Rezension: Julia Jessen – Alles wird hell

Einsam im Dunkeln

Inhalt

Ich weine weiter. Weil ich so aufgeregt bin. Und lüge. Ich habe das Gefühl, ganz dunkel zu werden. Ich fühle es so sehr, dass ich Angst habe, Grossmutter könnte es sehen. Wie ich immer dunkler werde. […]
Die Tränen habe ich abgewischt. Jetzt fühle ich mich wie eine Fee. Oder ein Zauberer. Ich habe ein Geheimnis. Und das werde ich behalten.

Oda geht durch ihr Leben. Sie geht ihren Weg, mal umgeben von Familienglück, in dem sie sich doch immer ein bisschen fremd fühlt, mal auf der Flucht davor – sei es wirklich oder nur durch ein Verhalten, das weit weg von den Erwartungen der anderen ist. So wirklich dazu gehört sie nie, ist stets in Gedanken, von denen sie glaubt, dass die anderen solche Gedanken wohl nie hätten, geschweige denn verstünden.

Und jetzt denke ich an das Dunkle. Die kleinen Geheimnisse, die wir haben. Und das Helle. Das, was alle sehen können. Und ich frage mich, ob es Menschen gibt, die immer nur hell oder immer nur dunkel sind. Und ob eine Familie nicht sichtbar sein müsste füreinander. Und ob alle hier in der Küche auch so vieles im Dunkeln haben wie ich. […]
Offensichtlich bin ich unsichtbar. Wütend. Abgetrennt. Und aufgeribbelt.

 

Rezension

Vom fünfjährigen Kind mit den kleinen Lügen über die Zeit als Teenager mit allen Aufmüpfigkeiten bis hin ins Alter begleiten wir Oda. Wir werden Zeuge ihrer Gedanken, ihres Haderns mit sich und der Welt. Wir erleben mit, wie sie um Entscheidungen ringt, sich im Leben hält und doch immer wieder für sich ausbricht. Auf ihre Weise. Sei es mit 5, 16, 40 oder 80, Oda geht immer ihren eigenen Weg – tief in sich drin. Und sie fühlt sich damit einsam, alleingelassen, auch unverstanden. Sie sammelt Lügen an im Laufe dieses Lebens, die sie begleiten, die die dunkle Seite des Lebens – nur ihres Lebens? – ausmachen.

Julia Jessen lässt Oda aus der Ich-Perspektive ihre Geschichte erzählen. Sie tut das in kurzen, klaren Sätzen, die das Buch einerseits hart machen, wohl als eine Art Schutzschild Odas fungieren, ihr alleingelassenes Inneres zu decken. Andererseits ist das Buch sehr feinfühlig, sehr tief, dringt in die tiefsten Ecken von Odas Denken und Fühlen ein, bringt die Fragen ihres Lebens ans Licht – nur für den Leser, für ihr Umfeld bleiben sie wohl meist im Dunkeln.

Alles wird hell ist nicht eine erzählte Geschichte im Sinne eines linearen Plots, es ist eine Ansammlung von Puzzleteilen aus einzelnen Etappen aus Odas Leben, die in Bruchstücken, wie sie in Odas Kopf auftauchen, erzählt werden. Es ist der Rückblick auf Odas Leben, erzählt im unmittelbaren Präsens, so dass wir jederzeit live vor Ort sind beim Lesen, miterleben, mitfühlen. Uns ab und an vielleicht auch hineinfühlen oder etwas für uns selber weiterdenken.

Julia Jessen ist mit Alles wird hell ein sehr sprachgewaltiger Roman gelungen. Die Sprache in ihrer schnörkellosen Art widerspiegelt auf eine Weise die in sich stimmige, auch rebellische, weil in sich selber verweilende, das Aussen nur betrachtende Art der Protagonistin. Sie gibt dem Roman, der ansonsten wenig Handlung und Spannung aufweist, eine Dynamik, zieht den Lesenden weiter. Ein gelungener Debütroman!

Fazit:
Wie viel Dunkel hat im Leben Platz und wo ist das Licht? Ein Roman über das Leben einer Frau, die immer ein bisschen abseits steht, trotzdem ihren Weg im Leben sucht und geht. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Julia Jessen
Julia Jessen, geboren 1974, hat ihr Literaturstudium abgebrochen und eine Ausbildung als Schauspielerin gemacht. Sie arbeitete zehn Jahre für Film und Fernsehen, spielte in mehreren Theaterproduktionen und unterrichtete an verschiedenen Schauspielschulen. 2010 gründete sie das »Kurswerk« in Hamburg für Schauspielunterricht und Persönlichkeits- und Präsenztraining. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Hamburg.

 

Angaben zum Buch:
JessenAllesTaschenbuch: 304 Seiten
Verlag: Verlag Antje Kunstmann GmbH (11. Februar 2015)
ISBN-Nr.: 978-3956140242
Preis: EUR 19.95 / CHF 28.90

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Rezension: Haruki Murakami – Südlich der Grenze, westlich der Sonne

Sind zweite Chancen lebbar?

Ich war der Einzige, der keine Geschwister hatte. Ich war Einzelkind und hatte deshalb einen Minderwertigkeitskomplex. Ich war die Ausnahme in einer Welt, in der andere ganz selbstverständlich etwas besassen, das mir fehlte.

Hajime ist Einzelkind, das macht ihn zu einem Aussenseiter, weil er anders ist als andere. Die anderen haben Bruder und Schwester, nur er ist immer alleine. Das ändert sich, als Shimamoto in seine Klasse kommt. Auch sie ist Einzelkind. Ausserdem zieht sie als Folge einer durchlittenen Polio ihr Bein hinterher. Die beiden werden Freunde, für Hajime sind sogar mehr Gefühle im Spiel, die er aber nicht einordnen kann. Ein Umzug trennt die beiden, sie verlieren sich aus den Augen. Hajime fängt an, seine Sexualität zu entdecken, er tut das mit einer klaren Sicht und Bewertung der auserwählten Frauen. Es sind nie die wirklich schönen, die ihn reizen, was er auch betont, fast schon drauf rumreitet gedanklich. Nach einigen kurzen Beziehungen heiratet Hajime, kriegt zwei Kinder, eröffnet zwei Jazzclubs. Er ist erfolgreich, zufrieden mit seinem Leben – bis Shimamoto in seiner Bar auftaucht.

„Star-Crossed-Lovers“[…] „Liebende, die unter einem schlechten Stern geboren sind“, sagte Shimamoto. „Fast wie für uns geschrieben.“
„Sind wir denn Liebende?“
„Sind wir es nicht?“
Ich sah sie an. Sie lächelte nicht mehr. Nur in ihren Augen war noch ein schwaches Leuchten.

Hajime verfällt ihrem Bann, ihrer geheimnisvollen Art. Immer bei Regen steht sie vor ihm. Hajime ist bereit, für sie alles aufzugeben.

Unterdessen wurde es Herbst. Und als es Herbst wurde, fasste ich einen Entschluss. So konnte ich nicht weiterleben. Ich musste eine endgültige Entscheidung treffen.

Südlich der Grenze, westlich der Sonne ist die Neuübersetzung des Buches, das Anfang der 90er-Jahre unter dem Titel Gefährliche Geliebte auf den Markt kam und ein grosser Erfolg wurde. War die deutsche Version damals eine Übersetzung der englischen Fassung des ursprünglich japanischen Originals, wurde es nun direkt ins Deutsche übersetzt, was aus dem Buch einen völlig neuen Roman machte, da die Sprache sehr viel von der Wirkung der Geschichte trägt. Vergleicht man die beiden Romane, erscheint es, als ob bei der zweiten Version ein Schleier, eine mildernde Schicht weggenommen wurde. Die Sprache erscheint direkter, die Gedanken klarer, auch teilweise ruppiger, vielleicht auch weniger westlichen Einflüssen unterworfen, japanischer.

