Rezension: James Patterson – Der 3. Grad

Lindsay Boxers Welt steht Kopf

Es begann als wolkenloser, windstiller, träger Aprilmorgen – und wurde der erste Tag der schlimmsten Woche meines Lebens.

patterson3Lindsay Boxer joggt wie jeden Sonntagmorgen mit ihrer Hündin Martha, als vor ihren Augen ein Haus durch eine Explosion in die Luft fliegt. Die Bewohner, eine junge Familie, waren zu Hause gewesen. Es gelingt Lindsay, den älteren Jungen aus dem brennenden Haus zu retten, für die Eltern kommt jede Hilfe zu spät und das Baby der Familie ist verschwunden. Als Lindsay vor dem Haus einen herrenlosen roten Rucksack sieht, befürchtet sie Böses. Der Inhalt entpuppt sich aber nicht als weitere Bombe, sondern als Bekennerschreiben – das war nicht nur ein Mord gewesen, sondern eine regelrechte Hinrichtung. Schon bald wird klar: Das war erst der Anfang, es geht weiter.

Die nationale Sicherheit steht auf dem Spiel, weswegen Joe Molinari vom Ministerium für Innere Sicherheit in die Ermittlungen miteinbezogen wird. Joe macht auf Lindsay nicht nur durch berufliche Kompetenz Eindruck, doch diese hat keine Zeit für solche Gefühle, zumal ihre Welt schon bald in den Grundfesten erschüttert wird.

Der dritte Fall des Women’s Murder Club spinnt die Geschichte um das Ermittlerquartett weiter: Wieder ist ein brisanter Fall zu klären, wieder tappen die Behörden im Dunkeln, verläuft jeder Hinweis im Sand. James Patterson gelingt es, die persönlichen Geschichten der einzelnen Protagonistinnen gekonnt als Nebenhandlungen einzubauen, so dass diese den Spannungsbogen des zu lösenden Falls nicht behindern oder unterbrechen, sondern noch einen weiteren dazu geben. So fiebert man auf verschiedenen Ebenen mit und legt das Buch kaum freiwillig weg, bevor sich nicht alles geklärt hat.

Es empfiehlt sich, den vierten Fall schon bereit zu halten, denn nach dem Buch ist die Erwartungshaltung gross, wie es weiter geht mit Lindsay Boxer und ihren Freundinnen.

Fazit:
Auch beim dritten Fall des Women’s Murderclub herrscht Spannung pur von der ersten bis zur letzten Seite. Absolute Leseempfehlung!

Der Autor
James Patterson, geboren 1947, sagt von sich selbst: „Ich bin schnell. Ich bin ein Ja-Nein-Typ, ich hasse Vielleichts.“ Und er ist tatsächlich so schnell, dass er an mehreren Romanen gleichzeitig arbeitet und pro Jahr mitunter fünf Titel auf Platz 1 der Bestsellerlisten landet. Begonnen hat seine Karriere, als er mit 27 Jahren den „Edgar Allan Poe Award“ für seinen ersten Roman „Die Toten wissen gar nichts“ bekam. Seitdem arbeitet er pausenlos an den Thrillern der „Alex-Cross“-Reihe oder schreibt über Detektiv Lindsay Boxer und den „Women’s Murder Club“ (siehe auch Der 1. Mord, Die 2. Chance und Die Tote Nr. 12). Hinzu kommen weitere Romane sowie Sach- und Kinderbücher. Patterson hat Englische Literatur studiert und war einige Jahre Chef einer Werbeagentur. Heute lebt er mit seiner Familie in Palm Beach City, Florida.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 288 Seiten
Verlag: Blanvalet Verlag (11. Juni 2007)
Übersetzung: Andreas Jäger
ISBN-Nr: 978-3442369218
Preis: EUR 8.99 / CHF 13.90
Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Kathrin Lange – Nachgefragt

langekathrinKathrin Lange wurde 1969 in Goslar am Harz geboren. Obwohl sie sich beruflich der Hundestaffel der Polizei anschließen wollte, siegte am Ende ihre Liebe zu Büchern, und sie wurde zuerst Buchhändlerin und dann Schriftstellerin. Heute ist sie Mitglied bei den International Thriller Writers und schreibt sehr erfolgreich Romane für Erwachsene und Jugendliche. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Söhnen in einem kleinen Dorf bei Hildesheim in Niedersachsen.

Kathrin Lange hat mir ein paar Fragen zum Schreiben und zu Ihrem neusten Roman Ohne Ausweg beantwortet:

langekathrin2Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Heute bin ich Schriftstellerin, früher war ich Buchhändlerin. Und grundsätzlich bin ich Buchnerd. Damit ist meine Biographie in den wichtigsten Punkten zusammengefasst.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Ich habe ungefähr im Alter von 14 Jahren angefangen zu schreiben und dann relativ schnell gewusst, dass ich Schriftstellerin werden möchte. Einen konkreten Auslöser gab es nicht, am ehesten könnte man vermutlich die Freude am Geschichtenerfinden dafür halten.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt, zu schreiben?

Es gibt ja diese zwei gegensätzlichen Meinungen. Auf der einen Seite die, dass man das Schreiben auf keinen Fall lernen kann, dass man es „haben“ muss. Und auf der anderen Seite sind da jene, die behaupten, alles sei nur Handwerk. Ich befinde mich irgendwo in der Mitte. Vieles ist Handwerk, und damit kann man auch recht ordentliche Unterhaltung schreiben, denke ich. Aber diesen Romanen fehlt dann oft etwas, das ich „den Funken“ nennen würde.

Wie bei allem im Leben ist es in meinen Augen also eine Mischung aus beidem: viel Handwerk, aber eben auch ein wichtiger Teil Inspiration und, ja, auch Talent, Genie, wie immer man es nennen möchte.

Ich selbst habe einfach angefangen zu schreiben, ganz naiv und ganz und gar ohne überhaupt einen Gedanken daran zu verschwenden, dass es sowas wie Handwerk gibt. Irgendwann dann, als in mir der Wunsch aufkam, zu veröffentlichen und ich die ersten Absagen von Verlagen kassierte, wollte ich wissen, was der Grund dafür war. In dieser Zeit habe ich einige Seminare besucht, in denen es ums Handwerk ging. Das meiste lief bei mir aber nach dem Prinzip trial and error, und irgendwie mache ich es noch heute so: ausprobieren, was geht, dann umschreiben, neuschreiben, wieder testen, neu umschreiben …

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Im Grunde so, wie ich eben schon beschrieben habe. Aber das ist von Buch zu Buch durchaus unterschiedlich. Grundsätzlich mache ich erst eine Menge Recherchen, bevor ich mich dann an eine erste, grobe Planung des Plots setze. Wenn die fertig ist, fange ich meistens an, die ersten Szenen zu schreiben, und ab da ist vieles Überarbeitung und Ringen um die passenden Worte. Und Haareraufen.

Wann und wo schreiben Sie?

Zu Hause in meinem Büro, aber auch am Küchentisch (wie gerade im Moment), im Zug oder im Hotel, wenn ich auf Lesereise bin. Und immer dann, wenn Zeit ist, frühmorgens, abends, ich habe keine festen Schreibzeiten.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Gar nicht. Leider.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Womit man kämpft? Neben den üblichen Schwierigkeiten mit Plot, Story und Figuren natürlich auch mit den „Demütigungen“, die das Business so mit sich bringt. Das ist ein sehr langes Thema, zu dem ich einen ganzen eigenen Roman schreiben könnte. Aber trotzdem ist es noch immer meine größte Freude, zu schreiben und auch zu veröffentlichen. Zu erleben, wie eine Story wächst, sich fügt und am Ende „rund“ wird, ist tief befriedigend. Und natürlich mag und schätze ich sehr den persönlichen Austausch mit meinen Leserinnen und Lesern. Wenn es auf einer Lesung zu richtig guten Gesprächen kommt, dann ist das eine große Freude.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben und wie entsteht aus einer Idee eine Geschichte?

