Rezension: Martin F. Meyer: Illustrierte Geschichte der Philosophie

Eine Reise durch die Philosophie von der Antike bis in die Neuzeit

Epochen – Autoren – Werke, so heisst der Untertitel dieses reich bebilderten Übersichtswerk über die Geschichte der Philosophie. Martin F. Meyer startet bei den Vorsokratikern und führt den Leser in einer gut verständlichen Sprache durch die Zeit bis hin in die Neuzeit. Dabei bettet er die einzelnen Philosophen immer in ihre Zeit ein, gibt einen kurzen Einblick in ihre persönliche Herkunft und den Werdegang und geht dann auf die zentralen Werke und deren grundlegenden Aussagen ein.

Die Illustrierte Geschichte der Philosophie ist sehr geschmackvoll aufgemacht, das Layout ist schlicht, übersichtlich und überzeugt ästhetisch. Kleine Infoblöcke (in Kreisform, was dem Layout ein gewisses Etwas gibt) bieten schnell erfassbare Überblicke über die vorherrschenden Denker einer Zeit oder aber erläutern deren wichtigsten Theorien. Eine schöne Auswahl an Bildern rundet den Gesamteindruck ab.

Philosophie hat mitunter nicht den Ruf, sehr unterhaltsam und prickelnd zu sein, dieses Buch hat aber Suchtcharakter und es birgt die Gefahr, zur nächsten Buchhandlung rennen zu wollen und alle vorgestellten Bücher gleich auch noch lesen zu wollen. Ich kann es jedem, der sich mal einen Überblick über die Geschichte der Philosophie verschaffen will, nur ans Herz legen. Aber: Nicht nur denen, das Buch ist wirklich einfach eine wunderbare Unterhaltung und man entdeckt ja auch als alter Hase immer wieder etwas Neues oder findet etwas wieder, das in Vergessenheit geriet.

Fazit
Ein sehr fundiertes, umfassendes, lesbares und schön aufbereitetes Buch, das eine breite Übersicht über die Geschichte der Philosophie bietet und zu weiterer Lektüre verleitet. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor:
Martin F. Meyer ist Privatdozent am Philosophie-Seminar der Universität Koblenz-Landau

Angaben zum Buch:
MeyerIlluPhiloTaschenbuch: 186 Seiten
Verlag: J. B. Metzler Verlag (16. März 2016)
ISBN: 978-3476026484
Preis: EUR: 24.95 ; CHF 31.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Wie wir unsere Welt an die Wand fahren

Ich bin ja bei Facebook. Ab und an frage ich mich selber, wieso. Aber nun denn. Jüngst lese ich fast nur noch Stimmen gegen Trump. Ach was, es sind keine Stimmen, es sind ganze Chöre. Es sind Jammergesänge. Man könnte Nabucco neu vertonen. Es wäre gewaltig. Die Chöre entspringen dem Frust. Die Singenden kriegten nicht, was sie wollten. Nun jammern sie. Wozu? Hilft das was?

Kaum! Es sind schlicht Parolen, die nun plakativ ins Auditorium geworfen werden. Was soll das helfen? Und wem? Wo ist da IRGENDETWAS Konstruktives? Es ist schlichtes Jammern aufgrund gemachter Aussagen des Herrn Trump, die zwar dumm und doof und unter aller Sau waren, aber damit nur ein Spiegel des Wahlkampfes, der hier geführt wurde. Den hat er nicht alleine geführt. Und schon wieder wird man mich als Trump-Befürworter lesen. Meine erste Reaktion nach seiner Wahl war „holy shit“ – und ich bleibe dabei. Ihre [Clintons – Anmerkung der Redaktion] Wahl wäre aber nicht viel gewinnbringender gewesen. Ich sah ihn immer plastisch als Kandidaten (die Medien sahen das wohl anders und hatten nur Spott und Häme sowie vorgedruckte Siegesartikel für Clinton in der Hand). Der Mechanismus hat ihm in die Hände gespielt. Vielleicht sollte man sich mal echt hinterfragen, was man überhaupt tut?! Einfach einen Kandidaten als Nonsens abzutun, weil er so unter allem ist (aber genau die Ängste und Sorgen derer anspricht, die offensichtlich zur Urne gehen. Der Rest polemisiert ja offensichtlich lieber mit grossen Worten auf FB oder hinterher auf der Strasse), führt offensichtlich in die Irre. Wir können was draus lernen und vor allem begreifen, was Demokratie wirklich wäre: Einen Diskurs zu führen, der alle zu Wort kommen lässt und nicht von oben herab diktieren will, was nun gut und schlecht ist – oder wir werden noch ganz oft solchen Wahlen gegenüber stehen.

Es ist verdammt einfach, nun Trump den Schwarzen Peter zuzuschieben (und ich sage es nochmals: Ich mag ihn nicht, er ist nicht mein Wunschpräsident). Das führt uns einfach schlicht nirgends hin.

Aktuell ist die Demokratie mehr als gefährdet. Daran sind weder Trump noch die AfD schuld. Das ist dem Umstand geschuldet, dass wir das, was eine Demokratie ausmacht, verlernt haben: den offenen Diskurs. Früher ging man hin, sprach miteinander, zoffte auch. Man traf sich auf dem Markt, im Wirtshaus, man setzte sich auseinander. Heute sitzt jeder zuhause, liest sich in den sozialen Medien und bei Gratiszeitungen was an, schart die um sich, die gleicher Meinung sind, degradiert die anderen. Man ruft übers Netz zum Aufstand auf und es treffen sich Menschen, die sich nicht kennen, aber virtuell befeuern.

So fahren wir alle unsere Welt an die Wand. Dazu brauchen wir keinen Donald.

Rezension: Dietmar von der Pfordten: Menschenwürde

Menschenwürde – in aller Munde und doch schwer greifbar

Der erste Grundsatz in den Grundgesetzen vieler Menschen lautet (so oder ähnlich):

Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Dieser Grundsatz stellt die Menschenwürde aufs Podest der Werte und Bestimmungen, alles andere erscheint nachrangig, wichtig ist, dass die Menschenwürde bewahrt wird in allem Tun und Erleben. Diese Sicht ist allerdings, schaut man auf den Lauf der Geschichte, eher neu, bis vor einigen Jahrzehnten war von Menschenwürde kaum je die Rede, zumindest nicht im alltäglichen Leben, aber auch sonst nicht in dieser Gewichtung.

Dietmar von der Pfordten geht im vorliegenden Buch zur Menschenwürde dem Begriff nach, stellt dar, wie er historisch entstanden ist, wie er sich philosophisch entwickelt hat, wie er Einzug ins Rechtssystem gefunden hat und welches Gewicht er da hat und auch was unter dem Begriff überhaupt zu verstehen ist. Er tut das sehr fundiert,

Für die Begriffsanalyse definiert von der Pfordten Teilbereiche der Menschenwürde:

  • die Selbstbestimmung über die eigenen Belange (grosse Menschenwürde)
  • die wesentliche soziale Stellung des Menschen (kleine Menschenwürde), sowie deren natürliche und damit prinzipiell unveränderliche Gleichheit als Grenzbereich (mittlere Menschenwürde)
  • das menschenwürdige Dasein als ökonomische Bedingung der Menschenwürde

Anschliessend referiert von der Pfordten die Frage, ob auf Menschenwürde verzichtet werden kann und unter welchen Bedingungen dies der Fall wäre. Auch geht er der Frage nach, ob man, wenn man eines anderen Menschen Würde verletzt, damit automatisch seine eigene tangiert. Das abschliessende Kapitel wendet sich schliesslich aktuellen Fragen zu und setzt diese in Beziehung zur Menschenwürde. Es geht dabei um Abtreibung, Klonen, terroristische Angriffe, etc.