Der (etwas lang geratene) Anfang der Geschichte wird dominiert von den spätpubertären Sexphantasien und anderen Gedanken von Hajime. Es sind ganz klar Männerphantasien, die weibliche Sicht fehlt dem Buch – das bis zum Schluss. Da der Protagonist und Ich-Erzüähler aber auch ein Mann ist, kann das nicht zum Vorwurf gereichen, sondern stellt eine konsequente Erzählperspektive dar.

Mit dem Wiederauftauchen Shimamotos fängt der Roman eigentlich erst richtig an, da wird er packend, da gewinnt er Tiefe, wird auch zarter, feinfühliger. Themen wie Liebe, Treue, was wirklich zählt im Leben spielen mit, die Frage, ob man verpasste Chancen neu ergreifen kann und sie dann leben. Das Ende der Geschichte passt, es ist genau so undurchdringlich wie der Rest des Romans. Allerdings wäre jedes andere Ende unpassend gewesen. Insofern hat Murakami auch beim Plot und dessen Abschluss alles richtig gemacht.

Fazit:
Liebe, Treue und verpasste Chancen – die ganze Palette des menschlichen Lebens in einer feinfühligen, zarten Geschichte, die einen doch immer irgendwie ratlos zurücklässt. Empfehlenswert.

Zum Autor
Haruki Murakami
Haruki Murakami wurde 1949 in Kyoto, Japan geboren und wuchs in Kobe auf. Nach abgeschlossenem Studium verließ er 1975 die Waseda-Universität in Tokio, wo er anschließend sieben Jahre lang Eigentümer einer kleinen Jazz-Bar war. Haruki Murakamis Karriere als Schriftsteller begann 1974 an einem warmen Frühlingstag: Während eines Baseballspiels kam ihm die Inspiration zu seinem ersten Roman. Das war der Start einer beeindruckenden literarischen Laufbahn. Später verbrachte er mehrere Jahre als freier Schriftsteller und Dozent in Princeton, USA. Murakamis Leidenschaft für die Literatur kennt, im wahrsten Sinne des Wortes, keine Grenzen – übersetzt er doch auch berühmte Kollegen wie John Irving ins Japanische. Von Murakami erschienen sind unter anderem Kafka am Strand, Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki, Naokos Lächeln, Südlich der Grenze, westlich der Sonne (früher Gefährliche Geliebte).

Angaben zum Buch:
Murakamisuedlich_der_grenze_westlich_der_sonneGebundene Ausgabe: 224 Seiten
Verlag: Dumont Verlag (21. Mai 2013)
Übersetzung: Ursula Gräfe
ISBN-Nr.: 978-3832197070
Preis: EUR 16.99 / CHF 12.90

 

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Das Kranken an der Welt

Ich las gerade die Frage, wie viele Piloten wohl krank im Cockpit sitzen. Gut, Piloten haben die Verantwortung über viele Menschen, die hinter dem Cockpit sitzen, trotzdem fände ich es angebrachter, die Frage auszuweiten: Wie viele Menschen kämpfen sich krank durch dieses Leben? Und woher kommt dieses Kranken der Menschen, das immer weitere Kreise zu ziehen scheint, immer mehr Menschen in seinen Bann zieht? Kranken wir am Leben selber? Kranken wir an der Gesellschaft? Bloss: Die Gesellschaft sind ja wir. Wo also liegt der Hund begraben? Wo sind wir als Gemeinschaft falsch abgebogen und gibt es eine Kurve zurück?

Oft hört man, die Welt sei härter geworden. Schneller. Brutaler. Nur: Früher gab es Folter, es galt das Recht des Stärkeren (damals körperlich, heute wohl im übertragenen Sinne). Wir leben in einem Zeitalter, das – trotz aller Übel, die ich nie abstreiten möchte, die mich teilweise sehr bedrücken – als eines der sichersten und friedlichsten gelten kann. In unseren Breitengraden gab es kaum je so lange Friedenszeiten, wie wir sie gerade erleben.

Woran also kranken wir? Sind wir zu schwach? Ist das Bewusstsein für ethische Werte und Friede (man wäre fast geneigt, Freude und Eierkuchen hinterherzuwerfen) eigentlich ein Schlag ins Kontor, weil er uns verzärtelt? Haben wir zu hohe Ansprüche durch die Aufklärung darüber, was uns als Mensch zustehen sollte, und leiden wir nun an Dingen, die besser sind, als sich manche Menschen je zu träumen gewagt hätten?

Das klingt hart gegenüber all dem Leiden, das man sieht. Kinder sind schon in der Schule unter Stress, Burnout gibt es nicht nur bei Managern, es greift auf Arbeiter, Mütter und sogar Kinder über. Es scheint, dass wir mit der Erkenntnis darüber, was uns als Menschen zustehen würde, nicht umgehen können, weil der Mensch sich trotz dieser theoretischen Erkenntnis nicht vom Wolf zum Schaf gewandelt hat. Den Pelz in Form von ethischen Manifesten und Firmengrundsätzen trägt er zwar, wenn es hart auf hart kommt, zeigt er seine wahre Natur und die besagt immer noch: Ich will gewinnen, koste es, was es wolle!

Nun kann man sagen, das Gewinnen sei ein reiner Selbstzweck, Narzissmus, Profilierungswahn oder Ruhmessucht geschuldet. Schlussendlich geht aber alles – davon bin ich überzeugt – auf den Wunsch, zu überleben, zurück. Man denkt: „Wenn ich nicht gewinne, tut es ein anderer, der mich dann unterdrückt.“ Drum tut jeder, der es kann, alles, was er kann, um da zu sein, wo er die Macht hat – und damit die Entscheidung, wer oben steht, wer fällt. Selten sind es die, die oben stehen, die gegen dieses System aufbegehren, meist die, welche nicht an dem Punkt sind.

Nun müsste man denken, dass die doch die Mehrheit ausmachen, somit gewinnen müssten? Das wäre eine Rechnung, die ohne den Wirt gemacht wurde, denn: Jeder derselben hat einen, der über ihm steht. Da er dessen guten Mut meist braucht, um überhaupt überleben zu können, wagt er nicht, in dem Masse aufzubegehren, wie er wollte. Des Weiteren hofft fast jeder, auch mal an eine Stelle zu kommen, wo er der wäre, der oben stünde. Dumm doch, da vorher die Möglichkeiten beschnitten zu haben? Zumal von denen oben gerne versprochen wird, jeder könne dahin, er müsse es nur wollen.

Und so kommen wir vom einen zum andern und stellen die ganze Welt auf den Kopf. Was es bringt? Wohl wenig. Da sind immer noch ganz viele kranke Menschen, die mit der Welt, wie sie sie vorfinden, nicht klarkommen. Da sind immer noch viele Menschen, die leiden, Angst haben. Und dann tickt einer aus. Und alle schreien nach Massnahmen. Doch welche sind die richtigen?

Der Arzt hätte zum Arbeitgeber gehen müssen. Solange Krankheit Schwäche ist und Schwäche in dieser Gesellschaft den Abstieg, wenn nicht gar den Abgrund bedeutet, wird das nicht durchkommen. Wäre es nur partiell, wäre es nicht gerecht. Gerechtigkeit ist überbewertet, viele Menschen könnten noch leben, wäre das hier gemacht worden? So könnte man argumentieren. Ich bezweifle es. Dann würden Arztgänge vielleicht vermieden, Ausraster kämen noch früher.

