Rezension: Bernhard Schlink – Die Frau auf der Treppe

Wie das Leben hätte sein können

Vielleicht sehen Sie das Bild eines Tages. […] Eine Frau kommt eine Treppe herab. Der rechte Fuss tritt auf die untere Stufe, der linke berührt noch die obere, setzt aber schon zum nächsten Schritt an. Die Frau ist nackt, ihr Körper blass, Schamhaar und Haupthaar sind blond, das Haupthaar glänzt im Schein eines Lichts.

Mit dem Bild einer Frau, die nackt die Treppe hinunter schreitet, fängt alles an. Der Ehemann der Frau möchte die Frau zurück, die zum Maler zog, der Maler möchte das Bild zurück, das noch beim Gatten hängt. Mitten drin ein junger Anwalt, der zwischen beiden vermitteln soll und der sich in die Frau verliebt. Schlussendlich hilft er ihr, beiden mitsamt Bild zu entkommen. Während er von einem gemeinsamen Leben träumt, flieht sie auch vor ihm.

Ändern lässt sich an der Vergangenheit nichts mehr. Damit habe ich schon lange meinen Frieden gemacht. Nur schwer mache ich meinen Frieden damit, dass die Vergangenheit immer wieder keinen rechten Sinn macht. Vielleicht hat jedes Schlechte auch ein Gutes. Aber vielleicht ist jedes Schlechte auch nur schlecht.

Jahre vergehen, Leben nehmen ihren Lauf. Eines Tages sieht der Anwalt das Bild wieder und sucht die Frau, um von ihr zu erfahren, wieso sie ihn damals benutzt hat. Er findet sie auf einer einsamen Insel und erfährt von ihr, dass sie eine andere Sicht der Geschichte hat als er. Als dann auch noch ihr ehemaliger Ehemann und der Maler auf der einsamen Insel auftauchen, scheint der Kampf um die Frau und das Bild von vorne loszugehen.

Bernhard Schlinks neuster Roman handelt von der Liebe, vom Leben, von verschiedenen Lebensmustern und Lebenswegen sowie von Wertvorstellungen wie richtig und falsch, gut und schlecht. Bernhard Schlink lässt seine Figuren auf die Vergangenheit zurückblicken, Bilanz ziehen.

Die Frau auf der Treppe beginnt spannend, zeigt die Figuren in ihrem Leben, lässt sie handeln, lässt den Leser an der Handlung teilhaben und mehr wissen wollen. Er taucht ein und fiebert mit, das Buch begeistert. So könnte es weiter gehen, so ist man es von Bernhard Schlink gewohnt. Interessante und tiefgründige Figuren, die in eine gemeinsame Geschichte verstrickt werden, aus der sie nicht mehr rauskommen.

Die Wege der Figuren dieses Buches trennen sich vordergründig, bleiben aber trotzdem verbunden. Die Zeit vergeht, der Leser folgt dem Anwalt aus dessen Perspektive er an der Geschichte teilhat. Er sieht sich teilweise unvermittelten Zeitsprüngen ausgesetzt, weiss oft nicht, wo er sich gerade befindet, da das Kapitel am Montag beginnt, nach einem Satz zum Sonntag springt, in die Vergangenheit abdriftet, zum Sonntag zurückkehrt, um am Schluss den einen Montagssatz zu wiederholen. Die Zeitsprünge werden später abgelöst durch Realität und Was-Wäre-Wenn-Geschichten, indem man kaum je weiss, ob gerade aktuell passiert, was erzählt wird oder man einer Erzählung in der Erzählung folgt. Das macht das Lesen ab und an anstrengend.

Bernhard Schlink thematisiert in diesem Buch diverse Lebensmuster und Lebensrollen, setzt sie gegeneinander und versieht sie mit Attributen wie richtig oder falsch. Die Sympathien liegen ziemlich offensichtlich bei der Frau, die ausschied aus dem gesellschaftlichen Leben, die auf einer einsamen Insel vor sich hin darbt, während den im (gesellschaftlichen) Leben stehenden Männern ihr Verhalten und Streben im Leben fast zum Vorwurf gemacht wird. Schlink bemüht hier alle nur greifbaren Klischees, das des älteren Ehemannes mit der jungen Frau als Trophäe ebenso wie das des gefühlskalten, karriereorientierten Anwalts, dessen Frau sich selber auslebt und trotzdem vom Leben ernüchtert alkoholisiert gegen einen Baum fährt.

Stünde der Name Bernhard Schlink sonst nicht für gute und tiefgründige Literatur, müsste man nach der Hälfte wohl zum Schluss kommen, dass das Buch vielversprechend begann, diese Versprechen aber leider nicht hielt. Trotzdem muss man dem Buch einiges zugute halten: Es hat eine nachdenkliche Art, lässt auch den Leser über die eigenen Lebensmuster reflektieren. Die Wut über die bemühten Stereotype und Klischees zeigt beim Lesen viel über das eigene Denken, einige Passagen sind philosophisch und tief. Trotzdem ist es wohl der schlechteste Schlink bislang. Schade, er hätte viel Potential gehabt.

 

Fazit:
Nachdenkliche Sicht auf das Leben, das war und auf das, was hätte sein können. Leider oft klischeehaft und insgesamt eine wenig überzeugende Fortsetzung eines vielversprechenden Anfangs.

 

Zum Autor
Bernhard Schlink
Bernhard Schlink wurde 1944 in Bielefeld geboren und ist in Heidelberg aufgewachsen. Er studierte in Heidelberg und Berlin Jura und war danach wissenschaftlicher Assistent. Es folgt eine Professur in Bonn, danach eine in Frankfurt. 1988 wird er Richter des VerfGH für das Land NRW und ist nach der Wende 1989 in Berlin tätig. Heute hat Bernhard Schlink eine Professor für öffentliches Recht und Rechtsphilosophie an der Humboldt-Universität in Berlin inne und ist Richter am LVerfGH in Münster. Vom ihm erschienen sind unter anderem Selbs Justiz (1987), Die gordische Schleife (1988), Der Vorleser (1995), Das Wochenende (2008), Sommerlügen (2010).

 

Angaben zum Buch:
SchlinkFrauGebundene Ausgabe: 256 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag (27. August 2014)
ISBN-Nr.: 978-3257069099
Preis: EUR 21.90 / CHF 30.90

 

Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Rezension: Zoë Beck – Brixton Hill

Wem kann man trauen?