Menschenwürde steht in der Reihe C. H. Beck Wissen, welche immer für kurze, fundierte Einführungen in relevante Themen steht. Das ist auch im vorliegenden Fall hervorragend gelungen, bietet von der Pfordten doch eine sachlich kompetente, inhaltlich fundierte, stringente Einführung zum Thema Menschenwürde.

Fazit
Eine sehr gute, fundierte und informative Einführung in ein wichtiges Thema unserer Zeit. Sehr empfehlenswert!

Zum Autor:
Dietmar von der Pfordten ist seit 2002 Professor für Rechts- und Sozialphilosophie an der Georg-August-Universität Göttingen und dort Direktor der Abteilung für Rechts- und Sozialphilosophie. Vorher war er seit 1999 Professor für Rechts- und Sozialphilosophie an der Universität Erfurt. Seit 2001 ist er Mitglied der Thüringer Akademie gemeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt und Mitglied der Kommission der Bundesregierung zur Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogener Kulturgüter, insbesondere aus jüdischem Besitz

Angaben zum Buch:
vonderPfordtenMenschenwürdeTaschenbuch: 128 Seiten
Verlag: JC. H. Beck Verlag (10. Februar 2016)
ISBN: 978-3406688379
Preis: EUR: 8.95 ; CHF 12.90
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Patrick Schuchter: Sich einen Begriff vom Leiden Anderer machen

Eine Praktische Philosophie der Sorge

Philosophie als Lebenspraxis

Es gibt im Leben philosophische Momente, die uns über das Alltagsgeschäft und unsere eingespielten Wahrnehmungsroutinen erheben. Möglicherweise hängt manchmal im Leben alles davon ab, ob wir es verstehen, die in solchen Momenten aufleuchtende Weisheit ernst zu nehmen und sie für unser tägliches Leben und Arbeite zu nutzen.

Auf der Basis eigener Lebenserfahrung im Pflegebereich und Leseerfahrungen in der Philosophie will uns Patrick Schuchter eine Abhandlung über eine Ethik der Sorge, verstanden als lebenspraktische Anleitung und nicht als wissenschaftliche Abhandlung vorlegen. Nach einer Analyse des Begriffs „Sorge“ erzählt Schuchter die Geschichte der legendären Krankenschwester Florence Nightingale und arbeitet an ihrem Beispiel weitere Punkte der Sorge aus verschiedenen Blickwinkeln heraus, sei es die Religion, sei es auch das Frauenbild oder das Verhältnis zwischen praktischer Pflegearbeit und Theorie der Sorge.

Danach wendet er sich der Philosophie zu, bei welcher er sich hauptsächlich auf die hellenistische bezieht, diese kurz in der Zeit verortet als Ganzes, ihre einzelnen Richtungen und Philosophen vorstellt, um dann ihre Aussagen zum Bereich Sorge herauszuarbeiten. Auffallend ist, dass sich alle Philosophen grundsätzlich mit der Selbstsorge beschäftigen, nicht mit der Fürsorge. Es geht ihnen in erster Linie also darum, dass der Mensch sich selber erkennen und sich um sich kümmern soll. Allerdings kann Schuchter den Bogen von der Selbst- zur Fürsorge schlagen, indem er aufzeigt, dass diese Selbstsorge dem Gemeinwohl dient, also im Endeffekt die Basis für eine Fürsorge sein muss.

Der Apell an die Selbstsorge ist also als ein Weckruf zu sehen, sich nicht um äusserliche Güter wie Macht, Reichtum oder Ansehen zu kümmern, sondern um die Schönheit und Tugend der Seele, um die Pflege der moralischen Werte

Patrick Schuchter liefert in diesem Buch auf der Grundlage einer breiten und fundierten Begriffsanalyse der Sorge unter Zuhilfenahme hellenistischer Philosophie eine Ethik der Sorge, welche Impulse für eine philosophische Praxis und Lebenskunst bereitstellen kann.

Das Buch ist sehr komplex, sehr dicht, oft etwas überladen und ausschweifend, verschiedene Kapitel hätten ohne Verlust kürzer und stringenter geschrieben werden. Die Verwendung einer politisch korrekten feministischen Schreibweise kann den Sprachliebhaber etwas stören, die Ersetzung von „man“ durch „frau“ wirkt eher bemühend als frauenfreundlich. Zudem ist das Bemühen nicht konsequent verfolgt worden, heisst es doch im Buch dann „der Philosophierende“. Dies aber nur noch eine Sprach- keine Inhaltskritik. 

Fazit
Ein komplexes, analytisches, fundiertes Buch zur Praktischen Philosophie der Sorge. Empfehlenswert.

Zum Autor:
Patrick Schuchter
Patrick Schuchter (Dr. phil., MPH), Philosoph, Krankenpfleger, Gesundheitswissenschaftler, forscht und lehrt am Institut für Palliative Care und Organisationsethik an der Fakultät für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung (IFF) Wien der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt | Wien Graz. Er ist in unterschiedlichen Palliative-Care- und Ethik-Projekten tätig und beschäftigt sich mit der Frage, wie Reflexionsprozesse zu existenziellen, philosophischen und ethischen Grundfragen organisiert und gestaltet werden können.

Angaben zum Buch:
schuchterbegriffleidenTaschenbuch: 390 Seiten
Verlag: transcript Verlag (18. Juli 2016)
ISBN: 978-3837635492
Preis: EUR: 39.99 ; CHF 44.50
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Sarah Bakewell: Wie soll ich leben? oder Das Leben Montaignes in einer Frage und zwanzig Antworten

„Jedermann schaut vor sich, ich schaue in mich hinein“

Wer einen Lebensratgeber erwartet nach dem Titel, der kann das Buch getrost weglegen – aber: Ich würde es nicht raten, denn es enthält etwas viel besseres: Die Lebensgeschichte Montaignes – und das auf eine Weise, wie sie ihresgleichen sucht.

Sarah Bakewell gelingt in diesem Buch die Quadratur des Kreises: Sie entführt den Leser in die Zeit Montaignes, zeigt ihm die historischen Gegebenheiten, politischen Verhältnisse und gesellschaftlichen Vorstellungen dieser Zeit, stellt dann Montaigne als Mensch hinein in die Zeit und beschreibt, wie er sich darin bewegte. In der Folge spinnt sie ein Netz aus Zeit, Mensch und Werk, beleuchtet dabei Montaignes Gedankengänge und wie sie sich in seinem Werk niederschlugen.

Mein wesentlicher Charakterzug […] ist die Neigung, mich mitzuteilen und zu offenbaren: Zu Geselligkeit und Freundschaft geboren, bin ich vor aller Augen ganz nach aussen gewandt.

Montaigne beschloss eines Tages, seine politische Laufbahn zu beenden und sich ganz dem Schreiben zu widmen. Dazu zog er sich in sein Turmzimmer zurück und schrieb. Er schrieb nicht, um zu belehren, vielmehr schrieb er, was er alles bei sich entdeckte, in der Welt wahrnahm, dachte.

