Franz Marc (8.2.1880 – 4.3.1916)

Vom Suchen und Finden eines Malers

Franz Marc wurde am 8. Februar 1880 in München geboren. Sein Vater war Professor an der Akademie der Schönen Künste, doch Franz zog es zuerst zum Priestertum, dann liebäugelte er mit einem Philosophiestudium, bis er sich schliesslich doch für Kunst entschied.

„Das Leben hat gegenwärtig für mich keinen anderen Sinn als den, es durch meine Malerei zu übertönen (eigentlich müsste ich sagen, ‚zu übermalen’) und alle leidenschaftlichen Lebensinstinkte zu ersticken.“

Diese Zeilen schrieb Franz Marc an seinen Bruder Paul. Sie stammen aus einer Zeit, da Franz Marc ein Suchender war. Er stand zwischen drei Frauen und konnte sich nicht entscheiden. Was er wusste war nur, dass er Künstler sein will, nicht aber, wie sein Ausdruck, was seine künstlerische Stimme sei. Er liess sich treiben, auf beiden Feldern, schwankte zwischen Farben und Formen und zwischen den Frauen hin und her. Und: Er wurde schwermütig dabei.

„Ich bin nervös und schwermütig; je weniger einsiedlerisch mein Leben scheint, desto einsamer ist es. Ich glaube, ich habe noch ein unruhevolles Dasein vor mir.“

Franz Marc heiratete, allerdings die Falsche, wie sich später herausstellen sollte. Aber zuerst reiste er noch nach Paris, was in der Zeit das Kunstmekka schlechthin war. Alle waren sie da, die Rang und Namen hatten. Was er da sah, beeindruckte ihn sehr, allen voran Gaugin und van Gogh. Dieser Besuch brachte ihn auch in seinen Stilfragen weiter, die vormals naturalistischen Darstellungen schwanden durch die Einflüsse des Impressionismus und Pointilismus mehr und mehr.

«Es gibt keine »Gegenstände« und keine »Farbe« in der Kunst, sondern nur »Ausdruck«.»

Schliesslich kam Franz Marc mit Maria Franck zusammen und langsam zur Ruhe. Gemeinsam zogen sie aus München weg aufs Land. Franz Marc legte einen Schaffenseifer ans Licht wie nie zuvor. Er malte von morgens bis abends, fand in den Tieren seine Sujets und brachte diese in einem immer klareren und eigenen Stil auf die Leinwand. An den Tieren liebte er ihr harmonisches Leben mit der Natur. Er bildete dabei nicht einfach die Tiere ab, sondern wollte die Welt aus deren Sicht zeigen.

«Blau ist das männliche Prinzip, herb und geistig. Gelb ist das weibliche Prinzip, sanft, heiter und sinnlich. Rot die Materie, schwer und brutal und stets die Farbe, die von den anderen Farben bekämpft werden muss.»

Die Farben dienten ihm da als Ausdruck der verschiedenen Energien und Temperamente.

Nach immer grösseren Dissonanzen im Umfeld der Neuen Künstlervereinigung München, deren 3. Vorsitzender Franz Marc war, kam es zur Geburtsstunde des Blauen Reiters, mit von der Partie waren neben Wassily Kandinsky Gabriele Münter, Alexeji Jawlensky, August Macke, und einige mehr.

Das Leben hätte so weitergehen können, die Schaffenskraft war gross, das Leben mit Maria harmonisch, seine Freundschaften nährend (zu erwähnen wäre hier noch Else Lasker-Schüler, mit der ihn eine tiefe Freundschaft verband, aus welcher ein wunderbarer Briefwechsel mit Zeichnungen der beiden erhalten ist), wäre nicht der Krieg dazwischen gekommen. Marc wurde einberufen und kam darin um. Es war ihm kein langes Leben beschieden gewesen, zu dem Zeitpunkt war er erst 36 Jahre alt. Hinterlassen hat er eine wunderbar bunte Bilderwelt, die bis heute nichts an ihrer Anziehungskraft verloren hat.

