Tierethik und Vegetarismus

Heute las ich den schönen Beitrag zur Tierethik bei Gerda Kazakou (HIER). Sie spricht Themen an, die mich auch schon sehr lange beschäftigen, die ich nie abschliessend beantworten konnte, immer mal wieder neu aufrollte für mich und meine Haltung überprüfte, mein Essverhalten auch.

Tierethik und Vegetarismus – zwei wichtige Themen. Ich frage mich immer wieder, ob es eines ist, tendiere aber dazu, die beiden zu trennen. Ich bin in der Schweiz aufgewachsen und war immer nahe an Bauernbetrieben dran, weil wir da Ferien machten. Ich habe als Kind Sommer für Sommer im Dorf den Metzger begleitet, wie er das Schwein aus dem Stall holte und wenige Meter davon schlachtete. Vom ersten Schuss bis zur fertigen Wurst haben wir Kinder zugeschaut. Es war für uns natürlich und wir durften das noch frische Brät probieren. Am Tag vorher hatten wir die Schweine noch im Stall gestreichelt.

Ja, ich möchte das heute nicht mehr so machen, gebe ich ehrlich zu, ich könnte es nicht mehr. Trotzdem bin ich der Ansicht, wenn der Fleischkonsum noch so wäre, dass Tiere nur so gehalten und geschlachtet würden, wie es da üblich war, dann wäre das durchaus ein schönes Leben für die Tiere. Ich denke nicht, dass der Konsum per se unethisch ist, es ist eher die Art und Weise, wie er sich entwickelt hat – mit all den Auswüchsen wie Massentierhaltung und Tierquälereien.

Die Haltung ist nur das Eine, weiter geht es mit der Tierproduktion: Es gibt immer weniger Metzger in Dörfern, oft werden die Tiere zuerst über weite Strecken hin in Schlachthöfe transportiert, stehen schon beim Verladen und auf dem Transport Todesängste aus, um dann im schlimmsten Fall erst mal ein Wochenende im Schlachthof auf engstem Raum und unterversorgt ein Wochenende durchzustehen, bis es schliesslich am Montag ans Lebendige geht. Auf diese Weise kann mehr und günstiger produziert werden, damit der Käufer schliesslich sein ordentliches Stück Fleisch zum Kilopreis von 10 Franken auf dem Tisch hat.

Ich hörte gerade heute im Radio, dass ein Dorf das wieder ändern will und einen Metzger anstellen. Sie wollen, dass die Tiere wieder auf dem Hof geschlachtet werden können und das Fleisch soll schliesslich auch da verkauft werden. Schön wäre, wenn auch sogenannte Grossverteiler solche Projekte aufgreifen würden und so auch wenig mobile Stadtmenschen wenigstens die Möglichkeit hätten, mitzuhelfen für eine tiergerechtere Haltung. In einem anderen Fall haben sie das gemacht:

Ein Bauer aus dem Zürcher Oberland wollte nicht mehr mitansehen, dass männliche Küken einfach getötet werden, weil sie keine Eier legen und bei der Aufzucht länger brauchen, bis sie Fleisch ansetzen. Er lässt sie leben, füttert sie doppelt so lange wie ihre weiblichen Geschwister und verkauft sie dann halt entsprechend teurer.

Wenn ich das höre, denke ich doch immer wieder: Es würde gehen, wenn wir alle umdenken würden. Für mich ist eine Tierhaltung, welche dem Tier ein gutes Leben ermöglicht und einen möglichst angst- und schmerzfreien Weg zum Schlachter durchaus ethisch. Möglich ist das alles aber nur, wenn wir nicht nur trieb- und lustgesteuert einkaufen, sondern bewusst unsere Haltung zum Leben (unserem und dem von Tieren) überdenken.

Ich war insgesamt 16 Jahre meines Lebens Vegetarier (mit Unterbrüchen), tendiere immer mal wieder in die Richtung, habe mich nun aber als 95%-Vegetarier eingependelt. Ich habe übrigens gemerkt, dass der Kräuterbutter auch auf grillierten Zucchetti unglaublich lecker schmeckt – kann ich jedem nur empfehlen.

Der Tag nach dem Schweizer Jubeltag

Ich bin Schweizerin. So von Grund auf. So mit Eltern, Grosseltern, Urgrosseltern, Urur…. ihr ahnt es schon. Und ja, ich bin dankbar, hier geboren worden zu sein. Ich finde nicht alles toll hier, einiges nervt mich, ärgert mich, langweilt mich, aber: Es hätte schlimmer kommen können, viel schlimmer. Dazu beigetragen habe ich nichts. Ich habe mir diesen Geburtsort nicht ausgesucht, es war schlicht und einfach nur Glück.

Gestern hat die Schweiz gefeiert. Wie alt sie nun genau wurde, darüber stritt man sich ein wenig in den sozialen Medien, die einen griffen auf 1291 zurück, die anderen auf 1848 – feiern tut man den 1. August übrigens seit 1891. Auf Facebook quoll meine Timeline über. Schweizer Flaggen, Schweizer Kühe, Schweizer Alphörner, Schweizer Fähnchen, Schweizer Würste, Schweizer Alpen, Schweizer Städte, Schweizer Musik. Lobreden auf die Schweiz zu Hauf, ihre Schönheit wurde in allen Tönen gelobt. Der ganze Schweizer Stolz zeigte sich in Worten und Bildern.

Neben all den Oden an die Schweiz kamen immer wieder in Nebensätzen die kleinen Spitzen mit rein: Der böse Islam müsse raus, der mache die schöne Schweiz kaputt. Die bösen Flüchtlinge sollen bitte dahin, wo sie herkamen, sie machen die schöne Schweiz kaputt. All die, welche nicht im Sinne der so Sprechenden sind und denken, würden auch am besten die Koffer packen und gehen. Damit man als guter Schweizer Bürger schön unter sich ist und die schöne Schweiz fortan ungestört geniessen kann. Schliesslich geht es uns hier gut. Schliesslich haben wir hier alles und haben dafür viel gearbeitet.

Gut, irgendwann holten wie die Italiener rein, damit sie helfen, weil wir ohne nicht mehr klar kamen. Aber he, die Italiener gehören heute quasi dazu. Das sind keine richtigen Ausländer, die haben auch so einen netten Akzent. Die mögen wir. Wir meinen nur die anderen. Dass die Kinder der Italiener damals als „Tschinggen“ verschrien wurden, das haben wir vergessen (oder verdrängen es oder finden, das sei ja nicht böse gemeint gewesen).

