Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832)

Wie sagte Johann Wolfgang von Goethe so schön: Man sollte jeden Tag ein Gedicht lesen. Ich stimme ihm hier zu und möchte euch heute eines schenken – vom Meister selber.

Freudvoll
Und leidvoll,
Gedankenvoll sein,
Langen
Und bangen
In schwebender Pein,
Himmelhoch jauchzend,
Zum Tode betrübt;
Glücklich allein
Ist die Seele, die liebt.

Johann Wolfgang von Goethe (Klärchens Lied, aus Egmont, 3. Aufzug, 2. Szene)

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, das man lesen kann, wenn man liebt

Es gibt ein Gedicht für jede Lebenslage, es gibt ein Gedicht für jede Gefühlslage. Ich bin der Überzeugung, dass Lyrik helfen kann, weil sie Raum gibt, weil sie Worte findet, weil sie Sinn über die Worte hinaus vermittelt. Darum auch mein Projekt „Lyrische Helfer“.

 

Theodor Fontane (1819 – 1898)

Lass ab von diesem Zweifeln
Laß ab von diesem Zweifeln, Klauben,
Vor dem das Beste selbst zerfällt,
Und wahre dir den vollen Glauben
An diese Welt trotz dieser Welt.

Schau hin auf eines Weibes Züge,
Das lächelnd auf den Säugling blickt,
Und fühl’s: es ist nicht alles Lüge,
Was uns das Leben bringt und schickt.

Und, Herze, willst du ganz genesen,
Sei selber wahr, sei selber rein!
Was wir in Welt und Menschen lesen,
Ist nur der eigne Wiederschein.
(1895)
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Projekt „Lyrische Helfer“  – Weil es für jede Lebenslage ein Gedicht gibt. Ein Gedicht, das man lesen kann, wenn man zweifelt

Bücher

Alle Bücher dieser Welt
Bringen dir kein Glück,
Doch sie weisen dich geheim
In dich selbst zurück.

Dort ist alles, was du brauchst,
Sonne, Stern und Mond,
Denn das Licht, danach du frugst,
In dir selber wohnt.

Weisheit, die du lang gesucht
In den Bücherein,
Leuchtet jetzt aus jedem Blatt –
Denn nun ist sie dein.
(Hermann Hesse, 1918)

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Für das Projekt „Lyrische Helfer“ – Gedichte für glückliche Zeiten oder wenn man das Glück sucht

Wir alle wollen glücklich sein und tun auch sehr viel, das Glück zu finden. Wir denken, wir müssen etwas bestimmtes haben, leisten oder erreichen, damit das Glück in unser Leben kommt, suchen es bei Menschen, in Büchern, gar in Therapien. Wir sind wie der Bauer, der aufbricht, um einen Schatz zu finden und nicht merkt, dass dieser im eigenen Garten schon da gewesen wäre, er hätte ihn nur sehen und giessen müssen.

Wir sind wie ein Garten, in uns ist alles Gute (und auch anderes) angelegt. Wir entscheiden, was davon wir giessen und zum Wachsen bringen. Wenn wir in uns die guten Anlagen wie Liebe, Mitgefühl und Güte giessen, wird sich das Glück von selber einstellen. Glück findet sich nicht im Aussen, wir können es nicht erreichen. Es ist schon da, wir müssen es nur sehen und wachsen lassen.

Erich Mühsam ( 1878 – 1934)

Angst packt mich an.
Denn ich ahne, es nahen Tage
Voll grosser Klage.
Komm du, komm her zu mir! –
Wenn die Blätter im Herbst ersterben,
Und sich die Flüsse trüber färben,
Und sich die Wolken ineinander schieben
Dann komm, du, komm!
Schütze mich –
Stütze mich –
Fass meine Hand an.
Hilf mir lieben!

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedichte, wenn man von Angst geplagt ist

Es ist nicht immer leicht, um Hilfe zu bitten, aber man kann und muss im Leben nicht alles alleine tragen. Oft fühlen wir uns klein und schämen uns unserer Nöte, aber: Hilfe anzunehmen hat nichts mit Schwäche zu tun, im Gegenteil.

