#abcdeslesens – P wie „Der Panther“ (Rainer Maria Rilke

Im Jardin des Plantes, Paris
Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.

Rainer Maria Rilke, 6.11.1902, Paris

Der Panther ist wohl eines der bekanntesten Dinggedichte Rilkes. Bei Dingggedichten werden leblose oder lebendige Objekte zum Sujet des Gedichts, sie tragen die Botschaft. Rilke gilt als Schöpfer der Dinggedichte, sie sind bei ihm vor allem in den Neuen Gedichten (1907/08) zu finden.

Der Panther hat drei Strophen mit je vier Versen, die als Reimschema jeweils den Kreuzreim aufweisen. Auffällig ist auch der Binnenreim in der dritten Zeile, des Weiteren die Häufung des Umlauts ä, welche dem Gedicht einen eigenen Klang geben. Der Rhythmus mit dem stets gleich bleibenden jambischen Metrum nimmt den Inhalt auf, er wirkt träge. Indem man das Gedicht laut liest, spürt man die Bewegung des Panthers förmlich. Man sieht und hört, wie er hinter Stäben hin und her geht, wie er ganz auf sich zurückgeworfen ist, weil da ausser tausend Stäben keine Welt mehr zu sein scheint.

Indem Rilke den Panther von aussen beschreibt, in der ersten Strophe den Blick, dann den Gang, schliesslich das Auge, von wo er im Herzen landet, legt er gleichzeitig die Innensicht des Panthers offen. Wie der Blick scheint auch der Panther müde, er läuft nur in dem ewig gleichen Rhythmus hin und her. Zwar sieht man noch die Kraft, die in ihm steckte, allein sie ist betäubt – wie es auch sein Wille ist.

Und doch gibt es Momente, da wird er wach, da sieht er ein Stück Welt, die ihm ins Herz dringt, wo alles wieder endet. Danach könnte das Gedicht wieder von vorne beginnen.

Der Erfolg des Gedichts kommt wohl unter anderem daher, dass man sich selbst erkennt in diesem Panther. Auch als Mensch ist man oft müde von all den Alltäglichkeiten des Seins, von (von aussen und innen gebildeten) Gefängnissen und Einschränkungen. Man folgt ewig gleichen Pfaden über Tage Wochen, Jahre, glaubt kaum mehr, dass es irgendwann anders sein könnte – ausser vielleicht dann, wenn ein kleiner Hoffnungsschimmer ins Herz sticht, ausgelöst durch ein Bild, ein Wort, einen Gedanken.

Danach nimmt das Leben wieder seinen Lauf. Und man geht ihn mit, Schritt für Schritt in all den Schranken, die um einen sind.

Zum Autor
René Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke wird am 4. Dezember 1875 in Prag, welches damals zu Österreich-Ungarn gehörte, geboren. Glücklich kann man seine Kindheit wahrlich nicht nennen. Erst wollte die Mutter ihn eigentlich als Mädchen sehen, steckte ihn in entsprechende Kleider, später sollte er eine Militärlaufbahn anstreben, was gar nicht seinem Naturell entsprach und ihn entsprechend unglücklich machte. Nach sechs Jahren konnte er krankheitsbedingt abbrechen. Der nachfolgende Besuch der Handelsakademie wurde auch abgebrochen, dies wegen einer unstatthaften Beziehung zu einem Kindermädchen. Es folgte ein Studienbesuch und dann kam es zu der Begegnung, die wohl sein Leben am massgeblichsten geprägt hat: Lou Andreas-Salomé trat in sein Leben und änderte gleich mal seinen Namen hin zum (wie sie fand) männlicheren Rainer.

Rilke ist ein Nomade, wohnt an keinem Ort lange, hält es mit keiner Frau lange aus, mag Beziehungen eher auf Distanz als in der Nähe. Seine einzige und wirkliche Liebe scheint der Dichtung zu gehören. Immer wieder um seine Gesundheit kämpfend wurde 1926 bei Rainer Maria Rilke Leukämie diagnostiziert. Er stirbt am 29. Dezember 1926 in der Nähe von Montreux und wird am 2. Januar darauf im Bergdorf Raron beigesetzt, nahe seines letzten Wohnortes. Den Spruch für seinen Grabstein hat er selber verfasst:

Rose, oh reiner Widerspruch, Lust,
Niemandes Schlaf zu sein unter soviel
Lidern.

Frauen in Literatur und Philosophie

Im Moment ist das Thema Frauen in der Literatur omnipräsent und es lässt mich immer zwiegespalten zurück. Da ich lange Zeit mehrheitlich Klassiker las, blieb es nicht aus, dass es auch mehrheitlich männliche Autoren waren, zumindest in der Prosa – es gab schlicht mehr davon, was der Zeit und anderen Umständen geschuldet war (wobei sogar da zu schauen wäre, ob das wirklich in dem Ausmass stimmt, wie es wahrgenommen wird, oder auch da die Wahrnehmung einseitig gesteuert wird).

Schaue ich mir meine letzten Bücher an, fällt mir durchaus auf, dass mehr Frauen dazu kamen. Ich hatte eine intensive Phase mit Ingeborg Bachmann, befasste mich mit Else Lasker-Schüler, Hilde Domin, Mascha Kaléko, Rose Ausländer, Susan Sontag und neu mit Simone de Beauvoir – um nur einige zu nennen. Dies nicht mal mit dem erklärten Ziel, mehr Frauen zu lesen, sondern eher, weil ich mich da irgendwie wiederfand, nicht mal nur in der Literatur derselben, sondern auch im Denken und Lebensentwurf.

Die Frage, die aufkam, war, ob ich mich bewusst mehr mit der Thematik beschäftigen soll, oder aber doch weiter lesen, was mir in die Hände kommt, frei nach meinem Credo: Egal, wer das Buch schrieb, Hauptsache, es spricht mich an?