Buchempfehlung: Wilfried F. Schöller, Franz Marc
Franz Marcs Leben und Schaffen ist wohl eines der gut beleuchteten. Wilfried F. Schoeller hat mit seinem Buch nicht einfach eine weitere Biografie unter vielen geschaffen, er hat tiefer gegraben, genauer hingeschaut und unbarmherziger (aber nie bösartig oder abschätzig) ans Licht geholt, was Franz Marcs Leben bewegte, wie er seinem Schaffen gegenüber stand und wie er seinen Weg ging.

Entstanden ist ein Buch, das die gängigen Klischees und tausendfach erzählten Geschichten hinter sich lässt. Es wird ein Künstlerleben plastisch, das von Widersprüchen, Zweifeln, Depressionen und Schaffenskraft zeugt. Auch die Zeit beim Blauen Reiter darf natürlich nicht fehlen, die für Franz Marc eine wegweisende war. Aus der folgenden Zeit stammen die Bilder, die in der Folge am Bekanntesten werden sollten, die als Reproduktionen Wohnzimmer und Postkarten zierten und die noch heute Scharen von Besuchern in die Museen locken.

Die vorliegende Biografie ist ein Buch über das Leben und Schaffen, über die Inspirationen und Wegbegleiter, über Freundschaften und Liebe des Künstlers sowie über den Menschen Franz Marc mit seinen Gedanken, Theorien und Zielen. Das Buch ist zudem sehr schön illustriert mit Zeichnungen und Fotos sowie mit einem Mittelteil versehen, der Franz Marcs Bilder zeigt, auf welche im Text verwiesen wird. Den Abschluss machen ein Register aller zitierten Werke sowie eine ausführliche Liste weiterführender Bücher.

Mein Fazit: Ein Standardwerk – Genauer und detaillierter kann man das Leben und Schaffen eines Künstlers nicht erzählen. Sehr empfehlenswert.

Tagesgedanken: „Erkenne dich selbst“

Ich bin teilweise zu impulsiv. Etwas passiert, fällt auf einen Boden, der durch Muster und Prägungen vorbereitet, mit Ängsten und (Selbst-)Zweifeln gepflastert ist, und schon explodiert von tief innen etwas und bricht aus mir heraus. Kurze Zeit später kommt die Einsicht, dass dies erstens unnötig, zweitens unangemessen und drittens beschämend war. Das innere Hadern um das eigene Fehlverhalten, das neben der Erkenntnis, eine Zumutung für die Welt und mich selber zu sein, setzt sich auf den Boden der Prägungen und verstärkt die eigenen Ängste und (Selbst-)Zweifel und schon haben wir das Perpetuum Mobile des eigenen Unglücks beisammen. 

„Erkenne dich selbst“ steht am Apollotempel in Delphi geschrieben. Heraklit hat den Gedanken auch geäussert:

«Allen Menschen ist es zuteil, sich selbst zu erkennen und verständig zu denken.»

 In dieser Selbsterkenntnis liegt die Chance, Möglichkeiten von Wandlungen zu erkennen. 

„Denn nur was Innen erkannt und integriert ist, verhindert, dass es sich aus dem Unbewussten nach Aussen wendet und uns dort schicksalshaft gegenüber tritt. Es lässt sich dauerhaft keine Versöhnung und kein Frieden mit anderen Menschen, anderen Kulturen, anderen Lebensformen herstellen, wenn ich im Innen nicht von mir selbst erkannt bin und den grossen Schritt zur Versöhnung mit mir selbst gewagt habe.“

Versöhnung ist wohl ein zentraler Punkt. Wenn ich nicht mit mir versöhnt bin, wird das innere Hadern, Zweifeln, Nagen immer wieder neuen Boden für Verhaltensweisen legen, die nicht der Situation, sondern eigenen Wunden geschuldet sind. Diese Wunden zu erkennen, hilft, mit mir selber und mit anderen in eine wirkliche Beziehung zu treten, die aus dem Moment heraus gelebt ist und nicht aus blinden Tiefen heraus immer wieder torpediert wird. Das Gute daran: Wir können es aus uns heraus schaffen, denn nur in uns liegt der Hund begraben:

