Else Lasker-Schüler: Mein blaues Klavier

Ich habe zu Hause ein blaues Klavier
Und kenne doch keine Note.

Es steht im Dunkel der Kellertür,
Seitdem die Welt verrohte.

Es spielten Sternenhände vier –
Die Mondfrau sang im Boote.
– Nun tanzen die Ratten im Geklirr.

Zerbrochen ist die Klaviatur.
Ich beweine die blaue Tote.

Ach liebe Engel öffnet mir
– Ich aß vom bitteren Brote –
Mir lebend schon die Himmelstür,
Auch wider dem Verbote.

Das Gedicht «Mein blaues Klavier» ist das titelgebende Gedicht für den letzten veröffentlichten Gedichtband Else Lasker-Schülers. Die 32 enthaltenen Gedichte thematisieren noch mehr als die vorhergehenden Einsamkeit, Schmerz und Trauer über den Verlust der Heimat, so auch dieses Gedicht, welches Else Lasker-Schüler 1937 geschrieben hat. Man kann es von der Form her als Elegie bezeichnen, es ist ein Klagegedicht, ein Gedicht, in welchem die Melancholie und das Leid aus jeder Zeile drängt.

Das Gedicht handelt vom Verlust nicht nur der Heimat, sondern auch der Kindheit und dem verlorenen Ideal der Kunst. Das Instrument der Kindheit ist verloren, ins Dunkel des Kellers entschwunden, es lässt sich nicht mehr bespielen. Geblieben ist nur die Erinnerung an das schöne Spiel, mehr als das ist, da es das Zuhause in sich trägt. Wo vorher Sternenhände spielten, sogar vier, so dass sie nicht alleine war, und die Mondfrau sang, tanzen heute nur noch klirrend Ratten. Was war, ist zerbrochen, geblieben sind die Tränen der Trauer und die Einsamkeit.

Das Klavier steht gleichzeitig synonym für die deutsche Sprache, welche Else Lasker-Schüler Mittel der Kunst ist, die aber durch die grausame Geschichte entweiht wurde und ihr auszugehen droht im Exil. Zurück bleiben die Trauer über das Zerbrochene, unwiderbringlich Verlorene, und der Wunsch, schon lebend dieser Welt, in welcher ihr die Publikation verboten, sie also nicht nur aus dem Zuhause, sondern auch aus der Sprache vertrieben worden war, in eine bessere Welt, das Jenseits, zu entfliehen.

Bei all der Klage, bei all dem thematisierten Leid liegt doch eine Schönheit in dem Gedicht und damit ein Trost. Die Schönheit überlebt auch die grössten Schrecken, sie ist nicht auszurotten, nicht aus der Welt zu verdammen, nicht zum Schweigen zu bringen. In diesem Sinne schrieb auch der Arzt und Schriftsteller Paul Goldschneider am 12. Juni 1944 in einem Brief aus London an Else Lasker-Schüler:

«Vor mir liegt Ihr Blaues Klavier, und ich trinke seine sternenhellen Akkorde gierig wie ein Verdurstender. Es ist gut zu wissen, daß, was immer Häßliches geschehen mag, Schönheit ist und bleibt. Mir wurde es Trost und Offenbarung und dafür wollte ich Ihnen danken.»

#abcdeslesens – W wie William Wordsworth

William Wordsworth wurde am 7. April 1770 in Grossbritannien geboren. Er war einer der bekanntesten englischen Dichter der englischen Romantik und vor allem durch seine an der Natur orientierten Gedichte bekannt. William Wordsworth liebte es, zu wandern, sei es in Schottland, Irland, im Süden Englands, oder aber auch in Italien, Frankreich oder der Schweiz: Der englische Dichter durchstreifte die Natur und nahm diese mit allen Sinnen in sich auf. Dies alles floss dann in seine Gedichte, welche meistens draussen verfasst wurden.

‘A whirl-blast from behind the hill’

A whirl-blast from behind the hill
Rushed o’er the wood with startling sound;
Then – all at once the air was still,
And showers of hailstones pattered round.
Where leafless oaks towered high above,
I sat within an undergrove
of tallest hollies, tall and green;
A fairer bower was never seen.
From year to year the spacious floor
With withered leaves is covered o’er,
And all the year the bower is green.
But see! wher’er the hailstones drop
The withered leaves all skip and hop;
There’s not a breeze – no breath of air –
Yet here, and there, and every where
Along the floor, beneath the shade
By those embowering hollies made
The leaves in myriads jump and spring,
As if with pipes and music rare
Some Robin Good-fellow where there,
And all those leaves in festive glee
Were dancing to the minstrelsy.[1]

Wordsworth sah in der Natur einen Ort, in welcher der Mensch in sich hineinhorchen kann, wo er dem Lärm der immer weiter anwachsenden Städten entgehen kann. Er selber genoss die Abwesenheit anderer Menschen, die Abwesenheit von Lärm und Hektik.

