War ich zu feige?

War ich zu feige?
Fehlte der Mut?
Musste es sein?
War alles gut?

Ich sitze hier
und denke,
was alles sein könnte.

Ich sitze hier
und frage
nach einem Grund.

War ich zu feige?
Fehlte der Mut?
Musste es sein?
War alles gut?

Ich sitze hier
und ich weine,
um blosse Tagträume.

Ich sitze hier
und trinke
Schluck für Schluck Wein.

War ich zu feige?
Fehlte der Mut?
Musste es sein?
War alles gut?

Ich sitze hier
und sinke
langsam ins Dunkel,
das mich sanft umhüllt.

Folge deinem Herzen und schiess die Vernunft in die Wüste?

Le coeur a ses raisons que la raison ne connaît point. (Blaise Pascal)

Ich bin oft sehr vernunftgesteuert und doch kommt ab und an die Lust zur Unvernunft. Dann brodelt das Herz über und ich möchte einfach ausbrechen aus der Vernunftwelt, möchte ausprobieren, was geht – und auch, was nicht geht. Ich möchte Grenzen testen und überschreiten. Und ab und an tu ich es. So ein bisschen. Zaghaft. Ab und an lass ich es auch. Dann denke ich, dass ich nur ein wenig mutiger sein müsste, Dinge wagen. Ich schelte mich als zu zaghaft und schaue auf verpasste Gelegenheiten zurück.

Bei all dem Gezeter übersehe ich wohl eines: Es gibt sicher ganz viele Dinge, die ich ganz unvernünftig gemacht habe, einfach, weil sie mir entsprachen. Nur, wenn ich sie getan habe, dann hinterfrag ich sie nachträglich selten und schaue auch nicht mehr so genau, wieso ich sie tat, ob es Herz oder Verstand war, die mich leiteten.

Vielleicht fällt es uns nur mehr auf, wenn wir eine Herzenssache aus Vernunftgründen nicht machen, weil die emotionale Enttäuschung über die verpasste Umsetzung schwerer wiegt, als es die vernünftige tut im umgekehrten Fall. Vielleicht entsteht so ein Bild der verpassten (Herzens-)Chancen. Wenn man nämlich genau aufs Leben schaut, ist wohl selten bei jemandem ALLES vernünftig. Man muss dabei auch nicht nur die grossen Dinge in die Waagschale legen, auch kleine Unvernünftigkeiten zählen und machen Spass. Sie brauchen vielleicht weniger Mut, aber doch das Ausschalten der Vernunft.

Es ist einfach, sich die Unvernunft zu wünschen oder die eingehaltene Vernunft zu betrauern, weil man eine Chance verloren sieht. Unvernunft ist heutzutage besser gestellt als Vernunft. Dieser hängt ein verstaubter Ruf an, sie gehört quasi zum alten Eisen, zu dem, was man besser ablegt, wenn man von heute sein möchte.

Schliesslich und endlich bleibt bei allem Wunsch um die Unvernunft im Leben zu beachten, dass alles im Leben Konsequenzen hat. Diese dauern meist über die einzelnen Handlungen hinaus an und können mitunter – im schlimmsten oder auch besten Fall – das ganze Leben prägen. Alles im Leben hat seinen Preis, auch Vernunft- und Herzentscheide. Die Frage, die sich wohl immer stellt, ist: Bin ich bereit, diesen zu zahlen? Kann ich ihn überhaupt zahlen? Dinge einfach zu tun, ohne nachher die Rechnung zahlen zu wollen oder zu können, ist nicht nur unvernünftig, sondern kann mitunter verheerende Folgen haben. Sicher für einen selber, oft auch für die Menschen um einen. Aber vielleicht ist das auch zu vernünftig gedacht?

Ein ungeschriebener Brief

Mein lieber Sohn

Heute vor 14 Jahren wäre ich fast gestorben. Einfach so verblutet. Hätte es keine Hilfe gegeben.

