Sozialstaat und Wohlfahrt, soziale Gerechtigkeit, Umverteilung – Schlagworte der Zeit.  Vor allem, wenn die Zeiten schlechter werden, die Schere zwischen arm und reich sich weitet, hört man immer lautere Stimmen, die diese Werte und Ziele ausrufen. Als Argument dafür fällt bald einmal Solidarität. Aus Gründen der Solidarität müsse der Mensch für soziale Verhältnisse schauen, müsse auch den schlecht Gestellten ein Überleben, ein Leben sichern. 

 

Gehen Gerechtigkeit und Solidarität Hand in Hand? Sind es Gründe der Solidarität, die den Wunsch nach Gerechtigkeit laut werden lassen? Schaut man auf John Rawls‘ Theorie der Gerechtigkeit, kommen einem da Zweifel. Spätestens der Schleier des Nichtwissens zeichnet ein Bild von Vertrag schliessenden Egoisten, nicht von solidarischen Gemeinschaftswesen. Wieso braucht es den Schleier? Meist heisst es, aus Gründen der Unparteilichkeit. Weil man dann nicht wisse, wo im System man stehe und drum objektiv entscheide. Bräuchte man diesen Schleier, wäre man ein solidarisch denkender und handelnder Mensch? Würde man dann nicht im Wissen, wo man steht dafür schauen, dass es allen gut ginge? Den Schleier des Nichtwissens braucht es erst dann, wenn man nicht wissen darf, wo man steht, damit man aus Angst, man könne der schlechtest Gestellte sein, diesem möglichst viel Sicherheit für ein menschenwürdiges Leben gibt. Also ist nicht die Solidarität mit anderen der Grund für die so beschlossenen Gerechtigkeitsprinzipien, sondern der blosse Selbstschutz – Egoismus. 

 

Nun ist das nicht per se schlecht und jeder ist sich selber schliesslich der Nächste. Nur fragt sich dann, wo Solidarität überhaupt noch herrscht, ob es sie gibt oder ob sie nur ein Kunstprodukt moralisierender Utopisten ist. 

 

Ist Solidarität wirklich eine dem Menschen inhärente Eigenschaft oder aber ist sie ein Kunstbegriff zur moralischen Untermauerung von (sozial-)politischen Zielen? Kann Solidarität von Gesetzes wegen gefordert werden oder aber geschieht sie immer freiwillig, aus privaten, persönlichen Ein- und Ansichten? Was genau ist also Solidarität? Gibt es sie und wenn ja, wann greift sie? Kann man innerhalb von Gesellschaften und vor allem Staaten darauf zählen oder wird sie da nur instrumentalisiert, um staatliche Zwangsmassnahmen zu legitimieren und ihnen einen (breiteren) ethischen Boden zu geben?

 

Schlussendlich ist es doch so: Der Mensch ist ein Egoist. Soll er kooperieren, tut er das nur, wo er eigenen Profit, eigene Vorteile sieht. Wenn dies zum Wohl aller dient, schlägt er damit zwei Fliegen mit einer Klappe und somit kann ein System von Egoisten durchaus ein gerechtes System sein. Egoismus ist dabei keine negative, sondern einfach eine natürliche Eigenschaft im Dienste des eigenen Überlebens. Wenn etwas mehr bleibt, reicht es gar zum Leben, mit noch einem Mehr zum guten Leben. Wo diese Grenzen gezogen werden müssen, ist schwammig. Mit Solidarität hat das alles noch wenig zu tun. Die findet meist im Privaten und auf emotionaler Basis, nicht auf rationaler staatlicher – schon gar nicht erzwungen – statt. 

 

Deckt sich das mit der Studie, die jüngst erforschte, dass Menschen aus dem ersten Impuls heraus altruistisch handeln, mit etwas Nachdenken aber auf die eigenen Interessen fokussiert agieren. Oder ist das ein Widerspruch zur vorher ausgeführten natürlichen Egoismushaltung? Der Verstand gilt als die den Menschen zum Menschen machende Grösse. Insofern scheint er eine natürliche Anlage im Menschen zu sein. Aus der neusten Hirnforschung wird uns sogar berichtet, dass alles nur Gehirn, damit reine Biologie, sprich Natur sei. Es ist allerdings einzuräumen, dass er durch kulturelle und andere Einflüsse geprägt, geformt werden kann. Insofern ist die Diskussion über Solidarität, das Hochhalten solcher Werte, durchaus sinnvoll, da es die Natur des Menschen mitprägt. Am Grundimpuls, das eigen Überleben als allererstes zu sichern, wird es aber nichts ändern. Es liefert nur eine Argumentationsgrundlage für gewisse Ziele, die schlussendlich allen Menschen zu Gute kommen sollen. 

