Hannah Arendt – Der Film

Hannah Arendt fragte beim New Yorker an, ob sie als Berichterstatterin zum Eichmannprozess nach Jerusalem fahren dürfe. Natürlich war man erfreut, eine so renommierte Philosophin für das eigene Blatt vor Ort zu haben. Was war Hannah Arendts Motivation? Sie wollte den Menschen leibhaftig sehen, der für so viel Leid, für all die Greuel verantwortlich gemacht wurde. Sie wollte dem Bösen in die Augen sehen und erwartete, ein Monster, einen bösen Menschen zu sehen. Wirklich gesehen hat sie einen mittelmässigen Menschen, dem, so beschreibt sie es, die Fähigkeit zu denken abhanden gekommen ist. Ein Mensch, der nichts Teuflisches verkörperte, sondern ein ganz normaler Mensch war, der in seinen Augen nur dem damals herrschenden Gesetz gehorchte. Diese „Banalität des Bösen“, wie Hannah Arendt es nannte, war sicher schon weit neben dem, was man gerne gelesen hätte, dass sie aber die Rolle der Judenräte in den Ghettos kritisch beleuchtete, brachte ihr den Bruch vieler Freundschaften und Anfeindungen von vielen Seiten.

Wieso hat sie es getan? Sie wollte verstehen. Als Philosophin wollte sie hinschauen und verstehen, wie es kam, was war. Sie wollte denkend die Wahrheit finden,wobei sie im Gegensatz zu ihren erzürnten Lesern verstehen von vergeben unterschied. Zu recht aus der philosophischen Warte, allerdings verkannt in den Augen derjenigen, die vom Hass und der negativen Gefühle zerfressen nur die eine Botschaft hören und sehen wollen, nämlich die, dass die einen die bösen Täter, die anderen die armen Opfer waren. Man war (noch?) nicht bereit für die sachliche Sicht, für die sicher auch teilweise unbarmherzige Sicht.

Um die Geschichte des Eichmann-Prozesses herum wird im Film Hannah Arendt das Portrait einer grossartigen Denkerin gemalt. Man sieht eine Denkerin, die mit der ganzen Radikalität ihres Geistes der Wahrheit auf den Grund gehen will, die dabei keine Kompromisse eingeht. Sie selbst sagte einst, sie betreibe „Denken ohne Geländer“. Genau diese Radikalität zeigte sich am Beispiel des Eichmann-Buches deutlich. Die eigenen Gefühle wurden aussen vor gelassen, die Gefühle der anderen ebenso. Nicht Gefühle, nicht vorgefertigte Meinungen zählten, sondern der pure klare Blick auf das, was war. Sehr spannend waren die Einblendungen des Originalfilmes aus dem Eichmann-Prozess. Die Mimik, die Argumente – sie zeigten ein deutliches Bild dessen, was Hannah Arendt danach beschrieb. Zwar hätte ich eine gewisse Arroganz in seinen Blick hineingelesen, ganz sicher aber drückte das Unverständnis durch, dass man nicht verstehen wollte, dass er nur Befehle ausführte. Dass er selber keine Juden tötete, nicht mal was gegen sie hatte. Er war – so erscheint es deutlich – ein gedankenloses Rad in einer gnadenlosen Maschinerie. Ein farbloser Bürokrat, der nur auf seine Formulare schielt, den gesunden Menschenverstand ausgeschaltet lässt. Hannah Arendt hat genau das geschrieben.

Ob sie naiv genug war, zu denken, dass man das kommentarlos oder zumindest ohne weitere Probleme hinnehmen werde, oder ob sie die danach auftretenden Probleme und Ressentiments einfach in Kauf nahm, ist schwer abschliessend zu sagen. Ich würde dazu tendieren, dass es sowohl als auch war. Sie muss sich – so klug war sie – bewusst gewesen sein, dass sie mit der Sicht, die ja auch ihre eigenen Erwartungen von vor dem Prozess negierten, viele Leute vor die Köpfe stiess. Doch war sie wohl zu sehr Philosophin und ihrer eigenen Natur ihres Denkens verfallen, um sich der wirklichen Sprengkraft eines solchen Schreibens bewusst zu werden. Zudem denke ich, dass sie, selbst wenn sie sich bewusst gewesen wäre, es nicht hätte unterlassen können. Denn – und das war ihr immer wichtig – Denken lässt keine Geländer zu, es hat keine Grenzen, es soll nur ein Ziel haben: Die Wahrheit. Und Wahrheit bedeutet für Hannah Arendt, „das zu sagen, was ist.“

