Golo Mann, Marcel Reich-Ranicki: Ein Briefwechsel

Enthusiasten der Literatur – Aufsätze und Porträts

Der Briefwechsel bietet das Doppelporträt zweier […] Enthusiasten der Literatur. Denn so forsch sich Marcel Reich-Ranicki in seiner diktierten Büropost auch gibt, spürbar wird selbst noch in den knappsten Briefen das Verlangen, sich mit einem Gleichgesinnten über Autoren und Bücher auszutauschen.

MannMRRBriefeWer kennt sie nicht, die markigen Sprüche des Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki. Keiner konnte so loben wie er, keiner aber auch so – oft zugegebenermassen theatralisch – verreissen, wie er. Seine Liebe zur Literatur war immer spürbar, bei beidem, erachtete er doch auch – oder gerade – einen Verriss als Dienst an der Literatur: Sie soll besser werden. Zudem ist ein Lob für ein schlechtes Buch eine Beleidigung für alle guten Bücher.

Marcel Reich-Ranicki schätzte Thomas Manns Werk hoch, er war immer an seinen Büchern sowie an seinem Leben interessiert, was sich in vielen Aufsätzen und auch Büchern zeigte. Dieses Interesse teilte er mit Golo Mann, bei dem das Interesse und der Bezug natürlich schon aus familiären Gründen gegeben war – eine Familiengeschichte, die nicht nur einfach war, litt Golo Mann doch bis weit ins Erwachsenenalter (wenn nicht bis am Schluss) unter seinem Vater oder zumindest unter der Beziehung zu diesem.

Das Buch vereint den Briefwechsel zwischen den beiden Literaturliebhabern und Aufsätze, die in diesen Briefen thematisiert werden. Aus den Briefen ist nicht nur der Austausch – durchaus kritisch, immer aber freundlich – über Literatur herauszulesen, sie sind auch Zeugnis einer sich über die Jahre vertiefenden Freundschaft aus der Ferne (getroffen haben sie sich nur selten) sowie ein Einblick in die Persönlichkeit der Menschen, die sie hinter ihren allseits bekannten Rollen waren. Golo Mann offenbart in vielen Lebensätzen und Nachträgen seine – mehr als schwierige Beziehung zu seinem Vater, den er aber, wenn er ihn in Artikeln angegriffen sah, doch in Schutz nahm.

Ich wusste schon viel über die Familie Mann und einzelne Mitglieder derselben, einige neue Mosaiksteinchen sind dazugekommen. Die Beziehung Thomas Manns zu seinen Kindern, die Beziehung zwischen Klaus Mann und Golo Mann, Überlegungen zu Klaus Manns Fühlen und Denken, das ihn bis hin zum Selbstmord brachte, sind nur einige davon.

Fazit:
Ein wunderbares Buch, das leider nur noch antiquarisch zu erhalten ist, das ich aber jedem Literaturfreund, Thomas-Mann-Liebhaber und Verehrer von Marcel Reich-Ranicki oder Golo Mann nur ans Herz legen kann.

(Herausgeber ist Volker Hage, von ihm stammt auch das Vorwort)

HIER finden sich noch einige gebrauchte Exemplare

Grégoire Delacourt: Der Dichter der Familie (Rezension)

Mit sieben erlebte ich meinen ersten literarischen Erfolg. […] Mit vier armen Reimen war ich zum Dichter der Familie geworden. Mit acht hatte ich nichts mehr zu schreiben.

DelacourtDer siebenjährige Edouard schreibt ein kleines Gedicht und wird von seiner Familie hochgelobt – er sei der Dichter in der Familie. Was so erfolgsversprechend beginnt, geht leider nicht so weiter, der Schreibfluss, zumindest der dichterische, versiegt, Werbetexte fliessen stattdessen aus der Feder, und auch sonst nimmt das Leben seinen Lauf: Falsche Frau, zerbrochene Familie und mittendrin Edouard, der immer noch nach dem – wie sein Vater einst sagte – heilenden Schreiben sucht.

Als Ich-Erzählung wird uns hier eine Geschichte fortlaufender Tragödien präsentiert, die in unzusammenhängenden Sätzen daher kommt. Weder werden die Figuren wirklich plastisch, noch stellt sich je ein wirklicher Erzählfluss ein, man hangelt sich als Leser von Moment zu Moment, fühlt sich irgendwie verloren – wohl etwas so verloren, wie sich der Ich-Erzähler selber in seinem Leben fühlt – und der Autor wohl in seinem Schreiben.

Das einzig Zusammenhängende in dem Roman ist der chronologische Ablauf, jedes neue Jahr beginnt mit einer Auflistung aktueller Filme, Bücher oder Musiktitel, was ein wenig Nostalgie aufkommen und selber zurückdenken lässt. Das reicht aber leider nicht, um auch in die Geschichte hineinzufinden – fast schon möchte man sagen: Welche Geschichte. Die wenigen, durchaus humorvollen, pointierten und gut beobachteten Episoden und Momentaufnahmen, die man doch findet, zeigen, dass der Autor es besser könnte, leider hat er es in diesem Buch nicht besser gemacht. Schade, denn der Stoff an sich hätte durchaus mehr Potential gehabt.

Fazit:
Ein sehr enttäuschendes Buch, das aufgrund der unzusammenhängenden Sätze und Absätze, der wenig plastischen Figuren und dem Fehlen eines einnehmenden Plots nicht zu überzeugen vermag.

Zum Autor:
Grégoire Delacourt
Grégoire Delacourt wurde 1960 im nordfranzösischen Valenciennes geboren und lebt mit seiner Familie in Paris. Sein Bestseller Alle meine Wünsche wurde in fünfunddreißig Ländern veröffentlicht. Im Atlantik Verlag erschien von ihm zuletzt Die vier Jahreszeiten des Sommers (2016). Homepage des Autors: HIER

Tobias Scheffel, geboren 1964, lebt in Freiburg/Breisgau. Er hat unter anderem Robert Bober, Fred Vargas ud Georges Perec übersetzt. 2005 wurde er mit dem Eugen-Helmlé-Übersetzerpreis ausgezeichnet.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 240 Seiten
Verlag: Atlantik Taschenbuch (12. Juli 2017)
Übersetzer: Tobias Scheffel
ISBN-Nr: 978-3455404685
Preis: EUR 20; CHF 28.90

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Alain de Botton: Kunst des Reisens (Rezension)

Wenn das Streben nach Glück unser Leben beherrscht, erschliessen uns vielleicht nur wenige unserer Handlungen soviel über die Dynamik dieser Suche – mit all ihrer Inbrunst und ihren Paradoxien – wie die Reisen, die wir unternehmen.

debottonreisenIch lese Alain de Bottons Buch Kunst des Reisens in den Sommerferien. Ich sitze zu Hause, sehe auf Facebook, Instagram und Twitter all die Urlaubsbilder, lese, wie toll die Reisen sind. Ich reise im Kopf – oder lese mir mal durch, was Herr de Botton über das Reisen zu sagen hat. Es ist einiges. Er behandelt die Erwartungen, die wir haben, wenn wir eine Reise haben, beschreibt, wie diese enttäuscht werden kann. Er geht von den Vorstellungen weiter zur Anreise, Ankunft, dem Aufenthalt und schliesst mit der Abreise und dem erneuten Ankommen – diesmal zu Hause.

