Kunstmuseum Basel (Hrsg.): Der verborgene Cezanne. Vom Skizzenbuch zur Leinwand (Rezension)

Dem Künstler über die Schulter geschaut

Cezanne2Paul Cezanne ist vor allem für seine Malerei bekannt, die sich über die Jahre verschiedenen Stilrichtungen zurechnen liess: Ausgehend von der Romantik und dem Realismus wandte er sich dem Impressionismus zu, von welchem er sich später wieder distanzierte, um später, in der „Periode der Synthese“ auf Flächen und Perspektiven zu setzen.

„Die farbigen Flächen, immer die Flächen! Der farbige Ort, wo die Seele der Flächen bebt, die prismatische Wärme, die Begegnung der Flächen im Sonnenlicht. Ich entwerfe meine Flächen mit meinen Farbabstufungen auf der Palette, verstehen Sie mich! […] Die Flächen müssen deutlich in Erscheinung treten. Deutlich […] aber sie müssen richtig verteilt sein, ineinander übergehen. Alles muss zusammenspielen und doch wieder Kontraste bilden. Auf die Volumen allein kommt es an!“

Cezanne3Dass Cezanne auch ein hervorragender Zeichner war, zeigt der vorliegende Kunstband. Er ist zugleich der Katalog zur Ausstellung im Kunstmuseum Basel, welche vom 10. Juni bis am 24. September 2017 unter dem Titel „Vom Skizzenbuch zur Leinwand“ läuft. Mit rund 154 Blättern (zählt man die 75 Zeichnungen der Rückseiten dazu, welche nicht alle sichtbar sind in der Ausstellung, sind es insgesamt 229 Zeichnungen) verfügt das Kunstmuseum Basel über den weltweit grössten Bestand an Zeichnungen Cezannes. In der Ausstellung werden erstmals sämtliche Zeichnungen der Sammlung gezeigt, welche sonst wegen ihrer Empfindlichkeit in Depots ruhen.

Zu Lebzeiten hatte Cezanne seine Zeichnungen, die man erst im Nachlass fand, nie ausgestellt. Kein Wunder also, dachte man lange, er könne gar nicht zeichnen. Umso beeindruckender ist es nun, seine Zeichnungen zu sehen und eines Besseren belehrt zu werden. Der vorliegende Band zeigt einerseits die Zeichnungen, weist sie andererseits auch teilweise als Vorstudien zu seiner Malerei auf der Leinwand aus, so dass man als Betrachter den Schaffensprozess nachvollziehen kann.

Die gut lesbaren, kompetenten und informativen Artikel zu Cezannes zeichnerischem Schaffen und dem daraus entstandenen zeichnerischen Werk runden das Buch ab, das hochwertig gestaltet ist und durch ein ansprechendes Layout verfügt.

Fazit
Ein informatives, tiefgründiges und hochwertig gestaltetes Buch, das sich fundiert mit Cezannes zeichnerischem Schaffen und seinen Zeichnungen auseinandersetzt. Absolut empfehlenswert.

Link zur Ausstellung: HIER

Link zum Kunstmuseum Basel: HIER

Angaben zum Buch:
CezanneGebundene Ausgabe: 288 Seiten
Verlag: Prestel Verlag (19. Juni 2017)
ISBN: 978-3791356518
Preis: EUR: 49.95 ; CHF 69.90
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S. Colin, S. Mallet: Das einfachste Nähbuch der Welt (Rezension)

Schnell und einfach nähen in maximal 5 Schritten

ColinNähenIch erinnere mich noch gut an meine Zeit in der Primarschule, als Handarbeitsunterricht fix im Stundenplan war. Es war ein Graus. Ich langweilte mich fürchterlich, wäre lieber ins Werken gegangen, das damals den Buben vorbehalten war. So kämpfte ich mich durch Häkeltierchen und Strickschals, nähte fluchend vor mich hin und sah nur eine Lösung gegen die Langeweile: Schwatzen. Aus mir noch heute unerfindlichen Gründen durfte man das aber nicht im Handarbeitsunterricht. Schweigend mussten wir an unseren Tischen sitzen und vor uns hin arbeiten. Dass ich mich nicht daran gehalten habe, versteht sich von selber, ich hatte zum Glück eine wirklich gutmütige Lehrerin, welche jeweils in der letzten Stunde vor Zeugnisvergabe fand: Wenn ich in dieser Stunde wenigstens nur flüstern statt raut reden würde, gäbe es beim Betragen trotz allem noch ein „gut“. Ich habe es mehrheitlich geschafft.

In letzter Zeit wurmte mich der mangelnde Einsatz in den Handarbeitsstunden ein wenig, vor allem, wenn ich im Netz selber genähte Dinge sah, die mir wirklich gefielen. Da ich auch immer auf der Suche nach dem perfekten Etui für meine Zeichenstifte bin, es aber nie finde, kam mir das einfachste Nähbuch wie gerufen. Damit könnte vielleicht sogar ich es schaffen, etwas zu nähen. Ich wurde nicht enttäuscht.

Das Buch ist wirklich gut aufgebaut für einen ungeübten Näher. Zuerst wird das nötige Material abgebildet und sein Einsatz erklärt, dann werden verschiedene grundlegende Nähtechniken in Bild und Text gut nachvollziehbar vorgestelltund schon geht es an die ersten Nähprojekte.

Die Projekte sind mehr als simpel und in maximal 5 Schritten zu nähen. Am Anfang steht das jeweils benötigte Material sowie ein Verweis auf die jeweilige anfangs vorgestellte Nähtechnik, dann kommt Schritt für Schritt die Anleitung – wieder in Text und Bild. Von Kleidern über Etuis hin zu Notizbuchumschlägen ist alles dabei. Am Ende des Buches finden sich noch einige Vorlagen wie zum Beispiel für einen Bären oder eine Puppe, die man leicht durchpausen und dann im jeweiligen Projekt mit Stoff umsetzen kann.

Meine Stifte kriegen wohl bald ein neues Zuhause.

Fazit:
Ein wirklich tolles Nähbuch für Anfänger – Schritt für Schritt werden einfach zu realisierende Projekte erklärt und die Resultate lassen sich sehen. Sehr empfehlenswert.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
Verlag: Edition Michael Fischer; Auflage: 1 (20. Juli 2017)
ISBN-NR: 978-3863557942
Preis: EUR: 24.99 ; CHF 36.90
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Stefanie Hiekmann: 1 Pot Pasta – Aromen aus aller Welt

30 neue Nudelgerichte aus einem Topf

Hiekmann1Ich bin bekennender Teigwarenfan, könnte wohl jeden Tag Teigwaren essen und es würde mir nie verleiden. Wenn man ein wenig kreativ ist, kann man immer wieder neue Saucen zaubern, welche Abwechslung auf den Teller bringen. Wie es so ist im Leben, gibt es auch beim Kochen gewisse Gewohnheiten, man hat irgendwann ein Repertoire an Rezepten und kocht diese in wechselnden Reihenfolgen. Das passiert mir auch mit meinen Pastasaucen: Eine Basis aus ähnlichen Zutaten wird durch verschiedene Beigaben variiert, die Bandbreite ist aber über die Zeit kleiner geworden.

