Philosophisches: Vom Anfangen

„Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen,“ Heraklit

Ich tauche ein in die alten Weisheiten des Taos. Es ist nicht das erste Mal und doch ist es neu. Weil ich nicht die bin, die ich war, als ich es beim letzten Mal las. Wie viel ist seit da passiert. Wie viel Neues habe ich erlebt, gelernt, gesehen. All das nehme ich mit auf meine Reise in die Philosophie des Taos, es wirkt mit beim Aufnehmen der Gedanken. 

Das ist es wohl auch, was Rilke meint mit seinen wachsenden Ringen. Alles wird immer grösser, weil wir selbst wachsen durch all das, was wir tun und erleben. Ich mag Rilkes Bild, das Gedicht ist eines meiner liebsten, wenn nicht das liebste. 

„Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, 
die sich über die Dinge ziehen. 
Ich werde den letzten wohl nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.“

Ich mag auch den Gedanken des Weitergehens. NIe aufhören. Selbst wenn etwas gross scheint, zu gross. Es versuchen. Den Mut haben. Im Tao heisst es dazu:

„Das ist der Moment, einzusteigen,
alle günstigen Zeichen sind vorhanden.“

Dann mal los. Ich wünsche euch einen schönen Tag!

Bücherwelten: Psychothriller

Heute stöberte ich in meinem Krimi- und Thrillerregal und suchte nach Psychothrillern. Dabei fragte ich mich plötzlich, ob das nicht eigentlich ein Pleonasmus ist. Ich meine: Welcher normale Mensch käme auf die Idee, auf grausame und meist blutige Weise Menschen zu töten, oft in Serie? Und nicht selten wird dem Ganzen ein Psychospiel vom Feinsten zur Seite gestellt, das den Leser gleich mit verwirrt.

Vermutlich liegt aber gerade da ein Teil des Reizes dieses Genres: Zu erleben, wie vordergründig normale Menschen plötzlich als Bestie enttarnt werden. Der nette Schwiegersohn von nebenan, der freundliche Postbote, der nach aussen hin charmante Ehemann – und plötzlich ist alles anders. Kann jeder zu einer Bestie werden? Tragen wir dieses Böse wirklich in uns, wie Hobbes antönte, als er den Menschen als von Grund auf Böse hinstellte und daraus die Berechtigung eines (Rechts-)Staates ableitete?

Was mir wieder einmal auffällt, ist: In keinem anderen Genre stecken so viele philosophische und psychologische Fragen wie bei den Krimis und Thrillern. Die menschliche Natur auf dem Seziertisch. Und das alles auf eine so wunderbar packende Weise übermittelt – hätten Kant und Konsorten mal so geschrieben, das hätte den Zugang zu ihren wunderbaren Gedanken für viele erleichtert.

Ich glaube, ich bin abgeschweift. Nun denn – im Bild drei Psychothriller mit Prädikat «Absolute Leseempfehlung»:

  • Max Bentow: Der Federmann
  • Arno Strobel: Der Trip
  • Sebastian Fitzek: Mimik

    Habt ein schönes Wochenende! 💕

Gedankensplitter: Liebe zur Literatur

«Wer Bücher liest, schaut in die Welt und nicht nur bis zum Zaune.» Johann Wolfgang von Goethe

Wenn ich mir die aktuellen Neuerscheinungen im Bereich Philosophie und Soziologie anschaue, frage ich mich manchmal: Welchen Lebensbezug hat all das noch? Wie oft betreffen die gestellten Fragen wirklich den Menschen in seinem Sein, in seinem Alltag, den jeder zu bestreiten hat? Sogar lebensrelevante Fragen der Politik und des Zusammenlebens werden auf eine Weise thematisiert, dass ihnen jeglicher konkrete Lebensbezug genommen ist. Verfasser der Bücher sind mehrheitlich sehr intelligente, oft namhafte Grössen des Universitätsbetriebs oder aber der frei forschenden Intelligenzia. Manchmal scheint es, als ob sie sich gegenseitig die Bälle zuspielten, wie ich dereinst auf dem Pausenplatz am Pingpongtisch.

Ich habe mich lange in diesem hochgeistigen Umfeld bewegt. Und ja ich tat es gerne, ich ging darin auf, weil es etwas war, das ich konnte. Es lag mir, mich in Gebiete zu vertiefen, sie zu erfassen und sie auf konzise Weise wieder von mir zu geben. Das gab mir eine Rechtfertigung für mein Tun, das ich mir hart erkämpft hatte als Klassenaufsteigerin, die ich war, geschlagen noch mit diversen Eigenheiten, die nicht mehrheitskompatibel waren. Es war ein Feld, in dem ich mich behaupten konnte. Ich hatte das dringend nötig, da ich ausser meinem Geist nicht viel hatte, auf das ich vertraute im Leben, vor allem nicht in Bezug auf mich und meinen Stand in diesem.

Nietzsche sagte einst, dass alle Philosophie obsolet sei, wenn sie nicht zum Leben tauge. Ob seine eigene diesem Anspruch genügte, mag ich bezweifeln, doch abgesehen davon stimme ich ihm zu. Schaut man in die Welt, sieht man da Probleme, die in neuen philosophischen Büchern und den meisten geführten Diskussionen kein Thema mehr zu sein scheinen. Die behandelten Themen in der Politik und in den Universitäten haben mit denen des wirklichen Lebens wenig gemein. Die ehemals linken Kreise, die sich um Armut sowie Ausnutzung und Diskriminierung von Unterprivilegierten bemühten, haben sich auf Nischen verlegt, mit denen sich die Mehrheit der Not leidenden Menschen nicht mehr identifizieren können, die rechten Parteien sahnen ab, weil sie vordergründig lebenspraktische Anliegen behandeln. Wir mögen am Schluss vielleicht eine Sprache definiert haben, die keiner mehr sprechen kann, und für alle Befindlichkeiten entsprechende Toiletten gebaut haben. Daneben darben alte Menschen in Armut, alleinerziehende Mütter wissen nicht, wie sie ihre Kinder ernähren sollen, und einst hart erkämpfte Rechte (straffreier Schwangerschaftsabbruch z. B.), werden nach und nach wieder eliminiert. Ich bin mir der Plakativität dieser Aussagen bewusst, doch sie ist ebenso gewählt.

Die Philosophie hätte so viel zu sagen. Es ist eine Disziplin, die den Überblick hat, und das in einer Zeit, in der man alles in immer noch kleinere Einheiten fasst und die Interdisziplinarität ignoriert, obwohl die wirklich grossen Denker, die wir noch heute kennen, immer das grosse Ganze betrachtet haben und sich ihr Erfolg gerade daraus speiste. Es scheint fast, als hätte Hannah Arendt recht gehabt, als sie sinngemäss sagte, dass da, wo die Philosophie endet, die Literatur einsetzt, weil vieles nicht in abstrakten Begriffen zu erfassen sei, sondern in Geschichten erfahrbar werde.

Die gelehrten Philosophen, die in ihrem Elfenbeinturm sitzen und sich an ihren geistigen Höhenflügen ergötzen, rümpfen oft die Nase über die, welche Geschichten erzählen. Das erscheint ihnen als eine minderwertige Form des Ausdrucks und die Geschichten werden oft als Befindlichkeiten abgetan. Diese Geringschätzung von Autor und Form war auch der Grund, wieso einst Peter Bieri unter Pseudonym zum Romancier wurde. Er hatte recht daran getan, denn als es aufflog, sank er in der Achtung seiner Fachkollegen merklich. Er hat es zum Glück gut verkraftet und seinen Lesern (und seinen Studenten) viel geschenkt).

