Lebe dein Leben

Jahre vergehen
wir waren mal nah,
verloren die Nähe,
verloren uns ganz,
Gedanken, sie kamen
und gingen dahin.
Die Trauer geschluckt,
den Alltag gelebt,
den Graben geschaufelt,
der Übergang fehlt.

Es plätschert der Fluss
und still liegt der See,
wir treiben dahin,
die Ruder im Schoss,
lassen geschehen,
dass Land ausser Sicht,
erzählen uns Gründe
und glauben uns nicht.

Der Tag, er wird kommen,
denn das tut er stets,
und er wird uns zeigen,
was wir überseh’n.
Wir werden erschüttert
und hören uns flehen,
zurück gibt es keines,
die Einsicht nur bleibt.
Drum lebe dein Leben
und lass dich nicht gehen,
sag was du fühlst,
bald ist es zu spät.

Das Leben geht weiter

Das Leben geht weiter

Ein Spruch, den man oft zu hören kriegt, wenn man mit dem Schicksal hadert, etwas passierte, das einen traurig macht, das einen verletzt, wo man vielleicht auch eigene Fehler sieht – oder sich denen anderer ausgesetzt. Das Leben geht weiter. Es will heissen, man solle abhaken, was war und vorwärts gehen. Man könne nicht ändern, was war, nur was ist und sein wird. Alles wahr.  Trotzdem war, was war und es wirkt nach. Es hinterlässt Gefühle und es lässt einen mit diesen Gefühlen kämpfen, sie hinterfragen, hinterfragen auch, was war und ob es hätte anders sein können.

Hätte ich mich anders verhalten müssen? Habe ich falsch entschieden? Habe ich etwas übersehen? Wo bog ich falsch ab auf meinem Weg? War ich zu leichtgläubig? Zu stur? Falschen Wünschen hinterher rennend?

Es stimmt, man kann die Vergangenheit nicht ändern. Was war, war, es wird nicht anders, nur weil ich es mir anders wünsche. Und doch lässt es ab und an nicht los. Die Gelassenheit, die man leben sollte, das nicht Anhaften, das Loslassen – alles gut und schön. Es gibt Zeiten, da kommt die Vergangenheit hoch und überrollt einen wie eine grosse Welle.  Man sieht sich konfrontiert mit eigenen Fehlern, mit eigenem (heute so gewertetem) Versagen, sieht Menschen, die man verlor, Beziehungen, die zerbrachen, Träume, die wie Seifenblasen platzten. Man hadert mit der eigenen Sturheit in vergangenen Situationen, mit verpassten Chancen, gelebter Feigheit und wünscht sich, man hätte damals gesehen, was man heute sieht. Nur war das damals nicht zu sehen.

Leben lässt sich nur rückwärts verstehen, muss aber vorwärts gelebt werden. (Sören Kierkegaard)

Damals hat man agiert, wie man damals musste und glaubte, es wäre richtig. Vielleicht sagte sogar eine leise Stimme in einem, dass es nicht richtig sei, aber man hatte nicht den Mut, ihr zu folgen. Sich heute dafür zu schelten, wäre schade und würde nichts bringen. Die Trauer zuzulassen über das, was vielleicht war oder nicht war, ist menschlich. Es darf auch Platz haben. Wichtig ist – so denke ich – dass man sich immer wieder vor Augen führte, dass damals alles anders war, damalige Entscheidungen auf anderen Voraussetzungen fussten. Hätte man damals gewusst, was man heute weiss, hätte das Leben eine andere Bahn genommen. Doch bei soviel Konjunktiv kommt das Leben nicht mehr mit, es findet im Indikativ statt. Zu jeder Zeit. In jedem Augenblick. Und so kann ich in jedem Moment nur das sehen, was gerade sichtbar ist, ich kann es bewerten mit dem Werkzeug, das ich im Moment selber habe und ich gehe dann den Weg, den mir all die Mittel, die ich verfügbar habe, weisen. Im Wissen, dass ich nie unfehlbar bin, im Vertrauen, dass alles einen Sinn hat,und in der Hoffnung, das alles kommt, wie es soll.

Rückschläge, Fehler, Leiden – alles gehört zum Leben. Was zählt ist, wie man damit umgeht, wie man danach weiter geht. Und so hadere auch ich ab und an mit Entscheidungen, hinterfrage sie, trauere und gehe weiter.

Wessen Leben lebe ich?

Was werden wohl die anderen denken?

Dieser Satz prägt so viele Leben, so viele Entscheide werden auf dieser Grundlage getroffen. Das eigene Glück, die eigenen Wünsche unterliegen oft dabei. Man vergisst sich förmlich im Streben danach, von den anderen geliebt zu werden. Was man zudem vergisst ist, dass die anderen immer noch ihr Leben haben, das sie leben. Sie werden das unsere nicht übernehmen, wenn wir es nach ihren Wünschen ausrichten. Zwar werden sie – wenn es gut kommt – kurz zustimmend nicken, doch ausbaden können wir das Ganze. Da sitzen wir dann und schauen buchstäblich in die Röhre, leben ein Leben, das den anderen zwar gefällt, uns aber nicht entspricht. Wozu? Das ist die Frage. Ob uns die anderen wirklich mehr lieben, wenn wir dies tun, bleibt zu bezweifeln.

Man denkt, sie müssten einen mehr lieben, weil man ja so sei, wie sie das von einem erwarten. Nur vergisst man dabei, dass jemand, der uns nur liebt, wenn wir genau so sind, wie er es möchte, es eigentlich gar nicht wert wäre, dass wir uns nach ihm richten. Wahre Liebe kann das nicht sein. Uns liebt er auch nicht, eher seine eigene Vorstellung davon, was richtig und was falsch ist. Uns danach zu richten hiesse, uns ihm zu unterwerfen. Wieso? Weil er mehr wert wäre als wir? Weil er besser wüsste als wir, was richtig und was falsch ist? Wohl nur, weil wir selber uns als nicht wertvoll genug erachten, nach unseren eigenen Vorstellungen glücklich zu werden.

Wir wachsen oft so auf, dass wir uns geliebt fühlen, wenn wir die nötigen Leistungen erbringen. Diese Haltung übernehmen wir ins Erwachsenenleben und folgen ihr unreflektiert. Das muss nicht so bleiben. Meist braucht es einen Weckruf, meist einen, der schmerzt. Spätestens dann werden wir einsehen, was wir uns selber antun mit dieser Haltung. Wir werfen unser Leben weg, um das anderer zu leben. Wir setzen unser Glück aufs Spiel, um Erwartungen anderer zu erfüllen. Wozu? Für die illusionäre Hoffnung, dafür geliebt zu werden. Was wäre, wenn man den Schmerz nicht erst erleben müsste, sondern gleich das Leben in die eigenen Hände nehmen könnte?

Albert: „Mir geht es gut, weil ich lebe“

Im Rahmen meiner Reihe Herausforderungen des Lebens hat sich Albert bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu beantworten. Ich freue mich sehr über dieses wunderbare Porträt.

Albert, ich danke dir für deine Bereitschaft, einen Einblick in dein Leben zu gewähren. Stell dich kurz vor: Wer bist du, wie würdest du dich und dein Leben beschreiben?

Ich heisse Albert, bin 21 Jahre alt, habe seit drei Jahren eine Freundin und leide seit sieben Jahren an Epilepsie. Wobei das Wort ,leiden‘ nicht auf mich zutrifft, denn es ist mir möglich, mein Leben so zu leben, wie ich es möchte. Ich hatte bisher ein sehr vielseitiges und selbstbestimmtes Leben und beginne gerade eine Ausbildung zum Dipl. Krankenpfleger.

Du hast Epilepsie. Kannst du mir kurz verständlich erklären, was ich mir unter Epilepsie vorstellen kann?

Epilepsie äussert sich bei jedem Menschen sehr unterschiedlich. Ich selbst hatte immer regelmässig, sprich mehrmals im Monat, leichte (selten auch stärkere) Krampfanfälle. Ab und zu passierte es auch, dass ich einen ganzen Tag in regelmässigen, manchmal auch relativ kurzen Abständen, Anfälle hatte.

Wie sieht ein Anfall aus? Das kann ein kurzes Augenzucken sein oder auch ein Krampfen des ganzen Körpers, verbunden mit Bewusstlosigkeit und anschliessender Verwirrung.

Wann erhieltst du die Diagnose Epilepsie? Gibt es eine Vorgeschichte?

Die Diagnose erhielt ich 2007. Nachdem mein Vater mich zweimal krampfend im Bett aufgefunden hatte, waren wir bei einer Neurologin, die schnell auf Epilepsie schloss.