Es ist nicht der Aufprall, an den man sich später erinnert. Was man immer wieder vor sich sehen wird, ist der Moment des freien Falls.
Und man wird die Stille dieses Moments hören. Denn die Welt hört auf, sich zu drehen. Alles ist ruhig. Nur der Körper fällt, schwebend, lautlos.

Zuerst streikt nur das Internet, dann setzt hier und da die Technik kurz aus, bis schliesslich nichts mehr geht. Rauch zieht durch die Gänge des Limeharbour Towers, eines dieser modernen neuen Geschäftstowers, in denen auch Kimmy Rasmussen ihr Büro hat. Emma Vine, ihre Geschäftspartnerin und Freundin kann ihr nicht helfen, als sie sich in Panik aus dem Fenster des fünfzenhnten Stock stürzt. Als ob das nicht schlimm genug wäre, wird sie kurz darauf von der Polizei abgeführt wegen des Verdachts, diesen Terroranschlag verübt zu haben.

Hinter all dem – da ist sich Emma Vine sicher – kann nur Alan stecken, der Mann, der sie seit Wochen stalkt, sie mit Twitternachrichten und anderem verfolgt. Sie macht sich auf die Suche nach ihm, seine Reaktion bestätigt ihre Ahnung, leider will ihr niemand glauben. Kurz darauf ist auch Alan tot und Emma steht unter Mordverdacht. Von diesem Moment an ist Emma auf der Flucht. Sie ahnt noch nicht, wie gross die Kreise wirklich sind, die sich hinter allem verbergen. Was sie aber ahnt ist, dass sie die Nächste sein soll.

 

Mit Brixton Hill ist Zoë Beck ein rundum gelungener Thriller gelungen. Die Figuren sind plastisch gezeichnet, haben Geschichte, sind abgerundete Charaktere. Die Schauplätze wirken realistisch und bildhaft und der Plot ist stimmig, spannend aufgebaut mit den nötigen Cliffhangern, Wendungen und dem doch erwünschten Ablauf des Geschehens. Zoë Beck zeigt einmal mehr, dass sie ihr Handwerk versteht.

Würde man einen Negativpunkt nennen wollen, dann wohl den, dass es am Schluss plötzlich schnell geht mit der Aufklärung, Dinge nicht mehr gezeigt werden, sondern beschrieben, ohne sie in eine Handlung einzubetten. Trotzdem tut dies dem Lesegenuss keinen Abbruch, die Spannung bleibt von der ersten bis zur letzten Seite.

Fazit:
Brixton Hill packt einen von der ersten Seite und lässt einen nicht mehr los. Pures Lesevergnügen. Absolut empfehlenswert.

Zum Autor
Zoë Beck
Zoë Beck, geboren 1975, wuchs zweisprachig auf und pendelt zwischen Großbritannien und Deutschland. Ihre grosse Liebe neben der Literatur ist die Musik: Mit drei Jahren begann sie, Klavier zu spielen, gewann bald darauf diverse Wettbewerbe und gab zahlreiche Konzerte. Heute arbeitet sie als freie Autorin, Redakteurin und Übersetzerin. 2010 erhielt sie den Friedrich-Glauser-Preis in der Sparte „Bester Kurzkrimi“. Von ihr erschienen sind unter anderem Das zerbrochene Fenster (2012), Der frühe Tod (2011), Das alte Kind (2010).

Mehr zu Zoë Beck und ihrem Schreiben unter Zoë Beck – Nachgefragt.

Angaben zum Buch:
BeckZoeBrixtonTaschenbuch: 384 Seiten
Verlag: Heyne Verlag (9. Dezember 2013)
ISBN-Nr.: 978-3453410428
Preis: EUR 8.99 / CHF 14.90

 

Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Rezension: Rolf von Siebenthal – Höllenfeuer

Politzirkus und Sektentaumel

Mit einem lauten Knall flog die Wohnzimmertür auf, der Rahmen fing sofort Feuer. Eine Woge aus Hitze und dichtem Qualm umfing ihn und sog die Luft aus seinen Lungen. […] Brunner hob den Kopf und setzte zu einem tierischen Gebrüll an, als der Raum um ihn herum in einem grellen Blitz zerbarst. Es dauerte den Bruchteil einer Sekunde, dann war alles vorbei.

Der Journalist Max Bollag hat alle Hände voll zu tun. Er schreibt über den Tod des Arztes Michael Brunner, welcher beim Brand seines Hauses ums Leben kam, eine anonym abgegebene Notiz, dass ein vor Jahren verschwundenes Kind noch lebt, lässt ihn Nachforschungen anstellen, Drohungen gegen seine Freundin, die Bundesrätin Petra Mangold, lassen ihn ebenfalls nicht in Ruhe und als ob das nicht genug wäre, schickt ihn sein Chef zu langweiligen Anlässen , da die Zeitung weg von aktuellen Ereignissen hin zu positivem Lokalgeschehen wechseln will.

Bei seinen Nachforschungen kommt er immer wieder Kripo-Chef Heinz Neuenschwander ins Gehege, der weder von der Presse allgemein noch von Max Bollag im Besonderen viel hält. Als sich die Geschehnisse zuspitzen, bleibt den beiden wenig übrig, als zusammenzuarbeiten – zumindest vordergründig -, was auch bitter nötig wird, als es für einen der beiden richtig gefährlich wird.

Weder mit Händen noch Füssen konnte [er sich] wehren, als der Junge die Nadel in seinen Nacken stiess. Er spürte, wie sich irgendein Zeugs von seinem Hals aus in den Körper ergoss. Wenig später erschlafften alle Muskeln und sein Sichtfeld verengte sich wie ein Lasso. Dann zog sich die Schlinge zusammen und riss ihn hinab in die Dunkelheit.

Höllenfeuer ist Rolf von Siebenthals zweiter Kriminalroman. War schon sein erster, Schachzug, gelungen, hat der Autor nochmals zugelegt und mit seinem Zweitwerk einen fesselnden, komplexen und doch verständlichen Krimi geschrieben. Der Plot ist stimmig und spannend, die Schauplätze wirken plastisch und realistisch, einzig die Figuren bleiben teilweise ein wenig blass, was dem Lesegenuss aber wenig Abbruch tut.

Von Siebenthal behandelt in seinem aktuellen Roman politische Meinungsbildung und politische Intrigen, beleuchtet die Hintergründe und Auswüchse von Sekten, streift Themen wie Abtreibung und Sterbehilfe und lässt auch ein bisschen Raum für die Liebe. Alles in allem eine gelungene Mischung, die das Lesen zum Genuss machte.