Heute hatte ich meinen Papa am Telefon. Er wagt wieder erste Schritte, es gehe aufwärts, meinte er. Eigentlich eine tolle Botschaft, eine, die so sehnlich erwartet war. Er klingt müde, schwach. Aber er klingt. 

Und ich merke, wie sehr er mir fehlt. Der Mann, der so stark war, voller Energie. Der Mann, zu dem ich gehen konnte, wenn was war. Grad jetzt würde ich ihn brauchen. Aber ich kann nichts sagen. Er soll gesund werden. Ich möchte für ihn da sein. Er soll sich nicht sorgen. 

Und irgendwie sind alle beschäftigt mit sich. Und überall bin ich da und rate, stütze, helfe. Und überall denke ich, dass Meines keinen Platz hat, denn überall ist es schon voll. Das Gefühl der Einsamkeit macht sich breit. Ich, die ich so gerne alleine bin, fühle mich grad erschlagen von dem Nichts, das um mich ist. Könnte toben, wüten, alles kurz und klein schlagen und einfach weinen. Und niemand ist da, der mich auffängt. Ich möchte wieder klein sein, nur für einen Moment, bis die Beine nicht mehr schwanken. Aber ich bleibe gross. Und an mir klebt all die Last der Verantwortung, die ich so ernst nehme.

„Du bist so stark“ – wie oft hörte ich das. Blieb mir je eine Wahl? Ich wurde gegen Wände geknallt, verbal zu Kleinholz geschlagen, mir wurden Gerechtigkeit und Fairness versagt. Ich war meist allein mit allem und suchte mir meinen Weg. Fand ihn immer, aber einfach war das nicht. Das kümmerte niemanden. Entweder kämpfte ich gegen Vorurteile, Dinge nicht hinkriegen zu können, oder aber ich war mit dem Stempel der ach so Starken versehen, da war Jammern eh nicht angebracht. 

Das macht einsam. Verdammt einsam. Ich suchte nach Halt, nach Geborgenheit – und war immer wieder neu am Kämpfen. Und vermutlich sollte man solche Blogs nicht schreiben. Und ich werde mich ohrfeigen dafür. Doch wie viele Menschen sitzen da draussen und niemand schaut hin? Niemand kümmert es, wie es ihnen wirklich geht, da sie ihr Bild schon gemacht haben? Wie viele trauen sich nicht, zu sagen, was ist, weil das neue Unwort vom „Opfer-Abo“ kursiert. Und wer will schon Opfer sein? Damit hat man gleich doppelt die Arschkarte gezogen.

Ups, pardon, ein Unwort. Das sagt man nicht. Man drückt sich gewählt aus. Das kann ich auch, keine Frage. So gewählt, dass keiner mehr versteht, was gemeint ist. Das macht man heute so. Blosser Schein, wohin man schaut. 

Glaubt man vielen führenden politischen Philosophen, so ist die Legitimation des Staates auf einem Vertrag gleicher Menschen begründet. Die Vertragspartner zeichnen sich aus durch gleiche Fähigkeiten, gleiche Ansprüche, gleiche Macht. Mit diesem Fundament zeichnen sie sich als rationale Menschen aus und damit fähig, einer gerechten Basis eines Staates zuzustimmen, dessen Bürger sie danach sind. Einige hilfreiche Tricks bringen noch moralische Einlagen wie Unparteilichkeit und ab und an sogar Fürsorge mit ins Spiel, das reicht, so sind sie sich einig, um eine umfassende Gerechtigkeitstheorie aufzustellen. Sie merken zwar an, dass gewisse Fälle aussen vor bleiben, so zum Beispiel Menschen mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen, welche durch mangelnde soziale Einrichtungen in ihrem Leben behindert werden. Eine Lösung für dieses Problem bleiben sie schuldig. (Es geht nicht drum, den Wert der Theorien der  hier gemeinten Philosophen in Frage zu stellen. Sie haben das Nachdenken über Gerechtigkeit, das Hochhalten dieses Werts und die Legitimation von staatlichen Institutionen in den letzten Jahren angeregt und geprägt. Sie haben gute Anstösse gebracht und hervorragende Gedankengänge einer Öffentlichkeit präsentiert, um diese mitzuprägen.)