Ich war schwanger. Schon eine Weile. Es war kompliziert. (Mein Leben wohl generell, scheint mir ab und an.) Wöchentlich ein Notfall, du schienst verloren. Ich lag still, damit du es nicht seist. Über Monate. Um ja nichts zu gefährden. Immer wieder gab es Alarm. Immer wieder rannten wir zum Notfall. Aber es half nichts, schon früh hörte ich: „Wir werden ihm nicht helfen.“

So rein theoretisch hätte ich mir nie ein behindertes Kind vorstellen können, ich gebe es zu. Nicht dass ich etwas gegen Menschen mit Behinderung gehabt hätte, im Gegenteil, ich ertrug nur nicht, wie sie in unserer Gesellschaft behandelt werden – und ab und an fühlte ich mich mit meiner Sensibilität selber behindert. Du dem ausgesetzt? Es hätte mir das Herz gebrochen.

So gingen wir von Notfall zu Notfall, gemeinsam. Nach acht statt zehn Monaten war es zu Ende. Der Notfall war endgültig und nicht mehr abzuwenden. Der ganze Saal blutrot, ich fast verblutet, du dem Tode nah. Ich hatte so lange gekämpft. Du mit mir mit. War es das gewesen? Das durfte nicht.

Es war es nicht. Zum Glück.

Brutkasten, Wärmebett, dann nach Hause – auf eigene Verantwortung. Auch danach war alles immer auf meine eigene Verantwortung. Es gab nur dich und mich. Es kam gut, du wuchst heran. Heute hast du Geburtstag. 14 Jahre sind vergangen, es kommt mir vor wie gestern. Alles, was ich im Leben wollte, war, da zu sein für dich.

Ich wollte so viel sagen, es war so präsent. Es ist nun weg, irgendwo zwischen den Zeilen versickert. Vielleicht haben es die Tränen weggewischt, ich weiss es nicht. Was bleibst ist: Ich liebe dich.

In Liebe,

Mama

Ein Brief, der nie geschrieben wurde. Was vielleicht besser ist…mehr dazu gäbe es sonst: hier

Dankbarkeit

Es gibt so Tage, da zweifelt man. Zweifelt an sich, am Leben. Es liegt nahe, sich dann mit anderen zu vergleichen. Da die Tage grad eher schwierig sind, fallen diese Vergleiche selten positiv aus:

Ich bin nicht reich, es gibt viele, die mehr haben als ich. Ich bin nicht schön, es gibt viele, die schöner sind als ich. Ich bin nicht klug, wie viele sind klüger als ich, haben mehr erreicht. Ich bin nicht glücklich, weil so viele schöner, klüger, reicher und erfolgreicher sind als ich.

Und dann denkt man:

Ich möchte doch nur glücklich sein.

Das möchte wohl jeder Mensch. Und dann malt man sich aus, was es denn bräuchte, um glücklich zu sein. Und man findet ganz viel, das zum Glück beitragen könnte:

Wie glücklich wäre ich, hätte ich mehr, dann könnte ich mir mehr leisten. Wie glücklich wäre ich, hätte ich nur erst Erfolg, dann hätte ich auch mehr Geld und die Menschen fänden mich gut, ich wäre akzeptiert, vielleicht gar angesehen. Wie glücklich könnte ich sein, wäre ich klüger, wüsste ich all das, was ich nicht weiss, mich ab und an schäme dafür. Und wenn ich nur erst den perfekten Mann, ein paar Kilos weniger, schönere Haare hätte, wenn ich mir das teure Kleid, den Urlaub in Italien und die Ausbildung in den USA leisten könnte.

In all dem Streben nach Glück und der Mittel, die wir denken, dafür zu benötigen, übersehen wir oft, was wir alles schon haben. Wir übersehen, dass wir, während wir das denken, überhaupt frei denken dürfen, dass wir das, was wir schon wissen, in einer Schule gelernt haben und die Ausbildung für uns normal war. Wir übersehen, dass wir einen Computer zu Hause haben und Zugang zum Internet, wo wir noch mehr Wissen anzapfen können. Das Handy ist zur Norm und Fernsehen, Zeitungen, Essen, ein Dach über dem Kopf, Kleider, die zur Jahreszeit passen, selbstverständlich geworden. Wir können uns solche Gedanken, solche Sehnsüchte leisten, da die elementaren Bedürfnisse gedeckt sind. Wir vergessen bei all dem zusätzlich, dass es viele Menschen gibt, die uns genau so lieben, achten und schätzen, wie wir sind, egal, ob wir Erfolg haben oder nicht, reich, schön, klug oder sonst wie privilegiert sind.

