Fleisch oder kein Fleisch – das ist die Frage

Ernährung ist die neue Religion. Die einen schiessen gegen die anderen. Diese sind die Ignoranten. Veganer argumentieren mit armen Tieren, Augenrollen und ethischen Motiven, Fleischfresser mit Biologie, Ironie und Tradition. Meine Meinung?

Jeder, der sich vegetarisch oder vegan ernähren will, soll das tun. Ich würde ihn nie verurteilen (wie könnte ich, ich lebte selber insgesamt 16 Jahre vegetarisch, teilweise wohl fast vegan, ohne den Ausdruck damals zu kennen) – so lange er nicht andere damit missionieren will. Er darf seine Welt zeigen, andere teilhaben lassen, aber: Entscheiden soll jeder selber können. Wer nun einwenden will, Kühe können auch nicht entscheiden, ob sie gemolken oder geschlachtet werden wollen, dem sei gesagt: Tomaten können das auch nicht. Wo setzen wir die Grenze? Man weiss (!) heute, dass auch Pflanzen Gefühle haben. Nur können sich das die meisten weniger vorstellen als bei Tieren. Kühe schauen einen aus tiefbraunen Augen an und man hat den Jö-Effekt – der fehlt bei der Tomate. Vielleicht blüht die auch lieber unter freiem Himmel als im Treibhaus? Vielleicht möchte sie auch nicht in Tonnen Gleicher quer über den Erdball geflogen werden?

Damit will ich nicht den Tierschutz lächerlich machen, im Gegenteil. Ich wünsche mir einen bewussten Umgang mit allem. Kein Verdammen. Ich wünsche mir einen Weg zurück zur Natur. Für alle. Klar können wir Menschen denken. Und abstrahieren. Bei den anderen wissen wir es nicht. Vor kurzem dachten wir, Gemüse fühlt nicht. Davor dachte man, Tiere fühlen nicht. Beides ist widerlegt. Wir wissen nicht, was kommt. Drum wäre es für mich an der Zeit, der Natur entsprechend zu handeln. Da sind wir Menschen Allesfresser. Aber: Wir müssen dazu keine anderen Lebewesen ausnutzen. Wir könnten ihnen ein gutes Leben angedeihen lassen. Weil wir es können.

Der Löwe kann die Antilope nicht aufziehen. Er jagt sie, erlegt sie, frisst sie. Das nennen wir natürlichen Gang. Die meisten Kühe würden kaum leben, würden sie nicht gehalten. Aber: In diesem Leben sollen sie gut leben. Sie sollen sich am Leben freuen können.

Und ja, irgendwann sterben sie. Wie die Antilope. Wie der Grashalm. Wie wir selber. Das ist für mich der Kreislauf des Lebens. Und daran glaube ich. Danach versuche ich, zu leben. Ich esse keine Erdbeeren im Winter, ich importiere keine Avocados. Ich esse keine chemisch produzierten Fleischersatzteile. Ich esse wenig Fleisch, aber wenn, dann aus einer als tiergerecht deklarierten Haltung.

Absolute und missionierende Haltungen waren nie förderlich. Keinem. Es gilt ein machbares, für möglichst viele lebbares Miteinander zu finden.

Facebook: Jeder ein Fernsehstar

Wie schön war FB, als die Leute noch schrieben, was sie dachten. Heute machen sie Livevideos. Früher hiess es also:

„Hallo liebe Leute, ich habe die ultimative Geschäftsidee für euch. Klickt auf den Link und schon seid ihr dabei.“

Heute hört sich das dann so an:

„Hallooooo, ihr Lieben – hallo Ulli, hallo Bianca – ach, der Björn ist auch da, schön, dich zu sehen…. Also hallooooo zusammen. Ich habe ja heute gerade auf FB – hallo Erika – eine Unterhaltung gesehen,“

*naseputzt,

„da ging es um die liebe Arbeit“

*Augenbrauehochziehundernstguck

„Ein schwiiiiiieriges Thema. Und: So wichtig. Nuuuun. Ich habe da – hallo Klaus, hast du es auch noch geschafft? Toll – Ich mag ja diese Livevideos, man ist so nah dran und es ist eine direkte Weise, Menschen zu erreichen. Also. Arbeit. Wir alle haben sie“

*naserümpf

„und lieben sie wohl eher selten. Aber – hier kommt die gute Nachricht“

*indiekamerastrahl

„Ich kann euch helfen. – Hallo Laura. Das Wetter hier ist übrigens toll, seht ihr das?“

*schwenkteinmalumdieeigeneachse

Zu dem Zeitpunkt bin ich eingeschlafen, sorry, ich kann euch nicht sagen, wie es mit dem tollen Video weiterging.