Dass man für diese Probleme aber eine Lösung finden muss, steht fest. In der Vertragstheorie sieht man für sie (zumindest bei Rawls) nachträgliche Leistungen vor, die das Leben der Betroffenen lebenswerter machen sollen. Das ist ein netter Versuch. Die Bürger und Mitbestimmenden des Staates gehen also dahin und bestimmen, wie sie das Leben der auf sie Angewiesenen besser gestalten können. Dies natürlich nur, wenn die Kosten nicht zu hoch und der Nutzen dem Aufwand angemessen ist. Vielfach bleibt es bei einem halbpatzigen Versuch, doch selbst wenn er ganz erfolgte, bliebe ein schales Gefühl.

In diesem nachträglichen Eingreifen liegt eine Degradierung der Menschen mit einer Beeinträchtigung. Sie sind dadurch de facto vom Bürgerstand ausgeschlossen und zu Anhängseln der Gesellschaft degradiert, welchen man zwar hilft, die aber nicht wirklich Teil dieser Gesellschaft sind. Alle Worte von Integration und dergleichen sind so blosse Worte. Ausgeführt werden Taten, die eine andere Sprache sprechen: Ich bin ein Bürger, ich habe das Sagen. Ich kümmere mich um dich, weil du es brauchst. Das ist zwar ein netter Zug, doch nimmt es dem dieser Fürsorge Anhängigen die Möglichkeit, sich selber in seiner Möglichkeit zu kümmern. Es nimmt ihm die Stimme und es nimmt ihm das aktive Selbstbestimmungsrecht. Er hat dann nur noch das Recht, dass ihm geholfen werden sollte, nicht aber ein Recht, dazu beizutragen, selber eine Stimme zu haben. Er ist in die Passivität verdammt.

Nun kann man anfügen, dass es Formen von geistiger Beeinträchtigung gibt, die eigenes (rationales) Handeln ausschliessen. Das mag sein. Doch ist das davon betroffene Wesen kein Mensch mehr? Ihm wird oft grössere Nähe zu Tieren zugesprochen denn zu Menschen. Nun kann man sagen, dass das allein kein Drama wäre, da der Mensch selber nur eine Tierart mit bestimmten Fähigkeiten ist. Da wir aber dazu neigen, Tiere zu unterdrücken, fallen die Menschen mit Beeinträchtigung auch in diese Kategorie. Es entsteht eine klare Machtstruktur mit einem Oben und Unten, einem Herrscher und einem Beherrschten.

Das Argument, dass Menschen mit einer geistigen Beeinträchtigung nicht in der Lage sind, mitzuentscheiden und darum aussen vor gelassen werden müssen, liegt weit vorne. Schweden zeigt, dass  es anders möglich wäre. (Auch andere Länder haben sich solchen Lösungsansätzen angeschlossen.) In Schweden gibt es eine Mentorschaft. Der Mentor vertritt die Bedürfnisse und Interessen des Behinderten. Damit wird dieser nicht übergangen, sondern erhält eine Stimme. Sollte er dazu gar nicht in der Lage sein, erhält er einen Vertreter, der seine Stimme wahrnimmt. Natürlich kann dieses System ausgenutzt werden durch böswillige Verwalter, Beispiele für bösartige Vormunde sind gerade in der jüngsten Aufarbeitung der Schweizer Verdingkindergeschichte ans Tageslicht gekommen. Man sollte aber ein System nicht von vornherein verurteilen, nur weil es ausgenutzt werden könnte. Die Gefahr besteht immer, wichtig ist, sie zu kennen und Mittel und Wege zu finden, dem entgegen zu wirken, um eine eigentlich gute Idee zu fördern.

