Carola Saavedra: Landschaft mit Dromedar

Alex und Erika, ein Künstlerpaar, eine junge Frau, Karen, die sich zu ihnen gesellt. Eine Dreiecksbeziehung, in der jeder seine Rolle hat, die er selber nicht klar erkennt, die er aber ausfüllen muss, damit die Beziehung funktioniert.

Ich denke, mittlerweile hast du begriffen, dass es genau diese Momente sind, in denen alles vollkommen scheint, die den schrecklichsten Ereignissen, den schlimmsten Tragödien vorausgehen. Vielleicht hat jedes Glücksgefühl einen falschen Boden, eine künstliche Tonalität, und ist nur dazu da, einen Kontrast zu bilden zu dem, was kommt.

Karen stirbt und mit ihrem Tod ändert sich alles. Die Beziehung, die schon vor Karen bestand, scheint ohne sie nun nicht mehr zu funktionieren.

Ich habe grosse Angst, wie das sein wird, wir ohne Karen. Ich versuche, mich daran zu erinnern, wie es vorher gewesen war, aber ich kann es nicht.

Erika flieht auf eine Insel, kapselt sich ab von ihrer Vergangenheit, von Alex. Auf einem Tonbandgerät nimmt sie ihre Gedanken, ihr ganzes Leben auf der Insel auf – sie spricht auf diese Weise zu Alex, den sie in Wirklichkeit meidet.

Das Leben, das einmal war, erscheint plötzlich als sinnlos,  Kunst als wertlos. Erika sehnt sich nach den wirklichen Leben und sie sucht es sich, gibt sich hinein. Sie fühlt sich wohl, findet den ersehnten Schutz, auch wenn sie nicht weiss, wovor.

Wovor hatten wir Angst? Wovon haben wir uns bedroht gefühlt? Vielleicht von uns selber?

Landschaft mit Dromedar ist die Geschichte einer Suche. Erika sucht den Sinn des Lebens, sie sucht ihr Leben und sich selber. Sie hinterfragt, was war, fragt sich, was in ihrem Leben wirklich ihr Anteil war und was von aussen kam. Sie verliert sich selber in diesen Fragen, erfindet sich neu, um das Heute bestehen zu können. Und langsam findet sie so die Zuversicht, dass es ein Morgen gibt und nimmt den Weg dahin in die Hand.

Mit viel Feingefühl lässt Carola Saavedra Erika ihre Geschichte in 22 Tonbandaufnahmen erzählen. Man nimmt als Leser eine Geräuschkulisse wahr, wird selber zum Zuhörer und findet sich in der Position, sich selber die Fragen zu stellen, die sich Erika stellt. Es sind Fragen des Lebens, Fragen, die jeden betreffen. „Wer bin ich? Wie will ich sein? Was ist mein Weg? Was ist die Liebe?“ Aus diesen Fragen, Gedanken und Erinnerungen entsteht ein Roman, der Lebenslügen aufdeckt und neue erschafft, um sie wieder zu durchschauen.

Fazit:
Ein nachdenkliches, ein tiefes Buch, eines, das Fragen stellt, einen zum sich selber hinterfragen anregt. Sehr empfehlenswert.

 

Zur Autorin
Carola Saavedra
Carola Saavedra wurde 1973 in Santiago (Chile) geboren und lebte ab ihrem dritten Lebensjahr in Brasilien, wo sie Journalismus studierte. Nach je einem Jahr in Spanien und Frankreich, studierte sie in der Folge Publizistik in Deutschland. Heute lebt Carola Saavedra als Schriftstellerin und Übersetzerin in Rio de Janeiro. Auf Deutsch erschienen ist von ihr Landschaft mit Dromedar (2013), auf Portugiesisch Toda Terça (2008) und Flores Azuis (2008).