Dass viel von unserem Gut-Gehen von nicht immer ganz sauberen Finanzgeschäften abhängt, das will man auch nicht hören. Nazi-Gold? Alte Geschichten! Ich erinnere mich noch gut daran, als Stuart Eizenstat kam und die Schweizer Banken in die Knie zwang. Ich erinnere mich gut an damals, als die Bergier Kommission eingesetzt wurde. Der eine wurde als geldgeiler Anwalt betitelt, die anderen als Nestbeschmutzer. Wer konnte es wagen, an unserer weissen Weste zu kratzen?

Eine weisse Weste haben wir generell immer. Wir sind neutral, wir mischen uns nirgends ein. Dass wir Waffen verkaufen, hat damit nichts zu tun, von irgendwas müssen wir ja leben. Wir würden die ja auch allen verkaufen, die zahlen, insofern spricht das für unsere Neutralität.

All das, was wir also von all denen haben: Von der Mitarbeit der Italiener, von den Geldgeschäften und Waffenverkäufen (und vielen mehr), das möchten wir nun gerne behalten – und nicht teilen. Wir sind ja nicht Mutter Theresa – oder wie Polo Hofer sein halbes Leben lang sang: kein Kiosk. Und genau das haben sie gestern gefeiert. Sichtbar. Lesbar.

Heute feiern sie nicht mehr. Heute bleibt nur noch das Motzen über all jene, welche die arme schöne Schweiz kaputt machen. Und über all die Dummen, die nicht mitmotzen, sondern dieses ganze Gerede von Nationalstolz und Fremdenfeindlichkeit nicht mehr lesen mögen. Und nun erklärt sich auch der Anfang meines Artikels hier: Liebe Leute, denen ich nun auf die Füsse getreten bin,: Ich kann nirgendwohin zurück (wurde mir schon vorgeschlagen bei früheren Artikeln). Ich bin schon da, wo ich herkomme. Und ich bin gerne hier. Und ja, ich finde auch, wir müssen aufpassen, dass es der Schweiz gut geht. Aber ich finde, wir haben auch eine Verantwortung als Menschen. Menschen helfen Menschen. Wo man das kann, soll man das tun. Wenn Menschen in Not sind, sollte man nicht einfach wegschauen, sondern menschenwürdige Lösungen zu finden versuchen. Für alle Beteiligten.

Ich sage nicht, dass es einfach ist, ich sage nicht, dass es Patentlösungen gibt, nur: Schotten dicht und alle anderen verdammen, hat noch nie zu was Gutem geführt.

Während ich das alles schreibe, sitze ich hier an meinem Pult in meinem Arbeitszimmer, das Fenster ist offen und es ist unglaublich still. Ab und an höre ich ein paar Vögel, dann und wann ein paar Kinderstimmen. Die Sonne scheint, alles grünt vor dem Fenster und ich denke für mich: Es ist unglaublich schön hier. Ja, ich bin dankbar, kann ich so leben, dankbar für alles, was ich hier in diesem Land habe und all die Möglichkeiten, die ich in meinem Leben hatte. Dieses Glück haben nicht alle auf dieser Welt. Und ja, es ist schlicht nur Glück, verdient haben wir es alle hier nicht.

Alain de Botton: Kunst des Reisens (Rezension)

Wenn das Streben nach Glück unser Leben beherrscht, erschliessen uns vielleicht nur wenige unserer Handlungen soviel über die Dynamik dieser Suche – mit all ihrer Inbrunst und ihren Paradoxien – wie die Reisen, die wir unternehmen.

debottonreisenIch lese Alain de Bottons Buch Kunst des Reisens in den Sommerferien. Ich sitze zu Hause, sehe auf Facebook, Instagram und Twitter all die Urlaubsbilder, lese, wie toll die Reisen sind. Ich reise im Kopf – oder lese mir mal durch, was Herr de Botton über das Reisen zu sagen hat. Es ist einiges. Er behandelt die Erwartungen, die wir haben, wenn wir eine Reise haben, beschreibt, wie diese enttäuscht werden kann. Er geht von den Vorstellungen weiter zur Anreise, Ankunft, dem Aufenthalt und schliesst mit der Abreise und dem erneuten Ankommen – diesmal zu Hause.

Der Leser macht eine ganze Reise in Gedanken mit, nicht nur an verschiedene Orte, er begleitet Schriftsteller, Philosophen, Maler auf ihren sowie de Botton auf seinen Reisen. Und auch das Reisen selber wird hinterfragt.

Wir werden überhäuft mit Ratschlägen, wohin wir reisen, hören aber nur wenig, warum und wie wir reisen sollten – und das, obwohl die Kunst des Reisens naturgemäss verschiedene Fragen aufwirft, die weder simpel noch trivial sind und deren Betrachtung in bescheidenem Masse zum verstehen dessen beitragen könnte, was griechische Philosophen mit dem schönen Begriff der eudaimonia, der Entfaltung der Persönlichkeit, bezeichneten.

Am Schluss des Buches habe ich erfahren, wieso ich nicht blind jedem Reiseführer folgen muss, wieso ich nicht immer nur Freude haben muss auf Reisen. Ich weiss, wieso mir Kunst die Augen öffnen kann für Orte und dass Reisen auch den Blick auf das Gewohnte verändern kann.

Ich bin ein Reisemuffel. Wobei: Das stimmt nicht ganz. Ich denke immer, ich würde gerne reisen. Und ich mache Pläne für Orte und stelle mir alles vor. Und ganz oft bleibe ich dann doch zu Hause. So bin ich auch in diesen Ferien zu Hause, geniesse es hier, denn: Wann wäre Zürich schöner als im sonnigen Sommer, wann könnte man es mehr geniessen, als wenn alle weg sind, der Garten lacht, der Weisswein gekühlt wartet? Diesmal war ich auf Reisen. Im Geiste. Nicht nur auf einer, auf mehreren. Und das war schön. Und wer weiss: Vielleicht packe ich doch bald mal meine Koffer und setze um, was ich grad für mich aus dem Buch gezogen habe.

Fazit:
Ein inspirierendes, tiefgründiges, unterhaltsames Buch über das Reisen, das von einer unglaublichen Belesenheit des Autors zeugt und Lust aufs Reisen macht – sogar Reisemuffeln. Absolute Leseempfehlung.