Schliesslich und endlich können wir das Leben nicht absichern. Erstens hinken wir mit jeder Massnahme immer einen Schritt hinterher, da sie uns erst einfällt, wenn etwas passiert ist, zweitens hat das Leben so viele Variablen, dass nie alle davon berücksichtigt werden können. Es bleibt wohl nur, irgendwie zu versuchen, die guten Seiten des aktuellen Lebens zu sehen, zu schätzen und zu leben. Alles andere ist Gedankenakrobatik, wie ich sie hier in diesem Beitrag produziert habe. Sie hat kein Ende, hat keine Lösung, sie stellt nur Fragen, stellt in Frage. Unsere Zeit ist nicht härter als frühere, im Gegenteil. Aber wir leben nun mal in dieser und hinterfragen sie. Und wir brauchen Gründe. Und Schuldige. Leid muss erklärt werden, sonst können wir es nicht begreifen und das macht es noch schlimmer.

Das macht Angst. Das macht traurig. Das ist wohl das Leben. Wir können es leben, so lange es dauert. Wir müssen irgendwie damit klar kommen, wenn das der Nächsten endet, und vor allem damit, dass unseres auch endlich ist.

Rezension: Silvio Blatter – Wir zählen unsere Tage nicht

Wollen wir sein, wer wir sind?

Severin hörte Isa die Treppe herunterkommen. Sie lebten seit vielen Jahren in dem grossen Haus, doch Severin hätte die Schritte seiner Frau auch unter vielen anderen sogleich erkannt.

Isa Lerch, erfolgreiche Radiomoderatorin am Ende ihrer Karriere, und Severin, passionierter Künstler, sind seit vielen Jahren verheiratet. Glücklich. Sie haben zwei Kinder, die beide schon ausser Haus leben, beide haben einen völlig anderen Weg als ihre Eltern eingeschlagen, haben sich für ein bürgerliches Leben entschieden. Eine Flucht?

Auch wenn Isa und Severin beide in ihren Projekten aufgehen, sich oft kaum sehen, ist die Liebe präsent.

Severin begehrte Isa noch immer.
Doch sie waren kein symbiotisches Paar, nie gewesen. Es war das erste Mal in dieser Woche, dass sich Isa und Severin am Tisch gegenübersassen, es war Freitag.

Isa und Severin stehen vor einem neuen Lebensabschnitt. Die glänzenden Jahren gehen ihrem Ende zu, die Kinder sind gross, das Alter steht vor der Tür. Die Zeit eines solchen Umbruchs ist immer auch die Zeit der (Rück-)Besinnung: Wie haben wir gelebt? War es das Leben, das wir wollten? Wohin führt der Weg jetzt? Wo stehen wir?

Silvio Blatter versteht es in seinem neusten Roman Wir zählen unsere Tage nicht, das Leben von Eva und Severin an der Schwelle in eine neue Zeit in einer klaren Sprache, tiefgründig und doch einfach, fast beiläufig, dabei weder oberflächlich noch distanziert, zu erzählen.

Der Sohn liebte die Mutter.
Mit dem Vater hatte er Schwierigkeiten. Der Vater kam ihm zu nah. Oder er kam gar nicht an ihn heran. Sie waren beide überempfindlich. Es fehlte ihnen das Gespür für die Distanz. Dabei liebte Mathias auch seinen Vater. Leider nicht immer gleich stark, und heute liebte er ihn gar nicht.

Es ist ein Roman, der Gegensätze aufgreift wie alt und jung, Bürger und Künstler, Eltern und Kinder. Es geht um Beziehungen zwischen Generationen, zwischen Geschlechtern, innerhalb von Familien und im Beruf. Es ist die Geschichte von solchen, die gehen, und anderen, die kommen – und von der Beziehung zwischen ihnen. Einfühlsam legt Blatter dem Leser das Innenleben seiner Figuren offen, zeigt ihre Beweggründe, ihre Ängste, ihre Hoffnungen. Er lässt den Leser mitfühlen und auch verstehen – ab und an auch wiedererkennen. Dabei driftet er nie ins Psychologisierende ab, lässt der Geschichte eine gewisse Leichtigkeit. Ganz grosse Schreibkunst!

Fazit:
Tiefgründige Analyse vom Leben, von der Liebe, von Familie, Beruf und dem Umgang mit dem Älterwerden. Sehr empfehlenswert.

 

Zum Autor
Silvio Blatter
Silvio Blatter wurde am 25. Januar 1946 in Bremgarten (AG) als Sohn einer Arbeiterfamilie geboren. Nach dem Besuch der Bezirksschule absolviert er das Lehrerseminar, unterrichtet anschliessend, um dann einige Monate in der Metallindustrie zu arbeiten. Es folgen sechs Semester Germanistik an der Universität Zürich, um wieder in die Industrie zurückzukehren. 1975 absolvierte Blatter beim Schweizer Radio DRS eine Ausbildung zum Hörspielregisseur und liess sich nach Aufenthalten in Amsterdam und Husum als Schriftsteller in Zürich nieder. Heute pendelt der Autor zwischen Malerei und Schriftstellerei, lebt in Zürich und München.

 

Angaben zum Buch:
BlatterGebundene Ausgabe: 304 Seiten
Verlag: Piper Verlag (9. März 2015)
ISBN-Nr.: 978-3492056458
Preis: EUR 19.99 / CHF 29.90

 

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Alles ist jetzt

Die Vergangenheit als Gefängnis der Seele

Stunden sind vergangen, Lichtjahre, noch ist Ingrid sehr weit weg.
Ich liebe dich, schreit es von irgendwoher. Ingrid stürzt und ist wach. Um sie herum ist es dunkel. Ingrid hat die Decke über den Kopf gezogen, liegt in einer Höhle aus Atem und Herzschlag. Sie liegt unter der Decke und horcht, Ingrid atmet.

Ingrid ist müde, eigentlich immer. Sie zieht sich in sich selber zurück, selbst wenn sie unter Menschen ist. Sie funktioniert in der Welt von heute, im Innern ist sie in ihrer Vergangenheit gefangen, die ihre Seele einschliesst, ihre Gedanken steuert. So gesehen ist alles jetzt, ihre Kindheit mit einer Mutter, die Alkoholikerin ist, ein Vater, der sie ebenfalls im Stich lässt und eine neue Familie gründet. Es kommen Drogen, hinzu, übertretene Grenzen durch andere. All das macht Ingrid müde. Sie kämpft nicht für das Heute, sondern sie lässt sich ganz von ihrer Vergangenheit einnehmen, die ihr jegliche Kraft zum Leben raubt.

Julia Wolf erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die von Leben mürbe gemacht wurde, die allen Lebensmut verloren zu haben scheint, sich durchs Jetzt kämpft, in Gedanken und Gefühlen aber immer wieder zurückgeworfen wird, am Abgrund steht. Die Geschichte kommt nicht nur mit einem Inhalt daher, die Form greift diesen Inhalt auf. Sätze, die ebenso atemlos sind wie die Protagonistin selber. Sätze, die syntaktisch aus wenig mehr als dem wirklich Notwendigen bestehen, teilweise sogar das weglassen. Eine Sprache, die sich ganz dem Inhalt beugt und diesen befördert.

Die Geschichte selber hat mich nicht erreicht, sie war mir zu psychodelisch, zu unverständlich. Ein Beispiel: Eine Frau, die ihren Vater trifft, Angst vor dem Treffen hat, da das letzte lange her ist und die Beziehung sowieso problembeladen. Das kann ich nachvollziehen. Dass diese Frau dann aber einen Strauss Nelken isst, während der Vater telefoniert, um sie diesem dann auf den Tisch zu kotzen, übersteigt mein Verständnis.

Ingrid öffnet langsam den Mund. Nelken quellen hervor, ein Schwall gelber Blüten ergiesst sich über den Tisch.

Das liegt vermutlich daran, dass mir ein Naturell, das so handeln würde, fremd ist, das Buch vermochte nicht, es mir näher zu bringen.

