Gedankensplitter: Neugier auf den anderen

«Der Sinn für Ungerechtigkeit, die Schwierigkeiten, die Opfer der Ungerechtigkeit zu identifizieren, und die vielen Weisen, in denen jeder lernt, mit den eigenen Ungerechtigkeiten und denen anderer zu leben, werden ebenso leicht übergangen wie die Beziehung privater Ungerechtigkeit zu öffentlicher Ordnung.» Judith Shklar

Wir sehen einen Menschen und schon ist es da: Das Bild in uns, wie er ist. Ein spontaner Impuls, eine quasi natürliche Eingebung, die durchaus ihre Berechtigung hat, hilft sie doch, Dinge schneller einzuordnen und damit eine gefühlt gesicherte Basis herzustellen. Das Problem ist, dass diese Eingebungen nicht aus dem Nichts kommt, sondern sozial, historisch und kulturell gewachsen ist. Vorurteile vererben sich förmlich weiter, so dass sie auch dann noch in den Köpfen im Versteckten ihr Unwesen treiben, wenn man rational neue Erkenntnisse gewonnen hätte. Auch wenn wir heute wissen, dass Frauen nicht dümmer sind, dass sie durchaus ohne gesundheitliche Gefährdung höhere Schulen besuchen können (ein Argument, mit dem es ihnen früher verwehrt war), dass sie gleich viel leisten können in bestimmten Berufen, und gleich viel wissen können wie die Männer, zeigt sich im sozialen, wirtschaftlichen und auch politischen Bereich oft ein anderes Bild.

Zum Beispiel: Argumente von Frauen (hier könnte auch Behinderte, POC, LGBTQIA, etc. stehen) werden weniger gehört, werden weniger ernst genommen. Das führt zu einer epistemischen Ungerechtigkeit, wie Miranda Fricker sich ausdrückt. Man verwehrt ihnen das Vertrauen in ihre Aussagen einzig aufgrund eines Vorurteils. Dadurch können sie sich nicht im gleichen Masse einbringen wie Männer das können, sie werden an ihrer aktiven Teilhabe gehindert.

Das Bild in den Köpfen ist gemacht, die Reaktion folgt. Das hat aber noch weitere (negative) Konsequenzen: Die so gering Geschätzten werden nicht gehört. Sie werden in ihrem Sein als Wissende, Fähige nicht tatsächlich wahrgenommen, sondern abgewertet. Das führt oft dazu, dass sich dieses mangelnde Vertrauen auch verinnerlicht, sich diese Menschen selbst weniger zutrauen – und noch schlimmer: Sie bilden Fähigkeiten erst gar nicht aus oder verlieren sie sogar.

Menschen haben eine tiefe Sehnsucht danach, gehört, gesehen, wahrgenommen zu werden. Tut man das nicht, nimmt man ihnen einen Teil ihrer Würde, man marginalisiert sie. Dem können wir nur beikommen, wenn wir (individuell und in Systemen) ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass in uns Vorurteile am Wirken sind, und aktiv versuchen, gegenzusteuern. Wir müssen lernen, mit Neugier auf andere Menschen zuzugehen, mit der Absicht, wirklich hören zu wollen, was sie sagen. Wir müssen unsere Vorurteile ablegen und offen zuhören, hinsehen. Das heisst nicht, dass wir allen blind vertrauen müssen, aber die Prüfung der Aussagen darf nicht aufgrund von vorgefassten Vorurteilen, sondern aufgrund sachlicher Kriterien geschehen.

***

Ein Buch zu diesem Thema:
Miranda Fricker: Epistemische Ungerechtigkeit. Macht und die Ethik des Wissens, C. H. Beck Verlag, 2023.

Miranda Fricker ist der Überzeugung, dass wir uns zu sehr auf die Gerechtigkeit ausrichten und damit vergessen, die tatsächlichen Ungerechtigkeiten genau zu beleuchten, die es zu beheben gilt. Oft denkt man bei Gerechtigkeit (und Ungerechtigkeit) an die Verteilung von Gütern, aber es gibt auch andere Formen. Bei Ungerechtigkeit, so Fricker, dürfe man nicht nur materielle Kriterien gelten lassen, sondern auch die Glaubwürdigkeit von Menschen sei ungerecht verteilt, weil soziale Vorurteile zu einer Marginalisierung bestimmter Gruppen und der Zugehörigen (Frauen, Arme, POC, etc.) führen. Nur indem wir uns dessen bewusst werden, und je einzeln und auch in Institutionen und Systemen die eigenen Vorurteile erkennen und diese für die Beurteilung von Zeugnissen ausschalten, können wir identitätsstiftende Machtsysteme ausschalten. Alles in allem nichts Neues, doch es wird in eine hochkomplexe Sprache verpackt und (zu) ausführlich mit Argumenten und Verweisen abgestützt. Das macht das Lesen mitunter etwas beschwerlich.

Gedankensplitter: «Ich bin so frei»

Ein höflicher Satz. Ein Satz des Anstands, oft begleitet mit einer entsprechenden Geste. So hat sich das eingeprägt, das ist unsere kulturelle und damit unhinterfragte Sicht. Schaut man aber genauer hin, holt man die Wendung aus ihrer gewohnten und damit unreflektierten Bedeutung heraus, zeigt sich ein anderes Bild. Verwendet wird diese Wendung mehrheitlich dann, wenn man einen eigentlichen Grenzüberschritt höflich verpacken will. Man würde es nicht sagen, wenn man nicht tief drin wüsste, dass das, was man zu tun vorhat, eine Grenze überschreitet, nämlich die des anderen: Man tritt ihm zu nah. Man begrenzt dessen Freiheit indem man sich explizit die eigene gewährt. Damit ist diese Wendung in Tat und Wahrheit eigentlich eine höfliche Entschuldigung, die aber nicht nach einer passierten Handlung nachgereicht wird und damit eine Einsicht des eigenen Fehlverhaltens impliziert, sondern eine vorweggenommene Rechtfertigung für ein noch auszuführendes Tun.

Würde man stattdessen fragen: «Darf ich?» und (ganz wichtig) die Antwort abwarten, um sie dann auch wirklich als Richtschnur für das eigene Handeln zu nehmen, sähe die Sache ganz anders aus. Dann hätten wir zwei Menschen auf Augenhöhe, von denen einer etwas will, bei dem er an die Grenzen eines anderen stösst. Der andere hat dann die Möglichkeit, seine eigenen Bedürfnisse oder Abneigungen zu formulieren, in denen er gesehen und respektiert würde. Ansonsten werden diese ignoriert und übergangen.

Ist das alles reine Sprachklauberei, eine weitere Form eines woken oder identitären Sprachverhunzungsprogramms, wie sie heute oft angeklagt werden? Nein, es ist die Aufforderung, hinzuschauen, was wir wirklich tun und sagen, die Worte auf ihren tatsächlichen Inhalt und die damit verbundenen Implikationen zu prüfen. Es ist die Aufforderung, Abwertungen und Machtverhältnisse im alltäglichen Sprachgebraucht zu sehen und zu überwinden, da diese die Strukturen unserer Welt schaffen. Sprache schafft Wirklichkeit oder wie Ludwig Wittgenstein sagte:

«Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.»

Die Art und Weise, wie ich spreche, offenbart viel von meinem Weltbild. Oft agieren wir unbewusst aus diesem heraus, weil wir schon die Sprache unbewusst verwenden. Wenn wir mit einem «Ich denke, also bin ich» durch die Welt gehen, unsere Gedanken als die richtigen sehen und diese den anderen überstülpen wollen, bleiben wir in unserer eigenen kleinen Welt gefangen und sehen die Weite hinterm Horizont nicht. Es entstehen Fronten von lauter Ichs, die die Welt erklären können, nur verstehen sie sich leider gegenseitig nicht, so dass jeder in seiner eigenen Welt vereinzelt lebt.