Dem wollte ich an den Kragen gehen und stiess auf das Buch 1 Pot Pasta – Aromen aus aller Welt. Nicht nur finden sich darin Saucenrezepte, die über die üblichen Tomaten- und Käsesaucen hinausgehen, einem Abwaschmuffel wie mir kommt es natürlich sehr entgegen, wenn nur ein Topf im Einsatz ist beim Kochen. Die Rezepte bewegen sich kreuz und quer durch die Welt, von Italien über Marokko bis Thailand ist alles dabei. Wer denkt, Ananas oder Wassermelonen hätten im Spaghettitopf nichts zu suchen, der irrt gewaltig.

Das Kochbuch ist sehr ästhetisch gestaltet, die Bilder sind ansprechend, die Titel im Letteringstil gehalten und alles auf schwarzem, hochwertigem Papier gedruckt. Ein wirklich schönes Kochbuch, das zum Nachkochen anregt. Die Kochanleitungen sind auch für Kochanfänger gut verständlich, die Rezepte relativ schnell gekocht: Es gibt also keine Ausrede mehr, nicht zu kochen. Ich mach wohl bald mal wieder eine Spaghetti-Woche: Jeden Tag ein anderes Spaghettirezept.

Wer doch lieber bei gewohnten Spaghettigeschmacksrichtungen bleiben möchte, für den gibt es den Vorgänger dieses Buches: One Pot Pasta…basta! (HIER)

Fazit:
Ein wirklich tolles Kochbuch mit neuen Rezeptideen und Geschmacksrichtungen für Teigwarenliebhaber. Sehr empfehlenswert.

Zur Autorin
Stefanie Hiekmann (Jahrgang 1990) ist Food- und Gastrojournalistin und lebt in Osnabrück. Sie arbeitet für verschiedene regionale und überregionale Zeitungen, Magazine und Zeitschriften und ist darüber hinaus als Buchautorin tätig.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 64 Seiten
Verlag: Edition Michael Fischer; Auflage: 1 (20. Juli 2017)
ISBN-NR: 978-3863557836
Preis: EUR: 9.99 ; CHF 14.90
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J. M. Coetzee: Schande (Rezension)

Sein Leben spielt sich im Rahmen seines Einkommens, seines Temperaments, seiner emotionalen Möglichkeiten ab. Ob er glücklich ist? Nach den meisten Wertmassstäben, ja, er glaubt es jedenfalls.

David Lurie, 52, zweimal geschieden, Vater einer Tochter, unterrichtet an der Universität mässig interessierte Studenten und lebt daneben ein Leben in eingefahrenen Bahnen. An die Liebe für sich glaubt er nicht mehr, was er sexuell braucht, holt er sich in Affären oder bezahlten Stelldicheins. Eine Affäre mit einer Studentin bringt ihn in Ungnade und er muss seine Stelle an der Universität künden. Er verlässt Kapstadt und zieht vorübergehend zu seiner Tochter Lucy, welche weit ab der ihm vertrauten Zivilisation eine kleine Farm betreibt – ein Unterfangen, das nicht ungefährlich ist für eine alleinstehende Frau und das er als Vater nicht verstehen kann. Trotzdem schickt er sich in das Farmleben und merkt, wie es ihn verändert.

CoetzeeSchandeWie schon Die jungen Jahre lebt Schande von den inneren Monologen des Protagonisten und besticht durch eine einfache, fliessende Sprache. J. M. Coetzee erzählt die Geschichte David Luries aus dessen Perspektive. Als Leser kann man diesem beim Denken zusehen, sieht, wie er sich und sein Tun hinterfragt und auch grundsätzliche Überlegungen zum Leben anstellt. Lurie ist ein sehr körperfixierter Mensch, der andere Menschen vordergründig nach deren Optik einordnet und auch verurteilt, wenn sie seinen Schönheitsidealen nicht entsprechen.

Luries Tochter erscheint als das pure Gegenteil ihres Vaters, was sich in ihrer vernachlässigten Erscheinung (die der Vater mehrfach analysiert) ausdrückt, aber auch in ihrem Leben auf dem Land. Durch das Zusammenleben der beiden und die Situationen, in die sie geraten, merkt man aber, dass sie durchaus gewisse Züge gemeinsam haben: Beide halten sie stur an einer Sicht fest und lassen sich ungern dreinreden. Beide haben sie eine grosse Portion Trotz in ihrem Verhalten und verharren in Sichtweisen, die sie vor sich begründen, anderen aber nicht begreiflich machen können.

Schande ist ein grossartiges Buch über menschliche Beweggründe, menschliche Beziehungen und auch menschliche Abgründe. Es ist ein Buch, das einen in den Bann zieht und nicht mehr loslässt – bis kurz vor dem Schluss. Ab dem 20. Kapitel lässt der Sog nach, es folgen Seiten, die wenig mit der Geschichte an sich zu tun zu haben scheinen. Fast mutet es an, als ob Coetzee nicht wusste, wie er diese grossartige Geschichte zu Ende bringen kann. Das Ende selber ist denn auch wenig überzeugend.

Nabokov hat sich mal über die Unsitte geäussert, Bücher fertig lesen zu müssen. Er sagte sinngemäss, dass man Bücher durchaus auch vor deren Ende weglegen könne, weil die Geschichte für einen selber an einem Punkt zu Ende war, bevor der Autor selber ein Ende gefunden hat. Dies war für mich bei Kapitel 20 der Fall. Dass ich doch noch fertig las, hängt damit zusammen, dass das Buch bis dahin so grossartig war, dass ich doch gespannt war, ob noch etwas passiert, das dieser Geschichte einen wirklichen Schluss gibt. Irgendwie besticht sie aber gerade durch ihre Offenheit. David Lurie und Lucy werden weiterleben, Dinge werden passieren, die man sich als Leser ausdenken kann, bei denen man aber nicht mehr dabei ist. Fast so, als hätte man Bekannte besucht, eine Weile mit ihnen gelebt, und sei dann weiter gegangen.

Fazit:
Erzählkunst auf ganz hohem Niveau. Coetzee entführt den Leser in die Welt Südafrikas mit all ihren Spannungen sowie in die Beziehungsgeflechte eines Vaters und dessen Tochter. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor und zur Übersetzerin
M. Coetzee, der 1940 in Kapstadt geboren ist und von 1972 bis 2002 als Literaturprofessor in seiner Heimatstadt lehrte, gehört zu den bedeutendsten Autoren der Gegenwart. Er wurde für seine Romane und sein umfangreiches essayistisches Werk mit vielen internationalen Preisen ausgezeichnet, u. a. zweimal mit dem Booker Prize, 1983 für ›Leben und Zeit des Michael K.‹ und 1999 für ›Schande‹. 2003 wurde ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen. Coetzee lebt seit 2002 in Adelaide, Australien.