Der Film ist sicher sehenswert, denn er zeigt das Leben einer wirklich herausragenden Philosophin unserer Zeit. Er behandelt zudem eine Thematik, die unsere Zeit durch ihre Grausamkeit geprägt hat, indem sie das Denken und auch unsere Gesetze massgeblich geprägt hat. Negativ fiel mir auf, dass Hannah Arendt fast schon penetrant rauchend dargestellt wurde. Zigaretten hatten die grössere Präsenz im Film als ihr Geist und ihre Person. Ich bin weit davon entfernt, ein militanter Nichtraucher zu sein, doch fiel mir dieses schon fast als Leitmotiv anmutende Detail störend auf. Die Frage, was es verkörpern soll, lag auf der Hand. Die rauchende Intellektuelle als Kunstbild? Die Nervosität der Denkerin, welche ihre Nerven durch Suchtkrücken still hält? So oder so – ich empfand diese Präsenz als enorm störend und vom wirklichen Inhalt ablenkend.

Fazit:

Ein absolut sehenswerter Film mit einigen Schwachstellen, der aber trotz allem zu denken anregt. Ein Film, der zeigt, dass Denken gefährlich sein kann, vor allem, wenn man es radikal betreibt. Ein Portrait einer grossen Denkerin, die ich ob ihrer Radikalität des Denkens sehr schätze.

28. April

„Der Mensch leidet, weil er Dinge zu besitzen und zu behalten begehrt, die ihrer Natur nach vergänglich sind.“ (Buddha)

Schön, hässlich, angenehm, unangenehm, gewollt, ungewollt – wir gehen durch die Welt und bewerten alles, was wir antreffen. Das, was uns gefällt, wollen wir unbedingt haben und behalten, das, was wir nicht mögen, versuchen wir zu meiden. Leider ist das Leben kein Ponyhof und es nimmt wenig Rücksicht auf unsere Begehrlichkeiten. Dazu kommt, dass Leben immer auch Wandel bedeutet: Was entsteht, wird auch wieder vergehen, was in unser Leben tritt, dieses auch wieder verlassen.
Wie oft fürchten wir uns schon im Vorfeld, dass etwas enden könnte, so dass wir uns einen Teil des Genusses des Guten schon versagen? Wie viel Energie stecken wir in Vermeidungsstrategien bei den Dingen, die wir nicht mögen? Und damit trüben wir die Zeiten, in denen das nicht Gewollte gar nicht da ist.
Wir können die Natur nicht ändern. Natur ist immer auch Veränderung. So lange wir uns dagegen sträuben, werden wir immer auch leiden. Wieso also nicht versuchen, das zu geniessen, was ist, so lange es ist? Um dann zu schauen, was kommt? Was man nie vergessen darf: Veränderung hat auch was Tröstliches, denn: Sind die Zeiten mal nicht gut, dauern auch diese nicht ewig.

Autonomes Lernen

Betrachtet man den herkömmlichen Unterricht, sieht man meist einen Lehrer, der basierend auf einem Lehrplan Stoff vermittelt. Er füllt kleine Kinderköpfe wie Fässer mit Wissen, das diese kurz aufnehmen, behalten, wiedergeben müssen. Darauf basierend werden sie bewertet. Wir haben also einen Klassenverband mit gleichaltrigen Schülern, die beim gleichen Raum zur gleichen Zeit mit den gleichen Lehrmitteln die gleichen Ziele gleich gut erreichen müssen (7G-Prinzip).[1]

Nun sind aber Kinder nicht gleich, sie haben unterschiedliche Fähigkeiten, brauchen unterschiedliche Bedingungen zum lernen und haben ein unterschiedliches Tempo. Wie viel besser wäre also, wenn Kinder die Möglichkeit hätten, sich auf die ihnen eigene Art den nötigen Stoff anzueignen? Wenn sie also „als vielfältige Menschen auf vielfältigen Wegen an vielfältigen Orten zu vielfältigen Zeiten mit vielfältigen Materialien in vielfältigen Schritten und mit vielfältigen Ideen in vielfältigen Rhythmen zu gemeinsamen Zielen kämen“ (8V-Prinzip)[2]?