Wie waren die ersten Tage nach dieser Diagnose? Was ging dir durch den Kopf?

Die Antwort ist vielleicht unspektakulär. Mir ging nicht viel durch den Kopf, ich hatte gelernt, immer optimistisch zu sein. Und aus dem „mir wird nie etwas passieren“ wurde ein „ok, mir wird trotzdem nichts passieren“. Man könnte meinen, ich hätte es wohl einfach verdrängt, aber dieses Gefühl habe ich nicht. Die Krankheit war ab diesem Zeitpunkt selbstverständlicher Bestandteil meines Lebens, und selbstverständlich war es auch, dass ich ihretwegen nichts an meinem Leben ändern würde.

Wie ging deine Familie mit der Diagnose und mit dir um?

Im ersten Moment war es für meine Familie sicher nicht einfach, aber sie stärkten mir wie gewohnt den Rücken. Obwohl ich schon das Gefühl hatte, dass es sie mehr beschäftigte, als sie es mir gegenüber zeigten.

Später war die übermässige Fürsorge meiner Familie und meiner Freunde oft ein Thema. Auch wenn es verständlich ist und ich eigentlich nur dankbar dafür sein kann.

Am Anfang ging es darum, dass ich am besten nicht ausgehen sollte, nicht trinken sollte, nicht rauchen sollte und am besten auch keinen Sport machen sollte.

Das sind Beispiele, ich trinke weder übermässig, noch treibe ich übermässig Sport.

Hat sich in deinem Leben etwas verändert seit der Diagnose?

Es hat sich nicht wirklich etwas verändert.

Heute haben alle in meinem Umfeld akzeptiert, dass ich mich nie aus Angst einsperren werde und vertrauen darauf, dass ich selbst am besten weiss, was gut für mich ist.

Trotzdem gibt es Situationen, in denen plötzlich jemand hektisch an der Badezimmertür klopft und fragt, ob es mir gut geht, nur weil er ein Geräusch gehört hat.

Einmal stand meine Freundin mit meiner ganzen Familie vor meiner Wohnung und läutete mich aus dem Schlaf. Alle waren total besorgt und ausser sich, dabei hatte ich bloss verschlafen und der Handy-Akku war leer.

Aber wie gesagt, eigentlich bin ich dankbar für ihre Fürsorge.

Kennt dein ganzes Umfeld deine Krankheit? Wie offen gehst du damit um? Wie gingen deine damaligen Freunde damit um? Und heute? Hat die Epilepsie einen Einfluss auf Freundschaften?

Ich persönlich gehe sehr offen damit um und lasse mich von meiner Krankheit auch nicht unterkriegen. Auch Menschen, die ich neu kennenlerne, erzähle ich oft recht bald davon. Dies passiert meistens schnell, wenn Themen wie z.B. der Führerschein angesprochen werden.

Ich glaube, weil ich immer selbst sehr offen und nicht ängstlich damit umgegangen bin, war war es auch für meine Freunde kein grosses Drama. Auch heute ist dies nicht anders. Meine engsten Freunde kennen mich ziemlich gut und wissen, was zu tun ist, falls es zu einem Anfall kommen sollte. Nur bei meiner Ex-Freundin hatte ich das Gefühl, dass sie nicht 100% damit klar kam. Aber zusammenfassend möchte ich sagen, dass ich nicht glaube, dass Epilepsie Einfluss auf meine Freundschaften hat.

Gibt es im Alltag Dinge, wo du Hilfe brauchst? Wenn ja, welche? Würdest du dir grundsätzlich mehr Hilfe oder sonst Unterstützung wünschen?

Nein, ich bin grundsätzlich nicht eingeschränkt. Wichtig ist nur, dass ich genug schlafe und nicht allzu viel Stress habe. Was die Unterstützung betrifft, bin ich definitiv zufrieden, denn meine Familie und meine Freundin sind absolut immer für mich da.

Gibt es Tage, an denen dir alles zu viel wird, du haderst mit deinem Schicksal, die Frage nach dem Warum vielleicht hochkommt?

Ich denke, diese Tage kennt jeder, da geht es nicht um krank oder gesund. Wichtig ist, dass die guten Tage überwiegen, und das ist bei mir definitiv der Fall.

Wenn du nicht krank geworden wärst, denkst du, du wärst am selben Punkt im Leben heute oder hättest du Dinge anders gemacht?

Ich hätte einen Führerschein, würde Motorrad fahren, hätte ein paar Stunden weniger im Bett verbracht. Aber sonst wäre nichts anders gekommen und ich bin stolz auf das Leben, das ich bisher geführt habe.

Gibt es etwas, das du als positiv erachtest an deiner Krankheit? War sie „für etwas gut“?

Als Entschuldigung, wenn ich nicht in die Schule wollte.

Ich habe gelernt, die Gesundheit und das Leben zu schätzen, und sie hat mich darin bestärkt, im Augenblick zu leben.

Was wünscht du dir von den Menschen da draussen? Von den einzelnen, von der Gesellschaft?

Es gibt viele, denen es mit der Epilepsie und anderen Krankheiten wesentlich schlechter geht als mir. Ich wünsche mir, dass sie von der Gesellschaft gestützt werden.

Es gibt schon einige Projekte, um kranke und behinderte Menschen in die Arbeitswelt zu integrieren oder mit ihnen den Sport zu machen, von dem sie träumen. Bitte mehr davon!

Ist man heute wirklich so aufgeklärt oder findest du, dass Krankheiten (und auch Behinderungen) noch immer Tabu sind, Menschen, die betroffen sind, ausgegrenzt sind?

Die Aufklärung ist schon ganz gut, es geht aber noch mehr. Schliesslich ist es verständlich, dass jemand, der zum ersten Mal mit so etwas konfrontiert ist, nicht weiss, was zu tun ist und sich deswegen vielleicht lieber fernhält von Menschen, die „anders“ sind. Gilt übrigens auch für den Umgang mit Ausländern und anderweitig benachteiligten Menschen.

Gibt es etwas, das du einem ebenfalls Betroffenen sagen möchtest?

Ich würde ihm/ihr sagen, dass man immer optimistisch bleiben sollte, denn die innere Einstellung ist ein sehr wichtiger Teil des Lebens.

Es gibt Epilepsie-Foren im Internet, in denen man verurteilt wird, wenn man normal lebt, denn wie kann man nur daran denken, irgendetwas zu tun, das vielleicht ein Risiko birgt. Diese Einstellung ist für mich unvorstellbar! Jeder sollte sich selbst am besten kennen und das geht nur, wenn man sich nicht in einen gepolsterten Raum sperrt, sondern rausgeht und vorsichtig immer wieder seine Grenzen testet. Dann weiss man zu jeder Zeit, was für einen gut ist und was nicht.

Habe ich noch etwas vergessen? Gibt es noch etwas, das dir auf der Seele brennt?

Die Krankheit ist ein Teil von mir. Natürlich, ich würde lügen, würde ich sagen, ich wäre nicht lieber gesund. Doch ich würde es vermissen, so zu sein, denn das bin eben ich. Ich –  mit allem, was dazu gehört. Ich bin jetzt erwachsen und aufgeklärt.

Als gesundes Kind dachte ich, mir geht es gut, weil ich gesund bin, heute denke ich, mir geht es gut, weil ich lebe.

Albert, ich möchte mich ganz herzlich für diese ausführlichen Antworten bedanken, die einen wunderbaren Einblick in deinen Alltag und deine Einstellung gewähren. Ich hoffe und wünsche mir, dass dieses Interview vielen Menschen Mut macht.

Lisa Moore: Und wieder Februar

Des Lebens Tiefen

Als Cal beim Untergang einer Bohrplattform ums Leben kommt, steht Helen mit ihren vier Kindern von einem Tag auf den anderen alleine da. Sie sieht sich vor der Situation, das Leben, das sie gemeinsam mit ihrer grossen Liebe meistern wollte, nun alleine bestreiten zu müssen.

Wegen der Kinder verspürte Helen grossen Druck, so zu tun, als gäbe es kein Ausserhalb. Oder wenn es doch eines gab, so zu tun, als sei sie ihm entkommen. Helen wollte, dass die Kinder glaubten, sie sei drinnen, bei ihnen. Das Ausserhalb war eine hässliche Wahrheit, die sie für sich zu behalten gedachte.