Fazit:
Höllenfeuer hat alles, was ein guter Kriminalroman haben muss, so macht Lesen Spass. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Rolf von Siebenthal
Rolf von Siebenthal, Jahrgang 1961, ist ausgebildeter Sprachlehrer. Er arbeitete viele Jahre bei einer Tageszeitung und im Schweizer Verkehrsministerium, heute ist er selbstständiger Journalist und Texter. Er lebt mit seiner Familie in der Nordwestschweiz. Von ihm erschienen ist bereits der Kriminalroman Schachzug (2013).

 

Angaben zum Buch:
vonSiebenthalHöllenfeuerTaschenbuch: 352 Seiten
Verlag: Gmeiner Verlag (2. Juli 2014)
ISBN-Nr.: 978-3839216149
Preis: EUR 11.99 / CHF 19.90

Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Rezension: Kerstin Herrnfeld/Walter K. Ludwig – Tod eines Mathematikers

Sex, Crime and Rock’n’Roll

Er liebt sie. Deshalb bricht er ihr das Genick. So bleibt ihre Schönheit erhalten. Und sie muss nicht leiden. Es ist die humanste Art, jemanden zu töten. Sauber, sicher und schnell. Und vollkommen schmerzlos.
Sie hat keine Chance. Nicht die geringste. Nicht gegen ihn. Er ist stark.

Als der Polizist Harry Tenge nach seiner Silvesterschicht ins Gebüsch pinkelt, schauen ihm aus diesem zwei dunkle Augenhöhlen entgegen. Er hat soeben einen Schädel freigepinkelt. Der Schädel, man erfährt es später, gehört einer seit langem vermissten Frau. Kurz nach diesem Fund bringt sich ein renommierter Mathematikprofessor, Professor Katzenstein, um, der – wie der Zufall so will – der Professor der nunmehr als Leiche gefundenen jungen Frau war – und wie man munkelte, auch deren Liebhaber.

Die Journalistin Alexandra Katzenstein, mit ihrem Vater seit Jahren zerstritten, glaubt nicht an einen Selbstmord. Da ihr niemand glaubt, will sie die Sache selber in die Hand nehmen und den Mord an ihrem Vater klären. Sie erhält dabei Hilfe von ihrem Freund Matze, Fotograf bei derselben Zeitung wie sie. Zwar glaubt er nicht immer an Alexandras Theorie, aber seine Verehrung für die schöne Rothaarige lässt ihn ihr beistehen. Ihnen zu Hilfe kommt alsbald Harry Tenge, welcher auf eigene Faust den Mord an der jungen Frau klären will, weil die Mordkommission zu wenig Gas gibt, und er an eine Verbindung zwischen Katzensteins Tod und „seinem“ Mord glaubt.

„Kann sein, dass ich gerade einen Riesenfehler mache“, begann Harry mit einem leisen Zittern in der Stimme, das verriet, wie unsicher er war. […| „Obwohl es auf der Hand liegt, dass Nicole keines natürlichen Todes gestorben ist, will der Leiter der Mordkommission, Hauptkommissar Kühlborn, jetzt nicht an die Öffentlichkeit gehen. Es wird zwar ermittelt, aber, wie ich aus sicherer Quelle weiss, nicht mit Nachdruck. Und das finde ich merkwürdig.“

Tod eines Mathematikers ist ein Krimi, der mit sehr vielen Personen agiert, der an vielen Orten spielt, der die Perspektiven wechselt, den Leser jedes Kapitel wieder in einen neuen Zusammenhang setzt. Aus einer Vielzahl von Anhaltspunkten, möglichen und tatsächlichen Verbrechen, mehreren Verdächtigen und Theorien, kristallisiert sich mehr und mehr eine Lösung heraus, die wieder verworfen wird, um einer neuen Platz zu machen. Die tatsächliche Lösung wirkt schlussendlich ein wenig gesucht, der Schluss nach der Auflösung des Falls erinnert an eine Rosamunde Pilcher-Geschichte und ist gar zuckersüss. Trotzdem ist der Krimi packend, spannend, man will die Auflösung kennen, weswegen man das Buch nicht eher aus der Hand gibt. Gewisse Nebengeschichten hätte man wegstreichen können, da sie dem Storyverlauf keinen Gewinn brachten und auch sonst wenig Gewicht hatten.

 

Fazit:
Spannender Krimi, kompliziert, aber interessant aufgebaut mit einem etwas gesuchten Ende. Empfehlenswert.

 

Zum Autor
Kerstin Herrnkind/Walter K. Ludwig
Kerstin Herrnkind ist eine waschechte Hanseatin. Sie wurde 1965 in Bremen geboren. Im zarten Alter von zehn Jahren verschleppten sie ihre Eltern in die Nähe von Hamburg aufs platte Land. Nach dem Studium volontierte sie bei der Nordsee-Zeitung in Bremerhaven, wo sie und Walter K. Ludwig sich kennenlernten. Nach Zwischenstation bei der taz ging sie zum Stern, wo sie für Polizei- und Justizthemen zuständig ist. 2011 erschien bei Grafit ihr Psychothriller Mein Mann der Mörder. Walter K. Ludwig wurde 1957 in Bad Neustadt a. d. Saale geboren. Er machte Musik, studierte Geschichte und Politikwissenschaft und absolvierte ein Zeitungsvolontariat. Mehrere Jahre arbeitete er als Redakteur. 2007 erschien sein erster Roman. Er lebt als Autor in Hamburg.

Angaben zum Buch:
HerrnkindLudwigMatheTaschenbuch: 352 Seiten
Verlag: Grafit Verlag (27. September 2013)
ISBN-Nr.: 978-3894254223
Preis: EUR 10.99 / CHF 17.00

Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

 

Rezension: Sunil Mann – Faustrecht

Von einem, der auszog, die Schweiz zu retten

Seit drei Tagen war ich nun der unsichtbare Schatten von Jasmin Bühler, doch bislang wies keine meiner Beobachtungen auf Ehebruch hin. Glücklicherweise, fand ich, denn ich hatte ja hautnah miterlebt, zu welchen Gewaltausbrüchen ihr Ehemann fähig war, und wollte mir lieber nicht ausmalen, was er ihr antun könnte, falls sich sein Verdacht bewahrheiten sollte.