Der Leser macht eine ganze Reise in Gedanken mit, nicht nur an verschiedene Orte, er begleitet Schriftsteller, Philosophen, Maler auf ihren sowie de Botton auf seinen Reisen. Und auch das Reisen selber wird hinterfragt.

Wir werden überhäuft mit Ratschlägen, wohin wir reisen, hören aber nur wenig, warum und wie wir reisen sollten – und das, obwohl die Kunst des Reisens naturgemäss verschiedene Fragen aufwirft, die weder simpel noch trivial sind und deren Betrachtung in bescheidenem Masse zum verstehen dessen beitragen könnte, was griechische Philosophen mit dem schönen Begriff der eudaimonia, der Entfaltung der Persönlichkeit, bezeichneten.

Am Schluss des Buches habe ich erfahren, wieso ich nicht blind jedem Reiseführer folgen muss, wieso ich nicht immer nur Freude haben muss auf Reisen. Ich weiss, wieso mir Kunst die Augen öffnen kann für Orte und dass Reisen auch den Blick auf das Gewohnte verändern kann.

Ich bin ein Reisemuffel. Wobei: Das stimmt nicht ganz. Ich denke immer, ich würde gerne reisen. Und ich mache Pläne für Orte und stelle mir alles vor. Und ganz oft bleibe ich dann doch zu Hause. So bin ich auch in diesen Ferien zu Hause, geniesse es hier, denn: Wann wäre Zürich schöner als im sonnigen Sommer, wann könnte man es mehr geniessen, als wenn alle weg sind, der Garten lacht, der Weisswein gekühlt wartet? Diesmal war ich auf Reisen. Im Geiste. Nicht nur auf einer, auf mehreren. Und das war schön. Und wer weiss: Vielleicht packe ich doch bald mal meine Koffer und setze um, was ich grad für mich aus dem Buch gezogen habe.

Fazit:
Ein inspirierendes, tiefgründiges, unterhaltsames Buch über das Reisen, das von einer unglaublichen Belesenheit des Autors zeugt und Lust aufs Reisen macht – sogar Reisemuffeln. Absolute Leseempfehlung.

Zum Autor:
Alain de Botton
Alain de Botton gründete 2008 die ›School of Life‹, da er der Überzeugung ist, dass man die verschiedenen Lebensbereiche wie Karriere, Liebe, Elternschaft usw. erlernen kann. Mit Charme, Ironie und Neugier entwickelt Alain de Botton seit seinem Romandebüt und Weltbestseller »Versuch über die Liebe« eine Philosophie des Alltags. Alain de Botton lebt mit Frau und Kindern in London. Zuletzt erschienen bei S. Fischer sein essayistisches Werk »Die Freuden der Langeweile« und sein Roman »Der Lauf der Liebe«.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 288 Seiten
Verlag: Fischer Taschenbuch (1. Juni 2003)
ISBN-Nr: 978-3596158041
Preis: EUR 9.95; CHF 14.90
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Sven Hanuschek: Das Leben Erich Kästners (Rezension)

Keiner blickt dir hinter das Gesicht

Eines Tages fällt ihm plötzlich auf,
dass er seit drei jahren nicht mehr lachte.
Und nun prüft er seinen Lebenslauf,
was er denn inzwischen machte.[1]

HanuschekKästnerWer war er, der Mann, der die berühmten Kinderbücher Emil und die Detektive, das Fliegende Klassenzimmer oder Pünktchen und Anton schrieb? Wer steckt hinter den bissigen und doch auch melancholischen Gedichten? Wer hinter den gesellschaftskritischen Romanen?

Sven Hanuschek macht sich auf die Reise, den Schriftsteller und Menschen Erich Kästner kennenzulernen. Er hat nicht viele Zeugnisse des Autoren selber, da sich Erich Kästner zeitlebens eher bedeckt hielt. Er gestaltet sein Bild anhand der vielen Briefe Kästners an seine Mutter, analysiert die Texte und ordnet sie in die Entstehungszeit und –situation ein. So entsteht das Bild eines Menschen, der von klein auf kein einfaches Leben hatte, der erst unter dem Druck einer überstrengen und besorgten, aber auch ambitionierten Mutter stand, vor dem er in die Literatur, ins lesen flüchtete,

Ich las und las und las – kein Buchstabe war vor mir sicher.

der auf ihren Wunsch hin erst Lehrer werden soll, dann aber mehr will und sich für ein Studium der Germanistik entscheidet, das er in Leipzig aufnimmt. Schon da schreibt er Kritiken für die Zeitung, etwas, das er lange aufrechterhalten wird.

Kästner liebt Bars und Cafés, in ihnen schreibt er, in ihnen lernt er aber auch die Menschen kennen, die später seine Romane bevölkern. Es sind oft Menschen am Rande der Gesellschaft, Menschen, die mit dem System nicht klar kommen. Auch Kästner kam mit vielem nicht klar. Unter Hitler wird das besonders deutlich, da er einer der verbrannten Autoren ist – er wohnt der Verbrennung seiner Bücher als einziger Autor bei. Er wird nie emigrieren, sich aber später immer fragen, ob es nicht besser gewesen wäre, es zu tun.

Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.[2]

Neben dem Schreiben sind noch seine Liebschaften und Beziehungen zu erwähnen. Kästner kann sich nicht auf eine Frau festlegen, zeitweise hat er 4 Verhältnisse gleichzeitig. Luiselotte Enderle ist die Frau, mit der er am längsten zusammen war – die Gründe dafür sind vielfältig. Sie ist es auch, die das Bild, das man von Erich Kästner hatte und oft noch hat, nachhaltig prägte, war sie doch seine erste Biografin und später auch Hüterin über Leben und Werk, welches sie nach eigenem Gutdünken zensierte und durch selektive Auswahl steuerte.

Sven Hanuschek besticht durch eine objektive, nie verurteilende, aber auch nicht verklärende Sicht auf Erich Kästner. Er geht den Weg durch das Leben Kästners chronologisch, flicht dessen Schreiben mal ausführlicher mit Inhalt und Rezeption, mal nur am Rande hinein. Entstanden ist so ein wunderbares Buch, das dem Moralisten und Dichter, dem Menschen und Schriftsteller Erich Kästner gerecht wird.

Fazit:
Ein muss für jeden Kästner-Fan, ein wunderbares Buch über einen spannenden Menschen, geschrieben mit viel Hintergrundwissen und trotzdem leicht zu lesen. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Sven Hanuschek
Sven Hanuschek, geboren 1964, ist Publizist und Professor am Institut für deutsche Philologie der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 494 Seiten
Verlag: Carl Hanser Verlag (Neuauflage 24. Mai 2017)
ISBN-Nr.: 978-3446257160
Preis: EUR 28 / CHF 36.90
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[1] „Ganz vergebliches Gelächter“, zitiert nach Erich Kästner: Lärm im Spiegel
[2] „Sachliche Romanze“, zitiert nach Erich Kästner: Lärm im Spiegel

François Armanet: Bücher für die einsame Insel (Rezension)

Bücher sind wie Freunde, mit dem Vorteil, dass sie einen nicht verraten und nicht launisch sind. (Tahar Ben Jelloun)

Als François Armanet im Oktober 2003 Jay McInerney kennenlernte, welcher in Paris seinen vor kurzem erschienen Erzählband vorstellte, stellte er ihm am Schluss des Gesprächs die Frage:

Welche drei Bücher würden Sie mit auf eine einsame Insel nehmen?