Naja, im Grunde muss ich morgens nur noch die Zeitung aufschlagen und dann kommt mir eine neue Idee für den nächsten Faris Iskander-Roman. Das ist Vorteil und Nachteil zugleich, wenn man, wie ich, so ein aktuelles Thema hat. Ich sammele vieles, Zeitungsartikel, Ausschnitte aus Fernsehsendungen, Begegnungen mit Menschen. Und meistens kristallisiert sich dann recht schnell eine neue Story heraus. Das passiert im Moment auch wieder. Die Story von Band 4 der Reihe ist gerade dabei, ein Eigenleben zu entwickeln.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel von Ihnen steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Der gute, alte Goethe. J Ich habe oben von dem „Funken“ gesprochen, den ein guter Roman meiner Meinung nach haben muss. Vermutlich ist dieser Funke einfach eine Art „Angefasstsein“ des Autors vom eigenen Stoff. Man muss etwas zu sagen haben. Und natürlich hat man am Ehesten etwas zu sagen, über Dinge, die einem passieren, die man beobachtet und die einen emotional angehen. Insofern ist wohl wirklich jedes Schreiben in gewisser Weise autobiografisch.

Von mir persönlich steckt vermutlich einiges in der Figur der Ira Jenssen, angefangen von ihrem Hadern mit der Amtskirche bis hin zu großen Teilen ihrer Sicht auf die Welt. Ira sagt oft die Dinge, die ich gern sagen würde, aber sie ist nicht ich. Sie ist viel warmherziger, reflektierter, aber auch viel zerrissener und in gewisser Weise zögerlicher.

Mit Ohne Ausweg erschien gerade der dritte Band einer Reihe um den Ermittler Faris Iskander. War von Anfang an klar, dass es eine Reihe werden sollte oder hat sich das so entwickelt?

Es hat sich entwickelt. Als ich Faris schuf, wusste ich noch nicht, ob er sich als Serienfigur eignet, aber es hat sich schnell herausgestellt, dass er mich nicht mehr loslässt.

Faris ist sehr undurchschaubar, er lässt Menschen – nicht mal den Leser – nicht ganz an sich ran. Liegt er vor Ihnen wie ein offenes Buch oder verschließt er sich auch Ihnen teilweise, so dass Sie ihn noch weiter durchdringen wollen?

Das ist eine spannende Frage, über die ich erst einmal nachdenken musste. Im Grund lässt er ja nichtmal sich selbst an sich heran. Tatsache ist, dass er mit jedem neuen Buch neue Facetten entwickelt (oder mir zeigt?), von denen ich bisher keine Ahnung hatte. Manchmal werde ich von Entwicklungen in seinem Leben selbst überrascht, wie z.B. der Erkenntnis am Ende von Band 2, dass er eine Tochter hat. Und auch im Moment gerade bin ich wieder dabei, ihn neu zu entdecken.

Sie greifen in diesen Romanen sehr aktuelle Themen auf. Hatten Sie nie Angst, sich damit ins Kreuzfeuer zu begeben?

Schon, ja. Aber ich lasse diese Angst einfach nicht so dicht an mich ran, sonst könnte ich diese Bücher nicht schreiben.

Am Schluss Ihres Buches schrieben Sie im Nachwort von Ihrem Engagement für Flüchtlinge. Es wirkte auf mich wie ein Gegengewicht zur Geschichte, quasi um zu sagen: Es sind nicht alle Terroristen und viele brauchen unsere Hilfe? War das die Intention?

Naja, im Grunde ist das – sehr vereinfacht gesagt – ja auch die Aussage des Romans. Ich hoffe, dass das rüberkommt, und dass insofern das Nachwort kein Gegengewicht sein muss, sondern eher eine Ergänzung. Mir ist übrigens wichtig, dass „Terroristen“ in diesem Sinne nicht nur Islamisten meint, sondern auch rechtsmotivierte Täter. Interessanterweise geht das in allen Besprechungen, die bisher erschienen sind, ein bisschen unter, obwohl der rechte Terror in dem Buch ungefähr eine gleich große Rolle spielt wie der islamistische.

Oft wird unterschieden zwischen großer Literatur und Unterhaltungsliteratur. Krimis/Thriller werden teilweise noch eine Stufe drunter eingestuft. Was halten Sie von solchen Kategorien und wieso haben Sie sich für dieses Genre entschieden?

Ist das so? Dass Krimis und Thriller noch unter Unterhaltungsliteratur eingestuft werden? Ich empfinde das nicht so. Natürlich gibt es in Deutschland immer noch diese blöde Trennung zwischen der sogenannten E- und der sogenannten U-Literatur. Aber ich möchte in dieser Hinsicht optimistisch sein und daran glauben, dass sich da einiges tut. In meinen kühnsten Träumen wünsche ich mir, mit meinen Büchern dabei ein bisschen mitzuhelfen, aber das war natürlich nicht der Grund, warum ich mich für dieses Genre entschieden habe. Ich lese einfach gern Thriller, und ich glaube, ich kann ganz gut spannend schreiben. Mehr steckt da gar nicht dahinter.

Ich las kürzlich, Liebesromane müsste es auf Rezept geben, denn sie seien Heilung für die Herzen der Leser. Was sind so gesehen Kriminalromane und Thriller?

Es gibt Krimis, die wollen reine Entspannung sein, die wären nach dieser Sichtweise vielleicht eine Beruhigungspille für den vom Alltag aufgewühlten Geist. Wobei das so negativ klingt, und ich es gar nicht so meine. Besser wäre es vielleicht, nicht von Beruhigungspille zu reden, sondern von einem schönen Glas Wein, das einen abends nach all dem Stress entspannt und besser schlafen lässt.

Und dann gibt es eben die Krimis, die aktuelle Themen aufgreifen und/oder „etwas zu sagen“ haben. Für mich persönlich hat ein guter Krimi oder Thriller etwas, das nach dem Lesen noch in mir arbeitet, das mir – im Idealfall natürlich – irgendetwas klar gemacht oder meine Sicht auf die Welt oder die Psyche des Menschen ein klein wenig verändert hat.

Selfpublishing und E-Books haben den Buchmarkt in Aufregung versetzt. Man hört kritische Stimmen gegen Verlage wie auch abschätzige gegen Selfpublisher. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Zweigeteilt. Der Buchmarkt ist ein hartes und leider auch ziemlich gnadenloses Geschäft, in dem oft nicht mehr das Lektorat oder der Verleger darüber entscheiden, ob ein Buch gemacht wird, sondern Vertrieb bzw. Controlling. Die Zeiten, in denen ein Verlag über Jahre an einem Autor festhielt, weil er an das glaubte, was dieser zu sagen hat, sind leider vorbei. Und in Zeiten, in denen sich die Auflagen im Sinkflug befinden und mehr und mehr Buchhandlungen vor der Macht der großen Player kapitulieren, kann ich inzwischen jeden Autor und jede Autorin verstehen, die sich entscheiden, lieber ihr eigenes Ding zu machen.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Wie oben schon gesagt, möchte ich, dass eine Geschichte in mir nachhallt. Aber ich brauche auch eine gewisse Spannung, wobei das nicht automatisch Action oder Handlungsspannung sein muss. Es gibt auch Bücher, die ich sprachlich spannend finde. Grundsätzlich will ich mich beim Lesen nicht langweilen, das fasst es, glaube ich, ziemlich gut zusammen.

Gibt es Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die Sie geprägt haben?

Ich bin Fan von Robert B. Parker, dem großen amerikanischen Hard-boiled-Autor aus Boston. Überhaupt lese ich viele amerikanische Autoren und wenn ich von etwas geprägt bin, dann vermutlich von diesen: Don Winslow. Michael Connolly. Lee Child. Dennis Lehane. Aktuell lese ich die James Lee Burke-Romane, die im Pendragon-Verlag erschienen sind.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Fünf. Okay.
Glaub an dich, egal, was die anderen sagen.
Schreib!
Schreib!
Schreib!
Schreib!

Herzlichen Dank für diese Antworten!

Rezension: James Patterson – Die 2. Chance

Wenn die Vergangenheit an die Tür klopft

Finden Sie den Mörder. Dann möge das Gericht über ihn urteilen. Es geht nicht um Politik, Religion oder Rasse. Es geht um das Recht, frei von Hass zu leben. Ich bin überzeugt, dass die Welt selbst angesichts des schrecklichsten Verbrechens nicht zerbricht. Die Welt heilt sich selbst.

patterson2Die Chorprobe in der La-Salle-Heights-Kirche ist zu Ende. Als die Kinder ins Freie treten, empfängt sie ein Kugelhagel, in welchem die kleine Tasha Catchings stirbt. Schon bald ist klar, dass es sich bei dem kleinen Mädchen nicht um ein Zufallsopfer handelt, sie starb durch einen gezielten Schuss. Als sich Verbindungen zu einem Mord an einer älteren Frau feststellen lassen, stellt sich die Frage, ob der Täter rassistische Motive hat. Doch ist das wirklich schon alles? Steckt noch mehr dahinter? Und: Wann schlägt der Täter wieder zu?