Mit dem althergebrachten Frontalunterricht ist das sicher nicht zu bewerkstelligen, neue Lehr- und Lernformen sind gefragt. Lehrer sollen nicht mehr länger Lieferanten von Wissensinhalten sein, sondern Begleiter auf dem Lernweg der Schüler. Diese wiederum sind nicht blosse Wissenstanks, die passiv aufnehmen, was präsentiert wird, sondern aktive Lerner, die sich ihr Wissen selber erarbeiten durch autonomes Lernen.

Autonomes Lernen heisst, dass das Lernen eigenverantwortlich erfolgt, die Mittel und Wege selbstbestimmt sind und individuell angewendet werden, den eigenen Bedürfnissen angepasst. Der Schüler ist also frei in der Wahl seiner organisatorischen, zeitlichen, räumlichen, methodischen Mittel. Autonomes Lernen ist mehr als selbständiges Lernen. Beim autonomen Lernen setzt sich der Lernende die Ziele selber. Zwar liegt es in der Natur unseres Schulsystems, dass Lehrpläne Ziele vorschreiben, doch beim autonomen Lernen versucht man, sich diese Ziele zu eigenen zu machen. Je besser das gelingt, desto leichter fällt schliesslich auch das Lernen.

Es liegt schlussendlich in der Verantwortung jedes einzelnen Lernenden, seine sich gesetzten Ziele zu erreichen. Damit diese – meist langfristigen – Ziele erreicht werden können, müssen oft auch kurzfristige zurückgestellt werden. Wenn der Lernende kein Neulernender ist, verfügt er zu diesem Zeitpunkt bereits über ein Repertoire an Lernstrategien. Er wählt nun die für das zu erreichende Ziel passende aus. In der Folge kann er die eigenen Lernfortschritte immer selber kontrollieren und die Fortschritte beurteilen, um zu evaluieren, ob seine Strategie Früchte trägt. Er erkennt dabei auch Hürden und Hindernisse und kann gezielt um Hilfe bitten.

Autonomes Lernen ist je nach Ziel einfacher oder schwerer, bedarf mehr oder weniger Begleitung. Wie diese Begleitung auszusehen hat, ist von Fall zu Fall verschieden. Manchmal reichen methodische Anregungen, manchmal braucht es ein wenig Druck oder aber im Gegenteil Gewährenlassen. Autonomie so verstanden ist keine absolute Grösse, sondern immer zielabhängig. Damit autonomes Lernen gelingen kann, bedarf es einer Beziehung zwischen Lehrer und Schüler, die auf Augenhöhe stattfindet, in der beide ihre Authentizität bewahren und in welcher ein Vertrauensverhältnis herrscht. Der Lehrer tritt nicht länger als Wissender auf, der doziert, sondern als Partner im Dialog. Der Lehrer ist dabei nicht dazu da, den Schüler zu motivieren, sondern er (und die Schule) schafft Bedingungen, unter denen der Schüler sich selber motivieren kann. Dieser ist dann frei in der Wahl seiner Mittel und Wege, er hat die Gelegenheit, in Eigeninitiative und mit Neugier den zu erarbeitenden Stoff zu verinnerlichen.

Damit Autonomie gefördert werden kann, müssen auch Rahmenbedingungen geschaffen werden, die einerseits den Lernprozess unterstützen, andererseits die Zielvorgaben beinhalten und deren Erreichen sichern. Dabei kann ein Lernvertrag helfen: Lehrer und Schüler vereinbaren, welche Ziele zu erreichen sind, in welchem Zeitrahmen das passieren soll und was beide voneinander brauchen, damit das Ziel erreicht werden kann. Auf dieser Basis kann sich der Schüler auf seinen persönlichen Lernweg machen, er wird dabei vom Lehrer begleitet, hat die Möglichkeit, auftretende Probleme mit diesem zu besprechen.

Wichtig ist auch die Umgebung, in welcher autonomes Lernen stattfindet: Die individuelle Herangehensweise an den zu lernenden Gegenstand bedarf eines Lernorts, welcher verschiedenen Lerntypen die nötige Infrastruktur liefert. Es sind Orte zum stillen Lernen wie auch zum Lernen in Gruppen nötig.