„Aus der Kraft des Geistigen geben wir uns selbst die Freiheit, das zu werden, was an Möglichkeiten in uns ruht…. Der Gedanke allein schon führt zur Wandlung und Verwandlung. Gedanken schaffen Wirklichkeit.“

Wir leben in einer Welt der Machbarkeit, des Strebens nach mehr, das auch vor einem selbst nicht halt macht. Selbstoptimierung ist das Ziel, dazu stellen wir uns täglich auf die Waage, um ja die Kontrolle zu bewahren, zählen unsere Schritte und den Puls kontinuierlich durch Uhren am Arm, die gleichzeitig auch noch das Geschehen der Welt ständig bereit halten und die eigene Erreichbarkeit rund um die Uhr garantieren. Kein Wunder, gehen wir hart ins Gericht mit uns, wenn wir nicht so funktionieren, wie es unserem idealen Selbstbild und den gefühlten Erwartungen von aussen entspricht.

Was dabei verloren gegangen ist, ist die Demut, das Wissen um die eigenen Grenzen, die Einsicht, dass Idealvorstellungen genau das sind: Vorstellungen. Albert Schweizer sagte einst:

«Alles Leben ist heilig.»

Dazu muss es nicht perfekt oder ideal sein, es reicht sich auf die eigenen Möglichkeiten zu besinnen und diese nach besten Kräften zu verwirklichen – immer im Wissen, dass man dabei auch scheitern kann, was aber kein Weltuntergang ist, sondern nur der Ansporn, es weiter zu versuchen. Das bedarf der immer wiederkehrenden Innenschau, des Nachdenkens über sich und sein Sein.

«Das Denken führt in die Bewältigung des Gegebenen und Gewordenen.»

Und aus der Erkenntnis können wir wachsen. Nicht zu einem Ideal, aber zum besten Ich, das wir sein können und wollen. Das mag nicht allen anderen gut genug sein, weil es deren Idealvorstellungen von Menschen nicht entspricht, nur ist es nicht unsere Aufgabe, diesen zu entsprechen.

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Buchempfehlung: Claus Eurich: Endlichkeit und Versöhnung, Claudius Verlag, München 2011. (Alle Zitate ausser dem von Heraklit stammen aus dem Buch)

Alois Prinz: Das Leben der Simone de Beauvoir

Inhalt

«Mit der Geburt beginnt für sie das ‘Drama eines jeden Existierenden’. Dieses Drama besteht darin, dass jedes Kind hineingeboren oder, existenzialistisch ausgedrückt, ‘geworfen’ wird in eine Welt, die ohne sein Zutun entstanden ist und die voller Erwartungen und Vorherbestimmungen ist. Gleichzeitig hat es einen natürlichen Drang, die Welt zu erforschen und eigene Bedürfnisse und Wünsche auszubilden. Das führt zu einem Konflikt, der schon in den ersten Kinderjahren zu spüren ist und der sich in späteren Jahren zu Kämpfen um die eigene Identität steigern kann.»

Simone de Beauvoir wuchs in einem konservativen Haus voller Vorschriften und Verbote auf, in welchem klar geregelt ist, wie man sich zu verhalten hat, vor allem, wenn man ein Mädchen ist. Passt sich die junge Simone mehr und mehr an, wird zur gehorsamen, strebsamen Tochter, fühlt sie sich in dieser Rolle schon bald immer eingeengter und ein Wunsch wächst heran: Sie will frei sein.

«…Freiheit ist für sie ein Faktum. Jeder Mensch findet sich als freier Mensch vor. Für das Kind ist diese Freiheit noch verborgen, weil Eltern und Erzieher über es bestimmen und es noch keine Verantwortung kennt. Spätestens der junge Erwachsene muss sich dieser Freiheit stellen. Frei sein bedeutet zu erkennen, dass es keine absoluten Werte gibt, auch keinen Gott. Es bedeutet, dass das Leben keinen Sinn hat, sondern dass jeder Einzelne seinem Leben einen Sinn geben muss.»