Aktuell fällt mir auf, dass mich Frauen mehr ansprechen mit ihren Biografien vor allem, das Werk ist eine andere Sache, weil ich mich in vielem auch wiederfinde. Insofern ist dann die Auseinandersetzung mit diesen Schriftstellern und Denkern immer auch eine Form der Selbstsuche und ein Weg zu mehr Selbsterkenntnis. Zwar gibt es Ansätze durchaus auch bei vielen Männern, dies aber selten so intensiv.

Als ich dann kürzlich mit der Biografie von Simone de Beauvoir begann, kam die Frage wieder neu auf bei mir und ich ging nochmals über die Bücher, wie ich weiter verfahren will. Ein Name, der schon lange auf meiner Liste ist, ist Hannah Arendt. Sie ist wohl eine der einzigen weiblichen Philosophen, die im regulären Schulbetrieb überhaupt Erwähnung finden, grossartige Denkerinnen wie Marthe Nussbaum oder Judith Butler sucht man vergebens – auch hier nur zwei Beispiele für ganz viele. Und sogar bei Hannah Arendt fiel mir im Rückblick auf mein Studium auf (Philosophie mit Schwerpunkt Politische Philosophie), dass sie kaum Erwähnung fand im Vergleich. Schaut man auf Simone de Beauvoir, ist es noch gravierender: Noch immer sieht man sie gerne als Sartres Anhängsel und als Profiteurin von einem Ruf und seiner Grösse, und dies, obwohl sie viele Ideen vor ihm hatte, ihm half, die seinen zu entwickeln.

Beim Lesen ihrer Biografie fiel mir auf, wie sehr sie von Selbstzweifeln zerfressen war. Sie schätzte sich selbst meist kleiner ein als ihn, nannte ihn den Philosophen, sich «nur» die Literatin. Da stellt sich mir die Frage: Wie viel tragen Frauen selber bei zu diesem Ungleichgewicht, weil sie sich schlicht weniger zutrauen. Nun kann man sagen, das kommt aus einem System heraus, dass es so ist, aber wenn sie es nicht bei sich ändern, kann man noch so viel im Aussen kämpfen, das wird wohl nicht wirklich viel ändern. Sicher weniger als möglich wäre…

Ich weiss noch nicht ganz, wo die Lesereise hinführt, aber die Gedanken mach ich mir. Und ich mache sie mir immer wieder und immer öfter, wie mir scheint. Wie ist das bei euch? Nach welchen Kriterien sucht ihr Bücher aus? Gibt es Autorinnen, die euch speziell inspirieren? Ist das überhaupt ein Thema für euch?

Ein Buch, das sich mit der Thematik beschäftigt, ist gerade neu auf den Markt gekommen:

Nicole Seifert: Frauen Literatur: Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt

In einer weiteren Neuerscheinung schreibt Elke Heidenreich über Schriftstellerinnen, die sie geprägt haben: Hier geht’s lang!: Mit Büchern von Frauen durchs Leben

#abcdeslesens – O wie „Oh Mensch! Gib Acht! (Friedrich Nietzsche, Zarathustras Rundgesang)

Eins!
Oh Mensch! Gib acht!
Zwei!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
Drei!
«Ich schlief, ich schlief – ,
Vier!
«Aus tiefem Traum bin ich erwacht:-
Fünf!
«Die Welt ist tief,
Sechs!
«Und tiefer als der Tag gedacht.
Sieben!
Tief ist ihr Weh -,
Acht!
«Lust – tiefer noch als Herzeleid:
Neun!
«Weh spricht: Vergeh!
Zehn!
Doch alle Lust will Ewigkeit -,
Elf!
«- will tiefe, tiefe Ewigkeit!
Zwölf!

In diesem Gedicht treffen sich Poesie und Musik. Das 1884 geschriebene Gedicht, es ist zentral als Zarathustras Rundgesang in Nietzsches Werk «Also Sprach Zarathustra», wurde 1895 von Gustav Mahler vertont. Damit treffen ein musikalischer Philosoph und ein philosophischer Komponist aufeinander und kreieren quasi ein gemeinsames Kunstwerk.  

Zwölf Glockenschläge dauert das Gedicht. In ihnen ist die Vergänglichkeit des Lebens symbolisiert. Zugleich spricht er das Leid und die Lust des Lebens an, zwei Prinzipien, die bei Nietzsche in Bezug auf das Leben immer wieder zum Tragen kommen.

Nietzsche spricht den Menschen direkt an: Er soll achtgeben. Wovor? Dazu muss man wohl tiefer in den «Zarathustra» eintauchen, sehen, wie er das Leiden, die Schwere der Zeit beleuchtet und immer wieder nach Leichtigkeit, nach dem Tänzerischen im Leben sucht. Was also passte besser als ein Lied, später gar vertont?

Der Tag ist tief, viel tiefer als man denkt. Und in allem steckt das Weh. Es wird nur von einem noch übertroffen: Von der Lust. Während man nun das Leid zum Verschwinden bringen möchte, erhofft man sich von der Lust Ewigkeit – möge sie immer anhalten, möge der Tanz nie enden.

Doch dann kommt der zwölfte Glockenschlag. Und danach ist Schweigen. Wir wissen nicht, was sein wird, es bleibt also nur, zu geniessen, was ist.

Ruth Klüger: weiter leben

Inhalt

«Ich kenne die Stadt meiner ersten elf Jahre schlecht. Mit dem Judenstern hat man keine Ausflüge gemacht, und schon vor dem Judenstern war alles Erdenkliche für Juden geschlossen, verboten, nicht zugänglich. Juden und Hunde waren allerorten unerwünscht…»

«weiter leben» erzählt von einer Kindheit in Wien, einer Jugend im KZ und dem (Weiter-)Leben danach. Das Buch ist in vier Teile gegliedert. Der erste Teil erzählt von der Kindheit in Wien, davon, dass Ruth Klüger vieles verwehrt war wie zum Beispiel, auf einer Parkbank zu sitzen. Das Wien ihrer Kindheit ist für Ruth Klüger undurchdringbar, voller ihr fremd bleibender Menschen (inklusive ihrer Familie) und unverständlicher Zusammenhänge. Alles, was passiert, geschieht hinter vorgehaltener Hand, im Verborgenen, wird im Flüsterton besprochen.