Während sie nach aussen die Starke Frau markiert, für ihre Kinder eine liebevolle Mutter ist, wird sie innerlich zerfressen von dem Verlust, der Trauer. Oft sind es nur ihre Kinder, die sie davor bewahren, ihrem Mann in die Wellen zu folgen. Die Kinder werden grösser, Helen wird sogar Grossmutter, das Familienleben ist bunt, nicht immer einfach. Das Leben geht beständig weiter und es hält auch für Helen noch viel bereit, für das sie sich langsam wieder öffnen kann.

Lisa Moore gelingt mit Und wieder Februar eine Familiengeschichte, die einen ganz und gar in den Bann zieht. Ihre eigenwillige Erzählform, bei welcher aktuelle Alltagserlebnisse mit Erinnerungen durchsetzt werden, fügt Teil für Teil ein ganzes Lebens-Puzzle zusammen. Langsam wird so die Vergangenheit in die Gegenwart eingewoben, nimmt die Geschichte von Helen Raum im Heute ein und zeigt, wie dieses Heute entstanden ist. Ohne Kitsch und Pathos versteht es Lisa Moore, eine Geschichte von Verlust, Trauer, Weiterleben, Liebe und Familie zu erzählen. Es ist die Geschichte einer Frau, die nach dem Verlust ihres Mannes die gemeinsamen Kinder grosszieht und für sie stark ist, trotz ihrer Trauer um den geliebten Mann, trotz des Verlustes und der fehlenden Unterstützung durch diesen.

Fazit
Ein Buch, das einen einnimmt und nicht mehr loslässt. Sehr empfehlenswert.

Zur Autorin
Lisa Moore
Lisa Moore, 1964 in St. John’s, Neufundland, geboren, studierte Kunst am Nova Scotia College of Art and Design. Sie gilt als eine der talentiertesten Schriftstellerinnen ihrer Generation. Ihr Debütroman „Alligator“ sowie der Erzählungsband „Open“ waren nationale Bestseller. Mit „Und wieder Februar“ war sie Finalistin für den „Man Booker Prize“.

MooreFebruarAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 336 Seiten
Verlag: Goldmann Verlag (19. August 2013)
Übersetzer: Kathrin Razum
ISBN: 978-3442479054
Preis: EUR  8.99/ CHF 14.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Was ist das Besondere an mir?

Ich war dieses Wochenende an einem Workshop. Das Thema war „Dharma“ – wie soll ich handeln, was stimmt für mich, ist mein richtiger Weg? Wer bin ich, was macht mich aus? Ich fand es spannend zu sehen, dass genau dieses Thema gewählt wurde, das auch mich immer wieder beschäftigt hat, sei es als philosophische Gedankenspielerei, sei es in Bezug auf mein eigenes, persönliches Leben.

Wie oft versuchen wir, in den Fussstapfen anderer zu gehen. Wir lernen einen Beruf, weil unsere Eltern das so wollen oder schon der Grossvater denselben hatte. Wir verhalten uns in Beziehungen so, wie wir denken, dass unser Gegenüber das von uns wünscht. Wir gehen Wege, weil die Gesellschaft diese als zu gehende definiert. Gar oft leiden wir, fühlen uns unwohl, irgendwie in uns und unserem eigenen Leben nicht zu Hause. Spätestens dann, wenn wir nicht mal mehr in uns selber zu Hause sind, wäre ein guter Zeitpunkt, hinzusehen und zu entdecken, was denn unser wirkliches Zuhause wäre. Was will ich im Leben? Was macht mich aus? Was kann ich und möchte ich in die Welt hinaus tragen?

Oft trauen wir uns nicht, die Dinge zu verwirklichen, die uns wirklich tief am Herzen liegen, weil wir vielleicht zu sehr gefangen sind in äusseren Zwängen, in inneren Ängsten. Vielleicht trauen wir uns schlicht nicht, zu uns zu stehen, weil es Angst machen kann, sich wirklich ganz selber zu sein. Was, wenn man dann abgelehnt würde? Was, wenn genau das, was einem wirklich nah ist, nicht klappt?

Gestern stolperte ich wie zufällig über ein Zitat, das ich schon lange kenne, das aber just prima in das Wochenende passte. Johann Wolfgang von Goethe scheint sich auch mit diesem Thema befasst zu haben, sagte er doch:

In dem Augenblick, in dem man sich endgültig einer Aufgabe verschreibt, bewegt sich die Vorsehung auch. Alle möglichen Dinge, die sonst nie geschehen wären, geschehen, um einem zu helfen. Ein ganzer Strom von Ereignissen wird in Gang gesetzt durch die Entscheidung, und er sorgt zu den eigenen Gunsten für zahlreiche unvorhergesehene Zufälle, Begegnungen und materielle Hilfen, die sich kein Mensch vorher je so erträumt haben könnte. Was immer Du kannst, beginne es. Kühnheit trägt Genius, Macht und Magie. Beginne jetzt.

Es ist nie zu spät, anzufangen, denn Jetzt ist immer gerade in dem Moment, in dem man steckt.

Ich fragte gestern einen mir nahestehenden Menschen, was denn mich ausmache, was an mir besonders sei (dies war eine Aufgabe an diesem Wochenendworkshop). Die Antwort war, dass ich das, was ich tue, mit ganzem Herzen mache, mich voll in meinen Weg hineingebe und diese Begeisterung und Liebe auch weiter geben könne.

Ich hätte mich nie so beschrieben, erkenne mich aber wieder. Ich bin dankbar, zu wissen, dass ich auf dem richtigen Weg bin, auf meinem. Vielleicht ist heute auch genau der richtige Tag, sich und seinen Nächsten gewisse Fragen zu stellen:

Wer bin ich? Was macht mich aus? Wo fühle ich mich zu Hause, was will ich tun?

Mein Leben

Es gibt Tage, da hadere ich. Denke, was ich alles aus meinem Leben hätte machen können, sehe erfolgreiche Menschen, reiche Menschen, berühmte Menschen und dann mich. Denke, was ich hätte anders machen können und müssen, um vielleicht auch einen Weg einschlagen zu können, der mehr Reichtum, mehr Anerkennung, mehr Status gebracht hätte.

So zu denken taugt nicht dazu, sich gut zu fühlen, im Gegenteil, es zieht runter. Man sieht all das, was man nicht hat, sehnt sich an Orte, an denen man ist und vielleicht auch nie sein wird. Man hadert mit Wegen, die man gegangen ist aufgrund von Entscheidungen, die man getroffen hat. Damals hatte man Gründe für die Entscheidungen, heute sieht man nur noch das Ziel, die man so erreichte.

Wenn der erste Sturm der Aufregung vorbei ist, frage ich mich jeweils: Wo möchte ich gerade jetzt lieber sein als da, wo ich bin? Was möchte ich lieber tun als das, was ich tue? Und meistens komme ich dann zum Schluss, dass das, was ich tue, genau dem entspricht, was ich tun will (ausser wenn es grad ganz schlimm die Steuererklärung oder das Bad putzen ist). Ich komme zum Schluss, dass da, wo ich bin, der Ort ist, an dem ich sein will – wäre es anders, könnte ich es ändern und habe das in der Vergangenheit auch einige Male getan – oder eben gelassen.

Ich war in meinem Leben meistens in der wirklich glücklichen Lage, sehr frei entscheiden zu können, was ich tun will, womit ich mein Leben füllen möchte. Es gab kaum Grenzen, gab wenige Einschränkungen und wenn, dann keine, die ich hätte durchbrechen wollen. Ich war nie reich, auch nie berühmt, ich habe weder Status noch sonstige hochtrabenden Dinge, trotzdem habe ich das ganz grosse Glück, genau das tun zu können, was ich tun will. Und dabei erfahre ich von verschiedenen Seiten immer wieder wunderbare Reaktionen, teilweise von unerwarteter Seite Unterstützung, oft von ganz vielen Stellen Rückhalt, Zuspruch.

Wenn ich heute zurück schaue, habe ich viele verschiedene Dinge im Leben ausprobiert und auch durchgezogen und alle zusammen haben dahin geführt, wo ich heute bin. Mein Leben ist breit, ge- und erfüllt von den Dingen, die ich liebe. Ich habe im Yoga etwas gefunden, das ich als meinen Lebensweg anschaue, den ich weiter gehen, tiefer erforschen und daran wachsen kann. Die Philosophie begleitet mich dabei, ist sie einerseits Teil des Weges, andererseits auch Methode, den Dingen immer wieder neu auf den Grund zu gehen, sie nicht einfach hinzunehmen, sondern auf ihre Wirklichkeit hin zu prüfen. Die Literatur bringt Leichtigkeit, Kreativität und Spielerei ins Leben, lässt Geschichten entstehen, Welten sich entwickeln und neue Horizonte wachsen.