Ich wende meinen Blick nach innen, und da halte ich ihn fest und lasse ihn verweilen. Jedermann schaut vor sich, ich schaue in mich hinein. Ich habe es nur mit mir selbst zu tun. Ich beobachte mich unablässig und prüfe mich, ich koste mich […]. Ich wälze mich in mir selbst.

Kein Thema war tabu, er schaute hin. Damit stiess er, als es ums verlegen ging, nicht nur auf offene Türen, auch später noch fanden sich seine Essais immer mal wieder auf den Listen der verbotenen Bücher.

Montaigne liess sich nicht beirren, er schrieb weiter neue Essais oder ergänzte die alten durch neue Gedanken oder Sichtweisen. Dies und der Umstand, dass die Essais in den Händen zweier Freunde waren, die unter Umständen auch Ergänzungen und Veränderungen vornahmen, ist die wirkliche Entstehungsgeschichte der Essais nicht ganz gesichert, was dem Lesegenuss aber keinen Abbruch tut, im Gegenteil. Montaigne wurde über all die Jahre begeistert gelesen und hinterliess bleibende Eindrücke, allen voran den Eindruck: Da schrieb einer, der in mich hineinschauen konnte.

Auch der Rezeption von Montaignes Essais widmet sich Bakewell ausführlich und schliesst damit den Kreis. Montaigne wollte sich mitteilen, wollte etwas hinterlassen, das über ihn hinausweist. Das ist ihm gelungen, wie man aufgrund der vielfältigen Stimmen seiner (oft berühmten) Leser sieht.

Trotz einer Flut von Informationen ist das Buch nie langatmig oder gar staubtrocken. Sarah Bakewell ist es gelungen, eine flüssig lesbare, fundierte, durch breites Wissen und tiefe Kenntnis betechende Biographie zu schreiben, die einen grosse Lust auf die Lektüre Montaignes selber macht. Sie hat also einfach alles richtig gemacht!

Fazit
Ein wunderbares, fundiertes, gut lesbares und umfassendes Buch über das Leben Montaignes, das Lust auf mehr macht. Absolut empfehlenswert!

Zum Autor:
Sarah Bakewell
Sarah Bakewell lebt als Schriftstellerin in London, wo sie außerdem Creative Writing an der City University lehrt und für den National Trust seltene Bücher katalogisiert.

Angaben zum Buch:
BakewellMontaigneGebundene Ausgabe: 416 Seiten
Verlag: C. H. Beck Verlag (21. Juli 2016)
Übersetzung: Rita Seuss
ISBN: 978-3406697807
Preis: EUR: 16.95 ; CHF 23.90
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Rezension: Andreas Urs Sommer: Werte

Warum man sie braucht, obwohl es sie nicht gibt

Was sind Werte und wie viele gibt es?

Als ob nicht alle Worte Taschen wären, in welche bald Diess, bald Jenes, bald Mehreres auf einmal gesteckt worden ist! (Nietzsche)

Werte scheinen in aller Munde. Hört man heutigen Politikern zu, nehmen Werte einen wichtigen Platz in ihren Reden ein. Egal, ob es um die Flüchtlingsproblematik, das Bildungswesen oder Gesundheitssysteme geht – mit Werten wird die eigene Haltung gerechtfertigt und dem Volk schmackhaft gemacht, da es schliesslich die Werte des Volkes seien und man diesen verpflichtet wäre. Während wir im Alltag also ständig mit Werten konfrontiert sind und auch selber drauf bauen, erfahren sie in der Wissenschaft eine eher stiefmütterliche Behandlung.

Andreas Urs Sommer stellt im vorliegenden Buch die Frage, wovon wir eigentlich sprechen, wenn wir von Werten reden. Wer bestimmt sie, was beinhalten sie, was bedeuten sie für eine Gesellschaft und für das Individuum? Er geht dabei strukturiert vor, hält sich an Aristoteles’ Kategorienlehre und stellt entsprechend Fragen:

  • Was ist ein Wert?
  • Wie ist ein Wert?
  • Worauf bezieht sich ein Wert?
  • Wo braucht man ihn?
  • Was haben und tun Werte?
  • etc.

Das Buch handelt nicht davon, welche konkreten Werte wir haben oder haben sollen, sondern versucht sich in einer systematischen Begriffsanalyse dahingehend, herauszufinden, wozu Werte gut und wichtig sind, wie sie beschaffen sind und sein müssen, um in der heutigen Gesellschaft von Nutzen zu sein.

Ein Exkurs des Buches setzt sich mit der Beziehung von Werten und Menschenrechten auseinander, ein weiterer nimmt die Tagespolitik rund um das aktuelle Flüchtlingsthema unter die Lupe. So schlägt Urs Andreas Sommer den Bogen von der theoretischen Analyse hin zur aktuellen Weltlage, wobei er das auch innerhalb der einzelnen Kapitel immer wieder anschaulich und fundiert tut.

Der Titel des Buches mag etwas sperrig klingen und Widerspruch herausfordern, beruft sich aber einfach auf die zugrundeliegende These. Die Wendung, dass es Werte nicht gäbe, besagt schlussendlich nur, dass sie nicht aus sich heraus existieren, sondern vom Menschen gemacht sind.

Werte. Warum man sie braucht, obwohl es sie nicht gibt ist ein fundiertes, analytisch tiefgehendes Buch, das den Begriff des Wertes von allen Seiten betrachtet und versucht, den Sinn und den Nutzen von Werten für den modernen Menschen in seiner Welt herauszuarbeiten. Müsste man etwas negativ anmerken, so wäre dies der oft sehr metaphorische, blumige, in Bilder abdriftende Schreibstil des Autors, der teilweise den Inhalt zu sehr überlagert und in dem Umfang den eher sachlich veranlagten Leser etwas irritieren kann.

Fazit
Ein sehr tiefgehendes, breit abgestütztes und scharfsichtiges Buch über ein Thema, das in aller Munde und trotzdem (oder deswegen?) oft vernachlässigt wird. Sehr empfehlenswert!

Zum Autor:
Andreas Urs Sommer (*1972) lehrt Philosophie an der Universität Freiburg i.B. und leitet die Forschungsstelle Nietzsche-Kommentar der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Einem breiteren Publikum ist er mit Zeitungs­ und Zeitschriftenartikeln sowie insbesondere mit seinen Büchern Die Kunst, selber zu denken und Lohnt es sich, ein guter Mensch zu sein? sowie Die Kunst des Zweifelns bekannt geworden.

 

Angaben zum Buch:
SommerWerteTaschenbuch: 152 Seiten
Verlag: J. B. Metzler Verlag (10. Juni 2016)
ISBN: 978-3476026491
Preis: EUR: 19.95 ; CHF 25.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

 

Rezension: Susan Sontag – Tagebücher 1964 – 1980

Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke

Gefühl mangelnder Einheit der Persönlichkeit. Meine verschiedenen Ichs – Frau, Mutter, Lehrerin, Geliebte, etc. – wie fügen sie sich zusammen?

David Rieff , der Sohn von Susan Sontag, leitet die Tagebücher mit persönlichen Worten über seine sensible, oft melancholische, nachdenkliche Mutter ein. Er verweist auf die Widersprüche in ihrem Denken, ihre Natur als lebenslang Lernende. Liest man die Tagebücher, zeigt sich eine Frau, die kein Glück in der Liebe hat, die über die gescheiterten Beziehungen nachdenkt, sich hinterfragt, die anderen hinterfragt. Die Erfüllung ihres Lebens ist ihr das Schreiben. In ihm findet sie sich, erkennt sie sich, kann sie ihr Denken strukturieren.