Zusammengefasst lassen sich folgende Parameter für autonomes Lernen auflisten:

Autonomes lernen ist

  • individuell
  • selbstbestimmt
  • eigenverantwortlich

Autonomes Lernen braucht

  • eine Beziehung zwischen Lehrer und Schüler
  • Begegnung auf Augenhöhe
  • Vertrauen
  • Empathie
  • eine geeignete Lernumgebung

Ein autonom Lernender verfügt über folgende Fähigkeiten:

  • Er setzt sich selber Ziele
  • Er übernimmt die Verantwortung über seinen Lernprozess
  • Er setzt die Prioritäten innerhalb seiner Ziele
  • Er kann aus verschiedenen Strategien die für das aktuelle Ziel geeignete auswählen
  • Er kontrolliert seine Lernfortschritte und kann diese einordnen
  • Er merkt, wo er Hilfe braucht und kann diese einfordern

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[1] vgl. dazu Peter Fratton, Lass mir die Welt, verschule sie nicht

[2] ebd.

27. April

„Nicht die Dinge selbst, sondern die Meinungen über dieselben beunruhigen die Menschen.“ (Epiktet)

Vor Prüfungen habe ich mich immer dabei ertappt, wie ich mir in den düstersten Farben ausmalte, was alles schief gehen könnte. Vor wichtigen Terminen blieb der Schlaf aus, weil in meinem Kopf die Gedanken drehten – nicht auf erfreuliche Weise. Ich malte mir aus, was alles passieren könnte, stellte mir vor, welche Gefahren und Risiken auf mich warten könnten.

Ich war beunruhigt, ohne dass etwas passiert war. Alles fusste nur auf meinen eigenen Vorstellungen. Eigentlich blöd, oder? Klar können Prüfungen misslingen, Termine können auch wenig erfreulich ausgehen, aber: Sich das schlechte Ende schon vorher immer und immer wieder vor Augen zu führen, wird kaum etwas Positives bringen – im Gegenteil. Es stiehlt mir Zeit und Ruhe und bildet damit keinen guten Boden für das Bevorstehende.

Wie viel besser wäre es also, wenn wir uns vor Herausforderungen aufmuntern und innerlich stärken würden statt uns niederzumachen und in Ängsten zu versinken?

26. April

„Die Welt kann nur gut und rein sein, wenn unser Leben gut und rein ist. Sei rein und gelassen, die gereizte Seele kann das Innere nicht widerspiegeln.“ (Swami Vivekananda)

Bist du auch schon einmal an einem klaren Bergsee gesessen und hast bis zum Grund geschaut? Hast du die Steine gesehen, Fische, die schwammen, und einfach die Ruhe genossen, die in dem See lag und die sich auf dich übertrug? Und hast du auch irgendwann einen Stein genommen, ihn ins Wasser geworfen? Hast dann zugesehen, wie die Kreise sich zogen, wie das Wasser in Unruhe geraten war und der Durchblick zum Grund nicht mehr möglich war?

Mit unserer Seele verhält es sich wie mit diesem Bergsee: Ist sie in Ruhe, ist sie gelassen, ist ein Blick bis zum Grund möglich. Dann erkennen wir uns selber, sehen bis in unsere tiefsten Tiefen hinein. Oft lassen wir eine solche Ruhe gar nicht entstehen. Gedanken rasen durch unseren Kopf, wir hasten von einem zum andern, im Innen wie im Aussen und verschliessen so den Blick auf uns selber. Als ob wir uns fürchteten vor dem, was wir da sehen könnten. Tun wir es?

Wieso nicht einmal innehalten, zur Ruhe kommen und dann hinschauen, was sich zeigt? Wer bin ich tief drin? Was wünsche ich mir? Was treibt mich an? Wer will ich sein? Die Antworten warten nur darauf, gesehen zu werden.

Denken? Unbequem und unerwünscht!

Vor einigen Jahren konstatierte Theo Wehner, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie, in einem Artikel des NZZ Campus*, dass im universitären Betrieb immer weniger Platz zum Denken bleibe, das Studium immer mehr ökonomisiert und dem Arbeitsprozess angepasst würde. Was im Arbeitsbereich schon eine Weile zu beobachten ist, nämlich die systematisierte Abarbeitung gestellter Aufgaben ohne Nachdenken des Einzelnen (das ist weder gefordert noch gewünscht, sondern eher sogar gefürchtet und verpönt), nimmt immer mehr auch im Unialltag Überhand.
Im Zuge von Reformen und Umstrukturierungen wurden viele Lehrgefässe, die das Denken fördern und den Diskurs unterstützen zu freiwilligen Veranstaltungen, während man die Pflichtveranstaltungen verschult und mit kreditwürdigen Aufgaben versehen hat. Ziel ist nicht mehr kreative Denkleistung sondern Erfüllung der für die Kredite notwendigen Anforderungen. Damit sei das Studium globaler integriert, die Leistungen weltweit vergleichbarer. Dass dem nicht wirklich so ist, merkt man spätestens dann, wenn man wirklich versucht, die Universität zu wechseln. Noch immer wird nicht alles von fremden Unis anerkannt, wird zuerst geprüft, nur teilweise angerechnet. Man hat also wenig gewonnen, aber viel verloren.