Alles in allem ist es einfach: Mein Leben. Und es ist gut, wie es ist. Es ist unbezahlbar.

Das Tag, an dem das Licht ausging

Der Tag begann ganz normal. Langsam wurde es hell,  langsam drangen die ersten Lichtschimmer durch die heruntergelassenen Rollläden. Claudia erwachte schon vor dem Klingeln des Weckers, wie jeden Morgen. Wie jeden Morgen überlegte sie, ob sie wirklich aufstehen sollte oder nicht doch noch weiter liegen bleiben. Wie jeden Morgen überlegte sie, wie sie alle Termine ausfallen lassen könnte, einfach mal sagen, dass sie nicht mehr könne, nicht mehr wolle. Und wie jeden Morgen stand sie auf. Sie erledigte ihre tägliche Morgenroutine, jeder Griff sass, lange eingeprägt. Irgendwann klingelte auch der Wecker, welcher eigentlich keiner war, sondern ein auf die richtige Zeit (die aber nie die richtige zum Aufstehen war, da sie immer schon auf war, nie aber zu der Zeit hätte aufstehen wollen, hätte sie nicht müssen) eingestelltes Mobiltelefon.

Dass sie jeden Morgen noch etwas müder war als am Tag zuvor, fiel ihr zwar auf, doch sie mass dem wenig Bedeutung bei. Dass sie jeden Tag noch weniger Antrieb fand, überhaupt etwas zu tun, nahm sie so hin und schob es auf die diversen Belastungen des Alltags und ihren schlechten Schlaf. Dass sie jeden Tag noch weniger lachte und sich immer wieder dabei ertappte, dass sie ein grimmiges Gesicht zog, welches sie sogleich auflockerte und versuchte, entspannt zu schauen, beunruhigte sie zwar, doch sie schob es auf die eher unerfreuliche Zeit. Dass das Leben kein Ponyhof war, hatte sie längst erkannt, aber es könnte schlimmer sein. Bestimmt.

Der Tag nahm seinen alltäglichen Lauf, pflichtbewusst spulte sie ihr Tagesprogramm ab, einen Punkt nach dem anderen. Ab und an kam ihr ein Bild eines Hamsters im Rad in den Sinn, welches sie sogleich wieder beiseite schob. Ab und an dachte sie auch, dass sie nicht mehr möge, nicht mehr könne, lachte sich dann selber aus, denn: Hatte sie eine Wahl? Immerhin hatte sie nun gelacht. So schlimm konnte es noch nicht sein.

Der Tag, der war wie jeder andere, nahm seinen Lauf. Die Sonne zog über ihn und ging langsam unter (nicht dass sie sie je gesehen hätte, sie könnte nicht mal sagen, ob sie geschienen hat oder ob es regnete), es wurde düsterer und düsterer (ob es je heller war, wäre ihr auch nicht wirklich bewusst gewesen, muss aber wohl so gewesen sein). Und dann war es dunkel. Und nichts mehr, wie es war. Sie konnte sich nicht vorstellen, jemals wieder aufzustehen. Konnte sich nicht vorstellen, noch einmal dieses Rad zu betreten. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass je wieder Licht am Horizont zu sehen sei, und wenn, dass es bleiben könnte. Sie konnte sich gar nichts mehr vorstellen, denn an diesem Tag ging das Licht aus. Und so sass sie im Dunkel und schalt sich eine dumme Kuh. Schimpfte sich einen Versager und wusste, dass sie recht hatte damit. Sie rief sich all die Stimmen in den Sinn, die über sie richten würden: „Ich habe es dir ja immer gesagt!“ „Hab dich nicht so!“. „Reiss dich zusammen!“ „Du bist aber auch empfindlich!“ „So kann man sich doch nicht aufführen!“ Und sie hatten wohl alle recht.

Claudia wünschte sich, dass die Stimmen verstummten und sie wünschte sich, dass eine Hand käme, die sie hielte. Sie wünschte sich einen Arm hinter der Hand, der sie auffinge, eine Stimme hinter dem Arm, die ihr versprach, dass es wieder hell würde und sie immer getragen sei. Und sie fragte sich, ob sie dieser Stimme trauen könnte, im Wissen, dass noch immer das Dunkel wieder hereingebrochen war. Und jedes Mal noch schwärzer war als zuvor.

Das Leben

Die Zeit rast, manchmal schleicht sie. Alles hat seine Zeit, doch manchmal hat man keine. Die Zeit vergeht, ab und an steht sie auch still. Ab und an wünscht man sich, sie würde stehen bleiben, dann wieder verläuft sie im Sande. Die Zeit muss eine sadistische Natur sein, tut sie doch oft das, was man nicht möchte. Wenn sie vergehen soll, macht sie extra langsam, soll sie bleiben, verfliegt sie wie im Flug.

Und wie sie so vorbei geht, nimmt das Leben seinen Lauf. Manchmal nimmt man es auch in die Hände, packt es an. Das Leben kann pures Überleben sein, aber auch Lebensfreude beinhalten. Es kann eine Last sein oder Leichtigkeit beinhalten in seinem Sein. Niemand sagte, es sei leicht und es ist eines der härtesten und endet immer mit dem Tod.

Vermutlich ist es einfach Schicksal. Es ist vorbestimmt. Manchmal meint es das Schicksal nicht gut mit einem, dann wieder fordert man es heraus. Es gibt Menschen, die vertrauen drauf, andere erachten es als Zufall. Das Schicksal kann einem den liebsten Menschen nehmen oder aber Menschen zusammen führen und sie lieben sich; wenn das Schicksal will bis ans Lebensende.

Liebe ist eine Himmelsmacht. Sie ist das höchste der Gefühle, bringt aber auch den grössten Schmerz. Ohne Liebe ist alles nichts und nichts ist ohne Liebe. In der Liebe ist alles erlaubt, doch gilt im Krieg dasselbe. Liebe und Hass liegen nah beieinander. Man soll seinen Nächsten lieben, doch kann niemand in Frieden leben, wenn es dem Nächsten nicht gefällt. Alte Liebe rostet nicht, aber Liebe ist ein Jungbrunnen. Manches tut man um der Liebe zur Sache willen, doch sollte man Menschen Lieben. Geld oder Liebe?

Geld regiert die Welt. Geld ist Macht. Geld macht nicht glücklich, aber es beruhigt. Manche verdienen ein Schweinegeld, andere eine Heidengeld. Dinge können ein Vermögen kosten, aber manche Dinge sind nicht käuflich. Manche Dinge kriegt man für einen Appel und ein Ei, andere sind unbezahlbar. Es gibt Leute, die werfen das Geld auf die Strasse, andere nehmen es in die Hand, um es mit vollen Händen auszugeben. Geld stinkt nicht und nichts kostet die Welt. Zeit ist Geld.

Manchmal geht die Zeit aus. Und man hat vor lauter Geld scheffeln vergessen zu lieben, vergessen zu leben. Das wäre nicht Schicksal, denn das hätte man in der Hand.

Die Gesetze des Lebens

Das Leben ist nie eine gerade Linie, es ist wohl nicht mal kausal, so gerne man das glauben möchte. Das Weltbild, dass B aus A erwächst, man mit A den Grundstein für B legt und sich B immer aus A erklären lässt, ist ein beruhigendes für unseren Geist, weswegen der selbständig Kausalketten bildet und dadurch Sinn in die Geschehnisse und Erlebnisse legt. Würde man das Leben als lose Aneinanderreihung von Momenten sehen, würde man sich haltlos fühlen. Man hätte keine Möglichkeit mehr, einzugreifen, sähe sich hilflos den Eventualitäten des Lebens ausgesetzt. Dass es in Tat und Wahrheit eigentlich so ist, ahnt man zwar irgendwo, doch der Mechanismus des Gründe Suchens, des Ketten Knüpfens ist so in Fleisch und Blut übergegangen, dass wir uns dieser oft unbewusst ablaufenden Tätigkeit nicht entziehen. Sie gibt uns das Gefühl, unser Leben im Griff zu haben und sie liefert Erklärungen für das Warum.

 

Im Leben fasst man gerne Ziele. Diese sollen möglichst positiv sein, möglichst viel Glück bringen und Leid vermeiden. Um die Ziele zu erreichen, planen wir Wege, die wir beschreiten wollen. Auch hier sehen wir die Kausalität vor uns. Das Ziel einmal erreicht, wollen wir es nicht mehr loslassen. Je schöner es ist, je besser es sich anfühlt, desto fester wollen wir es halten. Aufgeben, loslassen – keine Option. Schlägt das Schicksal dann doch zu oder schlägt der Zufall böswillig drein, das vormalige Ziel und momentane Gute geht dahin, stehen wir vor den Scherben, hadern mit dem Leben und suchen schnell Gründe, wieso das wohl gut sein könnte, was dazu geführt hat und wie wir daraus etwas machen können.