ABB_SaavedraLandschaftmitDrome_978-3-406-64709-3_1A_CoverAngaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 175 Seiten
Verlag: C.H.Beck Verlag (13. März 2013)
Übersetzung: Maria Hummitzsch
ISBN: 978-3406647093
Preis: EUR  17.95/ CHF 28.90

 

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Ein Apfel pro Tag

Ich nehme einen Apfel aus der Schale und betrachte ihn gedankenverloren. Er ist rot-gelb, sehr klein, sehr fest. Er hat diese leichte Maserung von oben nach unten, längliche Striche, einige kürzer, andere länger. Oben der Stiel, unten die kleine Fliege. Wieso heisst die Fliege Fliege? Heisst sie auf Hochdeutsch auch so? Ich überlege und weiss es nicht. Ich weiss auch gar nicht mehr, wie der Teil mit den Kernen drin auf Hochdeutsch heisst. Bitschgi heisst er bei uns. Wobei, was ist bei uns? Schon einige Kilometer nebenan heisst er anders. Bütschgi ist dabei noch die kleinste Variation.

Woher er wohl kommt, der kleine Apfel? Vermutlich war es am Regal im Supermarkt angeschrieben, ich habe es schlicht nicht beachtet. Ich hätte es beachten müssen. So konnte ich gar nicht wählen zwischen heimischen und fremden Äpfeln. Gibt es momentan überhaupt heimische Äpfel? Oder kommen die alle von irgendwo her? Vielleicht aus Israel. Ich stelle mir einen israelischen Bauern vor, wie er Äpfel erntet. Oder aus Afrika? Gibt es in Afrika Äpfel? Vielleicht hat der erntende Bauer gerade Streit mit seiner Frau. Vielleicht kennt er die Geschichte vom Schneewittchen und will sie an sein Leben anpassen, indem er der bösen Ehefrau den vergifteten Apfel bringt. Und so betrachtet er sehnsüchtig die rote Backe des kleinen Apfels, denkt sich aus, was er damit alles tun könnte, stellt sich die grosse Freiheit vor, die ihn erwarten würde, ohne Zank und ohne Zeter zu Hause.

„Dann packe ich meine Koffer, steige ins Boot und fahre, wohin der Wind mich treibt.“ So denkt er vielleicht. Wobei, das würde bedingen, dass er ein Boot hat und am Meer lebt. Wieso eigentlich nicht? Ein Segelboot muss es sein, denn sonst ist der Wind relativ nutzlos beim Vorwärtskommen. Ich bin noch nie mit einem Segelboot gefahren. Eine Freundin erzählte mir mal, es wäre ihr grösster Wunsch, die Segelprüfung zu machen. Sie erzählte von Wind und Meer und Freiheit. Ich sehe flatternde Haare vor mir und weiss, dass das nichts für mich wäre. Ich mag keinen Wind. Bei Wind friere ich immer. Sogar im Sommer finde ich Wind unangenehm. Die Haare im Mund und über den Augen kommen noch dazu. Die fliegen immer. Kein Erbarmen. Nicht mal Haarklammern helfen. Das machen die extra.

Mein Bauer hat vermutlich eine Glatze, darum fährt er gerne mit dem Segelboot. Ich beneide ihn. Aber vielleicht stammt der Apfel auch gar nicht von einem Bauern mit Segelboot in Afrika oder Israel. Vielleicht stammt der Apfel aus der Schweiz. Irgendwo aus dem Wallis. Wobei, das Wallis ist besser bekannt für Trauben und Aprikosen. Ich erinnere mich an meine letzte Fahrt durch die Rebberge. Es war im Winter und die Reben waren kahl und ohne Trauben. Der Gedanke an den Wein, der aus den damals nicht vorhandenen Trauben gewonnen werden könnte, liess mir doch das Wasser im Mund zusammen laufen. Ich mag Wein. Wenn er gut ist. Wallisser Wein ist sicher gut, noch lieber mag ich aber anderen Wein. Und vor allem mag ich roten Wein. Früher war ich mehr dem weissen zugetan, das hat irgendwann gedreht. Ich weiss nicht einmal wieso. Hätte Wein keinen Alkohol, ich könnte den täglich trinken. Aber das sollte man nicht tun, das wäre ungesund. So heisst es zumindest. Man streitet sich zwar, ob ein Glas pro Tag nicht doch gesund sei. Nur: es ist so schwer, nach dem einen Glas aufzuhören. Man sitzt grad so gemütlich da, eines ist auch keines und schwupps, sind es zwei, drei… Und mir wird so schnell übel. Ich vertrage nichts. Darum ist es besser, nicht täglich Wein zu trinken. Täglich einen Apfel zu essen ist aber gesund.  Man braucht dann keinen Doktor mehr. Ich beisse in die rote Backe. Zum Glück ist mein Mann kein Apfelbauer mit Schneewittchenphantasien und Segelboot.

