Alles ist jetzt

Die Vergangenheit als Gefängnis der Seele

Stunden sind vergangen, Lichtjahre, noch ist Ingrid sehr weit weg.
Ich liebe dich, schreit es von irgendwoher. Ingrid stürzt und ist wach. Um sie herum ist es dunkel. Ingrid hat die Decke über den Kopf gezogen, liegt in einer Höhle aus Atem und Herzschlag. Sie liegt unter der Decke und horcht, Ingrid atmet.

Ingrid ist müde, eigentlich immer. Sie zieht sich in sich selber zurück, selbst wenn sie unter Menschen ist. Sie funktioniert in der Welt von heute, im Innern ist sie in ihrer Vergangenheit gefangen, die ihre Seele einschliesst, ihre Gedanken steuert. So gesehen ist alles jetzt, ihre Kindheit mit einer Mutter, die Alkoholikerin ist, ein Vater, der sie ebenfalls im Stich lässt und eine neue Familie gründet. Es kommen Drogen, hinzu, übertretene Grenzen durch andere. All das macht Ingrid müde. Sie kämpft nicht für das Heute, sondern sie lässt sich ganz von ihrer Vergangenheit einnehmen, die ihr jegliche Kraft zum Leben raubt.

Julia Wolf erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die von Leben mürbe gemacht wurde, die allen Lebensmut verloren zu haben scheint, sich durchs Jetzt kämpft, in Gedanken und Gefühlen aber immer wieder zurückgeworfen wird, am Abgrund steht. Die Geschichte kommt nicht nur mit einem Inhalt daher, die Form greift diesen Inhalt auf. Sätze, die ebenso atemlos sind wie die Protagonistin selber. Sätze, die syntaktisch aus wenig mehr als dem wirklich Notwendigen bestehen, teilweise sogar das weglassen. Eine Sprache, die sich ganz dem Inhalt beugt und diesen befördert.

Die Geschichte selber hat mich nicht erreicht, sie war mir zu psychodelisch, zu unverständlich. Ein Beispiel: Eine Frau, die ihren Vater trifft, Angst vor dem Treffen hat, da das letzte lange her ist und die Beziehung sowieso problembeladen. Das kann ich nachvollziehen. Dass diese Frau dann aber einen Strauss Nelken isst, während der Vater telefoniert, um sie diesem dann auf den Tisch zu kotzen, übersteigt mein Verständnis.

Ingrid öffnet langsam den Mund. Nelken quellen hervor, ein Schwall gelber Blüten ergiesst sich über den Tisch.

Das liegt vermutlich daran, dass mir ein Naturell, das so handeln würde, fremd ist, das Buch vermochte nicht, es mir näher zu bringen.

So bleibt zu sagen, dass das Buch eine sprachliche Meisterleistung ist, indem die Sprache die Geschichte im Tempo, in der Wortwahl, in der Bildhaftigkeit aufnimmt, sich dabei aber auf das quasi lebensnotwendige beschränkt. Mein Geschmack ist es trotzdem nicht, was aber nicht sagt, dass das Buch schlecht wäre. Jüngere Semester, die selber noch gefangen in ihrer Vergangenheit und noch nicht ganz erwachsen sind, oder Menschen, die sich mit solchen auseinandersetzen, können vielleicht durchaus etwas für sich finden in diesem Buch.

Fazit:
Sprachakrobatik: Die Sprache gibt den Inhalt wieder, giesst die Seelenstruktur der Protagonistin in eine Form.

 

Zum Autor
Julia Wolf
Julia Wolf wurde 1980 in Groß-Gerau geboren. Nach dem Studium der Amerikanistik und Germanistik lebt sie als freie Autorin in Berlin. Sie erhielt verschiedene Förderungen und Auszeichnungen. Julia Wolfs Theaterstück Der Du wurde am Düsseldorfer Schauspielhaus uraufgeführt und als Hörspiel für den WDR produziert. Alles ist jetzt ist ihr Romandebüt.

Angaben zum Buch:
WolfAllesistjetztTaschenbuch: 160 Seiten
Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt (Februar 2015)
ISBN-Nr.: 978-3627002114
Preis: EUR 19.90 / CHF 29.80

Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

3 Comments

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  1. Für mich klingt das recht interessant.
    Das mit dem „Strauss Nelken“ scheint ja ganz zu dem Zustand der Frau zu passen.

    Ich bin immer noch der Meinung, daß Vergangenheit nicht unwichtig ist und daß Aufarbeitung lohnt. Doch das ist meine Sicht.

    Gefällt 1 Person

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