Unterm Strich bleibt: Der Mensch hat Rechte. Diese stehen im zu aufgrund seines Menschseins. Das Menschsein hört nicht auf, wenn der Mensch krank oder beeinträchtigt ist. Krank und beeinträchtigt kann er auf verschiedenen Ebenen und in verschiedenem Ausmass sein. Geistig, körperlich, von Geburt an, durch Unfall oder einfach auch durchs Alter. Wann hat der Mensch eine Stimme? Wann ist er voll zählendes Mitglied der Gesellschaft? Ist ein Mensch mit Beeinträchtigungen wirklich weniger wert als ein „normaler“? Hat er weniger Rechte und ist dem guten Willen der anderen ausgeliefert? Fair ist das nicht. Und menschenwürdig schon gar nicht. Wer Menschen mit Beeinträchtigung gering schätzt verkennt die Tatsache, dass schon morgen er selber in ihren Schuhen gehen könnte. Die Zeit nagt an jedem, wer heute gesund lebt, kann morgen krank oder beeinträchtigt sein und damit auf andere angewiesen.

Wenn man sich dessen bewusst ist, merkt man vielleicht, dass es an der Zeit wäre, jedem Tier (menschlich wie nichtmenschlich) die ihm angemessene Wertschätzung entgegen zu bringen, denn schon morgen könnte man an dessen Stelle stehen und froh sein, die anderen hätten diese Lektion schon gelernt.

Ab und an überkommt mich das Gefühl, dass das, was ich tue, zu  nichts nützlich ist. Ich frage mich dann, wieso ich mich tagtäglich damit abmühe, während ich doch genauso gut gleich nix tun könnte. Ich könnte die Beine hoch legen, wenn das Kind versorgt ist, könnte in den Tag hinein leben, das Leben geniessen, wie es sich grad anbietet. Der Fernseher gäbe bestimmt die eine oder andere Unterhaltung her, wenn ich mich gar zu schlecht fühlte, fände sich eine Realitysoap bei RTL, die mir zeigen würde, dass es noch schlimmere Fälle gäbe – das Leben könnte einfach sein. Trotzdem ich eigentlich von Natur aus eher faul bin, weigere ich mich, diesen Weg zu gehen. 

Ich stürze mich in Projekte, vertiefe mich in Theorien, spinne Gedanken, denke neue Welten, hinterfrage die existierende. Ich wälze Bücher und Ideen, zermürbe mich, vergrabe mich, schnappe nach Luft, bin hin und weg und zugleich explosiv und präsent. Sehe Notwendigkeiten und Denkanstösse, fühle Bedürfnisse und suche Lösungen. Und komme irgendwann wieder an den Punkt, dass es doch gar nix bringt. Wen kümmert, was mein Hirn sich ausdenkt? Wen kümmern all die Gedanken, die Theorien? Wieso sollte ich eine Lösung für Probleme finden, an denen sich so viele die Zähne ausbeissen? Und wieso sollte ich überhaupt ernst genommen werden? Das Bruttosozialprodukt unseres Landes merkt kaum, dass es mich gibt. Moderne wirtschaftliche Wertschätzungsmassstäbe orientieren sich an ebendiesem. Ergo der Beweis: Ich bin marginal und vernachlässigbar. Und alles, was ich so vor mich hindenke damit.

Die heutigen gesellschaftspolitischen Theorien stützen sich noch immer vornehmlich auf den gegenseitigen Vorteil und dieser wird in ökonomischen Grössen gemessen. Wer nichts dazu beiträgt, steht aussen vor. Rawls, Locke und Hobbes dachten es vor, es setzte sich fest und sitzt da beharrlich. Schlagworte wie Gleichberechtigung, Integration sind schön klingend, aber weit von der Realität entfernt. Noch immer werden die meisten Frontdienste (Kinderaufzucht, Altenpflege, Pflege körperlich und geistig beeinträchtigter Menschen) von Frauen erledigt und als ebensolche Dienste gering bis gar nicht geachtet. Das alles sitzt in den Köpfen fest. Die Muster sind verteilt. Muster durchbrechen langsam. Es braucht viel Zeit, Geduld, Einsicht und Stimmen. Und wenn jede Stimme denkt, sie zähle nichts, wird das Muster die Generationen überleben, zwar in Frage gestellt, aber nicht vom Sockel gestürzt. Deswegen zählt jede Stimme. Und auch die meine. Und so denke ich weiter. Sage meine Meinung. Stehe dazu. 

Wer sagt, was wichtig ist und was nicht? Wer setzt den Massstab für die Hierarchien im Leben und in der Gesellschaft? Wem muss man genügen und was soll man erreichen? Was ist erstrebenswert und was nur blosse Pflichterfüllung (wobei nicht geklärt ist, woher die Pflicht rührt und ob sie legitim ist). 