Das Thema der Freiheit wird sie denn auch ein Leben lang begleiten. Daneben weiss sie auch bald, dass sie schreiben will, dass sie ihr Leben selber in die Hand nehmen und unabhängig führen möchte.

Ihr Weg führt über ein Studium der Philosophie hin zum Lehrerberuf, auf diesem Weg begegnet sie Sartre, mit dem sie das Leben lang in einer für die Aussenwelt merkwürdigen und darum immer wieder mit neuen Etiketten bedachten Beziehung lebt. Neben Sartre säumen viele Freunde und Freundinnen, Liebschaften und Lebensbegleiter ihren Weg. Sie setzt sich ein für das, was ihr wichtig ist, sie schreibt unermüdlich, sie reist viel, sie hinterfragt sich und die Welt, sie lebt das Leben, das ihr vorschwebt und macht aus dem, was sie in dieses Leben mitbringt das, was sie daraus machen will und kann. Damit lebt sie ihren eigenen existenzialistischen Gedanken, nämlich den, dass ein Mensch mit Voraussetzungen in diese Welt kommt und es in seiner Verantwortung liegt, was er daraus – und damit aus sich – macht.

Simone de Beauvoir sieht sich als Literatin, nicht als Philosophin. Das ist keine Abwertung für sie, wie es oft gelesen wurde, denn sie sieht in der Literatur die Möglichkeit, Dinge nicht abstrakt und theoretisch zu erörtern, sondern sie in die Lebenserfahrungen von Menschen einzubauen durch die Geschichten, die sie erzählt. Das tut sie aber auf eine so tiefgründige und kluge Art, dass les- und spürbar ist, was das Thema dahinter ist. Neben ihren Romanen ist Simone de Beauvoir auch Verfasserin einer Unzahl von Essays, Reiseberichten, eines Theaterstücks und mehr.

Weitere Betrachtungen
Alois Prinz erzählt das Leben von Simone de Beauvoir auf eine zutiefst menschliche, tiefgründige und lebendige Weise. Er stellt ihr Leben in den Zusammenhang der Zeit, erzählt von ihren Erfahrungen in dieser, von ihren Beziehungen, von ihren Sorgen, Nöten, Selbstzweifeln. Er zeichnet das Bild einer intelligenten, spannenden, sich ständig hinterfragenden, das Leben liebenden und lebenden Frau, welche mit Neugier und Ehrgeiz versucht, das beste Ich aus sich zu machen, zu dem sie fähig ist.

Simone de Beauvoir ist eine Frau, die ihr Menschsein ernst nimmt und die Aufgabe, die dies an sie stellt, aktiv angeht. Sie versucht, ihre (menschlichen und moralischen) Ansprüche umzusetzen, um als verantwortungsbewusste, selbstbestimmte, interessierte, engagierte und vor allem freie Frau das zu tun, was sie tun will: Schreiben.

Alois Prinz schafft es, dieses durchaus ungewöhnliche Leben ohne Sensationslust, Auf- oder Abwertungen, und moralischen Zeigefinger auf eine gut lesbare, kompetente Weise zu erzählen. Entstanden ist das Porträt einer Frau, welche einen für sich einnimmt. Es gelingt Prinz ebenfalls, die Beziehung zu Sartre darzustellen, ohne den oft vorherrschenden Stimmen, Schubladisierungen und Verurteilungen zu folgen.