Literaturpreise:
u.a.: Lannan Literary Award 1998, Booker Prize 1983 (für ›Leben und Zeit des Michael K.‹), Booker Prize 1999 (für ›Schande‹), Commonwealth Writers Prize 1999 (für ›Schande‹), ›Königreich von Redonda-Preis‹ 2001, Literaturnobelpreis 2003

Reinhild Böhnke wurde 1944 in Bautzen geboren und ist als literarische Übersetzerin in Leipzig tätig. Sie ist Mitbegründerin des sächsischen Übersetzervereins. Seit 1998 überträgt sie die Werke J. M. Coetzees ins Deutsche, weiter hat sie u. a. Werke von Margaret Atwood, Nuruddin Farah, D.H. Lawrence und Mark Twain ins Deutsche übertragen.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch:288 Seiten
Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag (1. Juli 2001)
ISBN-Nr.: 978-3596150984
Preis: EUR 9.95 / CHF 14.90
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Dem Leben entlang – mein Buch

lebensatem
leben als dichten
wenn rhythmus und reim atmen
im sein

welten bestehen
als verse nur, zeilen in moll und
in dur

dasein in worten
und bildern aus klang von innen
heraus

Letzten Donnerstag klingelte es an der Tür: Der Postbote brachte ein Paket. Nichts ahnend packte ich auf und dann hatte ich es in der Hand: Mein Buch.

Ich habe lange überlegt, ob ich es bei einem Verlag publizieren will oder als Selfpublisher. Ich hatte auch zwei Zusagen von kleinen Verlagen, habe mich dann aber doch fürs Selfpublishing entschieden. Und da war es also: Meine Gedichte zwischen zwei Buchdeckeln, alles selber gestaltet mit einer meiner Zeichnungen als Titelbild. Ein wunderbares Gefühl, das eigene Buch in den Händen zu halten.

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Sonst stelle ich immer andere Bücher vor, dieses Mal mein eigenes.

Meine Gedichte fangen da an, wo das rationale Denken anstösst, weil es die richtigen Wörter nicht mehr findet. Sie hangeln sich dem Leben entlang und tragen nach aussen, was innen passiert, was vorgeht, sich dreht, weiter geht, einen auch zurück lässt: Ahnungslos, haltlos, hilflos, aber immer suchend, staunend, zweifelnd, sich freuend oder auch trauernd.

Meine Gedichte sind Bilder des Lebens in Klänge gepackt, sie sind der pulsierende Atem des Lebens im Rhythmus der Sprache.

Ich bewege mich in der Sprache durchs Leben, schaue hin, gehe tief, suche, finde, schreibe. Zuerst ist die Idee, dann der Rhythmus, es finden sich die Worte. Die Form folgt dem Inhalt, sie ist nie beliebig, sondern die passende Vase für die Blumen der Sprache.

Ich will verstanden werden, weswegen ich nie die Sprache in möglichst gesuchte Wendungen presse. Ich gehe durchs Leben, immer mit einem Fuss auf dem Boden und einer Hand zum Himmel gestreckt. So sind auch meine Gedichte.

Nacht
Aufgewacht,
an dich gedacht
Kaffee gemacht
die Nacht bedacht
vor Glück gelacht
den Tag verbracht
die Sehnsucht wacht
nach dieser Nacht

Das Buch kann man hier kaufen:

Bei mir – wenn gewünscht mit Widmung – via Mail: HIER
Bei Epubli: HIER
Bei Amazon: HIER

Karl-Heinz Ott: Die Auferstehung (Rezension)

Spätpubertäre Kinder und plakative Sprache

Mit folgendem Text wurde das Buch angekündigt:

„Vier Geschwister kehren in das elterliche Haus in der süddeutschen Provinz zurück. Joschi ist eigentlich nur ein Clochard, irgendwo zwischen Karl Marx und verlottertem Mönch. Jakob ein Fernsehmann mit winziger Mansarde in Paris. Uli ein alternativer Aussteiger mit wechselnden Vorlieben. Nur Linda ist auch im Privatleben eine Macherin. Ihren Vater haben sie kaum gesehen, seit der sich von der »ungarischen Hure« pflegen lässt. Jetzt ist er tot. Morgen früh wird das Testament eröffnet, bis dahin muss das Erbe verteilt sein. Keiner verlässt das Haus – und nach einer langen Nacht kommt der Augenblick der Wahrheit.“

OttAuferstehungEigentlich hätte ich da schon wissen müssen, dass das nichts wird mit mir und dem Buch. Schon diese wenigen Zeilen haben so viel Plakatives in sich: Ein Clochard zwischen Karl Marx und verlottertem Mönch. Wie soll man sich den bitte vorstellen? Wo haben die beiden Pole des gewählten Vergleichs eine Ebene, auf der man dann als Clochard in der Mitte sein könnte? Dann der alternative Aussteiger: Sind Aussteiger nicht per se alternativ, indem sie sich eben gegen ein Leben in einer Gesellschaft entscheiden, ein alternatives Leben dazu leben? Schlussendlich Linda, die im Privatleben eine Macherin ist. Was genau macht eine Macherin privat? Müsste sie nicht beruflich eine Macherin sein? Den Fernsehmann Jakob kann man stehen lassen, wenn auch nicht klar wird, wieso in einem so kurzen Text wichtig ist, dass er in einer winzigen Mansarde wohnt und die in Paris ist.

Leider hat schon der erste Satz bestätigt, was als leise Ahnung da war

Komm heim, so schnell es geht, Papa ist tot, hatte Linda frühmorgens, kaum dass es Tag war, ins Telefon gehechelt und am Ende des knappen Gesprächs gestöhnt: Gottlob!

Ich mag grundsätzlich lange Sätze, auch Schachtelsätze, aber: Für diesen hier gibt es keinen Grund. Er wirkt nur gequält, in die Länge gezogen, krampfhaft um noch einen Einschub erweitert. Frühmorgens ist zudem immer dann, wenn es noch kaum Tag ist, und: Wieso hechelt sie? War sie vorher noch joggen? Und wenn sie ja froh ist über des Vaters Tod, was man aus dem „Gottlob“ entnehmen kann: Wieso stöhnt sie?

Nun kann man sagen, ich sei zu pingelig, aber solche Dinge sind schlicht und einfach Gründe für mich, ein Buch schnell zur Seite zu legen. Was so anfängt, wird sich kaum ändern. Ich wollte dem Buch aber doch eine Chance geben. Ich las also weiter. Der nächste Satz war leider nicht viel sinnvoller:

Was soll das heissen, dachte Jakob, obwohl doch klar war, was sie meinte.

Und danach ging es in einer Art innerem Monolog Jakobs weiter. Der Leser erfährt von einem Feind Lindas, der „das Schwein“ genannt wird, der hier Denkende sitzt zuerst mit den vier Geschwistern im Haus des Toten, dann denkt er an den Aufbruch zurück, dann an das, was er eigentlich hätte tun müssen. Er erzählt dem Leser von seinem Trotz gegen die Bitte seiner Schwester, sofort zu kommen, indem er extra langsam machte.

Wenn einer tot ist, kann er ruhig warten, es schmerzt ihn nicht, dachte Jakob und blieb noch ein paar Stunden, wie einer, der sich selbst zuschaut und denkst: Ich bin es, bin es nicht.