Wenn man bedenkt, dass der Mensch seit Urgedenken Geschichten erzählt, dass das Erzählen von Geschichten gar oft als den Menschen ausmachende Seinsweise definiert wird, verwundert diese Geringschätzung auf den ersten Blick. Auf den zweiten könnte man sie so deuten, dass man sich durch den abstrakt elaborierten Code über das Allgemeinmenschliche erheben und zum Übermenschen werden möchte. Und ja, wer träumt nicht vom kleinen bisschen Ruhm, vom erhabenen Moment als Pfau im Hühnerstall. Aber vielleicht ist es auch ganz anders:

Beim Schreiben über all das, fällt mir auf, wie sehr sich meine Sprache der Materie anpasst. Die vielen wissenschaftlichen Artikel und Beiträge haben sich in mein Schreiben eingebrannt. Während meine literarische Sprache einen eigenen Stil hat, der komplett anders ist, verfalle ich ohne es zu wollen oder bewusst zu wählen beim Schreiben eines sachlichen Themas in den Duktus der Fachsprache. Eine spannende Selbst-Beobachtung, die eine weitere Möglichkeit der Erklärung mit sich bringt.

Ich trug immer beide Lieben in mir: die zur Literatur und die zur Philosophie. Angefangen hat alles mit Literatur, danach schwang mal die eine, mal die andere oben auf. Missen würde ich keine wollen, doch merke ich, dass das Pendel mit zunehmendem Alter wieder dahin zurückschlägt, wo ich herkam: zur Literatur. Ich bin sehr dankbar für die Philosophie im Rücken, als Unterbau, als Denkschule, als Zettelkasten, auf welchen ich immer wieder zurückgreifen kann beim Lesen und Schreiben. Aber: Die Philosophie, wie ich sie heute erlebe, in all ihrer Abgehobenheit, ihrem Anspruch, ihrer Geziertheit, sie holt mich nicht mehr ab, sie spricht nicht mehr zu mir. Es ist und bleibt immer das gleiche, was mich umtreibt: Der Mensch in seinem Lebensumfeld, sein Sein und Mit-Sein. Ich suche es in den Büchern, ich finde es in der Literatur. Und ja, in ihr steckt alles drin: Philosophie, Kultur, Zeitgeschichte, Lebensrealität. Man muss sie nur finden. Und das kann jeder für sich selbst tun. Für mich ist das ein Stück Freiheit.

Bücher meines Lebens – zum Weltbuchtag

«Denn ich ohne Bücher bin nicht ich.» Christa Wolf

Heute ist Welttag des Buches, damit irgendwie auch mein Tag, denn es geht mir wie Christa. Diese Liebe zu Büchern, die nun schon so viele Jahrzehnte anhält, ist die Konstante in meinem Leben. Bücher haben immer einen Halt gegeben, ein Zuhause war immer erst eines, wenn meine Bücher da waren. Bücher sind für mich Türen zu Welten. 

Jagoda Marinic hat die wunderbare Sendung «Bücher meines Lebens» auf Arte. Ich nehme das Konzept als Vorbild und präsentiere hier die Bücher meines Lebens, wohl wissend, dass dies eigentlich ein Unterfangen ist, das nie endgültig und abschliessend ist, da einige vielleicht wechseln, andere fehlen, weil es zu viele würden. Und doch ist die Auswahl hier durchaus richtig und wichtig. Die Reihenfolge ist dem Moment geschuldet, wie sie in mein Leben traten:

– Thomas Mann: Doktor Faustus – ich habe im Rahmen meiner Masterarbeit 9 Monate mit Thomas Mann gelebt, seine Musik gehört, alle Bücher gelesen, Biografien, Filme, alles von und über ihn aufgesogen
– Rainer Maria Rilke: Gesammelte Gedichte – ich habe das Buch geschenkt bekommen und wirklich jedes einzelne Gedicht gelesen und für mich durchdacht und «analysiert»
– Hannah Arendt: Denktagebuch – diese Frau und ihr Denken haben mich immer fasziniert. 
– Simone de Beauvoir: Das andere Geschlecht – ein Klassiker einer Frau, die mich tief in ihren Bann gezogen hat
– Didier Eribon: Rückkehr nach Reims – dieses Buch war für mich der Augenöffner schlechthin, ich erfasste, wie meine eigene Reise weitergehen soll

Welches sind eure Lebensbücher?

Habt einen schönen Tag!

Inspirationen für die Woche – KW 16

Beim Gang durch die Welt schnappe ich immer wieder Dinge auf, die mich inspirieren, die mich bewegen, die mich begeistern. Diese möchte ich mit uns teilen. Vielleicht findet ihr etwas für euch dabei.

Folgende Bücher kann ich ans Herz legen, sie haben mich begeistert beim Lesen:

Michael Schmidt-Salomon: Die Evolution des Denkens

«Tatsächlich hat ‘das Genie’ mit der realen Person, die im Zentrum des Verehrungskults steht, oft wenig gemein… Hinter dem Kult verbirgt sich jedoch ein tiefes menschliches Bedürfnis: Wir brauchen Vorbilder, um uns in unserem Leben zu orientieren. Sie sind Teil unserer Identität, sagen uns, wer wir sind oder sein könnten.»

10 grosse Denker, ihr Leben und Schaffen im Blick, um daraus Lehren für die Gegenwart und Zukunft zu ziehen. Michael Schmidt-Salomon zeigt, dass all die klugen Geister ihr mutiges und neugieriges Denken und Forschen, ihre Unabhängigkeit, ihr Sinn für Vernetzung und ihr offener Blick sowie der Umstand, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, zu den Denkriesen machte, als die wir sie heute sehen. Was können sie uns also zeigen, was uns für unsere Zeit nützt? Ein sehr informatives, kurzweiliges, packendes Buch.

(Michael Schmidt-Salomon: Die Evolution des Denkens: Das moderne Weltbild – und wem wir es verdanken, Piper Verlag 2024)

Sarah Bakewell: Wie man Mensch wird

«Ich bin ein Mensch, und nichts Menschliches erachte ich als mir fremd.» Publius Terentius Afer

Sarah Bakewell rollt die Geschichte des Humanismus von Anfang an auf. Was heisst es, humanistisch zu denken und zu handeln? Worauf gründen Entscheidungen, was macht den Menschen aus? Ausgehend von der Idee, dass der Mensch im Kern gut sei, bildete sich vor über 700 Jahren eine Lebenshaltung aus, deren Ziel es ist, den Menschen im wahrsten Sinne des Wortes zum Menschen zu machen, der er ist: ein freies, glückliches, im Hier und Jetzt lebendes Wesen, dem das friedliche Miteinander am Herzen liegt, weswegen er auf Mitgefühl und Verantwortung setzt statt auf Gebote und Gesetze. Bakewell erzählt aus dem Leben verschiedener Literaten, Künstler, Denker und zeigt ihre Lebens- und Denkwege auf. Für mich etwas viel Geschichte und zu wenig Denken, was aber subjektiven Vorlieben geschuldet ist.

(Sarah Bakewell: Wie man Mensch wird: Auf den Spuren der Humanisten, C. H. Beck Verlag 2023)

Arthur Schnitzler: Die Traumnovelle

«So gewiss, als ich ahne, dass die Wirklichkeit einer Nacht, dass nicht einmal die eines ganzen Menschenlebens zugleich auch seine innerste Wahrheit bedeutet.»

«Und kein Traum», seufzte er leise, «ist völlig Traum.»

Die Geschichte von Fridolin und Albertine, einem jungen Ehepaar mit einer kleinen Tochter, verbunden in einer innigen Beziehung, die Risse bekommt, als sie beschliessen, sich alles zu sagen. Die jeweiligen erotischen und Fantasien und Hoffnungen verwirren nicht nur jeden für sich, sondern führen auch zu emotionalen Abgründen miteinander. Was für eine Sprache, was für eine Welt, in die man da hineingerät: In die Tiefen des menschlichen Fühlens und Wünschen. Wo liegt die Wahrheit? Was ist wirklich gewollt, gelebt, was nur geträumt?