In Wordsworths Zeit kam gerade der Blankvers (fünfhebiger Jambus mit weiblicher oder männlicher Kadenz, reimlos) auf, welchen der englische Dichter oft benutzte. Der Rhythmus desselben nahm den des Gehens auf und liess darin die Gedanken entstehen, die dann in Verse gegossen wurden.

Allerdings verschloss er sich auch nicht der Schönheit anderer Orte, unter anderem jener der Stadt London. In seinem Gedicht Composed upon Westminster Bridge glänzt diese in voller Pracht:

“Composed upon Westminster Bridge, September 3, 1802

Earth has not anything to show more fair:
Dull would he be of soul who could pass by
A sight so touching in its majesty:
This City now doth, like a garment, wear
The beauty of the morning; silent, bare,
Ships, towers, domes, theatres, and temples lie
Open unto the fields, and to the sky;
All bright and glittering in the smokeless air.
Never did sun more beautifully steep
In his first splendour, valley, rock, or hill;
Ne’er saw I, never felt, a calm so deep!
The river glideth at his own sweet will:
Dear God! the very houses seem asleep;
And all that mighty heart is lying still!”[2]

Schönheit zu sehen braucht Zeit, die man sich nehmen soll. Wenn man einfach blind durch die Strassen rast, wird man zu viel übersehen. Das Gleiche gilt für Gedichte: Wordsworth verschafft dem Leser durch die Setzung der Interpunktionen immer wieder Atempausen, er lenkt den Fluss unter der Brücke des Blickes durch. Aus jeder Zeile steigt die Schönheit auf, erstreckt sich zwischen Erde und Himmel. Die Stille des Anblicks und der noch schlafenden Stadt spiegelt sich im ruhigen Fluss der Sprache.

Es fällt auf, dass die Stadt menschenleer ist, wodurch sie aber durch sich selber lebend erscheint. Sie trägt des Morgens Schönheit, wie ein Mensch Kleider trägt. Die Häuser, Schiffe, Tempel, Kuppeln, sie alle tragen zum Bild und zum Leben bei. Nicht mal als Schöpfer tritt der Mensch ins Bild, an seiner Stelle wird Gott angerufen, fast, als hätte er durch den Menschen hindurch eine Stadt erschaffen, welche nun, einem Naturschauspiel gleich, in ganzer Schönheit vor unseren Augen liegt.


[1] Deutsche Übersetzung:

‘Ein Windstoß wirbelnd übern Hügel sprang’

Ein Windstoß wirbelnd übern Hügel sprang,
daß es ein Brausen in den Wipfeln gab,
doch dann hielt plötzlich er den Atem an,
es folgt ein Prasseln von des Hagels Schlag.

Dort, wo die Eichen kahl vorm Himmel stehn,
im Unterholz ich ließ mir’s wohlergehn:
Stechpalmen, hoch gewachsen, grün und dicht,
dort bildeten ein Dach, zu schützen mich,
und weit im Umkreis liegen da die toten
braunen Stachelblätter auf dem Boden,
denn auch der Hülsen Immergrün erneuert sich.

Doch schau! Wohin auch falln des Schauers eis’ge Tropfen,
nicht nur die Hagelkörner, auch die dürren Blätter hopsen!
Im Schattenraum der Hülsen weht kein einz’ges Lüftchen,
doch in Myriaden rings die welken Blätter hüpfen,
als ob ein schelmisch guter Geist spielt’ auf dem Dudelsack
und allesamt sie mit Musik zum Tanz verzaubert hat.

[2] Eine deutsche Übersetzung:

«Verfaßt auf der Westminster-Brücke,
3. September 1802

Die Erde hat nicht Schöneres zu zeigen:
Stumpf wär’ ein Mensch, der hier vorübergeht
und nicht erlebt des Anblicks Majestät:
Die große Stadt hat heute sich gekleidet
in des Morgens Schönheit! Still da liegen
Dom, Theater, Türme, Schiffe, Kran,
frei gehn die Blicke zu der Wolken Bahn.
Niemals sah ich, fühlt’ ich solchen Frieden,
und niemals hat der frühen Sonne Scheinen
vergoldet reicher Hügel, Fels und Tal.
Der Fluß, wie sanft er will, dahin kann gleiten:
Mein Gott! die Häuser liegen all’ im Schlaf,
die Stadt hält an, so möcht’ man meinen,
des großen, mächt’gen Herzens Schlag!»