Ich weiss nun nicht genau, wie einer aussieht, der sich zuschaut und dabei denkt, er sei es oder aber auch nicht, da ich dies noch nie gemacht habe. Meistens bin ich mir eigentlich sicher, ich zu sein. Auf alle Fälle schaut sich Jakob noch ein wenig selber zu, sucht nach Trauer oder Selbstmitleid, denkt an die Eltern und die Kindheit zurück. Und so plätschert das Buch vor sich hin, strotzt nur so vor Absonderlichkeiten und plakativen Ausdrücken.

Nach knapp 50 Seiten habe ich aufgegeben. Aufgrund des Titels würde ich annehmen, dass der Vater gar nicht tot ist, sondern irgendwann wieder aufersteht. Daraus hätte man etwas Gutes machen können. Leider hat der Autor das nicht gemacht.

Fazit:
Spätpubertäre Kinder kommen zusammen, weil der Vater vermeintlich tot ist, und ziehen in plakativer Weise über alles und jeden her. Keine Leseempfehlung!

Zum Autor
Karl-Heinz Ott wurde 1957 in Ehingen bei Ulm geboren. Er studierte Philosophie, Germanistik und Musikwissenschaft und arbeitete anschließend als Dramaturg in Freiburg, Basel und Zürich. 1998 erschien sein Debütroman ›Ins Offene‹, für den er den Förderpreis des Hölderlin-Preises und den Thaddäus-Troll-Preis erhielt. Auch die nachfolgenden Romane ›Endlich Stille‹ und ›Ob wir wollen oder nicht‹ wurden mehrfach mit Literaturpreisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Förderpreis des Friedrich-Hölderlin-Preises (1999), dem Alemannischen Literaturpreis (2005), dem Preis der LiteraTour Nord (2006), dem Johann-Peter-Hebel-Preis (2012) dem Wolfgang-Koeppen-Preis (2014). Karl-Heinz Ott lebt in Freiburg.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 352 Seiten
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (10. Februar 2017)
ISBN-Nr.: 978-3423145510
Preis: EUR 11.90 / CHF 16.90
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Erich Kästner: Zwischen hier und dort (Rezension)

Reisen mit Erich Kästner

Fahrt in die Welt
Seltsam ist’s mit einem Schiff zu fahren,
das sich abschiedsschwer vom Ufer trennt.
Jenes Land, in dem wir glücklich waren,
wird ein Strich am Firmament.

Lange stehen wir an Bord und winken,
bis die Heimat wie ein Traum vergeht.
Muss das Alte immer erst versinken,
ehe Neues aufersteht?

Doch dann schauen wir nicht mehr zurück.
Unbekannte Ufer werden kommen
und vielleicht ein unbekanntes Glück.
Und das Herz ist fast beklommen.

Und wir freuen uns am Wunderbaren,
und wir reisen gern durch neue Meere.
Herrlich ist es, in die Welt zu fahren,
wenn nur nicht das Heimweh wäre!

Erich Kästner reiste gerne und er reiste vor allem gerne mit dem Zug. In der Eisenbahn kam er schnell vorwärts und konnte dabei den Menschen um sich beim Reisen zuschauen, aber auch in sich selber gehen und das eigene Reisen hinterfragen. Er reiste selten alleine, oft waren Freundinnen dabei oder aber die Mutter. Immer plante er dabei die Reisen sorgfältig, Abenteuer überliess er lieber seinen Romanfiguren wie zum Beispiel dem Amfortas Kluge, welcher in den Kongo will und am Nordpol landet.

Wem Gott will rechte Gunst erweisen
(vorausgesetzt, dass es ihn gibt),
den lässt er in ein Seebad reisen,
besonders wenn er die Berge liebt.

Im vorliegenden Buch hat die Herausgeberin Sylvia List Texte Kästners vereint, die alle eines gemeinsam haben: Das Thema Reisen. Es finden sich Gedichte sowie kurze Reiseanekdoten, welche vom Scharfblick und der spitzen Zunge ihres Autors zeugen.

Sie schmorten zu Tausenden in der Sonne, als sei die Herde schon geschlachtet und läge in einer riesigen Bratpfanne. Manchmal drehten sie sich um. wie freiwillige Koteletts.

Neben diesen wunderbaren Metaphern finden sich Anleitungen zum Schreiben von Reiseberichten, Gedanken dazu, wie einer überhaupt zu reisen hätte, was er an Garderobe einpacken nicht versäumen dürfe, welches Verhalten auf Reisen angebracht ist sowie Gedanken darüber, was Reisen bedeutet.

Reisen fördert die Völkerversöhnung. […] Die Touristen sind Kriegsgegner; sie bilden einen unsichtbaren Völkerbund.

Entstanden ist ein wunderbares Lesebuch, das Einblicke in das Denken, Schreiben und Dichten des Autors Erich Kästner gewährt und Lust auf mehr macht, zumal neben den Gedichten und kurzen Texten auch Auszüge aus Kästners Roman Fabian in diesem Buch enthalten sind.

Fazit:
Ein wunderbares Buch zum Reisen, das Erich Kästner in all seinen Eigenheiten, seinem Sprachwitz, seinem Scharfblick sowie seiner Erzählgabe sichtbar macht. Absolute Leseempfehlung!

Zum Autor und zur Herausgeberin
Erich Kästner wurde 1899 in Dresden geboren und starb 1974 in München. Der Schriftsteller, Satiriker, Dramatiker und nicht zuletzt Autor der berühmten Kinderklassiker ›Das doppelte Lottchen‹, ›Das fliegende Klassenzimmer‹, ›Pünktchen und Anton‹, ›Emil und die Detektive‹ und ›Die Konferenz der Tiere‹ wurde mit zahlreichen Preisen bedacht (u.a. mit dem Büchner-Preis und der Hans-Christian Andersen-Medaille).

»Erich Kästner war ein wehmütiger Satiriker und ein augenzwinkernder Skeptiker. Er war Deutschlands hoffnungsvollster Pessimist und der deutschen Literatur positivster Negationsrat. War er ein Schulmeister? Aber ja doch, nur eben Deutschlands amüsantester und geistreichster. Er war ein Prediger, der stolz die Narrenkappe trug.« Marcel Reich-Ranicki

Sylvia List ist Slavistin, war lange Jahre Lektorin und arbeitet derzeit als freie Übersetzerin und Herausgeberin in München.

Angaben zum Buch:
KästnerReisenTaschenbuch:176 Seiten
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (1. Mai 2014)
ISBN-Nr.: 978-3-423-14313-4
Preis: EUR 8.90 / CHF 12.90
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Franz Hohler: Spaziergänge (Rezension)

„Gehen“ gehört zu meinen Lieblingswörtern, und so beschloss ich am 12. März 2010, ein Jahr lang jede Woche irgendwohin zu gehen, mit andern Worten, einen Spaziergang zu machen. Über alle Spaziergänge habe ich etwas geschrieben. Hier sind sie.

Franz Hohler spaziert durch die Welt. Mal bewegt er sich im eigenen Quartier, dann wieder verlässt er sein Heim durchs Gartentor und durchquert die Stadt, um andere Kreise zu besuchen. Ab und an fährt er mit dem Zug in die nahe Umgebung, um die zu erkunden oder aber spaziert in fernen Ländern. Jede Woche entsteht so ein kleiner Text zum Spaziergang. Der Leser wird an der Hand genommen, sieht Mövenschwärme am Himmel und Plakate an Wänden. Er ist Zeuge von Gesprächen und freut sich an Bäumen, die da stehen.