Persönliche Bemerkungen
Simone de Beauvoir fasziniert mich, seit ich mich intensiver mit ihr befasse, immer mehr. Sie ist für mich eine Frau, die versucht, für sich und ihre Meinung einzustehen, dabei auch in Kauf nimmt, dass ihr Weg nicht immer nur leicht ist. Sie ist eine Frau, die von Unsicherheiten geprägt ist, trotzdem versucht, sich treu zu bleiben und die eigenen Ansprüche ans Leben zu verwirklichen. Wenn dieser Weg in die Irre geht, sie nicht die ist, die sie sein will, vertuscht sie das nicht, sondern steht hin und gesteht die eigenen Fehler ein. Mir gefällt ihre Sicht der Dinge, dass wir zwar ins Leben geworfen sind, das wir nicht aussuchten, dass wir es aber in der Hand haben, etwas daraus zu machen. Sie hat das nicht nur theoretisch beschrieben, sondern selber gelebt. Sie ist eine Frau mit vielen Widersprüchen. Und sie ist nicht zuletzt eine Frau mit einem grossen Herzen, eine tiefgründige Denkerin, eine fleissige Schreiberin.

Fazit:
Eine menschliche, tiefgründige, kompetente und Einsichten gewährende Biografie, der ein offener Blick auf eine tiefgründige und inspirierende Denkerin und Frau zugrunde liegt. Sehr empfehlenswert.

Alois Prinz
Alois Prinz, 1958 geboren, studierte Literaturwissenschaft und Philosophie in München und lebt heute mit seiner Familie in Kirchheim bei München. Er veröffentlichte Biografien über Hermann Hesse, Ulrike Meinhof, Franz Kafka, Dietrich Bonhoeffer und andere. 2012 erschien sein Buch Hannah Arendt oder Die Liebe zur Welt, das sich über 130.000 Mal verkaufte.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 303 Seiten
Verlag: ‎ Insel Verlag; Originalausgabe Edition (10. Oktober 2021)
ISBN: 978-3458179412

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Helmut Koopmann: Thomas Mann Heinrich Mann

Die ungleichen Brüder

«Niemand hat Thomas Manns Schreiben stärker beeinflusst als der Bruder, von niemandem war Heinrich innerlich stärker abhängig als von Thomas. Die Geschwister antworteten sich unablässig: in Familienromanen, Entwürfen zu Gesellschaftsdarstellungen, in dem, was «Leben» hiess, und wenn sie literarische Selbstporträts entwarfen, oft unter dem Namen von Romanfiguren, dann war der Bruder nicht weit entfernt.»

Sie haben einige Gemeinsamkeiten: Heinrich Mann bricht die Schule ab, arbeitet in einem Verlag, wird dann Schriftsteller. Thomas Mann tritt quasi in seine Fussstapfen und geht den gleichen Weg. In jungen Jahren reisen die beiden auch gemeinsam, so zum Beispiel nach Italien, teilweise für mehrere Monate, wo die Anfänge zu Thomas Manns «Buddenbrooks» zu Papier gebracht wurden. Heinrich Mann ist schon literarisch erfolgreich, als Thomas Mann erst beginnt mit dem Schreiben. Klar fühlt sich Thomas unsicher, ebenso klar, dass er nicht ewig zurückstehen, sondern den grossen Bruder einholen, wenn nicht überholen will.

«Heinrich war wohl der bessere Psychologe, sah, dass der Bruder, «um sicher zu stehen», vor allem die «Abwehr des «Anderen» brauchte. Mehr noch: Thomas Mann brauchte den Bruder, um sich selbst dadurch zu bestimmen, dass er sich gegen den Anderen absetzte […] Er (Thomas) brauchte Vorbilder.»

Aus der eigenen Unsicherheit heraus suchte sich Thomas Mann Vorbilder. Goethe ist wohl das bekannteste, Thomas Mann hat sich regelrecht schreibend an dessen Werk entlang gearbeitet und schon früh gesagt, dass auch er irgendwann seinen Faust schreiben würde. Dazu kam es denn auch, nachdem er viele Jahrzehnte mit dem Thema schwanger ging. Ein anderes Vorbild war Gerhart Hauptmann. Beide aber wurden noch übertroffen von Heinrich Mann, dem grossen Bruder, den er einerseits liebte und wohl auch schätzte, andererseits aber auch für vieles verachtete, was aus Tagebucheinträgen ersichtlich ist. Wie tief diese Verbindung aber ist, zeigt sich gerade dadurch: Er konnte nicht einfach Abstand nehmen, er konnte nicht einfach unabhängig seinen Weg gehen, er brauchte die lebenslange Auseinandersetzung mit dem Bruder, liess ihn in all seinen Werken aufleben, indem er ihn in den unterschiedlichsten Figuren auftreten liess.