Kräftespiel

In schwarzen Klüften steigt der Fels hinab
Zum tosend blauen Meer. Er ist der Stein
Des Widerstands, der Stein, der Wasser trennt
Und es dann zwängt zu wellenweisser Wand.

Was oben weicht, zurück sich zieht, das spielt
Ein Spiel im Untermeer – mit Wellenwogen,
hin und her. Es schleift mit stetigem Durchstreifen
Von den Kanten alle Grate, macht sie

Sanft und mild und glatt. Was stark aufragend
Kraft ausstrahlte, liegt im Dunkeln weich
gespült. Das Wasser sieht sich nie als schwach,

es will nie Rache üben, lebt nur schlicht,
was ihm gegeben, lebt sein Leben, spielt
sein Spiel, und lässt auch andre spielend leben.

©Sandra von Siebenthal

Rainer Maria Rilke: Nennt ihr das Seele…

Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt
in euch? Was, wie der Klang der Narrenschellen,
um Beifall bettelt und um Würde wirbt,
und endlich arm ein armes Sterben stirbt
im Weihrauchabend gotischer Kapellen, –
nennt ihr das Seele?

Schau ich die blaue Nacht, vom Mai verschneit,
in der die Welten weite Wege reisen,
mir ist: ich trage ein Stück Ewigkeit
in meiner Brust. Das rüttelt und das schreit
und will hinauf und will mit ihnen kreisen …
Und das ist Seele.

Die Grundfrage hinter vielen von Rilkes Gedichten ist eine anthropologische: Was/Wie ist der Mensch? Oft verortet er ihn ganz explizit zwischen Engel (reines Geisteswesen, spirituelles Bewusstsein) und Tier (pure körperlichkeit, Instinktwesen). Zwischen diesen Polen sitzt der Mensch und er ist in diesem Dazwischensein ein Mängelwesen. Hier spricht er nur noch den Mangel an: Was der Mensch Seele nennt, deckt nie das volle, mögliche Bewusstsein ab, es ist ein begrenztes, kleines Etwas, das noch dazu auf das Falsche ausgerichtet ist.

«Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt in euch?»

Es finden sich Worte wie Narr, betteln, arm, alles ist nur gewollt, es wird nur um Würde geworben, sie wird nie erreicht, selbst das Sterben ist würdelos, es ist nur arm. Eine Seele, die den Namen verdiente, wäre grösser, sie würde über die Begrenzungen des irdischen Lebens hinausreichen:

«ich trage ein Stück Ewigkeit / in meiner Brust»

«und will hinauf und will mit ihnen kreisen…
Und das ist Seele.»

Rilke stellt eine grosse Frage, nämlich die, was wirklich ein gutes Leben ist, eines, das mit den richtigen Werten und Ansprüchen gelebt wird. Setzen wir nicht viel zu oft auf das falsche Pferd, indem wir uns von Beifall und Aufmerksamkeiten anderer abhängig machen, anstatt auf unseren eigenen Wert zu vertrauen und in uns zu ruhen?

Das Problem dabei ist doch oft, dass wir uns beweisen wollen, dass wir uns für die Anerkennung auch mal so verbiegen, dass wir selber gar nicht mehr wirklich durchscheinen, sondern nur noch als Erfüllung einer gefühlten Erwartung durchs Leben gehen: Nur: Wer kriegt dann den Beifall? Doch nicht wirklich wir, sondern nur das, was wir, um anderen zu entsprechen, vorgeben, zu sein. Das ist kein Leben aus vollem Herzen, das wir führen, das ist Bemühen darum, in fremdbestimmte Schubladen zu passen.

Ein Leben aus eigenem Antrieb, ein Leben aus vollem Herzen wäre ein Leben, in welchem wir für uns selber einstehen, an uns selber glauben, zu uns selber schauen. Damit nicht gegen andere, aber für uns. Nur so können wir Selbstwirksamkeit erfahren, nur so können wir authentisch leben, nur so können wir als der, der wir sind, geliebt werden. Und nur so ist es möglich, Eigenverantwortung zu übernehmen, da wir das, was wir tun, aus vollem Herzen tun, und dann auch dahinter stehen.

«Und das ist Seele»

Wäsche waschen

Ich hänge meine Hosen seilelang dem
Wind entgegen, seh sie schweifen, schweben,
vogelfrei zum Himmel streben, fast wie
nicht von dieser Welt, schon ihr enthoben.

Seh’ sie flattern, seh’ sie treiben, seh’ sie
Hin zum Himmel greifen, sie die sonst
An meinen Beinen erdenfest am Boden
Kleben, da verweilen, manchmal eilen.

Sind sie nicht den Träumen gleich, die durch die
Lüfte ziehen? Sind sie nicht den Wünschen
Nah, die wir vom Leben weben, hoffen,

dass Hekate spricht und sie dem
Leben übergebe zur Erfüllung
Hier und jetzt, nicht einfach irgendwann?