Auch der zweite Fall des Women’s Murder Club ist von der ersten bis zur letzten Seite spannend. In einem atemlosen Tempo führt Patterson den Leser durch die Ermittlungen von Lindsay Boxer und ihren Freundinnen, bringt Cliffhanger an, baut Kniffs und Wendungen ein, die immer wieder überraschen, lässt verschiedene Möglichkeiten in der Luft hängen, so dass man das Buch kaum weglegen kann, bis man den Mörder ganz sicher hat.

Neben dem packenden Fall findet auch wieder viel Persönliches von den vier Frauen Eingang in die Geschichte und auch eine Prise Liebe ist wieder mit drin. Zudem blickt der aktuelle Roman in Lindsay Boxers Vergangenheit, rollt die Geschichte mit ihrem Vater auf und führt so zusätzlich zu einer Verwirrung der Gefühle. Die 2. Chance bringt die vier Protagonisten mehr als einmal in Gefahr, und es ist nicht sicher, ob sie heil raus kommen. Ein rundum gelungener Thriller.

Fazit:
Einnehmende Charaktere, guter Plot, Spannung pur von der ersten bis zur letzten Seite! Absolute Leseempfehlung!

Der Autor
James Patterson, geboren 1947, sagt von sich selbst: „Ich bin schnell. Ich bin ein Ja-Nein-Typ, ich hasse Vielleichts.“ Und er ist tatsächlich so schnell, dass er an mehreren Romanen gleichzeitig arbeitet und pro Jahr mitunter fünf Titel auf Platz 1 der Bestsellerlisten landet. Begonnen hat seine Karriere, als er mit 27 Jahren den „Edgar Allan Poe Award“ für seinen ersten Roman „Die Toten wissen gar nichts“ bekam. Seitdem arbeitet er pausenlos an den Thrillern der „Alex-Cross“-Reihe oder schreibt über Detektiv Lindsay Boxer und den „Women’s Murder Club“ (siehe auch Die Tote Nr. 12). Hinzu kommen weitere Romane sowie Sach- und Kinderbücher. Patterson hat Englische Literatur studiert und war einige Jahre Chef einer Werbeagentur. Heute lebt er mit seiner Familie in Palm Beach City, Florida.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 384 Seiten
Verlag: Blanvalet Verlag (11. Juni 2007)
Übersetzung: Edda Petri
ISBN-Nr: 978-3442369201
Preis: EUR 8.95 / CHF 12.90
Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Rezension: Kathrin Lange – Ohne Ausweg

Undercover gegen den Terror

Du bist nicht mehr Amira.
Du bist jetzt eine Soldatin des Herrn.
Sei ohne Furcht.

langeohne-auswegMuhammed al-Sadiq plant mit seiner Terrororganisation einen grossen Giftanschlag auf Berlin. Da die SERV, die Sondereinheit für die Ermittlung bei religiös motivierten Verbrechen nicht weiss, wann und wo das Ganze passiert, soll der Ermittler Faris Iskander in die Gruppierung eingeschleust werden – eine gefährliche Angelegenheit. Umso gefährlicher ist das Unterfangen, weil al-Sadiq, der einzige, der die nötigen Informationen hat, aktuell im Hochsicherheitstrakt eines Gefängnisses sitzt, in welchem es für Faris gefährlich werden kann, wenn er auffliegt.

Kathrin Lange erzählt die Geschichte mit einem auktorialen Erzähler aus zwei Perspektiven: Einerseits folgt man Faris Iskander, andererseits der terroristischen Organisation. Die beiden Erzählstränge laufen langsam zueinander, dem Leser wird dadurch immer mehr klar – aber nie so klar, dass man weiss, wie wirklich alles zusammen passt. Dadurch wird ein Spannungsbogen gespannt, der nie abbricht, man liest Seite für Seite weiter, um ans Ziel zu kommen.

Das neue Buch von Kathrin Lange ist an Aktualität nicht zu überbieten, was einerseits reizvoll ist, andererseits auch eine Gefahr sein kann. Die ganz klare Verteilung von Gut und Böse, die von der ersten Seite an offensichtlich ist, könnte leicht ins Plakative verkehren. Kathrin Lange ist dieser Gefahr gekonnt ausgewichen. Ihr sehr schönes Nachwort rundet das Buch wunderbar ab und ist gerade bei der Geschichte wichtig, wie ich finde.

Fazit:
Eine spannende, an Aktualität kaum zu überbietende Geschichte mit geschickt gesetzten Cliffhangern, plastischen Figuren und einem fulminanten Tempo. Empfehlenswert.

Zum Autor  
Kathrin Lange wurde 1969 in Goslar am Harz geboren. Obwohl sie sich beruflich der Hundestaffel der Polizei anschließen wollte, siegte am Ende ihre Liebe zu Büchern, und sie wurde zuerst Buchhändlerin und dann Schriftstellerin. Heute ist sie Mitglied bei den International Thriller Writers und schreibt sehr erfolgreich Romane für Erwachsene und Jugendliche. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Söhnen in einem kleinen Dorf bei Hildesheim in Niedersachsen.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 448 Seiten
Verlag: Blanvalet Taschenbuch Verlag (19. Dezember 2016)
ISBN-Nr.: 978-3734102653
Preis: EUR 9.99/ CHF 14.90
Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Kurt Tucholsky (1890 – 1935)

img_0865Kurt Tucholsky kommt am 9. Januar 1890 in Berlin-Moabit zur Welt. Weil sein Vater aus beruflichen Gründen nach Stettin muss, verbringt der kleine Kurt seine frühe Kindheit dort. Kurt Tucholsky verehrt seinen Vater, mit der Mutter ist es schwieriger. Umso mehr trifft ihn der frühe Tod seines Vaters im Jahr 1905, Kurt Tucholsky ist gerade mal 15 Jahre alt. Durch eine beachtliche Hinterlassenschaft mangelt es der Familie wenigstens finanziell an nichts.

Nach seinem Abitur 1909 wechselt Tucholsky an die Universität in Berlin, wo er ein Jurastudium beginnt. Allerdings interessiert er sich auch während des Studiums mehr für Literatur als für trockene Paragraphen. Statt in staubigen Lesesälen zu versauern, reist er lieber mit Freunden durch die Welt und besucht Schriftsteller. Es verwundert nicht, dass er das Staatsexamen ablehnt und somit auf eine Anwaltskarriere verzichtet. Mit Ach und Krach schafft er es, eine mehrfach abgelehnte Dissertation durchzubringen, so dass er doch noch einen Studienabschluss hat – immerhin cum laude.

img_0866Schon zu Schulzeiten veröffentlicht er kurze journalistische Schriften und Satiren, zieht die journalistische Arbeit auch während des Studiums weiter.

1915 wird Tucholsky in den Krieg eingezogen, wo er ab 1916 die Feldzeitung Der Flieger herausbringt. Im Dezember 1918 wird Tucholsky Chefredaktor der satirischen Beilage des Berliner Tagblatts, des Ulk. Da Tucholsky bald für verschiedene Blätter und in unterschiedlichen Themengebieten arbeitet, legt er sich eine Vielzahl an Pseudonymen zu: Theobald Tiger, Peter Panter, Ignaz Wrobel und Karl Hauser.

Tucholsky zeigt sich immer wieder gegen den Krieg und gegen das Militär eingestellt, er prangert die zahlreichen politischen Anschläge an linken, pazifistischen oder liberalen Politikern und Publizisten an: Rosa von Luxemburg, Karl Liebknecht und Maximilian Harden, um nur einige zu nennen. Ebenso unnachsichtig ist er mit demokratischen Politikern, welche ihre Gegner zu sehr mit Samthandschuhen anfassen. Gegen all das schreibt Tucholsky mit spitzer Feder an und engagiert sich auch direkt politisch.

Zusammenfassend kann gesagt werden: die Nationalökonomie ist die Metaphysik des Pokerspielers.[1]

1922 gerät sein Schreiben ins Stocken. Einerseits zwingen ihn finanzielle Probleme (auch durch die herrschende Inflation) zu einer wirtschaftlicheren Arbeit, andererseits gerät er in eine Depression, welche ihm sein Schreiben als sinnfrei erscheinen lässt. Ein Selbstmordversuch fällt in diese Zeit. 1924 führt sein Weg nach Paris, er lässt sich im selben Jahr von Frau eins (Else Weil) scheiden und heiratet Frau zwei (Mary Gerold). Tucholsky kommt nur noch sporadisch nach Deutschland zurück, die meiste Zeit verbringt er im Ausland. Trotzdem schaut er immer wieder mit kritischem Blick nach Deutschland.

