Ein Nein ist kein Nein

„Die Vornahme sexueller Handlungen allein gegen den Willen einer Person hat der Gesetzgeber nicht unter Strafe gestellt.“

Man liest den Satz, stockt, denkt, sich verlesen zu haben, liest nochmals. Man liest dasselbe, denkt, sich nicht zweimal verlesen zu können, so dass wohl wirklich da steht, was man las: Keine Strafe für Vergewaltigung. Zumindest nicht, wenn nicht gewisse Kriterien erfüllt sind. Wenn jemand gegen meinen Willen eine sexuelle Handlung mit mir vornimmt (hach, was ist das für ein schönes Deutsch, man könnte – müsste man es nicht schon des Inhalts wegen – kotzen ab der Form), darf er das ungestraft tun. Ein Nein gilt nichts, er darf – von Gesetzes wegen. Ich bitte ihn, aufzuhören? Wen kümmert das? Ihn muss es nicht kümmern, das Gesetz kümmert sich auch nicht drum. Ich sage energisch nein (manchmal kommen Bitten ja nicht an, werden überhört, als nicht dringlich genug eingestuft) – auch kein Grund, mit der Vornahme der sexuellen Handlung (wenn ich nicht aufpasse, bleibt mir das Wort noch und könnte zu schwerwiegenden Störungen in ebensolchen Bereichen führen) aufzuhören. Mann darf tun, was Mann will, ungeachtet irgendwelcher verbaler Einwände seitens der Frau (nun wollte ich auch mal geschwollen daherreden – ist mir gelungen, nicht?).

Frau hat nur eine Chance: Sie muss sich wehren. Sich nicht zu wehren, weil einem der Tod versprochen wird im Falle der Gegenwehr, gilt nicht als legitime Entschuldigung. Sich nicht zu wehren wird als stillschweigendes (ein Nein ist quasi Schweigen, man hört es ja kaum und wenn, darf man es überhören, so dass es quasi ungesagt ist) Einverständnis gewertet. Klar, was soll so ein popeliges Nein auch aussagen? Doch wohl nicht wirklich Nein, doch nicht wirklich, dass Frau nicht will?! Die Torenbuben, die sich solche Gesetze ausdenken, gehen sicher davon aus, dass ein Nein auch ein Vielleicht sein könnte und ab und an gar als Ja durchgehen dürfte. Sie denken frei nach dem Motto: „Du willst es doch auch, du traust dich nur nicht, dazu zu stehen.“ Dann steht der Vornahme einer sexuellen Handlung ja nichts mehr im Wege.

Noch besser ist es, wenn die Frau schläft. Dann hat sie nicht mal etwas dagegen gesagt. Woher hätte der Mann wissen sollen, dass sie nicht wollte? Das kann ja kein Vergehen sein. Auch die Schockstarre oder jedwede traumatisierte Blockade wird von den netten Gesetzeshütern nicht als ausreichender Grund für ein ausbleibendes Wehren anerkannt, um trotzdem noch eine Strafe für den ungewollten Penetranten zu erlangen. Schliesslich muss alles seine Ordnung haben und wer sich nicht tatkräftig wehrt, der hat es gewollt.

Artikel 1 der Grundgesetze nennt die Würde des Menschen unantastbar. Wo aber bleibt die Würde, wenn die körperliche Unversehrtheit nicht mehr mit einem Nein verteidigt werden darf und dieses Nein ausreicht? Wo bleibt diese, wenn ein anderer ungefragt, sogar im Schlaf unbemerkt, mit mir tun darf, was er will, dies vom Gesetz, das dazu da wäre, meine Sicherheit als Bürger zu schützen, geduldet wird?

Man sitzt da und wundert sich – und versteht ein klein wenig die Welt nicht mehr (oder gerade noch besser in ihrem Leiden, wenn man solchen Irrsinn sieht?). Wer weiss, was eine Vergewaltigung mit einer Frau macht, was sie an Schäden, langfristigen, anrichten kann, der kann diese Handhabung nicht verstehen. Wie es sein kann, dass ein Mensch sich über das Nein eines anderen hinwegsetzen darf, wenn es um dessen Körper, dessen Integrität geht, ist ausserhalb jeglichen Verständnisses. Da hilft das Verstecken hinter Paragraphen und Artikeln nicht mehr, wie es Juristen oft gerne tun, da helfen allgemeine Sprüche nicht mehr, da fasst man sich nur noch an den Kopf und fragt sich, wo die Menschlichkeit und der gesunde Menschenverstand geblieben sind. Es bleibt zu hoffen, dass bald ein Umdenken passiert.

Artikel zum Thema:

http://taz.de/Konvention-gegen-Gewalt-gegen-Frauen/!143720/

 

 

 

Eigentlich

Eigentlich wäre ja alles anders geplant gewesen. Ich hätte studiert, den perfekten Mann gefunden, ein Kind gekriegt, ein Haus gebaut, wäre glückliche Hausfrau gewesen, hätte meine Projekte gemacht und ansonsten den Garten bewässert, den Haushalt geschmissen, das Kind erzogen, den Mann beglückt. Das war mein Traum. Eigentlich.

Nun mag man einwenden, dass dies ein eher veraltetes Ansinnen sei, dass man, wollte man das tun, auch gar nicht studieren müsste, sondern gleich die Schürze umbinden könnte. Trotzdem war es mein Traum und bei aller Unlogik und Antiquiertheit war er genau so! Und da gehörte all das zu diesem Traum dazu. Eigentlich.

Ich habe gut begonnen, das Studium habe ich gemacht, den Mann kennengelernt. Er war nun nicht wirklich perfekt. Ich auch nicht. Das Kind kam. Also wieder auf Kurs. Doch dann war der Mann weg – oder ich – vermutlich beide. Aus dem Haus wurde nix, die Projekte starben an täglichen Notwendigkeiten. Haushalt machte ich nie gerne und das blieb bis heute so. Und der grüne Daumen hat sich auch noch nicht gebildet, was mangels Garten aber kein Problem ist, die Zimmerpflanzen gehen bei uns ein und aus. So gesehen: eigentlich alles falsch. Eigentlich.

Eigentlich könnte man nun sagen, das war’s, gescheitert. An den Träumen, in der Realität. Allerdings ging das Leben weiter und es hatte gute Zeiten. Auch andere, die gehören aber wohl dazu. Die wären auch im Traumleben so gewesen, da ein zur Realität gewordener Traum immer den lebendigen Herausforderungen ausgesetzt ist. Und eigentlich ist es auch gut so. Klar, ich träume noch heute ab und an vom Familien-Haus-Garten-Leben mit Projekten und Kuchenduft in der Küche, blicke auch mal wehmütig zurück und frage mich, wo die Abzweigung falsch war, was gewesen wäre, wenn ich dann oder wann anderes gewesen wäre, anders gehandelt und entschieden hätte. Und schaue dann wieder nach vorne und gehe weiter.