[…]die Tatsache, dass sie kein Glück in der Liebe erlebte, [ist] meines Erachtens genauso sehr Teil ihrer Persönlichkeit wie die tiefe Erfüllung, die sie im Schreiben fand, un die Leidenschaft, mit der sie, wenn sie gerade nicht schrieb, ihr Leben als ewig Lernende anging, als eine Art ideale Leserin bedeutender Literatur, ideale Liebhaberin bedeutender Kunst, ideale Betrachterin beziehungsweise Hörerin bedeutender Theaterstücke, Filme, Musik.

Susan Sontag ist sehr ambivalent in ihrem Denken. Einerseits sieht sie sich anderen an Intelligenz überlegen, andererseits genügt sie oft ihren eigenen Ansprüchen nicht. In ihrem Tagebuch betreibt sie nicht nur Selbstanalyse und analysiert ihre Lieben, sie schreibt über Bücher, die sie las, Filme, die sie sah, Theater, die sie besuchte. Sie macht Listen von Wörtern, um ihren Wortschatz zu erweitern, hält Ideen für neue Texte fest, lässt Gespräche, die sie geführt hat, nochmals Revue passieren.

David Rieff nennt das vorliegende Buch einen

 Roman der tatkräftigen, erfolgreichen Erwachsenen.

Er folgt chronologisch auf den Band Wiedergeboren, in welchem sich die junge Susan Sontag

ganz bewusst damit beschäftigt, sich selbst als die Person, die sie sein wollte, zu erschaffen oder vielmehr neu zu erschaffen, eine Person fernab der Welt, in der sie geboren und aufgewachsen war.

Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke ist das Zeugnis einer intelligenten, nachdenklichen, oft von sich und dem Leben enttäuschten, es aber immer wieder hinterfragenden und anpackenden Frau. Stets erfindet sie sich neu in der Überzeugung, dass man das, was man sein will, sein kann, weil man selber das Produkt der eigenen Vorstellung ist. Eine Frau, die Kunst und Kultur liebt, die Grossen verehrt, selber bedeutend sein und neben ihren Idolen stehen will, sich aber doch oft nur als ihre Schülerin glauben kann, ihnen untergeordnet. Sie schwankt zwischen dem Gefühl eigener Grösse und der Frustration, nicht gross genug zu sein, meidet Gesellschaft und fürchtet doch die Einsamkeit. Eine Frau voller Widersprüche: spannend, einnehmend, inspirierend.

Fazit:
Ein inspirierendes, tiefes, persönliches, menschliches Buch von einer grossartigen Frau und klaren Denkerin. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Susan Sontag
Susan Sontag, 1933 in New York geboren, war Schriftstellerin, Kritikerin und Regisseurin. Sie erhielt u.a. den Jerusalem Book Prize 2001, den National Book Award und den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Bei Hanser erschienen zuletzt Das Leiden anderer betrachten (2003), Worauf es ankommt (2005), Zur gleichen Zeit (Aufsätze und Reden, 2008), Wiedergeboren. Tagebücher 1947-1963 (2010) und Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke. Tagebücher 1964-1980 (2013). Susan Sontag starb 2004 in New York. Über ihr letztes Lebensjahr berichtet ihr Sohn David Rieff in Tod einer Untröstlichen (Hanser, 2009).

Angaben zum Buch:
SontagSchreibenTaschenbuch: 560 Seiten
Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG (30. September 2013)
Übersetzung: Kathrin Razum
ISBN: 978-3446243408
Preis: EUR 27.90/ CHF 39.90
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Der Umgang mit eigenen Ängsten

Gibt es sinnvolle Ängste? Diese Frage las ich kürzlich im Internet. Der Fragesteller verneinte die frage sogleich. Nun sind wir Menschen oft mit Ängsten konfrontiert. Soll das alles sinnlose Zeitverschwendung sein? Ich denke nicht.

Angst ist ein Warnsignal. Sie kann vor akuten Gefahren warnen und somit das Überleben sichern. Sie hier als sinnlos zu bezeichnen, wäre fatal. Sie zu überwinden mitunter tödlich. Es gibt aber auch Ängste vor Dingen oder Situationen, die wir uns nur einbilden. Wir malen uns Situationen aus und stellen uns die für uns negativen Konsequenzen vor. Aus diesen Vorstellungen heraus bilden wir Ängste – und vermeiden dann die Situation, um nicht in Gefahr zu kommen – eine Gefahr, die nur in unserer Vorstellung existiert.

Ist die zweite Angst also sinnlos? Ich würde auch das nicht absolut setzen. Wenn die Angst dazu führt, dass wir alles meiden, das uns aus irgendwelchen Gründen Ängste bereitet, wäre das sicher nicht wünschenswert. Wenn wir uns aber unseren Ängsten stellen, schauen, woher sie rühren und versuchen, damit umzugehen, kann daraus etwas Gutes erwachsen. Und wir lernen viel über uns selber. Wir erkennen unsere Muster, unsere Abwehrmechanismen und lernen, damit umzugehen – bewusst.

Wenn wir also wieder einmal in einer Situation sind, die uns Angst bereitet, hilft es, hinzusehen:

1) Wovor habe ich genau Angst?
2) Woher kommt die Angst?
3) War ich schon früher mal in ähnlichen Situationen? Was habe ich damals gemacht?
a. Wenn es gut ausging: Kann ich es heute wieder ähnlich lösen?
b. Wenn es nicht wie gewünscht ausging: Ist wirklich alles gleich heute?

Wenn ich die Situation so analysiert habe, geht es daran, Wege zu finden, wie mit der heutigen Situation umzugehen. Entweder ich wende die Mittel erneut an, die beim letzten Mal funktioniert haben, oder ich passe sie an die heutige Situation an.

Natürlich gibt es immer Dinge oder Situationen, die nicht zu uns passen, die uns Angst machen, die wir nicht zu meistern glauben. Wenn sich keine Lösung zeigt, stellt sich die Frage: Kann ich die Situation umgehen oder muss ich da durch? Wenn mich etwas eigentlich Freiwilliges heute überfordert, ist vielleicht die Zeit nicht reif. Vielleicht kann ich kleinere Ziele setzen, die im langen Lauf zum Endziel führen. Wenn ich nicht darum herum komme, etwas zu tun, dann kann es helfen, auch da Strategien zu entwickeln:

1) Eigene Stärken nochmals vergegenwärtigen
2) Möglichkeiten sehen, die auch beim Nichterreichen offen bleiben
3) Das Bewusstsein: Das Leben wird nicht daran hängen.
4) Methoden entwickeln, selber ruhig zu bleiben (Atmen, Achtsamkeitsübungen, etc.)

Ist Angst also sinnlos? Ich denke nicht. Wir dürfen uns nur nicht von unseren Ängsten lähmen lassen, sondern sie als Zeichen nehmen, hinzusehen. Wir können unser Bewusstsein schulen und uns immer wieder ein Stück besser kennenlernen.

Moral – universell oder individuell?