(Arthur Schnitzler: Traumnovelle – in verschiedenen Ausgaben, unter anderem SZ Bibliothek 2004)

Folgenden Podcast habe ich gehört:

Freiheit Deluxe mit Jagoda Marinić und Ilker Çatak

Hier geht’s zum Podcast

«Freiheit kommt mit Bewusstsein.» David Foster-Wallace (abgekürzt)

Ein Gespräch über Freiheit, über Ausgrenzung, darüber, ignoriert und ausgeschlossen zu werden. Es ist ein Gespräch über die blinden Flecken in der Gesellschaft, in welcher Exklusion schon in Fleisch und Blut übergegangen ist, dass es nicht mehr auffällt – ausser, man ist betroffen. Es ist ein Gespräch darüber, wie wir mit mehr Bewusstsein unser Leben leben sollen, denn nur so sind wir frei. Und vieles mehr.

Das vollständige Zitat lautet:

„Die wirklich wichtige Art der Freiheit beinhaltet Aufmerksamkeit und Bewusstsein, Disziplin und Anstrengung, und die Fähigkeit, sich wirklich um andere Menschen zu sorgen, für Sie Opfer zu bringen, jeden Tag auf neue auf unzählige, kleine, unsittliche Arten und Weisen.“

Überhaupt möchte ich euch den Podcast von Jagoda Marinić ans Herz legen. Sie hat eine sehr warme, kompetente Art zu fragen und zuzuhören. Es sind Gespräche, die in die Tiefe gehen, die Persönliches ans Licht bringen und auch die Gesellschaft, wie sie ist, und unser Sein darin immer wieder hinterfragen.

In der ARD-Mediathek und bei SRF Play findet sich nun der von Daniel Kehlmann geschriebene Sechsteiler über Franz Kafka. Da kommt alles zur Sprache: Das Verhältnis zum Vater, die Beziehungen zu den verschiedenen Frauen, seine Freundschaft zu Max Brod – und vieles mehr. Ich bin sehr gespannt, ich habe die Serie noch nicht gesehen.

Hier geht’s zur Sendung

Zu Kafka werde ich in den nächsten Wochen sicher noch mehr schreiben.

Ich hoffe, ihr habt etwas gefunden, das euch anspricht. Wenn ihr Tipps für mich habt, immer nur her damit.

Habt eine gute Woche!

Gedankensplitter: Die Wahl, wie man leben will

«Jede Zeit wie jeder Mensch hat ein gewisses Gedankenfeld, über das hinaus nichts wahrgenommen wird.» Bertha von Suttner

Eigentlich ist es schon lange bekannt: Wir nehmen nur einen kleinen Bruchteil dessen wahr, was ist. Vor allem was einen selbst betrifft, hat man oft blinde Flecken, Dinge, die von aussen offensichtlich sind, die man selbst nicht sieht. Diese blinden Flecke bei sich und in der Wahrnehmung des Aussen sind vielem geschuldet: Der Zeit, in der wir leben, der Kultur, in der wir aufgewachsen sind, dem Umfeld, in dem wir uns bewegen, und verschiedenen anderen Prägungen aus Erfahrungen und Erlebnissen. Wir sind geprägte Menschen und agieren aus diesen Prägungen heraus. Sind wir ihnen ausgeliefert?

Teilweise wohl schon, zumindest so lange, bis wir uns bewusst werden, dass wir sie haben und sie zu ergründen suchen. Dass dies nicht immer angenehm ist, liegt auf der Hand. Wer im Dunkeln buddelt, kann auf Dreck stossen. Den wollen wir oft nicht sehen, wollen uns die Hände nicht schmutzig machen. 

«Bedenke, was du bist: vor allem ein Mensch, das bedeutet, ein Wesen, dass keine wesentlichere Aufgabe hat als seinen freien Willen.» Epiktet

Im Buddhismus heisst es, dass die schönste Lotusblume aus dem Sumpf kommt. Es braucht wohl immer beide Seiten, um Leben zu kreieren. Die dunklen, düsteren Seiten zu verneinen, zu verurteilen, wird an keinen guten Ort führen, denn das macht uns zu Sklaven dieser Arbeit. Sie anzunehmen, hinzusehen, ihre Funktion anzuerkennen, aber ihnen dann nicht mehr Macht zu geben, sondern unser Sein und Tun aktiv dem Guten hinzuwenden, wäre die bessere Alternative. So würden wir zu den Menschen, die wir sein wollen, im Wissen, dass alles in uns steckt, aber wir die Wahl haben, was wir leben wollen. 


Gedankensplitter: Durch Vernunft in die Freiheit

«Das menschliche Unvermögen in Mässigung und Beschränkung der Affekte nenne ich Unfreiheit. Denn der den Affekten unterworfene Mensch ist nicht in seiner eigenen Gewalt, sondern in der des Schicksals, unter dessen Herrschaft er sich dermassen befindet, dass er oft, obschon er das Bessere sieht, dennoch dem Schlechteren nachzufolgen gezwungen wird.» Baruch de Spinoza

Aus dem Bauch heraus handeln. Es wird oft als ursprünglich, als authentisch, als intuitiv bewertet und hochgehalten. Mittlerweile ist bekannt, dass das unüberlegte, unreflektierte aus dem Bauch hinaus Handeln in keiner Weise einfach frei ist, sondern nur die eigenen Prägungen reflektiert. Hinzu kommt, dass dieses «aus dem Bauch heraus» oft auch schlicht einem Affekt folgt, dass hochkommende Impulse ungefiltert in Aktion übergehen. Das kann mitunter nicht nur zu unerwünschten Ergebnissen führen, es erweist sich manchmal auch als schlichtweg dumm, wie man mit einer Mässigung der Affekte und einer Hinzunahme des Denkens leicht eingesehen hätte. Nicht umsonst wohl halten viele Philosophie das Denken hoch, nennen gar die Vernunft eine Macht, auf die wir nicht unfreiwillig verzichten sollen.

Baruch de Spinoza sieht in den Affekten einen Weg in die Unfreiheit. Indem wir uns ihnen hingeben, geben wir das Steuer aus der Hand. Wir verzichten auf das wichtige Mittel, das uns selbst zum Herrn unseres Lebens macht: Die Vernunft.

«Ich werde also hier von der Macht der Vernunft handeln, indem ich zeige, was die Vernunft an sich über die Affekte vermag, und sodann was Freiheit des Geistes oder Glückseligkeit ist, woraus wir ersehen können, wieviel mächtiger der Weise ist als der Ungebildete.» Baruch de Spinoza

***

Am 21. Februar vor 347 Jahren ist Baruch de Spinoza (24.11.1632 – 21.2.1677) gestorben. Ich hebe mein Glas auf einen Denker, dessen Bücher uns auch heute noch viel zu sagen haben.

Mein Leben – meine Wahl

*Es sind nicht die Dinge, die uns beunruhigen, sondern die Meinungen, die wir von den Dingen haben.» Epiktet

«Was macht das mit dir?» Es gibt kaum einen Satz, der mich immer, wenn ich ihn höre, dermassen nervt. Er impliziert, dass ich das arme kleine Opfer meines Lebens bin und dieses Leben kommt und etwas mit mir macht. Ich muss es still erdulden, habe keine Wahl. Nein! Es ist mein Leben, ich habe eine Wahl.

«Von allem, was existiert, hat Gott einen Teil in unsere Verfügungsgewalt gegeben, den anderen Teil nicht. In unserer Macht steht das Schönste und Wichtigste: der Gebrauch unserer Eindrücke und Vorstellungen.»