Nun könnte man natürlich argumentieren, dass diese Massnahmen den Studenten auf die spätere Arbeitssituation vorbereiten, was im Grundsatz sicherlich nicht verkehrt ist, auf diese Weise aber völlig falsch läuft. Dass in vielen Firmen Leistungsbewertungen anhand von intern erstellten Quoten erstellt werden, sie damit also nicht mehr der Leistung des Mitarbeiters gerecht werden sondern nur noch vordefinierten Rankings entsprechen, führt nicht wirklich zu einer Motivationssteigerung bei den Mitarbeitern. Dies kümmert die von Profitstreben getriebenen Firmen wenig, der Mensch ist ersetzbar. Das war bereits Thema innerhalb dieses Blogs: Locker, cool und alles easy. Der Mensch fungiert in diesem Schachspiel als Bauernopfer. Er tut gut daran, das nicht zu hinterfragen, nicht zu viel zu denken, denn damit würde er unbequem.

Dass mit vordefinierten Notenschnitten  in den einzelnen Studiengängen bei Prüfungen gesiebt wird, ist nicht neu. Eine bestimmte Anzahl darf weiter, die Prüfung wird so korrigiert, dass dieses Ziel erfüllt wird. Dieses Vorgehen trägt sicher nicht dazu bei, das eigene Denken zu motivieren, es setzt die Studenten nur unter Druck, möglichst auswendig zu lernen, was gefordert ist, Vorgekautes wiederzukäuen. Das neue Kreditsystem hat aus den Universitäten eine Art Tauschfabrik gemacht: Auswendiglernen gegen Kredite. Das eigene Denken bleibt mehr und mehr auf der Strecke.

Wenn man nun ganz radikal denken möchte, verknüpfe man diese Gedanken mit dem Fazit, das Hannah Arendt aus der Angelegenheit Eichmann zog: Gedankenlose normale Menschen sind in der Lage, die grössten Gräueltaten zu begehen. Weil sie nicht mehr fähig sind, selber zu denken, weil sie es nicht mehr lernen, nicht mehr dürfen, nicht mehr wollen auch, um sich nicht selber zu deutlich in dieser gedankenlosen Maschinerie gefangen zu sehen. Man muss nicht gleich plakativ unken, dass aus jeder Gedankenlosigkeit ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit resultiert, ich denke aber nicht, dass dabei viel Gutes herauskommt. Wozu sind Universitäten gut, wenn nicht dazu, denken zu lernen? Was soll Bildung bewirken, wenn sie nur aus auswendig gelernten Daten und Zahlen besteht? Wie soll man noch selber Schlüsse ziehen können, wenn nur noch die schon von anderen gezogenen wiedergegeben werden dürfen und gut benotet werden? Wie fühlt sich der Mensch, wenn er nicht mehr aufgrund seiner eigenen Leistungen, auch Denkleistungen, bewertet wird, sondern anhand eines profitorientierten Rankings?

25. April

„Denen gegenüber, die mir Böses wollen, laß mich angemessen reagieren, und meine Seele möge gelassen bleiben, was auch geschieht.“ (Babylonischer Talmud)

Es gibt immer wieder Menschen, die dir was Böses wollen. Oft hat das gar nicht so viel mit dir zu tun, sondern mehr mit ihnen selber. Aus einer eigenen Unzufriedenheit heraus agieren sie auf eine Weise, die statt Gutes zu bringen Schlechtes schafft.

Da es leider nicht in unserer Macht liegt, andere Menschen oder die Umstände, in denen wir leben, zu ändern, haben wir nur die Wahl, wie wir darauf reagieren. Wir können uns aufregen, wütend werden, schimpfen hadern, unglücklich sein. Oder aber wir belassen alles da, wo es hingehört, nämlich bei dem anderen Menschen, und konzentrieren uns auf das, was in unserer Macht liegt: Unser eigenes Leben und Verhalten.