Vijay Kumar erhält den Auftrag, die Frau von Adrian Bühler, einem ausländerfeindlichen Bekannten aus einer Bar, zu beschatten. Als er sie inflagranti erwischt, verschweigt er das seinem Auftraggeber, ist deswegen umso erstaunter, als just der Liebhaber –Insasse eines Asylheims in Altstetten – umgebracht wird. Steckt Adrian Bühler dahinter oder hat der Mord politische Motive, um gegen das unbeliebte Asylzentrum Stimmung zu machen? Vijay lässt nicht locker, er will der Sache auf den Grund gehen, vor allem, da er bald die zunächst unbegründete Ahnung hat, dass hinter all dem noch viel mehr steckt. Dabei verscherzt er es sich auch mit einer Freundin bei der Polizei, die von seinen Verschwörungstheorien wenig hält.

„Du behauptest immer das Gegenteil von dem, was gerade auf der Hand liegt. Ich persönlich finde es schwierig einzuschätzen, ob da wirklich was dran ist oder du nur eine spätpubertäre Phase durchmachst. Deshalb möchte ich Berufliches und Privates ab sofort wieder trennen. Die Polizei und du, Vijay, das ist eine schwierige Beziehung.“

Vijay lässt sich dadurch wenig beeindrucken, er will der Wahrheit auf den Grund gehen, dies teilweise unter Einsatz seines Lebens. Ein wahrer Held in Zürichs Strassen.

 Sunil Mann gelingt auch mit Faustrecht wieder ein Krimi, der den Leser von der ersten bis zur letzten Seite nicht loslässt. Der Plot überrascht durch stets neue Wendungen, bleibt dabei aber stimmig. Die Figuren sind plastisch gezeichnet, der Leser kann sich mit ihnen identifizieren, vor allem Vijay ist ein Typ, mit dem man gerne mal ein Bier in einer Bar trinken würde. Am Schluss laufen alle Fäden zusammen, es kommt zu einem Sieg des Guten über das Böse – ein Happy End quasi. Alles in allem ein Krimi wie aus dem Lehrbuch von einem Autoren, der sein Handwerk beherrscht.

 Faustrecht dreht sich grossenteils um Ausländerfeindlichkeit, nimmt die Zürcher/Schweizer Politszene aufs Korn und befasst sich in einem Nebenstrang mit der Auseinandersetzung mit Demenz. Alle diese Themen fliessen natürlich in die Geschichte ein, ohne den Lesefluss zu stören, sind dabei aber doch so feinfühlig behandelt, dass sie einen starken Eindruck hinterlassen. Was diesen Krimi zusätzlich auszeichnet, ist der Humor und auch die Selbstironie, die Sunil Mann immer wieder einfliessen lässt.

Ich schaltete den Fernseher aus, rutschte zu Manju rüber und bettete meinen Kopf in ihren Schoss. Sie lächelte, strich mir abwesend durchs Haar, las aber ungerührt weiter. Da ich nichts anderes zu tun hatte, entzifferte ich den Klappentext auf dem Buchdeckel: Schusswechsel hiess der wohl witzig gemeinte Roman und handelte von einem indischen Detektiv, der an der Langstrasse ermittelte. Auf welch abstruse Ideen diese Autoren auf der verzweifelten Jagd nach ein bisschen Erfolg manchmal kamen, dachte ich bei mir […]

 

Fazit:
Spannender, witziger Krimi mit einem stimmigen Plot, plastischen Figuren; packend erzählt – Lesegenuss pur! Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Sunil Mann
Sunil Mann wird am 21. Juni 1972 im Berner Oberland/Schweiz als Sohn indischer Einwanderer geboren. Er verbringt seine Jugend bei Pflegeeltern in Spiez und besucht in Interlaken das Gymnasium. Nach einem erfolgreichen Studienabbruch in den Fächern Psychologie und Germanistik (in Zürich) versucht er sich im Gastgewerbe mit einem halbherzigen Besuch der Hotelfachschule Belvoirpark. Seine heutige Arbeit als Flugbegleiter, welche oft unterbrochen wird durch zum Teil mehrmonatige Aufenthalte in Israel, Ägypten, Japan, Indien, Paris, Madrid und Berlin, lässt ihm genügend Zeit zum schreiben, was er produktiv macht und auch verschiedentlich dafür ausgezeichnet wird und wurde. Sunil Mann lebt in Zürich. Von ihm erschienen sind unter anderem Fangschuss (2010), Lichterfest (2011), Uferwechsel (2012) und Familienpoker (2013).

 Interview mit dem Autor auf denkzeitenSunil Mann – Nachgefragt

  

Angaben zum Buch:
MannFaustrechtTaschenbuch: 352 Seiten
Verlag: Grafit Verlag (18. August 2014)
ISBN-Nr.: 978-3894254476
Preis: EUR 10.99 / CHF 17.90

 

Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Rezension: Ferdinand von Schirach: Tabu

Wahrheit und Wirklichkeit in einer haltlosen Welt

Kinder waren in Sebastians Familie noch nie der Mittelpunkt gewesen. Man brachte ihnen bei, wie man das Besteck beim Essen hält, wie ein Handkuss gegeben wird und dass ein Kind möglichst wenig reden sollte. Aber die meiste Zeit kümmerte man sich nicht um sie.

Sebastian von Eschenbach, Spross einer alten, verarmten Adelsfamilie, wächst in eine Familie hinein, in der er wenig Wärme und Liebe erfährt. Er ist mit seinen Wahrnehmungen, die sich meist in Farben ausdrücken, von denen er denkt, dass alle sie so sehen, alleine.

Er sah, was andere Menschen sehen. Aber in ihm waren die Farben anders. Sie hatten keine Namen, weil es nicht genug Worte für sie gab. […] Nur seine Mutter hatte keine Farbe.

Mit 10 Jahren kommt Sebastian ins Internat, der erste Halt bricht somit weg, vollends verloren ist er, als sein Vater stirbt. Alles, was sein Leben ausmachte, sein Zuhause, seine Familie, war plötzlich weg.

Ein Mensch sei verloren ohne sein Zuhause, hatte er gesagt, auch wenn so ein altes Haus oft anstrengend sei.
[…]
Er wusste nicht, was noch wirklich war, und er wusste nicht, wer er werden sollte.

Sebastian flüchtet sich in das Leben als Künstler, eine Welt zwischen Schein und Realität, in der er aufzuzeigen versucht, dass Wahrheit und Wirklichkeit nicht dasselbe ist. Dieses Thema holt ihn in der Realität ein, als er mit dem Vorwurf konfrontiert wird, eine junge Frau getötet zu haben. Konrad Biegler, sein Strafverteidiger, will ihm helfen und versucht mit ihm, die Wahrheit zu finden.