Beim menschlichen Zusammenleben gibt es Regeln. Viele davon sind in Form von Gesetzen aufgeschrieben und damit verbindlich, einige existieren als moralische Grundsätze, die darlegen, wie man sich verhalten soll im Verband, damit es allen gut geht. Doch worauf gründen diese Grundsätze? Sind sie in uns Menschen angelegt als Kern unseres Seins? Die buddhistische Psychologie geht davon aus. Sie sagt zwar, dass dieser Kern verschüttet sein kann und wir keinen Zugang dazu haben, aber: Jeder kann sich diesen Zugang verschaffen, wenn er es will. In der westlichen Philosophie ist vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg der Glaube an eine absoolute und universell gültige Moral abhanden gekommen. Hannah Arendt erklärt den Verlust damit, dass vor dem Dritten Reich moralische Grundsätze herrschten, die während desselben in ihr Gegenteil verkehrt wurden, um danach wieder zurückzudrehen. Was Menschen in der einen Zeit gut und richtig fanden, stiessen sie in der anderen mit Füssen.

Wie entscheiden wir, was wir gut und richtig finden? Welche Instanz gibt den Ausschlag? Es ist wohl das Gewissen, das uns vor der Handlung abwägen lässt, was zu tun ist, danach richtet, was wir getan haben. Doch worauf gründet dieses Gewissen? Entsteht es durch Konventionen in der Zeit, in der wir leben, oder ist es eben wirklich Teil von unserem Wesen, als geistige, allgemein und immer gültige Grundlage? Und was passiert, wenn wir gegen unser Gewissen entscheiden?

Ein Beispiel:

Ein Mann plant eine Überraschung für seine Frau und lügt sie deswegen an, obwohl er weiss, dass sie Lügen hasst und es ihm übel nähme – egal, ob es für sie gemeint ist oder nicht. Sein Gewissen meldet sich und weiss: Das wird sie nicht toll finden, wenn sie es rausfindet. Es bestehen aber gute Chancen, dass es nicht rauskommt.

Soll sie sich nicht so haben, war ja nur gut gemeint? Sollte er ehrlich bleiben und notfalls etwas anderes machen, wenn es so nicht klappt, weil er respektiert, was sie sich wünscht und nicht dagegen handelt? Ist das Beispiel so banal, dass es eh keinen kümmert?

Ein Mann hat sich an der Börse verspekuliert und damit viel Geld verloren. Zwar brauchen die beiden das Geld nicht dringend, aber es war als Notgroschen gedacht und damit unantastbar. Seiner Frau lag viel an diesem Polster – zur Absicherung. Da die Frau sich nie um die Finanzgeschäfte kümmert, traut er sich nicht, ihr was zu sagen, zumal sie es nie rausfinden würde – käme kein solcher Notfall.

Immer noch eine Bagatelle? Ein Vertrauensbruch? Sein Gewissen sagt ihm, er hat Mist gebaut, nur: Zu ändern ist das nun nicht mehr.

In einer Ehe ist der Wurm drin. Es ist alles eingespielt, man hat sich arrangiert, aber wirklich glücklich ist man nicht mehr. Trotzdem kommt eine Trennung aus vielen Gründen nicht in Frage. Da Mann und Frau sehr unabhängige Lebensabläufe haben, merkt die Frau nicht, dass sich der Mann ab und an mit einer anderen Frau trifft. Das tut ihm gut, das macht ihn glücklich, so dass er auch mit seiner Ehe wieder besser klar kommt, da er gelassener ist. Seine Frau würde das nie gutheissen, auch wenn sie die Beruhigung im Alltag schätzt.

Akzeptabel, weil es so eigentlich allen besser geht? Ist unbedingte Ehrlichkeit höher zu schätzen als ein bisschen Zufriedenheit im Leben?

Im Buddhismus wäre die Antwort klar: Die Unwahrheit ist ein Gift, das die eigene Psyche angreift. Wirkliches Glück ist damit nicht möglich, nicht mal dauernde Zufriedenheit. Das Gewissen, so ist man sich sicher, wird einen innerlich zerfressen. Unterdrückt man es, findet es Wege, an anderen Orten für Unruhe zu sorgen und so Leid über einen zu bringen. Da man hier das Glück sowieso im Innen sucht, nie im äusseren Erlangen von Objekten der Begierde (welcher Art auch immer), wäre das Glück durch die Lüge sowieso ein eher vorübergehendes und auch illusionäres als wirklich tief empfunden.

Doch: Wie sehen wir das im Westen? Wahrheit eine Tugend, ein Prinzip, das man hochalten soll? Schulden wir das der Moral? Woher rührt diese? Sind es die Konventionen unserer (christlichen) Ethik, die uns dazu auffordern, oder aber doch etwas tief in uns, das uns aushöhlen würde, ignorierten wir es?

 

 

 

 

Zauberlehrling

Ich war immer kreativ, sowohl im Denken wie auch im Tun. Ausgetretene Pfade waren nie meine, gerade Wege habe ich irgendwie keine gesehen oder verfolgt. Nie aus Prinzip, sie entsprachen mir einfach nicht. Ich zeichnete, bastelte, schrieb, schlüpfte in Rollen. Das war als Kind so, das blieb – ausser den Rollenspielen – auch später.

Als es darum ging, eine Ausbildung zu machen, entschied ich mich für ein Studium. Nur deswegen hatte ich überhaupt die Schule so lange durchgehalten: Ich wusste nie was, wusste aber, ich will studieren. Ich hasste Schule, fand nichts schrecklicher als diese starren Strukturen. Aber ich biss mich durch. Erste Studienwahl wäre Innenarchitektur gewesen. Da sah ich alles vereint, was ich toll fand: Kreativität, Design, Stil. Der väterliche Rat ging in eine andere Richtung, das sei nicht brauchbar auf dem Arbeitsmarkt. Nachdem ich mich bei Tiermedizin eingeschrieben und bei Jus angefangen hatte, wechselte ich zu Germanistik. Seines Zeichens Layouter bei einer Tageszeitung fand mein Papa das wunderbar, damit könne man viel machen (mit der Meinung stand er, wie ich später sowohl aus Reaktionen Dritter wie auch Jobsuchanstrengungen erfahren musste, ziemlich alleine). Philosophie kam dazu – es war wunderbar. Tiefe Gedanken, anregende Diskussionen, kreative Atmosphäre. Weil es so schön war, hängte ich noch eine Runde an, blieb in der Akademie, forschte philosophisch.

Alles hat ein Ende, so auch meine akademische Zeit. Die grosse Frage war: Was nun? Jobs hatte ich während des Studiums schon einige ausprobiert, dabei mehr erlebt, was ich nie wirklich will, als gesehen, was wirklich passt. Es lag auf der Hand, selbständig zu bleiben – und es damit zu werden. Immer wieder liebäugelte ich mit eigenen kreativen Projekten, begnügte mich aber lange Zeit damit, die anderer zu bearbeiten. Mit Spass und Freude, keine Frage, aber es fehlte was. Und das schrie immer lauter. Ich musste es erhören und stürzte mich ins Abenteuer. In eines, das mich in absolut neue Gebiete bringt – und täglich kommen neue dazu. Seit ich die Stimmen erhört habe, quasseln sie nur so, erzählen mir täglich von zig neuen Ideen, die der Umsetzung bedürfen. Und ich versuche, alles auszuprobieren, immer wieder neue Wege einzuschlagen, Techniken zu lernen, weiter zu kommen.