Rainer Maria Rilke (1875 – 1926)

Die Liebende

Ja ich sehne mich nach dir. Ich gleite
mich verlierend selbst mir aus der Hand,
ohne Hoffnung, dass ich das bestreite,
was zu mir kommt wie aus deiner Seite
ernst und unbeirrt und unverwandt.

…jene Zeiten: O wie war ich Eines,
nichts was rief und nichts was mich verriet;
meine Stille war wie eines Steines,
über den der Bach sein Murmeln zieht.

Aber jetzt in diesen Frühlingswochen
hat mich etwas langsam abgebrochen
von dem unbewussten dunkeln Jahr.
Etwas hat mein armes warmes Leben
irgendeinem in die Hand gegeben,
der nicht weiss was ich noch gestern war.

(1907)

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, das man lesen kann, wenn man liebt oder wenn man sich sehnt

Was wollte man hinzufügen? Man kann es nur lesen, nochmals lesen, immer wieder lesen. Und immer findet man was, berührt einen etwas Neues, ist man bewegt.

Eva Strittmatter 8. Februar 1930 – 3. Januar 2011

Strahlung

Die Leute meinen immer, Gedichte
Werden aus Worten gemacht
Und sind nichts weiter als Lebensberichte,
In Reim und Rhythmus gebracht.

Dabei sind Gedichte unsichtbare Wesen,
An die wir manchmal streifen.
Was wir mit unseren Augen lesen
Ist nicht mehr, als was wir begreifen

Von einem Rätsel, das Strahlung heißt
Und ewig bewegt ist in sich
Und das uns aus unseren Bahnen reißt
Und schleudert dich gegen mich.

Was sind schon Worte? Worte sind leicht.
Das Leichteste auf der Welt.
Und mit Worten allein hat noch keiner erreicht,
Dass die Zeit in den Raum einfällt

Und stehen bleibt und geht nicht mehr
Vor und nicht mehr zurück.
Gedichte sind Antimaterie. Schwer.
Monolithisch. Wie der Tod. Wie das Glück.

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, das man immer lesen kann

Ein Gedicht, das ausdrückt, wieso ich denke, dass Lyrik helfen kann. Ein Gedicht, das aufzeigt, dass Lyrik mehr ist als nur Worte. Es geht da weiter , wo die Worte enden, trägt in sich, was auszusprechen oft nicht möglich ist.

Einfach mal loslassen, dann wird das Leben leichter. Einfach mal Disziplin haben, dann erreichst du auch, was du willst. Einfach mal mit Liebe agieren, dann lieben dich auch die anderen und dir geht es gut. Einfach mal vergeben, was passiert ist, dann fühlst du dich gleich besser. Einfach mal….

Es gibt so viele gute Ratschläge und ja, sie haben alle recht. Man liest sie immer wieder, denkt bei sich, wie wahr sie sind. Und weiss es eigentlich. Und dann… kommt das Leben so real und man tut, was man immer tat und merkt hinterher: Mist, das wusste ich doch besser. Eigentlich.

Unser Leben findet ganz oft auf unbewussten Bahnen statt, indem wir reagieren, bevor wir eigentlich realisiert haben, was Sache ist. Das ist der Evolution geschuldet, wo es nicht förderlich war, lange zu überlegen, ob man nun als Gazelle davonrennen sollte, wenn ein Löwe kommt.

Einiges an Mustern kriegen wir schon durch die Gene mit, anderes lernen wir aus Erfahrung. Ganz selten reagieren wir direkt aus dem Moment heraus. Wir sind quasi eingefahren in vorgefrästen Spuren, die wir abspulen wie eine Schallplatte ihre Rillen hat, die dann von der Nadel verfolgt werden.