Das Leben mag sein, wie es will, ich habe nicht alles in meiner Hand. Leider. Zum Glück vielleicht auch, denn die Konsequenzen, wenn jeder alles in der Hand hätte, wären irgendwie gruselig. Was ich in der Hand habe, ist, was ich daraus mache. Nicht das Leben macht etwas mit mir, ich mache etwas mit meinem Leben. Der erste Schritt dabei ist, dass ich das, was im Leben passiert, interpretiere und bewerte. Aus dieser Interpretation und Bewertung speisen sich dann meine Gefühle, meine Haltung. Finde ich es gut, sehe ich mich als glücklichen Menschen, finde ich es schlecht, als Pechvogel. Aus dieser Einordnung leitet sich meine Stimmung ab. Ist sie gut, empfinde ich die Welt als hell, andernfalls versinke ich in der gefühlten Düsterheit der Welt.

«Nicht wie die Dinge wirklich sind, sondern wie sie in unserer Einstellung und Vorstellung sind, macht uns zufrieden oder unzufrieden.»

So gedacht kann das Leben also nichts mit mir machen. Ich habe die Wahl. Das wird nicht dazu führen, dass es plötzlich nur noch bunte Konfetti vom Himmel regnet und alles ein riesiges Fest wird, aber nur schon das Gefühl, nicht der Spielball sondern der Steuermann meines Lebens zu sein, hilft, mich doch besser zu fühlen. Und wer weiss, vielleicht hat Rilke ja recht, wenn er sagt:

«Du musst das Leben nicht verstehen, dann wird es werden wie ein Fest.»

Habt einen schönen Tag!

Vom Suchen und Denken – Iris Murdochs Suche nach dem Guten

Iris Murdoch: Die Souveränität des Guten

Inhalt

«Was macht einen guten Menschen aus? Wie können wir uns moralische verbessern? Können wir uns moralisch verbessern? Das sind Fragen, die Philosoph:innen versuchen sollten, zu beantworten.»

Iris Murdoch geht der Frage nach, was das Gute wirklich ist. Sie beruft sich auf Kant, Platon, Kierkegaard, setzt sich von den Existenzialisten ab, indem sie deren Ansatz als zu wenig weit reichend darlegt. Das Gute ist in sich nicht fassbar, doch liegt es allem sonst zugrunde, ist es das, wonach alles strebt, allen voran die Liebe. Das Buch lässt einen roten Faden vermissen, es hat keine abschließende Antwort, es ist ein Suchen und sich Annähern, dessen letzter Schritt offenbleiben muss.

Gedanken zum Buch

«Das Gute ist ein leerer Raum, in den menschliche Entscheidungen einziehen können.» Iris Murdoch

Das Gute ist kein Wert an sich, es muss erst verwirklicht werden durch das, was man tut. Indem man sich auf eine Weise verhält, die frei von (negativen) Absichten ist, wenn wir mit einem Blick auf die Welt schauen, der von Liebe durchdrungen ist, kommen wir dem Guten auf die Spur.

«Nach dem Guten zu fragen, ist nicht das Gleiche, wie danach zu fragen, was Wahrheit oder was Mut ist, da die Idee des Guten in eine Erklärung der Letzteren einfliessen muss.»

Das Gute lässt sich nicht fassen, nicht definieren, es ist das, was allem zugrunde liegt, sofern dieses nach dem Guten, was immer auch das Schöne und Richtige ist, weil es von Liebe durchdrungen ist, strebt.

«Der gute Mensch ist demütig.» Iris Murdoch

Nach Iris Murdoch ist der Mensch von Natur selbstsüchtig, indem er immer sich im Blick hat und alles, was er sieht, durch dieses Ich passiert. Nun ist der Blick dieses Ichs nie ungetrübt, er kommt aus einem Geist, der ständig in Bewegung ist, oft mit Sorgen beschäftigt, die sich wie ein Schleier über die Welt legen.

Hier setzt nach Iris Murdoch die Demut an, indem sie den Menschen erkennen lässt, dass das eigene Selbst nichtig ist, so dass er die Dinge sehen kann, wie sie sind – und nicht, wie Anais Nin es ausdrückte, so wie er ist. Er liest keinen Zweck oder Sinn in die Welt hinein, sondern sieht sie als Wert an sich. Als solcher Mensch ist es ihm möglich, ein guter zu werden.

«Als moralische Akteure müssen wir versuchen, gerecht zu sehen, Vorurteile anzulegen, Versuchungen aus dem Weg zu gehen, Einbildungen zu kontrollieren und zu zügeln, unsere Gedankengänge zu lenken… Güte und Schönheit sollten einander nicht gegenübergestellt werden, sondern gehören weitgehend zur selben Struktur.»

Fazit
Ein Buch, das sich mit eigenständigen Gedanken auf die Suche nach dem Guten macht, das den Leser mitnimmt auf diese Suche und ihn zum Mitdenken anregt.

Gedankensplitter: Eigene blinde Flecke

«Wir waren jene, die wussten, aber nicht verstanden, voller Informationen, aber ohne Erkenntnis, randvoll mit Wissen, aber mager an Erfahrung. So gingen wir, von uns selbst nicht aufgehalten.» Roger Willemsen

Immer wieder lese oder höre ich von diesem «Gender-Seich». Kürzlich wurde ich gefragt, was ich denn davon halte, von diesem «Gender-Seich», die Hoffnung, dass ich mit ihm einen Empörungschor bilden würde, stand ihm förmlich ins Gesicht geschrieben. Auch Argumente wie:

«Wir haben wahrlich genügend Krisen, wir sollten uns nicht mit solchen Gender-Idiotien rumschlagen müssen.»

Oder:

«Langsam machen mich diese woken Identitätspolitischen und Gender-Propagierer richtig aggressiv.»

Und ja, aggressiv ist das Klima der Diskussionen. Es geht schon lange nicht mehr um die Sache, wie mir scheint, es geht darum, recht zu haben, weil man die Wahrheit kennt, weil man weiss, wie es richtig läuft, und vor allem bei den Gegnern: Weil man es schon immer so gemacht hat und es doch klar ist, dass dies gut war.

Und es wird argumentiert, dass wenn man N* sage, meine man es niedlich, wenn man die männliche Form verwende, seien natürlich alle mitgemeint, nur ein Idiot kenne das generische Maskulinum nicht[1], wenn man finde, Kopftuch-Frauen gehören nicht in unser Land, verteidig man nur die häuslichen Sitten und Gebräuche.

Die Argumentation, man brauche all diese Diskussionen nicht, sondern sie lenken nur von den wirklichen Problemen wie dem des Klimas ab, ist, wie ich denke, eine typische Vermeidungsargumentation aus einer Position, die es sich leisten kann.

Wir haben viele Probleme aktuell und ich denke, wir können sie nur gemeinsam angehen, da sie sich gegenseitig befruchten und wiederum so wirken. Diskriminierungen auf verschiedenen Ebenen und aus verschiedenen Gründen sind sicher nicht einfach Kleinigkeiten, wenn man zur Gruppe der Unterdrückten gehört. Die Diskussion über das Gendern könnte man sich sparen, wenn nicht so viele teilweise aggressiv dagegen kämpfen würden (dann wäre auch eine gemässigtere Form als diese teilweise wirklich schwierigen Auswüchse) möglich. Wir könnten uns ebenso Diskussionen über Antisemitismus, Rassismus, Klassismus, soziale Ungerechtigkeiten auf lokaler und globaler Ebene sparen – wenn wir endlich hinsehen würden und gemeinsam für eine Welt kämpfen, die eine gemeinsame wird.

Aber: Wir sind nicht da. Menschen werden unterdrückt, Frauen sind in vielen Bereichen in einer benachteiligten Position und sind zu wenig gehört und gesehen. Migrant*Innen, Schwarze, Juden, Transsexuelle und viele nicht der weissen, westlichen Norm entsprechende Menschen werden diskriminiert und ausgeschlossen. Und solange das so ist, müssen wir darüber reden und dafür kämpfen, dass es ändern. Weil wir es ihnen und uns wert sind, weil es in der Verantwortung derer liegt, die es können, weil sie all die Privilegien haben, die anderen verschlossen sind.