Teil zwei handelt vom (Über-)Leben in verschiedenen Lagern. Mit elf Jahren kam Ruth Klüger mit ihrer Mutter nach Theresienstadt. Es folgten Auschwitz-Birkenau und Christianstadt/Gross-Rosen. Ruth Klüger erzählt vom Lageralltag, von Hunger, Durst, Gestank, vom Ausgeliefertsein, von stundenlangem Stehen bei Appellen und den ständig rauchenden Schornsteinen der Krematorien.

In Teil drei wird die Flucht und das Leben in Bayern erzählt. Es handelt vom Einmarsch der US-Army und der damit verbundenen Hoffnung, nach Palästina oder in die USA zu emigrieren.

Teil vier erzählt vom Leben in den Staaten, vom Leben mit der Mutter in New York, dem Umzug an die Westküste und dem folgenden Studium. Den Schluss macht ein Epilog, in welchem Ruth Klüger mit amerikanischen Studenten nach Göttingen kommt.

Weitere Betrachtungen
Ruth Klüger verwebt in ihrem autobiographischen Text die Vergangenheit mit der Gegenwart, sie stellt Bezüge her zwischen dem Erlebten damals und dem heutigen Wissen. So ist das Ganze keine chronologische Geschichte, die einzelnen Erlebnisse sind nie eindeutig so passiert, sondern es besteht überall die Möglichkeit einer späteren Zuschreibung durch hinzugekommenes Wissen. Ruth Klüger erzählt, erinnert, springt zwischen Ereignissen hin und her, übt Kritik an vielem und auch an sich.

«Ich muss gestehen, dass ich tatsächlich eine sehr schlechte Jüdin bin.»

In dem Buch wird auch deutlich, wie wenig das Gefühl der eigenen Identität und Zugehörigkeit zählt, wenn die Sicht von aussen eine andere ist. Es wird aber auch deutlich, wie oft sich Menschen schon eine Meinung gemacht haben über das, was passiert ist, so dass sie gar nicht mehr wirklich zuhören. So kommt in dem Buch eine in den USA lebende Deutsche vor, welche Ruth Klüger erzählt, dass Theresienstadt ein mildes KZ gewesen sei, Göttinger Doktoranden sondern zweifelhafte Kommentare zu israelischen Auschwitz-Überlebenden ab und viele weitere Stimmen geben. vor, zu wissen, was nun wie gewesen sei. Und das besser als Ruth Klüger, die mittendrin war. Als Rezensierende stehe ich hier vor der Aufgabe, etwas zu dem Buch zu sagen, ohne selbst in die Falle von zuschreibenden Adjektiven zu tappen. Ruth Klüger kritisierte unter anderem die Zuschreibung erschütternd, welche oft in Zusammenhang mit solchen Überlebenden-Berichten verwendet wird. Und doch liegen sie auf der Zunge nach der Lektüre. Vielleicht darf sie das auch, als eigene Wahrnehmung von etwas, von dem wir sicher keine Ahnung im Sinne Ruth Klügers haben, aber eine Wirkung bemerken beim Erfahren davon.

Das Buch besticht durch eine Klarheit und Menschlichkeit. Es verzichtet auf Sentimentalität, berichtet sachlich, teilweise gar mit einem leichten Augenzwinkern und beissendem Sarkasmus von einer Jugend, die durch die Umstände eine ganz besondere war, eine, in der Ruth Klüger erlebt hat, was kein Mensch je erleben sollte, von einem Über- und dann Weiterleben, von den Reaktionen anderer Menschen auf ihr Schicksal. Sie erzählt auch davon, was ihr in schwierigen Zeiten geholfen hat, wodurch sie neue Hoffnungen schöpfte.

«Man liess mich lesen, weil ich dann niemanden behelligte. Manchmal sah man darin ein Zeichen von Intelligenz, machmal auch eine Unart.»

Ruth Klüger flüchtete sich früh in die Welt der Bücher. Da sie wusste, dass sie jedes Buch, das verboten oder den Eltern sonst ein Dorn im Auge war, abgeben musste, sie es aber hasste, eine Lektüre abbrechen zu müssen, beschränkte sie sich auf Bücher, die genehm waren: Die Welt der Klassiker.

Literatur hatte noch andere Funktionen. Im Lager sagte sie sich Balladen auf, wenn sie bei Appellen stundenlang anstehen musste. In der Ordnung dieser Verse, fand sie ein Gegengewicht zum Chaos des Lagers. Gedichte waren Halt und Trost in einer Welt, in der beides verloren gegangen war.

Persönlicher Bezug
Die Literatur von Überlebenden hat eine grosse Rolle in meiner Dissertation gespielt. Das Bedürfnis dieser Menschen, Zeugnis abzulegen für das, was war, hat mich tief ergriffen und nie mehr losgelassen. Es sind Zeugnisse, die von den schlimmsten Gräueln unserer Geschichte sprechen, Zeugnisse von Menschen, welche die Hölle sahen und mit ihrem Schreiben auch denen eine Stimme geben wollten, welche keine mehr haben, weil sie in den Konzentrationslagern auf bestialische Weise ermordet wurden.

Ich bin der festen Überzeugung, dass diese Zeugnisse auch heute noch wichtig sind, dass man sie auch heute noch lesen sollte, um zu sehen, wozu der Mensch fähig ist, und um bewusst wahrzunehmen, wohin wir nie mehr steuern wollen als Gesellschaft, als Menschen.

Fazit
Die eindrücklich erzählte Lebensgeschichte einer Frau, die als Kind die Deportation ins Lager und das grausame Leben da erfahren musste, fliehen konnte und mit all den Erinnerungen und Erfahrungen sowie den Reaktionen darauf weiterleben musste. Eine grosse Leseempfehlung!