Zum Autor:
Alain de Botton
Alain de Botton gründete 2008 die ›School of Life‹, da er der Überzeugung ist, dass man die verschiedenen Lebensbereiche wie Karriere, Liebe, Elternschaft usw. erlernen kann. Mit Charme, Ironie und Neugier entwickelt Alain de Botton seit seinem Romandebüt und Weltbestseller »Versuch über die Liebe« eine Philosophie des Alltags. Alain de Botton lebt mit Frau und Kindern in London. Zuletzt erschienen bei S. Fischer sein essayistisches Werk »Die Freuden der Langeweile« und sein Roman »Der Lauf der Liebe«.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 288 Seiten
Verlag: Fischer Taschenbuch (1. Juni 2003)
ISBN-Nr: 978-3596158041
Preis: EUR 9.95; CHF 14.90
Zu kaufen in jeder Buchhandlung oder aber online u.a. bei AMAZON.DE oder BOOKS.CH

Wir dürfen nicht vergessen

Ich hatte schon immer die Tendenz, mich zu Menschen hingezogen zu fühlen, die von der Gesellschaft und der herrschenden Politik an den Rand gedrängt, diskriminiert, fallen gelassen wurden. Ob es dieser Zug war, der mich schlussendlich dahin führte, wo ich heute bin? Ich weiss es nicht.

Als ich mein Studium begann, war das noch sehr unbedarft. Ich las gerne, las viel. Germanistik und Philosophie lagen nahe. Geschichte brauchte ich noch als zweites Nebenfach. Dass ich mich in allen Fächer immer mehr auf die Facetten eines Themas einschoss – war es Zufall? Ich kann es nicht sagen. Schlussendlich waren Themen wie Nationalismus, Gerechtigkeit, Antisemitismus überall präsent. Alle Fächer wurden auf diese Themen hin zugespitzt, in der Promotion wurde es nochmals deutlich gezeigt. Ich habe in den fünf Jahren, die diese Promotion mit all den Anträgen, Verfahren, Recherchen, Finanzierungsnebenprojekten insgesamt dauerte, jede Minute damit verbracht, mich in die Zeit der Judenverfolgung im zweiten Weltkrieg einzulesen, einzufühlen, darin einzutauchen.

Ich bin oft gefragt worden, was mich treibt. Ich habe keine jüdischen Wurzeln. Ich habe nie auch nur etwas diskriminierendes erlebt – ausser dass mich mein Mittelstufelehrer auslachte, weil ich absolut unsportlich war. Er stellte mich förmlich an den Pranger und ich litt. Es hat mich bis heute nie losgelassen und ich weiss aber trotzdem, dass es nichts ist gegen die Leiden der Menschen damals. Das ist unverständlich für jeden, der es nicht durchmachte. Und die, die es durchmachten, können heute kaum mehr darüber berichten.

Was treibt mich immer wieder? Gerade heute schaute ich einen Film. Es ging um eine Jüdin, die in den Kriegsjahren geflüchtet war und alles zurück liess: Ihre Familie, ihre Heimat, ihr Leben. Sie war die Nichte des wohl bekanntesten Models damals: Klimts goldener Frau. Das Bild ging in Nazihände über und endete in einem österreichischen Museum. Es war ein langer Kampf zum Recht, sie hat ihn gewonnen. Und ich habe geweint. Und der Film hat mich einmal mehr darin bestätigt: Es darf nicht vorbei sein. Es darf nie vergessen werden.

Es gibt noch so viel Unrecht, das aufzudecken wäre. So viele Bilder hängen noch irgendwo, die jemandem gehören. Sie werden nicht zurückgegeben, obwohl sie unrechtmässig in den Besitz des heutigen Besitzers kamen. Und ja, die ehrliche Rückgabe würde die heutige Museenlandschaft wohl ziemlich über den Haufen werfen. Worauf müssen wir Rücksicht nehmen?

Man wird nie an einen guten Punkt kommen, wenn man für den eigenen Profit über Leichen geht. Man gewinnt vielleicht den einen so geführten Kampf, aber man verliert fürs Leben. Die im Film porträtierte Frau hatte dem österreichischen Museum immer wieder angeboten, das Bild da zu belassen, wenn man nur einfach mal anerkenne, dass ein Unrecht geschehen sei. Es fehlte die Bereitschaft. Am Schluss war alles verloren. Sie hat gewonnen. Und alles gespendet. Für gute Zwecke. Es ist nicht Geld, das zählt. Man kann mit Geld unglaublich viel Gutes tun. Wenn man es richtig tut.

Ich hoffe, dass es immer wieder Zeichen gibt, die das bestätigen. Und ich hoffe, dass wir nie vergessen, was war. Und dass es sich nie wiederholt. Ich bin kein Jude. Ich habe keinerlei Beziehungen zu dem Glauben. Aber: Es kann nicht sein, dass Menschen, die Juden sind – ob auf dem Papier oder wirklich so lebend – aufgrund dieses Umstandes in irgend einer Form ausgegrenzt und angegangen werden können.

Und: Man kann nun für „Juden“ jedes x-beliebige Wort einsetzen. Da gilt das genauso. Das ist meine Haltung, so funktioniere ich und dafür stehe ich ein. Immer. Ich hörte oft: Mach das nicht, ist grad gefährlich. Du kannst dann nicht mehr dahin und dorthin reisen. Ja, in die Türkei kann ich schon lange nicht mehr reisen. Ich habe mich in meiner Dissertation explizit gegen die Politik da ausgesprochen. Es kann nicht angehen, dass ein Land nicht zu seinen Vergehen steht. Wobei das aktuell nicht wirklich erstaunt, da der aktuelle Anführer in etwa in dieselbe Richtung marschiert. (hätte ich türkische Verwandte, hätte ich mich das wohl nicht zu schreiben gewagt….).

Aber: Nun kommt das grosse Aber: Protest kann (politisch in einem Land) nur von innen kommen. Wir können nicht von aussen hingehen und sagen: Wir sehen das so, das ist so richtig, drum müsst ihr auch. Wir können damit unten anfangen und Menschen erreichen, die das dann finden und weitergeben, weiterleben. Das führt dann zu was. Und könnte was werden. Was was werden soll, muss von innen wachsen, das stülpt man nicht einfach so drüber. Auch das sieht man bei WW2 – in Israel. Und vielleicht finden mehr Menschen, es wäre besser, wie es ist – wer möchte richten? Die von aussen überstülpen? Keiner hat die Wahrheit gepachtet. Man kann nur für die eigene einstehen. Sollte aber fremde gelten lassen können. Ich glaube, dann wäre eine Basis für Frieden geschaffen.

Musik und das Leben

Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum.