 

Das Leben hat seine eigenen Gesetze, der Mensch kann diese nicht erfassen. Was immer und überall durchschimmert ist eine Dualität von Polen, von Erschaffung und Zerfall, von gut und böse, von Leid und Glück. Schatten und Licht. Diese gegensätzlichen Pole ziehen sich rund um den Erdball, sie finden sich in allen Philosophien und Religionen, zu allen Zeiten. Das deutet darauf hin, dass dahinter ein universales und allgemeingültiges Prinzip liegt. Man muss es nicht beweisen können, da es ausserhalb unserer Macht und unseres Geistes liegt. Man kann es wohl nicht mal ganz erfassen und beschreiben, es ist da und es ist erlebbar. In vielen tagtäglichen Beispielen und Erlebnissen erfahren wir es. Es hilft nichts, sich auf eine Seite zu stürzen, die andere gehört unweigerlich dazu.

 

Was man einmal bildet, geht auch wieder zu Grunde, um etwas Neuem Platz zu machen. Das macht Angst, denn das Neue ist ungewiss, unbekannt und damit ungeheuer. Das Bekannte kann man erfassen und sich damit arrangieren, beim Neuen muss man erst einen Weg dahin finden. Hat man ihm, möchte man ungern wieder loslassen, um wieder weiter zu gehen. Genau das macht aber das Leben aus. Es ist kein Tag wie der andere, keine Beziehung heute, wie sie morgen sein wird. Kein Mensch ist heute derselbe, wie er gestern war und er hat heute die Chance, sich für morgen neu zu erfinden. So erschreckend der Gedanke sein kann, dass alles im stetigen Fluss ist und immerwährender Veränderung unterliegt, so gross kann die darin liegende Chance sein.

 

Nichts ist ewig. Man kann etwas erschaffen, es geniessen, weiter gehen. Man kann es ausbauen, neu definieren, umstürzen, neue Wege gehen. Man kann daran arbeiten, dass es besser wird, wenn es heute nicht gefällt. Wichtig dabei ist wohl immer, ehrlich zu sich selber zu sein, genau hinzuhören, was man wirklich will und wirklich kann und dann den Weg zu gehen. Und vielleicht führt der Weg nicht zielgerichtet dahin, wohin man will, vielleicht liegen Steine auf dem Weg, tun sich Abgründe auf. Vielleicht muss man auch mal einen Umweg gehen, um den wirklich richtigen Weg zu erkennen. Wirklich planen kann man nie alles. Am Schluss bleibt wohl immer nur das Vertrauen darauf, dass es kommt, wie es kommen muss. Das ist weder gut noch schlecht, es ist, wie es ist. Und vermutlich ist genau das gut daran.

John Williams: Stoner

Das Leben als harter Ackerboden

William Stoner, ein Farmerssohn, wird von seinem Vater an die Universität Columbia geschickt, um Agrarwissenschaften zu studieren. Das Studium gefällt ihm, einzig ein Literaturkurs bringt ihn an seine Grenzen und fordert ihn gerade deswegen heraus. Er wechselt ganz zur Englischen Literatur und vertieft sich mehr und mehr in die Materie.

Angesichts des Ziels, das er sich so leichtsinnig gesetzt hatte, fand er sich mit einem Mal schrecklich unzureichend und spürte eine Sehnsucht nach jener Welt, die von ihm aufgegeben war. Er trauerte um den eigenen Verlust und um den seiner Eltern, aber noch in seiner Trauer spürte er, wie es ihn fortzog.

Nach glänzend absolviertem Studium entschied er sich, als Lehrer an der Universität zu bleiben. Diesen Entscheid konnte auch der ausgebrochene Krieg nicht umstossen, während viele sich freiwillig meldeten, blieb Stoner der Universität treu, der einzigen Heimat, die er kannte ausser der alten auf der Farm, die keine mehr war. Stoner lernt eine Frau kennen, versucht sich trotz mangelnder Reaktion derselben in unbeholfenen Eroberungsversuchen und heiratet sie schliesslich – nicht zu seinem Glück. Stoners Leben scheint ein einsamer Kampf, den er unbeirrt ficht.

Er war zweiundvierzig Jahre alt; vor sich sah er nichts, auf das er sich zu freuen wünschte, und hinter sich nur wenig, woran er sich erinnerte.

Das einzige Glück, das ihm im Leben beschieden scheint, wird ihn in unglücklich machen. Und doch geht Stoner seinen Weg weiter, unbeirrt, ruhig, manchmal mit einer Spur Humor.

Stoner ist das Buch eines eigensinnigen, eigenbrötlerischen Charakters, der sein Leben und seine Leidenschaft in der Literatur auslebt, weil das Leben neben dieser sich schwierig und als Kampf erweist. Er ist ein liebenswürdiger Mann mit Herz, nach dem er aber kaum je leben kann, weil das Leben und seine Mitstreiter ihm zu viele Hürden in den Weg legen. Trotzdem bleibt er seinem Weg treu, versucht, es allen recht zu machen, und hält sich durch seine Aufgaben aufrecht.

Stoner ist ein Roman über das Leben, über die Härten, die es mit sich bringt, ein Roman über das Leben an Universitäten und die Kämpfe, die da zu führen sind, einer über die Ehe und deren Schwierigkeiten und zuletzt ein Roman über die Liebe – gelebte und unlebbare.

Als William Stoner jung war, hatte er die Liebe für einen vollkommenen Seinszustand gehalten, zu dem Zugang fand, wer Glück hatte. Als er erwachsen wurde, sagte er sich, die Liebe sei der Himmel einer falschen Religion, dem man mit belustigter Ungläubigkeit, vage vertrauter Verachtung und verlegener Sehnsucht entgegen sehen sollte. Nun begann er zu begreifen, dass die Liebe weder ein Gnadenstand noch eine Illusion war, vielmehr hielt er sie für einen Akt der Menschwerdung, einen Zustand, den wir erschaffen und dem wir uns anpassen von Tag zu Tag, von Augenblick zu Augenblick durch Willenskraft, Klugheit und Herzensgüte.

John Williams ist ein sehr ruhiges, tiefes Buch gelungen, das einen nie loslässt, das trotz wenig Handlung packend ist, einen in eine Lebensgeschichte hineinnimmt und nicht mehr rauslässt. Man sieht William Stoner bildlich vor sich, wie er durch den Campus seiner Universität geht, man fühlt mit ihm, wenn er erlebt, was er erlebt. Man weiss nie, wieso er sich nicht wehrt, möchte ihm helfen, schaut trotzdem nur zu und muss weiter lesen, wie es endet. Stoner ist ein Buch über ein Leben mit vielen Tiefen, wenigen Höhen, man lebt es lesend mit – bis zum Ende.

Fazit:
Ein psychologischer, lebensnaher Roman über menschliche Beziehungen, das Leben und die Liebe. Sehr empfehlenswert.

Zur Autorin
John Edward Williams
John Williams wurde 1922 in Texas geboren. Nach einem abgebrochenen Studium wurde er eher widerstrebend Mitglied des Army Air Corps. Während dieser Zeit entstand die Erstfassung seines ersten Romans, der später von einem kleinen Verlag publiziert wurde. Nach dem Kriegsende kehrte Williams zurück an die Uni und erlangte an der University of Denver seinen Master. An dieser Uni lehrte er auch von 1954 bis zu seiner Emeritierung 1985. John Williams veröffentlichte zwei Gedichtbände und vier Romane, von denen einer mit dem National Book Award ausgezeichnet wurde. Er starb 1994 in Fayetteville, Arkansas.

WilliamsStonerAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 352 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. September 2013)
Übersetzung: Bernhard Robben
ISBN-Nr.: 978-3423280150
Preis: EUR  19.90 / CHF 29.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort sowie online bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Gestern, morgen, nur nicht heute

Das Gestern ist nicht mehr, das Morgen noch nicht hier. Alles, was du hast, ist das Heute.