ArmanetMcInerney nannte unter anderem Tante Lisbeth und Armanet erinnerte sich, dass dieses Buch viele Jahre früher auch von André Gide genannt worden war. Eine Entscheidung für etwas ist immer auch eine Absage an anderes. Die Idee mit der einsamen Insel ist ein Gedankenkonstrukt, das durch die Unmöglichkeit eines Wechsels der Wahl ein noch grösseres Gewicht gibt – das weiss man spätestens dann, wenn mit einem mit Büchern bepackten Koffer in den Urlaub reist und dann merkt, dass einen keines der mitgebrachten Bücher anspricht. Wie ginge es einem da auf einer einsamen Insel, von der man nicht einfach nach Zwei Wochen wieder heimfährt? Oder ist der Aufenthalt gar nicht für immer? Die Dauer wird nie genannt, man geht meist aber davon aus, dass man da festsitzt.

200 Schriftsteller wurden gefragt, welche drei Bücher sie auf die einsame Insel mitnehmen würden, wenn sie die Bibel und Shakespeare nicht nennen dürften (es sei denn, sie könnten auf keinen Fall auf diese Nennung verzichten). Zusammen kamen teils kurze, teils witzige, teils sehr ausführliche Antworten. Einerseits sagt die Art der Antwort immer auch viel über den sie gebenden aus, andererseits ist so eine Reihe an Einsame-Insel-Klassikern zusammengekommen, die spannend zu sehen ist. Was verbindet Autoren, die dasselbe Buch mitnehmen würden? Welche Bücher wären auf einsamen Inseln am häufigsten vertreten? Wieso?

Eine witzige Idee, ein wunderbares kleines Buch, das auch durch eine liebevolle Illustration und Gestaltung besticht.

Fazit:
200 Buchempfehlungen für die berühmte einsame Insel – ein interessantes, witziges und liebevoll gestaltetes Buch. Absolute Leseempfehlung!

Der Autor und Mitwirkende
François Armanet geboren 1951, ist Chefredakteur des Magazins Nouvel Observateur. Er hat drei Romane geschrieben und einen Film produziert. Er lebt in Paris.

Claudia Steinitz übersetzt seit dreißig Jahren Literatur aus dem Französischen, unter anderem von Albertine Sarrazin, Véronique Olmi, Lyonel Trouillot und Véronique Bizot. Zu ihren Autoren bei Hoffmann und Campe gehören Grégoire Delacourt und Sophie Bassignac.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 224 Seiten
Verlag: Atlantik Verlag (11. April 2017)
ISBN-Nr 978-3455000368
Preis: EUR 15 / CHF 23.90
Übersetzer: Claudia Steinitz, Angela Volknant
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Annabel Abbs: Die Tänzerin von Paris (Rezension)

Literatentochter, von der väterlichen Liebe erdrückt?

„Es gibt Sünden (oder lasst uns sie nennen, wie die Welt sie nennt) schlimme Erinnerungen, welche der Mensch in den dunkelsten Winkeln seines Herzens verbirgt. Doch dort verharren sie und warten.“ (James Joyce, Ulysses)

Inhalt
Lucy Joyce möchte eine grosse Tänzerin werden. Das Talent dazu hat sie, doch ihr Vater, James Joyce beobachtet den aufkommenden Erfolg seiner Tochter skeptisch. Er sähe lieber, seine Tochter würde ihm zur Seite stehen und nur für ihn tanzen. Lucy verliebt sich in Samuel Becket, doch die Liebe steht unter keinem guten Stern, ein bislang gehütetes Familiengeheimnis zerstört jegliche Hoffung auf ein eigenständiges Leben der jungen Frau, die sich immer mehr in ihrer Familie gefangen sieht.

Beurteilung
AbbsTänzerinEin Roman, angelehnt an die wahre Geschichte der Lucy Joyce, von der wenig überliefertes Material existiert. Die Geschichte springt hin und her zwischen der Lucy Joyces Psychoanalyse bei C. G. Jung im Jahr 1934 in Zürich, und dem Leben der Familie Joyce in Paris ab 1928. Geschrieben ist alles in einer einfachen Sprache mit kurzen Sätze, die fast ein wenig an einen Plauderton erinnert. Dieser Eindruck wird noch unterstützt durch die fast inflationär verwendete Koseform „Babbo“, mit welcher Lucy ihren Vater anspricht oder an ihn denkt oder über ihn spricht, oder sehr markig formulierte Gedanken Lucys:

Es gibt einfach Dinge, über die man nicht reden kann. Nicht mit fetten Schweizern, die Taschenuhren tragen und pro Stunde bezahlt werden wie ganz gewöhnliche Prostituierte.

Was wohl dazu gedacht ist, dem ganzen Roman eine authentische Note zu geben, wirkt in Tat und Wahrheit eher aufgesetzt und auf die Figur gestülpt als Wertung aus dem Off, vom Autor in die Protagonistin hineingepflanzt.

Das Ganze wird sprachlich nicht besser durch das Gegenteil, nämlich bemüht gewählte und gesucht klingende Passagen:

Ich werde mit den ersten Anzeichen der Begierde und des Ehrgeizes anfangen, die sich wie gierige Ranken von Unkraut in mein junges Herz schoben.

Nach Seiten mit Beschreibungen von offenen Tänzerinnenfüssen, Schwärmereien für die blauen Augen Samuel Beckets und wenig aussagekräftigen Sitzungen bei Herrn Jung habe ich das Buch enttäuscht beiseite gelegt. Vielleicht hatte ich nach dem grossartigen Buch von Anne Girard, Madame Picasso, zu hohe Ansprüche, da die beiden Bücher in der gleichen Reihe erschienen sind, auf alle Fälle wurde ich nicht warm mit dem Roman, weder mit der Sprache, noch mit dem Aufbau, noch mit dem Fortgang der Geschichte (eigentlich eher eine Stagnation über weite Strecken).

Fazit:
Ein von der Sprache und vom Aufbau her wenig überzeugendes Buch, das in einem seichten Plauderstil dahinplätschert. Schade!

Zur Autorin und Übersetzerin
Annabel Abbs studierte Englische Literatur und leitete eine große Marketing Consulting Agency, bevor sie zu schreiben begann. Ihre Kurzgeschichten wurden hoch gelobt, und auch ihr Debütroman wurde mehrfach ausgezeichnet. Mit ihrem Mann und ihren vier Kindern lebt Annabel Abbs in London und Sussex.
Ulrike Seeberger, geboren 1952, Studium der Physik, lebte zehn Jahre in Schottland, arbeitete dort u.a. am Goethe-Institut. Seit 1987 freie Übersetzerin und Dolmetscherin in Nürnberg. Sie übertrug u.a. Autoren wie Philippa Gregory, Vikram Chandra, Alec Guiness, Oscar Wilde, Charles Dickens, Yaël Guiladi und Jean G. Goodhind ins Deutsche.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 512 Seiten
Verlag: Aufbau Verlag (14. Juli 2017)
Übersetzung: Ulrike Seeberger
ISBN: 978-3746633169
Preis: EUR 12.99 / CHF 17.90

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Patricia Duncker: Die Germanistin (Rezension)

Die Liebe zum Werk und zu dessen Autor

Ich schrieb eine Arbeit über moderne französische Geschichte. Das muss ich erzählen, weil es erklärt, warum ich so tief in die Sache hineingeraten bin. Sie war bereits der zentrale Gegenstand meines Interesses oder, wenn man so will, meine intellektuelle Leidenschaft. Was es nicht erklärt, ist, warum ich so persönlich in die Sache verwickelt wurde.