24. April

„Begehre nicht, daß die Sachen in der Welt gehen, wie du es willst, sondern wünsche vielmehr, daß alles was geschieht, so geschehe, wie es geschieht, dann wirst du glücklich sein.“ (Epiktet)

Ertappst du dich auch ab und an dabei, zu denken: „Ach, wenn doch nur dies und das anders wäre?“ Und mit welchem Erfolg? Du haderst mit dem, was ist, wünscht dir etwas, das offensichtlich nicht ist. Und fühlst dich dabei alles, nur nicht zufrieden.

Wir können die Umstände nicht ändern, wir können nur bestimmen, wie wir mit ihnen umgehen. Wenn wir das wissen, leuchtet es auch ein, dass der Wunsch, die Umstände könnten anders sein, nicht nur vergeblich, sondern sogar verderblich ist: Er verdirbt unsere Laune.

Wenn also wieder einmal ungünstige Umstände herrschen, frage dich, wie du das beste aus ihnen machen kannst. Und sei dann froh, einen guten Weg gefunden zu haben. Vielleicht stellt sich nicht immer gleich das grosse Glück ein, eine grössere Zufriedenheit aber sicher.

Du lernst für dich

Wie oft hörte ich das in meiner Schulzeit und ich konnte es kaum glauben. Klar, Schule wurde als das hingestellt, was mich auf die Zukunft vorbereiten, das mir den Zugang zu einer Ausbildung, zu einem Studium, zu einer weiterführenden Schule ermöglichen sollte. Und so lernte ich, was mir vorgegeben wurde, zu lernen. Sinn und Zweck sah ich selten, was sich auf die Lernmotivation niederschlug und oft das Lernen eher als notwendiges Übel denn als sinnvolle Tätigkeit erscheinen liess.

Lernen in der Form, wie ich es in der Schule kennengelernt habe, war eigentlich kein wirkliches Lernen, es war eher das Pauken von Inhalten, die mir vom Lehrer frontal gegen den Kopf geschleudert wurde und die ich nun in diesem hätte ansammeln sollen. Dass sich diese Inhalte oft nur kurzzeitig und nur gerade im Hinblick auf eine Prüfung niederliessen, bestärkt die Ansicht, dass von Lernen, wirklichem Verinnerlichen, kaum die Rede sein konnte.

Von vielem, das ich damals gehört habe, ist kaum etwas geblieben. Das ist insofern schade, als ich heute finde, dass ganz vieles davon spannend gewesen wäre, dass es mich eigentlich interessieren würde. Nun ist es nicht so, dass ich ein gänzlich uninteressiertes Kind gewesen wäre, im Gegenteil. Es gelang im Unterricht in der Form schlicht nicht, mein Interesse zu wecken. Das hatte verschiedene Gründe:

  • Ich sah beim Lehrer selten eine eigene Faszination für den Stoff. Meist leierten unsere Lehrer die gleichen Inhalte auf die gleiche Art und Weise runter, wie sie das schon seit Jahren getan hatten.
  • Ich sah in vielen Inhalten keinen Sinn für mein Leben, da ich sicher war, die Mehrheit davon nie mehr im Leben brauchen zu können. Und ich habe recht behalten.
  • Das stupide Auswendiglernen von prüfungsrelevantem Stoff tötete noch den letzten Funken an Interesse in mir.

Und ja, so fühlte es sich schlicht nicht so an, als ob ich für mich lernte – ich lernte für die Schule. Ich lernte für eine Schule, die so ausgerichtet war, dass sie mir Stoff eintrichtern musste nach Lehrplan, welcher für mich nicht relevant war, auf eine Weise, die weder kindgerecht noch lernpsychologisch sinnvoll war.

Nun kann man sagen, dass man es nicht besser wusste. Das wage ich zu bezweifeln, denke ich nur an Aussagen von Humboldt, Dewey oder auch Piaget (um nur einige wenige zu nennen, die Liste wäre lang). Seit da kam die Hirnforschung dazu, welche viele der Aussagen stützte, vor allem aber, dass Lernen, wie es heute in Schulen gefordert wird, nicht den menschlichen Anlagen entspricht.