[1] Das erinnert mich an die Frau Ende des 19. Jahrhunderts, welche vor Gericht ging, weil sie nicht zum Studium zugelassen wurde. Ihre Klage, die sich auf das Recht jedes Menschen auf Bildungszugang berief, wurde abgewiesen mit der Begründung, es sei klar, dass damit nur Männer gemeint seien. So viel zum generischen Maskulinum.

Lesemonat August

Der Monat glich eher einem April als einem August. Nach einer unsäglichen Hitze in strahlendem Sonnenschein, tobten bald schon Unwetter und das Grau in Grau der verregneten Umwelt verschleierte den Blick aus dem Fenster. Immerhin war es das passende Wetter, mich in die Bücher zu versenken, so dass ich teilweise wenig davon mitkriegte. Der Monat war – im Gegensatz zu den meisten anderen – thematisch konzentriert, die gelesenen Bücher behandelten Themen der Politik und der Gesellschaft, sie handelten von Herkunft und deren prägendem Charakter für den Menschen und die Gesellschaft, von Macht und Herrschaft und damit einhergehender Diskriminierung derer, welche nicht den Normen des dominanten Herrschaftsmehrs entsprechen.

Das erste Buch war ein Abgesang an die romantische Liebe, im zweiten sollten wütend Wände eingerissen werden. Danach ging es sachlicher zu und her, Mittel und Wege gegen Klassismus wurden aufgezeigt, die Fremde und ihre Grenzen wurden beleuchtet, das Gefühl der Entfremdung in der Gesellschaft erforscht. Ich befasste mich mit dem Liberalismus, um dann wieder zum Klassismus zurückzukehren. Ich beschäftigte mich mit Bildung und Ungerechtigkeit und der Frage, was das Gute ist. Und dann….

Dann kam das Highlight wohl nicht nur des Augusts, sondern einer langen Lesegeschichte – und es wird nachhallen: Didier Eribons «Rückkehr nach Reims» und dessen Fortsetzung «Gesellschaft als Urteil». Selten, dass mich ein Buch so gepackt hat. Selten, dass ich aus einem Buch so viel mitgenommen, so viel für mich erkannt habe. Selten, dass mich ein Buch so begeistert hat und ich daraus so viel Inspiration für eigene Projekte gewann.

Was waren eure Highlights im August?

Die ganze Liste:

Andrea Newerla: Das Ende des Romantikdiktats. Warum wir Nähe, Beziehungen und Liebe neu denken solltenUnsere Liebesbeziehungen sind nicht Privatsache, sondern soziale Konstrukte, die wir verinnerlicht haben. Die Herausstellung der romantischen Liebesbeziehung ist eine neue, konventionelle Errungenschaft und sie unterliegt patriarchalischen und gesellschaftsrelevanten Normen. Dieses Bewusstsein sollte dazu führen, unsere Beziehungen neu zu denken, Freundschaft einen anderen Stellenwert einzuräumen, Sexualität aus der romantischen Beziehung zu nehmen und Intimität vielfältiger lebbar zu machen, um zu neuen Formen des Miteinanders zu kommen, die Individualität, Autonomie und Gemeinsamkeit besser vereinbaren lassen. Viele Wiederholungen, viele Gemeinplätze und Altbekanntes, wobei ein Aufruf zur Anerkennung vielfältiger Lebensformen und -gestaltungen durchaus wichtig ist. 3
Pia Klemp: Wutschrift. Wände einreissen, anstatt sie hochzugehenEin wichtiges, ein dringendes Thema (soziale, strukturelle und systematische politische Entscheidungen, die Flucht und Migration zu einem menschenunwürdigen und oft tödlichen Unterfangen machen), doch ich musste das Buch abbrechen. Die Sprache ist dermassen mündlich, fast vulgär, dass ich das so nicht lesen möchte. Es ist vielleicht des wirklich brennenden Themas wegen in Wut und Rage geschrieben, was zum Titel passen würde, doch hier verleidet mir die Form den Inhalt und wende mich lieber anderen Büchern zu dem Thema zu. 
Francis Seek, Brigitte Theißl: Solidarisch gegen Klassismus. organisieren, intervenieren, umverteilenKlassismus ist überall, und doch kaum ein Thema. Klassismus grenzt Menschen aus, führt in die Isolation, macht krank. Klassismus muss diskutiert werden, muss sichtbar werden, muss als Problem mit all seinen vielen Ausprägungen bewusst werden. Und wir brauchen Lösungen. 26 Texte, teils sachlich, teils Interviews, teils persönlich aus der Betroffenheit heraus zeigen die verschiedenen Aspekte von Klassismus. Das Ziel ist, das Problem sichtbar zu machen, Projekte vorzustellen, die Lösungen anstreben, Strategien zu erläutern, die wir ergreifen können, um etwas zu verändern.