Inhalt
Als Doktorand schreibt der Ich-Erzähler über den (fiktiven) Autor Paul Michel. Eines Tages lernt er eine Frau kennen, verliebt sich in sie: Die Germanistin. Sie ermutigt ihn, sich auf die Reise nach Frankreich zu machen, wo Paul Michel in einer Psychiatrie festgehalten würde. Der Ich-Erzähler macht sich auf die Reise, trifft auf seinen Autor und taucht mit ihm in ein Leben ein, das er so wohl nie für möglich gehalten hätte.

Beurteilung
DunckerGermanistinPatricia Duncker gelingt es im vorliegenden Roman, den Leser von der ersten Seite an zu fesseln und mitzureissen. Immer tiefer taucht man selber in die Welt des Ich-Erzählers, später in die von Paul Michel und vor allem: in die Geschichte der beiden ein.

Die Germanistin ist die in der Retrospektive erzählte Geschichte einer Liebe, einer Leidenschaft, es ist aber auch eine Geschichte über das Schreiben, über die (mögliche oder unmögliche) Trennung von Werk und Autor. Es ist eine Geschichte über Wahnsinn und Leidenschaft, über einen Schriftsteller und dessen Leser.

Rückblickend sehe ich, dass die Sache von mir Besitz ergriffen hatte, dass ich von einer Leidenschaft besessen war, einer Suche, die nicht von mir ausgegangen war, aber zu meiner eigenen geworden war.

Diese Worte kommen vom Ich-Erzähler, aber sie könnten auch vom Leser kommen. Wenn man als Leser die letzten Zeilen des Buches gelesen hat, bleibt eine Trauer zurück. Eine Welt hat geendet, aus der man eigentlich nicht austreten wollte, so tief fühlte man sich darin verwurzelt, so sehr hat die Leidenschaft, das Leben auf einen gewirkt.

Die Wahl des Ich-Erzählers ist brillant gewählt, sie ermöglicht den Blick auf die eigentlich relevanten Figuren, der Erzähler führt einen nur auf sie zu. Er ist denn auch die am wenigsten plastische Figur, man erfährt fast nichts über sein Aussehen, seine Person, erlebt ihn nur durch seine Gedanken; man denkt und handelt quasi mit ihm mit. Auch ist es die einzig mögliche Perspektive, gewisse Geheimnisse bis zum Schluss zu bewahren, wenn auch schon früh gewisse Ahnungen sich melden, die aber zu diffus sind, um sie wirklich festzunageln. So gelingt es Duncker, bis zum Schluss einen Spannungsbogen aufzubauen, der zusätzlich zum stimmigen Plot und zur flüssig erzählten und einnehmenden Geschichte dazu beiträgt, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen möchte.

Fazit:
Ein mitreissendes Buch, das einen als Leser in eine Welt hineinzieht, aus der man nie mehr austreten möchte. Absolute Leseempfehlung

Zur Autorin
Patricia Duncker
Patricia Duncker (*1951 in Kingston, Jamaika) ist eine britische Schriftstellerin und Hochschullehrerin.
Sie siedelte mit 13 nach Großbritannien über, wo sie Englisch am Newnham College der University of Cambridge sowie englische und deutsche Romantik am St Hugh’s College der University of Oxford studierte. Sie lebt abwechselnd in Aberystwyth und Südfrankreich und unterrichtete Literaturwissenschaft an der Aberystwyth University in Wales wie auch Creative Writing an der University of East Anglia. Seit Januar 2007 lehrt sie an der University of Manchester.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 208 Seiten
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (1. September 2007)
Übersetzung: Karen Nölle-Fischer
ISBN: 978-3423135023
Preis: nur noch antiquarisch zu kaufen, z. B. bei AMAZON.DE

Erich Kästner: Fabian (Rezension)

Die Geschichte eines Moralisten

Der Moralist, der nicht im trüben Wasser schwimmen konnte

Der Moralist pflegt seiner Epoche keinen Spiegel, sondern einen Zerrspiegel vorzuhalten. Die Karrikatur, ein legitimes Kunstmittel, ist das Äusserste, was er vermag. […]

Sein angestammter Platz ist und bleibt der verlorene Posten. Ihn füllt er, so gut er kann, aus. Sein Wahlspruch hiess immer und heisst auch jetzt: Dennoch!

Inhalt
Fabian, ein am Leben pessimistischer Moralist hält sich mit verschiedenen Jobs über Wasser, lernt das Leben und die Menschen mit all ihren Facetten kennen und sieht das eigene Land langsam untergehen. An ein eigenes Glück oder Liebe gar glaubt er nicht, bis er eines Tages Cornelia kennenlernt und mit ihr die glücklichste Zeit seines Lebens erlebt. Hatte er bislang doch alles zu schwarz gesehen?

Zusammenfassung
KästnerFabianFabian, Dr. der Germanistik und zweiunddreissig Jahre alt, hält sich finanziell mehr schlecht als recht in abwechselnden Jobs über Wasser. In seiner Freizeit treibt er sich in zweifelhaften Etablissements herum, trinkt mit befreundeten Journalisten eines über den Durst, hat Liebschaften und diskutiert mit seinem Freund Labude über die pessimistischen Aussichten für Deutschland und Europa.
Fabian glaubt nicht an das Glück, er glaubt nicht an die Liebe, bis er Cornelia trifft und sich verliebt. Nach ein paar Tagen glücklichen Daseins verliert er seine Stelle. Einerseits für die eigene Karriere, andererseits, um ihm zu helfen, lässt sich Cornelia mit einem Filmmagnaten ein – einmal mehr ist Fabians Unglück besiegelt.

Nachdem sich auch noch sein bester Freund Labude umgebracht hat – aufgrund eines als Witz getarnten Missverständnisses – sieht Fabian seine Zeit in Berlin beendet. Er geht nach Hause ins Dorf seiner Eltern, lebt eine Weile in bleierner Langeweile, lehnt eine ihm angebotene Stelle bei einem rechten Blatt ab und plant eine Auszeit in den Bergen. So weit soll es nicht mehr kommen:

Plötzlich sah er, dass ein kleiner Junge auf dem steinernen Brückengeländer balancierte. Fabian beschlenigte seine Schritte, Er rannte. Da schwankte der Junge, stiess einen gellenden Schrei aus, sank in die Knie, warf die Arme in die Luft und stürzte vom Geländer hintuner in den Fluss.
[…]
Fabian […]zog die Jacke aus und sprang, das Kind zu retten, hinterher. […] Der kleine Junge schwamm heulend ans Ufer. Fabian ertrank. Er konnte leider nicht schwimmen.