Wir müssen hin zu einem «Wir denken, also sind wir» kommen, im Wissen, dass der gemeinsame Blick auf eine Sache diese erst wirklich sichtbar macht – nämlich von verschiedenen Seiten. Indem wir unser Denken durch eine zugewandte und respektvolle Sprache mit dem Denken anderer zusammenbringen, schaffen wir eine gemeinsame Welt, in der jeder seinen Platz findet, weil durch das gegenseitige Verständnis und die Erweiterung des eigenen Blicks ein Miteinander möglich wird. So finden wir eine gemeinsame Sprache und schaffen damit eine gemeinsame Welt. Dann ist diese Welt grösser, da die Grenzen meiner Sprache nicht mehr die Grenze meiner Welt ist, sondern sie sich ausweitet hin zu den Grenzen unserer Sprache, die eine gemeinsame Welt begründen.

Lesemonat Juli 2023

Der Juli begann im warmen, sonnigen Spanien, ging dann bald in der zuerst warmen, sonnigen, dann kühleren und verregneten Schweiz weiter. Es war ein Monat voller Emotionen, tiefer Gedanken, grosser Lebensfragen und neuer Erkenntnisse. Ich habe mich vier Wochen ziemlich zurückgezogen, habe innerlich und äusserlich aufgeräumt, mich in die Lese- und Schreibarbeit gestürzt, und es wirklich genossen, die Zeit mit mir für mich zu gestalten. Ich bin mir aber bewusst, dass ich dies in der wunderbar privilegierten Position mache, Menschen im Leben zu haben, die da sind, die einen Rahmen und ein Beziehungsgefüge geben, in dem ich aufgehoben bin. Der August steht vor der Tür und damit zieht auch der Alltag wieder ein – und auch das wird wieder schön sein.

Mein Lesemonat war sehr philosophisch-politisch, also ganz so, wie es mir gefällt. Es war teilweise sehr schwere Kost drunter, die so manche Rauchwolke aus dem Hirn aufsteigen liess, aber insgesamt war es ein bereichernder Monat. Ich habe mit Charles Taylor die Quellen des Selbst erforscht, bin dem Ursprung dieses Konstrukts nachgegangen, um nachher mit Franz Wuketits zu fragen, wie viel Moral überhaupt menschlich ist und wie diese zustande kommt. Ich habe mich mit dem Bösen beschäftigt und mit der Freiheit, habe mich des Wertes der Menschenrechte nochmals versichert, die in den Geschlechter- und epistemischen Ungerechtigkeiten sicher oft tangiert werden, habe mich mit Demokratie und der notwendigen Pluralität in dieser befasst, damit, wo und wie wir fremd sein können und andere zu Fremden machen. Und ich bin mit Julian Nida-Rümelin einig gewesen, dass all das in der Schule gelernt und gelebt werden sollte, so dass das letzte Buch eigentlich komplett hätte markiert werden können.

So kann es weitergehen.

Was waren eure Lesehighlights im Juli?

Hier die komplette Leseliste:

Charles Taylor: Die Quellen des SelbstEin Blick auf die Entwicklung der menschlichen Moral und ihren Bezug zum Selbst (-bild) des Menschen. Wie hat sich die Identität des Menschen entwickelt, worauf gründet seine Auffassung dessen, was es heisst, ein handelndes Wesen zu sein. Sehr ausführlich, sehr tief in der Philosophiegeschichte verankert, ab und zu geht der rote Faden gefühlt verloren und es bleibt am Schluss das Gefühl, was nun damit anzufangen sei. Aber: ein Grundlagenwerk, das die verschiedenen philosophischen Standpunkte kompetent zusammenführt. 4
Franz Wuketits: Wie viel Moral verträgt der MenschEine Studie zur Moral, welche nie universal und absolut ist, sondern immer konstruiert von Menschen in bestimmten Gruppen, getrieben von egoistischen Wünschen. Verabsolutierung von Moral zusammen mit Macht wird gefährlich. Viel Geplauder, viel Populismus, einige gute Gedanken, aber mehrheitlich nichts Neues. 3
Bettina Stagneth: Böses DenkenMit Kant und Hannah Arendt auf der Suche nach der Moral, sie zwischen dem radikalen Bösen und der Banalität desselben einpendeln, für eigenes Denken plädieren und Moral als Gefühl der inneren Stimmigkeit sehen, als Hoffnung auf eine bessere Welt, indem wir als aufgeklärte Menschen unseren eigenen Verstand gebrauchen und nicht blinden Gehorsam an den Tag legen. Gute Gedanken in einem Buch über ein spannendes Thema, und doch wurde ich nicht warm damit. Der Sprachstil war zu plauderhaft. 3
Gerhart Baum: FreiheitEin kluges, kleines Buch darüber, was Freiheit bedeutet und was sie von uns fordert. Freiheit ist dem Menschen als Sehnsucht eingeschrieben, wir müssen an einer Welt arbeiten, welche diese möglich macht, eine Welt, in der unsere Werte unser Handeln leiten zugunsten von mehr Gleichheit und Teilhabe, von freiem Leben für alle. Freiheit ist auch eine Verantwortung, nämlich die Missstände zu sehen und dazu beizutragen, sie zu beheben. 5
Gerhart Baum: MenschenrechteEin Blick auf die Menschenrechte, auf ihre Geschichte, auf ihre Notwendigkeit, auf ihre Probleme, und darauf, wie wir für eine bessere Zukunft für die Menschenrechte einstehen müssen. Menschenrechte sind immer Einmischung, aber diese ist notwendig, im die Menschenwürde zu bewahren – für alle. Viele Berichte aus Baums eigener Erfahrung aus seiner Arbeit für die Menschenrechte, aktuelle Analysen. Ab und zu dringt die Parteipolitik durch, aber nie dominant. 4
Scherger, Abramowski, etc.: Geschlechterungleichheiten in Arbeit, Wohlfahrtsstaat und FamilieEine Festschrift für Karin Gottschall mit diversen Aufsätzen zum Thema der Geschlechterungleichheiten. Beleuchtet werden institutionelle, arbeitsmarktstechnische und familiäre Umstände und die jeweiligen Geschlechterverhältnisse. Die Aufsätze sind qualitativ sehr unterschiedlich, von in Wissenschaftssprache verpackten Alltagsweisheiten hin zu analytisch interessanten Erkenntnissen ist alles dabei3
Wendy Brown: Wir sind jetzt alle Demokraten… (in: Demokratie? Eine Debatte)Ist Demokratie zu einer symbolbeladenen leeren Hülse verkommen, in die jeder seine Hoffnungen  stecken kann? Ein Blick auf das Kranken unserer Demokratien, dessen Gründe und die offene Frage: Ist Demokratie wirklich (noch) die richtige Staatsform? Es gilt, genau hinzusehen, was wir wollen, können und was für eine wirkliche Demokratie nötig wäre. 5
Michel Friedman: FremdEine Vergangenheitsbewältigung in Bruchstücken, formal fast lyrisch anmutend, doch es sind mehr Worte. Es sind Fetzen, die sich Zeile für Zeile zu Gefühlen und Bildern formen. Man darf es nicht einfach schnell lesen, sonst lenkt die Form zu sehr vom Inhalt ab. Man muss es langsam, am besten laut (noch besser vorlesen lassen), lesen – und fühlen. Dann berührt es. Tief in der Seele, es bewegt und macht nachdenklich. Und sprachlos.  5
Hadija Haruna-Oelker: Die Schönheit der Differenz. Miteinander anders denkenEin Buch darüber, wie eine Gesellschaft aussehen könnte, die keine Anderen mehr kennt, sondern durch mehr Offenheit, durch die Anerkennung von Menschen in ihrer Diversität, durch gegenseitige Solidarität und Unterstützung ein Verbündetsein von Menschen mit all ihren Verschiedenheiten anstrebt. Dazu bedarf es der Bereitschaft, zuzuhören, Vorurteile, auch eigene, zu entdecken und zu verlernen, um ein neues Miteinander zu lernen. 5
Eva Lohmann: Das leise Platzen unserer TräumeEin Paar, das sich auseinander gelebt hat, er geht schon lange fremd. Doch trennen können sie sich nicht. Eine alleinerziehende Mutter, die Geliebte, denkt an die Frau, deren Mann in ihrem Bett liegt, spricht mit ihr in Gedanken. Lesend gerät man immer tiefer in die Geschichte hinein, denkt mit, fühlt mit, ist gefangen, kann nicht loslassen. Ein Buch, das man nicht aus der Hand legen mag.5
Miranda Fricker: Epistemische UngerechtigkeitBei Ungerechtigkeit dürfe man nicht nur materielle Kriterien gelten lassen, sondern auch die Glaubwürdigkeit von Menschen sei ungerecht verteilt, weil soziale Vorurteile zu einer Marginalisierung bestimmter Gruppen und der Zugehörigen (Frauen, Arme, POC, etc.) führen. Nur indem wir uns dessen bewusst werden, und je einzeln und auch in Institutionen und Systemen die eigenen Vorurteile erkennen und für die Beurteilung von Zeugnissen ausschalten, können wir identitätsstiftende Machtsysteme ausschalten. Alles in allem nichts Neues in eine hochkomplexe Sprache verpackt und (zu) ausführlich mit Argumenten und Verweisen abgestützt. 3
Julian Nida-Rümelin: Demokratie in die Köpfe. Warum sich unsere Zukunft in den Schulen entscheidetWie steht es um unsere Demokratie und was müssen wir tun, um die Demokratie wieder lebendig zu gestalten. Und: Wo müssen wir damit anfangen? Demokratie ist abhängig von demokratischen Bürgern. Demokratisches Verhalten muss gelernt werden und das sollte in den Schulen beginnen – nicht als Wissensvermittlung, sondern durch direkte Erfahrung. Generell bedarf es einer dringenden Umgestaltung unserer Schulen, um diese wieder als Ort des freudigen Lernens für Schüler zu machen, an welchem diese zu demokratischen, selbstwirksamen, aktiven Demokraten werden, die das gemeinsame Leben und die gemeinsame Politik gestalten. Das Buch sollte Pflichtlektüre in Lehrerzimmern, in Schulbehörden und bei Eltern werden.     5+