Mühlen des eigenen Denkens – eine Ode an die Freiheit…

BildEntscheidungen – sie fällen zu können bedeutet Freiheit. Freiheit der Wahl. In ihr bestünde die Würde des Menschen, sagte Max Frisch einst. Jeder will sie, jeder sucht sie, doch dann und wann kann sie auch zuviel werden. Wenn die verschiedenen Optionen drehen, man nicht mehr ein noch aus weiss. Wenn man abwägt und vergleicht, Gründe dafür und dagegen findet, die sich dann doch wieder im Wege stehen gegenseitig. Was hier gut ist, fehlt beim anderen, dafür mangelt es an etwas, das bei anderen gut wäre.

Am Schluss sitzt man da, das Hirn eine schmerzende und qualmende Mördergrube. Man geht dahin und holt sich Ratschläge von aussen – oder versucht es zumindest. Meist merkt man, dass jeder seine eigene Sicht der Dinge hat. Das ist grundsätzlich gut und erwünscht, allerdings bringt sie wenig, wenn die eigene dabei auf der Strecke und ungehört bleibt. Man wünscht sich einen Rat, was für einen selber gut wäre und hört nur, was andere sich für sich wünschen.

Am Schluss sitzt man mit noch mehr drehendem Kopf und noch weniger Plan. Man fühlt sich alleine und unfähig, überhaupt noch zu denken. Man weiss nicht mal mehr, wer man selber ist, was man selber will. Ist zerrieben zwischen den verschiedenen Möglichkeiten, die alle etwas für und viel gegen sich haben. Sieht bald nicht mehr, was überhaupt noch gut ist und was schlecht. Zurück bleibt ein Gefühl der eigenen Kleinheit und Unentschiedenheit. Man möchte die Decke über den Kopf ziehen und gar nichts mehr denken.

Leider schalten die Gedanken nicht ab. Sie verfolgen bis in den Traum. Man sieht sich verfolgt von den Männern der einen Option, flieht, versteckt sich, wird aufgestöbert. Man will sich schützen, verteidigen, sieht sich alsbald die Verfolger mit einer Waffe in die Flucht schlagen, um dann aufzuwachen und zu merken, dass sie noch immer da sind. Nun wieder als blosse Gedankenmühlen und nicht mehr in geträumter Personengestalt, damit aber nicht weniger bedrohlich.

Der Rat, mal drüber zu schlafen, hilft also nicht wirklich. Die Sache mal setzen zu lassen, ganz etwas anderes zu tun, lässt sich gut sagen, die Praxis stellt sich schwieriger an. Und so dreht man sich, kommt zum Schluss, verwirft ihn, denkt weiter, fühlt sich so gar nicht frei, sondern eher gefangen in den eigenen Gedanken und wünschte sich fast, die Freiheit setzte einmal aus und man wäre fast gezwungen, etwas zu tun. Der Wunsch ist kurzsichtig und wenig ernst, denn wenn man sich zwingen lassen wollen würde, könnte man auch einfach die eine Option wählen und denken, das sei so gemusst.

Was hilft bei Gedankendrehen? Wie finde ich die Lösung? Meine Lösung? Tipps herzlich willkommen.

litteratour goes denkzeiten

Bücherwelten zieht um. Ich habe beschlossen, all meine Tätigkeiten unter einen Hut zu bringen und werde fortan auf meinem Blog „Denkzeiten“ neben den philosophischen Themen auch Rezensionen und Gedanken zu Büchern und Literatur posten. 

Die Trennung zwischen Philosophie und Literatur fiel mir von jeher schwer, da in meinen Augen diese Welten nicht trennbar sind, sondern sich befruchten. Während die Philosophie versucht, in klaren und logischen Gedankengängen Theorien aufzustellen und Anleitung zur Verbesserung von Problemen zu geben, behandelt die Literatur diese Theorien und Probleme in einer spielerischen, künstlerischen Form. Oft setzt sie da an, wo die Philosophie an eine Grenze stösst, weil Worte allein nicht mehr reichen. Dafür kann die Philosophie helfen, gewisse Gedanken, welche in der Literatur unterschwellig mitlaufen, ans Licht zu bringen und zu durchleuchten. Wieso also die beiden trennen? 