Beurteilung
Fabian. Die Geschichte eines Moralisten ist eine brillante Satire auf die deutsche, speziell die Berliner Gesellschaft der späten Zwanzigerjahre, die Zeit der Wirtschaftskrise. Fabian ist ein scharfer Beobachter des Lebens um ihn herum. Er bewegt sich in den verschiedenen Milieus, oft am Rande der Gesellschaft, und sieht da hinter die Masken der herrschenden Doppelmoral.

Kästner wollte warnen, als er dieses Buch schrieb. Er wollte vor dem Abgrund warnen, auf welchen er Deutschland und Europa zuschreiten sah. Es ist – wie seine in der gleichen Zeit entstandenen Gedichte – der sogenannten „neuen Sachlichkeit“ zuzuschreiben, die Figuren und die einzelnen Szenen sind nicht Abbilder, sie sind Zerrbilder. Sowohl die Laster wie auch die Tugenden werden durch Erhöhungen überzeichnet und so in einer Komik dargestellt, die einerseits zum Schmunzeln anregt, andererseits aber auch genauer hinschauen lässt.

Das schnelle Tempo, die rasch wechselnden Szenen, die einfachen Sätze und der überall vorherrschende Sprachwitz geben dem Roman eine Dynamik, die Schnoddrigkeit, Ironie und Schlagfertigkeit in den einzelnen Dialogen ziehen den Leser in die Geschichte hinein, lassen diese lebendig wirken.

Fazit:
Ein wunderbar tiefgründiges, satirisches, witziges Buch, das durch Lebendigkeit der Sprache, Witz und Ironie besticht. Eine brillante Mischung aus ernstem Anliegen und humorvoller Umsetzung. Eine absolute Leseempfehlung.

Zum Autor
Erich Kästner
Als die Nationalsozialisten am 10. Mai 1933 Bücher und Bilder unliebsamer Künstler verbrannten, waren auch Werke von Erich Kästner darunter. Seine zeitkritischen und satirischen Texte hatten ihn in Ungnade fallen lassen. Der am 23. Februar 1899 in Dresden geborene Journalist und Schriftsteller lebte und arbeitete weiter in Berlin und publizierte im Ausland. Die Gedichtbände „Herz auf Taille“ und „Lärm im Spiegel“ erschienen 1928 und 1929, ebenso sein bekanntestes Kinderbuch „Emil und die Detektive“. Nach dem Krieg lebte Kästner in München und rechnete als Mitglied der „Schaubude“ sowie in seinen Hörspielen und Liedern mit den Nazis ab. Er starb am 29. Juli 1974 in München.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 272 Seiten
Verlag: Atrium Zürich (5. Mai 2017)
ISBN: 978-3038820086
Preis: EUR 12 / CHF 17.90

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Tess Gerritsen: Totenlied (Rezension des Hörbuchs)

Der Walzer des Grauens

Inhalt
GerritsenTotenliedImmer wenn amerikanische Violinistin Julia Ansdell auf ihrer Geige den Walzer Incendio spielt – sie hat ihn von einer Italienreise mitgebracht – verhält sich ihre kleine Tochter merkwürdig. Einmal tötet sie die Katze, dann greift sie Julia an. Keiner hat eine Erklärung, woher die Verhaltensveränderungen der kleinen Lily kommen, weder deren Vater noch herbeigezogene Psychologen. Julias Vermutung, es könnte mit dem Lied zusammenhängen, glaubt aber keiner.

Julia lässt der Gedanke, dass ein Zusammenhang zwischen der Komposition und Lilys Verhalten besteht, nicht los, und sie reist nach Italien, um der Herkunft des Liedes auf die Spur zu kommen. Es ist zugleich eine Reise in die Vergangenheit, eine Reise in die Zeit des 3. Reiches.

Zum Inhalt
Ein Thriller ist die vorliegende Geschichte meines Erachtens nicht, es fehlen ihr alle für dieses Genre qualifizierenden Eigenschaften. Wer also einen Thriller erwartet, könnte von dem Buch mehr als enttäuscht sein, da es als einzigen Spannungspunkt das aufzudeckende Geheimnis hat, welches aber durch die ganzen Rückblenden in die Geschichte immer wieder an den Rand gedrängt wird.

Zum Hörbuch
Wer kennt Mechthild Grossmann nicht mit ihrer wunderbar sonoren Stimme. Die Aussicht, von ihr ein Hörbuch gelesen zu geniessen, war wunderbar. Wie gross dann die Enttäuschung. In diesem Roman kommen mehrheitlich Frauen, Kinder und junge Männer vor – allesamt haben sie hohe Stimmen, so dass Mechthild Grossman fast permanent nur am Säuseln ist. Die Momente, in denen sie ihre Stimme richtig klingen lassen kann, sind dünn gesät. Das Gesäusel jedoch kann mit der Zeit gehörig auf die Nerven gehen – mir ging es so. Ich musste das Hörbuch abbrechen.

Fazit:
Die Geschichte ist kein wirklicher Thriller, hat aber durchaus Spannungsmomente. Leider passt die Stimme von Mechthild Grossmann – so wunderbar sie ist – nicht zu den Figuren des Romans. Leider eine Enttäuschung auf mehreren Ebenen.

Zur Autorin und weiteren Mitwirkenden
Sie schreibt knallharte Thriller, unter die Haut gehende Krimis und gilt international als Meisterin der Spannung. Dabei hat die in San Diego aufgewachsene Tess Gerritsen gar nicht vorgehabt, Schriftstellerin zu werden. Nach einem Medizinstudium und anschließender Tätigkeit als Internistin in Honolulu, Hawaii, schien ihre Laufbahn festgelegt. Während ihres Mutterschaftsurlaubs schrieb sie dann eine Kurzgeschichte, die sofort prämiert wurde. Damit stellten sich die Weichen ihres Lebens neu. Ihre Karriere als Medizinerin hat sie mittlerweile an den Nagel gehängt und ist „Vollzeitautorin“. Privat liebt sie es eher friedlich: Nach ihren Hobbys befragt, nennt sie Gartenarbeit und Musik. Gerritsen lebt mit ihrem Mann und ihren Söhnen in Camden, Maine.

Mechthild Großmann drehte mit Fassbinder, arbeitete viele Jahre lang am Theater mit Pina Bausch und spielte in zahlreichen TV-Filmen. Seit 2002 begeistert sie mit ihrer unverkennbaren Stimme als Staatsanwältin im Münsteraner Tatort. Totenlied ist ihr achtes Tess-Gerritsen-Hörbuch für Random House Audio.

Angaben zum Buch:
MP3 CD
Verlag: Random House Audio; gekürzte Lesung (25. Juli 2016)
ISBN-Nr.: 978-3837135626
Preis: EUR 11.49 / CHF 23.90
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Dirk Ippen (Hrsg.): Des Sommers letzte Rosen (Rezension)

Rangliste der Gedichte

Wer kennt sie nicht, die Gedichte, die man in der Schule mühsam auswendig lernen musste, die Gedichte, die man in allen Gedichtbänden findet, die bei Hochzeiten, Trauerfeiern und auch zwischendurch zitiert werden. Das vorliegende Buch hat sie gesammelt und in die passende Reihenfolge gebracht. Entstanden ist eine Sammlung von 100 Gedichte aus fast 1000 Jahren, die am häufigsten in deutschen Anthologien zu finden sind.