©Sandra von Siebenthal

Was bleibt

Ich wasche die Wäsche, ich hänge sie auf,
ich putze das Bad und mach’ den Einkauf,
ich koche das Essen, ich wasch wieder ab,
und zwischendurch bin ich auch meistens auf Trab.

Ich geh’ durch die Strassen, ich habe kein Ziel.
Ich fahr mit dem Bus und ich hab’ das Gefühl,
er führe für mich wo ich nicht hin will.
Ich denke an nichts und doch viel zu viel.

Das ist, was wir Lebenden tagtäglich tun,
und irgendwann werden auch wir einmal ruh’n.
Bis dahin trag ich dich durchs Leben in mir,
Erinnerung hält dich am Leben – jetzt – hier.

©Sandra von Siebenthal

Vergänglichkeit

Ich hab’ ein Schloss aus Luft gebaut,
ich stellte es auf Sand.
Dann hat es Zephyr weggehaucht,
als er zog übers Land.

Bäume wogen, Blätter fallen,
langsam neigt die Zeit
sich mit sonnigem Aufwallen
und der Winter ist nicht weit.

Alles fällt und nichts besteht,
das ist des Lebens Kreis.
Doch immer, wenn das Alte geht,
ein Neues steht bereit.

©Sandra von Siebenthal

#abcdeslesens – S wie Theodor Storm

Schaut man den heutigen Deutschunterricht an, finden sich da vor allem Storms Novellen, seine Gedichte sind kaum erwähnt. Das mutet komisch an, sah sich Storm selber doch vor allem als Lyriker und hatte als ebensolcher auch Verehrer: Thomas Mann lobte die Kraft der «Lebens- und Empfindungsaussagen», welche Storm in einfache Formen giesse, Fontane, Verspotter von Storms Prosa, nannte ihn einen der besten Dichter nach Goethe und Georg Lukács schloss sich dem Lob an.

Ausgangspunkt von Storms Gedichten, so seine eigene Aussage, ist immer das Ereignis. Es geht ihm dabei um Empfindungen, um das aktuelle Erleben und nicht einfach um personifizierte Bilder. Damit ist er in guter Gesellschaft, nannte doch auch Goethe «Gelegenheiten», aktuelles Erleben den Anstoss zu seinen Gedichten. Inspiriert haben ihn dabei sicher Eichendorff und Mörike.

Dahin!

Wie in stille Kammer
Heller Sonnenschein,
Schaut in stille Herzen
Mild die Lieb herein.

Kurz nur weilet die Sonne,
Schatten brechen herein,
Ach, wie so schnell entschwinden
Liebe und Sonnenschein.

Zentrale Motive seiner Gedichte sind die Natur, die Liebe und der Tod. Dabei wählt er oft eine einfache Sprache, ebensolche Metrik und Reimformen. Dies sollte allerdings nicht dazu führen, seine Lyrik abzuwerten oder gar als seicht zu sehen. Oft zeigen sich wahre Grösse und Können gerade in den einfachen Mitteln.

Nachts

Sternenschimmer, Schlummerleuchten
Hat nun rings die Welt umfangen;
Eingewiegt in tiefen Frieden
Schläft der Menschen Hast und Bangen.

Nur die seligen Engel wachen,
Leise durch den Himmel schwebend,
Alle, die hier unten schieden,
An die reinen Herzen hebend.

Und mir ist, als müßt ich einstens
Nach der letzten Not auf Erden
Tief befriedet, kinderselig
So von dir getragen werden.

Die Liebe, die Storm so oft in seinen Gedichten thematisierte, war natürlich auch in seinem Leben präsent. Die erste Verlobung endete allerdings bald, die Verlobte sprang ab. Der zweite Heiratsantrag war ebenfalls unglücklich, die von ihm Angebetete lehnte ab. Dass er sich schon als 19 Jähriger in die zu dem Zeitpunkt 10 Jährige verliebt hatte, wirft ein zwiespältiges Licht auf den Heiratswilligen. Ich will hier nicht weiter auf die Pädophilie-Vorwürfe eingehen, es gibt dazu eine Biografie, die dieses Thema beleuchtet. Schlussendlich heiratet Storm seine Cousine und hat mit ihr in der Folge 7 Kinder. Dass seine Frau nach der Geburts des siebten Kindes starb, stürzte Storm in tiefe Trauer.

Auf Wiedersehen

Das Mädchen spricht:

Auf Wiedersehn! Das ist ein trüglich Wort! –
O reiß dich nicht von meinem warmen Herzen!
Auf Wiedersehn! Das spricht von Seligkeit
Und bringt mir doch so tausend bittre Schmerzen.