Ich war mal ein Yogi

Ich erinnere mich gut. Ich war im Studium, las mich kreuz und quer, kam über Schopenhauer und andere hin zur östlichen Philosophie und von da zum Yoga. Ich fand das toll: Geist auf den Körper angewandt, alles in einem, ganzheitlich. Das leuchtete mir ein, das spornte mich an: Ich wollte das kennenlernen.

Ich meldete mich aus dem Stand für meine erste Lehrerausbildung an. Ich hatte noch nie einen Fuss auf eine Matte gesetzt. Das änderte sich mit dem ersten Tag im Unterricht. Ich war täglich auf der Matte, atmete ein, was sich mir zeigte. Ich sah, was andere tun, hörte, wie über die geurteilt wurde, die keinen Spagat, Kopf- und Handstand können – und nebenher wurden die ethischen Prinzipien runtergebetet.

Ich hatte nie Mühe, da ich von Natur sehr beweglich bin. Niemand hätte je gedacht, dass ich Yoga noch nie gemacht hatte. Alle Verknotungen schaffte ich mit links, die Muskeln (ich hatte als Sportmuffel keine) baute ich auf. Ehrgeiz war noch nie mein Schwachpunkt. Mir genügte es nie. Ich nahm alle Positionen (ausser dem Handstand, der ist mit einem Trauma behaftet) problemlos ein. Und ich fand Yoga gut. Im Kern. Nie in der Ausübung. Ich war kaum je mehr unter Stress als da. Und ich sah nie mehr verletzte Menschen als in der Zeit. In keiner Ausbildung gab es einen Menschen, der kein Leiden hatte. Alle litten sie an Knie, Schultern, Rücken….

Es war nicht meine Welt. Ich habe irgendwann die Reissleine gezogen für mich. Zumal ich unter chronischen Schmerzen litt, die just nachliessen, wenn ich mit Yoga aufhörte. Ich stieg aus. Stieg aus aus der Ausstiegsgemeinschaft Yoga. Und es war gut.

Eine Klasse behielt ich. Eine Gruppe von Senioren. Ich mache keine haarsträubenden Übungen mit ihnen. Es ist herzlich. Menschlich. Alle haben ihre Gebrechen – wir sind alle nicht jung. Sie sind über 60, teilweise über 80. Wir atmen, wir lachen. Wir schauen, was geht. Wir haben keinen Wettbewerb. Wir nehmen den Tag, wie er kommt.

In der letzten Stunde sagte ich zu „meinen“ Damen: Ich mache kein Yoga mehr, nur noch mit euch. Als die Stunde fertig war, merkte ich, dass das nicht stimmt. Ich machte nie mehr Yoga. An dem Nachmittag setzte ich mich in den Garten und meditierte. Nicht nach Anleitung. Ich könnte dem keinen Namen geben. Für mich war es Meditation. Ich sass und atmete und war. Und ich fühlte mich gut. So ruhig. Und es hallt nach. In mir. Und das ist gut.

Ich habe keinen Namen mehr dafür. Bin ich ein Yogi, bin ich Buddhist? Meditiere ich? Ich bin. Ab und an bewusst im Moment. Das möchte ich wieder öfters tun. Ohne Stempel, ohne Namen. Und ich freue mich auf meine Frauen nach den Ferien. Sie haben mir viel beigebracht. Mehr als alle Ausbildungen je. Und: Zu sehen, dass sie sich auf meine Stunden freuen und diese ihnen gut tun, ist mein Highlight der Woche jeweils.

Es ist immer ein Geben und Nehmen.

PS: Und ja, ab und an mache ich auch Asanas, strecke Beine in die Luft und beuge mich über dieselben. Und es tut gut. Ich mache es nur noch für dieses Gefühl. Ohne anderen Anspruch.