Vielleicht könnten wir längst glücklich sein. Vielleicht wäre bereits alles da, was uns glücklich macht, wenn wir es nur sehen könnten und ein wenig dankbar dafür wären? Vielleicht wäre die Dankbarkeit für das, was ist, der Schlüssel zum Glück? Was hilft es, wenn das Glück immer eine Nasenlänge voraus ist, wir es aber im Hier und Jetzt nie greifen können? Was ist Glück, wenn es immer an irgendwelche Dinge geknüpft sein soll, die a) nicht in unserer Hand, b) sehr vergänglich und c) schlicht nicht vorhanden sind?

Das Leben ist selten perfekt und alles hat man nie. Gewisse Dinge haben ihre Zeit, andere brauchen einen bestimmten Raum und ganz viele passen einfach nicht in unser Leben, weil dieses an einem anderen Ort und mit anderen Parametern stattfindet. So lange wir unser Leben und uns selber nicht so annehmen, wie wir sind, nicht mit Dankbarkeit sehen, was alles schon gut ist, so lange werden wir dem Glück vergeblich nachrennen. Und während wir das tun, verpassen wir all das, was glücklich machen könnte, weil es schon da ist.

Ich bin nicht perfekt – oder: Wie eine Beziehung klappen müsste

Ich bin eher hart. Habe hohe Ansprüche. Innerlich sehr sensibel, lass ich das ungern raus. Dadurch wird die Härte wohl doppelt. Wenn sich dann noch die Ansprüche und Erwartungen dazugesellen – dann wird es schwer. Kann ich liefern, was ich fordere? Nicht dass ich ach so toll wäre, aber ich bin auch hart zu mir. Oft wohl schon. Der Preis ist da – und ab und an hoch. Zu hoch? Wohl schon. Tief drin meldet sich die Stimme, die sagt, es wäre nicht hart genug, denn: Es reicht noch nicht. Ist nicht perfekt.

Perfekt ist wohl keiner. Oft sehen wir das, was uns fehlt und erachten das als erstrebenswert. Weil es uns fehlt. Wir ignorieren, was wir haben und degradieren uns zu Mängelwesen. Wir hängen uns an den Mängeln auf. Klar mögen wir das innerlich auch mit anderen tun, nur: Wir würden es ihnen nie so unbarmherzig ins Gesicht schmettern, wie wir es mit uns selber tun.

Von „Das hat nicht gereicht“ über „Das war miserabel“ bis hin zu „Du hast schon wieder einfach nur versagt“ ist alles mit dabei. Und: Wir glauben es uns. Wir sehen hin, sehen die Abwertungen, sehen das zugrundeliegende Verhalten und können nur noch mit dem Kopf nicken.

Natürlich mag es sein, dass wir mal keine Meisterleistung vollbrachten, aber: Wir sind mehr als nur diese eine Tat. Und ja, vielleicht sind wir in einem Bereich nicht gut. Das kann es geben. Statt uns zu verurteilen wäre es doch besser, hinzusehen, was wir können.

Wir sind nie perfekt, wir werden es nie sein. Traurig ist, wenn man dem, was man nicht kann, mehr Gewicht beimisst als dem, was man kann. Es gibt keinen Grund dafür. Und oft ist dieses Verhalten Ursache für viele weitere Probleme – auch Beziehungsprobleme.

Der eine ist kreativ, der andere pragmatisch, der eine kann rechnen, der andere schreiben, einer kann sich anpassen, der andere aufbegehren. Sobald man nicht mehr allein ist, kann man sich ergänzen. Dann sollte nicht mehr gefragt sein, dass einer alles kann, dann sollte zählen, was jeder beitragen kann zum Ganzen. Wichtig ist wohl, genug Gemeinsamkeiten zu haben, dass es geht, dabei aber die Schwächen des anderen mittragen – und ausgleichen – zu können. Liebesschwüre allein tun es nicht, es geht um Entscheidungen, Entschlüsse.

So müsste es eigentlich gehen, oder?

„Stop“ – oder: Unverbindlichkeit als Konzept

Migros eröffnet das Konzept der Zukunft. „Welle 7“ heisst es, ist beim Bahnhof Bern. Am Morgen kann man – wann immer man will – ein Fitnessprogamm wählen – woher auch immer. Man muss aber nicht, man ist nicht verpflichtet. Man entscheidet so aus Lust und Laune.