So oder so: Wenn ein Kind wirklich für sich lernen soll, dann müsste dieses Lernen auf eine ihm mögliche Weise geschehen können und es müsste für sein persönliches Leben einen Sinn ergeben. Im Hinblick darauf, dass wir in unserer immer schneller sich verändernden Welt keine Ahnung mehr haben, welche Berufe es in der Zukunft noch geben wird, wäre es wichtig, dem Kind Fähigkeiten mit auf den Weg zu geben, welche ihm eine Anpassung an diese sich verändernde Welt ermöglichen. Zudem müsste es sich in einer immer mehr zusammenwachsenden Welt orientieren und austauschen können. Es müsste, um in eben dieser Welt friedlich mit andern zusammenleben zu können, Werte verinnerlichen, die dieses Zusammenleben ermöglichen. Es muss wissen, wie und wo es sich Informationen beschaffen und wie es diese verinnerlichen kann – was es von Natur aus könnte, würde man ihm dieses natürliche und autonome Lernen nicht abgewöhnen würde durch zu viele vorgefertigte Antworten, welche das neugierige Fragen im Keime ersticken.

Werte und Fähigkeiten und Kompetenzen in grundlegenden Bereichen, die lebensrelevant in einer Welt des Miteinanders sind, wären also das, was in Schulen vermittelt werden sollte. Dass eine gewisse Allgemeinbildung durchaus sinnvoll ist, soll nicht bestritten werden, allerdings sollte es dem Interesse des Kindes überlassen werden, wie tief es in gewissen Bereichen gehen (nämlich so weit, wie es für seinen persönlichen Lebensweg sinnvoll erscheint) und auf welchen Wegen es sich diesen Stoff erarbeiten will.

Damit plädiere ich nicht dafür, den Lehrer abzuschaffen und die Kinder auf sich selber gestellt zu lassen beim Lernprozess, im Gegenteil. Lehrer sind wichtig. Allerdings sollte ihre Aufgabe weniger in der dozierenden Fachvermittlung liegen, als mehr in der Begleitung auf den individuellen Lernwegen und im Aufbau einer Beziehung, welche dem Kind Halt und einen geschützten Rahmen gibt auf seiner Reise durch die Lernwelten.

23. April

„Wenn dein Haus in Flammen steht, wärme dich daran.“ (Spanisches Sprichwort)

Es gibt Situationen im Leben, denen lässt sich beim besten Willen nichts Positives abgewinnen. Klar kann man versuchen, zu denken, dass es für etwas gut sein könnte irgendwann, man dies nur noch nicht weiss (und ja, das mag sogar so sein), nur: Hier und jetzt ist es nicht schön und durch nichts schön zu reden.

Nach der ersten Trauer, Frustration, Wut über das, was ist, hilft nur eines: Das Beste daraus machen. Dann gilt es, genau hinzuschauen und zu analysieren: Was ist passiert? Welche Ausmasse nimmt das Schlamassel ein? Was kann ich doch noch tun, um den Schaden zu minimieren, noch etwas zu retten, möglichst heil weiter zu gehen. Und dann gilt es, mit neuem Mut das Leben in die Han zu nehmen.

22. April

„Ahme den Gang der Natur nach. Ihr Geheimnis ist die Geduld.“ (Ralph Waldo Emerson)

Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht, Früchte sind nicht aromatisch, wenn man sie nach zu wenig Sonnentagen erntet und aus unreifen Trauben wird kein süsser Wein. Alles in der Natur braucht seine Zeit. Zwar erheben wir uns immer gerne über die Natur, doch sind wir schlussendlich immer ein Teil davon und ihr damit auch unterworfen.

Wenn wir also wieder einmal von Ungeduld geplagt sind und dringend etwas erreichen wollen, sollten wir uns zuerst fragen, was wir ausgesät haben und ob die Zeit wirklich schon reif ist für die Ernte.

21. April

„Leicht muß man sein:
mit leichtem Herz und leichten Händen,
halten und nehmen, halten und lassen …“ (Hugo von Hofmannsthal)

Als wir Kinder waren, haben wir das Leben spielerisch erkundet. Im Spiel lernten wir uns besser kennen, lernten vieles fürs Leben und lachten dabei. Schiller hatte das im Sinn, als er sagte, dass man nur da ganz Mensch ist, wo man spielt, denn nur im Spiel lässt sich das Menschsein in seiner ganzen Form entfalten, lassen sich Dinge probieren. Im Spiel herrscht eine Leichtigkeit, die uns oft im späteren Leben abhanden gekommen ist. Drum heisst es wohl auch, dass man, wenn man erwachsen wird, in den Ernst des Lebens eintritt.