Nun sind wir nicht blöd und lesen und lernen, und merken, was uns gut tun würde. Und wir stimmen allen Theorien zu, propagieren sie oft gar… und merken dann im Leben, dass es nicht ganz so einfach ist. Ein Vorsatz ist schnell gefasst, ihn umzusetzen ist Knochenarbeit. Und ja, so geht es auch mir. Ich turne täglich mein Sportprogramm durch, im Wissen, dass ich mich danach besser fühle. Da ich dafür relativ früh aufstehen muss, um es vor meinem restlichen Tag durchzubringen (später hätte ich weder Zeit und noch weniger Lust dazu), gibt es jeden Morgen einen kurzen Moment, an dem ich (nicht wirklich positiv) innehalte und mich frage: „Muss das heute wirklich sein?“ Ich stelle mir die Frage nie ernsthaft, sondern stehe dann sofort auf und tue, was getan werden muss. Man nennt es Disziplin. Sie ist gross und wichtig und ich bin dankbar, sie zu haben. Gäbe es eine Tugend, die ich als fördernswert erachten würde, wäre es Disziplin. Mit ihr lässt sich eigentlich alles andere erreichen. Weil man durchbeisst.

Disziplin allein hilft aber nichts. Vor dieser steht die Frage:

Was will ich im Leben wirklich erreichen?

Und danach:

Welchen Preis kann und will ich dafür bezahlen?

Ganz oft ist der Preis, den wir bezahlen, viel zu hoch für das, was wir anstreben. Wie viele Frauen kauen lustlos auf geschmackslosen Salatblättern rum, um ja kein Gramm zuzunehmen? Und: Hätte je ein Mann sie von der Bettkante gestossen, nur weil der Bauch nicht nach innen, sondern nach aussen zeigte? Ich plädiere hier nicht für masslose Völlerei, sondern schlicht dafür, die eigenen Massstäbe mal zu hinterfragen.

Der Blick aufs eigene Leben ist wichtig und wertvoll: Was tue ich tagtäglich und was tue ich mir damit an? Tue ich mir was Gutes oder quäle ich mich ohne ersichtlichen Grund? Ein Leben, das nicht zu mehr Wohlgefühl führt, ist kein Leben sondern eine Plackerei. Schau also, was dir gut tut und tu es. Das heisst nicht, dass das immer einfach ist. Ab und an ist die Schokolade zuviel und der Salat wäre angemessener. Aber: Nur noch Salat kann kein Leben sein (und ja, ich liebe Salat, ich steh nicht so auf Süsses… und doch….).

Das Leben ist kein Ponyhof. Aber ab und an braucht es schlicht eine Selbstüberwindung. Man wird dafür mit einem guten Gefühl belohnt. Das lässt sich sogar chemisch messen mit gewissen Hormonen, die dann quasi im Dreivierteltakt tanzen und für Hochstimmung sorgen. Nur: Die Hochstimmung ist situativ und damit zeitlich begrenzt. Wichtig ist bei allem immer die Frage:

Ist der Preis, den ich dafür zahle, zu hoch?

Wenn auf mittlere und lange Frist die Lebensqualität leidet für ein kurzes Zwischenhoch, so berauschend es auch sein mag, ist er dies sicher. Dann befindet man sich im Grunde genommen auf der Stufe eines Süchtigen, der für einen selig machenden Schuss die Zukunft aufs Spiel setzt. Ob man das wirklich tun will, muss jeder selber entscheiden. Und ja, auch wenn man merkt, dass man es nicht will, ist der Weg, das zu ändern, nicht immer leicht.

Verhaltensänderungen sind immer schwer, brauchen Zeit, Geduld und Mut. Es sind oft Täler zu überwinden, kurzfristige Bestätigungen müssen ignoriert werden, Unangenehmes durchgezogen. Die gute Nachricht: Es ist möglich. Die schlechte: Keiner sagte, es sei leicht.