Danach kann man einen „Workingspace“ mieten. Wenn man ihn grad braucht. Wenn nicht, kann man es auch lassen. Auch hier: Freiheit pur. Alles ist frisch aufgebaut, mit markigen Wörtern, unverbindlichen Angeboten. Das zieht heute. Wir leben in einer Gesellschaft, in der man sich nicht mehr verpflichten will. Schliesslich steigen auch die Scheidungsraten. Und wenn schon nicht hält, was man auf ewig schwört, wie will man noch in andern Bereichen hinstehen und bleiben?

Wir leben in einer Gesellschaft, in der man einfach mal nimmt, was man kriegt. Und dann sagt: Aber so ganz weiss ich das eigentlich noch nicht. Darf ich mal probieren? Und oft trifft man auf solche, die Leute brauchen, die kommen. Und sie hoffen, dass die dann bleiben. Und straucheln, weil die nur mal schauen wollen. Um eventuell zu bleiben. Es ist nicht so klar. Man weiss es nicht. Aber man kann es ja. Man ist schliesslich Kunde. Egal, was das für einer ist, der das Angebot gibt. Es ist ein Angebot. Man muss es nicht nehmen.

Die Angebote spriessen. Immer mehr. Weil viele nicht mehr wissen, wie überleben, ohne ein Angebot zu liefern. Und die andern sind froh: Sie haben die Wahl. Und sie nutzen sie. Unbarmherzig. Denn: Sie können es. IN ihrem Bereich sind sie dann wieder die, die warten. Weil andere auch nutzen. Weil sie es können. Und so geht der Kreislauf weiter und malmt Menschenseelen nieder. Jeder, der kann, drückt einen anderen nieder. Schliesslich wird er ja auch niedergedrückt. Von anderen, die können. Das geht so endlos weiter. Bis einer „Stop“ sagt. Und dann hadert. Was, wenn er untergeht, weil andere drüber laufen?

Was aber, wenn keiner „stop“ sagt?

Farben

Ich denke mir
das Leben bunt,
ertrinke doch
im Grau.

Ich töte Herz,
vernicht’ Verstand,
schliesse Ohren,
mache zu.

Es dröhnen Stimmen,
Dunkles drückt,
immer enger
wird die Welt.

Da wär so viel,
es muss so sein,
allein es dringt nicht
zu mir durch.

Die Decke kommt
bedenklich nah,
von unten drückt
der Boden.

Ich bin dazwischen,
wie bei Stühlen,
fall durch Maschen,
unter Grund.

Keine Netze,
doppelt Boden,
fangen mich
noch auf.

Ich liege da
die Augen zu,
und halt mich
an den Farben.

Der Käfig

Sie sass hinter Gittern,
und sah all die Stäbe,
dahinter nichts wäre,
wie einst in Paris.

Sie suchte die Lücken,
und sah doch nur Stäbe,
der Blick wurde trübe
und sie ach so müd’.

Sie suchte den Ausweg,
flog hoch und fiel nieder,
die Flügel, sie brachen,
das Herz gleich damit.

So lag sie darnieder,
mit Dreck im Gefieder,
die Augen ganz schwer,
sie hoffte kaum mehr.

Nur ab und an drang noch,
ein Sonnenstrahl nieder,
fiel zwischen die Stäbe,
und brachte ihr Ruh’.

Sehnsucht nach dem Sommerloch

Früher war alles besser. Da gab es noch ein Sommerloch. Alle waren in den Ferien, nichts passierte. Man nannte es auch Saure-Gurken-Zeit. Ich liebe saure Gurken eh, aber die Zeit noch mehr, denn: Es passiert nichts. Sicher nichts Schlimmes. Und nur darüber wird ja berichtet.

Wenn ich heute die Zeitung aufschlage – ok, das ist nicht korrekt, ich mache den Computer an – wobei, auch das ist nicht korrekt, denn ich gehöre zu den Unverbesserlichen, die diesen nie ausschalten, sondern nur morgens den Standby-Modus verlassen – aber das ist eine andere Geschichte für eine andere Gelegenheit. Fakt ist: Jeden Morgen kommt eine neue Horrormeldung.

Ich bin es langsam leid und ich will es nicht mehr hören. Es tut mir nicht gut und es ist nicht die Welt, in der ich leben will. Ich kann es nicht ändern.