Bin ich Künstler? Es ist, als ob der Meister sich wegbegeben hätte und ich als Zauberlehrling hier stehe, das Wasser sich ergiesse, aus vollen Eimern, den kreativen Boden flute. Doch rufe ich nicht danach, dass es stoppe, es soll weitergehen.

Rezension: Irvin D. Yalom: Und Nietzsche weinte

Werde, wer du bist

Doktor Breuer,
ich muss Sie in einer dringlichen Angelegenheit sprechen. Die Zukunft der deutschen Philosophie steht auf dem Spiele. Ich erwarte Sie morgen früh um neun im Café Sorrento.
Lou Salomé

Diese drängende Nachricht erreicht Josef Breuer in seinen Ferien. War er extra mit seiner Frau nach Venedig gereist, um alle dringlichen Angelegenheiten hinter sich zu lassen, empfindet er das Schreiben von Lou Salomé, die er noch dazu nicht kennt, als besonders störend. Trotzdem lässt er sich auf das Treffen ein und ist mehr als angenehm überrascht und angetan von dieser sehr verführerischen, selbstbewussten, gradlinigen Frau. Nur eines geistert durch seinen Kopf:

Während er in Gesellschaft Lou Salomés gemächlich frühstückte, wurde er der Ironie der Situation inne. War es nicht seltsam, wie er, der nach Venedig geflohen war, um das Unheil wiedergutzumachen, welches eine schöne Frau angerichtet hatte, hier nun im Tête-à-tête mit einer noch reizvolleren Frau zusammensass?

Lou Salomés Anliegen betrifft nicht sie selber, sondern Friedrich Nietzsche, der an einer grossen Verzweiflung leidet und um den sie sich sorgt. Josef Breuer soll sich diesem annehmen, darf dem Patienten aber nicht verraten, wer seine Auftraggeberin ist.

Nietzsche kommt eher widerwillig nach Wien, im Glauben, das Klima hier schade seiner Gesundheit. Stattdessen beginnt ein Heilungsprozess – nicht nur für Nietzsche, auch für Breuer. Beide erkennen den Mangel in ihrem Leben: Das Vertrauen in ihre Natur und ihre Lebensumstände. Während Breuer gewahr wird, dass genau das beschauliche Familienleben, das er führt, ihm entspricht, er also nichts bereuen muss, sieht Nietzsche, dass sein Naturell das eines Rastlosen ist, der erforschen will.

Und der Mensch Nietzsche? ‚Verkehren wir nach wie vor ausschliesslich als gemeinsam Forschende miteinander?’ fragte sich Breuer. ‚Immerhin kennt er mich besser – oder weiss zum mindesten mehr von mir – als jeder andere. Bin ich ihm zugetan? Ist er mir zugetan? Sind wir Freunde?’

Und Nietzsche weinte handelt vom Leben und von der Selbsterkenntnis. Es geht darum, wie einer wird, was einer ist und darum, wie Psychotherapie damit umgeht. Yalom lässt Psychiatrie und Philosophie aufeinandertreffen und das Leben diskutieren. Breuer ist beauftragt, Nietzsche zu helfen und lernt dabei viel über sich selber kennen. Neben Nietzsche und Breuer treten noch weitere Namen wie Bertha Pappenheim, Lou Salomé, Paul Ree und Sigmund Freud auf, reden über ihre Gedanken, über ihre Sicht des Lebens und der Welt, über die Liebe, Sexualität, Narzissmus – und vieles mehr.

Zwar haben sich Breuer und Nietzsche nie persönlich getroffen, allerdings ist es durchaus realistisch, dass ihre Gespräche genauso ausgesehen hätten, wie Yalom diese beschreibt. Der Roman zeugt von grosser Belesenheit, akribischer Recherche und umfassendem Verständnis der jeweiligen Theorien, die er in einer klaren und doch der Zeit, in der der Roman spielt, angepassten Sprache und in eine fiktive Geschichte verpackt seinen Lesern präsentiert. Trotz der grossen thematischen Tiefe und der vielen Theorien und Hintergründe bleibt das Buch lesbar, wirkt nicht überladen oder theoretisch trocken.

Fazit:
Philosophie und Psychiatrie, historische Charaktere und die Stimmung Wiens Anfangs des 19. Jahrhunderts – dieser Roman vereint alles und er tut dies auf eine lesbare und literarisch grossartige Weise. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Irvin D. Yalom
Irvin D. Yalom wurde am 13. Juni 1931 als Sohn jüdisch-russischer Einwanderer in Washington, D. C., geboren. Während die Eltern mit dem Lebensmittelladen und dem ökonomischen Überleben beschäftigt waren, zog sich der Sohn von der verarmten und gewalttätigen Nachbarschaft in die Welt der Bücher zurück. Die Liebe für Geschichten und deren biographische Bedeutung beeinflusste seine Studienwahl: Medizin mit der Fachrichtung Psychiatrie. Sein erstes Fachbuch, „Theorie und Praxis der Gruppentherapie“, enthielt zahlreiche biographische Fallvignetten, die den Band mit 700.000 Exemplaren zu einem Verkaufsschlager weit über Expertenkreise hinaus werden ließen. Yalom hat vier erwachsene Kinder und zahlreiche Enkel.

Angaben zum Buch:
YalomNietzscheTaschenbuch: 448 Seiten
Verlag: btb Verlag (4. Februar 2008)
Übersetzung: Uda Strätling
ISBN-Nr.: 978-3442737284
Preis: EUR 9.99 / CHF 14.90

Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Rezension: Frank Berzbach: Die Kunst, ein kreatives Leben zu führen. Anregung zu Achtsamkeit.

Kreativität als ein Leben in Freiheit

Kreativität wird erst zur Lebensform, wenn wir nicht aufhören, darüber nachzudenken, welchen Sinn unsere Arbeit hat, welche Richtung wir einschlagen wollen und wie wir die Welt besser hinterlassen. Die gute Botschaft … besteht darin, dass wir jederzeit die Möglichkeit haben, die Richtung zu ändern.

Frank Berzbach richtet sich mit diesem Buch an Menschen, für die „Kreativität eine grundsätzliche Lebensform ist“. Im Zentrum steht dabei die Frage „Wie wollen wir leben?“. Der Autor hat mit diesem Buch nicht nur einen Ratgeber unter vielen geschrieben, der zeigen soll, wie das Leben besser wäre. Er hat basierend auf Philosophie, Psychologie und Zen Buddhismus Werte und Wege zusammengetragen, wie das Leben so lebbar wird, wie man sich das selber wünscht.

Sie sind zwar nicht immer ihres Glückes Schmied, aber noch weniger sind sie NUR Opfer der Umstände.

Berzbach geht der Frage nach, was Kreativität ausmacht, wo wir uns beim Leben derselben im Weg stehen und wie wir sie in unseren Alltag integrieren. Er zeigt auf, wie wir diesen Alltag kreativ leben können. Wir alle sind immer äusseren Umständen unterworfen, können selten einfach von jetzt auf gleich alles umkrempeln und nur noch das leben, was wir gerade als für unsere eigene Entwicklung nötig und wichtig erachten. Wichtig ist aber, das Leben mit Achtsamkeit zu beschreiten, die Dinge nicht nur zu tun, weil sie grad gefordert sind. Indem wir uns bewusst werden, was wir selber vom Leben erwarten, können wir dem Leben auch die Richtung geben, die wir uns wünschen, die uns entspricht – und müssen uns nicht nur treiben lassen und Zwängen ausgeliefert sehen.