Zur Autorin
Ruth Klüger wurde am 30. Oktober 1931 in Wien geboren. Als Jüdin wurde sie nacheinander in die Konzentrationslager Theresienstadt, Auschwitz-Birkenau und Christianstadt verschleppt. 1947 wanderte sie in die USA aus und studierte dort Anglistik und Germanistik. Sie lebte bis zu ihrem Tod 2020 als Literaturwissenschaftlerin in Irvine/Kalifornien – mit einem zweiten Wohnsitz in Göttingen. Ihre Biographie ›weiter leben‹ war ihre erste literarische Veröffentlichung. Sie fand damit ein überwältigendes Echo bei Kritikern und Publikum und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Angaben zum Buch
Herausgeber ‏ : ‎ dtv Verlagsgesellschaft (1. November 1994)
Taschenbuch ‏ : ‎ 288 Seiten
ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3423119504

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Thomas Mann: Tonio Kröger

Inhalt

„Diese Art und Weise, sich selbst und sein Verhältnis zum Leben zu betrachten, spielte eine wichtige Rolle in Tonios Liebe zu Hans Hansen. Er liebte ihn zunächst, weil er schön war; dann aber, weil er in allen Stücken als sein eigenes Widerspiel und Gegenteil erschien.“

Tonio Kröger, Sohn einer angesehenen, bürgerlichen Familie, selber von dunklem Aussehen durch die südländische Mutter, verehrt die blonden, blauäugigen Wesen, bewundert die Menschen, die dazugehören zur Norm, während er immer am Rande, aussen vor steht. Er weiss schon früh, dass er seiner Bestimmung nicht entkommen wird, dass er Schriftsteller werden und damit die ganzen Nöte des Künstlertums, dessen Einsamkeit, dessen Ausserhalb-Stehen, auf sich nehmen muss. Er verlässt seine Heimat und kehrt nach vielen Jahren zurück, ängstlich vor den Erinnerungen, die noch in ihm sind und wieder aufbrechen. Als er dann schliesslich mit seinen Jugendlieben konfrontiert wird und ihm erneut sein Leben zwischen Welten bewusst wird, merkt er, dass wohl genau da sein Platz ist. Er kann nicht das Bürgertum verachten wie früher, aber er wird die Künstlernatur nicht los, die seine eigene ist. Sein Leben wird genau da stattfinden: Zwischen zwei Welten. 

Weiterführende Betrachtungen
Thomas Mann schrieb «Tonio Kröger» 1903, zwei Jahre nach dem Erscheinen der Buddenbrooks, zu welchem sich durchaus einige Parallelen finden lassen. Er ist zu dem Zeitpunkt 28 Jahre alt und noch nicht als Schriftsteller gefestigt. Noch kämpft er mit seinem Status, mit seiner Herkunft und auch mit der Konkurrenz mit seinem Bruder. Das alles fliesst in den «Tonio Kröger» hinein.

„Tonio Kröger“ ist sicher nicht Thomas Manns herausragendstes Werk, sofern man überhaupt in solchen Kategorien denken will, und doch hat sogar Mann selber dieses Werk als sein Lieblingskind bezeichnet. Im «Tonio Kröger» hat Thomas Mann viel von seiner eigenen Geschichte verarbeitet, er hat seine Eltern als Vorbilder für Tonios Eltern genommen, die eigenen Schwierigkeiten beim Heranwachsen und bei der Wahl seiner Zukunft als Schriftsteller thematisiert. Vor allem aber hat er sein eigenes Lebensthema, das Schwanken zwischen Bürger- und Künstlertum in Worte gefasst und dabei die eine grosse Frage gestellt:

«Aber was ist der Künstler?»

Tonio Kröger kommt zum Schluss, dass nur er, welcher sich vom Menschlichen entfernt, der das Leben den anderen überlässt, diese aus sicherer Distanz beobachtet, ein Künstler im wahren Sinne sein könne:

«Das Gefühl, das warme, herzliche Gefühl ist immer banal und unbrauchbar, und künstlerisch sind bloss die Gereiztheiten und kalten Ekstasen unseres verdorbenen, unseres artistischen Nervensystems. Es ist nötig, daß man etwas Außermenschliches und Unmenschliches sei, daß man zum Menschlichen in einem seltsam fernen und unbeteiligten Verhältnis stehe, um imstande und überhaupt versucht zu sein, es zu spielen, damit zu spielen, es wirksam und geschmackvoll darzustellen.

Zu viel Gefühl verdirbt die Kunst, macht sie sentimental und nimmt ihr damit den wirklichen Ausdruck, den guten Stil:

«Es ist aus mit dem Künstler, sobald er Mensch wird und zu empfinden beginnt.»

Und weiter:

«Die Begabung für Stil, Form und Ausdruck setzt bereits dies kühle und wählerische Verhältnis zum Menschlichen, ja, eine gewisse menschliche Verarmung und Verödung voraus.»

Auch diese Sicht ist durchwegs autobiographisch zu nennen, hat Thomas Mann sich doch auch zeitlebens gewisse Neigungen auszuleben verboten, hat sich in die Kunst geflüchtet und sie in dieser sublimiert. In seine Werke sind all seine Lieben eingegangen, teils als Jünglinge, teils noch verdeckter als Frauen. Es fällt in diesem wie auch in Thomas Manns anderen Werken auf, dass sich darin wenig Erfundenes findet. Thomas Mann schöpft aus der Wirklichkeit und verarbeitet diese in seine Geschichten. Er selber nannte das «Aneignungsgeschäfte».

Persönlicher Bezug
Die Liebe zu Thomas Mann begleitet mich schon viele Jahre. Als ich am Ende des Studiums meine Masterarbeit zu ihm schrieb, eröffneten sich mir da ein Leben und ein Werk, die mich beide faszinierten und in den Bann zogen. Dass ich mich deswegen oft auf die autobiographischen Bezüge in seinem Werk konzentrierte, liegt wohl auf der Hand – abgesehen davon, dass sie sich anbieten bei diesem Künstler.