So oder so ähnlich lernt man es in der östlichen Philosophie. Wie manche Yogastunde habe ich eingeleitet mit dem Spruch. Wie viele Meditationen drehten sich um das Hier und Jetzt als einzig lebbare Zeit. Der Sinn ist klar, seine Wahrheit offensichtlich. Ich kann nicht widerrufen, was war, ich kann es auch nicht nochmals leben. Ich kann nicht vorwegnehmen, was noch nicht ist, ich kann es nicht mal wirklich wissen, nur ahnen, spekulieren. Alles, was ich habe, ist das Heute. Nur im Hier und Jetzt kann ich wirklich etwas tun. Klar hat dieses Hier und Jetzt Folgen, die in die Zukunft reichen und sollte drum bedacht sein. Klar erwächst es aus etwas, das mal war, fusst also auf der Vergangenheit. Aber jetzt ist immer nur jetzt, es ist alles, was ich habe.

Gehe ich dann weg von der Yogamatte und hinein ins Leben, sind da plötzlich all die Ziele, all die Wünsche, all die Hoffnungen und all die Prognosen. Ich ertappe mich dabei, zu denken, dass ich glücklich bin, wenn nur erst die Woche um ist. Ich male mir den Freitag Abend, das Wochenende aus. Ich denke, dass alles einfacher wird, wenn nur erst mal etwas nicht mehr ist oder etwas anderes erreicht. In den buntesten Farben erscheint mir das angestrebte Ziel. Der Mensch in unglücklicher Beziehung sehnt sich deren Ende herbei und sieht dann die Zeit für Glück und Freiheit, der einsame Single sieht sich am Ziel seiner Träume, wenn er endlich das passende Gegenüber hat, welches natürlich immer perfekt  und in allen Belangen ideal ausgemalt wird. Bis es soweit ist, darbt man dahin, suhlt sich im Unglück, weil noch nicht ist, was sein sollte. Man macht alles davon abhängig und vergisst das Heute, welches man als Wartegleis definiert. Warten auf bessere Zeiten.

Was, wenn die besseren Zeiten nie kommen? Man hätte das Heute vergebens geopfert. Man hätte all das Gute und Schöne verachtet, weil man nur auf das Eine, das noch nicht ist, ausgerichtet war. Man war so versteift auf diese eine ausschlaggebende Veränderung, die einem ganz spezifischen Bedürfnis erwuchs, dass man alles andere ignorierte und das Bedürfnis selber und dessen Glückstauglichkeit gar nicht in Frage stellte.

Was, wenn es käme und man wäre noch immer nicht glücklich? Was, wenn das Glück beim Erreichen des Gewollten zwar da wäre, aber schnell auch wieder weg? Das Leben auf der Wartebank. Warten auf Godot, welcher hier  synonym für Glück verwendet wird. Es wird nie kommen, wenn man es nicht einfach jetzt packt.

Morgen, morgen, nur nicht heute…

Ein alter Spruch und doch so aktuell. Man bedenkt dabei nie, dass es morgen zu spät sein könnte.

Ein Engel auf Erden

Und als sie so da sass, erschien  ihr plötzlich ein Engel und sagte ihr, er sei hier, um sie zu holen. Sie schaute ihn ungläubig an, konnte zwar hören, was er sagte, verstehen, was er meinte, aber nicht glauben, dass es real sei.

„Was meinst du damit: Mich holen?“

Der Engel blickte sie an und sagte: „Du wolltest doch hier weg. Also komm mit mir, ich hole dich hier raus und bringe dich an einen schöneren Ort.“

Sie überlegte kurz. Er hatte recht, es gab nichts, was sie lieber wollte als raus. Raus aus all den Mauern, raus aus all den Zwängen, den Ängsten und raus aus all den Nöten. Aber sollte es wirklich möglich sein, dies alles hinter sich zu lassen? Gab es eine Welt, in der diese Mauern, Zwänge, Ängste und Nöte nicht mehr da wären? Eine Welt, die besser wäre als die, welche sie kannte? Sie hatte in der Vergangenheit Stück für Stück den Glauben an eine solche Möglichkeit verloren.

„Wo bringst du mich hin? Was wird mich da erwarten? Ist das nicht alles ein Luftschloss und am Schluss sitze ich einfach an einem anderen Ort und alles ist genau gleich, wie es hier auch war? Vielleicht noch schlimmer?“

Der Engel schaute sie traurig an: „Du musst mir schon vertrauen. Ich weiss, was du willst und ich will es dir ermöglichen. Ich will, dass du glücklich bist, endlich leben kannst, was du leben willst. Ich möchte, dass du frei bist und ich werde dir diese Freiheit schenken. Weit ab von all den Mauern, Zwängen, Ängsten und Nöten.

Sie schaute ihn staunend an. Woher kannte er ihre Gedanken? Woher wusste er, was sie hier und jetzt als  so ermüdend, so zermürbend, so niederschlagend empfand?

„Du fragst dich wohl, wieso ich weiss, was in dir vorgeht, wieso ich deine Gedanken kenne. Ich kann fühlen, was du fühlst und ich weiss, was du willst. Darum weiss ich auch, dass der Ort, an den ich dich bringen will, dir das bringst, was du dir wünschst.“

Sie hatte nun genau zwei Chancen. Sie konnte bleiben, wo sie war. Zwar war sie nicht glücklich und wollte eigentlich weg, hatte aber bislang nie gedacht, dass es einen Weg gäbe und dass er gangbar wäre. Sie hatte sich fast schon damit abgefunden, dass dies ihr Leben sein würde, kein glückliches, aber ein vorhersehbares – mit seinen Nöten, Zwängen und allen Mauern. Trotzdem war es das, was sie kannte und diese Kenntnis verlieh diesem Leben ein Stück Sicherheit. Die andere Möglichkeit war, sie packte die Hand des Engels, vertraute auf ihn und liesse sich leiten.

Und da sitzt sie noch heute und weiss nicht, was sie machen soll. Mittlerweile fiel dem Engel der Arm ab vom ewigen ausstrecken, die Stimme wurde heiser, vom ständigen überzeugen wollen und sie hatte Kopfweh vom Abwägen der Argumente dafür und dagegen. Ein Happy End sähe wohl anders aus, aber das ist schliesslich die Realität.

Milena Moser: Das wahre Leben

Was vom Leben bleibt, wenn man die Masken ablegt

Eine Siedlung in Zürich Seebach, ein Projekt des Miteinanders. Hier treffen problematische Jugendliche auf die an MS erkrankte Yogalehrerin Nevada, zu ihnen stösst Erika Keiner, eine sich als nichts und nichtig empfindende Frau aus gutem Hause, dem sie gerade den Rücken gekehrt hat, um ihr eigenes Leben zu finden.

Man kannte Max und Erika als eingespieltes Paar, das reibungslos funktionierte. Jeder Seitenblick sass, jede Berührung, jede halblaute Bemerkung. Es war gar nicht unbedingt so, dass diese Intimität, diese Vertrautheit gespielt war, es war mehr so, dass sie sich nur in Gesellschaft an sie erinnerten. Erika dachte, dass sie schuld sei an dieser Entfremdung.
Sie fühlte sich nicht geliebt, weil sie nicht liebenswert war. Das musste es sein.

Doch Erika verlässt nicht nur Max – wobei sie nicht mal sicher weiss, ob sie ihn wirklich verlassen kann oder nur, wie er sagt, eine Auszeit nimmt –, sie verlässt auch Suleika, ihre Tochter, für die sie sich insgeheim schämt, zu der sie keinen Zugang mehr findet, weil diese ihn vielleicht nicht will und sich unter Fettschichten davor schützt.

Auch Nevada sucht ihr eigenes Leben, eine Möglichkeit, mit den ständig stärker werdenden Schmerzen umzugehen. Als sie sich in einem Projekt mit schwierigen Jugendlichen wiederfindet, merkt sie, dass sie nicht alleine steht mit ihrer Behinderung, dass nicht alle anderen gesund waren, nur sie krank.

Nevada hatte verstanden, dass, in unterschiedlichem Ausmass, jeder versehrt war. Den einen war es bewusst, den anderen nicht. Die einen litten darunter, die anderen merkten es nicht. Die einen kämpften dagegen an, die anderen liessen es laufen.

Das wahre Leben ist ein modernes Märchen über die Schwierigkeiten des Lebens und die wundersamen Heilkräfte, die es ertragbarer machen. Es ist ein Märchen, das von Menschen handelt, die kein alltägliches Leben führen, in denen man sich aber trotzdem wiedererkennt, weil sie mit denselben Ängsten und Gefühlen zu kämpfen haben, wie man selber. Es ist ein Märchen des möglichen Miteinanders in Siedlungen, in dem jeder seinen Platz hat und jedem geholfen wird, weil alle hinschauen und helfen wollen. Es ist ein Märchen von Menschen, die ihre Fehler haben und lernen, dass Fehler zum Menschsein dazugehört. Die Menschen sehen in Zürich Seebach, dass sie, wenn sie sich ihren Schwächen stellen, ihr Leben in die eigenen Hände nehmen und damit glücklich sein können. Das Leben ist nachher nicht rosarot und ohne Probleme, aber es ist ein „wahres Leben“, das sich durch diese Wahrheit gut anfühlt.