Die Welt steckt in der Krise. So das Schlagwort der Zeit. Man müsse umdenken, alles umstossen. Neue Werte finden. Alles möglichst radikal, alles möglichst neu. Das klingt gut, klingt markig, führen wird es nirgendwohin. Die Methode des viel Forderns, um wenig zu kriegen hat sich langsam selber überholt. Langsam wäre es wohl sinnvoller, gezielte und realistische Ziele zu setzen, um dann eine höheres Mass an Gerechtigkeit, an Miteinander, an individueller Befriedigung zu erreichen. Dabei kann jeder bei sich selber anfangen: Was kann ich, was will ich, was ist mir möglich? Was schulde ich anderen, wo kann ich helfen, wer hilft mir? Das Ich ist wichtig, das Du ebenso. Im Wissen, dass es ohne das Du kein Ich gibt, sollte man selbstverständlich den anderen nie aussen vor lassen bei der eigenen Zielsetzung. Aber diese sollte für einen stimmen und nicht einer wie auch immer gearteten Anspruchshaltung eines längst überholten Systems geschuldet sein. 

Gestern schaute ich „Deutschland sucht das Supertalent“. Gleich vorneweg: Alles da Gebotene übertraf bei Weitem, was ich auf diesen Gebieten hätte liefern können. Weder singe ich wirklich gut, noch baumle ich gerne und gut an Stangen. Auch Seifenblasen sind nie über rudimentäre, gleich platzende Objekte hinausgegangen. Die Jury war relativ nett und wenig bissig, was man bedauern oder willkommen heissen kann, je nach Verfassung und ethisch-moralischen Grundsätzen.

Trotzdem stiess mir etwas ziemlich sauer auf: Praktisch jeder Teilnehmer hatte eine ach so schlimme Lebenssituation zum Besten zu geben. Die eine floh vom prügelnden Expartner, die anderen vor diktatorischen Regimes. Einer hatte sein Leben noch nicht auf die Reihe gekriegt und der andere litt unter einem tyrannischen Vater und seiner (selbstgewählten?) Lebensweise in der Vergangenheit.

Die Schicksale sind traurig, niemandem wünscht man eine schwere Kindheit, prügelnde Partner oder diktatorische Regimes. Nur: Was hat das mit Talent zu tun? Ginge es bei einer Talentsuche nicht darum, den zu finden, der das grösste hat? Kann das Talent proportional zum Leiden abnehmen, um unterm Strich zu obsiegen? Irgendwie kommt mir das vor wie das Spiel, bei welchem der den letzten Keks erhält, der die traurigste Geschichte erzählt.

Wieso setzt jemand solche Geschichten ein? Vermutlich, weil er seinem Talent und sich selber nicht zutraut, gut genug zu sein. Man sieht die Konkurrenz und traut dieser mehr zu als sich selber. Und selbst wenn man denkt, man wäre besser, könnte es noch sein, dass andere das anders sehen. Um dem vorzubeugen, nimmt man neue Pfeile aus dem Köcher: Mitleid zieht immer. Wer leidet, dem wird geholfen. Kann man Urteil mildernde Umstände geltend machen, fällt das Urteil besser (zu den eigenen Gunsten) aus.

Und vermutlich ist auch etwas dran. Man ist schneller gewillt, Goodwill walten zu lassen, wenn man von schweren Umständen hört. Man hat die Nachsicht, diese mit ins Urteil einzubeziehen und mildert unter Umständen dasselbe ab. Diese Haltung hat auch Einzug in die Justiz gefunden. Die mildernden Umstände aufgrund schwerer Kindheit und ähnlicher Lebenserschwernisse ist bekannt und sorgt regelmässig für Diskussionen.

Das Wissen um die mildere Sicht der Anderen lehrt uns, das eigene Leid zu instrumentalisieren. Wir nutzen Krankheit, Leid und schwierige Umstände, um unsere Leistung zu portieren, um zu kriegen, was wir uns ersehnen. Wir instrumentalisieren das, worunter wir eigentlich leiden und machen es uns zum Diener. Wir zählen dabei auf das Mitgefühl der Anderen und agieren ganz bewusst, dieses auszunutzen. Das ist rational gesehen geschickt für den Einzelfall, auf lange Sicht führt es dazu, dass das Mitgefühl schwindet, weil die Anderen merken, wie oft es ausgenutzt wird. Dann fehlt es da, wo es wirklich angebracht und auch nötig wäre, weil vorher jemand es für die eigenen, egoistischen Ziele missbraucht hatte.