Nun gibt es wohlmeinende Mitmenschen, die mir erklären wollen (von Statistiken unterlegt), dass mir im Haushalt viel mehr passieren kann . Statistisch gesehen ist die Gefahr eines Terroranschlags im Vergleich dazu verschwindend gering. Das mag sogar so sein. Nur sind im Verhältnis zur Weltbevölkerung auch viel mehr Menschen mit Haushalt beschäftigt, als sie an ein einzelnes Konzert gehen. Ich frage nun nicht, ob das berücksichtigt ist, das würde wohl überfordern, denn solche Theorien sind selten selber überprüft, sondern meist nur irgendwo unbedarft abgeschrieben.

Ich bin abgeschweift. Wo bitte ist das Sommer-Loch? Ich hätte das gerne zurück. Würde dazu ein leichtes Sommerweinchen trinken, den Abend geniessen, ein paar Mücken töten und mit dem guten Gefühl ins Bett gehen: Es ist alles wie gewohnt.

Vielleicht bin ich alt. Vielleicht habe ich zu viele Liebesschnulzen geschaut. Aber ja: Ab und an überkommt mich diese verdammte Sehnsucht nach ein wenig Ruhe und Normalität. Nach Alltag. Nach einem Tag, an dem einfach mal nichts passiert. Das wäre schön!

Man stelle sich das vor: Die Tageszeitung mit den vielen Bildern und den grossen Schlagzeilen schriebe:

Es war ein schöner Tag – nichts sonst.

Terror, Angst und Leben

Paris, Brüssel, Nizza, München. Die Liste der nächsten Orte, an denen Gräueltaten geschahen. War es der IS, waren es einzelne Irre? Wer ist schuld und was hilft die Schuldfrage überhaupt? Experten zu diesen Fragen gibt es so viele wie Computerbenützer in sozialen Medien. Und alle klagen einen an. Merkel, Muslime, Religionen, Gott, Gutmenschen. Irgendwer war’s immer. Und wäre jeder von den Schimpfenden an der Macht, hätte er die Welt im Griff. Leider ist er es nicht, drum schimpft er nur hinterm Bildschirm vor.

Unabhängig davon bleibt: Wie leben wir weiter angesichts solcher Vorkommnisse? Ich sollte genau eine Woche nach dem Amok-Lauf von München an ein Konzert – ebenda, wo dieser stattfand. Geh ich einfach hin und denke: Zweimal trifft es eh nicht denselben Ort und denen geb ich schon gar keine Macht über mich? Der Täter war – unsere Medien kriegen sich nicht ein, es plakativ zu schreiben – ein Bubi, ein gemobbtes Büblein. Schaute man genau hin, wären die Mobber die Täter, der Täter das Opfer und die Opfer die Opfersopfer. Aber ein Täter kann kein Opfer sein und die Welt wird zu kompliziert, knüpft man Kausalketten länger als nur ein Glied. Fakt ist: Der IS jubiliert und sagt, das Tor zur Hölle sei eröffnet. Was also folgt?

Geh ich tanzen, feiern, festen? Geböte es die Pietät, es zu unterlassen? Müsste ich aus Angst zu Hause bleiben oder gerade allem trotzen und gehen? Wer ist schuld und wo stehe ich? Was glaub ich noch und woran kann ich mich halten?

Das Konzert war lange geplant mit einer lieben (meiner liebsten) Freundin. Die Angst im Nacken: Wenn ich nun kneif, ist sie mir böse. Statistisch rational gibt es keinen Grund zum Kneifen, wir wissen: „Zweimal am gleichen Ort….“ und eine andere Statistik sagte, dass man eher am Essen erstickt, als an Terroranschlägen stirbt. Nur: Wie sagt mein Sohn so schön: Das hilft dir nix, wenn du das eine Prozent bist, wenn 99% überleben.

Ich weiss noch nicht, ob ich gehe. Aber: Ich bin dankbar für diese Freundin, die mein Zögern und Zaudern ernst nimmt und mir die Freundschaft nicht kündigt. Und: Ich bin dankbar für den Sohn, der – obwohl Mütter in der Pubertät extrem uncool sind – mit mir diskutierte über Freundschaft, Statistik und Überlebenschancen. Ich höre da für mich ein bisschen raus, dass er mich noch behalten möchte.