Der Ausspruch stammt von Nietzsche. Nun kann man sagen, das sei bloss ein irrer Philosoph gewesen, der am Schluss seinem Wahnsinn erlegen ist. Nur: Ich denke, er hat ganz viel ganz klar gesehen. Wohl zu klar. Mitunter kann man auch an der klaren Sicht, die anderen vernebelt ist, verzweifelt. Viele kennen das aus Situationen, wenn sie sich im Streit unverstanden fühlen. Statt Nietzsche einen Irren zu schimpfen können sie im nächsten Streit sagen:

Schon Nietzsche wusste von meinem Leiden.

Aber von vorne:

Ich liebte – man glaubte es kaum, wüsste man, dass ich um eine absolut unmusikalische Mutter aufgewachsen bin – Musik schon immer. (Nun gut, die besagte Mutter las auch kein Buch lief aber unermüdlich mit mir zur Bibliothek und hat mich so mit der wohl prägendsten Sache infiziert: Literatur) Ich war die, welche irgendwo irgendwas aufschnappte und das haben wollte. Sie beauftragte den Papa und der zog los. Durch alle Geschäfte der (nicht gar so grossen, aber immerhin damals auf siebter Stelle im helvetischen System rangierenden) Stadt. Auskunft war immer: Das hört hier noch keiner, oder: das hört hier keiner mehr. Ich war immer ausserhalb von Zeit und Raum.

Ich könnte nun noch anfügen, wie mein Papa die unmusikalische Mutter damals erobert hatte: Er zog von Diskothek zu Diskothek und sang denen ein Lied vor, das seiner Angebeteten ach so gefiel, um diese dann mit der Platte zu überraschen. Ob er gut sang, sei dahin gestellt, nur: Welche Frau würde sich so einen Einsatz nicht wünschen? Er hatte es gefunden. Ich füge das nun nicht an, es würde zu weit führen, wenn es auch erklären könnte, wieso ich exakt ihn engagierte, meine Musikwünsche heimzubringen (die eigene Bequemlichkeit kehre ich mal ganz unter den Teppich).

Langer Rede kurzer Sinn: Irgendwann war das besagte Album bei mir zu Hause. Zuerst auf Vinyl, dann auf CD. Meist gefiel das eine Lied, weswegen man das Album haben wollte, der Rest war so „na ja“. Klar gab es Sampler, die beherbergten dann viele tolle Lieder. Nur: Die waren nie alle dem Geschmack entsprechend. Also auch mehrheitlich „na ja“. Weil man die Künstleralben schon mal hatte, hörte man sie auch. Wir hatten nicht so viel, es ist lange her. Und irgendwann erschloss sich meist auch der Sinn in den weniger eingängigen Stücken. Und nicht selten war plötzlich ein ganz anderes Lied Liebling auf einem Album, welches wir nur wegen eines Liedes gekauft hatten.

Zwischendurch hörte man Radio. Daher hatte man ja all die Lieder, die es nicht oder nicht mehr gab – ab und an auch von obskuren Bekanntschaften oder aus Diskos, Filmen oder mehr…. Das ist heute obsolet. Wir haben Spotify. Da kann man suchen, was man will und findet es. Man dreht musikalisch im immer gleichen Universum. Am Anfang nur ansatzweise, weil man reinträgt, was man irgendwo hörte. Bald schon schlägt einem Spotify vor, was einem gefallen könnte. Spotify packt das gar in einen Mix der Woche. Da klingen dann alle Lieder so wie das, was man oft hörte. Und klar gefällt es, man hätte das andere sonst nicht gehört. Wenn man ein wenig Musikvergangenheit hat, kennt man auch alles Vorgeschlagene. Und man hat nie mehr das Bedürfnis, weiter zu suchen, denn: Man kriegt geliefert, was gefällt. Was will man mehr? Man dreht im eigenen Universum, man muss nie mehr raus. Man muss nicht suchen, nicht Neues entdecken. Da ist ein Dienst, der einem sagt, was zu einem passt.

So funktioniert wohl bald das ganze Leben. Nicht nur in der Musik.

Anne Bertheau: „Das Mädchen aus der Fremde“: Hannah Arendt und die Dichtung (Rezension)

„Man vergisst mich leicht, wenn man meine Traurigkeit vergisst.“

Die Fremde,
die Dir selber fremd,
sie ist:
Gebirg der Wonne,
Meer des Leids,
die Wüste des Verlangens,
Frühlicht der Ankunft.
[…]

BertheauArendtDie Denkerin Hannah Arendt ist seit langem bekannt, die Dichterin wurde bislang wenig beachtet, obwohl Dichtung für Hannah Arendt zeitlebens sehr wichtig war, Heinrich Blücher bezeichnete die Dichtung sogar als Hannah Arendts Heimat – er bezog dies auf ihre eigene Dichtung.

Anne Bertheau geht dieser Dichtung im vorliegenden Buch auf den Grund. Sie tut dies, indem sie sie in der Zeit und damit in Arendts Biographie verortet, immer auch mit Blick auf die theoretischen Werke, die in derselben Zeit entstanden sind. Von Hannah Arendt sind keine Tagebücher im persönlichen Sinne überliefert. Ihr Denktagebuch (LINK) offenbart wenig von ihrem Seelenleben, es ist mehr Zeugnis ihres täglichen Denkens und Arbeitens. Will man mehr über den Menschen und die inneren Vorgänge Arendts erfahren, sind neben ihren zahlreichen Briefen, die das eine oder andere offenbaren, die Gedichte einziges Zeugnis.

Das Buch umfasst drei Teile:

  • Teil 1 behandelt Hannah Arendts eigene Lektüre von Lyrik, ihre Kontakte zu Dichtern als auch poetische Korrespondenzen.
  • Teil 2 wendet sich Arendts theoretischen Aussagen über Sprache allgemein und Dichtung im Besondern zu. Dabei verfügt Arendt über keine eigentlich eigene Ästhetik, vielmehr sind es Gedanken, die sie im Zuge ihrer theoretischen Werke macht, sei es für Vita Activa, wo Kunst als Oberbegriff des Herstellens fungiert, oder für Vom Leben des Geistes, welche sich mit der Metapher und dem Unsagbaren beschäftigt und diese dem Denken unterstellen.
  • Teil 3 setzt schliesslich Arendts eigene Dichtung und ihre Gedanken zu gelesener Dichtung in Beziehung und analysiert, wie das eine das andere beeinflusst hat.