Ferdinand von Schirach hat mit Tabu einen Künstlerroman geschrieben, der Themen wie das Älterwerden, Einsamkeit, die Suche nach Geborgenheit, Wahrheit und Wirklichkeit behandelt. Quasi en passant beschreibt er Sebastian von Eschenbachs Leben, bleibt dabei immer an der Oberfläche, bemüht jedes nur greifbare Klischee wie die kühle und lieblose Art alten Adels in der Familie, die Kunst als Flucht vor vermissten Gefühlen und Schwierigkeiten im Leben sowie der Künstler als sich nicht festlegen wollender Frauenheld.

Man erkennt in Tabu den analytischen Denker Ferdinand von Schirach, hier und da drücken seine Analysen und auch die Fragen an die Zeit durch, regen zum Nachdenken an, geben eine Ahnung davon, was möglich gewesen wäre.

Das Buch trägt gute Gedanken in sich, Idee und Geschichte sind gut und vielversprechend, die Sprache ist klar und schnörkellos – leider ist das insgesamt zu wenig für einen Roman. Was dem Roman sonst noch fehlt, sind Figuren, mit denen man mitfühlen, in die man sich hineinversetzen, die man überhaupt fassen kann. Die einzige Figur, die plastisch rüberkommt, ist der Strafverteidiger Konrad Biegler, den man als Charakter wahrnimmt und der inmitten der eher schemenhaften anderen Figuren lebendig wirkt.

Fazit:
Viel Potential, das leider selten ausgeschöpft wird. Wer von Schirach mag, wird ihn in der Geschichte erkennen und das eine oder andere für sich mitnehmen.

Zum Autor
Ferdinand von Schirach
Ferdinand von Schirach, geboren 1964, arbeitet als Strafverteidiger und Schriftsteller in Berlin. Seine Erzählungsbände Verbrechen und Schuld wurden, genau wie sein erster Roman Der Fall Collini, zu internationalen Bestsellern. In mehr als 35 Ländern erschienen Übersetzungen. Schirach wurde mit dem Kleist-Preis und anderen – auch internationalen – Literaturpreisen ausgezeichnet. Verbrechen wurde als Serie im ZDF gezeigt, Schuld wird zurzeit verfilmt. Weitere Kinofilme sind angekündigt. Zuletzt erschien im September 2013 sein Roman Tabu.

Angaben zum Buch:
vonSchirachTabuGebundene Ausgabe: 256 Seiten
Verlag: Piper Verlag (11. September 2013)
ISBN-Nr.: 978-3492055697
Preis: EUR 17.99 / CHF 28.90

 Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online unter anderem bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Rezension: Hans-Martin Schönherr-Mann – Hannah Arendt. Wahrheit, Macht, Moral

Die Suche nach der einen Welt

Gesellschaftliche Strukturen lösten sich über die Jahrzehnte immer mehr auf, Individualisierungsprozesse führten immer stärker zu einem Verlust familiärer und sozialer Netze. Vormals gemeinsam getragene Lebensumstände waren vermehrt allein zu tragen, der existentielle Abgrund droht unmittelbarer, da die Netze grobmaschiger werden, die früher auffingen. Leben die Menschen überhaupt noch in einer Welt oder sind mehrere verschiedene Welten zu entwerfen, in denen sich die Individuen bewegen? Hannah Arendt verfolgt diese Frage ihr Leben lang, versucht, zu eruieren, wie eine Welt beschaffen sein müsste, in der Menschen miteinander und in Frieden leben können, indem sie untersucht, was dazu führt, dass sie es nicht tun. Sie analysiert totalitäre Herrschaftssysteme, welche immer wieder grossen Zulauf fanden, schlussendlich aber ins Verderben führten, indem sie erst Halt versprachen in Zeiten grosser Unsicherheit und Haltlosigkeit, danach aber unterdrückten.

Nach Arendt antworteten die totalitären Systeme von Stalinismus und Nationalsozialismus just auf diese Gefühlslagen. Sehr viele Menschen versprachen sich durch ihre Unterwerfung unter solche Herrschaftsstrukturen Sicherheit und Geborgenheit. Dagegen verstärkte der Vormarsch des Totalitarismus solche Gefühle der Unsicherheit natürlich bei seinen Gegnern […]

Arendt setzt auf Pluralität und Kommunikation. Nur in der freien Auseinandersetzung können Menschen in einem Staat leben, können sie Freiheit erfahren. Es geht nicht darum, die Menschen zu vereinheitlichen, sondern sie in ihrer Pluralität anzunehmen und ihnen den Raum zu geben, sich einzubringen.

Die eine Welt entsteht nach Arendt aber nicht, wenn sich die Gesellschaften homogenisieren, indem sie sich ethnisch reinigen. Denn solche einheitlichen Staaten und Gesellschaften schliessen genau jene Welt aus, an der alle teilhaben können und die für Arendt die einzige Welt bleibt, weil die Welt niemand monopolisieren darf und letztlich gar nicht kann.

Erst wenn alle in der Welt zuhause sind und diese mitgestalten, wird es eine geeinte Welt sein, eine, die Halt und Sicherheit für alle verspricht. Dies die Theorie. Wie umsetzbar sie ist, bleibt dahin gestellt. Als Fazit könnte man sagen,

dass menschliches Zusammenleben nur darum und in dem Masse sinnvoll ist, als es in einem „Teilnehmen und Mitteilen von Worten und Taten“ besteht.

Hans-Martin Schönherr-Mann präsentiert in diesem dünnen Buch das Leben und Denken einer grossen Denkerin, er hängt es hauptsächlich an ihren Gedanken zum totalitären System auf, welche durchaus zentral waren (wenn auch nicht die einzigen nennenswerten). Er verfolgt diesen roten Faden analytisch und schlüssig, versteht es, in gut lesbarer Weise auch komplexe Zusammenhänge darzulegen und so einen Einblick in ein Themengebiet zu liefern, das obwohl von Arendt vor Jahren gedacht, noch heute aktuell ist.

Fazit:
Die zeitlosen Gedanken einer herausragenden Denkerin prägnant dargestellt. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Hans-Martin Schönherr-Mann
Hans-Martin Schönherr-Mann wurde am 23. Mai 1952 in Esslingen am Neckar geboren. Er studierte Philosophie, Literaturwissenschaft und Neuere Geschichte an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und promovierte 1982 bei Manfred Riedel und Herbert Ganslandt. Von 1987 bis 1992 war er wissenschaftlicher Assistent für Politische Philosophie und Politische Theorie am Geschwister-Scholl-Institut der Universität München, wo er 1995 habilitiert wurde. Seit 2002 ist er außerplanmäßiger Professor für Politische Philosophie am Geschwister-Scholl-Institut der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er nahm Vertretungs- bzw. Gastprofessuren an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, den Universitäten Innsbruck, Passau, Regensburg, Turin und in Venedig wahr.

