Hermann Hesse: Frühling

Hermann Hesse (1877 – 1962)

Frühling*

Auf den Text muss hier leider aus urheberrechtlichen Gründen verzichtet werden, er kann aber HIER angehört und gelesen werden.

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht für den Frühling und wenn etwas zu Ende ging, man darüber traurig ist

Frühling steht für Neuanfang, steht dafür, dass es wieder heller wird, leichter auch. Wo Licht ist, hebt sich auch das Herz. Neuer Mut kommt auf, das Schöne belebt das Gemüt und man möchte das Schwere des Winters vergessen, hinter sich lassen.

Tief drin weiss man, dass das Schöne vergehen wird, aber man weiss ebenso, dass der nächste Frühling kommt, dass auf jedes Dunkel Licht folgt. Mit diesem Wissen lässt es sich den Augenblick geniessen, als würde der Frühling beim Abschied sagen: „Heute ist nicht aller Tage, ich komm‘ wieder, keine Frage.“

*zit. nach Hermann Hesse: Sämtliche Gedichte, Suhrkamp Verlag 2013.

Wilhelm Busch: Kritik des Herzens

Wilhelm Busch (1832 – 1908)

Kritik des Herzens

Ich wusste, sie ist in der Küchen,
Ich bin ihr leise nachgeschlichen.
Ich wollt’ ihr ew’ge Treue schwören
Und fragen, willst du mir gehören?

Auf einmal aber stutzte ich.
Sie kramte zwischen dem Gewürze;
Dann schneuzte sie und putzte sich
Die Nase mit der Schürze.

(1874)

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, das man lesen kann, wenn man unglücklich liebt

Manchmal stellen wir uns die Realität plastisch vor, machen unsere Pläne von unseren Vorstellungen abhängig, nur um dann mit der Realität konfrontiert zu werden – und alles platzt wie eine Seifenblase. Hier verlor die Köchin plötzlich ihren Reiz, weil sie doch nicht so toll war, wie gedacht. Vielleicht ist noch so manche® Angebetete in Tat und Wahrheit nicht so toll, wie man sich das vorstellt, während man darüber weint, dass die eigene Liebe nicht erwidert wird?

Oft ist es auch andersrum: Wir bauschen Risiken und Gefahren auf, malen sie uns in düstersten Farben aus und lähmen uns selber durch immer grösser werdende Ängste, nur um dann zu sehen: Eigentlich ging alles gut, war alles gar nicht so schlimm. So ist es denn besser, das Leben Schritt für Schritt anzugehen und zu schauen, was wirklich ist, statt sich in eigene Vorstellungen zu versteigen.

Johann Wolfgang von Goethe: Nähe des Geliebten

Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832)

Nähe des Geliebten
(1827)

Ich denke dein, wenn mir der Sonne Schimmer
Vom Meere strahlt;
Ich denke dein, wenn sich des Mondes Flimmer
In Quellen malt.

Ich sehe dich, wenn auf dem fernen Wege
Der Staub sich hebt;
In tiefer Nacht, wenn auf dem schmalen Stege
Der Wanderer bebt.

Ich höre dich, wenn dort mit dumpfem Rauschen
Die Welle steigt.
Im stillen Haine geh ich oft zu lauschen,
Wenn alles schweigt.

Ich bin bei dir; du seist auch noch so ferne,
Du bist mir nah!
Die Sonne sinkt, bald leuchten mir die Sterne:
O wärst du da!

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, wenn man liebt oder Sehnsucht hat

Christian Morgenstern: Heimfahrt einer einsamen Frau aus einer Gesellschaft

Christian Morgenstern (1871 – 1914)

Heimfahrt einer einsamen Frau aus einer Gesellschaft

Einsam fährt sie im Wagen nach Haus,
das Fest ist aus.
Der Schwarm zertrieb…
Wer hat sie lieb?

Sie schaudert und friert.
Wie sich so alles hinweg verliert
ins Unabsehbare,
ins Unverstehbare.

Wo bliebt, Freunde, ihr?

Nur die Furcht sitzt neben mir.
Was seid ihr so weit!
Mein Herz schreit – schreit – schreit.

Ein jeder mit seiner Lust,
ein jeder mit seiner Pein,

jedes Herz in seiner Brust
allein, allein, allein.

O wilder Vogel Seele,
den nie einer fängt!
o wilder Vogel Seele,

der nie sein Herz an andre hängt!

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, das man lesen kann, wenn man einsam ist

Christian Morgenstern: Nachts im Wald

Christian Morgenstern (1871 – 1914)

Nachts im Wald
(1906)

Bist du nie des nachts durch Wald gegangen,
wo du deinen eignen Fuss nicht sahst?
Doch ein Wissen überwand dein Bangen:
Dich führt der Weg.