Das wahre Leben erzählt eine Geschichte, bei der man sich beim Lesen wünscht, dass sie kein Märchen sei, sondern Realität. Man möchte die Koffer packen und in dieses Zürich Seebach ziehen, im Kopf hat man es lesenderweise bereits getan. Milena Moser ist ein Buch gelungen, das man nicht mehr aus der Hand legen mag, weil man tief und tiefer in die Geschichte eintauchen will. Es ist ein Buch, das man aber doch immer wieder beiseite legt, damit die Geschichte nicht zu schnell endet. Die Liebe, mit der Milena Moser ihre Figuren zeichnet, die feinfühlige Art, mit der sie aus deren Leben erzählt, lassen vor den Augen des Lesers eine Welt entstehen, die sich real anfühlt. Man ist geneigt zu sagen, dass hier eine Autorin zugange war, die ihr Handwerk versteht, die es vermag, Märchen zumindest für eine kurze Zeit real erscheinen zu lassen.

Fazit:
Ein einnehmender, feinfühliger Roman, in den man eintaucht und nicht mehr auftauchen möchte. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Milena Moser
Milena Moser wurde 1963 in Zürich geboren und absolvierte nach dem Besuch der Diplommittelschule eine Buchhändlerlehre, lebte danach in Paris, wo drei unveröffentlichte Romane entstanden. Zurück in der Schweiz schrieb sie für Schweizer Rundfunkanstalten und verfasste Bücher, welche keinen Verlag fanden, so dass sie kurzerhand zusammen mit Freunden den Krösus Verlag gründete, in welchem ihr erstes Buch Gebrochene Herzen sowie Die Putzfraueninsel erschienen, zweiteres wurde zum Bestseller und später verfilmt. 1998 führte Milena Mosers Weg nach San Francisco, wo sie mit ihrer Familie acht Jahre lebte, danach wieder in die Schweiz zurückkehrte. Milena Moser wohnt in Aarau als freie Autorin und führt in ihrem Schreibatelier Menschen in die Welt des Schreibens ein. Des Weiteren begleitet sich Schulklassen beim Verfassen eines gemeinsamen Romans. 2011 folgte, zusammen mit der Musikerin und Freundin Sibylle Aeberli, der Sprung auf die Bühne, Die Unvollendeten war ein voller Erfolg, ein zweites Bühnenprojekt ist in Planung. Von Milena Moser sind unter anderem erschienen Die Putzfraueninsel (1991), Das Schlampenbuch (1992), Artischockenherz (1999), Sofa,Yoga, Mord (2003), Möchtegern (2010), Montagsmenschen (2012), Das wahre Leben (2013).

MoserLebenAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: Verlag Nagel & Kimche AG (26. August 2013)
ISBN-Nr.: 978-3312005765
Preis: EUR  19.90 / CHF 29.90
Erhältlich bei jeder Buchhandlung vor Ort sowie online bei AMAZON.DE und BOOKS.CH.

 

 

Zoë Beck – Nachgefragt

©Victoria Tomaschko
©Victoria Tomaschko

Zoë Beck
Schon mit 3 Jahren begann die 1975 geborene Zoë Beck Klavier zu spielen, hatte mit ihrem Spiel Auftritte und gewann Auszeichnungen bei Wettbewerben. Nach dem Abitur folgte das Studium der deutschen und englischen Literaturwissenschaft, welches mit einer Magisterarbeit zu Elisabeth George abgeschlossen wurde. Nach dem Studium arbeitete Zoë Beck als Lektorin, TV-Producerin, Dramaturgin und Autorin in verschiedenen Bereichen. Zoë Beck lebt als freie Autorin, Übersetzerin und Redakteurin in Berlin. Von Zoë Beck erschienen ist unter anderem Wenn es dämmert (2008), Das alte Kind (2010), Der frühe Tod (2011), Das zerbrochene Fenster (2012).

Zoë Beck gewährt mit ihren Antworten einen spontanen und sehr authentischen Einblick in ihren Schreiballtag und die (Hinter-)Gründe, wieso sie tut, was sie tut.

Wer sind Sie? Wie würden Sie Ihre Biographie erzählen?

Ich heiße Zoë Beck und wurde 1975 irgendwo in Mittelhessen geboren. Damals kannte man mich noch unter einem anderen Namen. Mit drei warf ich mich ans Klavier, mit fünf wäre ich am liebsten ausgewandert, und irgendwann bin ich dort auch weg, allerdings im Zickzack und ohne festes Ziel. Ich habe Literatur studiert, am Theater, beim Film, in Verlagen, beim Radio und für Zeitungen gearbeitet, und jetzt schreibe ich Bücher.

Ist Zoë Beck Ihr Pseudonym? Wenn ja, was hat sie dazu bewegt, eines anzunehmen?

Das ist mein Name. Ich habe noch ein geschlossenes Pseudonym, zu eben diesem Zweck – dass es geschlossen bleibt und niemand weiß, wer dahintersteckt. Aber Zoë, das bin ich. Ich habe damals einen anderen Namen angenommen, weil ich beispielsweise den ursprünglichen noch nie wirklich mochte und mich irgendwie auch mit diesem Namen in einem Kontext sah, in dem künstlerisches Schaffen weder gewünscht noch gewürdigt wurde. Außerdem wollte ich etwas anderes als zuvor schreiben, da brauchte ich einen Neustart. Auf vielen Gebieten. Hinzu kam, dass die Entscheidung in einen Zeitraum fiel, in dem ich sehr krank war und nicht wusste, wie es weitergehen würde. Zoë heißt übrigens Leben. Das passte dann irgendwie alles.

Wieso schreiben Sie? Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden oder gab es einen Auslöser für Ihr Schreiben?

Nein, ich wollte nicht Schriftstellerin werden. Pianistin, ja, aber sonst wäre mir nicht so viel eingefallen. Es war eher Zufall. Eine Freundin arbeitete für eine Literaturagentur und fragte mich, ob ich nicht mal ein Buch schreiben wollte. Ich hatte zu der Zeit viel Erfahrung im Bereich Stoffentwicklung, Dramaturgie, Drehbuch und hätte nie gedacht, dass es funktioniert. Aber ein paar Wochen später war meine Leseprobe fertig, und ich bekam einen Vertrag über drei Bücher.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem? Wie haben Sie gelernt zu schreiben?

Ich lerne immer noch. Es ist vor allem Handwerk. Wie beim Klavierspielen. Wie bei den meisten anderen Berufen. Es heißt ja immer: Bis zu einem gewissen Grad kann man alles lernen, der Rest ist Begabung oder Talent. Die einen lernen es nie, die anderen sehr schnell. An der Uni hatte ich Creative Writing-Kurse, aber weniger, weil ich damals schon vorgehabt hätte zu schreiben, sondern wirklich einfach so. Klang gut, fand ich, und der Kurs lag zu einer bequemen Zeit, außerdem war die Frau, die es unterrichtete, nett. Als ich beim Film war, habe ich oft Drehbuchkurse belegt, aber auch das nicht, weil ich Schreiben lernen wollte, sondern um mich zu informieren, schließlich sollte ich Stoffe entwickeln und Drehbücher bearbeiten. Ich fand, da sollte ich auch ein wenig mehr darüber wissen, wie ein Drehbuch überhaupt geschrieben wird. Ich glaube, durch die praktische Arbeit an Filmstoffen, durch die Arbeit am Theater, durch viel Lesen habe ich eine Menge gelernt, und ich lerne wie gesagt immer noch.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus? Schreiben Sie einfach drauf los oder recherchieren Sie erst, planen, legen Notizen an, bevor Sie zu schreiben beginnen?

Vorbereitung ist sehr wichtig. Recherche, Notizen, eine Outline schreiben – sehr, sehr wichtig. Natürlich ändert sich dann beim Schreiben immer noch etwas, manchmal sogar die ganze Geschichte. Aber ich muss wissen, was ich erzählen will. Wessen Geschichte ist es, und warum soll ich sie erzählen?

Wann und wo schreiben Sie?