Auf Wiedersehn! Das Wort ist für den Tod! –
Weißt du, wie über uns die Sterne stehen!
Noch schlägt mein Herz, und meine Lippe glüht –
Mein süßer Freund, ich will dich immer sehen.

Du schwurst mir ja, mein Aug bezaubre dich;
Schaut ich dich an, so könntst du nimmer gehen!
Mein bist du ja! – Erst wenn mein Auge bricht,
Dann küß mich sanft und sprich: Auf Wiedersehen!

Die Trauer währte allerdings nicht lange, schon ein Jahr später heiratete Theodor Storm erneut. Fast möchte man sagen, zum Glück, wären doch sonst wohl keine Liebeserlebnisse mehr Pate gestanden für seine wunderbaren Liebesgedichte.

Schließe mir die Augen beide

Schließe mir die Augen beide
mit den lieben Händen zu!
Geht doch alles, was ich leide,
unter deiner Hand zur Ruh.

Und wie leise sich der Schmerz
Well’ um Welle schlafen leget,
wie der letzte Schlag sich reget,
füllest du mein ganzes Herz.

Oder auch dieses:

Wer je gelebt in Liebesarmen

Wer je gelebt in Liebesarmen,
Der kann im Leben nie verarmen;
Und müßt er sterben fern, allein,
Er fühlte noch die selge Stunde,
Wo er gelebt an ihrem Munde,
Und noch im Tode ist sie sein.

Theodor Storm war aber nicht nur für seine Liebesgedichte bekannt, er drückte auch seine Liebe zu seiner Heimat Husum in immer wieder wunderbaren Gedichten aus:

Die Stadt

Am grauen Strand, am grauen Meer
Und seitab liegt die Stadt;
Der Nebel drückt die Dächer schwer,
Und durch die Stille braust das Meer
Eintönig um die Stadt.

Es rauscht kein Wald, es schlägt im Mai
Kein Vogel ohn’ Unterlass;
Die Wandergans mit hartem Schrei
Nur fliegt in Herbstesnacht vorbei
Am Strande weht das Gras.

Doch hängt mein ganzes Herz an dir,
Du graue Stadt am Meer;
Der Jugend Zauber für und für
Ruht lächelnd doch auf dir, auf dir,
Du graue Stadt am Meer.

Theodor Storm starb 1888 im Alter von 71 Jahren an Krebs. Erst kurz zuvor hat er noch sein wohl bekanntestes Werk, «Der Schimmelreiter», fertiggestellt. Er hinterlässt ein Werk, das in meinen Augen viel zu gering geschätzt wird, vor allem, was seine Lyrik betrifft.

Trost

So komme, was da kommen mag!
So lang du lebest, ist es Tag.

Und geht es in die Welt hinaus,
Wo du mir bist, bin ich zu Haus.

Ich seh dein liebes Angesicht,
Ich sehe die Schatten der Zukunft nicht.

Mascha Kaléko: Der Eremit

Der Eremit

Sie warfen nach ihm mit Steinen.
Er lächelte mitten im Schmerz.
Er wollte nur sein, nicht scheinen.
Es sah ihm keiner ins Herz.

Es hörte ihn keiner weinen,
Er zog in die Wüste hinaus.
Sie warfen nach ihm mit Steinen.
Er baute aus ihnen sein Haus.[1]

In diesem Gedicht finden sich die typischen Themen Mascha Kalékos: Einsamkeit, Fremdsein, Vertriebensein. Wie oft musste sie den Ort wechseln, konnte nicht bleiben, wo sie war, und fühlte sich am neuen Ort nicht zu Hause. Sie litt zeitlebens unter einem tiefen Gefühl der Heimatlosigkeit.

Ein Mann wird mit Steinen beworfen, er leidet und lächelt trotzdem. Es wird kein frohes Lächeln sein, wohl eher ein resigniertes, ein schmerzvolles, vielleicht aber auch ein Erkennendes. Er wollte authentisch sein, sich geben, wie er war. Gefragt war wohl der Schein, angepasst zu sein. Dem hatte er nicht gehorcht und sah sich nun den Steinen ausgesetzt. Was in ihm vorging, was er dachte, wer er war, interessierte keinen. Die warfen nur Steine und verurteilten sein Anders-Sein.

Keinen kümmerte, wie er sich fühlte, wie er unter ihrer Verurteilung litt. Er zog sich zurück in die Wüste. Sie warfen ihm die Steine hinterher, doch er baute sich ein Haus daraus.