So bleibt zu sagen, dass das Buch eine sprachliche Meisterleistung ist, indem die Sprache die Geschichte im Tempo, in der Wortwahl, in der Bildhaftigkeit aufnimmt, sich dabei aber auf das quasi lebensnotwendige beschränkt. Mein Geschmack ist es trotzdem nicht, was aber nicht sagt, dass das Buch schlecht wäre. Jüngere Semester, die selber noch gefangen in ihrer Vergangenheit und noch nicht ganz erwachsen sind, oder Menschen, die sich mit solchen auseinandersetzen, können vielleicht durchaus etwas für sich finden in diesem Buch.

Fazit:
Sprachakrobatik: Die Sprache gibt den Inhalt wieder, giesst die Seelenstruktur der Protagonistin in eine Form.

 

Zum Autor
Julia Wolf
Julia Wolf wurde 1980 in Groß-Gerau geboren. Nach dem Studium der Amerikanistik und Germanistik lebt sie als freie Autorin in Berlin. Sie erhielt verschiedene Förderungen und Auszeichnungen. Julia Wolfs Theaterstück Der Du wurde am Düsseldorfer Schauspielhaus uraufgeführt und als Hörspiel für den WDR produziert. Alles ist jetzt ist ihr Romandebüt.

Angaben zum Buch:
WolfAllesistjetztTaschenbuch: 160 Seiten
Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt (Februar 2015)
ISBN-Nr.: 978-3627002114
Preis: EUR 19.90 / CHF 29.80

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Rezension: Anna Quindlen – Ein Jahr auf dem Land

Nie zu spät für einen Neuanfang

Rebecca dachte eigentlich selten ans Sterben, doch ans Geld dachte sie ständig. Sie hatte Angst, noch ewig weiterleben zu müssen, verarmt, ihr früherer Ruhm nur noch eine Fussnote in einer Doktorarbeit, die kein Mensch mehr las.

Rebecca Winter, einst gefeierte Fotografin, erfindet ihr Leben neu. Im Alter von 60 ist sie geschieden, lebt in einer New Yorker Wohnung, die sie sich nicht mehr leisten kann und auch die Erfolge bleiben aus. Sie mietet ein heruntergekommenes Haus auf dem Land, vermietet ihre Wohnung – so hofft sie, finanziell über die Runden zu kommen. Und sie hofft weiter, dass sich ihr neue Wege auftun, wie ihr Leben weiter gehen kann.

Neuer Lebensabschnitt, neuer Ort – alles ist neu in Rebeccas Leben, alles nicht ganz gewünscht, sondern aus der Situation heraus passiert. Anna Quindlen erzählt in diesem Roman von den Brüchen im Leben einer Frau und davon, wie sie damit umgeht. Da Brüche oft nicht gewollt sind, bleibt es nicht aus, dass eine gewisse Wehmut, das Gefühl von Angst mitschwingt. Trotzdem erschlagen diese Gefühle nicht, sind sie nicht dominant und die Geschichte nicht düster.

Dem Roman fehlt Tempo, fehlt das wirklich Packende, Mitreissende. So plätschert das Leben der Rebecca Winter dahin, als Leser fühlt man sich ein wenig wie der Zuschauer auf der Gartenbank, der dem Nachbarn beim Leben zusieht – allerdings ist das Leben nicht immer spannend und in einem Roman hätte ich mir mehr erhofft. Trotzdem ist es auch ein Buch, das Mut macht, das zeigt, dass es nie zu spät ist, einen Neuanfang zu wagen, dass dieser sogar eine Chance sein kann.

Fazit:
Die Geschichte einer Frau im Umbruch. Ein Buch darüber, dass man immer neu anfangen kann. Interessantes Thema, die Geschichte hätte mehr Tempo vertragen.

 

Zum Autor
Anna Quindlen
Anna Quindlen, Jahrgang 1952, gehört in den USA zu den wenigen ganz großen Autorinnen, die sowohl die Literaturkritik als auch das breite Publikum begeistern. Ihre Romane und Sachbücher erobern regelmäßig die amerikanischen Bestsellerlisten. Für ihre Kolumnen in der New York Times erhielt sie 1992 den Pulitzer-Preis. Ihr Bestseller »Die Seele des Ganzen« (1995) wurde unter dem Titel »Familiensache« mit Meryl Streep verfilmt. Ihr neuester Roman »Ein Jahr auf dem Land« rangierte in den USA monatelang in den Top-Ten und verkaufte sich eine viertel Million Mal.

Angaben zum Buch:
QuindlenGebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt (2. März 2015)
Übersetzung: Tanja Handels
ISBN-Nr.: 978-3421046666
Preis: EUR 19.99 / CHF 29.90

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Rezension: Sibylle Berg – Der Tag, als meine Frau einen Mann fand

Sex und die Realität

Die Realität des freundlichen Zusammenlebens wird belastet von Dauerkalauern über ältere schweigende Paare, Filme über Sex im Alter, Lieder über Menschen, die sich die Kleider von Körper essen. Man kann dem Anspruch, den die Phantasie an den Geschlechtsverkehr stellt, nie gerecht werden.

Chloe und Rasmus sind seit vielen Jahren verheiratet. Rasmus ist ein erfolgloser Regisseur, der bei eigenhändigen Höhepunktsuchen über sein Sexleben nachdenkt, Chloe ist seine Frau und sie denkt über Rasmus und ihr Leben mit Sex nach. Grundsätzlich denken beide viel und ständig, Hauptthema ist dabei Sex und wieso er nicht passt. Den besten Sex haben Rasmus und Chloe ohne den andern, nur mit sich selber, wieso das so ist, erzählen sie sich selber in Gedanken. Es wird Sex gegen Vertrauen gestellt, Ernst gegen Leichtigkeit. Es wird über das Leben als Paar nachgedacht und den Wert, den der andere im eigenen Leben hat.

Thema des Buches ist das Zusammenleben von Paaren , wenn sie älter werden. Es ist die Geschichte eines Paares, das einen Weg zusammen gegangen ist und auch weiter gehen will – trotz Widrigkeiten, trotzdem das Leben nicht die Erfolge bereit hielt, von denen beide geträumt haben:

Nach zehn Jahren an der Seite eines bedeutenden Regisseurs wurde ich die Frau eines Verkannten.

Chloe ist dabei nur Anhängsel von Rasmus, sie scheint wenig eigene Interessen, wenig Gedanken über sich, wenig eigene Pläne zu haben, sie bleibt in ihren Gedanken auf Rasmus und ihr Leben mit ihm fokussiert:

Wir zwei würden es nach oben bringen. Also Rasmus würde es nach oben schaffen, und ich würde an ihm kleben.

Sibylle Berg greift mit diesem Buch ein aktuelles Thema auf, eines, das momentan viel beschrieben wird. Da mir ihr Sprachstil, ihr scharfes Denken und auch ihre Scharfzüngigkeit gefällt, wollte ich das Buch unbedingt lesen – und konnte es nicht. Für mich waren es zu viele Monologe, die sich um die ewig selben Themen wie Sex, kein Sex, besserer Sex drehten, bald zuviel. Die wirklich tiefgründigen Gedanken, die immer wieder vorkamen und die oben gelobten Gründe bestätigen, wieso ich das Buch lesen wollte, konnten mich nicht genug fesseln, fertig zu lesen.