Es ist aber nicht so, dass nur Thomas Mann literarisch mit seinem Bruder umging, auch Heinrich Mann schrieb immer wieder literarische Antworten auf das Werk Thomas Manns, er liess sich von diesem ebenso beeinflussen, inspirieren und anstacheln. So gesehen war die Beziehung eine durchaus befruchtende.

Dass es bei diesem Konkurrenzverhalten und dieser kritischen Betrachtung des jeweils anderen nicht ausblieb, dass es auch zu Streit kam, zumal die Brüder sowohl politisch wie auch von der Lebenseinstellung total unterschiedlich waren, liegt in der Natur der Sache. Sie fanden aber, wenn auch manchmal erst nach Jahren, immer wieder zusammen und sollten sich bis zu Heinrichs Tod auch verbunden bleiben.

Weiterführende Betrachtungen
Helmut Koopmann legt mit diesem Buch die Biografie einer Brüderbeziehung vor. Er tut dies auf eine sehr kompetente, seine Belesenheit und sein Hintergrundwissen beweisende Art, die trotz der Informationsdichte gut lesbar bleibt. Anhand von persönlichen Aussagen aus Briefen und Tagebüchern analysiert er die unterschiedlichen Lebenseinstellungen und politischen Ausrichtungen der beiden und stellt die jeweiligen Urteile über das Anderssein des jeweiligen Bruders vor. Er zeigt zudem ausführlich die gegenseitigen Bezüge in den beiden Werken.

Es ist Helmut Koopmann gelungen, eine Beziehungsbiografie zu schreiben, welche mehr ist als nur das Zusammenführen von zwei Biografien. Es ist ein Buch über die Dynamik von zwei verbundenen Lebenswegen, in welche jeder sich selber einbrachte und aus welcher etwas entstand, das mehr als nur die Summe von zweien war. Helmut Koopmann bezieht nie Stellung, er bevorzugt keinen der beiden und stellt auch keinen in ein besseres Licht. Seine Sicht ist ausgeglichen, sachlich und sie geht in die Tiefe, ohne dort nach Abgründen zu suchen oder aus ihr heraus zu verurteilen.

Persönlicher Bezug
Meine Liebe zu Thomas Mann ist wohl mittlerweile hinreichend bekannt. Da ich schon mehrere Biographien zu Thomas Mann gelesen habe, auch einige von anderen Familienmitgliedern der Familie Mann, war auch der Bruderkonflikt bekannt, allerdings niemals in seinen ganzen Ausmassen. Dieses Buch hat diese Lücke geschlossen. Nicht nur erfuhr ich Neues über diese zwei grossartigen Schriftsteller (ich mag auch Heinrich Manns Romane sehr), die Bezüge zwischen den Werken waren sehr aufschlussreich.

So schliessen sich mehr und mehr Lücken in einem Lebenspuzzle, in das ich vor vielen Jahren eingestiegen bin.

Fazit
Ein grossartiges Buch über die Beziehung zweier ungleicher Brüder, welche einen kompetenten, informativen und gut lesbaren Einblick in Leben und Werk der beiden bietet. Eine ganz grosse Leseempfehlung.

Zum Autor
Helmut Koopmann
war Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Augsburg. Er ist Herausgeber von Schillers Sämtlichen Werken und Autor zahlreicher Bücher zur Literaturgeschichte.