Ich mag an Thomas Mann so ziemlich alles: Seine Geschichten, seine Sprache, seine Gedankengänge, die so vielfältige Bezüge zur Philosophie und auch zu einem mir wichtigen Thema, dem Künstlertum, aufweisen. Immer wieder zeigt sich mir bei der Lektüre etwas, das auch im «Tonio Kröger» erwähnt wird:

«Die reinigende, heiligende Wirkung der Literatur, die Zerstörung der Leidenschaften durch die Erkenntnis und das Wort, die Literatur als Weg zum Verstehen, zum Vergeben und zur Liebe, die erlösende Macht der Sprache…»

Zum Autor
Paul Thomas Mann, wie Thomas Mann eigentlich hiess, wird am 6. Juni 1875 in Lübeck in eine Kaufmannsfamilie hinein geboren. Er mag die Schule nicht, geht vor dem Abschluss ab.

Schon während seiner Schulzeit hat Thomas Mann geschrieben, allerdings meistens schwülstige, von leidenschaftlicher Verliebtheit (zu einem Mitschüler) geprägte Gedichte (Eine Erinnerung daran findet sich wohl im Tonio Kröger und der Bleistiftszene wieder.). Nach einem kurzen Ausflug in die Arbeitswelt – Thomas Mann hat eine Stelle als Volontär bei einer Feuerversicherung angenommen und schnell wieder gekündigt – steht bei ihm der Entschluss, Schriftsteller werden zu wollen. Eine erste Erzählung mit dem Titel Gefallen wird auch sofort in einer Zeitschrift veröffentlicht, weitere folgen

1895 und 1986 reist Thomas Mann mit seinem Bruder Heinrich für einige Monate nach Italien, die beiden Brüder bleiben bis im April 1898 und Thomas Mann verfasst mehrere kleinere Arbeiten und beginnt 1897 mit den Buddenbrooks, welche er 1900 an Samuel Fischer schickt, es wird 1901 gedruckt.

1905 heiratet Thomas Mann Katia Pringsheim, Schlag auf Schlag folgen vier Kinder: Erika (1905), Klaus (1906), Golo (1909) und Monika (1910), später dann noch Elisabeth (1918) und Michael (1919). Es sind produktive und erfolgreiche Jahre, die lange andauern. Auch die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 ändert daran nicht viel.

Die Situation in Deutschland spitzt sich zu, Thomas Mann geht nach Küsnacht in der Schweiz 1936 verliert Thomas Mann die deutsche Staatsbürgerschaft und wird tschechoslowakischer Bürger. 1938 wandert die Familie Mann in die USA aus. Am 7 .Mai 1945 kapituliert Deutschland, Thomas Mann weigert sich lange, dahin zurückzukehren. 1950 reist Mann nach Zürich in die Schweiz. Thomas Mann stirbt am 12. August 1955 im Krankenhaus in Zürich.

Fazit:
Eine persönliche, sehr authentische, sprachlich herausragend geschriebene Künstler-Erzählung. Sehr empfehlenswert!

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 128 Seiten
Verlag: FISCHER Taschenbuch; 50. Edition (26. September 1988)
ISBN-Nr.: 978-3596213818

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Rainer Maria Rilke: Einsamkeit

Die Einsamkeit ist wie ein Regen.
Sie steigt vom Meer den Abenden entgegen;
von Ebenen, die fern sind und entlegen, 
geht sie zum Himmel, der sie immer hat.
Und erst vom Himmel fällt sie auf die Stadt.

Regnet hernieder in den Zwitterstunden,
wenn sich nach Morgen wenden alle Gassen
und wenn die Leiber, welche nichts gefunden,
enttäuscht und traurig von einander lassen;
und wenn die Menschen, die einander hassen,
in einem Bett zusammen schlafen müssen:

dann geht die Einsamkeit mit den Flüssen…


Das Gedicht «Einsamkeit» stammt aus Rilkes Gedichtband «Buch der Bilder» und es macht diesem Buchtitel alle Ehre: Rilke fasst etwas in Worte, das sich eigentlich nur fühlen lässt, das sich der Sprache entzieht. Er schafft wunderbare Wortbilder, die das Unsagbare erfahrbar machen. Die Einsamkeit wird durch eine Metapher zu etwas Handfestem, etwas, das jeder aus der eigenen Erfahrung, aus dem eigenen Leben kennt und darum nachvollziehen kann: «Die Einsamkeit ist wie ein Regen».

Es folgt eine Beschreibung dessen, was in der Natur vor sich geht, wenn es regnet: Das Wasser wird erst aus dem Meer angezogen, um sich schliesslich vom Himmel über die Welt zu ergiessen. Genau das passiert auch mit der Einsamkeit: Sie ergiesst sich zu gewissen Stunden über die Stadt, in Stunden nämlich, in denen der Mensch auf sich selber zurückgeworfen ist, weil die Ablenkung des alltäglichen Lebens wegfällt und nur der Mensch für sich zurückbleibt. Es sind diese Momente, die einen zum Nachdenken bringen, oft fast zwingen, die Momente, in welchen man Bilanz zieht über das, was wir das eigene Leben nennen.

Rilke weist auf die Leiber hin, die nicht fanden, was sie suchten, die dann traurig wieder ihre eigenen Wege gehen, den anderen lassen, wo er ist. Er erzählt von den Menschen, die im selben Bett liegen, obwohl sie sich hassen. Und in all dem steckt das Eine: Die Einsamkeit, die den Menschen in der Situation mitreisst wie ein Fluss.