Gedankensplitter: Authentisch sein

Viele kennen ihn wohl, den Satz: «Was werden bloss die anderen denken?» Dieser Satz war keine Frage, es war ein Hinweis darauf, dass etwas Ungehöriges im Gange war, und es gab eine richterliche Instanz: Die anderen, die die Stimme der Moral verkörpern. Sätze wie dieser haben die Angewohnheit, sich in einem festzusetzen. Fortan leben sie gemütlich im eigenen Sein, breiten sich aus und melden sich zu allen möglichen Gelegenheiten wieder zu Wort. Man möchte etwas tun, und zack: «Was werden bloss die anderen denken?»

Wir versuchen uns oft, anzupassen, wollen dazugehören, geben dafür Dinge auf, von denen wir denken, dass sie nicht genehm sind. Dass wir uns damit stückweise selbst aufgeben, nehmen wir in Kauf, wollen wir doch nicht Fremde sein und bleiben in dieser Welt, sondern einen Platz in ihr haben – es ist nicht nur ein Wollen, es ist ein Brauchen. Nur: Auch dann noch wird es Situationen geben, in denen wir in Konflikt geraten mit anderen Wertvorstellungen. Auch dann noch werden wir nicht allen gefallen. Nicht zu gefallen bei allem Bestreben, gefällig zu sein, ist ungleich schmerzhafter, weil man dann alles verloren hat: Sich selbst und das, was man damit erreichen wollte.

Vielleicht darf der Satz «Was werden die anderen denken?» bleiben, man darf ihm aber antworten. Zum Beispiel mit «Lass sie reden!» Wegzukommen von der Fremdbestimmung hin zu einer authentischen Lebensweise ist sehr befreiend. Das wird nie allen gefallen, nur: Wer soll der Massstab sein? Wer einen wegen seines So-Seins ablehnt, beweist damit nur die eigene Intoleranz, sagt aber nichts über einen selbst aus. Mit Humor geht das alles noch viel besser, Epiktet machte es vor:

«Wenn dir jemand mitteilt, dir sage jemand Böses nach, dann rechtfertige dich nicht, sondern antworte: Er kannte wohl meine anderen Fehler nicht; denn sonst würde er nicht nur diese hier erwähnen.»

Habt einen schönen Tag!

Gedankensplitter: Als Verschiedene Gleiche sein

«Jeder Mensch hat ein eigenes Mass, gleichsam eine eigene Stimmung aller seiner sinnlichen Gefühle zu einander.» Johann Gottfried Herder

Das Leben in diversen Gesellschaften bringt viele Probleme mit sich. Wir sehen das an den täglichen Problemen des Zusammenlebens. Es herrscht ein Gefälle von oben und unten, einige wenige Menschen haben Macht, einige fühlen sich ohnmächtig, die Mehrheit schwimmt irgendwo in diesem Spannungsfeld, wobei die Dichte hin zur Ohnmacht zunimmt, je näher man zur Macht kommt, desto weniger tummeln sich da. Das gleiche Bild zeigt sich beim Ansehen, bei Geld, bei den Möglichkeiten, das eigene Leben nach eigenen Massstäben und Fähigkeiten zu leben.

Der Mensch als soziales Wesen ist dazu genötigt, Regeln als Ordnungsstruktur und Leitplanken des eigenen Verhaltens zu haben, die das Zusammenleben ermöglichen. Doch sind wir weitergegangen, als das blosse Zusammenleben zu ermöglichen, wir haben Normen aufgestellt, die festlegen, was nicht nur in einem pragmatischen Sinne nötig ist, sondern in einem dogmatischen gefordert wird. An ihnen ist ausgerichtet, ob jemand dazugehört oder ausgestossen ist. Daran wird gemessen, ob jemand genehm ist oder unbequem. Es ist der Versuch, etwas zu homogenisieren, das von der Natur nicht homogen vorgesehen ist. Dass dies mitunter dramatische Auswüchse hat, konnten wir in der Geschichte mehrfach auf grausame Weise sehen.

Jeder Mensch ist einzigartig und in dieser Einzigartigkeit liegt seine Bestimmung, seine Schönheit und seine Würde.

«Die Würde des Menschen ist unantastbar.»

Diese menschliche Würde gilt es zu schützen, sie ist das höchste Gut, an welchem sich alles ausrichten sollte. Wir werden in diversen Gesellschaften nur friedlich zusammenleben können, wenn wir anerkennen, dass jeder Mensch in seinem Sosein seine Daseinsberechtigung hat. Wir können den anderen nicht an unseren Massstäben messen, sondern nur an seinen. Er hat ein Recht auf diese wie wir auf die unseren. Nur so sichern wir gegenseitig unsere Freiheit, unsere Autonomie, unser Sein. All das ist nicht sicher zu haben auf Kosten anderer.

Hanno Sauer: Moral. Die Erfindung von Gut und Böse

Inhalt

«Denn wer in einer Gesellschaft lebt, grenzt andere aus; wer Regeln versteht, will diese überwachen: wer Vertrauen schenkt, macht sich abhängig; wer Wohlstand erzeugt, schafft Ungleichheit und Ausbeutung; wer Frieden will, muss manchmal kämpfen.»

Unsere Gesellschaft hat sich über die Jahrhunderte hinweg verändert, neue Institutionen, Technologien, Wissensgebiete und -bestände sind entstanden und mit ihnen haben sich auch unsere Werte und Normen verändert. All diese Veränderungen haben das Verhalten der Menschen als Einzelne und als Gesellschaft verändert. Wir stehen vor der Aufgabe, mit diesen Veränderungen umzugehen und immer wieder Wege zu finden, die ein Miteinander möglich machen.

Hanno Sauer macht sich auf die Reise durch die Jahrtausende, er zeichnet die Geschichte der Gesellschaft und ihrer kulturellen und moralischen Entwicklung nach, um die aktuelle Krise zu erklären und aus dieser Erklärung heraus Hoffnung für die Zukunft abzuleiten.