Hier wird eine Welt gezeichnet, in welcher der schöne Schein zählt und in welcher man sich diesem anpassen muss. Tut man dies nicht, wird man beschossen – vielleicht nicht mit Steinen, aber doch mit Unverständnis, Beschimpfungen und Ablehnung. Es kümmert kaum, was im Herzen eines Andersdenkenden vorgeht, sein Leiden wird oft ignoriert. Es gibt zwei Möglichkeiten in dieser Situation: Resignieren oder eine Lösung suchen, wie man mit den Widrigkeiten umgehen, wie man das Beste draus machen kann. Oft einfacher gesagt als getan, zumal der Schmerz des nicht Dazu-Gehörens doch nagt, ist Zugehörigkeit doch ein zutiefst menschliches Bedürfnis.

Der Rückzug in die Wüste ist hier die Suche nach Schutz, nach Sicherheit. Wo keiner mehr ist, kann keiner mehr Steine werfen. Die einen gehen ins äussere Exil, die anderen ins innere. Beiden gemeinsam ist die Einsamkeit, die sie da vorfinden.

Das Gedicht ist traurig in seiner Offenlegung menschlicher Leiden, und doch irgendwie kraftvoll, zeigt es doch einen Weg auf und damit die Hoffnung, dass man zumindest einen Teil auch selber in der Hand hat – nämlich: Was man mit dem, was man vorfindet, macht. Was für eine grossartige Kraft, wenn es gelingt aus den Steinen, die auf einen geworfen werden, ein Haus zu bauen. Diese Kraft muss aus dem Herzen kommen, in das keiner sieht, aus dem unhörbaren Weinen und dem lächelnden Schmerz. Ein Gedicht, das Mut macht.


[1] Zit. nach „In meinen Träumen läutet es Sturm“ © 1977 dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München (https://www.dtv.de/search/result?search=kaleko)

Klimawandel

Wasser marsch, die Fluten wogen,
Petrus sprach, der Mensch betrogen,
um sein Heim und Hab und Gut,
dem Petrus gilt nun alle Wut.

«Wie konnt’ er nur, was fiel ihm ein,
das darf doch schlicht nicht möglich sein.
Wir armen Opfer, Waisenknaben,
müssen nun hienieden darben.»

Nur: Wer jetzt noch glaubt, dass Petrus bockte,
und zwar ver- – das Unglück lockte,
da schau er hin und prüf’ genau,
ob nicht auch er ‘ne Umweltsau.

Das Leben ist nicht nur kommödlich,
und es endet meistens tödlich.

©Sandra von Siebenthal

#abcdeslesens – R (statt Q) wie Joachim Ringelnatz

«Ein Schulrüpel ersten Ranges» sei er gewesen. Dies besagt eine Notiz im Abgangszeugnis nach der wenig erfolgreichen Schulkarriere. Dem war wohl auch das folgende Gedicht geschuldet:

An meinen Lehrer

Ich war nicht einer deiner guten Jungen.
An meinem Jugendtrotz ist mancher Rat
Und manches wohlgedachte Wort zersprungen.
Nun sieht der Mann, was einst der Knabe tat.

Doch hast du, alter Meister, nicht vergebens
An meinem Bau geformt und dich gemüht.
Du hast die besten Werte meines Lebens
Mit heißen Worten mir ins Herz geglüht.

Verzeih, wenn ich das Alte nicht bereue.
Ich will mich heut wie einst vor dir nicht bücken.
Doch möcht ich dir für deine Lehrertreue
nur einmal dankbar, stumm die Hände drücken.

Ringelnatz hatte gekämpft, gekämpft gegen Spott und Unverständnis, welche er beide auf sein Aussehen zurückführte. Und wenn er sich nicht prügelte, zog er sich zurück und schrieb und zeichnete. Diese Begabungen waren ihm quasi in die Wiege gelegt worden, waren doch auch seine Eltern künstlerisch begabt. Ringelnatz strebte in seinem Tun dem Vater nach, welcher sich auch als Verfasser von humoristischen Versen und Kinderbüchern einen Namen machte.

Abschied der Seeleute

Chor der Seeleute:

Wir Fahrensleute
Lieben die See.
Die Seemannsbräute
Gelten für heute,
Sind nur für to-day.

Die Mädchen, die weinen,
Sind schwach auf den Beinen.
Was schert uns ihr Weh !
Das Weh, ach das legt sich.
Unsre Heimat bewegt sich
Und trägt uns in See,
Far-away.

Chor der Mädchen:

Wir, die Bräute
Der Fahrensleute,
Lieben und küssen,
Doch wissen, sie müssen
Zur Seefahrt zurück.

Und wenn sie ertrinken,
Dann – wissen wir – winken
Uns andre zum Glück.