Der Tag, als meine Frau einen Mann fand ist gewohnt düster, abgelöscht. Die Welt ist schlecht, das Leben ebenso, eigentlich ist es gegen die Wand gefahren, denn glücklich oder nur schon zufrieden sind alle nicht – und doch versuchen Rasmus und Chloe, es in Gedanken schön zu reden, sie haben Gründe für ihr Miteinander. Und wenn alles nichts hilft, wird der Frust wegmasturbiert. Ich habe drei Anläufe genommen, schliesslich auf Seite 97 aufgegeben. Die Geschichte kam irgendwie nie in einen Fluss, der mich mitriss, es fehlte mir der Sog, der mich einnimmt. Schade, denn ich hätte das Buch sehr gerne gelesen und irgendwie wurmt es mich noch immer, dass ich es nicht konnte. Die Sprache ist klar, schnörkellos, die Gedanken hinter dem Ganzen teilweise messerscharf, von einer guten Beobachtungsgabe der Autorin zeugend. Nebenbei sieht man glasklar den Spiegel, den sie der Gesellschaft entgegenhält, wie sie das auch in ihren Kolumnen meisterhaft tut. Als Roman hat es mich nicht überzeugt.

 

 

Fazit:
Gedankenkarusselle eines alternden Paares. Eine Geschichte, die mehrheitlich aus Gedanken an Sex, nicht stattfindendem oder zumindest nicht befriedigendem Sex und Masturbation mit verschiedenen Hilfsmitteln besteht.

 

Zur Autorin
Sibylle Berg
Sibylle Berg wurde 1962 in Weimar geboren. Nach einer Ausbildung als Puppenspielerin stellte sie 1984 erfolgreich einen Ausreiseantrag und zog in die damalige BRD. Nach diversen Jobs begann sie zu schreiben, war aber mit ihren ersten Versuchen unzufrieden. Erst Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot reichte sie bei Verlagen ein und stiess bei Reclam auf offene Ohren. Sibylle Berg schreibt Romane, Theaterstücke, Essays und Kolumnen (u.a. für NZZ und Spiegel Online). 2008 wurde sie mit dem Wolfgang Koeppen-Preis ausgezeichnet. Sibylle Berg wohnt heute in Zürich. Unter anderem von ihr erschienen sind Das unerfreuliche zuerst – Herrengeschichten (2001), Ende gut (2004), Die Fahrt (Roman, 2007), Der Mann schläft (2009), Vielen Dank für das Leben (2012), Der Tag, als meine Frau einen Mann fand (2015).    

Interview mit der Autorin: Sibylle Berg – Nachgefragt

 

 

Angaben zum Buch:
BergDerTagGebundene Ausgabe: 256 Seiten
Verlag: Hanser Verlag (2. Februar 2015)
Sprache: Deutsch
ISBN-Nr.: 978-3446247604
Preis: EUR 19.90 / CHF 24.55

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Stinkefinger

Bin ich allein, sehne ich mich nach Gemeinschaft, bin ich unter Leuten, fehlt mir die Einsamkeit. Es ist, als ob das Leben es nie recht macht oder als ob ich im Leben nie antreffe, was ich brauche. Ist das Leben falsch? Bin ich es? Gehe ich durchs Leben und spiele Hand im Schneckenloch oder hat dieses Leben einfach ein verdammt schlechtes Timing?

Eigentlich wollte ich ja ein Buch schreiben. Einen Roman. Ich weiss wie es geht, ich weiss, was ein guter Roman ist. Aber irgendwie gelingt es nicht. Nach wenigen Seiten ist meine Geschichte fertig, sofern ich überhaupt eine finde. Und wenn ich keine finde, überlege ich mir, wie ich eine finden könnte und ob ich dazu Notizen machen müsste. Ich überlege, ob ich die Notizen in ein Notizbuch schreiben oder gleich in den Computer tippen soll. Ich beschliesse, gleich ein Notizbuch zu kaufen. Am besten kaufe ich gleich mehrere, für den Fall, dass das erste voll ist, hätte ich gleich weitere greifbar. Im Bücherregal sähen sie sicher toll aus, so in Reih und Glied nebeneinander stehend. So weit ist es aber noch nicht, da ich beschliesse, dass Computer praktischer wäre. Ich schreibe schneller am Computer, sitze meist davor und da ginge es im Gleichen. Zudem lässt sich die Schrift besser lesen.

Nur habe ich den Computer nicht immer dabei und ihn immer mitschleppen ist doch eher mühselig. Also wäre ein Notizbuch für unterwegs gut, in das ich aufkommende Gedanken schreiben könnte, sie dann zu Hause abtippen. Allerdings klingt das so unromantisch und schon gar nicht kreativ. Kreativität muss doch frei sein. Ich stelle mir die anders vor als ödes Abtippen von popeligen Notizen.

Ich sehe mich – ganz Künstler – mit einem Schal um den Hals auf meinem Holzstuhl sitzen, den Kopf auf die Hand gestützt, nachdenklich. Und dann kommt die Idee und man sieht sie förmlich in meinen Augen blitzen. Ich stürze mich auf die Tasten, wühle mit einer Hand immer wieder in meiner zerzausten Frisur, um die richtigen Worten ringend, was mir noch einen kreativeren Ausdruck gibt. Und ich schreibe mein Buch. In der Vorstellung klappt das super. Und ich finde, das passt zu mir. Das bin ich, so will ich sein. Fehlt also nur noch die Idee für eine Geschichte für die Realität.

Andere wachsen im Krieg oder in einem Bergdorf auf. Sie können von Entbehrungen, Bomben oder kalten Nächten berichten. Bei mir war alles geheizt, nicht mal meine Eltern liessen sich scheiden. Sie haben meine Schriftstellerkarriere auf dem Gewissen, wenn mir nicht bald etwas einfällt, das ich schreiben könnte. Hätten sie mir eine problembeladenere Kindheit geliefert, könnte ich nun aus dem Vollen von Traumata und anderen Beschwerden schöpfen und das Publikum läge mir zu Füssen, würde sich wiedererkennen oder zumindest Mitleid haben. Wer will schon von idyllischen Familienausflügen im Sonntagskleid lesen, von heiler Welt mit zwei Elternteilen, die sich nicht mal übermässig stritten. Keine fliegenden Tassen, keine Eskapaden, keine Hungersnot oder Schläge. Einfach gähnende Langeweile. Kein Wunder habe ich keinen Fundus für Geschichten.

Und so sitze ich hier und merke, dass ich ganz schön in der Misere sitze. Nicht nur habe ich keine Geschichte zu erzählen, ich wüsste nicht mal, ob ich sie zuerst ins Notizbuch (von dem ich nun fünf Exemplare für den Fall der Fälle hier habe) oder gleich in den Computer schreiben soll. Zudem frage ich mich, wieso mir am Anfang all dieser Gedanken in den Sinn kam, dass ich weder allein noch in Gesellschaft glücklich bin, da das doch wahrlich überhaupt nichts mit meinem eigentlichen Problem zu tun hat. Und wenn ich nun so weiter nachdenke, dann hat der ganze Gedankenfluss wenig Sinn, er kam so über mich, ohne Ziel, ohne Grund, ergoss sich einfach über meine Finger in die Tastatur und steht nun da, schwarz auf weiss – mit ein paar roten und grünen Wellenlinien, mit denen mir das Programm sagen will, dass mein Deutsch nicht das sei, was es als richtig erachte.

Bräuchte ich nicht alle Finger zum tippen, würde ich dem Programm einen zeigen. Das macht man zwar nicht, aber das wäre mir gerade egal, denn ich merke, dass ich mittlerweile wütend bin ob all der nicht getroffenen Entscheidungen, ob all der Ideenlosigkeit und vor allem wegen meiner ach so doofen Kindheit, aus der sich nichts, aber auch gar nichts, und schon gar kein Roman machen lässt.

Rezension: Diane Brasseur – Der Preis der Treue

Ist Liebe teilbar?

„Geliebte“ – dieses Wort gefällt mir gar nicht. ich bringe es mit dem Getuschel meiner Klassenkameraden in der Grundschule in Verbindung.
Ich habe eine Geliebte, habe ein Verhältnis. Ich bin untreu.
Mehrmals täglich sage ich mir das, um mich selbst davon zu überzeugen. Ich habe das Gefühl, die Gedanken eines anderen zu denken.