Gedanken zum Buch

Moral ist immer eine konventionelle Entscheidung darüber, was zu einer Zeit an einem Ort von der entscheidenden Mehrheit als gut oder böse, als richtig oder falsch gesehen wird. Daraus ergeben sich dann die entsprechenden moralischen Normen, die für das Zusammenleben verbindlich sind. Diese Normen entstehen also nicht im luftleeren Raum, sondern sie fussen auf dem menschlichen Naturell und dessen Handlungmotivationen, auf Werten und Interessen.

«Als kooperativ wird ein Verhalten genau dann bezeichnet, wenn es das unmittelbare Selbstinteresse zugunsten eines grösseren gemeinsamen Vorteils zurückstellt.»

Menschen sind soziale Wesen, die allein und ohne Zugehörigkeit zu einer Gruppe kaum überleben können, zumal sie von Natur ziemlich verletzlich und damit auf Schutz angewiesen sind. Das Zusammenleben in einer und das Überleben einer Gruppe ist auf Kooperation angewiesen. Der Einzelne muss seine eigenen Interessen zugunsten des grossen Ganzen zurückstellen.

«Strafen halfen dabei, uns zu domestizieren, weil wir durch sie wichtige Fähigkeiten wie Selbstkontrolle, Fügsamkeit, Weitsicht und Friedfertigkeit erlernten, die ein Leben in wachsenden Gruppen möglich machten.»

Bei aller Einsicht in die Vorteile von gemeinsamen Normen und kooperativem Verhalten sind nicht immer alle bereit, sich auch daran zu halten, weil sie sich aus von diesen abweichenden Handlungen Profit versprechen. Um den Rest der Gruppe und damit auch das Zusammenleben zu schützen, hat man Sanktionen erfunden, welche das gemeinschaftsgefährdende Verhalten sanktionieren.

«Imperativ der Integration: Moderne Gesellschaften haben sich gefälligst zu bemühen, ererbte Formen sozialer Segregation und Benachteiligung durch aktive Inklusionsmassnahmen endlich zu überwinden.»

Man hört oft von der Krise der Gesellschaft und davon, dass diese gespalten sei. Rassismus, Sexismus und andere -ismen gefährden ein gerechtes Miteinander von verschiedenen und doch gleichwertigen Menschen. Unsere Anstrengung muss dahin gehen, diese Diskriminierungen und Ausgrenzungen zu überwinden. Die Hoffnung, dass das gelingen kann, besteht.

Fazit
Ein fundiertes, tiefgründiges, kompetentes und dabei doch gut lesbares Buch darüber, wie die Moral in die Gesellschaft kam, wozu sie gut ist, und wohin wir mit ihr gelangen wollen als Gesellschaft. Eine absolute Leseempfehlung für dieses grossartige Buch!

Zum Autor
Hanno Sauer, Jahrgang 1983, ist Philosoph und lehrt Ethik an der Universität Utrecht. Er ist Autor zahlreicher Fachaufsätze und mehrerer wissenschaftlicher Werke. Zahlreiche Vorträge in Europa und Nordamerika. Hanno Sauer lebt in Düsseldorf.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Piper; 2. Edition (30. März 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 400 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3492071406

Gedankensplitter: «Jeder ist jemand.»

Der Schriftsteller George Tabori sagte einst:

«Jeder ist jemand.»

In diesem Satz steckt eigentlich die ganze Menschlichkeit, die ganze Ethik, derer es für ein friedliches Zusammenleben von verschiedenen Menschen als Gleiche bedürfte. Jeder Mensch, egal, woher er kommt, was er glaubt, was er fühlt, wie er aussieht, was er will und was er braucht oder nicht kann, ist jemand. Und als dieser Jemand gehört er zu uns, ist er ein Teil dieses «Uns». Er ist zwar ein anderer, vielleicht auch ein Fremder, aber kein Ausgestossener, sondern ein Zugehöriger. 

Früher hat man diese Gemeinschaft in religiösen Gruppen, familiären Verbänden oder auch in anderen kleinen Organisationn aktiv leben können. Man hatte den öffentlichen Raum als Zusammenkunftsort, wo man als Verschiedene aufeinandertraf und die gemeinsamen Belange diskutierte. All das ist in der angestammten Form weggefallen. Geblieben sind vereinzelte Individuen, die auf dem Papier eine Gesellschaft bilden, von der sie sich mehr und mehr emanzipieren wollen – und dabei in die Haltlosigkeit und oft auch in die Einsamkeit fallen. 

Wenn wir nur schon anerkennen könnten, dass jeder jemand ist, dass er damit den Respekt verdient, den wir für uns selbst wünschen, weil auch wir jemand sind und als jemand wahrgenommen werden wollen, ist schon viel gewonnen. Den anderen wahrnehmen als jemanden, ihm zuhören, ihn sehen als dieser Jemand. Das ist ein Geschenk und wir sollten grosszügig damit umgehen. 


Ewig lockt der Buchtitel

Manchmal gibt es Buchtitel, die sind so witzig, dass die Phantasie gleich auf Reisen geht und sich etwas vorstellt. Ob das dann schlussendlich viel mit dem wirklichen Inhalt des Buches zu tun hat, ist zweitrangig (ausser wenn die Phantasie Grund für den Kauf ist und das folgende Lesen zur Ernüchterung führt). 

Ich sehe die trunkenen Philosophen vor mir, wie sie um den Stammtisch im Wirtshaus sitzen, Kant ruft «no a Mass» und Paracelsus findet, das richtige Mass müsse eingehalten werden, um das Bier nicht zum Gift zu machen. Epikur wird einwenden, dass Lust das grösste Glück sei und Kant mit verschwörerischem Augenzwinkern zuprosten.

Während die Herren es sich gut gehen lassen, macht die Daniel Klein auf die Suche nach dem Sinn des Lebens, doch er wird nicht fündig. Der gute Sinn scheint ein windiges Ding, das sich einem Fisch gleich immer wieder entwindet. 

Wenn schon der Sinn nicht zu finden ist, dann doch bitte das Ich. Kommissar Northoff sitzt in der Hotellobby und linst hinter der Zeitung hervor, in der Hoffnung, dass das zur Fahndung ausgeschriebene Ich vorbei kommt. Da er da nicht fündig wird, geht er in sich. 

Kant hat mittlerweile seinen Rausch ausgeschlafen und steht schon wieder Red und Antwort auf die Frage, wie man denn mit einem disziplinlosen Gehirn umgehen solle. Nun, ob der Trunkenbold von oben darauf eine Antwort hat? Aber: Wir wollen den Kant nicht mit dem Bier ausschütten, ist er doch ein kluger Kopf und wird durch Vernunft und Urteilskraft sicher eine Lösung finden. 

Der langen Rede kurzer Sinn: Die Bücher sind nicht ganz so wie oben beschrieben, teilweise aber doch. Gemeinsam ist ihnen, dass sie sehr lesenswert sind. Deswegen hier mehr zu den einzelnen Büchern:

Daniel Klein: Immer wenn ich den Sinn des Lebens gefunden habe, ist er schon wieder woanders
Wie lebt man ein gutes Leben, was ist ein gutes Leben überhaupt? Das hoffte Daniel Klein zu erfahren, als er sein kleines Notizbüchlein mit Zitaten grosser Philosophen anlegte. Er ergänzte die Sammlung über viele Jahre, bis das Buch irgendwann auf dem Dachstock verschwand, wo er es mit fast achtzig Jahren wieder fand, drin blätterte und beschloss, ein Buch daraus zu machen.