Blick zurück

828156801_47085e952f_oKürzlich wurde ich auf Facebook aufgefordert – ich tappte in eine Spielefalle – ein altes Bild von mir zu posten. Von mir gibt es Kinderbilder und (eher selten) aktuelle. Dazwischen nichts. Ich stellte das Bild rein. Ein Bild von mir, als ich etwa 4 war. Silvesterabend, ich stand am Piano. Ich mag sonst diese Erinnerungsschübe nicht, wenn andere beginnen zu erzählen. Ich finde, das Leben spielt hier und jetzt. Und doch. plötzlich packte es mich.

Wir haben Silvester immer im Berner Oberland gefeiert, immer im gleichen Hotel. Der Ort war für mich Heimat, denn wir waren auch sonst alle Ferien da. Die Besitzer des Hotels waren für mich wie Grosseltern. Der Ort vertraut, mit warmen Gefühlen, Freude und Glück besetzt.

Wenn ich das Bild so ansehe, sehe ich es in den Augen. Es sind fröhliche Augen. Das Lächeln passt dazu. Es war eine glückliche Zeit. Ich hatte eine schöne Kindheit. Es war nicht alles rosig. Es war nie nur pink. Ich hatte Eltern, die da waren, kriegte den Rückhalt und fühlte die Werte. Ich hatte eine Welt und konnte meine entwickeln.

Ich bin dankbar. Für all die Gefühle, all die Möglichkeiten. Ich bin dankbar für dieses Leben. Es war sicher nicht das leichteste. Ist es nicht. Ich hatte ganz viele Freiheiten. Ebensoviele Stäbe, die Gefängnisse schlossen. Es ist immer ein Wechselspiel. Dessen bin ich mir heute sicher. Ob das Fazit stimmt, muss jeder für sich entscheiden. Und das wohl auch immer wieder neu.

Wenn ich das Bild anseh, erinnere ich mich. Ich erinnere mich an laue Abende, in denen ich mit Freunden im Heustock rumhüpfte. Ich erinnere mich an Silvesterparties mit Salzstangen und Pommes ebenda. Ich erinnere mich an die nachbarliche Bauerstochter, die mir französische Worte zu Kühen beibrachte, an Katzenbabies noch blind herumtapsend. Ich erinnere mich an Tänze über Felder, an Sonnenuntergänge hinter Bergen.

Es sind Bilder, Gefühle, Eindrücke, die aufblühen. So passend zum Frühling. Alles schon da. Und doch wieder neu. Was aus einem Bild alles entstehen kann.

Immer genügen

Ich bin nicht gut genug. Ich pack das nicht. Ich kann das nicht. Ich bin eh zu doof. Ich Pfeife, wieso probiere ich überhaupt, ich werde eh scheitern.

So oder so ähnlich reden wir so oft mit uns. Und nein, das ist noch nicht genug, es geht noch weiter:

Mich erträgt eh keiner. Ich bin so schwierig. Wer will es mit mir bloss aushalten. Ich muss mich anpassen, sonst laufen alle davon. Ich bin übel und die anderen werden es alle bald merken – also: Ball flach halten.

Und so gehen wir durchs Leben und machen es allen recht. Wir versuchen es zumindest und rechnen es uns hoch an. Dass wir damit ständig scheitern, weil es nie allen recht ist, stellen wir uns selber in Rechnung.

Wir haben nicht genügt.

Wir versuchen härter, nehmen uns mehr zurück. Wir wickeln Kinder, hoffahren Ehemänner, schmeicheln Chefs und schreiben auf Twitter und Facebook von unserem ach so tollen Leben, auf Instagram folgt noch das Bild dazu. Wenn genug Likes kommen, haben wir gesiegt, ansonsten geht die Litanei neu los:

Wir haben nicht genügt.

Wie wäre es, wenn wir nur einem genügen wollten: Uns selber? Wie wäre es, wenn wir mal hinhören würden, was wir eigentlich wollen. Wissen wir es überhaupt? Oder ist alles eigene Wollen schon lange begraben von den Wünschen und Bedürfnissen anderer? Und ja, wir kriegen von aussen die Bestätigung für das Begraben:

Mutter opfere dich auf. Es ist dein Kind, es ist deine Verantwortung.

Wir kriegen von aussen die Bestätigung:

Geh arbeiten, leiste was.

Wir kriegen von aussen die Bestätigung:

Verdiene viel, sonst bist du nix.

Wir kriegen von aussen die Bestätigung:

Du bist in einer Beziehung. Da musst du zurückstecken.