Mit Blick auf Schillers Satz bedeutet das aber auch, dass wir damit einen Teil unseres Menschseins ablegen. Wozu? Um verbissen irgendwelchen Vorgaben nachzurennen, Erwartungen zu erfüllen und Leistungen zu erbringen? Wie wäre es, einfach mal wieder das Spielerische ins Leben zu lassen, das Leben leichter zu nehmen? Es ist nicht alles so ernst, wie es aussieht und ein wenig mehr Leichtigkeit macht das Leben oft nicht nur erträglicher, sondern auch den Umgang mit schwierigen Situationen leichter. Dann würden vielleicht die verbissenen Mienen aufhellen und ein Lachen ginge durch die Welt.

20. April

„Die höchste Krone des Helden ist die Besonnenheit mitten in Stürmen der Gegenwart.“ (Jean Paul)

Auseinandersetzungen, Angriffe, unfaires Verhalten – jeder hat sie schon erlebt und darauf reagiert. Oft reagieren wir aus dem Affekt heraus, wollen gleich antworten, wenn wir angegriffen werden, wollen reagieren, wo wir uns ins Unrecht gesetzt fühlen. Und sehr oft ist genau das nicht wirklich zielführend, sondern es endet in einem unschönen Schlagabtausch in welchem meist alle, sicher aber man selber verliert.

Spontanes Verhalten ist in uns Menschen angelegt und ist durchaus sinnvoll in gewissen Situationen: Wenn ein Löwe auf uns zustürmt, ist es sicher besser, die Beine in die Hand zu nehmen und zu fliehen, anstatt noch lange zu überlegen. In Auseinandersetzungen führt die Flucht nach vorne jedoch meist ins Verderben. Besser wäre es, den ersten Ärger verziehen zu lassen, die Situation zu analysieren und eine angemessene Reaktion auszudenken. Nicht nur besteht so die Hoffnung, einen noch im Keim befindlichen Streit zu umgehen, selbst wenn das nicht gelingt, kann man sich nicht hinterher vorwerfen, unangemessen reagiert zu haben.

19. April

„Weise ist der Mensch, der Dingen nicht nachtrauert, die er nicht besitzt, sondern sich der Dinge erfreut, die er hat.“ (Epiktet)

Ein neues Auto, ein grösserer Fernseher, endlich mal Urlaub, ein paar Kilos mehr oder eine neue Beziehung – du bist überzeugt, dass du glücklich wärst, wenn du nur erst das hättest, was du dir so sehnsüchtig wünschst? Du kannst dich in Tagträumen verlieren, wie du durch die Gegend führest, die Filme endlich geniessen könntest, am Strand lägst, neue Kleider kaufen könntest und die deinem neuen Freund vorführen? Und statt all das zu geniessen, bist du frustriert, weil all das in weiter Ferne ist, du stattdessen das leben hast, das du eben hast?

Wünsche zu haben, ist nicht verkehrt, wenn sie dir aber die Laune vermiesen, ist es höchste Zeit, genauer hinzusehen: Gibt es neben all diesen unerfüllten Wünschen wirklich nichts Gutes in deinem Leben? Wie wäre es, einmal eine Liste mit all den Dingen zu machen, die gut sind, und dich dann daran zu freuen?

18. April

„Es wäre dumm, sich über die Welt zu ärgern. Sie kümmert sich nicht darum.“ (Marc Aurel)

Was gibt es nicht alles für ärgerliche Dinge auf dieser Welt: Unfreundliche Verkäuferinnen, Buschauffeure, die dich kommen sehen und trotzdem abfahren, Autofahrer, die dir die Vorfahrt nehmen, Nachbarn, die ständig Streit suchen, Chefs mit dauerhaft mieser Laune, Lehrer, die ständig Fehler sehen, aber nichts zu leben sehen. Und du sitzt zu Hause und ärgerst dich. Holst dir immer wieder ins Gedächtnis, was dir passiert ist, fühlst erneut, was du in der Situation gefühlt hast, schimpfst über all die Menschen, die dir den Tag versaut haben. Und die? Haben von allem keine Ahnung und lassen es sich gut gehen (wenn sie nicht sind wie du).

Im Moment gibt es eigentlich nur einen Menschen, der dir den Tag vermiest: Du selber mit deinen Gedanken. Bist du sicher, dass du das willst?