Die Welt ist aus den Fugen. Und wir sind erst am Anfang. Wir können das grosse Ganze oft nicht steuern, wir müssen einen Weg finden, in unserer kleinen eigenen Welt damit umzugehen. Für mich ist es wundervoll, dankbar sein zu können für das, was ich habe in dieser Welt. Darauf baue ich.

Glück: Begeisterung statt Erfolg

Zu allen Zeiten wurde es als höchstes Gut, als erstrebenswertes Ziel genannt: Das Glück. Schon Aristoteles propagierte es in seiner Nikomachischen Ethik, die heutige Ratgeberliteratur bestätigt es weiter. Wenn man das weiss, würde man denken, dass wir Menschen alles dafür tun, das Glück zu finden und es in unser Leben zu integrieren.

Was genau ist Glück? Es ist ein Gefühl. Es stellt sich ein, wenn wir ganz in einer Sache aufgehen, wir diese um ihrer selbst willen machen, uns dabei vergessen. Ein Kind, das auf einer Schaukel sitzt, schwingt, den Wind in den Haaren spürt, ist glücklich. Auch ein Kind, das am Teich die Enten füttert, ist glücklich. Ein Mensch, der sich für etwas begeistern kann und darin aufgeht, ist glücklich. Diese Begeisterung am eigenen Tun löst das Glück aus, indem das Hirn die entsprechenden Hormone ausschütten. Wir versuchen das Hirn im Alltag zu überlisten, indem wir mit Ausgleichshandlungen wie Schuhe kaufen oder Alkohol trinken ähnliche Ausschüttungen herbeiführen. Die halten zwar kurz an, sind dann aber weg – ohne weitere Wirkung auf uns. Wirkliches Glück bleibt im Hirn als Erfahrung gespeichert, so dass nächste Erfahrungen immer auf älteren aufbauen, sich zusammenschliessen, unser Leben und uns selber beeinflussen.

Eigentlich einfach? Die Frage ist, wieso wir alles dazu tun, uns genau das auszutreiben. Wir fangen schon bei kleinen Kindern an, indem wir ihnen sagen, wie sie zu sein hätten. Schon früh müssen sie Leistung zeigen, denn wer keine Leistung zeigt, aus dem wird nichts. Wir lehren sie, dass sie Erfolg im Leben haben müssen und Erfolg ist dadurch definiert, über andere zu siegen. Zuoberst zu stehen. Dafür müssen sie als Kleinkinder Sprachen lernen, weil man es ja dann so einfach lernt, später nicht mehr (man weiss aus der Hirnforschung, dass das nicht zwangsläufig richtig ist), müssen gute Noten bringen und alles dafür einsetzen. Dinge, die sie begeistern, müssen hintenanstehen, denn wir haben Prioritäten und die gilt es, zu erfüllen.

Das zieht sich ins Erwachsenenalter hinein. Wir kämpfen gegeneinander, stehen im Wettbewerb, wollen besser sein, höher hinaus, wir wollen Erfolg haben. Ein Miteinander geht so schwer, denn jeder trachtet danach, die anderen zu überrunden. Das Miteinander ist höchstens noch Mittel zum Zweck, nicht das, was man anstrebt.

Wenn wir schauen, was die Grundbedürfnisse eines Menschen sind, die er im Leben erfüllt haben möchte, kristallisieren sich zwei heraus: Verbundenheit und Freiheit. Er will einerseits dazugehören zu einer Gruppe, will akzeptier sein, mit all seinen Fähigkeiten, Schwächen und Stärken angenommen. Er will gleichzeitig frei sein, sich zu entwickeln, zu wachsen, seinen Teil beizutragen. Das geht nur, wenn man in der Gruppe, in der Gemeinschaft darauf setzt – nicht auf Erfolg um jeden Preis. Denn: Meist ist der Preis dafür die Ausmerzung der Begeisterung – und damit töten wir das Glück ab.

Wieso also nicht wieder mal hinsehen, wofür wir uns begeistern? Wieso nicht einfach sich mal Zeit nehmen, etwas zu tun, weil es Spass macht, gut tut, Begeisterung auslöst? Und dann das Glück spüren. Und wenn wir so Glücksmomente sammeln, Glücksgefühle ins Leben bringen, dann wird das Leben bunter, das Wohlgefühl steigt – seelisch und körperlich.