So gesehen ein tief trauriges Gedicht, aber in meinen Augen steckt auch hier – wie in vielen seiner Gedichte –

Rilkes Sicht des Lebens als Kunstwerk drin, mit welcher sein Satz „du musst dein Leben ändern“ (das ich besser mag als ein „du kannst dein Leben ändern“) einhergeht: Wie oft verharren wir in Situationen, die uns nicht gut tun, nur weil wir uns vor Neuem fürchten? Müssen wir (sinnbildlich) das Bett mit einem teilen, den wir hassen? Hätten wir es nicht in der Hand, Situationen und Stätten, die für uns nur noch leidvoll sind, zu verlassen? Damit hätte das Gedicht auch etwas Mutvolles, etwas, das Selbstwirksamkeit verspricht, wenn man nur genau hinschaut. Und dazu rufen Gedichte immer wieder auf. Trotzdem bleibt zu sagen, dass sowohl das Hinschauen wie auch das Ändern nicht immer einfach ist. Aus dem Grund kennen wohl alle Menschen das Gefühl, das dieses Gedicht so wundervoll bildhaft beschreibt.

Arno Geiger: Alles über Sally

„Sally findet es mit einem Mal anstrengend, wie Alfred auf ältliche Weise im Bett sitzt, ein überzeugender Beitrag zur Trostlosigkeit dieses Zimmers […] jetzt in den Ferien, sollte man meinen, ist es selbst für einen Mann in Alfreds Alter eine unnatürliche Sache, so viel herumzuliegen. […] Die halbe Nacht grabschte er nach Sallys Hüften, die meiste Zeit lag er auf ihr. Sie selber wachte einige Male in Schweiß gebadet auf, so dass sie sich jetzt fragt: Was ist das? Ist es Alfred oder seelische Armut oder eine Krankheit? Sind es die Hormone oder ist es Angst?“

Schon im ersten Kapitel erhält man einen Eindruck von der nun dreißigjährigen Ehe von Sally und Alfred. Er, der eher Schwermütige, Konservative, Bewahrende, sie die Aktive, Unzufriedene, Suchende und Fragende. Jäh aus den Ferien weggerufen wegen eines Einbruchs in ihr Haus, zeigt sich die ganze Tragweite dieser Unterschiedlichkeit. Während Alfred noch mehr in Lethargie und Selbstmitleid verfällt, übt sich Sally in Aktivismus, packt an, will wieder nach vorne gehen. Alfred steckt fest. Er steckt in seiner Trauer, sieht das Verlorene. Er trauert um den Verlust der Vergangenheit, leidet an der Zerstörung seiner Sicherheit, seiner Konstanz im ewig Gleichen – und genau das stürzt Sally immer mehr in eine Position des Zweifels: Zweifel an Alfred, an ihrer Liebe, an ihrer Ehe. Sie braucht Abhilfe und stürzt sich dazu eine Außenbeziehung mit Eric, es ist nicht ihre erste. Diese Ausbrüche – von denen Alfred immer stillschweigend wusste, weswegen es verwundert, dass er dieses Mal nichts mitkriegt – scheinen ihr eine Lebendigkeit in ihr Leben zu bringen, die sie bei all der auferlegten Stetigkeit braucht. Und trotzdem: Sie kommt immer zu Alfred zurück, sucht diese Stetigkeit auch, da diese und für sie stehend Alfred wohl ihr Halt in einer sonst haltlosen Welt ist – im Aussen wie im Innen. Dies drückt sich auch in einer Erkenntnis aus, die sie überkommt:

„Spätestens damals hatte sie begriffen, dass Wohnen etwas Emotionales ist und dass sie mit ihren Gefühlen weit weniger links stand als ideologisch. Von da an hatte sie gewusst, Gefühle sind konservativ, sie verändern nicht die Welt.“

Und auch wenn Gefühle dauerhaft sind, so sind sie nicht immer da, nicht immer gleich stark. Während Alfred die ganzen dreißig Jahre damit verbracht zu haben scheint, bewundernd auf Sally zu schauen, glücklich über jeden von ihm als schön befundenen Blick zu sein, findet Sally viele Dinge, die sie an ihrem Mann beanstandet. Sie geht mit ihren Worten nicht zimperlich um. Trotzdem weiß sie auch in lieblosen Zeiten, sie würde Alfred

„bald wieder lieben, so wie sie ihn am Anfang geliebt hatte und später auch immer wieder, nur jetzt nicht, da konnte sie ihm nichts vormachen.“

Arno Geiger ist ein Blick auf eine Ehe gelungen, der viel Mitgefühl in sich trägt, der trotzdem in die Tiefe geht und offenlegt, was da liegt. Dieser Blick zeigt eine Ehe, die weit vom romantischen Ideal scheint, eine Ehe, in welcher zwei Individuen sich aneinander aufreiben und doch immer wieder bleiben – und in diesem Bleiben aufs Ganze gesehen etwas für sich zu finden scheinen. Arno Geiger zeigt, dass es gerade die Dauer der Ehe ist, die all das auszeichnet, weil gerade diese Dauer in einer unsteten, immer schneller drehenden Welt außergewöhnlich ist. Erst durch diese Dauer zeigen sich die Schwierigkeiten des Zusammenlebens, aber auch das, was Paare zusammenhält. Es sind die kleinen Fürsorglichkeiten des Alltags, die Aufmerksamkeiten im Vorbeigehen, welche Arno Geiger sehr einfühlsam und unaufdringlich erzählt.

Gelungen ist diese Geschichte vor allem, weil Arno Geiger es schafft, beide Seiten zu beleuchten. Er schaut in die Seelen beider Protagonisten, er tut dies ohne Vorurteile oder Aburteilungen, ohne An- oder Trauerklage. Ein flüssiger Erzählton fließt durch eine Geschichte mit Höhen und Tiefen, auch Abgründen, er packt den Leser und lässt ihn nicht mehr los.

Fazit:
Ein bewegender, nachdenklich stimmender Roman über die Liebe, die Ehe, das Miteinander. Unbedingt lesenswert.

Zum Autor
Arno Geiger, geboren 1968 in Bregenz, wuchs in Wolfurt/Vorarlberg auf. Er studierte Deutsche Philologie, Alte Geschichte und vergleichende Literaturwissenschaft in Innsbruck und Wien.