Wir sind noch etwas zu früh für die volle Blüte der Bäume. Dennoch stehen schon einige am Wegesrand wie die Vorgruppe des grossen Konzerts und zeigen uns, wozu ihre zweige imstande sind.

HohlerSpaziergängeEs gelingt Franz Hohler, seine Spaziergänge durch wunderbare Sprachbilder und den Blick für die kleinen Details nicht nur lesbar, sondern auch erfahrbar zu machen. Entstanden sind so 52 kurze Texte gespickt mit Erinnerungen des Autors an Kindertage, aktuellen Momentaufnahmen und scharfsinnigen Kommentaren und Gedanken, die nicht selten ein Augenzwinkern mit im Gepäck haben . Nach der Lektüre dieses Buches wird man die Welt beim nächsten Spaziergang mit anderen Augen betrachten. Am liebsten würde man gleich die Schuhe binden und losgehen.

Fazit:
Ein wunderbares Buch voller Sprachbilder und Witz, das Lust auf eigene Spaziergänge macht. Absolute Leseempfehlung!

Zum Autor und zur Übersetzerin
Franz Hohler wurde 1943 in Biel, Schweiz, geboren, er lebt heute in Zürich und gilt als einer der bedeutendsten Erzähler seines Landes. Hohler ist mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden, zuletzt mit dem Alice-Salomon-Preis und den Johann-Peter-Hebel-Preis. Sein Werk erscheint seit über vierzig Jahren im Luchterhand Verlag.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch:160 Seiten
Verlag: btb Verlag (9. Dezember 2013)
ISBN-Nr.: 978-3442746828
Preis: EUR 8.99 / CHF 13.90
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Egon Schiele. Sämtliche Gemälde 1909 – 1918 (Rezension)

SchieleEr hatte nicht viele Jahre, in denen er seine Kunst machen konnte, viel zu früh ist er gestorben. Dass er trotzdem ein verhältnismässig umfangreiches Werk hinterlässt und das auf hohem künstlerischem Niveau, spricht für seine Kreativität und Schaffenskraft, für seine Haltung als Künstler. Er wollte Kunst schaffen und er wollte sie auf seine Weise machen. Damit machte er sich allerdings in seiner Zeit wenig Freunde, man könnte ihn als Enfant Terrible der Moderne bezeichnen.

1890 wurde Egon Schiele in Niederösterreich geboren. Der Vater war mehrheitlich abwesend, Egon wuchs also quasi in einem reinen Frauenhaushalt auf mit Mutter, drei Schwestern und Dienstmädchen. Schon früh begann er zu zeichnen, waren es zuerst noch Eisenbahnen und Landschaften, stand bald schon die jüngste Schwester Modell. Sein Talent wurde bald erkannt, mit 16 wurde er in die Akademie aufgenommen, die ihm aber zu spiessig war, weswegen er zwei Jahre später austrat.Sciele4
Er suchte die Nähe zu Klimt, löste sich aber auch von dem bald wieder und ging seinen Weg weiter. Er wollte die Doppelmoral der Gesellschaft aufzeigen, er legte den Finger auf die Tabus und nahm sie auseinander. Damit stand er zu dieser Zeit keineswegs alleine, man denke nur an Schnitzlers Werke, allen voran „Der Reigen“, „Die Traumnovelle“, um nur zwei zu nennen. Auch Künstler wie Klimt oder Kokoschka haben nicht mit nackter Haut gegeizt. Schiele war in seiner Art und Weise noch ein gutes Stück extremer und provokanter.

Bei ihm dominierte (bei beiden Geschlechtern) nackte Haut, Genitalien wurden ins Zentrum gerückt, der sexuelle Akt dargestellt. Kein Wunder, dass er provozierte. Dass seine Models sehr jung waren, er dazu noch mit einem davon in wilder Ehe lebte, machte die Sache nicht besser. Es kam denn auch zur Anzeige wegen einer angeblichen Entführung sowie der Schändung einer Minderjährigen, die allerdings fallen gelassen wurde – ins Gefängnis musste er aber doch, nämlich 24 Tage insgesamt wegen der Verbreitung von „unsittlichen Zeichnungen“.

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Egon Schiele ist mit nur 28 Jahren an der spanischen Grippe gestorben.

Der vorliegende Bildband präsentiert sämtliche Gemälde Egon Schieles aus den Jahren 1909 – 1918 – insgesamt 221 Gemälde sowie 146 Zeichnungen. Daneben finden sich auch Auszüge aus vielen seiner Schriften, Gedichte und Essays, was neben der Kunst auch den Künstler sichtbar macht.

Das Buch ist im wahrsten Sinne des Wortes gross – die Masse von 29 x 39,5 cm sowie eine Dicke von 6,5 cm machen das Lesen durchaus zur Kraftprobe, die sich aber lohnt: Eine überzeugende Gestaltung, ein sehr ansprechendes Layout und hochwertige Materialien machen das Buch zu einem wahren Kunstwerk. Verwendet wurden verschiedene Papiersorten, einerseits hochglanz, andererseits ein durch seine griffige Hapitk überzeugendes mattes.

Fazit
Ein grossartiges, tiefgründiges und sehr hochwertig gestaltetes Buch, das sowohl die Bilder wie auch den Künstler Egon Schiele wunderbar präsentiert. Absolut empfehlenswert.

Zum Herausgeber:
Tobias G. Natter ist ein international geschätzter Fachmann für die Kunst in Wien um 1900. Er war lange Zeit an der Österreichischen Galerie Belvedere in Wien tätig, zuletzt als Chefkurator. Zudem arbeitete er als Gastkurator an der Tate Liverpool, der Neuen Galerie New York, der Hamburger Kunsthalle, der Schirn in Frankfurt am Main und dem Jüdischen Museum Wien. Von 2006 bis 2011 leitete er das Vorarlberger Landesmuseum in Bregenz und war von 2011 bis 2013 Direktor des Wiener Leopold Museums. Im Jahr 2014 gründete er das Unternehmen Natter Fine Arts, das sich auf die Schätzung von Kunstwerken und die Entwicklung von Ausstellungen spezialisiert hat. Bei TASCHEN sind von ihm Gustav Klimt. Sämtliche Gemälde, Kunst für alle. Der Farbholzschnitt in Wien um 1900 und Egon Schiele. Sämtliche Gemälde 1909-1918 erschienen.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 612 Seiten
Verlag: Taschen Verlag (22. Mai 2017)
Herausgeber: Tobias G. Natter
ISBN: 978-3-8365-4613-3
Preis: EUR: 150 ; CHF 187.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. beim TASCHEN VERLAG selber, bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Golo Mann, Marcel Reich-Ranicki: Ein Briefwechsel

Enthusiasten der Literatur – Aufsätze und Porträts

Der Briefwechsel bietet das Doppelporträt zweier […] Enthusiasten der Literatur. Denn so forsch sich Marcel Reich-Ranicki in seiner diktierten Büropost auch gibt, spürbar wird selbst noch in den knappsten Briefen das Verlangen, sich mit einem Gleichgesinnten über Autoren und Bücher auszutauschen.