Hannah Arendt war eine Vielleserin und sie las alles: Philosophie, Dichtung sowie Romane (mehrheitlich der deutschen und französischen Literatur). Neben der eigenen Dichtung verspürte sie schon als Kind den Drang, selber zu erzählen und zu gestalten. Gerade aber das Poetische bereitete schon dem Kind Hannah Freude und sollte ihre Dichtung auch prägen, nennt sie doch selber „das poetische der Kinderzeit als Urquell der Dichtung“ und fügt an:

Unausrottbar ist das Poetische, solange es noch das Wundern gibt, das wir in der Kindheit gelernt haben.

Am Dichten mag Hannah Arendt wohl vor allem eines gefallen haben: Die Klarheit der Worte, war sie doch auch im Denken auf Klarheit aus, wollte verstehen, wollte die Dinge auf den Punkt bringen.

Die Allgemeinheit des Dichterischen ist nur verbindlich, wenn sie aus der letzten und schärfsten Genauigkeit des Wortes entspringt, wenn sie jedes Wort beim Worte nehmen weiss.

Es ist Anne Bertheau gelungen, die Dichtung Hannah Arends einerseits im Leben und Denken derselben zu verorten, sowie auch die Einflüsse anderer Menschen auf diese Dichtung offenzulegen. Sie tut dies auf eine sehr kompetente, umfassende, informative und trotzdem gut lesbare Weise.

Fazit:
Eine sehr umfassende, informative und kompetente Analyse von Hannah Arendts eigenem Dichten und deren Verständnis von Dichtung generell. Absolute Leseempfehlung

Zur Autorin:
Anne Bertheau
Anne Bertheau (Dr. phil.), geb. 1971, verfasste ihre Doktorarbeit zu Hannah Arendt und Dichtung an der Universität Paris IV, Sorbonne. Sie forscht zu Hannah Arendt sowie zu dem Revoltebegriff bei Albert Camus (Postdoc-Stipendium DAAD, Maison des Sciences de l’Homme).

Hannah Arendt
(eigentlich Johanna Arendt)
Geboren am 14. Oktober 1906 in Linden bei Hannover als Tochter jüdischer Eltern. Obwohl sie sich keiner religiösen Gemeinschaft anschloss, sah sie sich immer als Jüdin.
Studium bei Martin Heidegger (die Liebschaft ist wohlbekannt) und später Promotion bei Karl Jaspers. 1933 Flucht nach Frankreich, 1940 Internierung im Lager Gurs, aus welchem ihr die Flucht gelang. 1941 Ankunft in New York. Verschiedene Tätigkeiten fürs Überleben und auch aus Überzeugung, daneben Publikation mehrerer Artikel. Später Lehrtätigkeit und mehrere für die Philosophie herausragende Werke (Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Eichmann in Jerusalem, Vita Activa). Sie stirbt am 4. Dezember 1975 in New York.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 416 Seiten
Verlag: transcript; Auflage: 1 (3. Juni 2016)
ISBN-Nr: 978-3837632682
Preis: EUR 44.99; CHF 5.90
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH sowie beim Verlag selber.

Hannah Arendt: Denktagebuch (Rezension)

Denken und Schreiben im Dienste des Verstehens

‚Denken ohne Geländer’, das ist es in der Tat, was ich zu tun versuche.

Hannah Arendt hat 28 dicht beschriebene Schreibhefte hinterlassen, in denen sie ihre täglichen Gedanken, Ideen, Theorien notierte, entwickelte, ausführte. Sie reflektierte darin ihre Lektüre, definierte politische und philosophische Begriffe oder leitete Zusammenhänge im Weltgeschehen her. In ihrem Interview mit Günter Gaus sagte sie zum Grund ihres Schreibens:

Ich muss verstehen. Zu diesem Verstehen gehört bei mir auch das Schreiben. Das Schreiben ist, nicht wahr, Teil in dem Verstehensprozess.

ArendtDenktagebuchDiese 28 Hefte sind in den vorliegenden zwei Bänden enthalten. Sie lassen den Leser teilhaben an den Denkprozessen einer der grössten Denkerinnen. Anhand der Lektüre der Denktagebücher lassen sich Arbeitsprozesse an den grossen Werken nachvollziehen, lässt sich aber auch Einblick in die Persönlichkeit Hannah Arendts gewinnen. Zwar fehlen intime Innenbetrachtungen oder Beschreibungen aus dem eigenen Leben, allerdings sind dann und wann doch kürzere oder längere Gedanken – oft in Form von Gedichten – eingestreut, die den Menschen Hannah Arendt sichtbarer werden lassen.

Die Herausgeberin rundet das Tagebuch mit einem sehr informativen Nachwort ab, indem sie auf die Struktur der Originaldokumente eingeht, deren Funktion erläutert und auch wichtiges Hintergrundwissen liefert. Im Anhang hilft ein thematisches Inhaltsverzeichnis, sich gezielt bestimmte Themen Hannah Arendts aufzufinden, ein Personen- und Sachregister ermöglichst die Begriffsuche. Die ausführlichen Anmerkungen helfen beim Leseverständnis durch wissenswerte Querbezüge oder Erklärungen und ein Wörterverzeichnis greift die in den Tagebüchern verwendeten griechischen Begriffe. Schliesslich sind die von Hannah Arendt häufig zitierten Bücher bibliographisch erfasst, so dass man auf Hannah Arendts Lesespuren wandeln kann.

Die vorliegenden Bücher sind eine Schatzkammer für alle, die sich für Hannah Arendt und ihr Denken interessieren und eine editorische Meisterleistung.

Fazit:
Ein Zeugnis messerscharfen und tiefgründigen Denkens, ein Einblick in die Persönlichkeit der Denkerin Hannah Arendt und eine editorische Meisterleistung. Absolut empfehlenswert.

Zur Autorin:
Hannah Arendt
(eigentlich Johanna Arendt)
Geboren am 14. Oktober 1906 in Linden bei Hannover als Tochter jüdischer Eltern. Obwohl sie sich keiner religiösen Gemeinschaft anschloss, sah sie sich immer als Jüdin.