1997 debütierte Arno Geiger mit dem Roman ›Kleine Schule des Karussellfahrens‹, 1999 folgt ›Irrlichterloh‹. 1998 erhielt er den New Yorker Abraham Woursell Award, 2005 für ›Schöne Freunde‹ den Friedrich-Hölderlin-Förderpreis und den Deutschen Buchpreis für ›Es geht uns gut‹. 2008 wurde ihm der Johann-Peter-Hebel-Preis verliehen, 2011 der Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung. 2007 erschienen Erzählungen mit dem Titel ›Anna nicht vergessen‹, 2010 der Roman ›Alles über Sally‹, 2011 das Buch ›Der alte König in seinem Exil‹, 2015 der Roman ›Selbstporträt mit Flusspferd‹. Für den Roman ›Unter der Drachenwand‹, der auch für den Deutschen Buchpreis nominiert war, erhielt Arno Geiger den Literaturpreis der Stadt Bremen. 2018 wurde Arno Geiger mit dem Joseph-Breitbach-Preis ausgezeichnet.

Arno Geiger lebt in Wolfurt und Wien.

Angaben zum Buch
Herausgeber ‏ : ‎ dtv Verlagsgesellschaft (1. August 2011)
Taschenbuch ‏ : ‎ 368 Seiten
ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3423140188

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Eduard Mörike: Septembermorgen

Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen. 

Der Titel «Septembermorgen» trägt die Jahreszeit schon in sich: Es ist früher Herbst. In den ersten beiden Zielen steht zweimal das Wort «noch». Das deutet darauf hin, dass etwas bald nicht mehr sein wird, aber noch ruht die Welt im Nebel, noch träumt die Natur. Die Nacht hängt noch in den Bäumen, bald wird die Sonne den Himmel erhellen und die Nebelschleier zum Verschwinden bringen. Dann zeigt sich das, was ist: Der Herbst mit seinen kräftigen und doch gedämpften Farben, die Sonne, die nicht mehr ganz so hell scheint, sondern einen Goldschimmer trägt, der sich über die Welt legt.

Auch der Herbst trägt den Abschied in sich. Das Jahr geht langsam zu Ende, es kommt die Zeit des Erntens, um dann die Bäume leer zu lassen. Die Tage werden kürzer, die Temperaturen fallen langsam. Das Leben verschiebt sich mehr und mehr von draussen ins Haus hinein, was für viele auch eine Zeit der grösseren Einsamkeit bedeuten kann. Rilke hat das in seinem Gedicht «Herbsttag» angedeutet, als er schrieb:

«Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben.»

Abschied wird häufig mit negativen Gefühlen verbunden, was aber gar nicht sein muss. In östlichen Philosophien ist Abschied eine Chance für einen Neuanfang. Im Hinduismus gibt es die drei Götter Shiva, Brahma und Vishnu – sie stehen für Zerstörung, Neuaufbau und Erhalt. So lange etwas nicht untergeht, können die anderen beiden nicht wirken. Und nur so ist Leben möglich, das immer auch Bewegung heisst, Neues mit sich bringt.

In meinem Leben gab es immer wieder verschiedene Phasen, in denen ich etwas ganz intensiv machte und dann dachte, das wäre das wirklich Eine, das nun bliebe. Doch jede Phase wurde wieder von einer anderen abgelöst, die der vergangenen an Intensität in nichts nachstand. So floss ich von einem zum nächsten, kam zwar zu allem immer wieder zurück, aber auch nur, um dann wieder weiter zu gehen.

Ich habe diese Art an mir oft verflucht, mir gewünscht, dass ich „eindimensionaler“ wäre, fokussierter, auf eine Sache ausgerichteter und nicht mit diesen vielen Interessen bestückt. Ich habe dann irgendwann gemerkt, dass dies mein Wesen ist, dem ich mich nicht entgegenstellen kann. Und es gab ja durchaus Konstanten: Ich habe immer gelesen und immer geschrieben. Die Inhalte mögen sich verändert haben, aber das Tun blieb das gleiche. Und: Ich habe aus allen Phasen was für die nächste mitgebracht. Vielleicht ist es ja im Leben so, dass alles seine Zeit hat, dass man aus jeder Zeit etwas für die nächste lernt. Und immer muss man auch bereit sein, Altes loszulassen, dass wieder Platz für Neues kommt.

Erich Maria Remarque: Drei Kameraden

«Ich hatte ein merkwürdiges Gefühl von Heimat, als ich das so sah, und ich dachte daran, daß nun jemand da war und da sein würde, daß ich nur wenige Schritte zu machen brauchte, um ihn zu sehen und bei ihm zu sein, heute, morgen, auf lange Zeit vielleicht –«

Inhalt
Drei Kameraden aus dem Krieg, Robert, Gottfried und Otto, eröffnen im Berlin der zwanziger Jahre eine Autowerkstatt, die sie mehr schlecht als recht finanziell über die Runden bringt. Als sie bei einer Autoausfahrt auf Pat treffen, wächst zwischen ihr und Robert eine erst feine, dann immer stärker werdende Liebe heran, welche. Robert führt Pat in seine Welt ein, die aus viel Alkohol, Salons mit Prostituierten und vor allem tiefen und echten Freundschaften besteht. In diese gelebte Liebe und Lebensfreude schlägt das Schicksal hinein, Pat wird schwer krank, muss sogar ins Sanatorium. Es bleibt nur noch die Hoffnung und damit immer wieder neue Zuversicht, dass alles noch ein gutes Ende nehmen wird.  

Bedeutung

«Theater, Konzerte, Bücher, – alle diese bürgerlichen Gewohnheiten hatte ich fast verloren. Es war nicht die Zeit danach. Die Politik machte genug Theater.»