Bei all dem steht eine Balance zwischen Verstand und Gefühl im Zentrum. Gerade ein kreatives Leben ist auf Gefühle angewiesen, nur die rationale Herangehensweise an die Welt führt zu wenig weit. Trotzdem ist es wichtig, den Verstand zu gebrauchen, denn alles andere wäre dumm:

Dummheit ist entweder fremdgesteuert und hält sich an alle Befehle oder sie ist permanent egoistisch und feiert die prinzipielle Verweigerung.

Wenn zum eigenen Denken dann noch die leidenschaftliche Hingabe an eine Tätigkeit kommt, gepaart mit Achtsamkeit für die eigenen Gefühle und Befindlichkeiten sowie die unserer Umwelt, kommen wir einem kreativen Leben schon viel näher.

Die Formel für Kreativität ist einfach. Finde heraus, was dich belastet, und lese es ab, so, wie man einen übervoll bepackten Koffer abstellt, den man viel zu lange getragen hat. Wenn wir frei sind und uns nichts beunruhigen kann (…), dann wird die in uns befindliche Schöpfung, egal was sie im Einzelnen sein mag, herausfliessen, völlig natürlich und einfach.

Fazit:
Ein inspirierendes und motivierendes Buch, das tief abgestützt ein kreatives Leben und Wege, es zu leben, aufzeigt. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Frank Berzbach
Frank Berzbach, geboren 1971, hat in Köln und Bonn Pädagogik, Psychologie und Literaturwissenschaft studiert und an der Goethe-Universität in Frankfurt/Main promoviert. Nach einigen jahren in der Bildungsforschung war er Fahrradkurier für einen schönen Buchladen. Er unterrichtet Psychologie und Kulturpädagogik an der ecosign/Akademie für Gestaltung und an der Fachhochschule Köln.

Angaben zum Buch:
BerzbachBroschiert:192 Seiten
Verlag: Verlag Hermann Schmidt (10. April 2013)
ISBN-Nr.: 978-3874398299
Preis: EUR 29.80 / CHF 45.90

Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Rezension: Hans-Martin Schönherr-Mann – Hannah Arendt. Wahrheit, Macht, Moral

Die Suche nach der einen Welt

Gesellschaftliche Strukturen lösten sich über die Jahrzehnte immer mehr auf, Individualisierungsprozesse führten immer stärker zu einem Verlust familiärer und sozialer Netze. Vormals gemeinsam getragene Lebensumstände waren vermehrt allein zu tragen, der existentielle Abgrund droht unmittelbarer, da die Netze grobmaschiger werden, die früher auffingen. Leben die Menschen überhaupt noch in einer Welt oder sind mehrere verschiedene Welten zu entwerfen, in denen sich die Individuen bewegen? Hannah Arendt verfolgt diese Frage ihr Leben lang, versucht, zu eruieren, wie eine Welt beschaffen sein müsste, in der Menschen miteinander und in Frieden leben können, indem sie untersucht, was dazu führt, dass sie es nicht tun. Sie analysiert totalitäre Herrschaftssysteme, welche immer wieder grossen Zulauf fanden, schlussendlich aber ins Verderben führten, indem sie erst Halt versprachen in Zeiten grosser Unsicherheit und Haltlosigkeit, danach aber unterdrückten.

Nach Arendt antworteten die totalitären Systeme von Stalinismus und Nationalsozialismus just auf diese Gefühlslagen. Sehr viele Menschen versprachen sich durch ihre Unterwerfung unter solche Herrschaftsstrukturen Sicherheit und Geborgenheit. Dagegen verstärkte der Vormarsch des Totalitarismus solche Gefühle der Unsicherheit natürlich bei seinen Gegnern […]

Arendt setzt auf Pluralität und Kommunikation. Nur in der freien Auseinandersetzung können Menschen in einem Staat leben, können sie Freiheit erfahren. Es geht nicht darum, die Menschen zu vereinheitlichen, sondern sie in ihrer Pluralität anzunehmen und ihnen den Raum zu geben, sich einzubringen.

Die eine Welt entsteht nach Arendt aber nicht, wenn sich die Gesellschaften homogenisieren, indem sie sich ethnisch reinigen. Denn solche einheitlichen Staaten und Gesellschaften schliessen genau jene Welt aus, an der alle teilhaben können und die für Arendt die einzige Welt bleibt, weil die Welt niemand monopolisieren darf und letztlich gar nicht kann.

Erst wenn alle in der Welt zuhause sind und diese mitgestalten, wird es eine geeinte Welt sein, eine, die Halt und Sicherheit für alle verspricht. Dies die Theorie. Wie umsetzbar sie ist, bleibt dahin gestellt. Als Fazit könnte man sagen,

dass menschliches Zusammenleben nur darum und in dem Masse sinnvoll ist, als es in einem „Teilnehmen und Mitteilen von Worten und Taten“ besteht.

Hans-Martin Schönherr-Mann präsentiert in diesem dünnen Buch das Leben und Denken einer grossen Denkerin, er hängt es hauptsächlich an ihren Gedanken zum totalitären System auf, welche durchaus zentral waren (wenn auch nicht die einzigen nennenswerten). Er verfolgt diesen roten Faden analytisch und schlüssig, versteht es, in gut lesbarer Weise auch komplexe Zusammenhänge darzulegen und so einen Einblick in ein Themengebiet zu liefern, das obwohl von Arendt vor Jahren gedacht, noch heute aktuell ist.

Fazit:
Die zeitlosen Gedanken einer herausragenden Denkerin prägnant dargestellt. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Hans-Martin Schönherr-Mann
Hans-Martin Schönherr-Mann wurde am 23. Mai 1952 in Esslingen am Neckar geboren. Er studierte Philosophie, Literaturwissenschaft und Neuere Geschichte an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und promovierte 1982 bei Manfred Riedel und Herbert Ganslandt. Von 1987 bis 1992 war er wissenschaftlicher Assistent für Politische Philosophie und Politische Theorie am Geschwister-Scholl-Institut der Universität München, wo er 1995 habilitiert wurde. Seit 2002 ist er außerplanmäßiger Professor für Politische Philosophie am Geschwister-Scholl-Institut der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er nahm Vertretungs- bzw. Gastprofessuren an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, den Universitäten Innsbruck, Passau, Regensburg, Turin und in Venedig wahr.

 

Angaben zum Buch:
SchönherrArendtTaschenbuch: 208 Seiten
Verlag: C.H. Beck Verlag (15. März 2006)
ISBN-Nr.: 978-3406541070
Preis: EUR 12.90 / CHF 19.70

 

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online unter anderem bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Karma – alles kommt zurück

Es gibt Menschen, die gehen durchs Leben und nehmen sich, was sie wollen, weil sie es brauchen und denken, es stehe ihnen zu. Die ganze Welt, da sind sie sich sicher, ist nur dazu da, ihnen zu dienen. Sie greifen mit vollen Händen zu, Widerstand dulden sie nicht, sie erachten ihn als ihnen nicht gebührend, die ihnen Widerstehenden als ihnen untertan und deswegen nicht legitimiert, welchen zu leisten.