Zurück bleibt eine Welt, in der jeder für sich schaut, weil er fürchtet, sonst über den Tisch gezogen zu werden. Zurück bleibt eine Welt, in der jeder für sich schaut und dabei ein schlechtes Gewissen hat, weil er denkt, er hätte Mitgefühl, Empathie walten lassen müssen. Zurück bleibt eine Welt voller Konfusion darüber, was gut und was schlecht ist, was richtig und falsch. Und wüsste man es für sich selber, schwankte man darüber, ob es das Gegenüber auch weiss und sich daran hält, und passt dementsprechend sein eigenes Verhalten den Zweifeln an, um am Schluss nicht der zu sein, der in die Röhre schaut.

Zum Glück geht am 21. Dezember die Welt unter, sonst müssten wir ganz schnell ganz arg über die Bücher…

Die Gesellschaftsvertragstheorie erklärt die Legitimation des Staates. Herrschte ursprünglich der Naturzustand mit einem Recht aller auf alles, welches so gesehen ein Recht auf nichts war, stellte der Staat Regeln des Miteinander auf, die dem Individuum zwar die absolute Freiheit nahm, ihm aber eine bürgerliche Freiheit sowie Schutz von Leben und Eigentum zusicherte. John Rawls erarbeitet in seinem Werk „Theorie der Gerechtigkeit“ folgende Grundsätze eines gerechten Staates:

Erster Grundsatz

Jedermann hat gleiches Recht auf das umfangreichste Gesamtsystem gleicher Grundfreiheiten, das für alle möglich ist.

Zweiter Grundsatz

Soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten müssen folgendermaßen beschaffen sein:

(a)  sie müssen unter der Einschränkung des gerechten Spargrundsatzes den am wenigsten Begünstigten den größtmöglichen Vorteil bringen, und

(b)  sie müssen mit Ämtern und Positionen verbunden sein, die allen gemäß fairer Chancengleichheit offenstehen.[1]

Andere Gerechtigkeitstheorien greifen die Gedanken Rawls auf. Aufgabe des Staates in einer Demokratie ist es, allen die gleichen Rechte zu gewähren. Jeder muss die Chance haben, in Ämter gewählt zu werden und muss vor dem Gericht gleich behandelt werden. Zudem sollen Minderheiten geschützt werden und die Armen der Gesellschaft mitgetragen – soziale Gerechtigkeit. Diese soziale Gerechtigkeit versteht sich immer als Gerechtigkeit auf staatlicher Ebene. Sie setzt da ein, wo die Menschen im Staate stehen. So gesehen behandeln wir hier eine künstliche Gerechtigkeit, insofern sie einer natürlichen Gerechtigkeit gegenüber steht. Was wäre eine natürliche Gerechtigkeit in Analogie zur künstlichen? Es wäre die Gleichverteilung der natürlichen Anlagen in jedem Menschen. Nun liegt auf der Hand, dass dies weder zu beeinflussen ist noch von der Natur vorgesehen oder gar verwirklichst. Menschen kommen mit verschiedenen Anlagen und damit auch mit verschiedenen Entfaltungsmöglichkeiten zur Welt. Diese Verschiedenheit prägt denn auch den Weg, den sie im Leben gehen und damit massgeblich, nicht immer linear und unausweichlich, so doch mit grosser Wahrscheinlichkeit, wo sie im Staat stehen.

Betrachten wir noch einmal die Gesellschaftsvertragstheorie, so zeigt sich, dass es dabei (auch) darum ging, das Recht des Stärkeren zu Gunsten von gleichen Rechten für alle auszuhebeln. Anhand von staatlicher Sicherung von Leib und Leben sollte auch der Schwächere sicher leben können in der Gemeinschaft. Bei Lichte betrachtet hat man die Ungerechtigkeit damit nur verschoben. Man hat die Körperkraft durch Geisteskraft ersetzt. Der geistig stärkere hat in der heutigen Welt die besseren Möglichkeiten, eine höhere Position zu erlangen, weil er die höheren Bildungswege beschreiten kann. So wird er in den meisten Fällen ein höheres Einkommen erzielen, hat  meistens das höhere Ansehen innerhalb der Gesellschaft und damit auch eine bessere Stellung.