Die Welt wird schöner mit jedem Tag,
Man weiss nicht, was noch werden mag,
Das Blühen will nicht enden.
Es blüht das fernste, tiefste Tal:
Nun armes Herz, vergiss die Qual!
Nun muss sich alles, alles wenden.

Wir starten bei Uhlands Frühlingsglauben, finden später 18 Das Abendlied von Claudius, Nietzsches Vereinsamt, Eichendorffs Abschied, Platens Tristan und schliessen schliesslich mit Trakls Winterabend.

IppenSommersRosenDes Sommers letzte Rosen bringt sicher nicht die neue Erkenntnis in Sachen Gedichten, man findet – vor allem als begeisterter Gedichte-Leser – keine Neuentdeckungen. Auch kann man sich fragen, ob es wirklich nötig ist, Ranglisten aus Gedichten anzulegen – so mutet es ein wenig an. Aber: Es ist ein sehr schön aufgemachtes Buch mit einem ansprechenden Deckblatt, das Layout ist schnörkellos und ganz auf die einzelnen Texte ausgerichtet – ein schönes Geschenk für einen guten Freund, die Mutter oder einen Einsteiger in die Welt der Lyrik.

Müsste man einen Kritikpunkt anbringen, so wäre es, dass die wirkliche Rangliste fehlt. Zwar kann man sich den Gedichten entlanglesen, aber wenn man schon eine Liste erstellt, wäre es schön, die einzelnen Plätze auf einen Blick erfassen zu können, ohne sie abzählen zu müssen.

Fazit:
Die 100 am häufigsten in Anthologien publizierten Gedichte in einem Band, sehr ansprechend gestaltet. Ein wunderbares Geschenk für Lyrik-Liebhaber und solche, die es werden wollen.

Zum Herausgeber
Dirk Ippen, Dr. jur., ist Zeitungsverleger und lebt in München.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: C.H.Beck (16. März 2017)
ISBN-Nr: 978-3406706301
Preis: EUR 14/ CHF 21.90
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Gute Bücher, schlechte Bücher

Ich betreibe diesen Blog ja schon eine Weile und immer wieder stellte ich mir die Frage: Welche Bücher stelle ich rein. Ich habe irgendwann für mich entschieden, nur die Bücher zu besprechen, die ich (einigermassen) gut fand. Bücher, die ich nicht lesen konnte und abbrach, oder die zu lesen eine Qual waren, liess ich still im Regal verschwinden. Ich habe diese Entscheidung immer mal wieder hinterfragt, bin dann dabei geblieben. Die Gründe dafür waren vielfältig:

  • Respekt vor der Arbeit des Autors: Selbst wenn mir das Buch nicht gefällt, hat sich jemand Mühe gegeben, Zeit investiert, auch Herzblut wohl. Er hat es immerhin geschafft, ein ganzes Buch zu schreiben. Das möchte ich nicht einfach verreissen.
  • Unterschiedliche Geschmäcker: Ein Buch, das mir nicht gefällt, kann einem anderen super gefallen. Das, was mich langweilt, findet der vielleicht genau richtig. Ich möchte von keinem Buch abraten, das jemand anderem gefallen könnte.
  • Ich habe wohl generell eher Mühe, Negatives zu sagen, da ich schlicht keinen verletzen will. Auch Bücher haben eine Seele.

Ich kann hinter dieser Entscheidung nicht mehr stehen. Ich lese viel und ganz viel breche ich ab. Und das hat immer Gründe. Ich lese kein Buch, das mich nicht packt, aus Prinzip zu Ende, dazu ist die Zeit zu knapp und dazu gibt es schlicht zu viele Bücher, die ich noch lesen möchte. Und ich werde nicht mal so alle schaffen, wieso also noch mehr nicht schaffen, nur, weil ich denke, mich durch ein Buch hindurch quälen zu müssen? Wie haltet ihr das mit den Büchern? Lest ihr fertig, was ihr begonnen habt, oder legt ihr auch mal zur Seite?

In Zukunft werde ich also auch Bücher hier besprechen, die ich nicht gut fand. Wenn ich ein Buch abbrach, werde ich offenlegen, wie weit ich gelesen und wieso ich abgebrochen habe. Wenn ich trotz Missfallens fertig las, werde ich erläutern, was mir daran konkret nicht gefiel.

Das ist vielleicht nicht mehr so nett, aber es fühlt sich für mich ehrlicher an. Ein abwertendes Urteil muss ja nicht heissen, dass das Buch keinem gefallen kann, es ist einfach mein Urteil.

In diesem Sinne: Lasst die Spiele beginnen…

Cara Nicoletti: Yummy Books (Rezension)

In 50 Rezepten durch die Weltliteratur

NicolettiYummyWas entsteht, wenn eine Frau aus einer Metzgerfamilie, die Literatur liebt, ein Buch schreibt? Wer sich die Frage schon mal gestellt hat, der findet die Antwort in diesem Buch. Cara Nicoletti kam als Kind einer Metzgersfamilie schon früh mit dem Kochen in Berührung. Von klein an zog sie sich aber auch gern mit einem guten Buch zurück. Halfen die Bücher ihr in der Kindheit und Jugend, vor der oft überfordernden Realität zu fliehen, so identifizierte sie sich auch später noch gerne mit den Figuren aus den fiktiven Welten. Noch näher fühlte sie sich ihnen, wenn sie ass, was diese assen, sprich: Sie kochte sich die Rezepte aus den Büchern einfach selber.

Ihr Literaturstudium verdiente sie sich mit Jobs in Restaurants, als Köchin, Metzgerin und vieles mehr. Sie merkte bald, dass sie ebenso gut beim Essen-Zubereiten mit Kollegen über Literatur wie mit Studienfreunden übers Essen reden konnte – die Idee für das Buch nahm Gestalt an.

Yummy Books vereint 50 Rezepte aus 50 Büchern, die sich Cara Nicolettis Lebenszeit entlang hangeln, von der Kindheit bis ins Heute. Anhand von persönlichen Anekdoten, die sie mit den einzelnen Büchern verbindet, und einer kurzen Inhaltsangabe oder Figurenbeschreibung werden die einzelnen Rezepte eingeführt. Diese enthalten neben den Inhaltsangaben eine Anleitung zur korrekten Zubereitung. Auf diese Weise kann man mit Laura von der kleinen Farm Frühstücksbratwurst essen, mit Pippi Langstrumpf Buttermilchpfannkuchen, man kann den Rollbraten vom Schweinekopf aus Herr der Fliegen kochen oder aber die in Rotwein geschmorte Lammkeule mit Wildpilzen.

Die Idee, Kochen und Bücher zu verbinden, ist gut, zumal in vielen Romanen gekocht und gegessen wird und man ab und an wirklich gerne mit am Tisch sitzen würde. Die Umsetzung mutet teilweise sehr wie ein Erinnerungs- und Lesetagebuch an, die Rezepte sind vom Layout her wenig übersichtlich gestaltet. Auch die Fotos sind eher gewöhnungsbedürftig, man sieht einige Metzgereiinterna (für sensible Gemüter und Vegetarier als eher schwierig), die einzelnen Rezepte sind wenig dekorativ abgelichtet – was aber wiederum dem Buchstil, das explizit kein Hochglanzkochbuch ist, entspricht und daher absolut passend ist. Eine Bibliographie der behandelten Werke macht es leicht, diese zum Rezept zu kaufen und zu lesen. Was fehlt, ist eine Aufstellung der einzelnen Rezepte in den Kategorien Frühstück, Hauptgang, Dessert, etc. So muss man sich, sucht man für einen bestimmten Gang ein Rezept, unter Umständen durch 50 Rezepte lesen, um etwas Passendes zu finden.

