Herausgeber, Reisebuchautor, Publizist, Redakteur und Sprecher. Er hat zahlreiche Klassiker ins Deutsche übertragen, darunter Mark Twains Autobiographie. Zahlreiche Auszeichnungen, u. a. »Heinrich Maria Ledig-Rowohlt«-Preis, Helmut-M.-Braem-Übersetzerpreis und Straelener Übersetzerpreis.

Nele Holdack, leitende Lektorin moderne Klassik und Klassik, gab unter anderem Werke von Hans Fallada und Victor Klemperer, Lion Feuchtwanger und Mark Twain, Tillie Olsen und Brigitte Reimann heraus.

Julia Wolf ist Autorin und Übersetzerin. Zuletzt erschien ihr Roman »Alte Mädchen«. Sie ist Mitbegründerin des Kollektivs »Writing with Care/Rage« und lebt mit ihrer Familie in Leipzig.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Aufbau; 1. Edition (11. Oktober 2022)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 352 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3351039832
  • Übersetzung : Nina Frey und Hans-Christian Oeser
  • Originaltitel ‏ : ‎ Silences

Gedankensplitter: Sprache als Heimat

«Ohne Sprache, ohne Schreiben, fühle ich mich wie ein Obdachloser ohne Heimat.» Carolin Emcke

Ich weiss nicht, wann sie anfing, die Liebe zur Sprache, zum Wort. Zuerst war sie beim Lesen da, ich liebte Geschichten, ich hörte sie vorgelesen und von Tonbändern. Ich lernte früh lesen, und von da an war kein irgendwo geschriebenes Wort mehr sicher vor mir. Jedes Plakat, jede Inschrift wollte gelesen sein. Die wöchentlichen Gänge in die Ortsbibliothek waren mein Highlight, ich deckte mich jedes Mal mit Stapeln ein, die ich zu Hause feinsäuberlich lesend abtrug (damals waren die Stapel offensichtlich überschaubarer als heute). Bald kam zur Liebe zu beschriebenen Büchern die zu schönen leeren dazu, die ich selbst schreibend füllen wollte. Manchmal holte ich auch die Schreibmaschine meiner Mutter aus dem Schrank und fühlte mich wie ein Schriftsteller, wenn ich davorsass und tippte.

Diese zwei Lieben sind geblieben, mein Leben lang bis heute. Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht lese, es gibt keinen Tag, an dem ich nicht schreibe. Ich höre oft, ich solle mal Urlaub machen, mal ausspannen, mal einen Tag einfach nur frei sein. Ich verstehe diese Gedanken, allein sie verkennen, dass für mich Schreiben und Lesen Freiheit sind, nämlich die Freiheit, ganz ich zu sein, an genau dem Ort zu sein, wo ich mich zuhause fühle. Ich habe mich in meinem Leben immer wieder gefragt, was Heimat bedeutet, wo ich zuhause bin. Ich glaube, das ist die Antwort: In der Sprache. 

Was bedeutet Heimat für euch?

Ein entscheidender Augenblick

Sie war mittlerweile genügsam geworden. Sie hoffte nicht mehr auf die grosse Liebe, wenn Susanne sie wieder einmal verkuppeln wollte. Schon ein netter Abend wäre gut. Ab und zu fragte sie sich, ob ihre Freundin sie wirklich kannte. Die Zweifel lagen auf der Hand bei den vorgestellten Männern. Heute stand eine Dichterlesung an. Sie liebte Lyrik, weniger aber die Lyriker, die waren ihr seltsam fremd. Und: Der Auserwählte war der Künstler himself, sicher mit weissem Schal und gegelten Haaren.

Sie schaute sich im Spiegel an. Für ihre 50 Jahre sah sie noch ganz passabel aus. Dass sie trotzdem Single war, lag wohl eher daran, dass sie insgeheim gar keine Beziehung wollte. Zu kompliziert, zu anstrengend, zu viel Risiko. Und doch war da manchmal diese leise Sehnsucht, nicht allein zu sein, sich austauschen zu können, jemanden an der Seite zu haben, der sie versteht. Ob man das überhaupt konnte? Sie verstehen? Manchmal tat sie es selbst nicht.

Sie waren die ersten, die bei der Lesung ankamen. Dabei blieb es. Der Künstler sass vor den aufgereihten Stühlen, schaute suchend umher. Sie war sich nicht sicher, ob er froh war, dass sie gekommen waren, oder keine Zeugen dieses Vorkommnisses vorgezogen hätte. Was sollte er tun? Nicht lesen? Doch lesen? Sie fühlte förmlich, wie es in ihm drehte, wie sich Selbstzweifel, Unsicherheiten, Trauer und Wut unterhielten und sich gemeinsam gegen ihn verbündeten. Das Ganze rührte sie auf merkwürdige Weise an. Da schien eine Seele genauso verloren zu sein wie sie es selbst ab und zu fühlte.

Er hob den Blick und schaute ihr in die Augen. Mit einem Auge, mit dem anderen schielte er zu ihrer Freundin. Oder war es andersrum? Sie konnte es nicht genau sagen. Sie wusste nur: das war doch sehr kompliziert, anstrengend, verunsichernd. Schlicht: Nichts für sie!

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Dieser Text entstand im Rahmen der abc.etüden von Christiane, HIER die Schreibeinladung

Die Regeln: 3 Worte in max. 300 Worten, die Worte dieses Mal lauteten Dichterlesung, genügsam, verkuppeln. Sie wurden gespendet von Werner Kastens (hier sein Blog)