Studium bei Martin Heidegger (die Liebschaft ist wohlbekannt) und später Promotion bei Karl Jaspers. 1933 Flucht nach Frankreich, 1940 Internierung im Lager Gurs, aus welchem ihr die Flucht gelang. 1941 Ankunft in New York. Verschiedene Tätigkeiten fürs Überleben und auch aus Überzeugung, daneben Publikation mehrerer Artikel. Später Lehrtätigkeit und mehrere für die Philosophie herausragende Werke (Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Eichmann in Jerusalem, Vita Activa). Sie stirbt am 4. Dezember 1975 in New York.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 272 Seiten
Verlag: Piper Verlag (6. Auflage 1. Oktober 2006)
ISBN-Nr: 978-3492248235
Preis: EUR 48; CHF 63

Zu kaufen in jeder Buchhandung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Hannah Arendt, Günther Anders: Schreib doch mal hard facts über Dich (Rezension)

Briefe 1939 bis 1975

ArendtAndersSchreib1925 lernen sich Hannah Arendt und Günther Stern (er nannte sich bald darauf Günther Anders) in Marburg in den Seminaren des gemeinsamen Lehrers Martin Heidegger kennen und heiraten 1929. Die Ehe war für Arendt mehr Flucht den Leidenschaft, war sie doch zur Zeit des Kennenlernens noch in einer heimlichen Beziehung mit ihrem Professor Martin Heidegger – eine Beziehung, die fraglos keine Zukunft hatte. Durch einen Wechsel des Studienortes und die Ehe mit Günther Stern hoffte Hannah Arendt, Stabilität und ein Gefühl von Zuhause zu kriegen.

Die Ehe war nicht lange glücklich, trotzdem lebten Arendt und Anders bis 1933 zusammen in Berlin und arbeiteten in dieser Zeit an gemeinsamen Publikationen. Als sich die politische Lage für Juden in Deutschland zuspitzte, flohen die beiden nach Paris, wo sie sich aber mehr und mehr auseinander lebten. 1936 lernte Hannah Arendt ihren zweiten Mann Heinrich Blücher kennen, eine Beziehung, die bis zum Tod desselben von gemeinsamen Werten und Liebe getragen war.

Hannah Arendt und Günther Anders schafften es, eine Freundschaft zu bewahren. Anders war es auch, der Blücher und Arendt half, in die USA auszuwandern, als die Lage in Europa zu gefährlich wurde.

Der vorliegende Briefwechsel ist ein Zeugnis dieser Freundschaft. Er zeugt aber auch von den Erschwernissen des Auswanderns und den unterschiedlichen Umgang der beiden damit, berichtet über gemeinsame Bekannte – Zeitgenossen wie Walter Benjamin, Heidegger, Adorno.

Neben dem Briefwechsel beinhaltet das Buch auch gemeinsam verfasste Text, unter anderem zu Rilkes Duineser Elegien. Abgerundet wird das Buch durch zwei tabellarische Lebensläufe der Briefschreiber sowie einen ausführlichen und informativen Anmerkungsteil sowie eine Bibliographie der in den Briefen erwähnten Publikationen.

Fazit
Ein Briefwechsel, der nicht nur Zeugnis einer Freundschaft ist, sondern auch Zeitzeugnis. Sehr empfehlenswert!

Zu den Autoren und der Herausgeberin
Hannah Arendt (1906 – 1975) und Günther Anders (1902 – 1992) lernten sich 1925 in einem Seminar Martin Heideggers kennen und waren von 1929 bis 1937 miteinander verheiratet. Beide zählen zu den bedeutendsten Denkern des 20. Jahrhunderts. Das Hauptwerk der streitbaren politischen Theoretikerin ist Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, das des „wahrscheinlich schärfsten und luzidesten Kritikers der technischen Welt“ (Jean Améry) Die Antiquiertheit des Menschen.
Kerstin Putz studierte Germanistik und Philosophie an der Universität Wien und ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an Forschungsprojekten zum Nachlass von Günther Anders am Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 286 Seiten
Verlag: C. H. Beck Verlag (29. August 2016)
Herausgeberin: Kerstin Putz
ISBN: 978-3406699108
Preis: EUR: 29.95 ; CHF 42.90
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Daniel Klein: Immer wenn ich den Sinn des Lebens gefunden habe, ist er schon wieder woanders (Rezension)

Was uns die Philosophen zu sagen haben

Es ist noch nicht lange her, da räumte ich ein paar Bücher weg und stiess dabei auf ein altes Notizbuch mit der Aufschrift „Sinnsprüche“. Es enthielt kurze, flüchtig zu Papier gebrachte Zitate von Philosophen, auf heder Seite einen. […]
Der Grund für diese Entscheidung – und für dieses Notizbuch – lag darin, dass ich gehofft hatte, von den grossen Philosophen ein paar Orientierungshilfen zu bekommen.

Wie lebt man ein gutes Leben, was ist ein gutes Leben überhaupt? Das hoffte Daniel Klein zu erfahren, als er sein kleines Notizbüchlein mit Zitaten grosser Philosophen anlegte. Er ergänzte die Sammlung über viele Jahre, bis das Buch irgendwann auf dem Dachstock verschwand, wo er es mit fast achtzig Jahren wieder fand, drin blätterte und beschloss, ein Buch daraus zu machen.

KleinPhilosophieTag39 Zitate vereinte er zu diesem Buch, von Aristoteles über Epikur, Ralph Waldo Emerson, David Hume bis hin zu Blaise Pascal und Reinhold Niebuhr. Zwar weiss er nun in seinem Alter, dass er wohl naiv war, zu glauben, dass ihm die Philosophen sagen könnten, wie er zu leben hätte. Und doch: Immer mal wieder während des Lebens fand er wieder Sprüche und schrieb sie nieder, denn die Frage, wie man das bestmögliche Leben führe, beschäftigte die Philosophie doch über tausende von Jahren, war eine ihrer zentralsten Fragen überhaupt.

Jedes Zitat ergänzt Daniel Klein mit einem persönlichen Kommentar, der einerseits das Zitat ein wenig verortet und erhellt, andererseits aus seinem Leben und seinen Erfahrungen erzählt. So ist ein wunderbares Buch entstanden, in das man immer mal wieder reinschnuppern, etwas für sich rausziehen und weiterleben kann – vielleicht sogar ein wenig besser als zuvor.