Nach der Schule begann ein unstetes Leben, Ringelnatz pendelte zwischen Hunger und verschiedenen Brotjobs, in denen er allesamt nicht glücklich wurde. Daneben malte er, schrieb Gedichte. Er merkte bald, dass ein geregeltes Arbeitsleben nichts für ihn ist, tingelte durch die Welt als Sänger, Seemann, Gelegenheitsarbeiter, landete dabei sogar mal im Gefängnis und später in München, wo er in der Künstlerkneipe Simplicissimus erste Auftritte hatte und schnell zum Hausdichter aufstieg.

Die Ameisen

In Hamburg lebten zwei Ameisen,
Die wollten nach Australien reisen.
Bei Altona auf der Chaussee
Da taten ihnen die Beine weh,
Und da verzichteten sie weise
Dann auf den letzten Teil der Reise.

So will man oft und kann doch nicht
Und leistet dann recht gern Verzicht.

Unter verschiedenen Pseudonymen veröffentlichte er Gedichte in Zeitschriften und schliesslich endlich auch Bücher mit Gedichten, sowie zwei Kinderbücher. Und er litt: Unter mangelnder Bildung, unter materiellen Schwierigkeiten, unter vielem mehr. Neue Gelegenheitsjobs folgten, unter anderem als Wahrsagerin verkleidet in einem Bordell. Mangelnde Kreativität kann man dem Mann also nicht absprechen – ob dieser Job der finanziellen Not gehorchend oder aber seiner Begeisterung für kindliche Streiche geschuldet war, ist dabei nicht ganz klar.

Das Geld floss nie in Strömen, auch wenn er irgendwann Erfolg hatte und als Vortragskünstler herumreiste. Daneben veröffentlichte er viele Bücher, allerdings nicht alles Bestseller. Irgendwann wandte er sich intensiv der Malerei zu, konnte auch Ausstellungen bestreiten und Bilder verkaufen. Der grosse Bruch schliesslich kam mit dem Aufstieg der NSDAP. Nahm Ringelnatz diesen erst nicht ernst, kam es bald zu Auftrittsverboten und seine Bücher wurden verbrannt. Es gelang Ringelnatz noch, in der Schweiz einige Auftritte zu bestreiten, dann brach bei ihm die Tuberkulose aus und er starb am 17. November 1934 mit nur 51 Jahren. Dieser sein Leben lang kämpfende, leidende, wieder kämpfende Mann hinterlässt ein Werk von grosser Breite, seine Gedichte zeichnen sich oft durch Spitzfindigkeit, Humor und dem Sinn fürs Leichte aus. Aber er hat durchaus auch ernsthafte Lyrik geschrieben. Leider hat er seinen anwachsenden Ruhm nach 1945 nicht mehr miterlebt.

Ich habe dich so lieb

Ich habe dich so lieb!
Ich würde dir ohne Bedenken
Eine Kachel aus meinem Ofen
Schenken.

Ich habe dir nichts getan.
Nun ist mir traurig zu Mut.
An den Hängen der Eisenbahn
Leuchter der Ginster so gut.

Vorbei – verjährt –
Doch nimmer vergessen.
Ich reise.
Alles, was lange währt,
Ist leise.

Die Zeit entstellt
Alle Lebewesen.
Ein Hund bellt.
Er kann nicht lesen.
Er kann nicht schreiben.
Wir können nicht bleiben.

Ich lache.
Die Löcher sind die Hauptsache
An einem Sieb.

Ich habe dich so lieb.

Moll und Dur

Es klingt ein Lied in allen Dingen,
spielt in Dur und auch in Moll.
Ich könnt’ euch dieses Lied zwar singen:
was es wohl bedeuten soll?

Gibt den Klang der Zeiten wieder,
als der Menschen Lebenslieder;
klingt so in die Welt hinaus
und tritt ein in jedes Haus.

Es klingt ein Lied in allen Dingen,
manchmal sonnenklar und schön,
singt von Tiefen und Misslingen,
nicht nur blossen Lebenshöh’n.

So scheint das Glück ein selten Wesen,
Dur in Liedern handverlesen,
Verse fliessen oft in Moll,
nur beides macht das Leben voll.

Es klingt ein Lied in allen Dingen,
sendet Freude und auch Trost,
wer immer mag, fängt an zu singen,
und wird schon dadurch leiderlöst.