Eigentlich war also alles anders gedacht gewesen. Und nun sitze ich hier und alles ist so, wie es ist und damit anders, als ich es gewollt hatte. Und ich werde wohl nie mehr dahin kommen, wo ich hin wollte. Weil das Leben kein Traum, sondern eben Realität ist. Das muss aber auch gar nicht schlecht sein, denn wären meine Träume in Erfüllung gegangen, wäre mir ganz viel in meinem Leben nicht passiert, auf das ich nicht verzichten wollen würde. Ich wäre Menschen nicht begegnet, die mir viel bedeutet haben, und auch denen nicht, die mir heute was bedeuten, weil ich ganz andere Wege gegangen wäre. Ich hätte viele Erfahrungen nicht gemacht, die mich im Leben weiter gebracht haben, dahin, wo ich heute bin. Nicht alle waren schön, nicht alle waren erträumt, einige waren sogar ziemlich übel, traurig, schrecklich. Und doch haben sie alle etwas in meinen Rucksack gepackt, den ich tagtäglich durchs Leben trage, auf den ich zurückgreifen kann, wenn ich auf Situationen stosse und etwas davon brauche.

Eigentlich ist also alles gut. Eigentlich.

 

 

Paul und Pauline

Wenn ich mir so den Paul anschaue, dann hat er alles, was so ein richtiger Mann haben sollte. Er ist intelligent, charmant, sieht gut aus, kümmert sich um mich, buhlt um mich, versteht alles, was ich sage, findet alles gut, was ich mache, versteht nicht, wie das mein Mann nicht machen kann. Ja – mein Mann. Der ist nicht wie Paul. Mein Mann hat Fehler. Und zwar so richtig viele. Von den Socken am Boden angefangen über Chaos wohin man schaut bis hin zu so unangenehmen Angewohnheiten, die ich gar nicht alle aufzählen will, da sie mir sonst nur wieder zu präsent sind und ich mich darüber aufrege. Wieso ich diesen Mann habe und nicht Paul? Paul war grad nicht im Angebot, als ich meinen Mann kennen lernte und zudem war mein Mann auch mal ein Paul.

Was ist geschehen? Wo hörte mein Mann auf, Paul zu sein? Wo ging Paul verloren und mein Mann blieb? Und wieso kommt nun ein neuer Paul, wenn ich doch meinen Mann habe? Ich möchte eigentlich keinen Paul haben, denn der zeigt mir die Schwächen meines Mannes noch viel deutlicher. Und ich möchte keinen Mann haben, denn dann könnte ich Paul haben. Gut, ich könnte meinen Mann verlassen und Paul nehmen, Paul wäre bereit und würde sich freuen, er findet mich ja so gut und er ist ja auch so gut. Aber das macht man nicht. Nicht so einfach. Oder doch?

Allerdings: Wenn mein Mann auch mal Paul war und nun mein Mann ist, was ist, wenn Paul auch plötzlich mein Mann und nicht mehr Paul ist? Was, wenn ich dann wieder einen Paul treffe und wieder dastehe und einen Mann habe statt einem Paul? Was, wenn ich dann wieder von Mann zu Paul wechseln muss und wieder nur warten kann, bis auch aus dem Paul ein „mein Mann“ wird? Ist nicht jeder Paul ein Mann? Und sieht man nicht nur anfangs den Paul und irgendwann nur noch den Mann? Ist das der Lauf des Lebens? Oder aber der Lauf der eigenen Wertigkeiten? Vielleicht ist es auch der Preis der Nähe?

Je näher ein Mensch kommt, je mehr Zeit man mit ihm verbringt, desto mehr kommen alle Seiten zum Tragen. Zeigt man in frühen Phasen des Zusammenseins nur die guten, will man das zwar vielleicht später auch noch – wobei eine gewisse Nachlässigkeit wohl sicherlich normal ist –, aber es lässt sich nicht mehr so einfach durchhalten, weil die Zeiten, die schlechten auszuleben, kleiner werden, während die gemeinsamen Zeiten zunehmen, so dass es nicht ausbleibt, dass man eben die nicht gewollten Seiten öfters mal zu sehen kriegt. Während anfangs die Socken in Pauls Wohnung ungesehen am Boden liegen, tun sie das irgendwann in der gemeinsamen und fallen da ins Auge. Wer weiss, was bei Paul zu Hause alles so rumliegt?

Und irgendwann kommt es hart auf hart. Und Paul sucht das Weite, weil alles so schwierig und alles so kompliziert ist und Paul eigentlich lieber schönes Wetter hat als Regen. Und mein Mann steht da und zückt den Regenschirm. Und ich denke: Was kümmern mich Socken, wenn ich nicht im Regen stehen muss? Was störe ich mich an all den Kleinigkeiten statt die wirklich wichtigen Dinge zu sehen? Wieso bin ich nicht dankbar für das, was ist, statt zu hadern über das, was nicht ist? Natürlich ist nicht alles erlaubt und ein wenig Paul täte jedem Mann gut. Aber ich bin ja auch nicht nur Pauline, sondern ab und an halt auch nur die Frau  mit Jogginghose und schlechter Laune. Ab und an bin auch ich nur die Frau, welche nicht alles am Manne lobt und gut findet und ihn den schönsten und liebsten und besten, und trotzdem erwarte ich, dass er nicht gleich zu einer Pauline springt, die all das tut, weil er das ja durchaus sein kann – und mal war für mich und noch sein könnte, würde ich nicht nur die Socken und Alltäglichkeiten sehen.

Vielleicht sollten wir immer mal wieder den Paul im eigenen Mann sehen und auch ab und an Pauline sein.

Mann und Frau – Bilder in Köpfen

Kürzlich schrieb ich bei Facebook, dass ich mir überlege, einen zweiten Hund in die Familie zu holen. Neben vielen sachlichen und auch gefühlvollen Argumenten dafür und dagegen erhielt ich eine private Nachricht, in der mir ein Mann sagte, dass ich das unbedingt sein lassen müsse, da ich sonst, wenn ich neben Kind, Hund und zwei Katzen noch einen zweiten Hund hätte, erst recht keinen Mann fände.

 ___________

Vor ein paar Tagen schnitt ich meine Haare von relativ lang zu knapp kinnlang ab. Ich stellte das Bild als Profilfoto in meinen Messenger und erhielt kurz darauf eine Nachricht, die weder Anrede, noch sonstiges erhielt, nur das: NEEEEIIIN!!! Darauf folgte, der Schritt sei zwar wettermässig verständlich, deswegen aber noch lange nicht nachvollziehbar.

 ___________

Es gab mehrere Gelegenheiten, bei denen jemand mit mir oder ich mit ihm abmachen wollte. Von grosser Freude über ein Treffen oder Wiedersehen wurde gesprochen, dann aber von Mannes Seite erwähnt, wie eingespannt er sei, er werde sich dann kurzfristig melden. Und prompt kommt eines Tages ein SMS, ich bin nun grad frei, wir könnten uns spontan zum Kaffee treffen.

Bei all diesen Ereignissen stellen sich bei mir die (nun kurzen) Haare auf. Mit welchen Frauenbildern schlagen sich Männer teilweise rum? Denken sie allen Ernstes, wir sitzen hier, richten unser Leben genau so aus, dass es für einen potentiell interessierten Mann passt? Gestalten wir unsere Frisuren nach den gängigen Geschmäckern irgendwelcher Herren, die nicht mal den Anstand und die Umgangsformen einer menschlichen Kommunikation kennen? Sitzen wir wirklich nur auf Abruf da und hoffen auf ein gnädig eröffnetes Zeitfenster im ach so gefüllten Zeitplan des wichtigen Mannes? Wo in der Zeit sind diese Herren stehen geblieben?