Ich schreibe meist zu Hause, wobei das „zu Hause“ nicht mein eingetragener Wohnsitz sein muss. Manchmal miete ich mich für ein paar Wochen oder Monate wo ein. Im Café oder so kann ich nicht schreiben. Ich bin Nachtarbeiterin. Da kann ich am besten denken. Und ich muss allein sein.

Hat ein Schriftsteller je Feierabend oder Ferien? Wie schalten Sie ab?

Nein, Feierabend, Ferien, nein. Phasen, in denen ich was anderes mache, ja. Aber abschalten? Wovon denn?

Was bedeutet es für Sie, Autor zu sein? Womit kämpfen Sie als Schriftsteller, was sind die Freuden?

Oh, das ist aber eine schwierige Frage. Autorin sein ist eine Freude und ein Kampf und Glückssache und vor allem ein Knochenjob. Das will natürlich jetzt wieder keiner hören. Ist aber so, jedenfalls, wenn man es ernst nimmt. Sich ständig selbst hinterfragen, ständig am Stil arbeiten, ständig bewusstmachen, in welchem – auch und besonders gesellschaftlichen – Bezugssystem man steht, was man ausdrücken will. Ich schreibe ja nicht aus dem luftleeren Raum oder für ein ideelles Vakuum. Kämpfen muss ich jeden Tag an allen Fronten: gegen die eigene Nachlässigkeit oder Faulheit, gegen alles, was mich runterzieht und dazu bringen könnte zu sagen: ich schmeiß den Kram einfach hin, gegen Gemecker von Leuten, die es lieber hätten, dass ich mehr/weniger Blut/Sex/Gewalt/Leichen reinschreibe, gegen Vorwürfe, ich sei zu politisch/zu feministisch/zu lakonisch oder von allem einfach zu wenig. Der größte Kampf ist es, auf meinem Weg zu bleiben. (Oder ihn zu finden?) Die Freude, damit das nicht vergessen geht: die Freiheit, das zu tun, was mir Spaß macht.

Woher holen Sie die Ideen für Ihr Schreiben? Natürlich erlebt man viel, sieht man viel. Aber wie entsteht plötzlich eine Geschichte daraus? Was inspiriert Sie?

„Plötzlich“ entsteht eine Geschichte wohl nicht, auch wenn es manchmal den Anschein hat. Aber dann hat es vorher schon lange in einem gearbeitet … Drei Dinge finde ich wichtig: Welche Figur will ich erzählen, welches Thema hat sie, und wo geschieht es? Von dort ausgehend entwickle ich die Geschichte. Was sich manchmal in der Tat „plötzlich“ ergibt ist, dass man weiß: Dies ist der richtige Ort, an dem die Geschichte stattfindet. Oder: Jetzt weiß ich endlich mehr über meine Figur. Nur so als Beispiele.

Selfpublishing und E-Books haben den Buchmarkt in Aufregung versetzt. Man hört kritische Stimmen gegen Verlage wie auch abschätzige gegen Selfpublisher. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Da kann jede nur für sich selbst sprechen. Ich persönlich schätze die Zusammenarbeit mit einem Verlag/einem Team sehr. Aber warum soll nicht jemand sagen: Ich hab meine eigene Lektorin, jemanden fürs Cover, etc. etc., also probiere ich es jetzt selbst. Der Publikationsweg sagt nicht zwingend aus, ob eine Geschichte gut oder nicht gut ist. Es gibt in beiden Bereichen entsetzlich schlechte Geschichten. Und richtig gute. Da müsste man eher mal definieren, was nun eine gute Geschichte ausmacht. Ich muss allerdings sagen, dass für mich ein ordentliches Lektorat und Korrektorat dazugehört. Korrekte Rechtschreibung und Grammatik finde ich den LeserInnen gegenüber zumindest höflich. Eine funktionierende Dramaturgie tut jeder Geschichte gut. Am Stil zu arbeiten ist auch nicht verkehrt. Für vieles davon kann ein Verlag sorgen. Oder man sucht sich Menschen, die einem dabei helfen, die nicht verlagsgebunden sind.

Goethe sagte, alles Schreiben sei autobiographisch. Das stimmt sicher in Bezug darauf, dass man immer in dem drin steckt in Gedanken, was man schreibt. Wie viel von Ihnen steckt in ihren Geschichten? Stecken Sie auch in Ihren Figuren? Gibt es eine, mit der Sie sich speziell identifizieren?

Ja, viele Figuren haben irgendeinen Teil von mir oder von Menschen, die ich kenne.

Sie haben 2012 den von der Autorenvereinigung DeLiA zum besten Liebesroman gekürten Roman Für immer und ledig geschrieben, hauptsächlich liest man von Ihnen aber Krimis. Wieso Krimis? Ist es das, was Sie auch am liebsten lesen oder kann man dabei die eigenen bösen Seiten ausleben, die man im realen Leben eher unterdrückt?

Nein, das ist wahrscheinlich auch so ein Klischee wie der Gedanke, dass alles irgendwie autobiographisch und damit sozusagen selbst erlebt sein muss. Ich schreibe schon über Themen, die mich beschäftigen, und bringe sie in Geschichtenform. Was das „Böse“ angeht, gibt es doch im wahren Leben um einen herum genug „Böses“, das eben nicht unterdrückt wird, so dass man es im Roman oder in einer Kurzgeschichte verarbeiten kann. Man müsste auch erst einmal das „Böse“ definieren. Da denke ich immer an Stephen King und so, und der schreibt ja keine Krimis. Oder ist damit das „Böse“ gemeint, das den Serienkiller dazu bringt, ein Serienkiller zu sein? Das wäre dann ein psychologischer Ansatz … Hm. Für meine Geschichten eignen sich da eher gesellschaftliche Schieflagen, Ungerechtigkeiten, Ungeheuerlichkeiten, Missstände. Die sind mir böse genug.

Sie spielen Klavier (sogar mit Auszeichnungen), haben studiert (als Stipendiatin), schreiben Drehbücher, sind als Filmproduzentin tätig, übersetzen, schreiben selber Kurzgeschichten, Krimis, Thriller – gibt es etwas, das sie nicht können oder gelingt einfach alles, was sie anpacken? Wie bringen Sie alles unter einen Hut?

Mir gelingt eine ganze Menge nicht. Deshalb konzentriere ich mich lieber ausführlich auf das, was halbwegs klappt J Ich langweile mich nicht gerne, und ich habe keine zeitaufwändigen Hobbys. Ich mache einfach den ganzen Tag das, was ich gerne mache.

Was muss ein Buch haben, dass es Sie anspricht?

Es muss gut geschrieben sein.

Sie haben Ihre Magisterarbeit über Elisabeth George geschrieben. War es schwierig, die Professoren von einer Krimiautorin zu überzeugen? Wieso gerade Elisabeth George?

Der Professor hatte Kriminalliteratur als Forschungsgebiet, von daher war es eher umgekehrt – er hat mich an das Thema herangeführt. Elizabeth George bot sich damals an, sie stand durch ihre Verbindung von Krimi einerseits und Adeligensoap andererseits in einer bestimmten Tradition, die sie weiterentwickelt hat. Sich diesen Weg anzusehen, fand ich interessant: Was hat sich getan auf dem Weg vom einsamen Detektiv hin zum Ermittlerteam mit den ganzen privaten Problemen? Das war das Thema meiner Arbeit. Klingt heute schon wieder schrecklich überholt.

Gibt es sonst Bücher/Schriftsteller, die Sie speziell mögen, die sie geprägt haben?

Elizabeth George lese ich gar nicht mehr. J Irgendwo gibt es Listen von mir, für die ich meine fünf, sieben, zehn Lieblingsirgendwas nennen sollte. Aber das ändert sich ja über die Jahre. Was gut ist. Sonst würde man ja irgendwo stehenbleiben.

Wenn Sie einem angehenden Schriftsteller fünf Tipps geben müssten, welche wären es?

Lesen, lesen, lesen.

Lesen. Aber auf keinen Fall Bücher, bei denen man denkt: Das kann ich aber auch. Sondern nur Bücher, bei denen man denkt: Verdammt, das schaff ich nie, so gut zu schreiben.

Immer misstrauisch sich selbst gegenüber bleiben. Nicht alles, was man formuliert und erdacht hat, ist es wert, veröffentlicht zu werden. Es gibt Mülleimer. Die sollte man nutzen.

Am Stil arbeiten. Und zwar am eigenen. Es dauert eine Weile, ihn zu finden. Er versteckt sich gern hinter dem, was viele Menschen irrigerweise für guten Stil halten. (Elmore Leonard hatte ein paar gute Tipps, übrigens.)

Jeden Tag üben.

Ich bedanke mich für dieses Interview!