©Sandra von Siebenthal

#abcdeslesens – P wie Dorothy Parker

Dorothy Parker war eine Kämpfernatur von Anfang an – durch den frühen Verlust erst der Mutter, später des Vaters musste sie schnell lernen, auf eigenen Beinen zu stehen. Sie hielt sich mit Klavierspielen und leichten Gedichten über Wasser und kam schliesslich erst bei der Vogue, später bei der Vanity Fair unter, dort als Theaterkritikern, als welche sie durch ihre treffsicheren und pointierten Texte Erfolge feiern durfte. Daneben veröffentlichte sie Gedichtbände und Kurzgeschichten. Der britische Schriftsteller Sommerset Maugham äusserte sich zu Dorothy Parkers Werk folgendermassen:

„Ihr Stil ist leicht, aber nicht nachlässig, kultiviert, aber niemals affektiert. Er ist ein vielseitiges Werkzeug, um ihren vielseitigen Humor zur Geltung zu bringen, ihre Ironie, ihren Sarkasmus, ihre Zärtlichkeit und ihr Pathos.“

Leider war der Erfolg nur beruflicher Natur, privat lief es alles andere als rosig: Pech bei der Männerwahl, eine Fehlgeburt und drei Selbstmordversuche sprechen eine deutliche Sprache, der im Übermass konsumierte Alkohol spendete auch nicht den gewünschten Trost. Bei all dem blieb sie immer produktiv, verlor nie ihren Biss und legte in ihren Texten zielsicher die Doppelmoral und menschlichen Abgründe der damaligen Gesellschaft offen.

Auch mit sich selbst gewonnen Weisheiten sparte sie nicht:

Indian Summer

In youth, it was a way I had
To do my best to please,
And change, with every passing lad,
To suit his theories.

But. now I know the things I know,
And do the things I do;
And if you do not like me so,
To hell, my love, with you!

Altweibersommer

Gefallsucht war eins meine Art
und Beifall war mein Ziel.
Drum fand ich jeden Typen smart
Und tat, was ihm gefiel.

Doch heute weiss ich, was ich weiss,
Und tue, was ich tu;
Und Schatz: Lässt dich das kalt wie Eis,
Dann fahr zur Hölle, Du!

Ob sie diese auch wirklich umgesetzt hat, bleibt offen, in Anbetracht ihrer unglücklichen Beziehungen. Neben Beziehungsoffenbarungen finden sich aber auch andere – sie verheimlichte nicht mal ihre Selbstmordabsichten (welche bekannterweise nicht bei Absichten blieben) in ihren Gedichten:

Razors pain you;
Rivers are damp;
Acids stain you;
And drugs cause cramp.
Guns aren’t lawful;
Nooses give;
Gas smells awful;
You might as well live.

Klingen verletzen,
Flüsse sind nass,
Säuren verätzen,
und Gift macht blass,
Knarren sind sträflich,
Schlingen sind hoch.
Gas riecht eklig,
dann leb ich halt noch.

Bedenklich, wie eine Frau, die eigentlich erfolgreich war, doch unter enormen Selbstzweifeln litt, wovon ein Teil auch dem Frausein in einer von Männern dominierten (Literatur-)Welt geschuldet war:

«Bitte, Gott, lass mich schreiben wie ein Mann.»

Umso erstaunlicher aus einem Mund einer Frau zu hören, die mit ihren Kritiken in den 20er-Jahren durchaus die kulturelle Landschaft mitgeprägt hat. Konnte sie ihren eigenen Erfolg nicht wirklich wahrnehmen?

Sucht man nach einem wirklich durch und durch erbaulichen Gedicht, sucht man lang und oft (schlicht?) vergeben. In jedem der Gedichte steckt eine Spitze, sticht ein Dorn. Klingen einzelne Zeilen, gar Verse, noch vergnüglich leicht, kommt am Schluss die Spur bittere Erkenntnis nach. So bleibt zum Schluss noch dies Gedicht, das mit viel Lebensweisheit aufwartet, um dann doch am Schluss zumindest noch eine kleine Spitze anzufügen, die aber doch einen guten Rat beinhaltet: Die Botschaft mag gut klingen, doch schau, von wem sie kommt.

The Counsellor

I met a man the other day –
A kind man, and serious –
Who viewed me in a thoughtful way,
And spoke me so, and spoke me thus:

“Oh, dallying’s a sad mistake;
‘Tis craven to survey the morrow!
Go give your heart, and if it break –
A wise companion is Sorrow.

Oh, live, my child, nor keep your soul
To crowd your coffin when you’re dead…”
I ask his work; he dealt in coal,
And shipped it up the tyne, he said.

Der Ratgeber

Vor kurzem traf ich einen Mann
Von sanfter, ernsthafter Manier,
Der sah mich ganz versonnen an
Und sprach dann dergestalt zu mir:

«Versteif du dich aufs Zögern nicht;
Ein Feigling fragt, was bringt die Zeit?
Verschenk dein Herz, und wenn es bricht –
Ein weiser Freund ist dann das Leid.

Geniess das Leben, Kind und bann
Die Seele einst nicht in dein Grab…»
Mit Eulen handelte der Mann,
Trug sie nach Griechenland hinab.