MannMRRBriefeWer kennt sie nicht, die markigen Sprüche des Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki. Keiner konnte so loben wie er, keiner aber auch so – oft zugegebenermassen theatralisch – verreissen, wie er. Seine Liebe zur Literatur war immer spürbar, bei beidem, erachtete er doch auch – oder gerade – einen Verriss als Dienst an der Literatur: Sie soll besser werden. Zudem ist ein Lob für ein schlechtes Buch eine Beleidigung für alle guten Bücher.

Marcel Reich-Ranicki schätzte Thomas Manns Werk hoch, er war immer an seinen Büchern sowie an seinem Leben interessiert, was sich in vielen Aufsätzen und auch Büchern zeigte. Dieses Interesse teilte er mit Golo Mann, bei dem das Interesse und der Bezug natürlich schon aus familiären Gründen gegeben war – eine Familiengeschichte, die nicht nur einfach war, litt Golo Mann doch bis weit ins Erwachsenenalter (wenn nicht bis am Schluss) unter seinem Vater oder zumindest unter der Beziehung zu diesem.

Das Buch vereint den Briefwechsel zwischen den beiden Literaturliebhabern und Aufsätze, die in diesen Briefen thematisiert werden. Aus den Briefen ist nicht nur der Austausch – durchaus kritisch, immer aber freundlich – über Literatur herauszulesen, sie sind auch Zeugnis einer sich über die Jahre vertiefenden Freundschaft aus der Ferne (getroffen haben sie sich nur selten) sowie ein Einblick in die Persönlichkeit der Menschen, die sie hinter ihren allseits bekannten Rollen waren. Golo Mann offenbart in vielen Lebensätzen und Nachträgen seine – mehr als schwierige Beziehung zu seinem Vater, den er aber, wenn er ihn in Artikeln angegriffen sah, doch in Schutz nahm.

Ich wusste schon viel über die Familie Mann und einzelne Mitglieder derselben, einige neue Mosaiksteinchen sind dazugekommen. Die Beziehung Thomas Manns zu seinen Kindern, die Beziehung zwischen Klaus Mann und Golo Mann, Überlegungen zu Klaus Manns Fühlen und Denken, das ihn bis hin zum Selbstmord brachte, sind nur einige davon.

Fazit:
Ein wunderbares Buch, das leider nur noch antiquarisch zu erhalten ist, das ich aber jedem Literaturfreund, Thomas-Mann-Liebhaber und Verehrer von Marcel Reich-Ranicki oder Golo Mann nur ans Herz legen kann.

(Herausgeber ist Volker Hage, von ihm stammt auch das Vorwort)

HIER finden sich noch einige gebrauchte Exemplare

Grégoire Delacourt: Der Dichter der Familie (Rezension)

Mit sieben erlebte ich meinen ersten literarischen Erfolg. […] Mit vier armen Reimen war ich zum Dichter der Familie geworden. Mit acht hatte ich nichts mehr zu schreiben.

DelacourtDer siebenjährige Edouard schreibt ein kleines Gedicht und wird von seiner Familie hochgelobt – er sei der Dichter in der Familie. Was so erfolgsversprechend beginnt, geht leider nicht so weiter, der Schreibfluss, zumindest der dichterische, versiegt, Werbetexte fliessen stattdessen aus der Feder, und auch sonst nimmt das Leben seinen Lauf: Falsche Frau, zerbrochene Familie und mittendrin Edouard, der immer noch nach dem – wie sein Vater einst sagte – heilenden Schreiben sucht.

Als Ich-Erzählung wird uns hier eine Geschichte fortlaufender Tragödien präsentiert, die in unzusammenhängenden Sätzen daher kommt. Weder werden die Figuren wirklich plastisch, noch stellt sich je ein wirklicher Erzählfluss ein, man hangelt sich als Leser von Moment zu Moment, fühlt sich irgendwie verloren – wohl etwas so verloren, wie sich der Ich-Erzähler selber in seinem Leben fühlt – und der Autor wohl in seinem Schreiben.

Das einzig Zusammenhängende in dem Roman ist der chronologische Ablauf, jedes neue Jahr beginnt mit einer Auflistung aktueller Filme, Bücher oder Musiktitel, was ein wenig Nostalgie aufkommen und selber zurückdenken lässt. Das reicht aber leider nicht, um auch in die Geschichte hineinzufinden – fast schon möchte man sagen: Welche Geschichte. Die wenigen, durchaus humorvollen, pointierten und gut beobachteten Episoden und Momentaufnahmen, die man doch findet, zeigen, dass der Autor es besser könnte, leider hat er es in diesem Buch nicht besser gemacht. Schade, denn der Stoff an sich hätte durchaus mehr Potential gehabt.

Fazit:
Ein sehr enttäuschendes Buch, das aufgrund der unzusammenhängenden Sätze und Absätze, der wenig plastischen Figuren und dem Fehlen eines einnehmenden Plots nicht zu überzeugen vermag.

Zum Autor:
Grégoire Delacourt
Grégoire Delacourt wurde 1960 im nordfranzösischen Valenciennes geboren und lebt mit seiner Familie in Paris. Sein Bestseller Alle meine Wünsche wurde in fünfunddreißig Ländern veröffentlicht. Im Atlantik Verlag erschien von ihm zuletzt Die vier Jahreszeiten des Sommers (2016). Homepage des Autors: HIER

Tobias Scheffel, geboren 1964, lebt in Freiburg/Breisgau. Er hat unter anderem Robert Bober, Fred Vargas ud Georges Perec übersetzt. 2005 wurde er mit dem Eugen-Helmlé-Übersetzerpreis ausgezeichnet.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 240 Seiten
Verlag: Atlantik Taschenbuch (12. Juli 2017)
Übersetzer: Tobias Scheffel
ISBN-Nr: 978-3455404685
Preis: EUR 20; CHF 28.90

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Alain de Botton: Kunst des Reisens (Rezension)

Wenn das Streben nach Glück unser Leben beherrscht, erschliessen uns vielleicht nur wenige unserer Handlungen soviel über die Dynamik dieser Suche – mit all ihrer Inbrunst und ihren Paradoxien – wie die Reisen, die wir unternehmen.

debottonreisenIch lese Alain de Bottons Buch Kunst des Reisens in den Sommerferien. Ich sitze zu Hause, sehe auf Facebook, Instagram und Twitter all die Urlaubsbilder, lese, wie toll die Reisen sind. Ich reise im Kopf – oder lese mir mal durch, was Herr de Botton über das Reisen zu sagen hat. Es ist einiges. Er behandelt die Erwartungen, die wir haben, wenn wir eine Reise haben, beschreibt, wie diese enttäuscht werden kann. Er geht von den Vorstellungen weiter zur Anreise, Ankunft, dem Aufenthalt und schliesst mit der Abreise und dem erneuten Ankommen – diesmal zu Hause.

Der Leser macht eine ganze Reise in Gedanken mit, nicht nur an verschiedene Orte, er begleitet Schriftsteller, Philosophen, Maler auf ihren sowie de Botton auf seinen Reisen. Und auch das Reisen selber wird hinterfragt.