Umlernen ist ein Prozess. Das geht in Schritten:

  • Erkennen, was ist
  • Vergleichen, wie es in die eigenen Lebenseinstellungen passt
  • schauen, wie es wirklich passen würde
  • Wege finden, die Lücke zu schliessen
  • den Weg gehen
  • nach falschen Abbiegungen zurückkommen
  • weitergehen

Und das immer wieder neu. Und so stehe ich jeden Morgen auf, absolviere mein Sportprogramm, weil ich weiss, dass ich mich danach besser fühle. Zwar weiss ich das verstandesmässig schon beim Aufstehen, doch vom Gefühl her regiert noch die Bequemlichkeit und Trägheit. Da hilft nur eines: Augen zu und durch. Je länger ich das durchziehe, desto mehr wird es zur Gewohnheit, zu einer, die ich selber gewählt habe. Auf diese Weise werde ich zum Steuermann in meinem eigenen Leben und lasse mich nicht von unbewussten Gewohnheiten leiten.

Dinge erreichen, Gewohnheiten durch selbstgewählte ersetzen zu können gibt ein Gefühl der Selbstwirksamkeit und Zufriedenheit. Zudem wächst das Selbstvertrauen und die Motivation, weitere Ziele anzupacken und die Zuversicht, sie auch erreichen zu können.

Eva Strittmatter 8. Februar 1930 – 3. Januar 2011

Währung

Für alles zahlt man den Gegenpreis:
Für Güte, für Liebe, für Treue.
Dem Leben macht man nichts über sich weis:
Wenn ich nicht den Samen ausstreue,
Aus dem die menschliche Heilpflanze treibt,
Ist Öde um mich und Kälte.
Und was auf Erden von mir wirklich bleibt,
Ist: was ich anderen gelte.*

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Für das Projekt „Lyrische Helfer“ – Gedichte, wie man leben soll

Alles im Leben hat einen Preis und man muss sich immer fragen, ob man bereit ist, den zu zahlen. Zu denken, dass man Dinge einfach umsonst kriegt, greift zu kurz. Drum gilt es, gut zu prüfen, was man wirklich will im Leben, um dann darauf zu setzen. Und das, was ich als meine Werte bestimme, das strahle ich dann nach aussen aus, so wirke und gelte ich.

*zit. nach Eva Strittmatter, Sämtliche Gedichte

Theodor Fontane (1819 – 1898)

Nicht Glückes bar sind deine Lenze

Nicht Glückes bar sind deine Lenze,
Du forderst nur des Glücks zu viel;
Gib deinem Wunsche Maß und Grenze,
Und dir entgegen kommt das Ziel.

Wie dumpfes Unkraut laß vermodern,
Was in dir noch des Glaubens ist:
Du hättest doppelt einzufodern
Des Lebens Glück, weil du es bist.

Das Glück, kein Reiter wird’s erjagen,
Es ist nicht dort, es ist nicht hier;
Lern‘ überwinden, lern‘ entsagen,
Und ungeahnt erblüht es dir.

(Geburtstagsgedicht)
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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, wenn man das Glück sucht oder glücklich ist, oder wenn man Geburtstag hat

Oft wollen wir zu viel, denken, mehr sei besser. Oft denken wir, wir hätten mehr verdient, und sehen nicht, was wir schon haben. Glück ist nicht, mehr zu haben. Glück ist zu sehen, was gut ist, und sich dran zu freuen. Nicht das Streben führt zum Glück, sondern das Geniessen.

Christian Morgenstern (1871 – 1914)

Mittag

Tage gibt es, da des Mittags Bläue
Uebermild um braune Berge zittert
Und in unaussprechlich linder Läue
Sie wie Himmelsliebesrausch umwittert.

Ja, wie Liebe bricht es aus den Räumen,
Und nur noch aus Frauenaugensternen
Kannst du dies aus fast zu seligen Träumen
Hergesunkene Gottesleuchten lernen.

1910

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, das man lesen kann, wenn man liebt

Theodor Storm (1817 – 1888)

Wer je gelebt in Liebesarmen

Wer je gelebt in Liebesarmen,
Der kann im Leben nie verarmen;
Und müsst’ er sterben, fern, allein,
Er fühlte noch die selge Stunde,
Da er gelebt an ihrem Munde,
Und noch im Tode ist sie sein.