Ich propagiere nicht den Egoismus, der über Leichen geht. Ich bin auch dafür, dass Kompromisse sein müssen und ein Miteinander gefunden werden muss. ABER:

Gehen wir wirklich Kompromisse ein oder geben wir uns auf? Welchen Wert hat das eigene Glück und dürfen wir es anstreben? Wie hoch ist der Preis dafür und sind wir bereit, ihn zu zahlen? Wo bleibt man selber, wo hat man sich verloren?

That’s life

Ab und an denke ich: Es ist ein Scheissleben. Aber das ist es nicht. Es ist einfach, wie es ist. Nie fair, nie einfach, nie gerecht. Mit schönen Momenten, wertvollen Momenten, kleinen Schönheiten am Wegesrand, Hoch-Zeiten – und viel Schwerem. Man muss irgendwie innerlich schaffen, ein Gleichgewicht herzustellen.

Das klingt düster? Das mag sein. Mehr habe ich nicht. Ich habe viele Menschen gehen sehen. Ich stand oft selber kurz davor. Manchmal denke ich, es wäre eine Erlösung gewesen, und doch bin ich froh, hier zu sein. Das Leben ist schön. Es hat viel zu bieten. Und es nimmt viel. Es nimmt einem Menschen, kostet Kraft. Es bring Unsicherheiten. Es macht ab und an Angst.

Und immer geht man weiter. Man hadert, weint, schimpft. Und wenn es hart auf hart kommt, möchte man es behalten. So irgendwie. Vielleicht nicht genauso, wie es ist, aber doch behalten.

Wir können uns das Leben nicht aussuchen. Gewisse Dinge haben wir im Griff, für gewisse können wir kämpfen, einige kommen ungefragt. Und ab und an singen wir Halleluja, ab und an verfluchen wir alles – uns damit.

Am Schluss bleibt wohl nur, herauszufinden: Was liegt in meiner Macht?

  • Kann ich es ändern? Ok, ich ändere es! Alles gut!
  • Kann ich es ändern, es ist aber schwer? Ich mache es oder höre auf, zu heulen!
  • Ich kann es nicht ändern? Ich muss es schlucken und habe zwei Möglichkeiten:
    • ich verfluche das Leben
    • Ich verfluche das, was ich nicht ändern kann, sehe aber, dass es noch anderes gibt.

Mehr habe ich auch nicht. Ich hätte ab und an gerne mehr, glaube aber nicht an die Alles-ist-möglich-Sprüche, weil ich zu wissen glaube, dass es das nicht ist. Wir haben schlicht nur die Möglichkeit, mit dem, was möglich ist, umzugehen. Das ist viel, aber es rettet uns nie vor den Tiefen, die das Leben mit sich bringt.

Ich hoffe und wünsche mir, immer die Schönheiten zu sehen, die das Leben bringt. Sie machen das Leben lebenswert.

Zum Thema hätte ich noch ein bisschen Musik – ein Lied, das ich sehr liebe

Trump – oder: Die Welt demaskiert sich

Trump ist im Amt. So ganz offiziell. Und wer auf Facebook oder Twitter ist, kann das nicht mehr ignorieren, denn kaum ein Beitrag dreht sich nicht um ihn. Man könnte nun jubeln und denken, dass die Welt politisch engagiert ist, nur: Das ist sie nicht. Man ergiesst sich in Spott und Häme, ach so witzige Bilder verstopfen den Nachrichtenfluss. Man übt sich als Psychologe und analysiert Bilder des gähnenden oder desinteressierten Sohnes. Man motzt über den Tanz der beiden Trumps und findet ihn hölzern – ich frage mich innerlich, wer der ach so überheblichen Journalisten ein Tanz-As ist?!?

Trump ist für ganz viele nicht die erste Wahl. Verständlich. Aber es ist nun auch mal wieder gut. Es wäre schön, die Welt würde aus ihrer Toddler-Trotz-Phase erwachen und sich mal wieder erwachsen benehmen. Das hiesse, fundiert zu diskutieren, was passiert, statt blonde Strubbelbüschel auf Dinge zu photoshoppen und Trump drunter zu schreiben. Das hiesse, den armen Jungen mal Pubertierenden sein zu lassen und zu sehen, was der Papa in dem Augenblick tut. Das hiesse, vom hohen Ross runterzusteigen, selber in den Spiegel zu schauen, eventuell zum Coiffeur zu gehen und dann nochmal hinzuschauen. Was ist. Und darauf zu reagieren. Sachlich. Nicht persönlich.