Bis Anfang 19. Jahrhundert waren sämtliche Disziplinen wie Juristerei, Medizin, Literatur, Psychologie Teile der Philosophie. Danach fingen die einzelnen Disziplinen an, sich zu spezialisieren und abzugrenzen. Ich setze hiermit wieder mehr auf Interdisziplinarität. Nicht weil ich denke, dass eine Disziplin höher oder besser wäre als die andere, sondern im Gegenteil, weil ich denke, dass sie sich gegenseitig befruchten können. 

Es wäre schön, wenn mir die Leser dieses Blogs zu meinem neuen/alten folgen würden:

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Walter Kappacher: Rosina

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Als junge Frau vom Land wünscht sich Rosina nichts sehnlicher als in die Stadt zu gehen. Ohne ihre Mutter zu informieren, bewirbt sie sich auf Stellen in der Grossstadt und ergreift die sich ihr bietende Chance, in die grosse weite Welt hinauszugehen. Ihre Mutter nimmt ihr das übel, was einen Bruch in ihrer Mutter-Tochter-Beziehung bedeutet.

Jetzt war sie beinahe schon zwölf Jahre von Saalfelden fort. Das Gesicht der Mutter war zum ersten Mal eingefroren, als ihr Rosina freudestrahlend den Brief der Firma Fiedler gezeigt hatte, […] Monatelang hatte sie die Stellenanzeigen gelesen und sich auch einige Male beworben. Vor lauter Überschwang hatte sie vergessen gehabt, dass sie mit Mama noch gar nicht über ihre Pläne gesprochen hatte.

Das Leben meint es gut mit Rosina, sie kann mit viel Einsatz und Ehrgeiz die Karriereleiter hinaufklettern. Dass sie einmal andere Träume hatte für ihr Leben, geht dabei fast vergessen. Sie lebt ihr Leben auf der Überholspur, lässt sich auf ihren Chef ein, dessen Aufmerksamkeit bald weniger wird. Der grosse Bruch im Leben Rosinas kommt mit einem Unfall, der sie auf sich selbst zurückwirft und ihr zeigt, worauf sie alles verzichtet hat im Leben. Tapfer geht sie in ein neues Leben zurück, fängt nochmals neu an, schickt sich in ihr Schicksal.

Das Buch ist in der dritten Person doch aus der Sicht Rosinas erzählt. Als Leser erfährt man in kurzen, teils sehr kurzen Sequenzen, was in ihr vorgeht, was sie bedauert, womit sie hadert, was sie über ihr Leben denkt. Das Buch wirkt durch diese kurzen Sequenzen sehr unruhig, es flippt teilweise wild hin und her, lässt den Leser atemlos hinterherkommen, sich ab und an fragen, wo er gerade steht, was nun passiert, wie er alles einordnen soll. Der Autor zeichnet das Bild einer Frau, die sich irgendwo selber verloren hat und erst wieder findet, als es sie alles verloren hat, was ihr vorher wichtig zu sein schien.

Sie war keine Chefin mehr, hatte nichts mehr zu sagen. Wenn sie heute ihre Stellung bei der Allianz aufgab, würde ein paar Tage später eine andere Frau vor der Olivetti sitzen. Sie war austauschbar wie eine Schreibmaschine. Austauschbar, das war sie auch als Sekretärin gewesen, nur hatte sie nie an so etwas gedacht. Waren sie nicht alle austauschbar?

Fazit:

Ein unruhiges, bewegtes, nachdenkliches und emotionslos emotionales Buch. In einer schlichten Sprache wird die Geschichte einer Frau erzählt, die hoch fliegt, tief fällt und daraus viel über sich erkennt. Lesenswert.

Angaben zum Buch:

Taschenbuch: 128 Seiten
Verlag: dtv 2013
Preis: EUR: 8.90 ; CHF 12.90

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