Fazit:
Die Idee, Kochen und Literatur zu verbinden, ist durchaus interessant, entstanden ist aber eher ein Erinnerungs- und Lesetagebuch statt ein Kochbuch im engeren Sinne.

Zur Autorin
Cara Nicoletti ist Metzgermeisterin, Köchin und Gründerin des literarischen Foodblogs Yummy Books. Sie kommt aus einer Metzgerdynastie aus Boston und lebt derzeit in Brooklyn, New York.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 332 Seiten
Verlag: Suhrkamp Verlag (13. Juni 2017)
Übersetzung: Tanja Handels, Susanne Kammerer
ISBN-NR: 978-3518467763
Preis: EUR: 16.95 ; CHF 24.90
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Link zum Verlag: HIER

Didier Ottinger (Hrsg.) Magritte. Der Verrat der Bilder (Rezension)

Malerei als Ausdruck philosophischen Denkens

Magritte ging mit seiner Malerei neue Wege. Was er betrieb, könnte man als Philosophieren mit dem Pinsel bezeichnen. Sein Malen war Denken bildhaft dargestellt. Er setzte das Wort neben das Bild und umgekehrt. Die Malerei Magrittes befasst sich ohne Unterlass mit den Fragen über das Wesen und den Status der Kunst.

Vorhänge, Wörter, Flammen, Schatten, Fragmente und Collagen verweisen auf Legenden und Allegorien, die allesamt den Status der Bilder und deren Beziehung zur Wirklichkeit oder zur Wahrheit hinterfragen.

Immer wieder tauchen dabei die fünf Motive Feuer, Schatten, Vorhänge, Wörter und fragmentierte Körper auf. Der vorliegende Band setzt sich mit diesen Motiven auseinander, zeigt deren Funktion im Malen und Denken Magrittes und illustriert das anschaulich anhand der entsprechenden Bilder.

Magritte wollte hinter den gewohnheitsmässigen Gebrauch der Sprache blicken, er wollte offenlegen, das Worte beliebig Gegenständen zugeordnet werden und dann durch Generationen tradiert ohne je zu hinterfragen, was genau Objekt, was Wort und wie der Zusammenhang beider aussieht. Diesen Gedanken stellte er das Bild entgegen, welches auch ein Abbild des Objektes ist, aber nicht der Gegenstand selber. Dabei ist er der Überzeugung, dass die Verbindung Bild – Objekt weniger beliebig ist als die zwischen Wort und Objekt.

Aus der Ähnlichkeitsbeziehung zwischen der Wahrnehmung des Bildes und der des Gegenstandes ergibt sich unter anderem, dass es „in dem Sinne, in dem es Fremdsprachen gibt, keine Fremdbilder gibt“. Fremdsprachen kann es nur geben, weil die Beziehung zwischen den meisten Wörtern und dem, was sie bedeuten, beliebig ist und daher erlernt werden muss.

Mit seinen Bildern wollte Magritte das Denken sichtbar machen. Immer wieder stellt er den Bezug zur Philosophie her, bringt die Gedanken der grossen Denker auf die Leinwand.

Die vorliegende Monografie stellt die Persönlichkeit des Künstlers ins Zentrum und legt dessen Verständnis von Kunst und Wirklichkeit sowie der Beziehung zwischen den beiden offen. Hochstehende und tiefgründige Essays führen den Leser in Magrittes Denken, seine Motivwahl und deren Bedeutung im Hinblick auf sein Denken und Malen ein:

  • Magritte als Philosoph – ein Porträt (Didier Ottinger)
  • Wörter, Schatten, Flammen, Vorhänge, Fragmente. Magritte und die Gründungsmythen der Malerei (Didier Ottinger)
  • Zwischen Wahlverwandtschaft und Beliebigkeit. Anmalen gegen die imaginären Grenzen der Imagination (Klaus Speidel)
  • Sehen, um zu glauben. René Magritte und die Erfindung der Kunst (Jan Blanc)
  • Der Maler-König (Barbara Cassin)
  • Magrittes Vorhänge (Victor I. Stoichita)
  • Schönheit ist ein bildnerisches Problem (Jacqueline Lichtenstein)
  • Vom Bild als Deckmantel zur Kunst des Problems (Michel Draguet)

Auch Magritte selber kommt zu Wort in seinem Vortrag von 1938 mit dem Titel Lebenslinie I, sowie in ausgewählten Briefen.

Veranschaulicht werden all diese Theorien anhand ausgewählter und farblich hochwertiger Bilder, durch ein stilvolles Layout in Szene gesetzt werden. Ein rundum gelungenes Buch, das jedem Magritte-Fan nur empfohlen sei.

Fazit
Ein informatives, tiefgründiges und hochwertig gestaltetes Buch, das sich fundiert mit Magrittes Bildern, Motiven sowie seinen Gedanken und Theorien auseinandersetzt. Absolut empfehlenswert.

Zum Herausgeber:
Didier Ottinger ist stellvertretender Direktor des Musée national d’art moderne, Centre de création industrielle und Autor zahlreicher Bücher.

Angaben zum Buch:
MagritteGebundene Ausgabe: 224 Seiten
Verlag: Prestel Verlag (16. Januar 2017)
ISBN: 978-3791355979
Preis: EUR: 39.95 ; CHF 52.90
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Micaela Jary: Die Villa am Meer (Rezension)

Lebenslügen und ewige Liebe

Inhalt

Eine Braut, die sich von der Kirche lautstark zankte, würde vom Pastor gewiss nicht freundlich empfangen werden. Vom Bräutigam ganz zu schweigen. Immerhin eine Möglichkeit, der Sache ein Ende zu bereiten.
[…]
Rasch drückte er ihre Hand. Aufmunterung und väterlicher Liebesbeweis zugleich, aber auch seine Art, ihr seine Zuversicht mitzuteilen.
Wenigstens einer, der überzeugt von meiner Wahl ist, sinnierte Katharina.

Katharina liebt Joachim, es ist die ganz grosse Liebe. Als dieser jedoch für zwei Jahre in den See sticht, um seine beruflichen Chancen für später besser zu machen, weiss Katharina, dass sie nicht zur Seefahrerfrau taugt, dass sie sich vor Sehnsucht verzehren wird. Ein Jahr nach Joachims Abfahrt tritt sie mit Olaf Borcherts, einem älteren, erfolgreichen Unternehmer, der sein Vermögen mit Strandkörben gemacht hat, vor den Traualtar. Er ist zwar nicht die grosse Liebe, verspricht aber ein sicheres Leben und Halt. Das muss sie sich bei aufkommenden Zweifeln selber immer wieder sagen.

Es war ein zweiter Abschied von Joachim. Diesmal noch endgültiger als der Brief, den sie ihm geschrieben und dem sie das wunderschöne Gesangbuchbeigelegt hatte. Tränen stiegen in ihr hoch.