Was ist an Herrn Trump so wichtig? Seine Frisur, das Verhalten des Sohnes, die Kleidung oder Ehe-Motivation der Frau? Wichtig ist doch, was er wirklich macht. Das wäre Munition genug. Wieso können wir uns nicht endlich darauf konzentrieren? Und alle, die das nicht verstehen, sich gar nicht wirklich dafür interessieren oder Politik zu kompliziert finden, könnten einfach wieder Katzen-Videos posten. Die Social-Media-Welt wäre eine unglaublich schönere.

Und die, welche wirklich politisch interessiert sind, sollen sich doch bitte auf die Politik beschränken. Wen beruft er in die entsprechenden Ämter? Was sind seine Amtshandlungen und wo führen sie hin? Woran erinnert uns, was er tut? Was kann man tun?

Und dann träume ich…

Und dann träume ich. Von einem Leben. Wild und ungebändigt. Und ich gehe los. Und lebe. Einfach so. Ohne die Grenzen. Ohne die Beschränkungen. Ich tue. Was ich tun will. Und geniesse. Ohne hinterfragen. Ohne zögern. Oder zweifeln.

Und dann träume ich. Und ich bin glücklich. Im Traum. Denn ich tue. Was ich tun will. Und muss. Weil ich ich bin. Und sein muss. Und sein will. Ich bin nicht perfekt. Aber ich bin so. Ohne Krone. Einfach ich.

Und dann kommen sie. Die Fragen. Zweifel. Das Zögern kommt hinterher. Erst zögerlich. Dann schnell. Und schneller. Im Gleichschritt. Mit den Zweifeln. Ob ich kann. Was ich will. Ohne zu tun. Was ich muss. Oder denke. Zu müssen.

Und dann
wache ich auf.

In Gedanken

Ich sehe dich vor mir,
kann dich riechen,
weiss, wie du schmeckst.

Ich weiss, wie du denkst,
mich anschaust dabei,
spüre deine Hände.

Ich weiss um das Band,
das uns zusammenhält
und eint für immer.

Und weil ich dich denken kann,
vermisse ich dich
und suche dich.

Dieser oder jener?

Ich sitze hier und lese Zeitung. Lese von Putin und Obama und deren Treffen. Ab und an höre ich auch im Radio davon oder sehe es im TV. Es ist überall präsent und als Zuschauer weiss ich nach jedem Sehen noch weniger als zuvor. Vor allem die Hauptfrage bleibt: Wer ist denn nun der Böse? Ist Putin der böse Krim-Annektierer, der es auf die Weltherrschaft abgesehen hat und dafür all die Diktatoren dieser Welt auf seine Seiten bringen will? Oder ist vielleicht Obama gar nicht so nett lächelnd, sondern Kopf einer durchdachten Weltherrschafts- und Intrigen-Organisation? Oder sind beide irgendwo dazwischen?

Was ich denke (und ich denke, ich denke es nicht nur, ich bin mir da ziemlich sicher): In eine solche Position (Putins wie auch Obamas) kommt man nicht ohne Machtstreben und das Ergreifen jeglicher Mittel, die zur Macht führen. Nett und brav auf eine sich eventuell auftuende Chance hoffen reicht da kaum. Machtstreben basiert auf Machthunger und dieser ist selten wählerisch bei der Wahl seiner Mittel. Es gibt vielleicht beim einen oder andere grössere Skrupel und höhere Latten, aber: Wenn die Aussicht auf Erfolg gross genug ist, knicken sie wohl alle ein (das ist übrigens nicht nur in der Politik so, das lässt sich auch auf aufstrebende Wirtschaftsmenschen anwenden).

Wer also ist der bessere Mensch? Und: Wären andere Menschen (gar man selber) in diesen Positionen besser? Ich denke: Keiner und nein. Das ist nicht schön, das ist auch nicht erfreulich. Aber: Wir müssen damit leben, denn es ist im Hier und Heute die Realität. Kann man was ändern? Im Grossen und Ganzen wohl nicht auf die Schnelle, im eigenen Umfeld sicher schon. Und wer weiss. Vielleicht stimmt es ja, dass im Kleinen beginnt, was irgendwann im Grossen Früchte trägt.