 

Angaben zum Buch:
SchönherrArendtTaschenbuch: 208 Seiten
Verlag: C.H. Beck Verlag (15. März 2006)
ISBN-Nr.: 978-3406541070
Preis: EUR 12.90 / CHF 19.70

 

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online unter anderem bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Rezension: Sabine Ibing – Zenissimos Jagd

Die Rache des Verlassenen

Seit November hatte Jeremias das Haus nicht mehr verlassen, seit jenem unglückseligen Tag, an dem er zurück zu seinem Vater in seine alte Wohnung gezogen war. Tagelang lag er im Bett, dachte an Carina. Die Dunkelheit umfing ihn, sogar am Tag.

Jeremias zieht sich aus dem Leben zurück, als ihn Carina verlässt. Seine Welt liegt in Trümmern, er verkriecht sich förmlich vor ihr. Als er sich langsam erholt, beschliesst er, eine Reise zu machen, um auf andere Gedanken und zurück ins Leben zu kommen. Er bucht spontan nach Teneriffa, wo er langsam wieder Lebensmut schöpft, Pläne macht, bis er eines Abends Carina mit ihrem Mann, ihrem Bruder und dessen Frau in einem Café sieht.

Seine Hand krampfte sich zusammen, drückte den Fuss des Weinglases, bis sich der angeschlagene Rand in seinen kleinen Finger bohrte. Jeremias spürte den Schmerz in der Hand wie eine Verletzung von innen, überall in seinem Körper, an jeder Stelle. Es schien, als öffne sich eine alte Wunde, ein eiterndes Geschwür, das abgeheilt sein sollte.

 Jeremias beschliesst Rache. Er will Carina all den Schmerz heimzahlen, den sie ihm angetan hat. Er verfolgt Carina, wo sie geht und steht, verwanzt ihr Haus, ist überall, wo sie ist, ohne sich zu erkennen zu geben – als bedrohlicher Schatten, als Angst einflössende Gefahr.

Carina zuckte zusammen, als sie hinter sich eine Person bemerkte. Die Geräusche der Absätze dröhnten in ihren Ohren, Schlich ER hinter ihr her? […] Drohend empfand sie die hohen Häuser, die eng um sie herum standen […] Auf einmal erschien ihr die Nacht schwarz und böse. Ein Rückweg war nicht möglich.

Langsam gleitet Carina in eine immer grösser werdende Angst hinein, fühlt sich nirgends mehr sicher. Von der Polizei alleine gelassen, fühlt sie sich dieser dunklen Macht hilflos ausgeliefert und fürchtet ab und an gar, den Verstand zu verlieren. Die Geschichte spitzt sich zu, als der Verfolger auch vor Mord nicht zurückschreckt. Lässt er sich noch aufhalten?

 Sabine Ibing ist eine spannende, mitreissende Geschichte zum Thema Stalking gelungen. Sie versteht es, den Plot folgerichtig aufzubauen, so dass man als Leser gebannt Seite um Seite umblättert, um die Auflösung dieses Schreckens zu erleben. Das Thema Stalking wird geschickt in eine Geschichte verpackt, die aufkommende Hilflosigkeit des Opfers glaubhaft und mitfühlbar dargestellt. Die Psyche des Täters bleibt ein wenig zu sehr im Verborgenen, was aber der Glaubhaftigkeit der Geschichte keinen Abbruch tut.

 So gesehen wäre es Lesegenuss pur gewesen, wären nicht die vielen Längen gewesen, die man hätte ausmerzen müssen, weil sie den Lesefluss stoppten, zu viel und zu umständlich Informationen lieferten, die für die Geschichte nicht relevant waren. Dass sich dazu noch Unsummen an Grammatik- und Orthographiefehlern gesellten, machte es nicht besser und ich war einige Male kurz davor, die Lektüre zu beenden, weil ich solche sprachliche Schlamperei nicht mag. Da die Geschichte selber wirklich gut und auch packend erzählt ist, wäre das aber schade und so kann ich nur jeden Leser auffordern, über diese Schwächen hinwegzulesen.

Fazit:
Stalking als Thema spannend erzählt. Packende Story mit sprachlichen Schwächen. Sehr empfehlenswert!

Zum Autor
Sabine Ibing
Sabine Ibing wurde 1959 in Hannover geboren. Ihr Weg führte sie über Teneriffa zurück nach Deutschland und schliesslich in die Schweiz, wo sie heute mit ihrem Mann wohnt. Die studierte Sozialpädagogin veröffentlichte 1999 (noch unter ihrem alten Namen Sabine Rieger) ihren ersten Roman Ch@tlove, seit da liess sie das Schreiben nicht mehr los. 2014 erschien nun ihr zweiter Roman Zenissimos Jagd.

Angaben zum Buch:
IbingZenissimoTaschenbuch: 392 Seiten
Verlag: C. Portmann Verlag (14. Juli 2014)
ISBN-Nr.: 978-3906014197
Preis: EUR 17.80

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online unter anderem bei AMAZON.DE

Rezension: John Irving – In einer Person

Wie einer wird, was einer ist – prägende Begehren

„Mein lieber Junge, bitte stecke mich nicht in eine Schublade. Ordne mich nirgends ein, bevor du mich überhaupt kennst!“ , hatte Miss Frost zu mir gesagt; ich habe es nie vergessen.

Billy wächst in einem kleinen Ort auf, in dem jeder seine Herkunft kennt, weiss wer er ist. Vermutlich wissen es alle besser als er selber, sucht er sich doch in seiner Familie mit einer herrischen Grossmutter und ebensolchen Tante, einem Frauenkleider tragenden Grossvater, einer wunderschönen Mutter und einem abwesenden Vater zu finden.

Wir sind nun mal, wer wir sind, nicht wahr?

Dass in Form des verehrungswürdigen Richard Abbott ein Stiefvater in sein Leben tritt, macht die Suche nicht nur einfacher.

Billy schwärmt. Er schwärmt fürs Theater, für Bücher, vor allem für Miss Frost, die Bibliothekarin. Er schwärmt aber auch für Richard Abbott, für die maskulin wirkende Mutter seiner Freundin Martha, für Kittredge, den attraktivsten Jungen der Schule. Können Schwärmereien falsch sein?

Was wir begehren, prägt uns. Ein flüchtiger Moment verstohlenen Begehrens, und ich wollte Schriftsteller werden und Sex mit Miss Frost haben – nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.