Ein wichtiges Buch, ein Buch, das Pflichtlektüre werden sollte. 
5
Elisabeth Wellershaus: Wo die Fremde beginntGedankenräume über erfahrenen Rassismus, Nachdenken über blinde Flecken bei sich und in der Gesellschaft, eine persönliche Lebensreise durch verschiedene Stationen der eigenen Biografie, pendelnd zwischen Spanien und Deutschland, zwischen verschiedenen Identitäten und Zuschreibungen. Ein persönliches, ein augenöffnendes Buch, ein Buch über systemische, strukturelle und individuelle Diskriminierung. 5
Peter v. Zima: Entfremdung. Pathologien der postmodernen GesellschaftEine Untersuchung der verschiedenen Bereiche der Entfremdung wie Arbeit, Familie, Konsum, Psyche, Medien, etc. sowie das Aufzeigen der Verbindung derselben untereinander. Der Mensch in seinem Fremdsein im Umfeld wird beleuchtet, die Rolle von Geld, Tauschwirtschaft und immer grösser Partikularisierung aufgezeigt, welche den Menschen unter einen Leistungsdruck in zunehmender Anonymisierung der Umwelt treiben, so dass er versucht, ein Image aufrechtzuerhalten, um wenigstens auf Bewunderung zu stossen, so dass er (vermeintlich) seinen Selbstwert bewahren kann. Das Kranken der Gesellschaft an immer grösserer Indifferenz, in welcher sich der Einzelne, auf sich selbst zurückgeworfen und als dieser nicht wirklich anerkannt, von sich und der Welt entfremdet.  5
Elif Özem: Was ist Liberalismus?Was macht den Liberalismus aus, auf welchen Grundsätzen beruht er und wie lassen sich die in der Praxis durchsetzen, so dass eine Gesellschaftsform aus freien, gleichen und individuell pluralistischen Bürgern entsteht? Elif Özem diskutiert fundiert und tiefgründig vor dem Hintergrund von Rawls Gerechtigkeitstheorie, Hannah Arendts Ansätzen zum Pluralismus und anderen philosophischen Wegbereitern bis zurück in die Antike die Idee des Liberalismus und zeigt, wieso die liberale Demokratie «die schlechteste Regierungs- und Lebensform – abgesehen von allen anderen» ist. 5
Andreas Kemper, Heike Weinbach: Klassismus. Eine EinführungKlassismus als Begriff für individuelle, institutionelle und kulturelle Diskriminierung und Unterdrückung ist kaum bekannt als Form der Diskriminierung, dabei wirkt sie auf dieselbe Weise auf Menschen und Menschengruppen wie die besser erforschten Formen des Sexismus, Rassismus und anderer. Das Buch will die verschiedenen Formen des Klassismus aufzeigen, will die Stereotypen offenlegen, mit denen Menschen konfrontiert wird und den Blick auf das Unrecht lenken, das zu oft ignoriert wird sowohl von der Politik wie auch von der Gesellschaft. 5
Maria do Mar Castro Vaerla & Bahar Oghalai: Freund*innenschaft. Dreiklang einer politischen PraxisEs soll eine Vermittlung zwischen rechten Strömungen und linker Identitätspolitik sein, doch ich fand sie nicht. Das Thema der Fraundschaft in seiner Abhandlung bei anderen Philosophen, Begriffe wie Allyship und Solidarität oder Sisterhood wurden behandelt und es fehlte schlicht der rote Faden oder das Ziel, wohin das alles führen soll. 2
Meike Sophia Baader, Tatjana Freytag (Hrsg.): Bildung und Ungleichheit in DeutschlandArtikel zum Thema, welche eine Vielzahl an Studien kommentieren und zusammenfassen, Soziologen zitieren, Artikel nennen. Oft bleibt ein wirkliches Fazit aus, die Aussage, dass gewisse Bereiche noch zu wenig erforscht seien, findet sich nicht selten, und wirkliche Umsetzungsvorschläge sucht man vergeblich. So bleibt man mit vielen Fragezeichen zurück und hat keine Ahnung, wozu das Buch nun wirklich gut war. Vielleicht für angehende Bildungssoziologen, die den Stand der aktuellen Forschung kennenlernen wollen, wobei das Buch dazu wohl einen Anhaltspunkt, aber sicher keine abschliessende Antwort liefern kann. 3
Didier Eribon: Rückkehr nach ReimsDie autobiografische Erzählung von Didier Eribon, welcher zu seinen Wurzeln im Arbeitermilieu zurückkehrt, aus dem er für lange Zeit geflohen war – körperlich und geistig. Eribon verwebt autobiografische Erlebnisse mit politischen, soziologischen und psychologischen Erklärungen, er zeichnet das Bild einer Zeit und einer Gesellschaft, erläutert politische Gesinnungen und Gesinnungswechsel, legt eigene Gedanken und Verhaltensmuster offen. Ein kluges, ein tiefes, ein bewegendes, ein wichtiges Buch. Ein Herzensbuch.6 von 5
Iris Murdoch: Die Souveränität des GutenIris Murdoch geht der Frage nach, was das Gute wirklich ist. Sie beruft sich auf Kant, Platon, Kierkegaard, setzt sich von den Existenzialisten ab, indem sie deren Ansatz als zu wenig weit reichend darlegt. Das Gute ist in sich nicht fassbar, doch liegt es allem sonst zugrunde, ist es das, wonach alles strebt, allen voran die Liebe. Das Buch lässt einen roten Faden vermissen, es hat keine abschliessende Antwort, es ist ein Suchen und sich Annähern, dessen letzter Schritt offen bleiben muss. 4
Didier Eribon: Gesellschaft als UrteilDie Fortsetzung zu «Rückkehr nach Reims», eine weitere Innenschau und Analyse der äusseren Verhältnisse, der Klassenkämpfe und anderer Herrschaftskämpfe in der Gesellschaft. Die Aufschlüsselung verschiedener Macht- und Unterdrückungsstrukturen, die Beschreibung der eigenen verinnerlichten Muster und Zwiespältigkeiten, vor allem auch nach Klassenwechseln. Ein weiteres grossartiges Buch, das neben den Bezügen auf das eigene Leben auch vielfältige Verweise zu soziologischen, philosophischen und literarischen Werken macht. 5

Gedankensplitter: Ehrfurcht vor sich selbst

«Das Unrechte, das man getan hat, ist die Last auf den Schultern, etwas, das man trägt, weil man es sich aufgeladen hat.» Hannah Arendt, Denktagebuch

Hannah Arendt spricht hier im Sinne Sokrates’, welcher sagte, dass es besser sei, Unrecht zu erleiden als Unrecht zu tun. In einer Zeit wie heute, in der das Individuum zuoberst steht, in der das eigene Wohl vor dem der anderen gesichert sein will (was aber durchaus auch im Menschen angelegt ist), klingt das auf den ersten Blick widersinnig. Wie meint sie das?

Wenn ich Unrecht tue, bin ich mir dessen bewusst. In mir gibt es diese Stimme, die sagt, dass das, was ich tue, nicht richtig ist. Man kann sie Gewissen nennen, man kann sie aber auch Stimme der Vernunft sehen, wie Kant es sah, welcher die Vernunft als universalen inneren Massstab über richtig und falsch erachtete. Wenn ich also Unrecht tue, so wird das in mir zu einem Gefühl der Unstimmigkeit führen, weil ich grundsätzlich das Richtige tun will. Dieses Gefühl werde ich mitnehmen, auch wenn das Unrecht schon längst getan ist. Von diesem Gefühl kann ich mich nicht einfach lösen, weil ich mit mir zusammenleben muss. Also wirkt es in mir fort. Unrecht zu vermeiden ist also nicht nur Dienst am anderen, sondern vor allem auch an sich selbst. Ich kann mit mir nur in Frieden leben, wenn ich so handle, dass ich mit mir im Reinen bin. Man könnte sagen, richtiges Handeln geht auch zurück auf eine, wie Schiller sich ausdrückte, «rettende Ehrfurcht vor sich selbst».

Gedankensplitter: Neugier auf den anderen

«Der Sinn für Ungerechtigkeit, die Schwierigkeiten, die Opfer der Ungerechtigkeit zu identifizieren, und die vielen Weisen, in denen jeder lernt, mit den eigenen Ungerechtigkeiten und denen anderer zu leben, werden ebenso leicht übergangen wie die Beziehung privater Ungerechtigkeit zu öffentlicher Ordnung.» Judith Shklar

Wir sehen einen Menschen und schon ist es da: Das Bild in uns, wie er ist. Ein spontaner Impuls, eine quasi natürliche Eingebung, die durchaus ihre Berechtigung hat, hilft sie doch, Dinge schneller einzuordnen und damit eine gefühlt gesicherte Basis herzustellen. Das Problem ist, dass diese Eingebungen nicht aus dem Nichts kommt, sondern sozial, historisch und kulturell gewachsen ist. Vorurteile vererben sich förmlich weiter, so dass sie auch dann noch in den Köpfen im Versteckten ihr Unwesen treiben, wenn man rational neue Erkenntnisse gewonnen hätte. Auch wenn wir heute wissen, dass Frauen nicht dümmer sind, dass sie durchaus ohne gesundheitliche Gefährdung höhere Schulen besuchen können (ein Argument, mit dem es ihnen früher verwehrt war), dass sie gleich viel leisten können in bestimmten Berufen, und gleich viel wissen können wie die Männer, zeigt sich im sozialen, wirtschaftlichen und auch politischen Bereich oft ein anderes Bild.

Zum Beispiel: Argumente von Frauen (hier könnte auch Behinderte, POC, LGBTQIA, etc. stehen) werden weniger gehört, werden weniger ernst genommen. Das führt zu einer epistemischen Ungerechtigkeit, wie Miranda Fricker sich ausdrückt. Man verwehrt ihnen das Vertrauen in ihre Aussagen einzig aufgrund eines Vorurteils. Dadurch können sie sich nicht im gleichen Masse einbringen wie Männer das können, sie werden an ihrer aktiven Teilhabe gehindert.

Das Bild in den Köpfen ist gemacht, die Reaktion folgt. Das hat aber noch weitere (negative) Konsequenzen: Die so gering Geschätzten werden nicht gehört. Sie werden in ihrem Sein als Wissende, Fähige nicht tatsächlich wahrgenommen, sondern abgewertet. Das führt oft dazu, dass sich dieses mangelnde Vertrauen auch verinnerlicht, sich diese Menschen selbst weniger zutrauen – und noch schlimmer: Sie bilden Fähigkeiten erst gar nicht aus oder verlieren sie sogar.