Wir werden überhäuft mit Ratschlägen, wohin wir reisen, hören aber nur wenig, warum und wie wir reisen sollten – und das, obwohl die Kunst des Reisens naturgemäss verschiedene Fragen aufwirft, die weder simpel noch trivial sind und deren Betrachtung in bescheidenem Masse zum verstehen dessen beitragen könnte, was griechische Philosophen mit dem schönen Begriff der eudaimonia, der Entfaltung der Persönlichkeit, bezeichneten.

Am Schluss des Buches habe ich erfahren, wieso ich nicht blind jedem Reiseführer folgen muss, wieso ich nicht immer nur Freude haben muss auf Reisen. Ich weiss, wieso mir Kunst die Augen öffnen kann für Orte und dass Reisen auch den Blick auf das Gewohnte verändern kann.

Ich bin ein Reisemuffel. Wobei: Das stimmt nicht ganz. Ich denke immer, ich würde gerne reisen. Und ich mache Pläne für Orte und stelle mir alles vor. Und ganz oft bleibe ich dann doch zu Hause. So bin ich auch in diesen Ferien zu Hause, geniesse es hier, denn: Wann wäre Zürich schöner als im sonnigen Sommer, wann könnte man es mehr geniessen, als wenn alle weg sind, der Garten lacht, der Weisswein gekühlt wartet? Diesmal war ich auf Reisen. Im Geiste. Nicht nur auf einer, auf mehreren. Und das war schön. Und wer weiss: Vielleicht packe ich doch bald mal meine Koffer und setze um, was ich grad für mich aus dem Buch gezogen habe.

Fazit:
Ein inspirierendes, tiefgründiges, unterhaltsames Buch über das Reisen, das von einer unglaublichen Belesenheit des Autors zeugt und Lust aufs Reisen macht – sogar Reisemuffeln. Absolute Leseempfehlung.

Zum Autor:
Alain de Botton
Alain de Botton gründete 2008 die ›School of Life‹, da er der Überzeugung ist, dass man die verschiedenen Lebensbereiche wie Karriere, Liebe, Elternschaft usw. erlernen kann. Mit Charme, Ironie und Neugier entwickelt Alain de Botton seit seinem Romandebüt und Weltbestseller »Versuch über die Liebe« eine Philosophie des Alltags. Alain de Botton lebt mit Frau und Kindern in London. Zuletzt erschienen bei S. Fischer sein essayistisches Werk »Die Freuden der Langeweile« und sein Roman »Der Lauf der Liebe«.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 288 Seiten
Verlag: Fischer Taschenbuch (1. Juni 2003)
ISBN-Nr: 978-3596158041
Preis: EUR 9.95; CHF 14.90
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Sven Hanuschek: Das Leben Erich Kästners (Rezension)

Keiner blickt dir hinter das Gesicht

Eines Tages fällt ihm plötzlich auf,
dass er seit drei jahren nicht mehr lachte.
Und nun prüft er seinen Lebenslauf,
was er denn inzwischen machte.[1]

HanuschekKästnerWer war er, der Mann, der die berühmten Kinderbücher Emil und die Detektive, das Fliegende Klassenzimmer oder Pünktchen und Anton schrieb? Wer steckt hinter den bissigen und doch auch melancholischen Gedichten? Wer hinter den gesellschaftskritischen Romanen?

Sven Hanuschek macht sich auf die Reise, den Schriftsteller und Menschen Erich Kästner kennenzulernen. Er hat nicht viele Zeugnisse des Autoren selber, da sich Erich Kästner zeitlebens eher bedeckt hielt. Er gestaltet sein Bild anhand der vielen Briefe Kästners an seine Mutter, analysiert die Texte und ordnet sie in die Entstehungszeit und –situation ein. So entsteht das Bild eines Menschen, der von klein auf kein einfaches Leben hatte, der erst unter dem Druck einer überstrengen und besorgten, aber auch ambitionierten Mutter stand, vor dem er in die Literatur, ins lesen flüchtete,

Ich las und las und las – kein Buchstabe war vor mir sicher.

der auf ihren Wunsch hin erst Lehrer werden soll, dann aber mehr will und sich für ein Studium der Germanistik entscheidet, das er in Leipzig aufnimmt. Schon da schreibt er Kritiken für die Zeitung, etwas, das er lange aufrechterhalten wird.

Kästner liebt Bars und Cafés, in ihnen schreibt er, in ihnen lernt er aber auch die Menschen kennen, die später seine Romane bevölkern. Es sind oft Menschen am Rande der Gesellschaft, Menschen, die mit dem System nicht klar kommen. Auch Kästner kam mit vielem nicht klar. Unter Hitler wird das besonders deutlich, da er einer der verbrannten Autoren ist – er wohnt der Verbrennung seiner Bücher als einziger Autor bei. Er wird nie emigrieren, sich aber später immer fragen, ob es nicht besser gewesen wäre, es zu tun.

Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.[2]

Neben dem Schreiben sind noch seine Liebschaften und Beziehungen zu erwähnen. Kästner kann sich nicht auf eine Frau festlegen, zeitweise hat er 4 Verhältnisse gleichzeitig. Luiselotte Enderle ist die Frau, mit der er am längsten zusammen war – die Gründe dafür sind vielfältig. Sie ist es auch, die das Bild, das man von Erich Kästner hatte und oft noch hat, nachhaltig prägte, war sie doch seine erste Biografin und später auch Hüterin über Leben und Werk, welches sie nach eigenem Gutdünken zensierte und durch selektive Auswahl steuerte.

Sven Hanuschek besticht durch eine objektive, nie verurteilende, aber auch nicht verklärende Sicht auf Erich Kästner. Er geht den Weg durch das Leben Kästners chronologisch, flicht dessen Schreiben mal ausführlicher mit Inhalt und Rezeption, mal nur am Rande hinein. Entstanden ist so ein wunderbares Buch, das dem Moralisten und Dichter, dem Menschen und Schriftsteller Erich Kästner gerecht wird.

Fazit:
Ein muss für jeden Kästner-Fan, ein wunderbares Buch über einen spannenden Menschen, geschrieben mit viel Hintergrundwissen und trotzdem leicht zu lesen. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Sven Hanuschek
Sven Hanuschek, geboren 1964, ist Publizist und Professor am Institut für deutsche Philologie der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 494 Seiten
Verlag: Carl Hanser Verlag (Neuauflage 24. Mai 2017)
ISBN-Nr.: 978-3446257160
Preis: EUR 28 / CHF 36.90
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[1] „Ganz vergebliches Gelächter“, zitiert nach Erich Kästner: Lärm im Spiegel
[2] „Sachliche Romanze“, zitiert nach Erich Kästner: Lärm im Spiegel

François Armanet: Bücher für die einsame Insel (Rezension)

Bücher sind wie Freunde, mit dem Vorteil, dass sie einen nicht verraten und nicht launisch sind. (Tahar Ben Jelloun)

Als François Armanet im Oktober 2003 Jay McInerney kennenlernte, welcher in Paris seinen vor kurzem erschienen Erzählband vorstellte, stellte er ihm am Schluss des Gesprächs die Frage:

Welche drei Bücher würden Sie mit auf eine einsame Insel nehmen?

