Terror, Angst und Leben

Paris, Brüssel, Nizza, München. Die Liste der nächsten Orte, an denen Gräueltaten geschahen. War es der IS, waren es einzelne Irre? Wer ist schuld und was hilft die Schuldfrage überhaupt? Experten zu diesen Fragen gibt es so viele wie Computerbenützer in sozialen Medien. Und alle klagen einen an. Merkel, Muslime, Religionen, Gott, Gutmenschen. Irgendwer war’s immer. Und wäre jeder von den Schimpfenden an der Macht, hätte er die Welt im Griff. Leider ist er es nicht, drum schimpft er nur hinterm Bildschirm vor.

Unabhängig davon bleibt: Wie leben wir weiter angesichts solcher Vorkommnisse? Ich sollte genau eine Woche nach dem Amok-Lauf von München an ein Konzert – ebenda, wo dieser stattfand. Geh ich einfach hin und denke: Zweimal trifft es eh nicht denselben Ort und denen geb ich schon gar keine Macht über mich? Der Täter war – unsere Medien kriegen sich nicht ein, es plakativ zu schreiben – ein Bubi, ein gemobbtes Büblein. Schaute man genau hin, wären die Mobber die Täter, der Täter das Opfer und die Opfer die Opfersopfer. Aber ein Täter kann kein Opfer sein und die Welt wird zu kompliziert, knüpft man Kausalketten länger als nur ein Glied. Fakt ist: Der IS jubiliert und sagt, das Tor zur Hölle sei eröffnet. Was also folgt?

Geh ich tanzen, feiern, festen? Geböte es die Pietät, es zu unterlassen? Müsste ich aus Angst zu Hause bleiben oder gerade allem trotzen und gehen? Wer ist schuld und wo stehe ich? Was glaub ich noch und woran kann ich mich halten?

Das Konzert war lange geplant mit einer lieben (meiner liebsten) Freundin. Die Angst im Nacken: Wenn ich nun kneif, ist sie mir böse. Statistisch rational gibt es keinen Grund zum Kneifen, wir wissen: „Zweimal am gleichen Ort….“ und eine andere Statistik sagte, dass man eher am Essen erstickt, als an Terroranschlägen stirbt. Nur: Wie sagt mein Sohn so schön: Das hilft dir nix, wenn du das eine Prozent bist, wenn 99% überleben.

Ich weiss noch nicht, ob ich gehe. Aber: Ich bin dankbar für diese Freundin, die mein Zögern und Zaudern ernst nimmt und mir die Freundschaft nicht kündigt. Und: Ich bin dankbar für den Sohn, der – obwohl Mütter in der Pubertät extrem uncool sind – mit mir diskutierte über Freundschaft, Statistik und Überlebenschancen. Ich höre da für mich ein bisschen raus, dass er mich noch behalten möchte.

Die Welt ist aus den Fugen. Und wir sind erst am Anfang. Wir können das grosse Ganze oft nicht steuern, wir müssen einen Weg finden, in unserer kleinen eigenen Welt damit umzugehen. Für mich ist es wundervoll, dankbar sein zu können für das, was ich habe in dieser Welt. Darauf baue ich.

7 Comments

Schreibe einen Kommentar

  1. Ich habe vor nicht langer Zeit junge Israelis im Interview gesehen, die gefragt wurden wie sie mit dem alltäglichen Terror umgehen. Die einhellige Meinung war, einfach weiter machen, nach dem man über Nachrichtenaustausch festgestellt hat, dass niemanden aus dem eigenen Umfeld betroffen ist. Was bringt uns schon die Angst vor dem Unbekannten? Nichts, denn sonst würden wir noch auf Bäumen hocken.

    Gefällt mir

  2. Ich bin überzeugt, daß, wenn man Teil einer Versammlung/Festivals ist und dort ein Terrorakt stattfindet, man massiv betroffen sein wird. Da nützt es nichts, wenn man körperlich dann doch nicht geschädigt wurde.

    Gefällt 2 Personen

        • Freiheit heisst, dass ich frei (!) entscheiden kann und darf, was ich möchte und was nicht. Wenn sich etwas für mich nicht gut anfühlt, darf ich mich dagegen entscheiden – das ist dann eine freie Entscheidung. Müsste ich es machen, nur um irgendwem was zu beweisen, wäre es keine freie Entscheidung mehr, sondern eine, die durch Druck von aussen zustande kam.

          Ich fühlte mich in grossen Menschenmengen noch nie wohl. Dass ich mich nun noch ein wenig unwohler fühle, mag sein. Ich sehe aber nicht meine Freiheit begrenzt, denn noch immer steht es mir frei, in die Menge zu gehen oder nicht.

          Gefällt 1 Person

          • Man muß nicht müssen! Ein gelegentlicher Rückzug schadet nicht, es sei denn es würde ein Zwang daraus. Zwanghaft immer auszuweichen oder zwanghaft jedes Mal lange abzuwägen und nie aus dem Bauch zu entscheiden, das wäre natürlich ein Unding.

            Gefällt 1 Person

          • So habe ich es nicht gemeint Sunny. Natürlich kannst du jederzeit entscheiden ob du da hinwillst oder nicht und mir oder jemand anderen musst du auch nichts beweisen. Ich gehe aus denselben Gründen wie du auf keine Veranstaltungen mit Menschenmassen, aber wäre die Franfurter Buchmesse bedroht würde ich trotzdem gehen, weil ich es will und natürlich keine kleinen Kinder mehr habe.

            Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s