Die Argumentation, das sei eine naturgegebene Ungerechtigkeit, die man nicht beeinflussen kann, stimmt nur teilweise. Die natürliche Verteilung von Fähigkeiten und Anlagen können wir in der Tat nicht beeinflussen, wohl aber unseren Umgang damit. Stellen wir uns vor, wir wollen ein Haus bauen. Wir haben zwei Freunde, der eine Architekt, der andere Maurer. Wir beauftragen beide damit, das Haus für uns zu erstellen. Das Haus würde nie stehen, wäre der Maurer nicht da. Der Architekt hätte weder die Kraft, die Steine aufeinander zu beigen in stundenlanger Knochenarbeit, noch die nötige Ausbildung, sie so zu verbinden, dass sie auch halten. Der Maurer wiederum hätte nicht das Wissen, die Statik so zu berechnen, dass die Mauern am Schluss das Dach tragen. Wir brauchen beide für unser Haus. Der Unterschied liegt darin, dass der Architekt in der Berufshierarchie höher steht, das höhere Gehalt erhält, der Maurer tiefer mit niedrigerem Gehalt. Ist das fair?

Man kann argumentieren, der Architekt hätte längere Ausbildungswege gehabt, man könne nichts dafür, dass dem Maurer diese verschlossen waren. Unterm Strich bleibt dasselbe: Die beiden mögen von der Natur unterschiedliche Anlagen gehabt haben, der eine mehr Körperkraft, der andere mehr Geisteskraft. Wer will das werten? Wieso werten wir hier? Beide haben ihre Fähigkeiten voll ausgenutzt, sind ihren ihnen möglichen Weg gegangen und bringen das in die Gesellschaft ein, was sie einbringen können. Wieso ist die Leistung des einen mehr wert als die des anderen?

In meinen Augen krankt hier das System. Wir teilen Menschen nach ihren von uns und unseren Massstäben bewerteten Fähigkeiten in Schubladen ein, die einen tiefer, die anderen höher. Und setzen erst dann die Gerechtigkeit an, indem wir versuchen, diese Schubladen so zu bedienen, dass am Schluss alle geölt laufen, keine klemmt und zu bleibt.


[1] Rawls, Eine Theorie der Gerechtigkeit

Blick? Den liest man nicht, das ist unterste Schublade, Boulevard-Journalismus. Wer etwas auf sich hält, der liest die NZZ. RTL? Das guckt man nicht, Arte oder vielleicht 3 Sat, alles drunter ist eine Sünde. Man geht auch nicht in Hollywood-Romanzen, man schaut B-Movies oder Kulturfilme, die niemand sonst schaut, weswegen sie in kleinen Randkinos laufen, die  morgen bankrott gehen. Rosamunde Pilcher liest man nicht, es muss Goethe sein. Wer etwas auf sich hält, wer ein wenig Intelligenz und Bildung besitzt, der muss achten, was er liest, schaut oder tut, sonst ist er ein Banause.

Im Aldi kauft man nicht, das wird alles mit Kinderarbeit in China oder sonst unethisch produziert. Im Lidl kauft man auch nicht, die beuten ihre Arbeitskräfte aus. Nach Deutschland einkaufen geht gar nicht, man muss die Schweizer Wirtschaft unterstützen. Überhaupt geht nur Biogemüse und Jutekleidung, artgerecht produziert und arbeiterfreundlich gewonnen.

Man muss den Nachbarn grüssen, selbst wenn man ihn nicht kennt, man muss sich um den Gatten sorgen, wenn er krank ist, selbst wenn der nervt mit dem Gejammere, man muss die Tante anrufen, wenn sie Geburtstag hat, selbst wenn man das ganze Jahr nichts von ihr gehört hat und man muss sich über des Kindes Windelfüllung freuen, da die Kleinen ja so schnell gross werden. Man muss als Frau arbeiten, sonst betreibt man Verrat an der Frauenrechtsbewegung und man muss das alles gut nach aussen tragen, sonst geht man unter.