Hält dich Leid und Trübsal nie umfangen,
dass du zitterst, welchem Ziel du nahst?
Doch ein Wissen übermannt dein Bangen:
Dich führt dein Weg.

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, das man lesen kann, wenn man von der Angst geplagt ist

Ab und an fühlen wir uns verloren: Wo geht der Weg hin? Oft blockiert man sich auch selber mit seinen Ängsten, traut sich kaum, weiter zu gehen, man könnte fallen, man könnte scheitern, man könnte unter gehen. Doch: Wenn man nie den nächsten Schritt wagt, wird man nie sehen, wohin alle Schritte führen könnten. Deswegen hilft es ab und an, zurückzudenken, sich daran zu erinnern, dass man schon Schritte wagte, dass es gut kam! Und mit der Zuversicht dieser Erinnerung kann man dann den nächsten Schritt wagen.

 

Friedrich Wilhelm Nietzsche: Vom Willen zum Leide

Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844 – 1900)

Vom Willen zum Leide*

Vom Willen zum Leide.
Vom Gesicht zum Räthsel.
Von der Seligkeit wider Willen.
Vor Sonnen-Aufgang.
Von der verkleinernden Tugend.
Vom Vorübergehen.
Das Winterlied.
Von den Abtrünnigen.
Die Heimkehr.
Von den drei Bösen
Vom Geist der Schwere.
Die Beschwörung.
Der Genesende.
Von der grossen Sehnsucht.
Von alten und neuen Tafeln
Und noch ein Mal!
Das andre Tanzlied.
Vom Ring der Ringe.

(Ende 1883)

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, das man lesen kann, wenn das Leben mal schwierig ist.

Ist es ein Gedicht? Oder doch nur die Disposition zum Zarathustra, in welchem Nietzsche in hymnischer Prosa über den Denker Zarathustra schreibt und diesem eigentlich die eigene Philosophie in den Mund legt, im Glauben, die zeitgenössische Leserschaft sei dem Werk nicht gewachsen, weswegen er es auch ein Buch für Alle und Keinen nennt? Ist es beides?

Zarathustra propagiert den Übermenschen, den Menschen, der über sich hinauswächst. Es soll ein schaffender Mensche sein, einer, der sich liebt und sich nicht verknechten lässt. Es soll ein Mensch sein, der das Leben liebt und den eigenen Fähigkeiten vertraut – und sie einsetzt in der Tat. Der Mensch soll seinem eigenen Willen gehorchen, nicht dem eines anderen. Er soll sich nicht unterwerfen lassen und selber Verantwortung übernehmen. Er soll mit Mut durchs Leben gehen.

Und wie einer dahin kommt, was es bedeutet, ein solcher Mensch zu sein, das verkündet Zarathustra und das lässt sich auch aus dieser Disposition rauslesen, die durchaus einen zugrundeliegenden Rhythmus hat. Sie beschreibt das Leben, mit allem, was es mit sich bringt: Leid, Rätsel, Seligkeit und Sehnsucht. Es gibt Böses und Schweres, Altes und Neues, einige gehen, andere kommen heim. Nur, wenn man all das annimmt, den Willen hat, es zu tragen, wie es kommt, dann wird man zu dem Menschen, der über sich hinauswächst, der das Leben meistert mit all seinen Hindernissen.

*zit. nach Friedrich Nietzsche: Nachlass 1882 – 1884, Kritische Studienausgabe Band 10

Der Säufer*

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Gläser
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Gläser gäbe
und nach tausend Gläsern keine Welt.

Der weiche Schlag beschwerter Zungen Worte,
die ohn’ Ziel und Zweck von Sinnen frei,
ist nie ein Tanz von Kraft, es fehlt die Mitte,
sie liegt betäubt in Weines Wiege da.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf. – Dann geht ein Bild hinein,
geht durch des Suffes totgekämpfte Sinne –
und hört im Herzen auf zu sein.

*Was Beobachtungen an einem Abend und Rilke in Kombination so auslösen können**
**nicht ganz ernst gemeint***
***aber so ein bisschen schon

Stefan Zweig: Morgenlicht

Stefan Zweig (1881 – 1942)

Morgenlicht

(1901)
Nun wollen wir dem Licht entgegen,
Das um die Purpurwipfel rollt.
Das Leuchten flammt auf allen Wegen
Und wächst und wird zum Morgengold.

Die glutumlohten Tannen singen
Und Jubel bricht aus jedem Klang,
Wie kampfbereites Fahnenschwingen
Braust durch den Wald der Höhensang.

Und lauter werden alle Weisen
Und jedes Wesen sucht sein Lied,
Die Schaffenskraft des Lichts zu preisen,
Das nun ins volle Leben glüht.

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht für den Morgen