Angaben zum Buch
Taschenbuch: 544 Seiten
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (1. Juni 2015)
ISBN: 978-3423348584

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Edgar Allan Poe: Unheimliche Geschichten (Rezension)

Schaurig schöne Geschichten

Von Madame L’Espanaye fehlte jede Spur. Doch aufgrund der ungewöhnlichen Menge Russ in der Feuerstelle wurde der Kamin inspiziert und (horribile dictu!) der Leichnam der Tochter, mit dem Kopf nach unten, herausgezogen. […] Nach gründlicher Durchsuchung aller Winkel des Hauses, die keine weiteren Aufschlüsse erbrachte, begab sich die Gruppe in einen kleinen, gepflasterten Hinterhof, wo der Leichnam der alten Frau lag; ihr Hals war so vollständig durchtrennt, dass, als man sie hochzuheben versuchte, der Kopf abfiel.

PoeUnheimlicheEdgar Allan Poe ist ein wahrer Meister des Grauens und er gilt auch als Erfinder des Detektivromans. Im vorliegenden Band zeigt er sich von seiner schaurig-schönsten Seite. Der Titel verspricht nicht zuviel, wenn von unheimlichen Geschichten die Rede ist.

Herausgegeben wurde das Buch von Charles Baudelaire, welcher sich schon in jungen Jahren von Poes Werk angezogen fühlte, es später durch seine Übersetzungen nach Europa brauchte.

Der vorliegende Band ist der erste einer geplanten fünfbändigen Neuauflage von Poes Werk. Er enthält folgende Geschichten:

  • Der Doppelmord in der Rue Morgue
  • Der entwendete Breif
  • Der Gold-Skarabäus
  • Ente einer Ballonfahrt
  • Das beispiellose Abenteuer eines gewissen Hans Pfaall
  • „Manuskript in Flasche gefunden
  • Ein Sturz in den Malstrøm
  • Die Faktem im Fall von M. Valdemar
  • Mesmerische Offenbarung
  • Eine Geschichte aus den Ragged Mountains
  • Morella
  • Ligeia
  • Metzengerstein

Abgerundet wird das Buch durch einen Text von Charles Baudelaire zu Edgar Allen Poes Leben und Werk sowie durch ein Nachwort des Übersetzers Andreas Nohl, welcher eine wirklich herausragende Übersetzungsarbeit geleistet hat. Das Buch besticht zudem über ein schönes Layout und einen hochwertig gestalteten Schutzumschlag, Leinenbezug und ein Lesebändchen. Ein rundum wunderbares Lesevergnügen.

Fazit:
Schaurige, grausame, abenteuerliche, skurile Geschichten und Menschen in einer mehr als gelungenen Neuauflage und Neuübersetzung. Unheilmliche Geschichten, die man jedem Edgar-Allan-Poe-Fan ans Herz legen möchte – und allen, die es werden möchten. Absolute Leseempfehlung!

Zum Autor und weiteren Mitwirkenden
Edgar Allan Poe, geboren 1809 in Boston als Sohn von Schauspielern, gilt als eigenwilligste und faszinierendste Dichterpersönlichkeit im Amerika des 19. Jahrhunderts. Sein kurzes, aber bewegtes Leben, das 1849 in Baltimore unter geheimnisvollen Umständen ein Ende fand, wurde schon bald zur Legende.

Charles Baudelaire, geboren 1821 in Paris, begründete als Herausgeber und Übersetzer der Werke Edgar Allan Poes dessen Weltruhm. Mit seinem Gedichtzyklus Fleurs du Mal (1857) setzte er ein neues Datum in der Dichtungsgeschichte. Er starb 1867 in seinem Geburtsort.

Andreas Nohl wurde 1954 in Mülheim an der Ruhr geboren. Seine Übersetzungen u.a. von Mark Twains Tom Sawyer & Huckleberry Finn und Rudyards Kiplings Dschungelbuch wurden von der Presse hochgelobt. Zuletzt erhielt er den Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Preis.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 424 Seiten
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (10. März 2017)
Herausgeber: Charles Baudelaire
Übersetzer: Andreas Nohl
ISBN: 978-3423281188
Preis: EUR 28 / CHF 39.9’
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort und online bei AMAZON.DE und BOOKS.CH