Oft hört man, der Staat auferlege zu viele Gesetze, lege den Menschen in Ketten, reglementiere alles und habe eine überbordende Bürokratie. Die Zwänge, die der Mensch sich selber auferlegt sind um Welten grösser. Die ungeschriebenen Gesetze übertreffen alle Gesetzbücher dieser Welt und wer sie nicht kennt und vor allem, wer sie nicht befolgt, der ist ganz schnell aussen vor. Der sitzt in den Nesseln, in die er sich selber gesetzt hat. Wer ein „du musst“ übersieht, der hat ganz schnell das Nachsehen und stottert bei der nächste Frage „Und was machst du den ganzen Tag?“, „Was schaust du im TV?“, „Wo hast du deinen Skianzug gekauft?“.

Ich lese täglich meinen Blick, kenne die Serien von RTL, mag die eingelegten Schalotten vom Aldi und die Salami von Lidl. Ich schaue nie Arte und pfeife auf die sich nie meldenden Tanten. Was ich verdiene, erzähle ich trotzdem nicht, da es höchstens aussagt, was auf mein Konto einbezahlt wird und nie, was ich wert bin. So wie der ganze Rest auch. Bin ich wirklich so schräg? Ich vergass, dass ich Pilcherfilme mag – muss aber gestehen, dass ich Goethe trotzdem kenne – sogar das Gesamtwerk – wer noch?

Else wird von ihrer reichen Tante in ein nobles Hotel eingeladen, als sie eine Depesche ihrer Mutter erreicht, dass zur Rettung ihres Vaters, welcher Mündelgelder veruntreut hatte,  dreissigtausend Gulden nötig wären. Sie verlangt von Else, sich in dieser Angelegenheit an Vicomte Dorsday, einen alten Freund des Papas, zu wenden. Er sei die letzte Hoffnung.

Also, ich soll Dorsday anpumpen… Irrsinnig. Wie stellt sich Mama das vor? Warum hat sich Papa nicht einfach auf die Bahn gesetzt und ist hergefahren?

Immer schneller drehen die Gedanken, Else ahnt, dass das Geld nicht ohne Gegenleistung zu haben ist. Sie schwankt zwischen der Aufopferung als Tochter und der Scham vor dieser Aufgabe. Schlussendlich ringt sie sich durch und wendet sich an Dorsday

…für diesmal will ich genügsam sein, wie Sie. Und für diesmal will ich nichts anderes, Else, als – Sie sehen. […] ich bin nur ein Mensch, der mancherlei Erfahrungen gemacht hat, – unter andern die, dass alles auf der Welt seinen Preis hat…

Eine zweite Depesche der Mutter erhöht den geforderten Betrag noch und Else versinkt in einer inneren Verzweiflung. Die Gedanken überschlagen sich, gehen von Selbstmord über die Suche nach einer anderen Lösung bis hin zur Rechtfertigung einer solchen Handlung für diesen Preis. Sie denkt sich förmlich in einen Fieberwahn hinein, verzweifelt an dieser ihr gestellten Aufgabe. Sie fühlt sich allen ausgeliefert, dem Vater, den Männern, der ganzen Welt.

Sie hat sich selber umgebracht, werden sie sagen. Ihr habt mich umgebracht, Ihr alle, Ihr alle.

Arthur Schnitzler erzählt die Geschichte von Else aus deren Innensicht, aus ihrem inneren Monolog. Durch ihre Augen und ihre Gedanken erlebt man die Welt der Reichen und sieht die Verzweiflung der jungen Frau, welche sich in dieser Welt prostituieren soll, um ihren Vater vor dem Gefängnis zu retten. Fräulein Else ist eine kritische Sozialstudie und ein unbarmherziger Blick auf die Zustände der Gesellschaft der damaligen Zeit, ohne dabei moralisierend zu wirken.

Fazit: 

Die mitreissende und einnehmende Geschichte einer jungen Frau, die zwischen die Welten gerät und in diesem Zwiespalt untergeht. Meisterhaft erzählt und absolut lesenswert.

(Arthur Schnitzler: Fräulein Else, in: Arthur Schnitzler: Fräulein Else, Fischer Taschenbuch Verlag, 21. Auflage, Frankfurt am Main 2012.)

BildAngaben zum Buch:

Taschenbuch: 159 Seiten (enthält die Erzählungen Blumen, Der Andere und Fräulein Else)

Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag (21. Auflage, Mai 2012)

Preis: EUR: 6.95; CHF 11.90

 

 

 

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