Auch die zweite Ehe wird geschieden, 1927 lernt er Lisa Matthias kennen. Einem Urlaub mit ihr in Schweden verdanken wir den 1931 erschienen Kurzroman Schloss Gripsholm. Politisch engagiert er sich 1929 mit Deutschland, Deutschland über alles nochmals.

Es ist ein hartes Wort, und dennoch sag ich’s, weil es Wahrheit ist: ich kann kein Volk mir denken, das zerrissener wäre, wie die Deutschen. Handwerker siehst du, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, Priester, aber keine Menschen, Herren und Knechte, Jungen und gesetzte Leute, aber keine Menschen – ist es nicht wie ein Schlachtfeld, wo Hände und Arme und alle Glieder untereinander liegen, indessen das vergossene Lebensblut im Sande zerrinnt?[2]

Im gleichen Jahr verlegt er seinen Wohnsitz nach Schweden. Tucholsky kann schlecht damit umgehen, dass seine vielen Warnungen, seine Vorahnungen ungehört bleiben. Wie deutlich sieht er die von Hitler ausgehende Gefahr und muss zusehen, wie Deutschland ins Unglück rennt.

Ihr fühlt die Not – aber ihr könnt sie nicht beheben, weil ihr ihre Quelle nicht sehen wollt.[3]

1931 verstummt Tucholsky publizistisch. Seine Trennung von Lisa Matthias, der Tod eines Freundes sowie gesundheitliche Probleme lassen ihn immer mehr resignieren. Es erscheinen 1933 noch seine Schnipsel genannten Aphorismen, 1933 eine kleine Notiz, ein Romanmanuskript wird wegen der politischen Lage in Deutschland abgelehnt. 1933 werden seine Bücher verbrannt und Tucholsky die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt.

Tucholsky glaubt nicht an ein schnelles Ende des Schreckens. Vom Exil aus beobachtet er die Lage besorgt. Darüber geben posthum veröffentliche Briefe Auskunft. Gesundheitliche Probleme machen ihm das Leben zusätzlich schwer. Am 20. Dezember 1935 nimmt er in seiner Exilheimat in Hindås, Schweden eine Überdosis Tabletten, an welcher er am 21. Dezember stirbt. Es ist nicht ganz sicher, ob es Absicht oder ein Versehen war.

Sein Werk
Tucholsky selber bezeichnet sich als linker, liberaler Intellektueller. Seine politischen Texte sind sehr kritisch gegen die Weimarer Republik sowie auch gegen die Gesellschaft als brave Gefolgschaft einer verantwortungslosen Politik gegenüber.

Es scheint wirklich so, als ob die meisten Menschen hierzulande einen Hund nur deshalb besässen, um och einen „unter sich zu haben“.

Diverse politische Mitgliedschaften sind jeweils von kurzer Dauer, vermutlich, weil er, sobald er mehr Einsichten in die Strukturen hatte, überall mit Kritik reagiert.

Tucholsky war auch ein grosser Literaturkritiker. Er hat mehr als 500 Werke rezensiert, wobei auch die Texte nicht frei von seiner politischen Meinung sind. Als Lyriker sieht sich Tucholsky als Talent, sieht sich aber nicht in der gleichen Liga wie den von ihm sehr verehrten Heinrich Heine. Er ist Verfasser von „Gebrauchslyrik“, versucht aber auch, Chansons und Couplets in der deutschen Sprache zu beheimaten.

An Bekanntesten ist Tucholsky wohl als Satiriker. Die Satire ist aber kein gesonderter Teil in seinem Werk, sondern, sondern sie durchzieht es. Tucholsky ist der Ansicht, dass Satire alles darf und ein „eine durchaus positive Sache“[4] ist.

Der Satiriker ist ein gekränkter Idealist: er will die Welt gut haben, sie ist schlecht, und nun rennt er gegen das Schlechte an.

________________

[1] Kurt Tucholsky: Dürfen darf man alles, S. 55.

[2] Zitat von Hölderlin als Vorwort zu Tucholskys „Deutschland, Deutschland über alles“, S. 9

[3] ebd., S. 128

[4] Aus „Was darf Satire?“, in: Kurt Tucholsky: Das grosse Lesebuch, S. 15

Hilfeschrei einer Buchbloggerin

Ich wollte im Januar so viel lesen. Hatte Pläne, echte. Klassiker, Literatur, diesen und jenen Krimiautor (Krimi und Thriller müssen immer rein), aber dann… ja dann… ich las zuerst den 12. Teil einer Serie. Dann den ersten, weil der 12. so toll war. Nun bin ich bei zwei, drei steht noch hier, ich bestellte schon histerisch 4, 5 und 6… 11 habe ich bereits… mir fehlen 7-10 und das macht Bauchweh.

Ob ich James Patterson verklagen kann? Ich wage kaum zu sagen, dass auch noch ein paar ungelesene Alex-Cross-Romane hier warten. Und es einige gibt, die ich noch nicht kenne. Und wer nun denkt, ich sei einseitig, dem sei gesagt, dass auch Karen Slaughter und andere  Autoren (da kennen mich einige gut und schenken mir gar was zum Geburtstag) gelesen werden wollen.

Wie organisiert ihr euren SUB? Was kommt rein, wie organisiert ihr die Reihenfolge? Und: Wann schlaft ihr noch?????

Rezension: Harper Lee – Wer die Nachtigall stört

Wenn bloss alle Menschen wie Atticus Finch wären

Atticus, Jem und ich sowie Calpurnia, unsere Köchin, lebten in der Hauptstrasse des Wohnviertels. Jem und ich waren mit unserem Vater zufrieden: Er spielte mit uns, las uns vor und behandelte uns im Übrigen mit höflicher Zurückhaltung.

leenachtigallAtticus Finch lebt als alleinerziehender Vater mit seinen beiden Kindern Scout und Jem sowie der Köchin Calpurnia in der Kleinstadt Monroeville im tiefen Süden der USA. Die kleine Familie ist im ganzen Ort beliebt, bis Atticus in seiner Rolle als Rechtsanwalt die Verteidigung des schwarzen Landarbeiters Tom Robinson übernehmen soll, welcher wegen Vergewaltigung eines weissen Mädchens angeklagt ist. Atticus ist von der Unschuld seines Mandanten überzeugt, was ihm den Hass seiner Mitbürger einbringt.

Atticus Finch ist der wohl liebenswürdigste, warmherzigste und mitfühlendste Mensch, den man sich vorstellen kann. Er ist für seine Kinder da, ohne sie zu erdrücken, lässt sie die Welt entdecken und bringt ihnen bei, was wichtig ist, was Werte sind, was Menschlichkeit, Offenheit, Toleranz und Mitgefühl sind. Atticus hat ein Herz für die, welche nichts haben, und er setzt sich für die ein, denen Unrecht widerfährt. Gäbe es in dieser Welt mehr Menschen wie Atticus, wäre die Welt ein schönerer Platz.

Gerade diese Offenheit und Toleranz wird ihm allerdings fast zum Verhängnis, da er in einem rassistischen Umfeld lebt, wo Schwarze die Untertanen, die Weissen die herrschende Rasse sind. Es kann nicht sein, was nicht sein darf.

Harper Lee greift in ihrem Roman die Rassendiskriminierung im Süden Amerikas auf. Sie zeigt auf, welche Dynamik falsche Verdächtigungen annehmen können. Wer die Nachtigall stört ist ein Blick in die Abgründe der menschlichen Seele. Das Buch zeigt auf, dass Vorurteile oft nicht mehr sind als zu Unrecht vertretene Meinungen, es zeigt weiter auf, dass es nicht immer einfach ist, zwischen gut und böse zu unterscheiden. Menschen werden verteufelt und stellen sich als liebenswürdig und ehrlich heraus, andere werden verteidigt und sind eigentlich zu verurteilen.