Er ist 54, Pariser Anwalt, seit 19 Jahren verheiratet und er hat eine Tochter. Er liebt seine Frau, aber er vermisst Alix, wenn er nicht bei ihr ist. Alix ist 23 Jahre jünger und seine Geliebte seit einem Jahr. Unter der Woche wohnt er bei ihr in Paris, am Wochenende geht er heim zu seiner Frau und seiner Tochter nach Marseille. Er müsste sich entscheiden und stellt sich vor, wie die Dinge liefen, würde er sich entscheiden oder käme seine Frau hinter die Affaire. Er stellt sich vor, wie Alix mit ihm Schluss machen würde oder was passieren könnte, wenn er seine Frau verliesse. Und immer schiebt er die Entscheidung wieder hinaus.

Mit Alix kann ich die Zeit zwar nicht zurückdrehen, aber sie bietet mir, in einer Lebensphase, in der meine Perspektive sich verengt, die Chance, noch mal von vorn anzufangen. […] Es ist toll, sich sagen zu können: Das ist noch drin!

Der namenlose Ich-Erzähler beschreibt sein Leben zwischen zwei Frauen. Er denkt über die Liebe nach, über seine Beziehung zu seiner Familie und der zu Alix. Er spielt in Gedanken die verschiedensten Szenarien durch, um schlussendlich doch alles zu belassen, wie es ist. Er denkt die Gedanken der beiden Frauen, stellt sich ihre Reaktionen auf verschiedene Situationen vor, ohne je eine davon zu erleben. Er lebt zwei Leben, die beide seines sind. Und keines kann er sich vorstellen, zu verlassen. Er liebt seine Frau, er liebt Alix. Weihnachten steht vor der Tür, geplant ist eine Reise mit der Familie nach New York. Eigentlich er geeignete Zeitpunkt, endlich eine Entscheidung zu treffen.

In einer klaren Sprache, ohne grosse Sentimentalität, erzählt Diane Brasseur die Geschichte des Anwalts, der neben seiner Frau eine junge Geliebte hat. Dabei geht es nicht um Schuld, nicht um falsch oder richtig. Es geht um Gefühle, um Entscheidungen, um das Leben, das nicht immer erklärbar ist. Es geht um Entscheidungen, die man trifft, treffen muss und auch getroffen hat – und wie man damit umgeht.

Fazit:
Nachdenklich, dicht, sprachlich und inhaltlich packend. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Diane Brasseur
Diane Brasseur, 1980 geboren, ist in Straßburg aufgewachsen und hat einen Teil ihrer Schulzeit in Großbritannien verbracht. Nach ihrem Filmstudium in Paris begann sie, als Script Supervisor zu arbeiten, unter anderem für bekannte Regisseure wie Albert Dupontel und Olivier Marchal. Diane Brasseur lebt in Paris.

Angaben zum Buch:
BrasseurTreueTaschenbuch: 176 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. April 2015)
Übersetzung: Bettina Bach
ISBN-Nr.: 978-3423260695
Preis: EUR 14.90 / CHF 29.90
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

 

 

Mal schnell die Welt retten

Kürzlich auf Facebook. Jemand meinte, mir die Welt erklären zu müssen. Er hatte – mich nicht kennend – all meine Probleme erkannt, sah, dass ich einsam sei, nie ausgehe und dazu noch ein Alkoholproblem hätte. Er meinte es nur gut und lobte sich selber ob seiner Menschenkenntnis und seines Durchblicks. Ich müsse ihm vertrauen. Er wisse, wovon er spräche.

Besagter Mensch kannte mich nicht wirklich – eigentlich kannte er mich gar nicht. Er hatte das Eine oder Andere vielleicht auf Facebook gelesen, wusste aber weder, was ich alles so mache im Leben, noch wie ich lebe, gelebt habe, zu leben vorhabe. Er wusste gar nichts von mir – er interpretierte.

Nun war das nicht das erste Mal, dass mir solches passierte. Und jedes Mal: Bei Nachforschungen, wer denn da so aus dem Vollen der Menschenkenntnis schöpft, stiess ich immer auf Menschen, die gesundheitlich angeschlagen, beruflich eher unerfüllt und beziehungsmässig alleine waren. Das fand ich sehr traurig, nur: Es stellt sich mir die Frage, woher ihr Drang rührt, anderen die Welt erklären zu wollen?

Die Hausfrauenpsychologin in mir würde nun sagen, sie agieren aus der eigenen Unzufriedenheit heraus. Sie projizieren in andere rein, was ihnen selber fehlt oder wo sie Probleme haben (was sie immer auch sagten, dass sie sie (zumindest gehabt) hätten. Dazu kommt, dass ich eine Frau bin und als solche noch eher sensibel und nachdenklich veranlagt – das scheint zu provozieren. Nur: Weil man was reinliest, ist das nicht auch da.

Damit nicht noch viele Weitere in die Irre gehen: Mir geht es gut. Man muss sich keine Sorgen machen. Ich habe eine wunderbare Familie, habe, ich darf es sagen, meinen Traumberuf, habe Hobbies, die mich ausfüllen, die mir Spass machen, die ich mit Leidenschaft betreibe, und ich bin alles andere als alleine. Und ab und an bin ich sogar alleine und das sehr gerne. Ich kämpfe fast drum, mal allein sein zu können, weil ich es brauche – wann sonst soll ich meine Hobbies pflegen? Klar ist mein Leben kein Paradies, denn ich bin nicht der Mensch dafür. Lebte ich im Paradies, würde ich selbst da das Haar in der Suppe finden – meint zumindest mein Herr Papa. Damit mache ich mir und meinen Lieben das Leben nicht immer leicht – aber auch nie langweilig.

Ergo: Alles gut. Und wer mal wieder denkt, die Welt retten zu müssen – bitte nicht bei mir, der Kelch möge an mir vorüber gehen.

Ruhe

Ernesto war 16, als er aus Kalabrien in die Schweiz kam. Er hatte Glück und fand als Metzgergehilfe eine Stelle. Bei der Metzgerfamilie wohnte ein Mädchen in seinem Alter. Sie gefiel ihm sehr. Er ihr auch. Ernesto führte Klara zum Tanz aus, sie schlenderten durch die Lauben Berns, sassen an der Aare. Das Leben war schön. Klaras Vater war wenig begeistert von Ernesto. „Was willst du mit dem dahergelaufenen Tschingg? Der taugt doch nichts. Der bringt es nie zu etwas. Klara gehorchte ihrem Vater und hielt sich von Ernesto fern. Und sie war traurig. Das fiel allen auf. Nur nicht dem Vater, der hatte genug zu tun mit seinen Frauengeschichten und dem Spielsalon. Klara war allein. Eines Abends klopfte es an Klaras Tür, Ernesto stand davor. An diesem Abend beschlossen sie, gemeinsam weiter durchs Leben zu gehen. Und es allen zu zeigen, dass sie es zu etwas bringen konnten.

Ernesto wechselte die Stelle. Er wurde Hauswart in einem Geschäftsgebäude. Daneben arbeitete er bei verschiedenen Auftraggebern und tat, was zu tun war. Klara putzte. Sie kriegten Kinder, arbeiteten beide weiter hart. Sie sparten. Ihre Kinder sollten es gut haben und sie irgendwann auch. Tag und Nacht war Ernesto im Einsatz. Das Telefon stand kaum still, Ernesto auch nicht. Klara litt dann und wann darunter, sie war immer allein – mit den Kindern, mit sich. Ernesto versprach ihr immer: „Klara, wenn ich erst mal pensioniert bin, dann holen wir alles nach. Wir haben hart gearbeitet, wir haben gespart, wir werden es schön haben. Aber: Von nichts kommt nichts.“ Klara war besänftigt. Für den Moment. Dann kam die Einsamkeit wieder. Sie ging in die Ferien. Ging in die Stadt. Träumte von einem Restaurantbesuch zu zweit, von Urlaub als Paar, von Zeit zusammen. Und war doch allein.