Was gibt ihnen das Recht, so zu sein? Wieso geben wir ihnen oft die Macht, sich so aufzuführen und uns gegenüber den grossen Macker herauszukehren? Wohl weil sie einem kaum eine Wahl lassen. Sie kommen mit einer Selbstverständlichkeit daher, die einen erst mal platt macht. Man denkt sich, das kann nicht sein, nicht ernst, nicht gemeint. Man kann es sich kaum vorstellen, dass jemand so unverfroren denken und gar handeln kann, weil es einem selber fern ist, hält man doch Werte wie Menschlichkeit, Miteinander, Rücksicht hoch. Und während man perplex die richtigen Worte sucht, sind sie mit ganzen Lawinen voller Unflätigkeiten über einen hinweggefegt.

Ab und an kommt der Gedanke auf, man müsste auch ein wenig mehr wie diese sein. Man müsste auch einfach nur noch für sich schauen, sich nehmen, was man will, nicht denkend, was das mit andern macht, da diese gar nicht zählen. Man malt es sich aus, sieht sich als alles hinwegfegenden Orkan, jeglichen Anstand und jegliche Rücksicht missachtend. Und man merkt plötzlich, dass man das nicht könnte, weil man es gar nicht wollte. Es wäre nicht vereinbar mit allem, was einem wichtig ist, was einem richtig erscheint, woran man glaubt. Es widerspräche jeglichen Grundsätzen von Moral und Ethik, jeglichen Forderungen der (Mit)Menschlichkeit.

So bleibt wohl nur noch eines: Sich so weit als möglich von Menschen zu distanzieren, die diese Werte nicht teilen, sie in ihrem Haifischbecken zu lassen, selber in den eigenen Buchten zu schwimmen, unter Gleichgesinnten, solchen, die Mensch sind und unter Menschen sein wollen. Glücklich sind die Haie wohl nicht, auch wenn sie sich mit Gewalt alles nehmen, was sie haben wollen. Das ist vermutlich sogar der Grund, wieso sie es tun. Der verzweifelte Kampf um Glück, welches sie mit Macht erreichen wollen, weil sie denken, es stehe ihnen zu. Dabei vernachlässigen sie, dass Glück nie auf Gewalt und Unfrieden aufbaut, sondern im Frieden und Miteinander begründet ist. Glück lässt sich nicht erkämpfen, es kommt über einen, wenn man dafür offen ist.

Egal was man liest, sei es die Bhagavad Gita, die Bibel, Kant oder andere wegweisenden Schriften und Denker: Alle haben als Handlungsmaxime dasselbe propagiert: Handle so, dass dein Handeln niemanden verletzt, dass dein Handeln andern als Beispiel dienen kann, dass dein Handeln nicht um der Früchte willen, sondern um des richtigen Handelns willen geschehe. Diese Schriften haben Jahrhunderte, Jahrtausende überdauert und wurden immer (wenn auch oft nur theoretisch) für richtig gehalten. Die darin liegende Botschaft scheint so etwas wie ein universelles Gesetz des Miteinanders zu sein. Sich daran zu halten kann also nicht so schlecht sein. Glaubt man an die Gesetze des Gleichgewichts, an Karma und Gerechtigkeit, so weiss man: Alles kommt zu einem zurück, irgendwann gleicht sich alles aus. Sich an die Werte des richtigen und guten Handelns zu halten lässt einen mit Zuversicht in die Zukunft schauen. Und das kann helfen, im Hier und Jetzt für sich ein bisschen Ruhe zu finden.

Norbert Hoerster: Was ist eine gerechte Gesellschaft? Eine philosophische Grundlegung

Eine gerechte Gesellschaft ist eine Gesellschaft, in der das Zusammenleben der Menschen in den wesentlichen Hinsichten durch gerechte Normen geregelt ist. Und gerechte Normen für das Zusammenleben der Menschen […sind] solche Normen, auf die sich rational eingestellte Menschen insofern einigen können, als sie bereit sind, sich sowohl mit den Vorteilen dieser Normen für sich selbst zufrieden zu geben als auch mit den Vorteil dieser Normen für ihre Mitmenschen (und damit den möglichen Nachteilen für sich selbst) abzufinden.

Wenn man bedenkt, dass schon die Frage, was Gerechtigkeit überhaupt sei, ganze Bibliotheken füllt, ist die Frage, was eine gerechte Gesellschaft sei, weit gegriffen für den doch schmalen Umfang des vorliegenden Buchs. Norbert Hoerster bezieht das Wort „gerecht“ auf menschliches Verhalten in Bezug auf andere Menschen. Menschliche Handlungen wiederum beruhen oft auf staatlich erlassenen Gesetzen oder normenübergreifenden Prinzipien, welche wiederum auf ihre Gerechtigkeit zu prüfen sind.

Damit Menschen die Voraussetzung für ein zufriedenes Leben haben, bedarf es einer Grundgerechtigkeit, welche aus den Grundrechten resultiert. Hoerster benennt hier Abwehrrechte (in Berufung auf Nozick), welche den Schutz des Lebens, der Unversehrtheit, der Freiheit und des Eigentums betreffen, und Anspruchsrechte, welche darauf zielen, allen Menschen im Zuge ihrer Fähigkeiten ein sinnvolles Leben zu ermöglichen durch Ausbildung, Erziehung und Unterstützung bei unfreiwilliger Armut.

Einen grossen Teil des Buches widmet Hoerster Rawls Gerechtigkeitstheorie, die er im Hinblick den Begriff der Gleichstellung zusammenfasst. Es folgt ein Kapitel über das Eigentum und dessen Grenzen, an welches sich die Frage nach dem Staat – was er ist und wann er gerecht sei – anschliesst. Die Steuergerechtigkeit nimmt dabei eine zentrale Stellung ein. Alle Themen werden mit anschaulichen Beispielen verständlich dargelegt und im Hinblick auf die Gerechtigkeit durchdacht.

Den Abschluss macht ein Resümee, das weniger das Buch zusammenfasst als Hoersters persönliche Position darlegt, untermalt mit aktuellen Beispielen. Was ist eine gerechte Gesellschaft? ist weder eine umfassende noch eine wirklich in die Tiefe gehende Studie der Titelfrage. Das wäre vom Umfang nicht möglich und die behandelten Themen sind zu punktuell ausgewählt. Nichtsdestotrotz regt es zum Nachdenken an, legt Grundsteine zum weiteren Vertiefen und verweist in der Bibliographie auf eine breit gefächerte Auswahl an Literatur, die das weitere Studium ermöglicht.

Fazit
Ein guter Einstieg in ein sehr komplexes Thema. Die breit angelegte Analyse hilft, verschiedene Gesichtspunkte dieses Themas wahrzunehmen und das Gefühl für die Vielschichtigkeit desselben zu erhalten. Prädikat empfehlenswert.

Zum Autor
Norbert Hoerster, geb. 1937, lehrte von 1974 bis 1998 als Professor Rechts- und Sozialphilosophie an der Universität Mainz. Von ihm erschienen sind u.a.: Haben Tiere eine Würde? (2004); Die Frage nach Gott (32010); Was ist Recht? (2006); Was können wir wissen? (2010); Muss Strafe sein? (2012).

HoersterGesellschaftAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 144 Seiten
Verlag: C.H.Beck Verlag 26. August 2013
ISBN: 978-3406652936
Preis: EUR: 12.95 ; CHF 21.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung oder online u.a. bei AMAZON.DE oder BOOKS.CH