„Sie haben ihn verfolgt und konnten ihn nie erwischen…- du Atticus, der hatte das alles gar nicht getan… Er war nett, Atticus, so nett…“ […]
„Das sind die meisten Menschen, Scout, wenn man sie endlich zu Gesicht bekommt.“

Fazit:
Ein hervorragendes Buch voller Philosophie, Menschlichkeit und Herzenswärme.
Absolute Leseempfehlung!

Zum Autor
Harper Lee, geboren 1926 in Monroeville, studierte Jura an der University of Alabama, zog nach New York und begann zu schreiben. Sie war befreundet mit Truman Capote, der ihr Kindheitsfreund war und dem sie bei den Recherchen für «Kaltblütig» half. Nach dem Welterfolg ihres in 40 Sprachen übersetzten Romans «Wer die Nachtigall stört…», für den sie 1961 den Pulitzerpreis erhielt, zog sie sich aus dem literarischen Leben und weitgehend auch aus der Öffentlichkeit zurück. 2015 wurde eine frühe Manuskriptfassung von «Wer die Nachtigall stört …» gefunden und publiziert, die 50 Jahre lang als verschollen galt. Harper Lee starb 2016 in ihrer Heimatstadt Monroeville in Alabama.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 448 Seiten
Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag (22. Juli 2016)
Übersetzung: Claire Malignon
ISBN-Nr.: 978-3499217548
Preis: EUR 9.99/ CHF 14.90
Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

 

Wer die Nachtigall stört wurde mit Gregory Peck als Atticus Finch verfilmt. Ein wunderbarer Film mit einem grossartigen Hauptdarsteller. Gregory Peck sagte selber, dass dieser Film sein Lieblingsfilm gewesen sei (nachzusehen in der Dokumentation A conversation with Gregory Peck:

Die ganze Sendung ist auf Netflix abrufbar)

Trailer zum Film To Kill A Mockingbird

Bernhard Aichner – Nachgefragt

2Bernhard Aichner (geb. 1972) lebt als Schriftsteller und Fotograf in Innsbruck/Österreich. Aichner schreibt Romane, Hörspiele und Theaterstücke. Für seine Arbeit wurde er mit mehreren Literaturpreisen und Stipendien ausgezeichnet. Nach den Spannungsromanen Nur Blau (2006) und Schnee kommt (2009) erschienen bei Haymon die Max-Broll-Krimis Die Schöne und der Tod (2010), Für immer tot (2011) und Leichenspiele (2012). Totenfrau ist der erste Thriller, der bei btb erscheint. Für die Recherche dazu arbeitete Aichner ein halbes Jahr bei einem Bestattungsinstitut als Aushilfe.

Bernhard Aichner hat sich bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu beantworten:

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich bin Schriftsteller. Seit ich 15 Jahre alt bin, habe ich davon geträumt, eines Tages vom Schreiben leben zu können. Meine Träume haben sich erfüllt. Ich bin ein glücklich, liebender Mensch, der die allergrößte Freude daran hat, seine Leserinnen zu unterhalten.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt, zu schreiben?

Schreiben ist Leidenschaft, Übung, Scheitern, Ausprobieren, Talent, das man pflegen muss. Schreiben fordert Fleiß, Durchhaltevermögen, Biss. All das sollte man mitbringen, bevor man eine Schreibschule betritt. Wenn man das unbedingt möchte.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Ich plane sehr genau. Überlege Monate lang bevor ich zu schrieben beginne. Plot, Erzählstruktur, Ausarbeitung der Charaktere, Stil, Rhythmus, Klang. Erst wenn ich weiß, wo die Reise hingeht, setze ich mich hin und schreibe den ersten Satz eines Romans.

Wann und wo schreiben Sie?

Überall. Im Zug, in Hotel, in Bars, in der Sauna. Ich höre Musik dabei, tauche ab in meine „andere“ Welt und verschwinde in meinem Buch.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Das Schreiben begleitet mich immer. Es ist überlebensnotwendig für mich und daher immer präsent.

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Schreiben bedeutet Glück für mich. Etwas zu schaffen, ist für mich neben der Liebe das Schönste, was es gibt auf der Welt.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

Ich bin ein leidenschaftlicher Beobachter, ich sauge die Welt auf und lasse sie in meine „Bücherwelt“ einfließen. Ich lese Zeitung, spreche mit Menschen, ich mische alles mit meiner Fantasie und raus kommt am Ende ein Buch.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel von Ihnen steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Alles was ich geschrieben habe ist von mir einmal gelebt, einmal gefühlt worden, es hat also sehr viel mit mir zu tun. Das tatsächlich Geschehene und auch das Erfundene. Alles bin ich. Mein Roman bin ich. Und das ist gut so.

Mit Totenrausch erscheint im Januar der dritte Band der Trilogie um die Bestatterin Brünhilde Blum. War von Anfang an klar, dass es eine Trilogie werden soll oder wuchs das während des Schreibens?

Es war von Anfang an klar, dass es drei Bücher werden, das Konzept lag auf dem Tisch, als ich begonnen habe, an Totenfrau zu schreiben. Ich hatte also das Ende im Kopf, als das Ganze begonnen hat

Was denken Sie, ist wichtiger für einen guten Roman: Eine interessante Protagonistin, so dass der Leser mit ihr durch die Geschichte gehen will, oder aber eine packende Geschichte, die ihren eigenen Sog entwickelt?

Beides ist wichtig. Und noch vieles mehr. Sprache zum Beispiel. Ein Buch zu schreiben ist wesentlich schwieriger, als eines zu lesen. Die Zutaten kann man oft nicht herausschmecken, aber das Genusserlebnis ist da…

Viele Autoren äußern sich politisch, verpacken auch politische Meinungen in Ihre Bücher. Hat ein Schriftsteller einen politischen Auftrag?

Jeder Mensch hat das.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Die Sprache muss schön sein, literarisch. Der Rhythmus muss stimmen, der Klang. Geschichte, Figuren, Aufbau sowieso. Feuer und Leidenschaft muss es haben, ich will etwas fühlen, wenn ich ein Buch lese.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Schreiben, schreiben, schreiben, schreiben, schreiben !

Herzlichen Dank für diese Antworten!

Rezension: James Patterson – Der 1. Mord

Vier Frauen und ein paar Todesfälle

Immer wenn sich bei der offiziellen Ermittlung neue Hinweise ergaben, könnten wir uns treffen, unsere Ergebnisse austauschen und die Bürokraten und das politische Halte-dich-bedeckt umgehen. Drei Frauen, denen es einen Heidenspass machen würde, der männlichen Rechthaberei ein Schnippchen zu schlagen.

patterson1Es sollte der schönste Tag in ihrem Leben werden, doch dann werden David und Melanie Brandt grausam ermordet. Inspector Lindsay Boxer ist erschüttert über die Brutalität, mit welcher der Mörder zuschlug. Polizeiintern kriegt sie für diesen Fall Verstärkung durch Chris Raleigh, worüber sie anfangs nicht erfreut ist, was sich aber bald ändert. Als sich bald darauf ein neuer Mord ereignet, wieder an einem Hochzeitspaar, wieder äusserst grausam, merkt Lindsay, dass sie noch mehr Hilfe brauchen kann: Zusammen mit der Pathologin (und besten Freundin) Claire Washbourn, der Reporterin Cindy Thomas und später der Staatsanwältin Jill Bernhardt gründet sie den Women’s Murder Club. Gemeinsam wollen sie dem Täter auf die Spur kommen – und das möglichst, bevor dieser weiter mordet.

Der 1. Mord ist ein Pageturner. Einmal angefangen zu lesen, kann man ihn kaum zur Seite legen. Mit Lindsay Boxer hat James Patterson eine Protagonistin geschaffen, die einen gleich für sich einnimmt. Dass Lindsay zudem gleich am Anfang des Buches erfährt, dass sie todkrank ist und somit nicht nur gegen einen Mörder, sondern auch noch um ihr Leben kämpfen muss, gibt der Geschichte eine Nebenhandlung, die einen noch mehr in den Roman zieht. Die kurzen Kapitel bringen noch zusätzlich Dynamik in die ganze Sache – Patterson, wie man ihn kennt: grossartig.

Was ich an dem Buch bemängeln muss, ist höchstens das Ende, welches gar konstruiert wirkt. Es scheint, als sei James Patterson übermütig geworden und hätte noch ein paar Drehungen und Pirouetten einbauen wollen, um den Leser nochmals richtig an der Nase rumzuführen. Das wäre so nicht nötig gewesen. Trotzdem ist der Thriller eine absolute Leseempfehlung und das Beste daran: Es gibt noch 11 weitere Fälle des Women’s Murder Club.