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, wenn man liebt

Theodor Storm (1817 – 1888)

Im Volkston

1
Als ich dich kaum gesehn,
Musst es mein Herz gestehn,
Ich könnt’ dir nimmermehr
Vorübergehn.

Fällt nun der Sternenschein
Nachts in mein Kämmerlein,
Lieg’ ich und schlafe nicht
Und denke dein.

Ist doch die Seele mein
So ganz geworden dein,
Zittert in deiner Hand,
Tu’ ihr kein Leid!

2
Einen Brief soll ich schreiben
Meinem Schatz in der Fern’;
Sie hat mich gebeten,
Sie hätt’s gar zu gern.

Da lauf’ ich zum Krämer,
Kauf Tint’ und Papier
Und schneid’ mir ein’ Feder,
Und sitz’ nun dahier.

Als wir noch mitsammen
Uns lustig gemacht,
Da haben wir nimmer
An’s Schreiben gedacht.

Was hilft mir nun Feder
Und Tint’ und Papier!
Und weißt, die Gedanken
Sind allzeit bei dir.

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, wenn man liebt oder sich sehnt

Erich Fried (1921 – 1988)

Was es ist

Es ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist Unglück
sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz
sagt die Angst

Es ist aussichtslos
sagt die Einsicht
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist lächerlich
sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht

Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, wenn man liebt

Hans Brinkmann (*1956)

Rummel*

Wir machen den ganzen Rummel mit.
Jeden Tag sind wir hier.
Riesenräder überrollen uns,
auf den Karussells drehen wir durch.
Wie die Schweine und Kleeblätter
haben wir meist kein Glück. Die Schiessbuden
laden uns ein, aufeinander zu feuern,
ehe wir in die Bierzelte laufen,
wo unsre Köpfe im Schaum verschwinden.
Lachend stehen die Rittmeister
an den Kassen der Hippodrome.
Pass doch auf, Junge, wo du hintrittst!
Wie du dich wunderst, lassen sie dich
dafür bezahlen. Nichts ist umsonst.

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, wie man das Leben angehen kann

Das Leben als Rummelplatz, manchmal dreht man im Kreis, manchmal hofft man auf Glück, doch das bleibt aus. Man stösst auf Menschen, die einem nicht wohlgesonnen sind, tritt anderen auf die Füsse – und am Schluss kriegen wir die Rechnung, da nichts umsonst ist. Alles ein einziges Trübsal? Nein! Das Gute liegt im Detail. Wir haben nur meist kein Glück, sprich: ab und an haben wir welches. Der Rittmeister lacht, wir können mit ihm lachen, statt über alles zu klagen, nur weil es grad nicht rund läuft. Wir müssen auch nicht auf andere feuern, wir sind nur dazu eingeladen. Es bleibt unsre Wahl, ob wir es tun – nur wenn, dürfen wir uns nicht wundern, wenn andere zurückschiessen. Es bleibt unsere Wahl, wie wir das Leben sehen. Jede Sicht hat ihren Preis, unsere Entscheidung bleibt, was die Währung ist.

*zit. nach „Alle Tage ein Gedicht“, Aufbau Verlag

Heinrich Heine (1797 – 1856)

Alte Rose

Eine Rosenknospe war
Sie für die mein Herze glühte;
Doch sie wuchs, und wunderbar
Schoß sie auf in voller Blüthe.

Ward die schönste Ros’ im Land,
Und ich wollt’ die Rose brechen,
Doch sie wußte mich pikant
Mit den Dornen fortzustechen.

Jetzt, wo sie verwelkt, zerfetzt
Und verklatscht von Wind und Regen –
Liebster Heinrich bin ich jetzt,
Liebend kommt sie mir entgegen.

Heinrich hinten, Heinrich vorn,
Klingt es jetzt mit süßen Tönen;
Sticht mich jetzt etwa ein Dorn,
Ist es an dem Kinn der Schönen.

Allzu hart die Borsten sind,
Die des Kinnes Wärzchen zieren –
Geh’ in’s Kloster, liebes Kind,
Oder lasse dich rasiren.

(1851)
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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedichte bei Liebeskummer