Die Buchbesprechung: HIER

Georg Northoff: Das disziplinlose Gehirn
Kant kam doch aus Königsberg heraus und nimmt im Berlin unserer Tage an einer Tagung von Neurowissenschaftlern teil. Begleitet wird er von einem jungen Studenten, welcher zwar angetan von Kant ist, diesen aber im Namen der Neurowissenschaft widerlegen will. Dies ist die Rahmenhandlung von Georg Northoffs Buch über die Suche nach dem Bewusstsein. Auf amüsante und gut lesbare Art stellt Northoff die heutigen Erkenntnisse der Hirnforschung dar, zeigt auf, was durch Experimente beobachtet werden kann und wo diese Experimente ihre Grenzen haben. Diese  Erkenntnisse werden quasi durch Kants Augen kritisch beäugt, indem die Begrifflichkeiten genau geprüft werden und darauf geachtet wird, dass es zu keinen falschen Zuordnungen kommt. Es soll ja alles seine Ordnung haben.

Die Buchbesprechung: HIER

George Northoff: Die Fahndung nach dem Ich
Zwei Ermittler machen sich auf die Suche nach dem Ich. Ein Hirnforscher und ein Philosoph wollen herausfinden, was es mit dem Ich, dem Selbst auf sich hat. Eine witzige Idee, gut lesbar, ein guter Einstieg in das Thema.

Wolfgang Martynkewicz: Das Café der trunkenen Philosophen
Das Buch behandelt die Leben und das Denken einiger führenden Denker damaliger Zeit, die sich zum Diskutieren ihrer Ideen oft im Café Laumer in Frankfurt trafen. Adorno, Horkheimer, Mannheim, Elias, Hannah Arendt, Hans Jonas und einige mehr werden zueinander in Beziehung gesetzt und durch die Zeit bis 1943 begleitet. Entstanden ist ein Bild der damaligen Denkgebilde, welche vor allem auch durch die Frankfurter Schule bis heute nachhallen, sowie ein Zeugnis der Zeit.

Die Buchbesprechung: HIER

Haben Buchcover und -titel Einfluss auf euer Kaufverhalten?

Judith Shklar: Liberalismus der Furcht

Inhalt

«Der Liberalismus muss sich auf die Politik beschränken und darauf, Vorschläge zur Verhinderung von Machtmissbrauch zu unterbreiten, um erwachsene Frauen und Männer von Furcht und Vorurteil zu befreien, damit sie ihr Leben ihren eigenen Überzeugungen und Neigungen gemäss führen können, solange sie andere nicht davon abhalten, dasselbe zu tun.»

Wird unter Liberalismus landläufig die Sicherung von Freiheit verstanden, zeichnet Judith Nisse Shklar ein neues Bild, indem sie als Ziel des Liberalismus die Vermeidung von Furcht definiert. Damit strebt er nicht nach dem höchsten Gut, sondern versucht das grösste Übel zu vermeiden.

Über Jahrhunderte lebten Menschen in Angst vor Gräueltaten, Machtmissbrauch, Ausbeutung und Unterwerfung. Diesem Umstand soll der Liberalismus entgegenwirken, indem er ein politisches System sein soll, dass jeden Menschen ungeachtet seiner Anlagen und Fähigkeiten als gleichwertiges Mitglied der Gesellschaft definiert und ihm ein Leben in Freiheit und frei von Furcht ermöglicht. Darüber hinaus kommt dem Staat im Liberalismus keine Aufgabe zu, er beschränkt sich auf die rein politische öffentliche Ebene.

Gedanken zum Buch

«Der Liberalismus hat nur ein einziges übergeordnetes Ziel – diejenigen Bedingungen zu sichern, die für die Ausübung persönlicher Freiheit notwendig sind.

Jeder erwachsene Mensch sollte in der Lage sein, ohne Furcht und Vorurteil so viele Entscheidungen über so viele Aspekte seines Lebens zu fällen, wie es mit der gleichen Freiheit eines jeden anderen erwachsenen Menschen vereinbar ist.»

Furcht lähmt, sie ist ein apolitisches Gefühl, das den Menschen in eine Handlungsunfähigkeit führt. So ist sich Shklar sicher, dass systematische Furcht Freiheit unmöglich macht, weswegen es dem Liberalismus darum gehen muss, diese zu beseitigen. Dabei sind alle Menschen gleich. Damit betont Shklar wie schon Hannah Arendt den Pluralismus der Gesellschaft, welchem Rechnung getragen werden muss: Eine Gesellschaft besteht aus vielen Verschiedenen, die als solche respektiert werden und am öffentlichen Geschehen teilhaben sollen.

«Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt» (Immanuel Kant)

Zentral für Shklars Gedanken des Liberalismus ist zudem, dass er die Freiheit sichern soll für jeden. Allerdings hat die jeweilige Freiheit ihre Grenzen, die sich schon bei Kant finden lassen: Sie endet da, wo sie die Freiheit des anderen beeinträchtigt.

«Wir würden viel weniger Schaden anrichten, wenn wir einander als empfindungsfähige Wesen anzuerkennen lernten, unabhängig davon, was wir sonst noch sind, und wenn wir verständen, dass körperliche Unversehrtheit und Tolerierung keineswegs weniger wert sind als all die Ziele, die wir sonst noch verfolgen.»

Wir müssen lernen, dass wir als Menschen vieles gemeinsam haben, allem voran unsere Verwundbarkeit. Als fühlende Wesen leiden wir, wenn man uns Leid zufügt. Wenn wir fürchten müssen, durch unser Sein und Tun Opfer von Unrecht zu werden, bringt uns das dazu, untätig zu werden, uns zurückziehen, unserer Aufgabe als Mensch in einer Gesellschaft, die in der (politischen) Teilhabe besteht, nicht mehr wahrzunehmen. Davor soll der Liberalismus schützen.

Fazit
Ein schmales Buch mit grossem Inhalt, eine Theorie des Liberalismus, die zu mehr Menschlichkeit durch Wahrung der Pluralität und der Leidvermeidung aufruft.

Zur Autorin und weiteren Mitwirkenden
Judith N. Shklar, 1928 in Riga geboren, lehrte Politikwissenschaften an der Harvard University und starb 1992 in Cambridge, Massachusetts. Die Relevanz ihres Werks findet erst in den letzten Jahren Anerkennung. Ihr Essay Der Liberalismus der Furcht gilt inzwischen als Klassiker der jüngeren politischen Philosophie und als Schlüsseltext der Liberalismustheorie.

Axel Honneth, 1949 in Essen geboren, ist ein deutscher Sozialphilosoph. Seit 2001 ist er Direktor des Instituts für Sozialforschung (IfS) an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Er lehrt und forscht seit 2011 als Lehrstuhlinhaber der Jack C. Weinstein Professor of the Humanities an der Columbia University in New York.

Hannes Bajohr, 1984 in Berlin geboren, ist Übersetzer und Herausgeber der Werke Judith N. Shklars. Er wohnt in New York und Berlin und gehört zum literarischen Experimentalkollektiv oxoa.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Matthes & Seitz Berlin; 3. Edition (1. August 2013)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 174 Seiten
  • Übersetzung‏ : ‎ Hannes Bajohr
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3882219791

Gedankensplitter: «Memento mori»

«Der Tod ist groß
Wir sind die Seinen
Lachenden Munds
Wenn wir uns mitten im Leben meinen
Wagt er zu weinen
Mitten in uns»
Rainer Maria Rilke

Kaum ein Thema meiden wir wohl so wie den Tod. Viele fürchten ihn, die meisten ignorieren ihn, indem sie ihn aus dem Bewusstsein streichen, manche tun alles, um ihn möglichst zu vermeiden – ganze Forschungszweige beschäftigen sich damit, ewige Jugend, Vermeidung des Alterns, Hinauszögern des Sterbens zu ermöglichen. 

«Der Gedanke an die Vergänglichkeit aller irdischen Dinge ist ein Quell unendlichen Leids – und ein Quell unendlichen Trostes.»
Marie von Ebner-Eschenbach

Was macht uns Angst am Tod? Das eigene Nicht-Sein? Das Aufhören von etwas, das für uns so zentral ist, nämlich das Sein des eigenen Selbst? Der Tod nimmt uns was. Er nimmt uns die Möglichkeit, all das noch zu erleben, was wir, sind wir erst tot, nicht mehr erleben können. Dabei ist der Tod an sich weder gut noch schlecht, da nicht nur das Freudvolle nicht mehr sein wird, sondern auch das Leidvolle. Und doch denken wir beim Tod mehrheitlich an all das, was wir noch wollten, was wegfällt. 