Und nun? Russland oder Amerika? Ich habe meine Präferenzen, klar. Die sind aber wohl wenig sachlich begründet (wenn ich es auch dann und wann versuche) und mehr gefühlsmässig. Wieso ich es überhaupt versuche? Ich denke, der Mensch neigt dazu, in gut und böse unterteilen zu wollen. Er positioniert sich irgendwie in dieser grossen weiten Welt, indem er sich entscheidet, was er lieber hat und wovon er sich fernhält. Denn: Der Mensch braucht SEINEN Platz in dieser Welt.

Neues aus der Politik: Rosa Wölkchen

Balthasar Glättli (Grüne) will Zweitwohnungen zu Flüchtlingsunterkünften machen… irgendwie mutet das ein wenig wie Zwangsenteignung an… die Bürgerlichen erfreuen dafür überraschend: Reiche sollen aus subventionierten Wohnungen ausziehen müssen. Besteht noch Hoffnung, dass die Mitte sich wieder findet und sich über kurz oder lang eine wählbare Politik herauskristallisiert? Eine, in der nicht nur polemisiert und mit heisser Luft gewedelt wird, in der nicht linksidealistische Kommunismusphantasien in rosa Wölkchen gepackt werden, sondern Menschen aufgrund ihrer Leistungskraft behandelt werden?

Vielleicht ist auch die Hoffnung ein rosa Wölkchen, aber ich glaub mal dran, denn: Zuletzt aber bleiben Glaube, Liebe Hoffnung. Zwar obsiegt im Spruch die Liebe, aber die Hoffnung folgt zugleich.

Schweigen ist Silber – Gold ist überbewertet

Ich habe etwas gelesen. Das kommt ja nicht so selten vor bei mir, dieses Mal war das Lesen schwierig (ok, auch das ist nicht so selten, ich bin wohl etwas heikel). Das Schwierige lag dieses Mal daran, dass ich immer Paroli bieten wollte (das ist übrigens auch das Hauptübel, wenn ich an Lesungen, Diskussionen, ähnlich Dozierendem bin). Zu jedem Satz hatte ich was zu sagen, zu allem ein Gegenwort. Lesen mit Gegenworten im Kopf ist schwierig, da die eigenen Worte ziemlich laut im Kopf rumoren, während die Augen über die Buchstaben fliegen.

Worum es ging? Was ein Mann denkt, wenn er schweigt. Die Welt hat es schwarz auf weiss publiziert.

Schon nach kurzem rief alles in mir: NEIN. Ich wäre froh um einen Mann, der nicht fragt, wie meine Arbeit war. Arbeit irgendwo da draussen in der Welt ist schon anstrengend genug: All die Menschen, all der Lärm. Der Weg dahin unter Menschen, all die Gedanken zu den Menschen, die durch meinen Kopf schwirren. Wenn ich dann – wieder mit Bus und mit vielen Menschen und vielen Gedanken – heim komme, will ich nur eines: RUHE. Ich mag nicht erzählen, mag keine Inquisition über alltägliche Arbeit – die mir notabene Spass macht, die beste aller Arbeiten überhaupt ist, keine Frage – und doch kein Paradies, da ja all das oben Beschriebene mit hineinspielt – und nun habe ich den Überblick über Bindestriche und Klammern und Einschübe verloren und wenn ich ihn nicht verloren hätte, würde ich es nicht zugeben, da ich mich dann als Thomas-Mann-Leser und Sprach-Enthusiasten outen würde, weshalb ich einfach mal – ))-,,, anfüge und weiter gehe…

Tage sind ja meist eher alltäglich. Zumindest meine. Und ich muss gestehen, dass ich froh drum bin, da das Leben – zumindest meines – genug Neues bereit hält, und ich das restliche Neue gerne selber bestimme. Und: Ich erzähle davon, wenn es erzählenswert ist, ich muss nicht ausgefragt werden.

Aber ich las weiter. Nicht lange, schon stiess ich auf das nächste Widerworte Provozierende: „Ganz der Vater“ war es überschrieben. Mein Papa erzählt immer, dass er ungern spricht, darum im Militär immer der Erste war, der telefonieren durfte, weil alle wussten: Er hält sich kurz. Nur: Immer, wenn ich zu Besuch bin, denke ich so innerlich, wie schön ruhig es zu Hause ist, da Papa erzählt und erzählt und erzählt – unter anderem jedes Mal die Geschichte vom Militär.