Ernesto tat alles, was er konnte. Er arbeitete hart, er war rundum angesehen deswegen. Er war nicht nur der Hauswart, er war der Mann, der half, wenn irgendwo Not am Mann war – Tag und Nacht, sieben Tage die Woche, alle Wochen im Jahr. Auch an Weihnachten und Silvester.

Ernesto wurde älter, die Pension rückte näher. Von seiner Firma wurde er in der Firmenbroschüre als bester Hauswart überhaupt porträtiert. Sein Einsatz hatte sich gelohnt. Er war stolz und alle um ihn auch. Nach der Pensionierung wurde es nicht gleich ruhiger. Die Nebenjobs von früher liefen noch weiter. Klara drängte auf mehr Ruhe. Sie wollte endlich, dass das Warten auf eine gemeinsame Zeit ein Ende hätte. Dann kam die Ruhe. Es war eine Frage der Zeit, wie lange sie dauert. Wobei nachher noch mehr Ruhe wäre.

Er hatte gestreut. Der Krebs. Angefangen im Darm, breitete er sich aus, nahm in Beschlag, was er kriegen konnte. Chemotherapie. Warten auf Besserung. Die nächste. Wieder warten. Und hoffen. Gewebe entzündete sich. Warten auf Besserung. Schmerzen. Trauer. Wut. Hoffnung. Tägliche Gänge ins Spital, Ambulanzen, Notrufe, Beruhigung, um gleich wieder zu überborden. Schmerzen. Unsägliche. Immer mehr. Schmerzmittel. Immer mehr. Bis sie nicht mehr nützten. Und Ernesto schien auf den Tod zu warten. Weil das Leben, das noch war, keines mehr war. Klara schwankte. Sie wollte ihn einerseits nicht gehen lassen, wusste andererseits, dass er nur noch litt und sie beide keine Kraft mehr hatten.

Und dann war alles aus. Ernesto starb. Nun war Ruhe. Nun war nichts mehr.

Warum tust du nicht – wieso hast du nur

Andere Menschen wissen immer alles besser. Vor allem, wenn es um die Angelegenheiten anderer geht. Sie sehen, was andere tun und finden, das müsste anders gehen. Und sie gehen hin und fragen: „Wieso machst du das nicht anders?“ Anders wäre viel besser, sie wüssten das, weil sie es immer anders machten und somit Erfahrung hätten. Und überhaupt, sie seien Experten. Selbsternannt.

Und man steht da und hinterfragt sich und denkt, der andere klänge gar überzeugend und man selber hätte dann und wann Zweifel ob des eigenen Tuns gehabt. Man fängt an, mit dem eigenen Tun zu hadern, für das man zwar Gründe hatte, die man aber nie abstützen konnte – sie waren einfach dem eigenen gesunden Menschenverstand, einigen Ängsten und dem Nach-bestem-Wissen-und-Gewissen geschuldet gewesen.

Und dann geht man hin und ändert sein Tun und es geht auch gut. Einmal. Zweimal. Das dritte Mal nicht. Und man hadert mit sich und denkt, man hätte nicht auf andere hören sollen. Und dann kommt einer und fragt: „Wieso hast du das bloss getan? Das hättest du doch wissen müssen?“ Und man hinterfragt sich noch mehr und gibt sich die Schuld.

Und da steht sie dann: Die Schuldfrage. Und sie bohrt sich tief und tiefer in die eigene Seele, man spiesst sich selber dran auf. Hätte man es besser wissen müssen? Können? Fakt ist: Man wusste es nicht besser. Hätte man es besser gewusst, hätte man anders gehandelt. Es liegt aber auf der Hand, wieso man es nicht besser wissen konnte: Man kennt das Drehbuch des Lebens nicht. Das Leben besteht nicht aus linearen Kausalketten, sondern aus einer Vielzahl von Variablen, die keiner wirklich durchschauen kann. Wir alle treffen Annahmen, welche die grösstmögliche Wahrscheinlichkeit betreffen, die wir uns vorstellen können. Und ignorieren dabei, dass wir damit gerade mal die Spitze des Eisbergs in die Rechnung miteinbezogen haben.

Trifft uns also eine Schuld, wenn wir etwas tun, von dem wir annehmen, es wäre das Beste, was wir in dem Moment tun können? Ich denke nicht. Wir können nur nach dem handeln, was wir als bestmögliche Weise zu Handeln erachten. In dem Moment erscheint uns das richtig und drum tun wir, was wir tun. Wenn es sich im Nachhinein als falsch herausstellt, dann nur drum, weil die Folge nicht die war, die wir uns gewünscht hätten – nicht weil das Tun per se falsch war. Kierkegaard schrieb in seinem Tagebuch:

 Es ist ganz wahr, was die Philosophie sagt, dass das Leben rückwärts verstanden werden muss. Aber darüber vergisst man den andern Satz, dass vorwärts gelebt werden muss.

Ich möchte hinzufügen, dass das, was wir im Rückblick zu verstehen glauben, unsere eigene Interpretation der Dinge ist. Wir bilden eine Kausalkette, die uns stimmig erscheint, die unser Verstand fassen kann:

 Weil ich A getan habe, ist B passiert.

Dabei ignorieren wir, dass ich, A und B nur drei von ganz vielen Variablen sind, die im Moment X, als etwas passierte, aktiv waren. Zeit und Ort sind die einen, andere Menschen andere, und es gäbe noch ganz viele mehr. Wir haben sie nicht beachtet, darum beziehen wir sie nicht in die Sinnfrage mit ein und beschränken uns auf die einfach fassbare Kausalität. Und haben damit den Schuldigen gefunden: Das ICH.

Wir werden mit dieser Schuldzuschreibung nicht rückgängig machen können, dass B passiert ist. Wir können damit nur unser eigenes Leid immer wieder erneuern. Dabei ist B nicht mehr der Grund des Grames, sondern die Schuld – die sinnlos (und in dem hier beschriebenen Fall auch falsch) ist.

Wenn wir das tun, von dem wir überzeugt sind, dass es gut ist, haben wir getan, was wir konnten. Was daraus resultiert, ist nicht unsere Schuld. Wenn wir dieses Schuldgefühl loslassen können, können wir anfangen, zu trauern, dass B passiert ist. Und diese Trauer wird irgendwann leichter werden. Ganz wichtig ist in dem Ganzen aber eines: Die anderen wissen es (vermeintlich) immer besser, nur tragen sie nie die Konsequenzen für ihre Ratschläge – die trägt man selber. Darum empfiehlt es sich, Tipps und Tricks anzuhören, für sich zu prüfen, und dann das zu tun, was man selber für das Beste erachtet. Mehr kann man nie tun im Leben.

Impfen: Ich war böse

Ich war böse. Ich habe auf Facebook über Impfungen geschrieben. Und mich als Befürworterin geoutet. Das sollte man – um des lieben Friedens Willen – unterlassen. Sonst steht man bald da (oder sitzt, wenige haben ja ein Stehpult) und wird die Geister nicht mehr los, die man rief.

So passiert. Es hagelte. Links, Videos und sonstiges Material aus zweifelhaften Quellen, das Stunden gefüllt hätte, es alles zu sichten. Und es wurde alles gebracht. Von bösen Profitgeiern über Verschwörungstheorien, welche die Übernahme der Weltmacht propagierten, bis hin – wobei, geht es noch schlimmer? Wohl schon, ich habe es nicht mehr angeschaut.