Irvin D. Yalom sagte in diesem Sinne, dass sich die Angst vor dem Tod aus der Fülle der ungelebten Wünsche speist. All das, was wir gerne tun wollen und in die Zukunft schieben, trägt zur Angst bei. Und wenn wir dann irgendwann auf dem Sterbebett liegen, denken wir: Hätte ich doch… ich wollte doch noch. 

«Nicht der Mensch hat am meisten gelebt, welcher die höchsten Jahre zählt, sondern derjenige, welcher sein Leben am meisten empfunden hat.»
Jean-Jacques Rousseau

Wieso nicht einfach mal tun? Wieso nicht Wünsche leben, statt sie für später zu notieren? Wieso statt einer Bucking List einen konkreten Umsetzungsplan erstellen und umsetzen? Was hält uns zurück? Sind es wirkliche Hindernisse oder nur Dinge, von denen wir glauben, sie zu müssen, die wir aber in Tat und Wahrheit auch ändern könnten – natürlich mit Einbussen, bei denen sich dann die Frage stellt: Was ist mir mehr wert?

Hast du Angst vor dem Tod? Und: Was willst du unbedingt mal noch machen und schiebst es hinaus? Und wieso?


Habbo Knoch: Im Namen der Würde. Eine deutsche Geschichte

Inhalt

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Dass sie schutzbedürftig ist, hat der Lauf der Geschichte immer wieder gezeigt, gerade in den grausamsten Kapiteln derselben. Aus denen speist sich auch der Wert der Würde und der Wunsch, sie zu sichern und zu schützen.

«Denn es lässt sich, und das soll dieses Buch zeigen, eigentlich nur sagen, was unter der Würde des Menschen zu unterschiedlichen Zeiten und Bedingungen verstanden wurde, und damit auch, ob und wie dies mit Kontinuitäten und Diskontinuitäten in Politik, Recht und Gesellschaft einherging.»

Habbo Knoch erzählt die Geschichte der Würde, ihrer Einbettung in die historischen Gegebenheiten der einzelnen Jahrhunderte. Er beleuchtet die gesellschaftlichen Verhältnisse und deren Veränderungen, welche einen Wandel des Würde-Begriffs mit sich brachten. Was ist Würde, wem steht sie weswegen zu und wie können wir sie schützen?

Gedanken zum Buch

«Kontingent ist Würde dann, wenn sie als moralische oder soziale Auszeichnung und Bewertung zugeschrieben, erworben und verloren werden kann… Anders die inhärente Würde: Sie ist eine unsichtbare Idee, ein Konzept oder eine Eigenschaft.»

Bevor wir über Würde sprechen, müssen wir erst wissen, was Würde überhaupt bedeutet. Da fängt das Problem an, da man vergeblich nach einer eindeutigen, allgemeingültigen Definition sucht. Die verschiedenen Disziplinen des Rechts, der Politik, der Soziologie, Philosophie und mehr haben sich mit ihr befasst und sind zu unterschiedlichen Schlüssen gekommen, je nachdem, woran sie den Begriff festmachten. Grundsätzlich lassen sich zwei Sichtweisen unterscheiden: Der kontingente und der inhärente Würdebegriff. Beim ersten ist die Würde eine konventionell vorgenommene, der Zeit und Kultur angepasste Grösse, beim zweiten ist sie dem Menschen qua seines Menschseins zugeschrieben. Beiden gemein ist, dass sie schutzbedürftig ist, da Machtansprüche sie in Gefahr bringen können.

«Um der Menschenwürde eine fundamentale politische und gesellschaftliche Bedeutung einzuräumen, musste sie sich die bundesrepublikanische Nachkriegsgesellschaft erst als etwas bewusst machen, das dem Menschen durch systematische Massenverbrechen an Körper und Geist genommen werden kann.»

Der Wert der Würde zeigt sich dann am besten, wenn sie in Gefahr ist oder schon mit Füssen getreten wurde. In Unrechtsregimen wurde oft mit Methoden gearbeitet, welche den Opfern ihre Menschenwürde durch entsprechende Behandlung nahmen, sie so als Personen noch vor dem wirklichen Tod sterben liessen.

«[Im Prinzip der wechselseitigen Anerkennung] spiegelt sich der wachsende Bedarf einer hochgradig diversen Gesellschaft wider, für deren konfliktintensive Verflechtungen gemeinschaftsorientierte Praktiken entworfen werden, um individuelle Spielräume im Zeichen von Respekt und Toleranz auszuhandeln. Die Menschenwürde dient hierbei als eine diskursive Schutznorm, um die Verletzlichkeit des anderen jederzeit bewusst zu machen und die Grenzen der eigenen Selbstentfaltung wie von anderen Machtinstanzen aufzuzeigen.»

Gesellschaften, die nach Gleichheit streben, die sich als gerechte Verbände von Menschen verstehen, die jedem Einzelnen seine Rechte zugesteht, basieren auf dem Konzept der gegenseitigen Anerkennung. Diese ist umso wichtiger, je grösser die Diversität in der entsprechenden Gesellschaft ist. Diese auszuhalten bedarf des gegenseitigen Einfühlungsvermögens, der Bereitschaft, den anderen so zu nehmen, wie er ist, im Wissen, dass sein Wert und seine Würde gleich der eigenen ist. Diese Bereitschaft ist ungleich grösser, wenn man erlebt hat, was es heisst, wenn diese fehlt und die menschliche Grausamkeit sich in ihrer ganzen Schwärze zeigt.

Habbo Knoch reist durch die Jahrhunderte, zeichnet die gesellschaftlichen, politischen und rechtlichen Veränderungen nach und zeigt, wie diese auf den Begriff der Würde wirkten aufgrund eines sich verändernden Menschen- und Gesellschaftsbilds. Er tut dies auf eine gut lesbare, kompetente, umfassende Weise, so dass man ihm gerne durch die Jahrhunderte folgt, um dem Konzept der Menschenwürde auf die Spur zu kommen. Ob sie allerdings nach der Lektüre wirklich fassbarer ist als vorher, ist fraglich, aber man hat doch so weit hinter die Kulissen gesehen, um sich ein Bild zu machen und selbst weiterzudenken.

Fazit
Ein fundiertes, kompetentes, umfassendes Buch zum Begriff der Würde, wie er in verschiedenen Zeiten entwickelt und verstanden wurde. Ein mehr zeithistorischer als ideengeschichtlicher Ansatz.

Zum Autor
Habbo Knoch, geboren 1969, studierte Geschichte, Philosophie, Politikwissenschaft und Soziologie in Göttingen, Bielefeld, Jerusalem und Oxford und war ab 2008 Geschäftsführer der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten. Seit 2014 lehrt er Neuere und Neueste Geschichte an der Universität zu Köln. Er interessiert sich besonders für deutsche und europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts und für Fragen der kollektiven Erinnerung.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG; 1. Edition (15. Mai 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 480 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3446274167

Grenzen einreissen

«In den Zwischenräumen finden die interessantesten Gespräche statt.» James Bridle

So lange wir in Gegensätzen denken, wird es nie ein Miteinander geben. So lange wir Fronten bauen, gibt es keine Beziehungen. So lange jeder denkt, seine Meinung sei dir richtige, seine Sicht entspräche der einzig möglichen Wahrheit, werden wir nie ein umfassendes Bild erhalten, denn dazu bedürfte es einer Öffnung hin zum anderen. 

Wir müssen die Demut wiederentdecken, mit der wir sehen, dass wir alle verwundbare Wesen sind, welche weit davon entfernt sind, über allem zu stehen. Wir müssen aufhören, die Macht an uns reissen zu wollen, auch die Deutungsmacht ist kein Privatbesitz. Im Wissen, dass wir alle Organismen in einem grösseren Organismus sind, die alle miteinander in Beziehung stehen und dabei jeder den anderen auch stückweise in sich trägt, weil die Grenzen diffus sind, zeigt sich, dass unsere krampfhafte Suche nach Abgrenzung und Ausstossung zu nichts Gutem führen kann, weil sie uns von der Welt, zu der wir gehören und ohne die wir selbst nicht leben können, trennt. 