Ich lese nun nicht mehr weiter, da ich weiss, ich käme nicht weit, schon würde sich wieder ein „Aber“ regen. Und ich möchte heute keinen Roman mehr schreiben, denn eigentlich hatte ich ja beschlossen, überhaupt keinen mehr schreiben zu wollen, da ich schlicht nicht zum Romanschreiben geschaffen bin, sondern lieber mal kurz in die Welt rufe, was mir so durch den Kopf geht. Und das habe ich hiermit getan.

Nur: Durch den Kopf geht mir nun die Frage, ob ich nicht im Innersten eigentlich ein schweigsamer Mann sei… irgendwie finde ich mich darin wieder…

Ein Morgen in München

Ich bin soeben aufgewacht. Die Nacht war tief und ruhig gewesen, geborgen. Als ich die Augen aufschlug, brauchte ich einen Moment, um zu wissen, wo ich war. Ich schaute mich um, sah die Teppiche, Bilder, braunen Holzregale, die vielen Bücher. Ich roch den Geruch, er hatte was von Mottenkugeln, von alt, auch was Beruhigendes. So wie du. Nun wusste ich, wo ich war. Gestern angekommen, hast du mich am Bahnhof abgeholt. Wir fuhren durch viele Strassen, du bogest wild ab, redetest unentwegt, erzähltest, wo wir genau waren, was du die ganze Woche gemacht hattest, wie du dich freutest, dass ich da war, was wir machen würden dieses Wochenende. Ich war still – und glücklich, da zu sein. Bei dir. In meiner Lieblingsstadt.

Ich lauschte. Alles war ruhig. Du schliefst wohl noch. Ich lag regungslos da, wollte dich nicht wecken, wusste auch nicht, was sonst tun. Du warst mir so nah, hier war mir alles fremd. Ich fühle mich unwohl an fremden Orten. Selbst wenn die Orte mir nahen Personen gehören. Es war kalt im Raum, ich mummelte mich in meine Decke. Plötzlich standst du in der Tür, fragtest, ob ich gut geschlafen hätte, lächeltest mich an. Deine Augen, braun und warm. Der Ort fühlte sich nicht mehr fremd an, ich fühlte mich zuhause. Ob ich Frühstück wolle. „Nur Kaffee“, antwortete ich. Gewohnheitstier, das ich bin, behielt ich wenigstens hier das Vertraute bei. Fast schon entschuldigend sagtest du, dass du was essen würdest, und du präsentiertest mir stolz deinen Toaster. Eine Bratpfanne, zwei Gabeln, Toastbrot drauf. Du lächeltest mich spitzbübisch an. Ich wusste schon da, dass ich diesen Toaster nie in meinem Leben vergessen werde.

Rückschau

Manchmal schaue ich zurück und frage mich, ob ich auf meinem Lebensweg die richtigen Abzweigungen genommen habe. Ich schaue meine einzelnen Wege an und sehe zu, wo ich zögerte, gar anhielt, wo ich durcheilte oder abbrach, umdrehte und neu suchte. Ich frage mich, was passiert wäre, hätte ich nicht gezaudert, sondern wäre forsch drauf losgeschritten. Was, wenn ich nicht abgebrochen, sondern durchgebissen hätte. Wäre ich glücklich geworden, wäre ich nicht geeilt, sondern hätte mir Zeit gelassen, vielleicht auch mal innegehalten?

Bei all den Fragen schelte ich mich, dass es nichts bringt, sie zu denken, da ich nichts ändern kann. Ich könnte nichts rückgängig machen, selbst wenn ich etwas als Fehler registrierte. Vielleicht könnte ich umdrehen und versuchen, einen anderen – damals ausgeschlagenen – Weg heute zu gehen. Mit der Weisheit von heute könnte ich ihn meistern, wenn ich damals dachte, er sei nicht gangbar. Nur: Es würde mir nicht zeigen, was passiert wäre, wenn ich ihn damals gegangen wäre, da ich heute nicht mehr bin, wie ich damals war, und heute die Situation eine andere ist.

Vielleicht könnte ich, wenn schon nichts ändern, aus den Gedanken etwas lernen. Ich könnte lernen, wie ich mit einer Situation umgehen sollte, würde sie mir nochmals begegnen. Ich könnte Handlungsmuster bilden und die dann anwenden, wenn ein passender Fall einträte. Nur sind neue Fälle selten ganz identisch mit alten und wir neigen dazu, genau die Differenzen hochzuhalten, um uns nicht an Lehren aus der Vergangenheit zu halten.