Ich bin durchaus nicht unkritisch. Impfschäden sind tragisch und hätte es mich und mein Kind getroffen, wäre es ein Drama. Nur: All die Schäden sind im Vergleich dazu, was vor diesen Impfungen war, ein Klacks. Nicht im Einzelfall (leider!!), sondern im grossen Ganzen. Darum ziehen all die herbeigezogenen Einzelfälle der Impfgegner nicht als Argumente gegen Impfung. Sie zeigen nur, dass die Welt leider nicht perfekt ist.

Masern konnten dank Impfung fast ausgerottet werden. Gerade jetzt kommt es in Deutschland wieder zum Aufleben der Krankheit – und ein kleines Kind ist daran gestorben. Das Schlachtfeld der Argumentationen ist eröffnet. Und ich sage es auch hier: Nicht zu impfen ist keine Lösung. Nicht bei Masern (und bei einigem mehr).

Impfgegner bringen immer wieder die Profitgier der Pharmariesen ins Spiel. Leider ist diese nicht zu verleugnen. Die Schweinegrippe ist ein Zeugnis dafür. Allerdings sollte man dadurch nie aus den Augen verlieren, worum es geht. Ja, Impfungen bergen Risiken. Und es gibt Impfschäden. Die sind zahlenmässig jedoch in keinem Verhältnis zur wirklichen Krankheit. Jedes einzelne Schicksal ist traurig. Aber man darf nie das grosse Ganze aus den Augen verlieren. Und ich gebe es gerne zu: Wäre mein Sohn von einem Impfschaden betroffen (ich erlebte nur wieder abklingende Komplikationen, die mich so schon sehr trafen), wäre das ein Drama. Wäre er aber das an Masern soeben gestorbene Kind, wäre das nicht besser.

Wir werden das Leben nie ganz sicher machen können, der Tod lauert immer irgendwo. Alles, was wir können, ist mit Wahrscheinlichkeiten spielen. Das ist nicht perfekt, aber mehr bleibt nicht. Sich von allen Impfungen freisagen kann der, welcher irgendwo auf einer einsamen Insel lebt. Da gefährdet er niemanden und wird auch selber nicht getroffen. Das Leben in einer Gesellschaft erfordert gewisse Massnahmen, um das Miteinander lebbar zu machen. Man gibt – auch hier wieder meine ewig gleiche Leier – gewisse Freiheiten auf, um andere zu gewinnen. Die Wahrscheinlichkeit, zu überleben, nicht an Masern zu erkranken und daran zu sterben, ist mit einer Impfung um einige Faktoren höher, als die, an Nebenwirkungen der Impfung zu leiden. Klar ist es für den Einzelnen, der für das Ganze leidet, nicht fair. Allerdings ist es der Preis des Miteinanders. Und jeder, der impft, könnte ihn bezahlen, er trägt das Risiko. Wer nicht impft, lässt die anderen für sich mittragen und setzt diese einem höheren Risiko aus. Fair ist das auch nicht.

Rezension: Thommie Bayer – Weisser Zug nach Süden

Das Leben neu erfinden

Zehn Wohnungen putzt sie, wäscht und bügelt, und für zwei alte Leute kauft sie ein, so kommt sie im Schnitt auf sechs Stunden am Tag und fünf Tage in der Woche, was kein Vermögen einbringt, aber ausreicht, um sich frei zu fühlen in dem provisorischen Leben, das für Leonie als einziges erträglich scheint. […] Chiara ist eingesprungen, solange Leonie weg ist, das Angebot, oder besser die Bitte, kam im richtigen Moment: Chiara musste weg von dort, wo sie lebte, und hier wird niemand nach ihr suchen.

Chiara muss zu Hause weg, sie kann unmöglich bleiben. Zum Glück kann sie bei ihrer Freundin Leonie unterkommen und deren Leben übernehmen, da Leonie nach New York geht, wo sie ein neues Leben beginnen will. Chiara wohnt also in Leonies Haus, erledigt deren Putzaufträge und fühlt sich in diesem neuen Leben immer mehr zu Hause. Am liebsten putzt sie bei Herrn Vorden.

Irgendwas ist in dieser Wohnung, das Chiara sich fühlen lässt, als richte sie sich innerlich auf, als atme sie tiefer ein und erfrische sie der Sauerstoff, strahle aus von innen bis unter die Haut, belebe Muskeln und Sehnen, lasse sie wach werden, als habe sie bisher gedöst.

Durch kleine Unachtsamkeiten Chiaras merkt Herr Vorden, dass Chiara nicht nur putzt, sondern sich ab und an der Illusion hingibt für ein paar Stunden, sein Haus sei ihres. Es entsteht ein Austausch, bei dem Chiara nie ganz sicher ist, ob Herr Vorden nicht sogar ihre Gedanken lesen kann. Herr Vorden ist Schriftsteller und seine Geschichten kommen Chiara vor, als ob die nur aus ihr heraus endstanden sein konnten.

Weisser Zug nach Süden ist die Geschichte des Neuanfangs. Zwei junge Frauen starten ein neues Leben, brechen ihre Zelte ab im alten. Thommie Bayer hat eine kleine, leise Geschichte über den Neuanfang geschrieben. In einer klaren, lesbaren Sprache nimmt diese ihren Lauf, ohne dass viel passiert. Trotzdem wohnt der Geschichte Poesie und Tiefgang inne. Der Leser fliesst durch Chiaras neues Leben, immer ein bisschen neugieriger, wieso sie dieses suchte. Es war eine Flucht – aber wovor? Und wie lange will sie fliehen? Kann man überhaupt aus dem eigenen Leben fliehen, immer neu anfangen, wenn man das will?

Das Geheimnis Chiaras dient als Spannungsbogen durch das Buch, man möchte es ergründen und liest weiter. Die eingeschobenen Kurzgeschichten von Herrn Vorden zeigen zwar Bezüge zu Chiara und erklären das eine oder andere aus ihr, legen auch seine geheimnisvolle Natur ein wenig offen, zumindest durch Chiaras Interpretationen derselben. Allerdings halten sie einen auf bei der Erforschung von Chiaras Geheimnis, was teilweise störend wirkt. Da das Buch aber schon mit ihnen sehr dünn ist, wäre es ohne diese kaum mehr ein Roman, nur noch selber eine Kurzgeschichte. So gesehen ist Weisser Zug nach Süden eine Erzählung, die sich um verschiedene Kurzgeschichten legt, diese verbindet, so dass aus allem ein grosses Ganzes wird.

Fazit:
Weisser Zug nach Süden ist eine stimmige, flüssig lesbare Erzählung über das Leben eines Mädchens zwischen Flucht und neuem Leben. Empfehlenswert.

Zum Autor
Thommie Bayer
Thommie Bayer, 1953 in Esslingen geboren, studierte Malerei und war Liedermacher, bevor er 1984 begann, Stories, Gedichte und Romane zu schreiben. Neben anderen erschienen von ihm Die gefährliche Frau, Singvogel, der für den Deutschen Buchpreis nominierte Roman Eine kurze Geschichte vom Glück und zuletzt Die kurzen und die langen Jahre.

Mehr zum Autor findet sich in diesem Interview: Thommie Bayer – Nachgefragt

Angaben zum Buch:
BayerWeisserGebundene Ausgabe: 144 Seiten
Verlag: Piper Verlag (16. Februar 2015)
ISBN-Nr.: 978-3492056106
Preis: EUR 16.99 / CHF 25.90
Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Ich

Manchmal wünsche ich mir…

…ich liebte jemanden so, dass meine Welt zusammenbräche, wäre er nicht mehr

…ich könnte mir ein Leben ohne den Einen nicht vorstellen

…der Eine wäre alles für mich, ich nichts ohne ihn

Dann sehe ich…

…die Welt wird immer weiterbestehen, egal, wer kommt oder geht

…es gibt ein vorstellbares Leben auch ohne den Einen

…ich bleibe ich, wer immer kommt oder geht

Und irgendwie ist das gut so!