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Vom Verfasser des Zitats oben, James Bridle, ist ein spannendes Buch erschienen, das ich nur empfehlen kann:

James Bridle: Die unfassbare Vielfalt des Seins.
James Bridle löst darin die Grenzen zwischen Natur und Technik auf und zeigt auf, wie wir alles zusammen denken können und müssen.


Bruno Heidlberger: Mit Hannah Arendt Freiheit neu denken

Inhalt

«Es geht mir um eine konstruktive Neubewertung einer der einflussreichsten Denkerinnen des 20. Jahrhunderts und um die Sichtbarmachung der ungebrochenen Aktualität ihrer Themen.»

Was hat uns Hannah Arendt heute noch zu sagen? Wie aktuell sind ihre politischen Theorien, gerade auch im Hinblick auf die Kriegssituation zwischen Russland und der Ukraine?

Bruno Heidlberger liefert eine fundierte Darlegung der Hintergründe der Kriegssituation sowie deren Entstehung, und beleuchtet anhand dieses Beispiels Hannah Arendts Theorien zum Totalitarismus sowie der Freiheit, welche Ziel des gemeinschaftlichen politischen Handelns in einer Demokratie sein soll.

Gedanken zum Buch

«Eine Welt, die Platz für Öffentlichkeit haben soll.»

Politik nach Arendt bedeutet die gemeinsame Gestaltung der Welt, welche nur möglich ist durch Beziehungen und Begegnungen. Damit sich Menschen in ihrer Vielfalt begegnen können, bedarf es öffentlicher Plätze, in denen das gemeinsame Handeln, das politsche Handeln seinen Anfang hat.

«Während für Kant der Wille und der Gebrauch der Vernunft vonnöten sind, um Böses zu verhindern, das Böse eine Option der menschlichen Freiheit ist, betont Arendt die Notwendigkeit des autonomen Denkens, des ‘Denkens ohne Geländert’.»

Sich auf die Vernunft zu berufen ist mitunter eine gute Ausrede, nicht selbst denken zu müssen, sondern sich der gängigen Meinung als aktuell verbindliche Vernunft anzuschliessen. Die Sicht, was vernünftig, gut und richtig ist, wandelt aber mit Zeit und Ort, je nach Kulturkreis und Epoche gelten andere moralische Massstäbe, denen es zu folgen gilt. Erst das eigene Denken, das Denken ohne vorgeschriebene Geländer, bringt den Einzelnen dazu, sich und sein Handeln zu hinterfragen und dafür auch Verantwortung zu übernehmen. Dies ist die wirkliche Freiheit, derer es bedarf, will man dem Guten Vorschub leisten und das Böse nicht selbst befeuern.

«Freiheit als Handeln bleibt für Arendt immer ein riskantes Ereignis, das allein auf der Anerkennung der Pluralität und dem Versprechen und Verzeihen beruht.»

Menschen sind unterschiedlich, aus dieser Pluralität setzt sich die Gesellschaft zusammen, die als Gemeinschaft aufgefasst werden sollte, will man zusammenleben. Dies gelingt nur, wenn diese Pluralität, jeder in seinem Sein, akzeptiert ist und das gegenseitige Versprechen im Raum steht, seinen Teil dazu beizutragen, diese Gemeinschaft zu schützen und zu stützen.

«Freiheit ist jedoch keine Willkür, sondern vielmehr eine kollektive Verantwortung, die wir alle für die Dinge tragen, die in unserem Namen geschehen.»

Dazu ist es wichtig, sich nicht nur als einzelnes Individuum zu sehen, sondern als Kollektiv, als Zusammenschluss verschiedener Einzelner, die gemeinsam entscheiden in demokratischer Absicht, um dann die Verantwortung dafür zu übernehmen, was durch dieses und in diesem Kollektiv geschieht.

«Die dunkelste Zeit ist für Hannah Arendt die des Totalitarismus. In ihm ist der Raum für politisches Handeln zerstört.»

Das ist in totalitären Systemen nicht mehr möglich, weil es da um die Gleichschaltung der Einzelnen geht, bei welcher eigenes Denken und Vielfalt nicht mehr gefragt, sondern im Gegenteil verurteilt, ausgegrenzt und oft mit harten Mitteln bestraft wird.

Fazit
Ein fundiertes und aufschlussreiches Buch über die aktuelle Situation zwischen Russland und der Ukraine (wie auch die Vorgeschichte des Krieges) sowie die Anwendbarkeit von Hannah Arendts Gedanken zu einer funktionierenden Politik verstanden als gemeinsames Handeln zwischen Verschiedenen und doch Gleichen als Kollektiv zur Schaffung einer gemeinsamen Welt.

Angaben zum Autor
Bruno Heidlberger (Dr. phil.), geb. 1951, ist Studienrat für Politik und Philosophie. Er ist Lehrbeauftragter an der Humboldt-Universität zu Berlin, an der Medizinischen Hochschule Brandenburg und an der Freien Universität Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte sind Politische Philosophie, Philosophie der Aufklärung, Kulturphilosophie, kritischer Rationalismus, Wissenschaftstheorie und kritische Theorie der Gesellschaft.

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ transcript; 1. Edition (28. März 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 282 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3837666588

Klimakrise: Heiligt der Zweck die Mittel oder schaden diese eher der Sache?

Es ist fünf vor Zwölf. Heisst es. Klimakrise. Heisst es. Wir machen unsere Welt kaputt. Wir, das sind die Alten, die, welche schon da waren und den Schlamassel angerichtet haben. Angeklagt werden wir von der jungen Generation. Zu Recht. Sie gehen dafür nicht auf die Strasse, sie kleben sich drauf. Sie zerstechen Pneus, zünden Autos an, bewerfen Bilder mit Kartoffelstock. Und sie kriegen Aufmerksamkeit. Die Medien werden nicht müde, davon zu reden. Die problembewussten Bürger loben das politische Engagement, die Gegner fluchen und verstehen nicht, wie man diese Aktionen gutheissen kann.

«Immerhin kriegen sie Aufmerksamkeit.»

Das ist das Argument, dass dann oft ins Feld geführt wird. Das Engagement mit medienwirksamen Aktionen fällt auf. Und auffallen will man, schliesslich will man die Welt retten.

Die Welt ist in der Tat in einem desolaten Zustand. Wir haben sie benutzt, wir haben sie ausgebeutet, wir lebten, als gäbe es kein Morgen. Weil wir so weit nicht dachten. Und wenn wir daran dachten, hiess es, es sei fünf vor zwölf, wir waren alle entsetzt und machten weiter wie bisher – oder noch schlimmer: Seit über dreissig Jahren ist es nun fünf vor zwölf. Man solle weniger verbrauchen, weniger fliegen, weniger auf Wasser und Strassen verkehren. Die Flieger wurden grösser und mehr, die Schiffe ebenso, die Autoproduktion machte Kosmetik – teilweise mit energiesparenderen Modellen, teilweise nur auf dem Papier.

Haben sie also recht, unsere jungen Klimakleber, wie man sie gerne etwas abschätzig nennt? Ich würde mit einem bestimmten «Jein» antworten. Wir haben es zu weit getrieben, unser Leben in der westlichen Welt kostet zu viele zu viel: Menschen in anderen Ländern, Tiere, die Natur. Aber: Sind das wirklich die Massnahmen, die helfen? Einerseits ist es gut und wertvoll, wenn Demokratie gelebt wird, was immer auch Widerspruch bedeutet. Nur stellt sich die Frage der Mittel. Wären Mittel, die auf positive Weise auf die Missstände hinweisen, nicht sachdienlicher, weil sie weniger Opposition wegen plakativer Aktionen, die man mit wirklich sachlichen Mitteln verurteilen könnte, hervorrufen würden? Zum Beispiel ein Aufruf zum «Tag des Müllsammelns» – diese Massen anschaulich demonstriert wären auch eindrücklich. Dies nur ein Beispiel. Man hätte mit so einer Aktion gleichzeitig auch etwas Gutes getan.