Billys Lebensgeschichte wird anhand seiner sexuellen Gefühle, Wünsche, Prägungen und Erlebnisse (auch erdachten) geschildert. Schulzeit, Freunde und deren Eltern sowie Lebensstationen werden vor dem Hintergrund der allgegenwärtigen Sexualität ausgebreitet.

Sie lassen all diese sexuellen Extreme normal aussehen, das machen Sie.

Dabei vermischen sich im Roman autobiographische und fiktive Momente. Wo die Grenze ist, lässt sich nicht eruieren, was aber für den Roman an sich nicht wichtig ist. Was auffällt in diesem Buch, ist die unglaubliche Belesenheit (oder gute Recherche) von Irving, der sowohl bei der Interpretation von Ibsens wie auch von Shakespeares Werken durchaus fundierte und treffende Analysen liefert.

Das Buch hat wunderbar humorvolle Sätze, es glänzt durch abstruse Gedanken, komische Situationen, witzige Gegebenheiten, tiefgründende Beziehungsanalysen, die subtil in eine scheinbar leicht dahin geschriebene Szene gepackt sind. In all diesen Punkten ist es ein „Irving at his best“. Allerdings wälzt John Irving das Thema Sexualität, Bisexualität, Travestie und viele ähnlich gelagerte Themen bis zum Abwinken. Was schon auf den ersten Seiten offensichtlich ist, wird lange verklausuliert und mit Palaver überdeckt, danach langsam immer offensichtlicher beschrieben (obwohl schon lange klar), um schlussendlich quasi mit der Hammerkeule noch drauf hinzuweisen. Es wäre schön, wenn Irving sich wieder mehr auf seine Stärken – das Skurrile, das Witzige, das Humorvolle und Abstruse – besänne und die gesellschaftspolitischen und aufklärerischen Themen in dieses hinein packte. Hier wollte er – so scheint es – zu sehr auf das Thema hinweisen und hat es damit quasi totgeschrieben.

 

Fazit:
Ein Roman mit Humor, Witz, Absurdität und viel Sexualität – lesenswert, aber gemessen an Irvings Werk kein Meisterwerk. Trotzdem ist es – gemessen an anderem auf dem Markt – empfehlenswert.

 

Zum Autor
John Irving
John Irving wurde 1942 in Exeter in New Hampshire geboren. Als Berufsziele gab er schon sehr früh an: Ringen und Romane schreiben. Irving lebt und schreibt heute abwechselnd in New England und Kanada. Seine bisher 12 Romane wurden alle Weltbestseller und in 35 Sprachen übersetzt. Vier seiner Romane wurden verfilmt. 1992 wurde Irving in die National Wrestling Hall of Fame in Stillwater, Oklahoma, aufgenommen, 2000 erhielt er einen Oscar für die beste Drehbuchadaption für die Verfilmung seines Romans Gottes Werk und Teufels Beitrag. Von ihm erschienen sind unter anderem (auf deutsch) Garp und wie er die Welt sah (1979), Das Hotel New Hampshire (1982), Gottes Werk und Teufels Beitrag (1988), Zirkuskind (1995), In einer Person (2012).

 

Angaben zum Buch:
IrvingPersonBroschiert: 752 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag (27. November 2013)
Übersetzung von: Hans M. Herzog, Astrid Arz
ISBN-Nr.: 978-3257242706
Preis: EUR 12.90 / CHF 19.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Rezension: Martin Walker – Reiner Wein. Der sechste Fall für Bruno, Chef de Police

 Die Vergangenheit zieht ihre Fäden

Wie hängen ein toter Résistance-Veteran, eine Einbruchserie und ein brutaler Mord an einem schwulen Antiquitätenhändler zusammen? Nachdem es anfänglich wenige Verbindungen gibt, finden sich mehr und mehr Fäden, die sich schliesslich zu einem dichten Netz verstricken. Bruno, der sympathische Chef de Police von Saint-Denis hat alle Hände voll zu tun. Dass diese Fälle in eine Zeit fallen, die wegen anstehender Neuwahlen und dadurch angestachelte Profilierungszwänge politisch schwierig ist, erleichtert die Aufklärung nicht. Bruno lässt sich nicht beirren, verfolgt die Ursprünge der Verbrechen bis in die tiefe Vergangenheit, in die Zeit der Résistance und zurück zu einem nie aufgeklärten, sagenumwobenen Zugüberfall in Neuvic 1944. Dank der tatkräftigen Hilfe seiner Freunde setzt sich das Puzzle langsam zusammen.

Man mische ein (oder mehrere) Verbrechen, einen Sympathieträger als Ermittler, dessen Frauengeschichten und des Mannes Schwanken zwischen ihnen sowie viele Freunde, gutes Essen und ebensolchen Wein in einer malerischen Umgebung: Fertig ist ein Walker-Krimi. Auch die Spannung kommt nicht zu kurz, allerdings wird sie im neuen Fall arg oft durch unnötige Längen strapaziert, die ein guter Lektor hätte eliminieren müssen. Hätte der Korrektor noch alle Fehler (und es hatte so einige) gefunden, wäre der Lesegenuss noch grösser gewesen.

Trotzdem ist zu sagen, dass das Buch unterhält, man sich schnell hineinfindet in die Geschichte und sich bei all den bekannten Charakteren gleich wieder zu Hause fühlt. Wie schon beim fünften Fall von Bruno ist auch bei diesem zu sagen: Nach Schreiblehrgang vorgehend ist der Protagonist perfekt gezeichnet, der Antagonisten relativ farblos, aber ausreichend, der Schauplatz lebendig, so dass man sich mittendrin fühlt, der Plot stringent.

[Mich hat das Buch zeitweise so gepackt, dass ich vergass, aus dem Zug aus- oder in den Zug einzusteigen, weil ich so ins Lesen vertieft war. Wie bei jedem Buch von Martin Walker nehme ich mir auch dieses Mal vor, diese Region mal besuchen zu wollen (vielleicht in der leisen Hoffnung, dort auf Bruno und seine Freunde zu treffen).]

 

Fazit:
Leichte Unterhaltung mit Spannung und ans Herz wachsenden Protagonisten. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Martin Walker
Martin Walker wurde 1947 in Schottland geboren. Er studierte in Oxford Geschichte, wechselte dann nach Harvard, um internationale Beziehungen und Wirtschaft zu studieren. Nach dem Abschluss war er viele Jahre im Journalistischen Bereich (The Guardian, Global Businell Policy Council) tätig. Und veröffentlichte daneben Werke über politische Themen. 1999 folgte der Umzug nach Périgord, wo er durch die Umgebung und ihre Bewohner zu seinen Kriminalromanen rund um Bruno, Chef de Police, inspiriert wurde. Von ihm erschienen sind unter anderen Bruno, Chef de police (2009), Grand cru. Zweiter Fall für Bruno, Chef de police (2010), Schatten an der Wand (2012), Femme fatale. Der fünfte Fall für Bruno, Chef de police (2013), Reiner Wein. Der sechste Fall für Bruno, Chef de police (2014).