ArmanetMcInerney nannte unter anderem Tante Lisbeth und Armanet erinnerte sich, dass dieses Buch viele Jahre früher auch von André Gide genannt worden war. Eine Entscheidung für etwas ist immer auch eine Absage an anderes. Die Idee mit der einsamen Insel ist ein Gedankenkonstrukt, das durch die Unmöglichkeit eines Wechsels der Wahl ein noch grösseres Gewicht gibt – das weiss man spätestens dann, wenn mit einem mit Büchern bepackten Koffer in den Urlaub reist und dann merkt, dass einen keines der mitgebrachten Bücher anspricht. Wie ginge es einem da auf einer einsamen Insel, von der man nicht einfach nach Zwei Wochen wieder heimfährt? Oder ist der Aufenthalt gar nicht für immer? Die Dauer wird nie genannt, man geht meist aber davon aus, dass man da festsitzt.

200 Schriftsteller wurden gefragt, welche drei Bücher sie auf die einsame Insel mitnehmen würden, wenn sie die Bibel und Shakespeare nicht nennen dürften (es sei denn, sie könnten auf keinen Fall auf diese Nennung verzichten). Zusammen kamen teils kurze, teils witzige, teils sehr ausführliche Antworten. Einerseits sagt die Art der Antwort immer auch viel über den sie gebenden aus, andererseits ist so eine Reihe an Einsame-Insel-Klassikern zusammengekommen, die spannend zu sehen ist. Was verbindet Autoren, die dasselbe Buch mitnehmen würden? Welche Bücher wären auf einsamen Inseln am häufigsten vertreten? Wieso?

Eine witzige Idee, ein wunderbares kleines Buch, das auch durch eine liebevolle Illustration und Gestaltung besticht.

Fazit:
200 Buchempfehlungen für die berühmte einsame Insel – ein interessantes, witziges und liebevoll gestaltetes Buch. Absolute Leseempfehlung!

Der Autor und Mitwirkende
François Armanet geboren 1951, ist Chefredakteur des Magazins Nouvel Observateur. Er hat drei Romane geschrieben und einen Film produziert. Er lebt in Paris.

Claudia Steinitz übersetzt seit dreißig Jahren Literatur aus dem Französischen, unter anderem von Albertine Sarrazin, Véronique Olmi, Lyonel Trouillot und Véronique Bizot. Zu ihren Autoren bei Hoffmann und Campe gehören Grégoire Delacourt und Sophie Bassignac.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 224 Seiten
Verlag: Atlantik Verlag (11. April 2017)
ISBN-Nr 978-3455000368
Preis: EUR 15 / CHF 23.90
Übersetzer: Claudia Steinitz, Angela Volknant
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Annabel Abbs: Die Tänzerin von Paris (Rezension)

Literatentochter, von der väterlichen Liebe erdrückt?

„Es gibt Sünden (oder lasst uns sie nennen, wie die Welt sie nennt) schlimme Erinnerungen, welche der Mensch in den dunkelsten Winkeln seines Herzens verbirgt. Doch dort verharren sie und warten.“ (James Joyce, Ulysses)

Inhalt
Lucy Joyce möchte eine grosse Tänzerin werden. Das Talent dazu hat sie, doch ihr Vater, James Joyce beobachtet den aufkommenden Erfolg seiner Tochter skeptisch. Er sähe lieber, seine Tochter würde ihm zur Seite stehen und nur für ihn tanzen. Lucy verliebt sich in Samuel Becket, doch die Liebe steht unter keinem guten Stern, ein bislang gehütetes Familiengeheimnis zerstört jegliche Hoffung auf ein eigenständiges Leben der jungen Frau, die sich immer mehr in ihrer Familie gefangen sieht.

Beurteilung
AbbsTänzerinEin Roman, angelehnt an die wahre Geschichte der Lucy Joyce, von der wenig überliefertes Material existiert. Die Geschichte springt hin und her zwischen der Lucy Joyces Psychoanalyse bei C. G. Jung im Jahr 1934 in Zürich, und dem Leben der Familie Joyce in Paris ab 1928. Geschrieben ist alles in einer einfachen Sprache mit kurzen Sätze, die fast ein wenig an einen Plauderton erinnert. Dieser Eindruck wird noch unterstützt durch die fast inflationär verwendete Koseform „Babbo“, mit welcher Lucy ihren Vater anspricht oder an ihn denkt oder über ihn spricht, oder sehr markig formulierte Gedanken Lucys:

Es gibt einfach Dinge, über die man nicht reden kann. Nicht mit fetten Schweizern, die Taschenuhren tragen und pro Stunde bezahlt werden wie ganz gewöhnliche Prostituierte.

Was wohl dazu gedacht ist, dem ganzen Roman eine authentische Note zu geben, wirkt in Tat und Wahrheit eher aufgesetzt und auf die Figur gestülpt als Wertung aus dem Off, vom Autor in die Protagonistin hineingepflanzt.

Das Ganze wird sprachlich nicht besser durch das Gegenteil, nämlich bemüht gewählte und gesucht klingende Passagen:

Ich werde mit den ersten Anzeichen der Begierde und des Ehrgeizes anfangen, die sich wie gierige Ranken von Unkraut in mein junges Herz schoben.

Nach Seiten mit Beschreibungen von offenen Tänzerinnenfüssen, Schwärmereien für die blauen Augen Samuel Beckets und wenig aussagekräftigen Sitzungen bei Herrn Jung habe ich das Buch enttäuscht beiseite gelegt. Vielleicht hatte ich nach dem grossartigen Buch von Anne Girard, Madame Picasso, zu hohe Ansprüche, da die beiden Bücher in der gleichen Reihe erschienen sind, auf alle Fälle wurde ich nicht warm mit dem Roman, weder mit der Sprache, noch mit dem Aufbau, noch mit dem Fortgang der Geschichte (eigentlich eher eine Stagnation über weite Strecken).

Fazit:
Ein von der Sprache und vom Aufbau her wenig überzeugendes Buch, das in einem seichten Plauderstil dahinplätschert. Schade!

Zur Autorin und Übersetzerin
Annabel Abbs studierte Englische Literatur und leitete eine große Marketing Consulting Agency, bevor sie zu schreiben begann. Ihre Kurzgeschichten wurden hoch gelobt, und auch ihr Debütroman wurde mehrfach ausgezeichnet. Mit ihrem Mann und ihren vier Kindern lebt Annabel Abbs in London und Sussex.
Ulrike Seeberger, geboren 1952, Studium der Physik, lebte zehn Jahre in Schottland, arbeitete dort u.a. am Goethe-Institut. Seit 1987 freie Übersetzerin und Dolmetscherin in Nürnberg. Sie übertrug u.a. Autoren wie Philippa Gregory, Vikram Chandra, Alec Guiness, Oscar Wilde, Charles Dickens, Yaël Guiladi und Jean G. Goodhind ins Deutsche.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 512 Seiten
Verlag: Aufbau Verlag (14. Juli 2017)
Übersetzung: Ulrike Seeberger
ISBN: 978-3746633169
Preis: EUR 12.99 / CHF 17.90

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