Solche Vorschläge treffen meist auf das Argument, dass damit wenig Aufmerksamkeit generiert würde, sicher weniger als die aktuellen Aktionen. Das mag stimmen. Nur: Was genau bewirken die aktuellen Aktionen? Sie halten Medien, Polizei, Justiz und eventuell Politik in Trab, welche darüber berichten, für Ordnung sorgen, Sanktionen überlegen und Massnahmen gegen die Akteure diskutieren. Die Welt pfeift derweil weiter aus dem letzten Loch. Berechnet man, was all die Aufräumarbeiten und Reparaturen der beschädigten Dinge kosten (an Geld und Ressourcen jeglicher Art), sieht die Bilanz düster aus.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der Aufmerksamkeit als hohes Gut gewertet wird. Likes, Sternchen, Herzchen – je mehr du hast, desto besser bist du. Und dann giltst du was und machst es quasi richtig. Was in den sozialen Medien stimmen mag, verliert leider in einem gelebten, demokratischen Leben, in welchem es darum geht, miteinander in Frieden in einer Welt, die dieses Leben trägt, auszukommen. Da geht es um die Sache. Um Handlung.

Ein kleines Beispiel, wie Klimarettung konkret im Kleinen aussehen könnte:

Sebastião Salgado, ein berühmter Fotograf, wuchs auf einem fruchtbaren Bauernhof auf. Er zog in die Welt, die Eltern wurden alt, der Hof war verlassen, die Erde trocknete aus. Es hörte auf, zu regnen, es war eine unfruchtbare Öde. Salgado zog wieder hin, fing an, Bäume zu pflanzen. Von Hand. Mit seiner Frau, dann mit Helfern. Immer mehr Bäume. Es fing wieder an zu regnen. Das Klima änderte sich. Nachzuschauen ist das im wunderbaren Film «Das Salz dieser Erde».

Wir können nicht alle Bäume pflanzen. Aber wir können etwas bewirken. Auch mit guten und legitimen Mitteln. Diese würden auf mehr Zustimmung auch für die Sache stossen und sicher den einen oder anderen mitbewegen, selbst etwas zu tun. Wir können allein nie die Welt retten. Aber wir können einen Anfang machen. Im Guten. Für die Sache und nicht für blosse Aufmerksamkeit.

Claire Marin: An seinem Platz sein. Wie wir unser Leben und unseren Körper bewohnen

Inhalt

«Bei der Suche nach dem richtigen Platz geht es um die Frage nach unserer Einzigartigkeit, aber auch darum, wie wir uns in eine Gesellschaft, eine Familie oder Gruppe einfügen, der wir angehören oder gern angehören würden.»

Wer bin ich und wo gehöre ich hin? Diese Frage stellt sich dem Individuum und sie lässt sich nicht so leicht beantworten. Es ist eine Frage nach dem Ort und der Zugehörigkeit im Leben und im Sein, es ist die Frage, welches der Platz ist, den man in diesem Leben, in dieser Gesellschaft innehat. Was prägt den Platz und wie prägt er den Einzelnen? Was passiert, wenn der Platz nicht mehr verfügbar ist und was, wenn er uns in eine Rolle zwängt, die uns nicht entspricht? Diesen und weiteren Fragen nach dem Platz des Einzelnen in der Welt, in der Gesellschaft, in der Familie und im eigenen Sein geht Claire Marin in diesem Buch nach.

Gedanken zum Buch

«Man stellt sich seinen Platz wie eine sichere Bank vor, und er entspricht ja zweifelsohne einem gewissen Bedürfnis nach Ordnung, nach genauer Bestimmung und Abgrenzung.»

Wir werden an einen Ort geboren, wachsen in einem Milieu auf und nehmen die da herrschenden Strukturen. Innerhalb dieser äusseren Welt leben wir in Familien mit eigenen Gepflogenheiten, die in Räumen stattfinden, die wir als Zuhause empfinden.

«Unsere Zugehörigkeit zu einem Ort, einem Milieu, prägt und schreibt sich bekanntlich körperlich wie emotional in uns ein. Sie strukturiert auch grundlegend unsere affektiven Schemata.»

All das prägt uns in unserem Sein und Werden. Wir haben es nicht ausgesucht, doch wir werden es kaum mehr los. Selbst wenn wir einen bewussten Bruch provozieren, wenn wir das Umfeld, gar die Klasse wechseln, hängen die Anteile der Herkunft in uns fest (Pierre Bourdieu stützte darauf seine Theorie des Habitus ab), sie wirken in uns weiter und suchen oft unbewusst ihren Weg durch die Oberfläche in neue Umgebungen hinein, wo sie nicht mehr passen. Misstöne kommen auf, das Gefühl, zwischen den Welten zu sitzen, nirgends dazuzugehören, macht sich breit.

«Manchmal haben wir das Gefühl, dass wir in unserem Alltag wie in einer Falle festsitzen, aus der wir nicht mehr herauskommen, ohne einen Teil von uns zu opfern, ohne Schaden und Verlust in Kauf zu nehmen.»

Manchmal flüchten wir auch in neue Welten, die sich nach und nach als nicht passend erweisen. Und doch haben wir uns in ihnen eingerichtet, die darin uns entsprechenden Rollen übernommen, die fortan unser Leben ausmachen. Was, wenn das Leiden am Unpassenden überhandnimmt? Was, wenn die Sehnsucht nach der Herkunft grösser wird, bis sie kaum ertragbar scheint? Was ist der Preis dafür, erneut auszubrechen, zurückzugehen? Und gibt es ein Zurück überhaupt? Günther Anders schrieb in seinen Tagebüchern, es gäbe keine Rückkehr, denn dies sei nur eine erneute Erfahrung des Verlustes, weil das, was verlassen wurde, nicht mehr existiert – wie auch der Zurückkehrende nicht mehr der ist, der ging.

«Er [der Emigrant] ist jeglicher Orientierung und Verankerung beraubt. Er befindet sich ausserhalb von Boden, Sprache, Zeit.»

Nicht immer ist das Gehen freiwillig, manchmal werden Menschen aus dem, was sie Heimat nannten, vertrieben. Man nimmt ihnen damit nicht nur die vertraute Umgebung, man nimmt ihnen auch alles, was den Boden ihrer Identität ausmacht. Was erschwerend dazukommt, ist, dass mit der Vergangenheit und der Gegenwart auch die Zukunft gestohlen wird, die man sich in dieser Heimat erhofft hatte. Man steht vor der Leere des Seins ohne Grund und Boden, ohne Rückhalt und Zugehörigkeit.

Claire Marin schafft es, in immer wieder neuen Denkräumen den Platz des Menschen in der Welt zu umkreisen, zu entdecken, zu verorten und wieder zu öffnen, um neue denkbare Plätze zu entdecken. Sie beleuchtet dabei all die verschiedenen Facetten, die das Konstrukt «Platz» ausmachen, nimmt die soziale, lokale und zeitliche Dimension ins Visier und leuchtet sie aus.

Fazit
Ein grossartiges Buch, das dazu anregt, das eigene Sein in Raum und Zeit zu bedenken und weiterzudenken.

Zur Autorin
Claire Marin, geb. 1974, lehrt Philosophie in Frankreich und feiert seit einigen Jahren mit ihren philosophischen Essays große Erfolge. Ihre Bücher »Hors de moi« (2008) und »Rupture(s)« (2019) wurden mehrfach ausgezeichnet.

Übersetzung: Ute Kruse-Ebeling

Angaben zum Buch

  • Herausgeber ‏ : ‎ Reclam, Philipp, jun. GmbH, Verlag; Deutsche Erstausgabe Edition (19. Mai 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Broschiert ‏ : ‎ 197 Seiten
  • Übersetzung‏ : ‎ Ute Kruse-Ebeling
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3150114384