Die andere Frage, die sich mir stellt ist, ob es wirklich Frauen gibt, die sich genau so verhalten, wie diese Männer es vorgeben. Von irgendwo müssen die Herren der Schöpfung ja dieses Verhalten haben und es muss schon Erfolg gebracht haben, sonst hätten sie es vielleicht verändert? Sollte das Ergebnis von jahrzehntelanger Emanzipationsbewegung wirklich sein, dass Frau immer noch ihr Leben dem des Mannes anpasst und damit unterordnet, damit sie ja nicht alleine dasteht? Wer hat überhaupt gesagt, dass sie einen Mann sucht und braucht? Zumindest tut sie das nicht mehr als der Mann auch die Frau braucht, sind wir doch alle soziale Beziehungstiere.

Ich habe das nicht immer so gesehen. Es gab durchaus Zeiten in jüngeren Jahren, in denen ich betroffen gewesen wäre ob der Reaktion auf meine Frisur, in der ich gesprungen wäre auf den Pfiff des gnädigen Herrn mit dem Zeitfenster und alles getan hätte, um ja nicht auf der Liste der ungewollten Frau zu landen. Ich war zu wenig sicher, wer ich bin und was ich selber vom Leben wollte. Ich dachte, ich könne doch nicht einfach meinen Weg gehen, müsse mich anpassen. Ich gestand mir selber zu wenig Selbstwert zu und stellte damit die anderen mit ihren Meinungen und Bedürfnissen über mich. Dass dies vor allem im Austausch Mann – Frau passiert, hat eine lange gewachsene Tradition. Diese zu durchbrechen bedeutet nicht, nun in einen sinn- und wahllosen Geschlechterkampf einzusteigen, wie es teilweise geschieht. Es heisst ledigilich, sich selber als Mensch unter gleich würdigen und gleichwertigen Menschen zu sehen und zu sich selber zu stehen. Es heisst, sich ernst zu nehmen und sich dadurch den Wert zuzuschreiben, den man hat und haben sollte – für sich und für andere.

Beziehungen von gestern?

Früher wurden Beziehungen aus verschiedenen Gründen eingegangen. Liebe war selten zentral dabei, ökonomische und (familien)politische Überlegungen waren vordergründig. Durch die übliche und gesellschaftlich einzig akzeptierte Rollenverteilung war Frau, einmal geheiratet, gar nicht mehr in der Lage, sich anders zu entscheiden. Hätte sie es getan, wäre sie nicht nur gesellschaftlich geächtet gewesen, sondern auch wirtschaftlich ruiniert, hing sie doch am Mann dran. Sie war aber selber durchaus zu was gut, galt doch ein verheirateter Mann vor allem auch beruflich als gefestigter, hatte er noch eine Vorzeigefamilie, stieg er gar zum Bilderbuchmann auf. Was er nebenher so laufen hatte, kümmerte keinen, denn das hatte jeder, man wusste es, man sah drüber weg. Man hatte wohl nicht den Anspruch, dass es anders wäre, da man gar nicht die Hoffnung hatte, es könnte anders sein.

Die Zeiten haben sich geändert, die herkömmlichen Rollenmuster sind aufgeweicht und politische und finanzielle Heiratsgründe verpönt. Die Liebe zählt – und nur sie allein. Was auf Liebe gründet, soll ewig währen. Nebengeschäfte sind tabu. Dass es sie noch immer gibt, weiss man, will man aber nicht wirklich wahrhaben oder aber man hofft, dass der Kelch an einem vorüber zöge. Frau hat den Vorteil, einfach gehen zu können, sie hat heute Möglichkeiten und Wege, hängt nicht mehr zwangsläufig am Mann dran. Mann findet sich als nicht verheirateter in guter Gesellschaft, je höher die Karrierestufe – so liest man – in umso zahlreicherer.

Die Scheidungsraten sind gestiegen, Beziehungen sind nicht mehr Dauerware, sondern höchstens Etappen füllend. Woran liegt es? Bauen Beziehungen auf dem falschen Grund auf? Ist Liebe zwar wunderbar zu haben aber nicht dauerhaft? Ist es mit den Gefühlen zu Menschen wie mit dem Geschmack beim Essen? Das heutige Leibgericht ist morgen ersetzt? Wechseln wir nicht nur unsere eigenen Wesensarten, sondern damit auch das, was wir im Aussen suchen? Möglich wäre es.

Die heutige Unabhängigkeit von Mann und Frau könnten aber auch die Erwartungen ans Gegenüber wachsen lassen. Da ich den anderen nicht wirklich brauche, muss er noch viel besser sein, damit ich bleibe, denn ich muss ja nicht. Wenn man bleiben muss, sieht man (gezwungener Massen) über mehr hinweg als wenn man gehen kann. Sicherte früher das Bleiben das (zumindest gesellschaftliche) Überleben, so kann heute schneller der Gedanke aufkommen, dass Bleiben eher das Leben belastet. Wozu etwas behalten, das man nicht braucht und das nicht ist, was man gerne hätte?

Wozu also geht man heute noch Beziehungen ein, wenn man sie nicht mehr braucht (zum Überleben) und Liebe selten ewig hält? Ist der Mensch von heute Einzeltierchen mit zeitweiligem Bedürfnis nach Austausch, jegliche weiterführende Verbindlichkeit mehr Ballast denn Lust?

Ellen Berg: Ich koch dich tot. (K)ein Liebesroman

Nicht nur Liebe geht durch den Magen

Auf Zehenspitzen näherte sie sich ihm. Beugte sich über die reglose Gestalt. Sah die starren, weit aufgerissenen Augen. Dann liess sie die Dessertschüssel fallen. Scheppernd zerbrach sie auf dem Natursteinboden. Werner atmete nicht. Er würde nie wieder atmen. Er war tot.

Vivi ist soeben ihren Gatten und Haustyrannen Werner losgeworden. Er starb am Rattengift, welches ins Essen gelangt ist. Ist sein Tod noch ein Zufall, welcher Vivi aber durchaus gelegen kommt, so sind die nächsten toten Männer, welche sich als Enttäuschung entpuppen, geplant. Es wird gekocht, was das Zeug hält, die Folgen lassen nicht lange auf sich warten. Bis das Blatt sich wendet und der Richtige kommt. So sieht es zumindest aus.

Auf locker flockige Weise erzählt Ellen Berg die Geschichte ihrer mörderischen Köchin Vivi. Ihre Suche nach dem richtigen Mann fürs Leben endet immer mit dem Tod. Die im Anhang nachgereichten Rezepte laden zum Nachkochen ein, die nötigen Zusätze für alle Fälle erfährt man im Buch.

Fazit:
Leichte und amüsante Unterhaltung für zwischendurch. Sehr empfehlenswert.

Zur Autorin
Ellen Berg
Ellen Berg, geboren 1969, studierte Germanistik und arbeitete als Reisebegleiterin und in der Gastronomie, wo sie auch die erotische Küche kennenlernte. Sie lebt mit ihrer Tochter auf einem Bauernhof im Allgäu. Von ihr erschienen sind Du mich auch. Ein Rache-Roman (2011), Das bisschen Kuchen. (K)ein Diät-Roman (2012), Den lass ich gleich an. (K)ein Single-Roman (2013).

BergkochdichAngaben zum Buch:
Broschiert: 320 Seiten
Verlag: Aufbau Verlag GmbH (20. Mai 2013)
ISBN-Nr.: 978-3746629315
Preis: EUR 9.99 / CHF 15.90

Online zu kaufen bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Pfauen und andere Tierchen

Sieht man das männliche Pfauentier mit stolz geschwellter Brust daher schreiten, den Schweif in bunter Farbenpracht gespreizt, förmlich schreiend nach Bewunderung, nimmt sich das eher blasse, kleine Weibchen daneben sehr unscheinbar aus. Ihn scheint das nicht zu stören, sie offensichtlich auch nicht, ist sie sich des Umstandes wohl auch nicht bewusst. Und so leben die beiden glücklich und einträchtig in ihren von der Natur zugedachten Rollen.