So gesehen bringt es wohl wirklich nichts, sich zu fragen, ob, was man mal tat, richtig war, ob das, was man mal dachte, zutraf, ob der Weg, den man gegangen ist, wirklich der beste war oder ob es einen besseren gegeben hätte. Trotzdem zieht man ab und an Bilanz. Denkt zurück. Denkt an schöne Zeiten, an weniger schöne. Weint vielleicht, lacht zwischen Tränen, ist ab und an dankbar für Begegnungen und genutzte Chancen, flucht über verpasste und schimpft auf Enttäuschungen und böse Begegnungen. Mit all diesen Gefühlen bilden wir uns selber, machen uns zu dem, der wir sind. Wir erzählen uns unsere eigene Geschichte und glauben, der zu sein, der daraus resultiert.

So mancher Weg, den wir von heute an gehen, wird irgendwann Teil dieser Gedanken sein. Er wird Teil unserer eigenen Geschichte sein, die wir anderen erzählen, wenn wir nach unserem Leben gefragt werden, die wir uns erzählen, wenn wir selber hinterfragen, wer wir sind und wie wir dahin kamen, wo wir heute stehen. Und vielleicht sind wir nicht jeden Tag glücklich und denken ab und an: Was wäre bloss geworden…. Allein: Wir wissen es nicht und das ist vielleicht auch gut so.

Tröstlich ist, dass es auch bei einer anderen Wahl sicher einen Tag gegeben hätte, an dem wir uns gefragt hätten, ob nicht der Weg, den wir nun effektiv gewählt haben, der bessere gewesen wäre. Und da wir damals gute Gründe hatten, den zu wählen, den wir unter die Füsse nahmen, sollten wir vielleicht darauf vertrauen (und damit uns selber vertrauen), dass es damals der richtige war. Hinterher sind wir alle klüger. Das meinen wir zumindest bis zum nächsten Hinterfragen.

Wände

Ab und an verreisen meine Gedanken einfach. Ferien machen sie dabei nie, im Gegenteil, sie laufen auf Hochtouren. Sie drehen sich um die Themen, die bewegen, laufen dabei nie rund, sondern ecken an. Und immer, wenn sie wieder stocken, drehen sie noch mehr, weil sie diesen Stau überwinden wollen, sich nicht damit abfinden können, dass es nicht weiter geht. Und man sitzt drin im Strudel und sieht ihn drehen und fragt sich wo er endet. Und ab und an sieht man das Ende, das man haben will und sieht den Weg nicht und sieht das Drehen und fragt sich, wie es aufhören könnte und einfach auf das Ziel zugehen, das richtig wäre.

Doch die Gedanken sind frei und will man sie packen, entziehen sie sich, wie Fische mit glitschigen Schuppen, wie Schmetterlinge im grossmaschigen Netz. Man weiss, man kann sie nicht aufhalten und alles Beschwichtigen  hilft nicht. Alles Ablenken wird nicht zur Erleichterung, sondern zur Qual, weil man den Weg des Drehens als noch länger sieht durch die Unterbrechung. So schwer das Drehen fällt, so wichtig ist es, weil man das Ziel will, das so fern scheint und doch so präsent. Und man denkt sich die  verschiedenen Möglichkeiten und sieht sie klar, so klar, dass man sie nur noch ergreifen müsste und doch kann man es nicht, weil man gegen unsichtbare Wände prallt.

Die Wände sind alt, sie sind errichtet durch die Zeit. Die Zeit der Entbehrungen, die Zeit der Entfremdungen, die Zeit der Abwertungen durch einen selber, durch die anderen, durch niemanden als Gefühle, die als nicht genügend werteten, als nicht ausreichend, nicht fähig, unfähig. Es sind Wände, die den Fluss der Gedanken stoppen und den Weg zum Ziel versperren. Wände, die so hoch sind, dass sie unüberwindbar scheinen und doch will man nicht aufgeben, weil man weiss, dass auf der anderen Seite eigentlich das wäre, was man will, was man muss, ohne das man nicht ist, was man sein will, sein kann, ist. Wäre wenn. Man sie überwände. Die Wände.