Verdirb dir nicht die Freude an dem, was du hast, indem du dir wünschst, was du nicht hast; denke daran, dass das, was du heute hast, einst zu den Dingen gehörte, von denen du nur träumtest. (Epikur)

Fazit
Ein kleines, feines, unterhaltsames, tiefgründiges und zum Nachdenken anregendes Buch. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor:
Daniel Klein
Daniel Klein, Jahrgang 1939, studierte Philosophie in Harvard. Nach einer kurzen Station als Gagschreiber beim Fernsehen arbeitet er seit vielen Jahren als Autor und Ghostwriter. Er ist Koautor des Buches „Plato und Schnabeltier gehen in eine Bar“, das in 26 Sprachen übersetzt wurde. Klein lebt mit seiner Familie in New England.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 224 Seiten
Verlag: Piper Verlag (1. März 2016)
Übersetzung: Ralf Pannowitsch
ISBN: 978-3492057509
Preis: EUR: 18 ; CHF 26.90
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Martin F. Mexer: Illustrierte Geschichte der Philosophie (Rezension)

Eine Reise durch die Philosophie von der Antike bis in die Neuzeit

MeyerIlluPhiloEpochen – Autoren – Werke, so heisst der Untertitel dieses reich bebilderten Übersichtswerk über die Geschichte der Philosophie. Martin F. Meyer startet bei den Vorsokratikern und führt den Leser in einer gut verständlichen Sprache durch die Zeit bis hin in die Neuzeit. Dabei bettet er die einzelnen Philosophen immer in ihre Zeit ein, gibt einen kurzen Einblick in ihre persönliche Herkunft und den Werdegang und geht dann auf die zentralen Werke und deren grundlegenden Aussagen ein.

Die Illustrierte Geschichte der Philosophie ist sehr geschmackvoll aufgemacht, das Layout ist schlicht, übersichtlich und überzeugt ästhetisch. Kleine Infoblöcke (in Kreisform, was dem Layout ein gewisses Etwas gibt) bieten schnell erfassbare Überblicke über die vorherrschenden Denker einer Zeit oder aber erläutern deren wichtigsten Theorien. Eine schöne Auswahl an Bildern rundet den Gesamteindruck ab.

Philosophie hat mitunter nicht den Ruf, sehr unterhaltsam und prickelnd zu sein, dieses Buch hat aber Suchtcharakter und es birgt die Gefahr, zur nächsten Buchhandlung rennen zu wollen und alle vorgestellten Bücher gleich auch noch lesen zu wollen. Ich kann es jedem, der sich mal einen Überblick über die Geschichte der Philosophie verschaffen will, nur ans Herz legen. Aber: Nicht nur denen, das Buch ist wirklich einfach eine wunderbare Unterhaltung und man entdeckt ja auch als alter Hase immer wieder etwas Neues oder findet etwas wieder, das in Vergessenheit geriet.

Fazit
Ein sehr fundiertes, umfassendes, lesbares und schön aufbereitetes Buch, das eine breite Übersicht über die Geschichte der Philosophie bietet und zu weiterer Lektüre verleitet. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor:
Martin F. Meyer ist Privatdozent am Philosophie-Seminar der Universität Koblenz-Landau

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 186 Seiten
Verlag: J. B. Metzler Verlag (16. März 2016)
ISBN: 978-3476026484
Preis: EUR: 24.95 ; CHF 31.90
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Ich sage NEIN

Heute stiess ich auf Facebook auf einen Beitrag eines „Freundes“. Ich gebe zu, ich hatte keine Ahnung, wer das war und wie ich zu der Ehre der Freundschaft gekommen war, aber das sah ich nun: Ein Bild, das er irgendwo kopiert hatte. Zwei sich küssende (wirklich attraktive) Männer. Er schrieb dazu, er fände das widerlich. Die Kommentare schlugen in die gleiche Kerbe. Zwei Männer gingen gar nicht. Liebe sei nur Mann und Frau, alles andere sei pervers. Da wurden Menschen aufgrund ihrer sexuellen Ausrichtung als WIDERLICH (sorry, ich muss das deutlich sagen) bezeichnet.

Ich habe das angeklagt. Ich schrieb einen eigenen Post und sagte, dass ich ein solches Verhalten nicht akzeptiere. ich sagte, dass ich keine Homophoben Menschen in meiner Freundschaftsliste haben will. Ich sagte, dass es nicht angehe, Menschen wegen ihrer religiösen, sexuellen Ausrichtung, Herkunft oder Hautfarbe abzuwerten. Ich wurde angegriffen. Und zwar massiv.

Ich bin aktuell geschockt. Und nachdenklich. Ich bin geschockt, wie viele sich für eine Meinungsfreiheit bei menschenverachtendem Tun einsetzten. Wie ich angegriffen wurde, weil ich Menschen in ihrer Würde, ihrem Sein schützen wollte.

Ich sei ein Ignorant, weil ich mich für Menschenrechte einsetzte. Die Meinungsfreiheit wurde ins Feld geführt, nicht wissend wohl, dass die Menschenwürde, die angegriffen wurde, höher steht. Und: Meinungsäusserungsfreiheit wurde für Diskriminierung, Abwertung geltend gemacht, wo diese doch zum Schutz der Menschenwürde und des Antirassismus einst eingeführt wurde – das mutete schon fast skurril an.

Ich stehe weiter dazu: Ich bin gegen Rassismus, gegen Diskriminierung, gegen Pauschalverurteilungen aufgrund von Herkunft, Religion, sexueller Ausrichtung, Hautfarbe. Wenn das Intolerant ist, dann bin ich das.

Blick zurück

828156801_47085e952f_oKürzlich wurde ich auf Facebook aufgefordert – ich tappte in eine Spielefalle – ein altes Bild von mir zu posten. Von mir gibt es Kinderbilder und (eher selten) aktuelle. Dazwischen nichts. Ich stellte das Bild rein. Ein Bild von mir, als ich etwa 4 war. Silvesterabend, ich stand am Piano. Ich mag sonst diese Erinnerungsschübe nicht, wenn andere beginnen zu erzählen. Ich finde, das Leben spielt hier und jetzt. Und doch. plötzlich packte es mich.

Wir haben Silvester immer im Berner Oberland gefeiert, immer im gleichen Hotel. Der Ort war für mich Heimat, denn wir waren auch sonst alle Ferien da. Die Besitzer des Hotels waren für mich wie Grosseltern. Der Ort vertraut, mit warmen Gefühlen, Freude und Glück besetzt.

Wenn ich das Bild so ansehe, sehe ich es in den Augen. Es sind fröhliche Augen. Das Lächeln passt dazu. Es war eine glückliche Zeit. Ich hatte eine schöne Kindheit. Es war nicht alles rosig. Es war nie nur pink. Ich hatte Eltern, die da waren, kriegte den Rückhalt und fühlte die Werte. Ich hatte eine Welt und konnte meine entwickeln.

Ich bin dankbar. Für all die Gefühle, all die Möglichkeiten. Ich bin dankbar für dieses Leben. Es war sicher nicht das leichteste. Ist es nicht. Ich hatte ganz viele Freiheiten. Ebensoviele Stäbe, die Gefängnisse schlossen. Es ist immer ein Wechselspiel. Dessen bin ich mir heute sicher. Ob das Fazit stimmt, muss jeder für sich entscheiden. Und das wohl auch immer wieder neu.