Fazit:
Einnehmende Charaktere, guter Plot, Spannung pur von der ersten bis zur letzten Seite! Absolute Leseempfehlung!

Der Autor
James Patterson, geboren 1947, sagt von sich selbst: „Ich bin schnell. Ich bin ein Ja-Nein-Typ, ich hasse Vielleichts.“ Und er ist tatsächlich so schnell, dass er an mehreren Romanen gleichzeitig arbeitet und pro Jahr mitunter fünf Titel auf Platz 1 der Bestsellerlisten landet. Begonnen hat seine Karriere, als er mit 27 Jahren den „Edgar Allan Poe Award“ für seinen ersten Roman „Die Toten wissen gar nichts“ bekam. Seitdem arbeitet er pausenlos an den Thrillern der „Alex-Cross“-Reihe oder schreibt über Detektiv Lindsay Boxer und den „Women’s Murder Club“ (siehe auch Die Tote Nr. 12). Hinzu kommen weitere Romane sowie Sach- und Kinderbücher. Patterson hat Englische Literatur studiert und war einige Jahre Chef einer Werbeagentur. Heute lebt er mit seiner Familie in Palm Beach City, Florida.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 464 Seiten
Verlag: Blanvalet Verlag (11. Juni 2007)
Übersetzung: Edda Petri
ISBN-Nr.: 978-3442369195
Preis: EUR 8.95 / CHF 12.90
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Friedrich Dürrenmatt (1921 – 1990)

Ich glaube, dass alles Wichtige, alles Entscheidende sich auf die Jugend zurückführt. Dies ist keine Erkenntnis, die ich – etwa von der Psychoanalyse – übernommen, sondern eine Erfahrung, die ich selber gemacht habe, indem ich über meine Werke, meine Ideen, meine Arbeit nachdachte.[1]

durrenmattFriedrich Reinhold Dürrenmatt kam am 5. Januar 1921 als erstes Kind eines reformierten Pfarrers und dessen Frau in Stalden im Emmental (Schweiz) zur Welt. So viel Verständnis der bibeltreue Vater für seine Schäfchen hatte, so wenig brachte er für die Interessen seines Sohnes auf, zumal sich dieser auch nicht wie ein artiger Pfarrerssohn aufführte, sondern in der Schule eher durch aufmüpfiges Verhalten denn durch gute Noten brillierte. Trotz (oder gerade wegen?) der Konflikte, die nicht ausblieben, prägten die ländliche Idylle des Emmentals und die patriarchalischen Strukturen am Familientisch Friedrich Dürrenmatt und dessen Werk Zeit seines Lebens.

Mein Leben begann in einer gespenstischen Idylle, und diese Idylle empfand ich als labyrinthisch.[2]

1941 legte Dürrenmatt die Matur knapp genügend ab und war froh, die von ihm selber als wohl übelste Zeit seines Lebens bezeichnete Etappe auf seinem Weg hinter sich zu haben.

durrenmatt2Dürrenmatt hat schon früh zu zeichnen und zu malen begonnen, überlegte sogar eine Weile, eine Ausbildung als Kunstmaler zu machen, entschied sich dann aber für das Studium der Philosophie, Naturwissenschaften und Germanistik. Das Malen und Zeichnen gab er aber nie auf, sondern verlegte es auf die Nächte. Auch illustrierte er einige seiner Werke später selber.

Wer nun denkt, aus dem eher lernfaulen Schüler sei ein pflichtbewusster Student geworden, täuscht sich. Dürrenmatt selber bezeichnete sich als „verbummelten Studenten“[3]. Schon während des Studiums entstanden erste Texte. 1946 beendete er sein Studium, verzichtete auf eine eigentlich geplante Dissertation über Søren Kierkegaard und beschloss, Schriftsteller zu werden. Noch im selben Jahr heiratete er auch die Schauspielerin Lotti Geissler, mit welcher er nach Basel, später an den Bielersee zog. Dort entstand auch sein Roman Der Richter und sein Henker. In den ersten Jahren seiner Schriftstellerkarriere waren Friedrich Dürrenmatt und seine fünfköpfige Familie (es waren über die Jahre drei Kinder zur Welt gekommen) trotz verschiedener Romane, Erzählungen und Bühnenstücke nicht auf Rosen gebettet. Dies änderte erst, als Dürrenmatt Aufträge für Hörspiele erhielt.

1952 zog die Familie Dürrenmatt nach Neuenburg. In der Folge durfte der fleissige Schriftsteller verschiedene Erfolge mit seinen Bühnenstücken feiern, erhielt1954 den Literaturpreis der Stadt Bern, sowie 1957 einen Hörspielpreis, um nur einige zu nennen. Neben all seinen literarischen Werken brachte sich Dürrenmatt immer wieder auch politisch ein. In verschiedenen Essays, Vorträgen und Reden bezog er direkt und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, Stellung zur politischen Lage der Welt.

Ein grosser Schicksalsschlag für Friedrich Dürrenmatt war der Tod seiner Frau Lotti am 16. Januar 1983. Zum Glück erholte er sich davon und heiratete 1984 Charlotte Kerr, mit welcher er den Film Porträt eines Planeten sowie das Theaterstück Rollenspiele herausbrachte. Friedrich Dürrenmatt starb am 14. Dezember 1990 in Neuchâtel. Er war 69 Jahre alt, als sein Herz versagte.

Das Werk

Friedrich Dürrenmatt hinterlässt ein sehr vielfältiges Werk aus Erzählungen, Romanen (auch Kriminalromanen) und Theaterstücken. Viele seiner Bücher wurden als Hörspiele vertont. Ein Leitthema seiner Stücke ist – Friedrich Dürrenmatt sagte es selber im oben erwähnten Zitat – das erlebte Labyrinth seiner Kindheit und Jugend. Dies wird vor allem in seinem Theaterstück Der Besuch der alten Dame deutlich: Eine zur Milliardärin gewordene ehemalige Bewohnerin eines kleinen Dorfes kehrt zurück. Statt das verarmte Dorf mit Geld zu segnen, will sie sich für ihr erlittenes Unrecht rächen. Mit viel Witz und Scharfblick entwickelt Dürrenmatt die Geschichte um die „alte Dame“, zwei Zutaten, die in keinem seiner Werke fehlen.

Friedrich Dürrenmatt verstand es in seinem literarischen Werk immer wieder, die menschlichen Befindlichkeiten, die gesellschaftlichen Zwänge und Urteile offenzulegen, ohne zu sehr psychologisierend zu wirken. Fast beiläufig entwickelt er in einer einfachen und leicht lesbaren Sprache seine Geschichten, zieht den Leser hinein und entlässt ihn am Ende um viele Erfahrungen und Einblicke reicher.

Bekannte Werke Dürrenmatts

Romane

  • Der Richter und sein Henker (1951)
  • Der Verdacht )1953)
  • Grieche sucht Griechin (1955)
  • Die Panne (1956)

Theaterstücke

  • Der Besuch der alten Dame (1956)
  • Die Physiker (1962)
  • Der Meteor (1966)

Dies nur einige einer langen Liste.

Wer mehr über den Menschen Friedrich Dürrenmatt erfahren möchte, dem sei der Film Dürrenmatt – Eine Liebesgeschichte von Sabine Gisiger empfohlen.

______________________

[1] Friedrich Dürrenmatt: Gespräch mit Heinz Ludwig Arnold, Zürich 1976, S. 9
[2] ebd., S. 11
[3] Friedrich Dürrenmatt: Philosophie und Naturwissenschaft, Band 18, der Werkausgabe, Zürich 1980, S. 9

Rezension: Bernhard Aichner – Totenfrau

Die Rache für verlorenes Glück

Sie wird sich nicht rühren, egal, was passiert, nicht bewegen. Da ist nur Blum, und die Sonne auf ihrer Haut. Sie ignoriert die Schreie und das Klopfen.
Zwei schwimmende Körper, verzweifelt.

aichnertotenfrauBlums Kindheit war nicht schön. Schon früh muss sie im Bestattungsunternehmen der Eltern helfen, Tote sind um sie, Tag für Tag. Zwar gewöhnt sie sich mit der Zeit an die Toten, aber an ihre Eltern gewöhnt sie sich nie, sie leidet – und setzt diesem Leiden ein Ende: Die Eltern müssen sterben.