Menschen haben eine tiefe Sehnsucht danach, gehört, gesehen, wahrgenommen zu werden. Tut man das nicht, nimmt man ihnen einen Teil ihrer Würde, man marginalisiert sie. Dem können wir nur beikommen, wenn wir (individuell und in Systemen) ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass in uns Vorurteile am Wirken sind, und aktiv versuchen, gegenzusteuern. Wir müssen lernen, mit Neugier auf andere Menschen zuzugehen, mit der Absicht, wirklich hören zu wollen, was sie sagen. Wir müssen unsere Vorurteile ablegen und offen zuhören, hinsehen. Das heisst nicht, dass wir allen blind vertrauen müssen, aber die Prüfung der Aussagen darf nicht aufgrund von vorgefassten Vorurteilen, sondern aufgrund sachlicher Kriterien geschehen.

***

Ein Buch zu diesem Thema:
Miranda Fricker: Epistemische Ungerechtigkeit. Macht und die Ethik des Wissens, C. H. Beck Verlag, 2023.

Miranda Fricker ist der Überzeugung, dass wir uns zu sehr auf die Gerechtigkeit ausrichten und damit vergessen, die tatsächlichen Ungerechtigkeiten genau zu beleuchten, die es zu beheben gilt. Oft denkt man bei Gerechtigkeit (und Ungerechtigkeit) an die Verteilung von Gütern, aber es gibt auch andere Formen. Bei Ungerechtigkeit, so Fricker, dürfe man nicht nur materielle Kriterien gelten lassen, sondern auch die Glaubwürdigkeit von Menschen sei ungerecht verteilt, weil soziale Vorurteile zu einer Marginalisierung bestimmter Gruppen und der Zugehörigen (Frauen, Arme, POC, etc.) führen. Nur indem wir uns dessen bewusst werden, und je einzeln und auch in Institutionen und Systemen die eigenen Vorurteile erkennen und diese für die Beurteilung von Zeugnissen ausschalten, können wir identitätsstiftende Machtsysteme ausschalten. Alles in allem nichts Neues, doch es wird in eine hochkomplexe Sprache verpackt und (zu) ausführlich mit Argumenten und Verweisen abgestützt. Das macht das Lesen mitunter etwas beschwerlich.

Gedankensplitter: «Ich bin so frei»

Ein höflicher Satz. Ein Satz des Anstands, oft begleitet mit einer entsprechenden Geste. So hat sich das eingeprägt, das ist unsere kulturelle und damit unhinterfragte Sicht. Schaut man aber genauer hin, holt man die Wendung aus ihrer gewohnten und damit unreflektierten Bedeutung heraus, zeigt sich ein anderes Bild. Verwendet wird diese Wendung mehrheitlich dann, wenn man einen eigentlichen Grenzüberschritt höflich verpacken will. Man würde es nicht sagen, wenn man nicht tief drin wüsste, dass das, was man zu tun vorhat, eine Grenze überschreitet, nämlich die des anderen: Man tritt ihm zu nah. Man begrenzt dessen Freiheit indem man sich explizit die eigene gewährt. Damit ist diese Wendung in Tat und Wahrheit eigentlich eine höfliche Entschuldigung, die aber nicht nach einer passierten Handlung nachgereicht wird und damit eine Einsicht des eigenen Fehlverhaltens impliziert, sondern eine vorweggenommene Rechtfertigung für ein noch auszuführendes Tun.

Würde man stattdessen fragen: «Darf ich?» und (ganz wichtig) die Antwort abwarten, um sie dann auch wirklich als Richtschnur für das eigene Handeln zu nehmen, sähe die Sache ganz anders aus. Dann hätten wir zwei Menschen auf Augenhöhe, von denen einer etwas will, bei dem er an die Grenzen eines anderen stösst. Der andere hat dann die Möglichkeit, seine eigenen Bedürfnisse oder Abneigungen zu formulieren, in denen er gesehen und respektiert würde. Ansonsten werden diese ignoriert und übergangen.

Ist das alles reine Sprachklauberei, eine weitere Form eines woken oder identitären Sprachverhunzungsprogramms, wie sie heute oft angeklagt werden? Nein, es ist die Aufforderung, hinzuschauen, was wir wirklich tun und sagen, die Worte auf ihren tatsächlichen Inhalt und die damit verbundenen Implikationen zu prüfen. Es ist die Aufforderung, Abwertungen und Machtverhältnisse im alltäglichen Sprachgebraucht zu sehen und zu überwinden, da diese die Strukturen unserer Welt schaffen. Sprache schafft Wirklichkeit oder wie Ludwig Wittgenstein sagte:

«Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.»

Die Art und Weise, wie ich spreche, offenbart viel von meinem Weltbild. Oft agieren wir unbewusst aus diesem heraus, weil wir schon die Sprache unbewusst verwenden. Wenn wir mit einem «Ich denke, also bin ich» durch die Welt gehen, unsere Gedanken als die richtigen sehen und diese den anderen überstülpen wollen, bleiben wir in unserer eigenen kleinen Welt gefangen und sehen die Weite hinterm Horizont nicht. Es entstehen Fronten von lauter Ichs, die die Welt erklären können, nur verstehen sie sich leider gegenseitig nicht, so dass jeder in seiner eigenen Welt vereinzelt lebt.

Wir müssen hin zu einem «Wir denken, also sind wir» kommen, im Wissen, dass der gemeinsame Blick auf eine Sache diese erst wirklich sichtbar macht – nämlich von verschiedenen Seiten. Indem wir unser Denken durch eine zugewandte und respektvolle Sprache mit dem Denken anderer zusammenbringen, schaffen wir eine gemeinsame Welt, in der jeder seinen Platz findet, weil durch das gegenseitige Verständnis und die Erweiterung des eigenen Blicks ein Miteinander möglich wird. So finden wir eine gemeinsame Sprache und schaffen damit eine gemeinsame Welt. Dann ist diese Welt grösser, da die Grenzen meiner Sprache nicht mehr die Grenze meiner Welt ist, sondern sie sich ausweitet hin zu den Grenzen unserer Sprache, die eine gemeinsame Welt begründen.

Lesemonat Juli 2023

Der Juli begann im warmen, sonnigen Spanien, ging dann bald in der zuerst warmen, sonnigen, dann kühleren und verregneten Schweiz weiter. Es war ein Monat voller Emotionen, tiefer Gedanken, grosser Lebensfragen und neuer Erkenntnisse. Ich habe mich vier Wochen ziemlich zurückgezogen, habe innerlich und äusserlich aufgeräumt, mich in die Lese- und Schreibarbeit gestürzt, und es wirklich genossen, die Zeit mit mir für mich zu gestalten. Ich bin mir aber bewusst, dass ich dies in der wunderbar privilegierten Position mache, Menschen im Leben zu haben, die da sind, die einen Rahmen und ein Beziehungsgefüge geben, in dem ich aufgehoben bin. Der August steht vor der Tür und damit zieht auch der Alltag wieder ein – und auch das wird wieder schön sein.

Mein Lesemonat war sehr philosophisch-politisch, also ganz so, wie es mir gefällt. Es war teilweise sehr schwere Kost drunter, die so manche Rauchwolke aus dem Hirn aufsteigen liess, aber insgesamt war es ein bereichernder Monat. Ich habe mit Charles Taylor die Quellen des Selbst erforscht, bin dem Ursprung dieses Konstrukts nachgegangen, um nachher mit Franz Wuketits zu fragen, wie viel Moral überhaupt menschlich ist und wie diese zustande kommt. Ich habe mich mit dem Bösen beschäftigt und mit der Freiheit, habe mich des Wertes der Menschenrechte nochmals versichert, die in den Geschlechter- und epistemischen Ungerechtigkeiten sicher oft tangiert werden, habe mich mit Demokratie und der notwendigen Pluralität in dieser befasst, damit, wo und wie wir fremd sein können und andere zu Fremden machen. Und ich bin mit Julian Nida-Rümelin einig gewesen, dass all das in der Schule gelernt und gelebt werden sollte, so dass das letzte Buch eigentlich komplett hätte markiert werden können.