Da stehen wir Menschen und haben dieses Ding, das Bewusstsein heisst. Und wir merken all das, was die kleine Pfauenfrau nicht merkt. Und wir nehmen Anstoss daran. Zumindest heute und in unserer westlichen Zivilisation. Früher war auch hier die oben genannte Rollenverteilung normal, der Mann das grosse Tier nach aussen, die Frau im stillen Kämmerlein. Schulbildung war versagt, Weiterbildung sowieso. All das musste mühsam erkämpft werden. Dass dieser Kampf heute ab und an merkwürdige Blüten treibt, ist hier nicht Thema.

Der Mann[1] fühlte sich wohl in dieser Rolle, sah sich von den Frauen bewundert und in der starken Rolle des Ernährers, Beschützers und Mann von Welt. Er sonnte sich in seiner Rolle und noch mehr in der Bewunderung der Frau. Sie definierten sich und ihren Selbstwert dadurch. Durch die veränderten Bedingungen heute, in denen Frauen (rein theoretisch zumindest) dieselben Wege und Möglichkeiten offen stehen wie den Männern, sie diese auch gehen und ergreifen, kommt dieses Selbstverständnis ins Wanken. Was ist der Mann, wenn er nicht mehr der Grosse ist? Ist er dann noch ein Mann? Wird er noch als solcher wahr und ernst genommen?

Hannah Arendt hatte eine viel beschriebene Beziehung zu Martin Heidegger. Er der grosse und charismatische Professor, sie die kleine und unsichere Studentin. Die Beziehung blieb, als sie an eine andere Uni wechselte, auch später noch hatte sie Bestand. Zwischen den beiden galt die ungeschriebene Regel, dass sie ihm nie sagen durfte, dass sie auch nur eine Zeile selber geschrieben hatte. Nie durfte sie sich selber als (grosse oder erfolgreiche) Denkerin offenbaren, sie musste in der Beziehung die Kleine bleiben, die zwar seine Schriften kommentieren durfte (bevorzugt loben), selber aber nichts zustande bringt. Sie hat sich über viele Jahre daran gehalten. Als sie die Regel umging und ihm ein Buch von sich schickte, stiess sie auf Mauern.

Noch heute ist dieses Verhalten in vielen Köpfen drin. Der Mann als grosser Held möchte über der Frau stehen. Er möchte bewundert sein, denn daraus schöpft er noch immer seinen Selbstwert, damit identifiziert er noch oft sein Mannsein, weil es ds ist, was er kennt, das, was bislang die Regel war. Selbst wenn er das bestreitet, es drückt oft durch und ist mittlerweile auch Thema vieler Abhandlungen, Zeitungsartikel und psychologischen Studien geworden. Alte und hergebrachte Muster lassen sich nicht so einfach durch theoretische Wertänderungen ersetzen. All die Gedanken von Gleichberechtigung und Gleichstellung, von gleicher Augenhöhe und gleichen Möglichkeiten sind durchaus anerkannt und werden als wichtig erachtet. Im menschlichen Miteinander hinken wir emotional noch hinterher. Der Mann möchte tief drin immer noch seinen Federkranz mit geschwellter Brust präsentieren, die Frau soll bewundernd von unten aufschauen.

Die (menschliche) Natur ist träge in ihren Veränderungen und auch der Geist und das von diesem gesteuerte Verhalten reagiert nur langsam. Die Synapsen im Gehirn müssen sich erst neu bilden und festigen, bevor ein neues Verhalten in Fleisch und Blut übergegangen ist. Bis dahin hilft wohl nur, sich immer wieder bewusst zu werden, was man eigentlich will im Leben. Und das betrifft beide Geschlechter. Es sind nicht nur die Männer, die sich gerne brüsten, es gibt auch immer noch genug Frauen, die nur den als Mann achten, der genau das tut. Damit wird dieses Verhalten immer wieder von Neuem bestärkt und die Veränderung (auch der Gesellschaft und damit der tatsächlichen Möglichkeiten, nicht nur der theoretisch gedachten) wird nach hinten geschoben.


[1] Es ist durchaus klar, dass jeder Mensch anders ist und nicht jeder Mann dem anderen gleicht. Es geht hier mehr drum Tendenzen zu beschreiben als Individuen zu klassifizieren.

Ulla Egbrinhoff: Franziska von Reventlow

Fanny Liane Wilhelmine Sophie Adrienne Auguste Comtesse zu Reventlow wurde am 18. Mai 1871 in Husum geboren. Ihr Lebensweg führte über Lübeck, München bis hinab nach Ascona, wo sie am 26. Juni 1918 starb. Es war ein bewegter Weg, ein Weg voller Brüche, voller Kampf um die eigenen Ideale und eine ständige Suche nach Freiheit, Unabhängigkeit.

Ich will überhaupt lauter Unmögliches, aber lieber will ich das wollen, als mich im Möglichen schön zurechtzulegen.

Aufgewachsen in einem sehr konservativen Elternhaus, unterdrückt von einer Mutter, die aus ihr eine der Zeit und dem Stand angepasste junge Frau machen wollte, brach sie alsbald aus diesem Leben aus und brach damit mit ihrem Elternhaus. Sie wollte sich nicht abfinden mit den mangelnden Möglichkeiten als Frau, sah sich zur Künstlerin, zur Malerin geboren.

Franziska zu Reventlow widersetzte sich den Konventionen ihrer Zeit. Sie setzte sich für sexuelle Freizügigkeit ein, war allein erziehende Mutter eines Sohnes, den sie über alles liebte, dessen Vater sie aber zeitlebens nicht bekannt gab. Sie unterhielt wechselnde und teilweise überschneidende Männerbekanntschaften und verkehrte in Münchens Künstlerkreisen, ständig mit Geldsorgen kämpfend. Ihr Job als Übersetzerin reichte kaum je für den Lebensunterhalt, die gelegentlichen Geldbeschaffungsmassnahmen machten auch vor Körpereinsatz nicht Halt. Zwar hätte sie einige Male die Möglichkeit gehabt, in den Ehehafen einzulaufen und damit auch eine sicherere Lebensgrundlage zu haben, doch konnte sie sich nicht dazu entschliessen, ihre Freiheit aufzugeben.

[…] es liegt nun einmal tief in meiner Natur, dieses masslose Streben, Sehnen nach Freiheit. Die kleinste Fessel, die andere gar nicht als solche ansehen, drückt mich unerträglich, unaushaltbar und ich muss gegen alle Fesseln, alle Schranken ankämpfen, anrennen.

Gab sich Franziska von Reventlow nach aussen lebenslustig und kämpferisch, kämpfte sie im Innern oft mit Depressionen und auch Einsamkeit. Die angeschlagene Gesundheit machte ihr auch oft zu schaffen. Trotz allem liess sie sich nicht von ihrem eigenen Weg abbringen, begann, als sie merkte, dass es mit der Malerei nicht klappte, zu schreiben und veröffentlichte Erzählungen in Zeitschriften wie der Neuen Rundschau oder Zürcher Diskussionen.