Wenn ich das Bild anseh, erinnere ich mich. Ich erinnere mich an laue Abende, in denen ich mit Freunden im Heustock rumhüpfte. Ich erinnere mich an Silvesterparties mit Salzstangen und Pommes ebenda. Ich erinnere mich an die nachbarliche Bauerstochter, die mir französische Worte zu Kühen beibrachte, an Katzenbabies noch blind herumtapsend. Ich erinnere mich an Tänze über Felder, an Sonnenuntergänge hinter Bergen.

Es sind Bilder, Gefühle, Eindrücke, die aufblühen. So passend zum Frühling. Alles schon da. Und doch wieder neu. Was aus einem Bild alles entstehen kann.

Trump – oder: Die Welt demaskiert sich

Trump ist im Amt. So ganz offiziell. Und wer auf Facebook oder Twitter ist, kann das nicht mehr ignorieren, denn kaum ein Beitrag dreht sich nicht um ihn. Man könnte nun jubeln und denken, dass die Welt politisch engagiert ist, nur: Das ist sie nicht. Man ergiesst sich in Spott und Häme, ach so witzige Bilder verstopfen den Nachrichtenfluss. Man übt sich als Psychologe und analysiert Bilder des gähnenden oder desinteressierten Sohnes. Man motzt über den Tanz der beiden Trumps und findet ihn hölzern – ich frage mich innerlich, wer der ach so überheblichen Journalisten ein Tanz-As ist?!?

Trump ist für ganz viele nicht die erste Wahl. Verständlich. Aber es ist nun auch mal wieder gut. Es wäre schön, die Welt würde aus ihrer Toddler-Trotz-Phase erwachen und sich mal wieder erwachsen benehmen. Das hiesse, fundiert zu diskutieren, was passiert, statt blonde Strubbelbüschel auf Dinge zu photoshoppen und Trump drunter zu schreiben. Das hiesse, den armen Jungen mal Pubertierenden sein zu lassen und zu sehen, was der Papa in dem Augenblick tut. Das hiesse, vom hohen Ross runterzusteigen, selber in den Spiegel zu schauen, eventuell zum Coiffeur zu gehen und dann nochmal hinzuschauen. Was ist. Und darauf zu reagieren. Sachlich. Nicht persönlich.

Was ist an Herrn Trump so wichtig? Seine Frisur, das Verhalten des Sohnes, die Kleidung oder Ehe-Motivation der Frau? Wichtig ist doch, was er wirklich macht. Das wäre Munition genug. Wieso können wir uns nicht endlich darauf konzentrieren? Und alle, die das nicht verstehen, sich gar nicht wirklich dafür interessieren oder Politik zu kompliziert finden, könnten einfach wieder Katzen-Videos posten. Die Social-Media-Welt wäre eine unglaublich schönere.

Und die, welche wirklich politisch interessiert sind, sollen sich doch bitte auf die Politik beschränken. Wen beruft er in die entsprechenden Ämter? Was sind seine Amtshandlungen und wo führen sie hin? Woran erinnert uns, was er tut? Was kann man tun?

Einbürgerung der dritten Generation – ein Streitthema

Aktuell spaltet ein Thema die Nation (die Schweiz, um genau zu sein). Sollen Menschen, die in dritter Generation in der Schweiz leben, eine vereinfachte Einbürgerung erhalten? Man halte sich das mal plastisch vor Augen:

Ernesto wandert in die Schweiz ein, ist hier Saisonarbeiter. Er heiratet, kriegt ein Kind: Ein Secondo. Wir nennen ihn Paolo. Paolo tut, was er eben tut, wir wollen das mal nicht weiter ausführen, und kriegt ein Kind: Enrico. Enrico ist die dritte Generation. Er soll nun die erleichterte Einbürgerung erhalten. Das liegt eigentlich auf der Hand, denn:

Enrico hat nie was von Italien gesehen, schon sein Vater kam hier auf die Welt (wurde wohl nie eingebürgert, man könnte sich nun fragen, wieso, tut man aber nicht). Aber: Enrico ist hier aufgewachsen (wie sein Vater), er kennt nichts anderes (ausser dem, was er zuhause erlebt).

Was ich mich frage: Was hat Enrico, was Paolo nicht hatte? Wieso wurde Paolo nicht eingebürgert? Er lebte schliesslich sein ganzes Leben hier und kriegte hier ein Kind. Was sind sachliche Gründe für die Erleichterung bei einem Menschen, der in der dritten Generation hier ist, gegenüber einem, der als Secondo hier war?

Menschen sind vielschichtig. Eine der Schichten wird sicher durch die Herkunft und durch die Kultur geprägt. Eine andere durch den Umgang. Ganz vieles ist… irgendwie diffus. Gerade in den Jahren der Pubertät. Da zählen Peergroups. Auf die haben Eltern kaum mehr Einfluss.

Wir versuchen nun aber, aus der Einbürgerungsfrage eine Rechenaufgabe zu machen. Gesetz ist immer Abstraktion, das ist mir klar. Nur so kann eine Norm haften, die auf den Allgemeinfall angewendet werden können muss. Nur: Ob man das an Generationen festmachen kann? Ich bezweifle.

Wir leben in der Schweiz in einem Land, das seine Grundsätze und Normen hat. Wir haben Gesetze und leben in einem Rechtsstaat. Dasselbe gilt für viele andere Länder rund um uns. Wäre nicht das einzig relevante Kriterium, dass sich einer, der hier sein will, an diese Normen, Grundsätze und Regeln hält? Geht es wirklich um eine Generationenfrage? Ist der Nachkömmling eines schwerkriminellen Secondos besser geeignet als ein dankbarer Flüchtling in erster Generation?

Ich bin nach wie vor der Meinung. Wer Hilfe braucht, soll kommen dürfen und soll Hilfe erhalten. Immer! Wer unsere Rechte missachtet, war der Hilfe wohl nicht wert. Der soll auch wieder gehen, um denen Platz zu schaffen, die sie suchen und annehmen. Das aber an Generationen festzumachen und es zu einem mathematischen Problem verkommen zu lassen, widerstrebt einem Philosophen wie mir.

Wir müssen helfen. Alle, denen es gut geht, stehen in der Pflicht. Das gebührt der Menschlichkeit. Wer diese ausnutzt, ist sie nicht wert. Für den Rest müssen wir einstehen. Denn: Wir haben schwarze Schafe auch in den eigenen Reihen, wir können die anderen nicht härter angehen. Mensch ist Mensch – egal, woher er kommt.