So kann es weitergehen.

Was waren eure Lesehighlights im Juli?

Hier die komplette Leseliste:

Charles Taylor: Die Quellen des SelbstEin Blick auf die Entwicklung der menschlichen Moral und ihren Bezug zum Selbst (-bild) des Menschen. Wie hat sich die Identität des Menschen entwickelt, worauf gründet seine Auffassung dessen, was es heisst, ein handelndes Wesen zu sein. Sehr ausführlich, sehr tief in der Philosophiegeschichte verankert, ab und zu geht der rote Faden gefühlt verloren und es bleibt am Schluss das Gefühl, was nun damit anzufangen sei. Aber: ein Grundlagenwerk, das die verschiedenen philosophischen Standpunkte kompetent zusammenführt. 4
Franz Wuketits: Wie viel Moral verträgt der MenschEine Studie zur Moral, welche nie universal und absolut ist, sondern immer konstruiert von Menschen in bestimmten Gruppen, getrieben von egoistischen Wünschen. Verabsolutierung von Moral zusammen mit Macht wird gefährlich. Viel Geplauder, viel Populismus, einige gute Gedanken, aber mehrheitlich nichts Neues. 3
Bettina Stagneth: Böses DenkenMit Kant und Hannah Arendt auf der Suche nach der Moral, sie zwischen dem radikalen Bösen und der Banalität desselben einpendeln, für eigenes Denken plädieren und Moral als Gefühl der inneren Stimmigkeit sehen, als Hoffnung auf eine bessere Welt, indem wir als aufgeklärte Menschen unseren eigenen Verstand gebrauchen und nicht blinden Gehorsam an den Tag legen. Gute Gedanken in einem Buch über ein spannendes Thema, und doch wurde ich nicht warm damit. Der Sprachstil war zu plauderhaft. 3
Gerhart Baum: FreiheitEin kluges, kleines Buch darüber, was Freiheit bedeutet und was sie von uns fordert. Freiheit ist dem Menschen als Sehnsucht eingeschrieben, wir müssen an einer Welt arbeiten, welche diese möglich macht, eine Welt, in der unsere Werte unser Handeln leiten zugunsten von mehr Gleichheit und Teilhabe, von freiem Leben für alle. Freiheit ist auch eine Verantwortung, nämlich die Missstände zu sehen und dazu beizutragen, sie zu beheben. 5
Gerhart Baum: MenschenrechteEin Blick auf die Menschenrechte, auf ihre Geschichte, auf ihre Notwendigkeit, auf ihre Probleme, und darauf, wie wir für eine bessere Zukunft für die Menschenrechte einstehen müssen. Menschenrechte sind immer Einmischung, aber diese ist notwendig, im die Menschenwürde zu bewahren – für alle. Viele Berichte aus Baums eigener Erfahrung aus seiner Arbeit für die Menschenrechte, aktuelle Analysen. Ab und zu dringt die Parteipolitik durch, aber nie dominant. 4
Scherger, Abramowski, etc.: Geschlechterungleichheiten in Arbeit, Wohlfahrtsstaat und FamilieEine Festschrift für Karin Gottschall mit diversen Aufsätzen zum Thema der Geschlechterungleichheiten. Beleuchtet werden institutionelle, arbeitsmarktstechnische und familiäre Umstände und die jeweiligen Geschlechterverhältnisse. Die Aufsätze sind qualitativ sehr unterschiedlich, von in Wissenschaftssprache verpackten Alltagsweisheiten hin zu analytisch interessanten Erkenntnissen ist alles dabei3
Wendy Brown: Wir sind jetzt alle Demokraten… (in: Demokratie? Eine Debatte)Ist Demokratie zu einer symbolbeladenen leeren Hülse verkommen, in die jeder seine Hoffnungen  stecken kann? Ein Blick auf das Kranken unserer Demokratien, dessen Gründe und die offene Frage: Ist Demokratie wirklich (noch) die richtige Staatsform? Es gilt, genau hinzusehen, was wir wollen, können und was für eine wirkliche Demokratie nötig wäre. 5
Michel Friedman: FremdEine Vergangenheitsbewältigung in Bruchstücken, formal fast lyrisch anmutend, doch es sind mehr Worte. Es sind Fetzen, die sich Zeile für Zeile zu Gefühlen und Bildern formen. Man darf es nicht einfach schnell lesen, sonst lenkt die Form zu sehr vom Inhalt ab. Man muss es langsam, am besten laut (noch besser vorlesen lassen), lesen – und fühlen. Dann berührt es. Tief in der Seele, es bewegt und macht nachdenklich. Und sprachlos.  5
Hadija Haruna-Oelker: Die Schönheit der Differenz. Miteinander anders denkenEin Buch darüber, wie eine Gesellschaft aussehen könnte, die keine Anderen mehr kennt, sondern durch mehr Offenheit, durch die Anerkennung von Menschen in ihrer Diversität, durch gegenseitige Solidarität und Unterstützung ein Verbündetsein von Menschen mit all ihren Verschiedenheiten anstrebt. Dazu bedarf es der Bereitschaft, zuzuhören, Vorurteile, auch eigene, zu entdecken und zu verlernen, um ein neues Miteinander zu lernen. 5
Eva Lohmann: Das leise Platzen unserer TräumeEin Paar, das sich auseinander gelebt hat, er geht schon lange fremd. Doch trennen können sie sich nicht. Eine alleinerziehende Mutter, die Geliebte, denkt an die Frau, deren Mann in ihrem Bett liegt, spricht mit ihr in Gedanken. Lesend gerät man immer tiefer in die Geschichte hinein, denkt mit, fühlt mit, ist gefangen, kann nicht loslassen. Ein Buch, das man nicht aus der Hand legen mag.5
Miranda Fricker: Epistemische UngerechtigkeitBei Ungerechtigkeit dürfe man nicht nur materielle Kriterien gelten lassen, sondern auch die Glaubwürdigkeit von Menschen sei ungerecht verteilt, weil soziale Vorurteile zu einer Marginalisierung bestimmter Gruppen und der Zugehörigen (Frauen, Arme, POC, etc.) führen. Nur indem wir uns dessen bewusst werden, und je einzeln und auch in Institutionen und Systemen die eigenen Vorurteile erkennen und für die Beurteilung von Zeugnissen ausschalten, können wir identitätsstiftende Machtsysteme ausschalten. Alles in allem nichts Neues in eine hochkomplexe Sprache verpackt und (zu) ausführlich mit Argumenten und Verweisen abgestützt. 3
Julian Nida-Rümelin: Demokratie in die Köpfe. Warum sich unsere Zukunft in den Schulen entscheidetWie steht es um unsere Demokratie und was müssen wir tun, um die Demokratie wieder lebendig zu gestalten. Und: Wo müssen wir damit anfangen? Demokratie ist abhängig von demokratischen Bürgern. Demokratisches Verhalten muss gelernt werden und das sollte in den Schulen beginnen – nicht als Wissensvermittlung, sondern durch direkte Erfahrung. Generell bedarf es einer dringenden Umgestaltung unserer Schulen, um diese wieder als Ort des freudigen Lernens für Schüler zu machen, an welchem diese zu demokratischen, selbstwirksamen, aktiven Demokraten werden, die das gemeinsame Leben und die gemeinsame Politik gestalten. Das Buch sollte Pflichtlektüre in Lehrerzimmern, in Schulbehörden und bei Eltern werden.     5+