1900 beginnt sie mit ihrem autobiographischen Roman Ellen Olestjerne, welchen sie 1903 publiziert. Es folgen noch weitere Romane, doch aus ihren finanziellen Nöten kommt sie nicht heraus. 1910 zieht sie mit ihrem Sohn nach Ascona, wo sie 1918 bei einer Operation stirbt.

 Ich finde, dass das Leben [der Reventlow] eins von denen ist, die erzählt werden müssen, dass man es vor allem jungen Mädchen und jungen Männern erzählen muss, die das Leben anfangen wollen und nicht wissen wie. (Rainer Maria Rilke in „Die Zukunft“, 1904)

Ulla Egbringhoff hat dieses Leben dargestellt und dies auf eine sanfte, menschliche und fundierte Weise. Sie hat ein klares Bild der Lebensumstände und der damaligen Gesellschaft gezeichnet und die eigenwillige und kämpferische Künstlerin hinein gebettet. Die konventionellen Geschlechterrollen sind dabei ebenso Thema wie künstlerische Strömungen und gesellschaftliche Erwartungen.

Franziska von Reventlow wird in diesem Buch lebendig, man fühlt sich ihr verbunden, erkennt in ihr eine Frau, die ihren Weg gehen will und dafür einen hohen Preis zahlt. Das Buch handelt vom Leben einer Künstlerin, die in sich einen enormen Lebenswillen und Freiheitsdrang spürt, dem sie nicht entkommen kann. Sie muss diese ausleben, verzweifelt dabei aber innerlich ab und an, fühlt sich unzulänglich und allein.

Fazit:
Das Portrait einer unkonventionellen, freiheitsliebenden, kreativen Frau, welche sich ihre eigene Welt schaffte und doch nie zu Hause schien. Absolut empfehlenswert.

Zur Autorin
Ulla Egbringhoff
1965 in Metelen/Westfalen geboren, studierte Ulla Egbringhoff in München und Köln Literatur, Theaterwissenschaften und Philosophie. Es folgten verschiedene Tätigkeiten als Regieassistentin, Mitarbeiterin der Heinrich-Böll-Stiftung, Rundfunkbeitrräge für den WDR sowie Aufsätze zu Autorinnen der Jahrhundertwende.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 158 Seiten
Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag (August 2000)
Preis: EUR 7.90 / CHF 12.50

Zu kaufen bei: AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

 

Ich bin schön

Heute las ich einen Artikel über Models, die sich die kleinen Zehen amputieren lassen, um besser in Stöckelschuhe zu passen. Kürzlich sah ich ein Finalbild eines Modelcontests und die Siegerin war Haut und Knochen. Die Mutter gab noch an, sie hätte ihrer Tochter geholfen, ein paar Pfunde zu verlieren im Hinblick auf diesen Wettbewerb. Dass das gute Kind schon vor der Abnahme nach gesundheitlichen Massstäben untergewichtig war, schien sie nicht zu kümmern. Alles für die Schönheit, alles für den Erfolg.

Die Modelwelt hat Schönheitsideale, die Gesundheitsaspekte ignoriert. Sie stellt Menschen aufs Podest, die sich diesem Diktat unterordnen auf Kosten ihrer Gesundheit, auf Kosten jeglicher Vernunft. Wozu? Für die paar Jahre Rampenlicht? Für das Geld, das lockt, wenn man wirklich on the top ist (drunter hat man nur die gesundheitlichen Risiken und hangelt sich von Casting zu Casting). Ist die Verheissung von Ruhm und Ehre so gross, dass der eigene Körper und dessen Wohlergehen nichts mehr zählt?

Man muss gar nicht so weit gehen. Schon im realen Leben (weit ab vom Scheinwerferlicht der Modelmärchenwelt) hat der Schönheitswahn Einzug gehalten. Frau muss schön sein. Sie muss gefallen. Sie will gefallen. Dafür ordnet sich alles unter, auch die eigene Gesundheit.

Schaut man auf Singlebörsen, sieht man Männer, kaum hübsch zu nennen, ein paar Kilos zu viel, ein paar Jahre über dem Zenit, die junge, schlanke, sexy Frauen suchen. Mit welchem Recht? Wieso denkt ein abgehalfterter Grufty, er könne sich gehen lassen, dürfe sich aber eine Frau an seiner Seite wünschen, die, um ihm zu gefallen, grossen Aufwand betreibt? Und wieso lässt sich Frau drauf ein? Sind wir nicht in einer emanzipierten Zeit, wo Frau gleiche Rechte hat wie Mann? Auf dem Papier schon, in den Köpfen nicht. In beider Geschlechter Köpfen nicht.

Kämpft Madame Feministin zwar auf allen Parketten der Genderdiskussion, geht sie danach heim, zieht den Lippenstift nach und pudert das Näschen, zwängt sich in Highheels (hoffentlich mit 5 Zehen pro Fuss) und stöckelt dann durch die Strassen, neben ihr der Mann in Jeanslook und Turnschuh. Er darf das, sie wäre damit out. Besteht sie auf Schlabberlook und Ökobluse, unterliegt sie neben all den anderen, die sich dem Diktat unterwerfen. Die stöckeln mit hohen Schuhen, roten Lippen und Kriegsbemalung (denn es herrscht Krieg in der Frauenwelt; jede sieht die andere als Rivalin im Kampf um den ach so begehrten Mann und dessen Aufmerksamkeit) daher, lächeln vornherum nett und spannen hintenrum den Mann aus. Die Schlampen, die, ruft die Unterlegene aus. Nun gut, jedes Spiel hat Verlierer.

Man könnte ketzerisch sein und sagen: Die (menschliche) Frau ist die Unterlegene im Evolutionsspiel. Plustert sich im Tierreich das Männchen auf, um dem Weibchen zu imponieren und es abzukriegen, hat sich im Menschendasein das Ganze gedreht. Frau muss sich verbiegen, um im Kampf der weiterzugebenden Gene zu obsiegen.

Ich erinnere mich an einen Einkaufsbummel mit meinem geliebten Vater. Das muss nun 24 Jahre her sein. Er schimpfte mit mir, weil alle  anderen Mädchen nette Jupes und Kleidchen trugen, ich ungeschminkt in Jeans daher kam. Ich solle mal was aus mir machen, meinte er. Ich erwiderte ihm, dass mich der, welcher mich möge, so nehmen müsse, wie ich sei.

Ich erinnere mich an ein Modelangebot in Jugendtagen. Mein Dad hätte meine Setcard arrangiert. Von seinem Umfeld im Winterthurer Landboten hatte er die Kontakte, auch zu Fotographen. Ich liebäugelte damit, war geschmeichelt. Sagte dann, dass ich es nicht mögen würde, auf mein Äusseres reduziert zu werden. Mein Inneres sei wichtiger.

Die Aussagen klingen cool. Sie klingen selbstbewusst. Das war und bin ich bei Weitem nicht. Ich zweifle oft. Sehe all die zurecht geschminkten Wesen in den Strassen. Wünschte mir ab und an, eines von Ihnen zu sein. Finde sie schön, mich blass. Sehe ihre Fotos auf Facebook und Twitter und lösche alle von mir, weil sie hässlich sind, wie ich finde. Doch ab und an schaue ich in den Spiegel und denke „so schlecht bist du auch nicht“.