Am selben Tag, an dem Blum die Freiheit von ihren Eltern erlangt, lernt sie Mark kennen – und damit das Glück. Sie gründen eine Familie, sind tagtäglich dankbar und glücklich – bis eines Tages Mark bei einem Unfall stirbt. Als Blum erfährt, dass es kein Unfall war, will sie Rache. Und sie tut alles dafür.
Totenfrau ist der erste Band der Trilogie um Blum. Bernhard Aichner lässt den Leser die Hauptfigur kennenlernen, er erzählt die glücklichen und traurigen Tage von Blum, zeigt, wie sich in ihr Wut entwickelt, die sie nicht mehr bändigen kann, die sie ausleben muss. Der Leser versteht Blum, er fühlt mit ihr mit.

Der Thriller weist einige Längen auf, sehr viele und lange Dialoge stoppen den Fluss. Viele Leerseiten und das grosszügig gewählte Layout führen zu einem umfangreichen Buch, der wirkliche Text nimmt wohl maximal 2/3 der Seiten ein. Der ganze Roman hängt an der sehr plastischen und authentischen Protagonistin, Spannung tritt ein wenig in den Hintergrund. Da es sich um den ersten Band einer Trilogie handelt, kann das ein geschickter Schachzug sein, denn: Wenn man die Figur so gut kennt, will man auch wissen, wie es mit ihr weitergeht.

Fazit:
Ein guter Einstieg in eine Trilogie mit authentischen Charakteren und einem stimmigen Plot.

Der Autor
Bernhard Aichner (geb. 1972) lebt als Schriftsteller und Fotograf in Innsbruck/Österreich. Aichner schreibt Romane, Hörspiele und Theaterstücke. Für seine Arbeit wurde er mit mehreren Literaturpreisen und Stipendien ausgezeichnet. Nach den Spannungsromanen Nur Blau (2006) und Schnee kommt (2009) erschienen bei Haymon die Max-Broll-Krimis Die Schöne und der Tod (2010), Für immer tot (2011) und Leichenspiele (2012). Totenfrau ist der erste Thriller, der bei btb erscheint. Für die Recherche dazu arbeitete Aichner ein halbes Jahr bei einem Bestattungsinstitut als Aushilfe.

 

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 464 Seiten
Verlag: btb Verlag (11. Mai 2015)
ISBN-Nr.: 978-3442749263
Preis: EUR 9.99 / CHF 14.90
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Rezension: Harlan Coben – Der Insider

Myron Bolitar ermittelt

Ein Comeback mit Hintergedanken

„Benehmen Sie sich anständig.“
„Ich?“, sagte Myron. „Ich bin doch immer ganz entzückend.“
[…]
„Myron, wir möchten Ihnen ein interessantes Angebot machen“, sagte Clip Arnstein.

cobeninsiderMyron Bolitar war ein vielversprechendes Talent im Basketball, bis ein Unfall seiner Karriere ein abruptes Ende bescherte. Bolitar lässt den Kopf nicht hängen, studiert Jura, arbeitet kurzzeitig fürs FBI und ist nun als Sportagent selbständig. Als aus heiterem Himmel das Angebot auf ihn zukommt, für ein grosses NBA-Team zu spielen, traut er seinen Ohren kaum. Allerdings geht es weniger um Bolitars Spielkünste, die ihn qualifizieren, als eher seine Fähigkeiten als Ermittler: Er soll als Insider das Verschwinden seines alten Kameraden Greg aufklären.

Gemeinsam mit seinem Partner Win macht er sich auf die Suche – und er muss feststellen, dass die ganze Geschichte tiefer reicht, als er gedacht hätte. Und: Es wird gefährlich.

Harlan Coben besticht einmal mehr durch seinen gewohnt leichten, humorvollen und gut lesbaren Schreibstil, der einen in die Geschichte zieht und festhält. Witzige Dialoge, ein stimmiger Plot mit den nötigen Kniffen und Überraschungen sowie plastisch und authentisch charakterisierte Figuren machen das Buch zu einem absoluten Lesevergnügen.

Der Insider ist der dritte Band der Reihe um Myron Bolitar, doch man kann ihn gut ohne Kenntnis der ersten beiden Bände lesen. Zwar erfährt man von einer Vorgeschichte Bolitars, doch fehlt einem keine Information fürs Verständnis des vorliegenden Bands, zumal jeder Charakter immer eine Vorgeschichte hat, selbst wenn die in keinem früheren Band beschrieben wurde.

Fazit:
Ein witzig und spannend erzählter Krimi mit einem stimmigen Plot und authentischen Charakteren. Absolut empfehlenswert.

Zum Autor
Harlan Coben wurde 1962 in New Jersey geboren. Nachdem er zunächst Politikwissenschaft studiert hatte, arbeitete er später in der Tourismusbranche, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. Seine Thriller wurden bisher in über 40 Sprachen übersetzt und erobern regelmäßig die internationalen Bestsellerlisten. Harlan Coben, der als erster Autor mit den drei bedeutendsten amerikanischen Krimipreisen ausgezeichnet wurde – dem Edgar Award, dem Shamus Award und dem Anthony Award – gilt als einer der wichtigsten und erfolgreichsten Thrillerautoren seiner Generation. Er lebt mit seiner Frau und seinen vier Kindern in New Jersey.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 384 Seiten
Verlag: Goldmann Verlag (19. September 2016)
Übersetzung: Kathrin Passig, Gunnar Kwisinski
ISBN-Nr.: 978-3764505424
Preis: EUR 9.99 / CHF 14.90
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Theodor Fontane (1819-1898)

„Ohne Vermögen, ohne Familienanhang, ohne Schulung und Wissen, ohne robuste Gesundheit bin ich ins Leben getreten, mit nichts ausgerüstet als einem poetischen Talent und einer schlechtsitzenden Hose.“ (Brief an Georg Friedländer, 3. Oktober 1893)

Theodor Fontane wird am 30. Dezember 1819 in Neuruppin geboren, wo er später auch das Gymnasium besucht. Nach einem abgebrochenen Besuch der Gewerbeschule beginnt er 1836 eine Ausbildung zum Apotheker, um in die Fussstapfen seines Vaters zu treten und arbeitet nach deren Abschluss als Apothekergehilfe. Daneben erscheinen bereits erste literarische Werke. 1849 hängt er den Apothekerberuf an den Nagel, um als freier Schriftsteller zu arbeiten.

Es ist immer dasselbe Lied: wer durchaus Schriftsteller werden muss, der wer’ es; er wird schliesslich in dem Gefühl, an der ihm einzig passenden Stelle zu stehen, auch seinen Trost, ja, sein Glück finden. Aber wer nicht ganz dafür geboren ist, der bleibe davon. (aus einem Brief Fontanes, zit. nach Thomas Mann, Der alte Fontane)

fontanetheodor
Theodor Fontane (1883), Gemälde von Carl Breitbach

Aufträge sind Mangelware und so lässt er sich von der Zentralstelle für Presseangelegenheiten anstellen. In deren Auftrag reist er nach London und berichtet von da unter anderem über Kunstausstellungen. Er verfasst auch Reisebücher und Theaterkritiken, doch all das befriedigt ihn nicht. Aus dem Grund ist der Entschluss nicht verwunderlich, wieder als freier Schriftsteller arbeiten zu wollen. Diesem Entschluss haben wir eine Reihe bis heute bekannter Bücher zu verdanken. Theodor Fontane stirbt am 20. September 1898 in Berlin.

Die Romane

Theodor Fontanes Romane werden dem poetischen Realismus zugeordnet. Er beschreibt in seinen Büchern das Leben von ganz normalen Menschen, zeigt ihre Befindlichkeiten und Schwierigkeiten. Es sind stille Bücher, die trotzdem eine grosse Tragkraft haben und in denen immer wieder Fontanes ironischer Humor durchkommt. Seine Bücher beginnen meistens gleich: Man fährt – wie bei der Kameraführung im Film – die Strasse entlang zum Haus, in den Garten, die Treppe hoch in die Wohnung und wird dann mit den Hauptfiguren des Romans bekannt. Man lernt ihre Stube kennen, die Bilder an der Wand, erfährt von einem auktorialen Erzähler einiges über ihre Geschichte und ihr aktuelles Leben.

Theodor Fontane ist aber nicht nur ein Meister der Beschreibungen, er ist auch ein Meister der Lücken. Ganz viel steht bei ihm zwischen den Zeilen, man kann es erahnen, sieht sich aber erst später in dieser Ahnung bestätigt. Teilweise sind es gerade die wichtigsten Dinge, die sich in Lücken befinden – man denke nur an Effi Briests Seitensprung.