 

Angaben zum Buch:
WalkerReinerWeinGebundene Ausgabe: 432 Seiten
Verlag: Diogenes Verlag (30. April 2014)
Übersetzung von: Michael Windgassen
ISBN-Nr.: 978-3257068962
Preis: EUR 22.90 / CHF 34.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Meine Liebe zur Literatur

Als ich ein kleines Mädchen war, ging meine Mutter mit mir in die Bibliothek in unserem Ortsteil. Jede Woche gingen wir ein bis zweimal dahin, holten neue Bücher, brachten alte zurück. Ich habe mich über die Jahre wohl durch grosse Teile der Kinder- und Jugendliteratur gelesen. Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke? Noch mehr Bücher (natürlich auch anderes). Die Schulzeit war eine harte Bewährungsprobe für meine Literaturliebe, doch sie überlebte. Dass ich danach Literaturwissenschaft studierte, war nicht wirklich erstaunlich. Die zweitschönste Zeit im Studium war die Vorbereitung auf die Zwischenprüfung. An die 100 Werke wollten gelesen werden. Ein halbes Jahr hatte ich Zeit. Die schönste Zeit war meine Masterarbeit. Ich lebte 9 Monate mit Thomas Mann. Hörte seine Musik, las seine Bücher, seine Biographien, seine Briefe, schaute Filme über sein Werk. Wo ich ging und stand – er war dabei, in mir, mit mir.

Immer wieder hörte ich in der Zeit des Studiums, vor allem bei meinem Masterthema, aber auch danach: Wie kann man das nur lesen? Das ist so öde, so langatmig alles, schwere Kost. Wieso las ich es und wieso mit so viel Freude? War das wirklich alles nur Schnee von gestern? Ich empfand es nie als schwere Kost und wenn, liess ich es sein, sie zu lesen. Lesen muss berühren, lesen muss mir was geben. Wenn ein Buch nicht gefällt, lass ich es sein, egal, wie sein Autor heisst. Es gibt Autoren, die ich liebe, aber eines ihrer Werke nicht lesen konnte, weil es mir nicht gefiel, es gibt auch sogenannt grosse Namen, die ich schlicht nicht lesen kann, weil mich ihr Stil nicht anspricht, mir ihre Bücher nichts geben und nur Zeit nehmen. Durch einige kämpfte ich mich durch, die meisten liess ich nach einigen Seiten links liegen.

Heute lese ich viel zeitgenössische Literatur. Verglichen mit meinen Klassikern ist sie oft wirklich sehr leichte Kost, wobei ihr die Leichtigkeit nicht wirklich als Qualitätsmerkmal gereicht. Darf ich sie kritisieren? Ist es als Rezensent meine Aufgabe, sie zu zerreissen und in die Tonne zu werfen? Tue ich damit nicht einem Schriftsteller unrecht, der sich Mühe gab, eine Idee hatte und sie auf seine Weise kreativ umsetzte? Gibt es objektive Qualitätsmerkmale von Literatur und wer setzt sie fest? Erhofft sich nicht jeder Leser etwas anderes von einem Buch und stellt damit andere Ansprüche, bei denen es oft nicht um literarische Qualität sondern um reine Unterhaltung, Ablenkung, Freude geht? Kann nicht jemand etwas ansprechend finden, das mir das Gesicht einschlafen lässt? Darf ich schreiben, dass es mir so geht oder schreibe ich besser gar nichts?

In vielen Bücherblogs lese ich, dass sie nur Bücher loben wollen, keine kritisieren. Bücher, die nicht gefallen, werden einfach nicht besprochen. Vielleicht auch mal ne Kritik verschluckt, wenn das Buch sonst ok war? Ich weiss es nicht, ich habe mich schon bei der Versuchung ertappt, weil ich niemandem auf die Füsse trampeln wollte, weder dem herausgebenden Verlag noch dem Schriftsteller (wobei ich nicht denke, dass die meine Rezension lesen, insofern wäre es ja eigentlich egal, könnte man meinen). Bislang verzichtete ich auf die Beschreibung eines Buches, das mir nicht gefiel, vor allem, da ich es vermied, es fertig zu lesen.

Kann ich ein Buch kritisieren, das ich nicht lesen konnte, weil es einfach nur zum Einschlafen war oder gänzlich schlecht? Kürzlich gab es eine Diskussion zu dem Thema und es war viel Entsetzen über dieses Vorgehen zu lesen. Man werde dem Buch dabei nicht gerecht. Das mag sein, doch wenn man deklariert, dass man nur einen Teil gelesen hat und sagt, wieso nicht mehr, dann ist das doch eigentlich die reine Wahrheit? Und auch eine Aussage, nämlich, dass das Buch es nicht schaffte, den Leser zu packen.

Ich habe beschlossen, in Zukunft auch Bücher zu besprechen, die ich nicht mag, die mir nicht gefallen, gegen die ich Einwände habe. Habe ich vorher gedacht, es zu tun wäre vielleicht unfair dem Schriftsteller gegenüber, der es geschrieben hat, so denke ich heute, es zu unterlassen wäre unfair den Schriftstellern gegenüber, die gute Literatur schreiben, die wirklich lesenswert sind, die sich abheben von dem oft so ermüdenden Einheitsbrei, der sich durch besondere Originalität und abstruse Stilmittel von anderen abheben will und dabei nur noch langweiliger wird, weil die Geschichte in den Bemühungen untergeht.

Dabei bleibt immer zu bemerken, dass alles, was ich über das Gelesene schreibe, meine Meinung widerspiegelt und keinen Anspruch auf allgemeine Gültigkeit hat. Auf der Seele brennt mir dieses Thema schon eine Weile, es wird brennender, da ich seit Wochen an ein und demselben Roman lese (oder eben nicht lese), mittlerweile kämpfend bei Seite 117 angelangt bin und es mir graut, nur noch eine Zeile weiter zu lesen. Die Chance bestünde sicher, dass alles noch besser wird, beim blättern durch die verbleibenden über 200 Seiten sieht das aber nicht so aus. Man darf gespannt sein, was ich damit anstellen werde.