Wo ist die Lösung? Ich habe keine Ahnung. Ich kann leider auf hohen Schuhen nicht gehen. Lippenstift mag ich nicht, fühlt sich so fremd an. Was ist schön? Wer legt den Masstab fest? Die Wirtschaft geht flöten, in den Zeitungen werden Ideale propagiert, die ungesund sind, jeder will der Schönste sein, am Meisten haben. Das Streben nach Erfolg und Ruhm ist die erste Priorität geworden. Dieses Streben lässt Werte wie Moral, Gesundheit, Natürlichkeit als Witz dastehen. Dass die Menschen daran kranken, nimmt man wahr, erörtert es in Boulevard-Medien und gesellschaftskritischen Aufsätzen, kämpft vor der Kamera für gleiche Rechte der Geschlechter, um sich hinter selbiger die Lippen nachzuziehen.

Bin ich böse? Vielleicht schon. Bin ich frustriert? Nicht grundsätzlich. Ich habe alle Zehen, darf in Turnschuhen gehen und zu Hause meine Schlabberhosen tragen. Ab und an beneide ich die überschminkten Schönheiten in Kosmetikabteilungen in Warenhäusern. Im morgendlichen Stress mit Schulkind bin ich froh, nicht den Aufwand betreiben zu müssen. Wo ist die Lösung? Ich bezweifle, dass es eine gibt. Die Welt nimmt ihren Gang. Man muss entscheiden, wo man sich einordnen will. Und dann damit leben.

Kampf der Geschlechter

Genderdebatten, Gleichberechtigung, Emanzipation, Feminismus – Schlagwörter, die die letzten Jahre und Jahrzehnte dominierten. Die Frau soll weg aus ihrer unterdrückten und benachteiligten Lebensrolle und hinein in die grosse weite Welt mit all ihren Möglichkeiten. Sie soll sich nicht länger dem Mann unterordnen. Patriarchat war gestern, vorgestern, aber sicher nicht heute. Heute steht die Frau ihren Mann, zeigt allen, was in ihr steckt  – sie macht alles selbst, sie ist nun gross, sie kann das. Die Frau am Herd hat ausgedient, heute sitzt sie am Bürotisch und ist gleich dreimal so toll dadurch.

Deutschland stimmte unlängst im Parlament darüber ab, ob auch Familien Anspruch auf Betreuungsgeld haben sollen, deren Kinder zu Hause betreut werden. Ein Aufschrei ging durch die Reihen, viele distanzierten sich eigentlich davon, trotzdem kriegte die Lösung ein Mehr (blosse Zugeständnisse hiess es…). Das sei ein Rückschritt, ein Schlag ins Gesicht der Frauen und ihrer Vorkämpferinnen. Die Frauen könnten so lieber bei den Kindern bleiben, statt ihr Recht zu Arbeiten wahrzunehmen. Welch ein Fluch, welch eine Schande, welch ein Verlust?

Früher herrschte der Mann, er hatte das Sagen. Frauen konnten lange nicht studieren, hatten keine politischen Rechte und konnten kaum arbeiten; wenn, dann in Dienstbotenverhältnissen und damit am unteren Ende der Gesellschaft. Viele starke Frauen und deren Mitstreiter haben es geschafft, diese demütigende und unhaltbare Situation zu verändern. Frauen kriegten Zugang zu allen Bereichen des Lebens, sie wurden zu vollwertigen Mitgliedern der Gesellschaft, des Staates. Ein Sieg, eine Notwendigkeit! Gleiche Rechte für alle – unter diesen Allen waren nun auch Frauen, vorher waren es nur mündige männliche Bürger.

Was ist ein Recht? Ein Recht ist die Möglichkeit, etwas zu tun, weil man es tun darf. Ich habe das Recht zu schweigen, wenn ich mich mit einer Aussage selber belaste. Ich habe das Recht auf Bildung. Bis zu einem gewissen Alter sogar die Pflicht, sie wahrzunehmen, danach ist es ein blosses Recht. Schaut man auf die Frauenfrage, wurde aus dem Recht ein Zwang, eine Pflicht. Das Recht auf Arbeit wurde zum „du musst nun arbeiten, gib endlich deine Kinder ab“. Die Frau, die sich erdreistet, zu Hause bleiben zu wollen, ist das Heimchen am Herd, welches die Früchte der Emanzipation verrät. Sie sieht sich täglich den Fragen „was machst du eigentlich den ganzen Tag?“ und „wann gehst du wieder arbeiten?“ ausgesetzt. Das Recht wurde zur Plage. Wo früher Männer unterdrückten, tun es heute die Frauen mit anderen Vorzeichen. Wo ist da die Freiheit? Wäre nicht sie das eigentliche Ziel der Emanzipation? Ein Recht auf alles mit der Freiheit, sich individuell zu entscheiden?

Ist es nicht eigentlich frauenfeindlich, die Dinge so zu sehen? Schauen wir auf die Forderung „Kein Betreuungsgeld für Mütter, die ihre Kinder selber betreuen“. Wertet man damit nicht die Leistung von Müttern ab? Eine Krippenaufsicht kriegt einen Lohn, niemand würde ihn ihr absprechen, die Mutter soll es gratis tun? Und wenn sie es tut, hat sie das Nachsehen, weil sie von anderen Frauen verachtet wird, ihre Arbeit nichts zählt, da sie nichts einbringt und sie am Schluss hören muss, sie hätte die ganzen Jahre nichts getan, obwohl sie tat, wofür andere eine Lehre machen und dann Lohn beziehen? Ist es heute wirklich eine Schande, für seine Kinder sorgen zu wollen? Wenn man das von Herzen gern und mit Liebe und Einsatz tut – wo genau liegt das Problem?

Kindererziehung zu Hause ist heute Fronarbeit und zählt nichts. Genauso ist es mit der Betreuung und Pflege von familiären alten Menschen. Reiner Liebesdienst ohne Anerkennung, ohne Wertschätzung. Menschen, die sich diesen Diensten verpflichten sind die Verlierer im System. Sie werden argwöhnisch betrachtet, als Schmarotzer und Profiteure gesehen und nach ihrem (ökonomischen) Beitrag zur Gesellschaft gefragt. Kannst du dir das leisten? Wovon lebst du eigentlich? Das sind die Fragen, die sie hören. Kann sich ein Bankdirektor leisten, Steuern zu hinterziehen, indem er sich im falschen Kanton anmeldet und damit durchkommt, weil er es geschickt genug tut? Klar, er ist ein angesehener Mann mit Ruhm und Ehre durch einen zu diesen führenden Beruf.

Vielleicht sollten wir weniger am Spiel Mann gegen Frau arbeiten, sondern mehr an unserer Wertschätzung dem Menschen gegenüber. Vielleicht wäre die Zeit reif, zu sehen, was wirklich zählt im Miteinander und wie man das tragen kann. AHV und andere Sozialversicherungen gehen langsam vor die Hunde. Wann, wenn nicht heute wäre die Zeit da für ein wirkliches Miteinander an Stelle eines Kampfes an immer wieder unterschiedlichen Fronten?

Sexismus – Ausbeutung der Frau

Kaum sieht man ein eher freizügiges Bild einer Frau oder eines, das gewisse Körpermerkmale deutlich operiert zeigt, geht ein Aufschrei durch die Reihen der emanzipierten Schreiberinnen von Kolumnen in Zeitungen und Zeitschriften. Es wird angeprangert, dass die Werbeindustrie sexistisch sei, dass der Körper der Frau ausgebeutet werde, dass Assoziationen heraufbeschworen würden, die zu anzüglich seien, da sie die Frau zum Sexobjekt degradierten. 