Die meisten grossen Romane Fontanes sind erst nach seinem 60. Geburtstag entstanden. Was Thomas Mann in seinem Essay Der alte Fontane in Bezug auf dessen Briefe schrieb, könnte auch bei den Romanen gelten:

Scheint es nicht, dass er alt, sehr alt werden musste, um ganz er selbst zu werden?

Bekannte Werke Fontanes sind unter anderem Wanderungen durch die Mark Brandenburg (1862), Vor dem Sturm (1878), Grete Minde (1880), L’Adultera (1882), Irrungen, Wirrungen (1888), Unwiederbringlich (1892), Effi Briest (1896), Die Poggenpuhls (1896), Der Stechlin (1899).

Auch unbedingt lesenswert sind die Briefe Fontanes, allen voran seine Ehebriefe.

Rezension: Lee Child – Die Gejagten

Ein Jack-Reacher-Roman, Band 18

Fangen oder gefangen werden

„Jack Reacher, ab sofort sind sie wieder zum Militärdienst einberufen.“
Reacher schwieg.
„Sie sind wieder in der Army, Major“, sagte Morgan. „Und ihr Arsch gehört mir.“

childgejagtenNachdem Reacher aus der Militärpolizei ausgetreten ist, will er eines Tages spontan seine Nachfolgerin in seiner ehemaligen Einheit besuchen – ihre Stimme hat am Telefon so sympathisch geklungen und er könnte sich durchaus vorstellen, diese Sympathie auszubauen. Vor Ort angekommen, erfährt er, dass Major Susan Turner wegen Bestechung angeklagt ist und er selber wieder eingezogen wird, damit man ihn wegen zwei Fällen, die 16 Jahre zurückliegen, ebenfalls anklagen kann. Reacher soll einen Mann geprügelt haben, der danach starb, und er soll eine Tochter haben, für die er nie sorgte. Von beidem weiss Reacher nichts, ahnt aber nichts Gutes. Nachdem er verhaftet wird, gelingt ihm die Flucht und er muss versuchen, der Wahrheit hinter allem auf die Spur zu kommen.

Die Gejagten ist der 18. Teil der Jack-Reacher-Reihe, aber man kommt auch gut mit, wenn man die 17 vorhergehenden Bände nicht gelesen hat. Child baut seinen Hauptcharakter gut auf, es braucht wenig Beschreibungen, wie er ist, man erlebt ihn in seinen Handlungen und seiner Sprache, wodurch Reacher sehr plastisch und authentisch wirkt. Mit Susan Turner bekommt Reacher einen ebenbürtigen, intelligenten und sympathischen Charakter an die Seite, so dass die sich entwickelnde Liebesgeschichte stimmig wirkt.

Zentral im Buch bleibt die Jagd nach dem unsichtbaren Feind, der irgendwo im Verborgenen sitzt und an den Fäden zieht, die für Reacher und Turner den Untergang bedeuten könnten – wenn sie ihn nicht vorher entlarven, ohne selber gefunden zu werden.

Ein spannender Roman mit einem stimmigen Plot, der ab und an über Längen verfügt. Es wird sehr viel gesprochen und rumgefahren. Bei einem ungeduldigen Leser, der ich ab und an bin, juckt es da manchmal in den Fingern, ein paar Seiten zu überspringen. Lee Childs unterschwelliger und sarkastischer Humor beim Erzählen macht diesen Kritikpunkt wieder wett.

Fazit:
Stimmiger Plot, authentische Charaktere und Spannung gewürzt mit einer Prise Liebe. Empfehlenswert!

Zum Autor
Lee Child wurde in den englischen Midlands geboren, studierte Jura und arbeitete dann zwanzig Jahre lang beim Fernsehen. 1995 kehrte er der TV-Welt und England den Rücken, zog in die USA und landete bereits mit seinem ersten Jack-Reacher-Thriller einen internationalen Bestseller. Er wurde mit mehreren hoch dotierten Preisen ausgezeichnet, u. a. mit dem »Anthony Award«, dem renommiertesten Preis für Spannungsliteratur.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 4148 Seiten
Verlag: Blanvalet Verlag (27. Juni 2016)
Übersetzung: Wulf Bergner
ISBN-Nr.: 978-3764505424
Preis: EUR 19.99 / CHF 28.90
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Rezension: David Levithan – Letztendlich sind wir dem Universum egal

Wer bin ich tief drin?

Früher oder später muss man mit der Tatsache Frieden schliessen, dass man einfach existiert. Warum es so ist, lässt sich nicht herausfinden. Man kann Theorien aufstellen, aber es wird nie schlüssige Beweise geben.

levithanletztendlichJeden Morgen wacht A in einem neuen Körper auf. Jeden Morgen lebt er ein anderes Leben als ein Anderer, bleibt aber tief drin immer auch er selber. Äusserlich wechselt er das Geschlecht, die Hautfarbe und den Aufenthaltsort (wobei er immer im gleichen Bundesstaat bleibt), nur das Alter ist immer dasselbe. Er denkt die Gedanken der anderen, verhält sich wie diese, aber tief drin kann er darüber nachdenken, alles hinterfragen. Manchmal hilft er, seinem Tagescharakter, manchmal bringt er auch Chaos in dessen Leben, meistens versucht er, den Tag möglichst so zu leben, dass seinem Tageskörper nichts passiert und der am nächsten Tag wieder ganz als er selber sein gewohntes Leben weiterführen kann.

Ich bin Treibgut, und so einsam das mitunter sein kann, es ist auch enorm befreiend. Ich werde mich niemals über jemand anderen definieren. Ich werde nie den Druck von Gleichaltrigen oder die Last elterlicher Erwartungen spüren. Ich kann alle als Teil eines Ganzen betrachten und mich auf das Ganze konzentrieren, nicht auf die Teile.

A hat sich Regeln gegeben für dieses Leben. Die wichtigste dabei lautet: Lass dich auf nichts zu sehr ein. Das gelingt ihm gut bis zum Tag, als er Justin ist und sich Hals über Kopf in dessen Freundin Rhiannon verliebt. Wie soll das weitergehen? Er immer an einem anderen Ort als ein Anderer, sie die Freundin von Justin, der ihr aber – davon ist A überzeugt – nicht gut tut?

Letztendlich sind wir dem Universum egal ist eigentlich ein Jugendbuch, das all die Probleme, die sich in der Pubertät stellen, anspricht: die eigene Identität, das Verhalten dem anderen Geschlecht gegenüber, der eigene Körper. Es behandelt aber auch Fragen der Gerechtigkeit, der Toleranz, des Miteinanders, fragt nach der wirklichen Liebe und woran sie sich festmacht. Das alles sind Fragen, die einen auch nach der Pubertät nicht ganz loslassen, die einen immer wieder begleiten. Gerade darum ist das Buch wohl viel mehr als ein Jugendbuch, es ist ein Buch für jeden, der sich Fragen stellt. Es ist ein Buch, das einen tief hineinnimmt ins Leben und in die eigenen Fragen danach, was ein Mensch ist und wie wir als Menschen miteinander und mit uns umgehen sollen.

David Levithan hat in diesem Buch alles richtig gemacht. Seine Charaktere sind authentisch und tief, die Idee hinter der Geschichte brilliant, der Plot gut und stimmig aufgebaut. Ich habe das Buch von der ersten bis zur letzten Seite in einem Zug durchgelesen, mochte es kaum weglegen, war gefangen und berührt.

Fazit:
Ein tiefgründiges, einnehmendes, gefühlvolles und wunderbar erzähltes Buch. Absolute Leseempfehlung.

Zum Autor
David Levithan, geboren 1972, ist Verleger eines der größten Kinder- und Jugendbuchverlage in den USA und Autor vieler erfolgreicher Jugendbücher, unter anderem ›Will & Will‹ (gemeinsam mit John Green) und ›Two Boys Kissing‹. Sein Roman ›Letztendlich sind wir dem Universum egal‹ erhielt den Deutschen Jugendliteraturpreis 2015 in der Kategorie Jugendjury. Er lebt in Hoboken, New Jersey.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 416 Seiten
Verlag: Fischer Taschenbuch (22. September 2016)
Übersetzung: Martina Tichy
ISBN-Nr.: 978-3596811564
Preis: EUR 9.99 / CHF 31.90
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