Die Ehe erweist sich immer mehr als Gefängnis. Nicht nur trauert sie ihrer grossen Liebe Joachim nach, auch sonst stösst sie an Grenzen: Sie würde gerne selber als Geschäftsfrau etwas bewirken und nicht nur den Stoff für die Strandkörbe ihres Mannes aussuchen, doch das ist in der Zeit anfangs des 20. Jahrhunderts noch nicht gerne gesehen. Dass sie bei ihren Bestrebungen ausgerechnet auf Joachim zählen kann, macht die Situation nicht einfacher.

Beurteilung
JaryVillaVilla am Meer ist eine Familiensage, ein historischer Roman und die Geschichte des Strandkorbs in einem. Zwar soll der Roman ausdrücklich nicht als Sachbuch über den Strandkorb, sondern als fiktive Geschichte verstanden werden, trotzdem wirkt das hier geschilderte sehr authentisch.

Micaela Jary erzählt in einer eingängigen, leicht lesbaren, flüssigen Sprache die Geschichte einer Frau, die auf ihre grosse Liebe verzichtet, um ein Leben in gesicherten Bahnen zu führen. Es ist die Geschichte einer Frau, die alles daran gibt, trotz dieser schwierigen Voraussetzung glücklich zu sein mit ihrem Mann, die ihren Mann unterstützt, aber auch selber Ambitionen hat und damit aneckt.

Entstanden ist ein Roman, der durch einen stimmigen Plot, plastische Figuren und einen authentischen Schauplatz – der aufstrebende wilhelminische Urlaubsort Warnemünde an der deutschen Ostseeküste – besticht. Ein wunderbares Buch für den Sommerurlaub am Strand oder zu Hause im Liegestuhl.

Fazit:
Ein stimmiger Plot mit plastischen Figuren und einer flüssigen Sprache, ein Roman, der zugleich Familiensaga wie auch historischer Roman ist und die Geschichte einer Liebe, die überdauert, auch wenn sie nicht gelebt werden kann. Sehr empfehlenswert.

Zur Autorin:
Micaela Jary stammt aus Hamburg und wuchs im Tessin auf. Sie arbeitete lange als Journalistin, bevor sie sich ganz dem Schreiben von Romanen widmete. Nach einem langjährigen Aufenthalt in Paris lebt sie heute mit Mann und Hund in Berlin und München. Zum Schreiben taucht sie aber auch in einem Landhaus Nähe Rostock ab.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 512 Seiten
Verlag: Goldmann Verlag (20. März 2017)
ISBN-Nr.: 978-3442485956
Preis: EUR 9.99; CHF 14.90
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Ernst Jandl: Mein Gedicht und sein Autor (Rezension)

Was einer tut, wenn einer dichtet

Dichtung, ausgelöst durch die Zusammenstösse eines Menschen mit der Umwelt; Dichtung, die mit dem Anlass, der sie auslöst, identisch ist; Dichtung, die den Menschen in den Ring stellt

JandlGedichtAutorKaum einer, der Ernst Jandls Gedicht von Ottos Mops nicht kennt. Kaum einer, der nicht darüber lachte, sich auch fragte, was den Dichter bewegt hat, ein solches Gedicht zu schreiben. Was bewegt einen Dichter überhaupt? Was macht Dichtung aus? Kann man es allgemein sagen?

Der vorliegende sechste und letzte Band der Neuausgabe der Werke Ernst Jandls vereint Aufsätze, Reden und Vorträge des Autors, darunter auch seine Frankfurter Poetik-Vorlesungen.

In verschiedenen Statements lernt der Leser den Autoren besser kennen, erfährt über dessen Gedanken und Beweggründe für einzelne Gedichte, sein Leben als Lehrer, sein Schreiben als Kunst sowie seine Meinung zur Dichtkunst und ihre Situation. Neben seinen eigenen Gedichten analysiert Jandl auch einige seiner Partnerin Friederike Mayröcker, zeigt sowohl bei sich wie auch bei ihr auf, was ihrer beider Dichtung bewirken soll.

…stiftet der Dichter, der uns angeht, Unruhe dort, wo die einen die Furcht lähmt und die andern ruhig schlafen.

Neben diesen Statements finden sich Reden und Vorträge, gehalten anlässlich von Preisverleihungen sowie Laudationen. Autobiographische Texte runden den Band ab, sie enthalten neben Selbstporträts auch Einsichten, wie man einen Verlag findet als Dichter.

Wer mehr über diesen innovativen und kreativen, immer an der Sprache und an deren Wirkung interessierten Dichter erfahren möchte, der kommt an diesem Buch nicht vorbei. Müsste man einen Kritikpunkt anfügen, so ist das Layout eher gewöhnungsbedürftig. Das Verwenden einer serifenlosen, etwas grösseren Schrift lässt den Text sehr dicht wirken. Dass die Nachbemerkungen dann in der üblichen Serifenschrift daherkommen, lässt das Buch uneinheitlich wirken und der Grund für diese Schriftenwahl erschliesst sich nicht. Dies aber nur eine Bemerkung am Rande, die den Inhalt in keiner Weise schmälert.

Fazit:
Ein Muss für alle, die sich eingehender mit dem Dichter Ernst Jandl befassen möchten, die dem Autor von „Ottos Mops“ auf die Finger schauen und mehr über sein Denken und Arbeiten erfahren wollen.

Autor und Mitwirkende
Ernst Jandl wurde 1925 in Wien geboren. Nach Schule, Militärdienst und Kriegsgefangenschaft studierte er Germanistik und Anglistik. Von 1949 bis 1974 arbeitete er als Gymnasiallehrer. Seit 1952 schrieb und veröffentlichte er Gedichte, seit 1954 bis zu seinem Lebensende war er mit Friederike Mayröcker befreundet. Sein Werk wurde mit vielen renommierten Preisen ausgezeichnet, darunter 1968 dem Hörspielpreis der Kriegsblinden (gemeinsam mit Friederike Mayröcker), 1982 dem Mülheimer Dramatikerpreis, 1984 dem Großen Österreichischen Staatspreis und dem Georg-Büchner-Preis. 1995 erhielt er den Friedrich-Hölderlin-Preis und ein Jahr danach das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich.

Klaus Siblewski, geboren 1950 in Frankfurt am Main, lebt in Holzkirchen bei München. Er ist Verlagslektor, lehrt als Professor am Institut für Literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft an der Universität Hildesheim und veranstaltet seit Jahren die „Deutsche Lektorenkonferenz“. Er hat u.a. die Werke von Ernst Jandl, Peter Härtling und Peter Turrini herausgegeben. Zuletzt sind von ihm erschienen: „Die diskreten Kritiker. Was Lektoren tun“ (2005) und die Bände „Wie Romane entstehen“ (2008 zusammen mit Hanns-Josef Ortheil) und „Wie Gedichte entstehen“ (2009 zusammen mit Norbert Hummelt).

Angaben zum Buch:
Broschiert: 464 Seiten
Verlag: Luchterhand Literaturverlag (21. März 2016)
Herausgeber: Klaus Siblewski
ISBN-Nr: 978-3630874869
Preis: EUR 16.99/ CHF 25.90
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