Mir sind diese Plakate nie wirklich aufgefallen. Vielleicht schaute ich mal hin und fand die Kleidung schön, den Bikini hässlich oder die Figur gut – oder nicht. Meistens machte ich mir kaum Gedanken darüber. Bin ich oberflächlich? Ignorant? Weil ich mich als Frau nicht degradiert fühlte durch solche Instrumentalisierungen von Frauenkörper, die sich noch dazu freiwillig angeboten haben, so abgelichtet zu werden zu Zweck, das damit beworbene Produkt an den Mann und die Frau zu bringen? 

Oft wird das Argument nachgereicht, dass diese Bilder junge Mädchen zu falschen Körperidealen führten, somit Magersucht und sonstige Essstörungen befördert würden. Noch nie war die Menschheit so dick (durchschnittlich) wie heute… Magersüchtige gibt es, Esstörungen nehmen zu. Doch sind sie wirklich solchen Bildern geschuldet? Dass eine Esstörung eine Krankheit und kein Nachahmungswahn ist, ist hinlänglich bekannt. Sie hat psychische Ursachen und es ist ein Suchtcharakter, der dahinter steckt. Diese Bilder mögen einen Schritt auf dem Weg in die Krankheit ausmachen, aber sie sind weder Grund noch Ursache und schon gar nicht ausreichende Erklärung. 

Was also ist so problematisch an diesen Bildern? Sie werden freiwillig gemacht von Frauen, die sich ihren Traum als Fotomodell zu arbeiten erfüllt haben. Sie werden von Fotografen gemacht, die sich ihren Traum von ästhetischen Bildern und was sie und die Werbeindustrie dafür halten erfüllt haben. Und sie werden gesehen von Menschen, die sich frei entscheiden können, ob sie das Produkt aufgrund dieser Werbung kaufen wollen oder nicht.

Wo bleibt eigentlich der Aufschrei beim Cola Zero Mann, der mit nacktem, muskulösem Oberkörper rumstolziert? Wie viele Männer sehen wirklich so aus? Wird der Ärmste instrumentalisiert, um unterbediente Hausfrauen beim Cola-Genuss zu erfreuen und dieses damit mehr zu verkaufen? Oder ist das ganz was anderes, weil man sich nun mal auf Frauen und ihre Rechte konzentriert und der Rest schauen kann, wo er bleibt? Chippendales und Callboys erwähnen wir hier gar nicht mehr, das ginge in die selbe Richtung. Auch sie kaum erwähnt bei der dahingehenden Diskussion um Feilbieten von Körpern. 

Vielleicht verstehe ich es einfach nicht. Wo genau liegt das Problem?

Harald Weinrich: Über das Haben. 33 Ansichten

Aristoteles stellte in einer Kategorienschrift 10 Kategorien fest, welche als Elementarbegriffe des Denkens zu gelten hätten. Die erste Kategorie war das Sein, die achte erst das Haben. Betrachtet man die Philosophie seit Aristoteles, so wurde dem Haben im vergleich zum Sein wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Kant zum Beispiel kritisierte die Kategorisierung, setzte ihr eine eigene entgegen und liess das Haben ganz weg. Dieser Haltung schliessen sich auch die kommenden Philosophen mehrheitlich an.

Harald Weinrich will dem stiefmütterlichen Dasein des Habens ein Ende bereiten mit seinem neuen Werk. Er beleuchtet das Haben bei Philosophen wie Aristoteles und Kant, lässt Schopenhauer und Heidegger zu Wort kommen. Er geht des Weiteren auf eine Sprachreise, beleuchtet Das Wort „haben“ etymologisch sowie aufgrund seiner Beziehungen und seines Gebrauchs.

Seine Reise geht weiter von der Bibel hin zu Thomas Mann, streift die Märchenwelt und führt in die Malerei. Weinrich stellt den Begriff anhand von Robinson, Mephistopheles und Romeo und Julia dar, führt den Leser auf Inseln, in die Schweiz und nach Preussen, greift auf Hitler zurück und den Sängerkrieg vom Rhein und führt schlussendlich zu den Menschenrechten, welche er als Haben-Rechte deklariert.

Harald Weinrich streift in seinem Buch über das Haben kreuz und quer durch alle möglichen Bereiche, die sich um das Haben drehen. Er streift sie kurz, schneidet sie an, hinterfragt am Rande, geht weiter. Dies tut er teilweise wissenschaftlich, teilweise aufgrund biographischer Erlebnisse, ab und an mit Witz, oft ganz ernst. Er liefert damit ein vielseitiges Buch, das viele Einblicke liefert, dabei ab und an die Tiefe vermissen lässt. Oft stellt man sich die Frage, was genau der Sinn dahinter ist. Weiss man nun, was Haben ist? Hat man nun den Durchblick?

Das Werk lässt ein wenig den roten Faden vermissen, der nur in dem einen Wort besteht – dem Haben. Es fehlt der Aufbau, die Abfolge. Die einzelnen Kapitel wirken wie lose aneinander gereihte Boote, welche  auf der Oberfläche eines Sees schwimmen. Die Tiefe des Sees erreicht keines davon. Diese Oberflächlichkeit, die man dem Buch vorwerfen kann, hilft auf der anderen Seite, kein Thema über Gebühr zu strapazieren und sorgt für eine abwechslungsreiche Lesereise.

Fazit:

Ein vielseitiges Buch von einem auf vielen Gebieten bewanderten Autor.

(Harald Weinrich: Über das Haben. 33. Ansichten, C.H.Beck Verlag, München 2012.

BildAngaben zum Buch:

Gebundene Ausgabe: 207 Seiten

Verlag: C. H. Beck Verlag (23. August 2012)

Preis: EUR: 19.95 ; CHF 31.90

 

 

 

 

Zu kaufen bei: Bild und Bild

Kann man wählen, wer man ist?

Heute las ich ein Buch. Ein sehr trauriges Buch. Es handelte von einer durch und durch schlechten Welt, in welche die Menschen ungefragt hineingeworfen wurden. Eine Welt voller Hass, voller Abscheu, voller Demütigungen, vor allem Demütigungen derer, die nicht der gesellschaftlich erklärten Norm entsprachen. Die Welt war keine homogene, es gab verschiedene Systeme. Das eine war genauso schlecht wie das andere. Nahm das eine dem Menschen die Freiheit, zu wählen, unterlegte ihn Zwängen und Korsetten und liess ihm kaum Auswahl in irgend einem Bereich, versprach die andere vordergründig alles, hielt hintergründig nichts, da auch hier der Mensch Zwängen unterlag, um sich die sogenannten Freiheiten zu leisten, welche bei näherem Hinsehen erstens einen hohen Preis hatten und zweitens gar keine waren, da auch sie von aussen auferlegt waren. Egal, ob der Staat oder die Gesellschaft, die Eltern oder die Nachbarn die Regeln aufstellen, egal, ob sie geschrieben oder ungeschrieben sind, sie unterwerfen. Und wehe dem, der sich nicht unterwerfen lässt, er ist Ausgestossener. Weil nicht angepasst. 

Ich las mich mit Sorgenfalten durch das Buch. Es machte mich wütend. Ich fragte mich, wie man so abgelöscht, so negativ, so zynisch sein kann. Wie man eine so schwarze Welt zeichnen kann. Und ich fragte mich noch mehr, wie damit umzugehen sei, dass grundsätzlich nichts gelogen ist, dass es zwar Fiktion, dunkle und düstere Fiktion ist, aber in Tat und Wahrheit nicht so weit von der Realität entfernt ist. Ich habe diese Wahrheiten auch schon thematisiert, wurde dafür bitter und zu nachdenklich genannt. Und auch wenn ich die schönen Seiten des Lebens durchaus sehe, sie lebe, so sehe ich all die anderen auch. 

Gibt es Freiheit? Wie sieht sie aus? Welchen Preis hat sie?

Heute Abend schaute ich einen Film – die Lebensverfilmung eines Schriftstellers. Er hatte es geschafft. War ganz oben. Wurde gehört, geachtet, respektiert, gelesen. Er war erfolgreich. Hatte alles, würde man denken. Er war oft nachdenklich. Schrieb davon, dass er sich immer und immer wieder dafür rechtfertige mit seinem Schreiben, dass er sei, was er sei. Er schrieb in seinen Werken von den Gegensätzen von Kunst und Leben und sah sich als Künstler dem Leben gegenüber stehend und damit verdächtig. Verdächtig, nicht lebenswürdig zu sein, weswegen er sich unter Rechtfertigungszwang sah. Als er das schrieb, war er bereits sehr berühmt und eine wirkliche Grösse. 

Er wollte schreiben und er schrieb. Man könnte sagen: alles gut, er hat frei gewählt, er ist ein Glückspilz. Doch dieses Schreiben war nicht nur Freude, es war auch Pflicht. Er brauchte das Schreiben und die sturen Regeln drumrum, um nicht in eine Leidenschaft abzustürzen, die ihn aus der Welt geworfen hätte, da sie keine bürgerlich anerkannte war. Zudem hatte er Angst. Angst, verstossen zu werden und selber unterzugehen, liesse er einmal zu, was er sich so wünschte. 

Der grosse Mann heiratete. Er liebte seine Frau. Sie hatten Kinder – viele. Drei liebte er, eines wollte er eigentlich nicht, liess das auch spüren. Den Rest unterstützte er – aber keines der Kinder kannte diesen Mann wirklich. Einige konnten sich nicht erinnern, je ein Gespräch mit ihm geführt zu haben. Er herrschte im eigenen Haus, alle waren ehrfürchtig – und unterdrückt. Und er war selber unterdrückt. Von sich selber. War er frei? Hatte er das so gewählt? Er litt unter sich und seinem Leben. Und konnte nicht draus. Und seine Familie litt mit ihm, zerbrach teilweise an ihm. Und doch wäre die Familie ohne ihn untergegangen – mehrere Male. Er hielt sie am (Über?-)Leben. War er also gut? War er böse? Tyrann? Retter? Wem nützen solche Schubladen? Hatte er eine Wahl? War er nicht getrieben? 

Und hier sitze ich nun. Und frage mich: ist die Welt so schlecht? Wer ist schuld daran? Hat der Schriftsteller als Vater versagt? Hat er seine Kinder und deren Leben ruiniert? Bloss, er hat sie nie fallen lassen, sie standen noch im Erwachsenenalter auf seiner Lohnliste. All die Künstlerseelen, sie wären untergegangen ohne ihn. Aber vielleicht wären sie ohne ihn auch nie dahin gekommen, wo sie waren? Hätten nie diese oft verzweifelten Wege eingeschlagen. Wären „angepasster“ gewesen und damit selber lebensfähig.

War er schuld? Hatte er sie auf dem Gewissen? Weil ihnen seine Liebe fehlte? Sie das Korsett, das seine Präsenz aufbürdete, sprengen wollten? Aber er litt ja selber. Konnte nicht aus seiner Haut. War er also schuldunfähig? Doch wir brauchen doch einen Sündenbock. Irgend jemand muss verantwortlich sein, sonst gerät unser System ins Wanken. 

Der grosse Mann konnte nicht aus seiner Haut. Er lebte sein Leben nicht, sondern schrieb und unterdrückte sich. Dieses Unterdrücken nahm die Gefühle, die er nicht zeigen konnte. Er brauchte die sture Systematik, den klaren Ablauf. Dass er Herz hatte, sah man in seinem Helfen, sah man in kleinen Gesten. Und doch – als Kind fühlt man diese kleinen Zeichen nicht, da wartet man auf die grossen Umarmungen, die Liebesbeweise. Bleiben die aus, fehlt was fürs Leben. Dann gibt es wohl zwei Möglichkeiten: Man stürzt sich in Ersatzhandlungen, um den Schmerz nicht mehr zu fühlen, oft Drogen, Rebellion. In der Gesellschaft kommt man damit nicht weit. Zwei seiner Kinder machten das – eines überlebte es nicht. Andere leben das Muster weiter, verschreiben sich ihrer Kunst und bleiben ihren Kindern ein Fremder. So reagierte der jüngste, der ungeliebte und ungewollte Sohn. Der Rest konnte sich (teilweise?) befreien und fügte sich ins Leben ein. Mit mehr oder weniger Problemen. 

Hatten sie eine Wahl? Sie konnten sich den Vater nicht auswählen. Sie konnten sich die Zeit nicht auswählen, die keine leichte war mit den Verfolgungen, der Emigration. Sie lebten immer eher privilegiert – finanziell. Aber emotional? Hatten sie eine Wahl, wie sie darauf reagierten? Hätten sie einfach mal einen Schlussstrich ziehen sollen/können und ihr Leben in die Hand nehmen? Und dann? 

Wie sieht ein Leben aus, das man in die Hand genommen hat. Das ein gutes Leben ist, ein normales? Und wenn ich ein normales, ein der Norm entsprechendes, Leben führe, habe ich es dann frei gewählt, es nicht einfach nur einer gesellschaftlich geforderten Masstabelle unterworfen? Und je nach System, in das ich geboren bin, divergiert diese Tabelle. Im Sozialismus hiess das marschieren im Gleichschritt, ohne Aufmucken, ohne eigene Gedanken, im Kapitalismus hiess das, seine Zeit und Leistung zu verkaufen, um sich leisten zu können, was man sich in so einem System leisten können muss. 

Und damit bin ich beim Buch vom Tag zurück. Und bei der Frage: Ist diese Welt wirklich düster und schlecht? Haben wir eine Wahl oder stecken wir fest? Können wir tun, was wir wollen, irgendwas passt immer nicht? Leben wir so, wie wir es wollen, zahlen wir den Preis des ausgestossen Seins, passen wir uns an, werden wir zu Marionetten des Systems. Am Schluss leiden wir immer – am einen oder anderen. 

Soll ich diesen Blog nun so pessimistisch enden lassen? Oder ihn in Wohlgefallen auflösen, indem ich sage, dass das Leben immer auch schöne Momente bereit hält, die man geniessen soll, an denen man Kraft tanken soll für die Unbilden, die auftauchen? Wäre das nicht kitschig? Weil es eigentlich nicht stimmt? Klar stimmt es, dass es glückliche Momente gibt. Doch ändern diese nichts an den äusseren Gegebenheiten. Die Welt ist keine leichte. Das Leben ist nicht einfach. Freiheit als solches gibt es nicht. Zwänge sind überall – von aussen und innen. Sich ihnen zu widersetzen hat seinen Preis. Und selbst, wenn man den Preis bezahlen will, leidet man dann und wann, weil jeder Preis schmerzt. Aber das ist das Leben. Niemand sagte, es sei einfach.