«Drei Kameraden» ist ein Zeitzeugnis. Es durchleuchtet das Berlin der zwanziger Jahre mit klarem Blick, welcher in die Tiefe führt. Das Buch zeigt die Lebensfreude nach dem Krieg, aber auch die Versehrtheit der Kriegsrückkehrer. Es zeigt das Leiden an der Zeit und die seelischen Wunden, die vom Krieg übrigblieben, das Nicht-vergessen-Können, das Misstrauen in die Zeit. Es zeigt die schwierige wirtschaftliche Lage, in welcher eine ganze Schicht von Menschen ums Überleben kämpft, in welcher die Möglichkeiten immer weniger und die Nöte immer vielfältiger werden.

«Drei Kameraden ist aber auch ein Buch über die Freundschaft, über den Zusammenhalt von drei Menschen, die füreinander einstehen und hinstehen. Es sind aber nicht nur die drei Menschen, die freundschaftlich verbunden sind, sie bilden nur den engsten Kreis. Es ist eine ganze Gruppe von Menschen, die zu einem Freundeskreis gehören, bestehend aus den untersten Schichten des Milieus, bestehend aus Alkoholikern, Prostituierten und sonst Randständigen, bestehend aus ganz viel Mitmenschlichkeit – trotzdem.

««Liebst du mich eigentlich?» fragte ich.
Sie schüttelte den Kopf. «Du mich?»
Nein, ein Glück, was?»
«Ein grosses Glück.»
«Dann kann uns ja nichts passieren, wie?»
«Gar nichts –« erwiderte sie und faßte unter den Mänteln nach meiner Hand.»

«Drei Kameraden» ist aber auch ein Buch über die Liebe, ein Buch über die Verbindung zweier Menschen in schwierigen Zeiten, in welchen das Vertrauen in das Gute durch die Herausforderungen des Lebens schwer geworden ist.

«Drei Kameraden» besticht durch einen feinen Witz, eine unglaublich tolle Sprache voller Poesie und eine grosse Menschlichkeit. Es ist ein sehr berührendes Buch, ein einnehmendes Buch, ein zum Nachdenken anregendes Buch. Es ist ein Buch, welches zeigt, dass auch in schweren Zeiten (oder gerade da) Werte wie Freundschaft, Verlässlichkeit und Mitmenschlichkeit wichtig sind. Es ist ein Buch, das zu jeder Zeit aktuell ist, weil jede Zeit ihre Herausforderungen kennt und Menschen damit umgehen müssen.

Persönlicher Bezug
Natürlich war mir das Buch «Im Westen nichts Neues» ein Begriff, der Name Erich Maria Remarque bekannt, und doch hatte ich weder dieses noch ein anderes Buch je gelesen, geschweige denn mich mit der Person Remarque auseinandergesetzt. Dann las ich den Roman «Ascona» von Edgar Rai (HIER die Rezension) und es gab quasi kein Halten mehr: Ich wollte mehr über Erich Maria Remarque erfahren und ich wollte vor allem das Buch lesen, welches er in dem gelesenen Roman geschrieben hat. Und ja, es wird nicht bei dem einen Buch bleiben.

Erich Maria Remarque
Erich Maria Remarque (eigentlich Erich Paul Remark, den Mittelnamen «Maria» legte er sich aus Verehrung für Rainer Maria Rilke zu) wurde am 22. Juni 1898 in Osnabrück geboren. Er besuchte ein katholisches Lehrerseminar und wurde 1916 in die Armee eingezogen, wo er nach sechs Monaten Ausbildung an die Front berufen wird. Wegen einer Verletzung verbringt er die Zeit bis 1918 im Lazaret. Die Armeezeit wird ihn das ganze Leben prägen, seine pazifistische Sicht begründen. Es folgen die verschiedensten Berufe, Händler, Agent für Grabsteine, Lehrer oder Organist sind nur ein paar. Daneben veröffentlicht er Gedichte und Kurzprosa, 1920 folgt der erste Roman «Traumbude». Die Jahre drauf reist er als Journalist durch Europa, wird Sportredaktor und veröffentlicht schliesslich 1929 den Roman «Im Westen nichts Neues», mit welchem er berühmt werden sollte. 1932 folgt die Reise in die Schweiz, nach Porto Ronco (in der Nähe von Ascona) ins Exil. 1933 werden seine Bücher verbrannt, 1938 die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt, 1939 die Emigration nach Amerika. Nach dem Krieg lebt Remarque abwechselnd in New York und Porto Ronco (CH). 1946 gelingt ihm mit dem Roman «Arch of Triumph» ein weiterer Erfolg, an welchen er mit den folgenden Romanen nicht mehr anschliessen kann. Erich Maria Remarque stirbt am 25. September 1970 in Locarno.


Angaben zum Buch
Verlag: KiWi-Taschenbuch; 4. Edition (8. März 2014)
Umfang: 592 Seiten
ISBN: 978-3462046311
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online unter anderem bei AMAZON.DE und ORELLFUESSLI.CH

Volker Weidermann: Ostende

1936, Sommer einer Freundschaft

«Er war 53 und weltberühmt. Ja, berühmt, aber auch scheu und in neuen Lebenssituationen und unter vielen Menschen seltsam ungelenk, nie wirklich selbstsicher. Stefan Zweig war ein suchender Mensch, immer auch auf der Suche nach dem ruhenden Pol in sich selbst, nach Selbstgewissheit.»

 Im Sommer 1936 zieht es Stefan Zweig nach Ostende. Er will arbeiten, in Ruhe, Ruhe haben von seiner Frau, mit der er schon lange nicht mehr glücklich ist, Ruhe haben von dem, was zu Hause abgeht politisch. Er schreibt an seine Sekretärin und Geliebte, Lotte Altmann nach London, sie solle mitsamt ihrer Schreibmaschine nach Ostende kommen. Sie würden da einfach leben. Es ist nicht das erste Mal, dass Stefan Zweig in Ostende ist, es ist ein sicherer Wert, er weiss, wer und was ihn da erwartet: Viele seiner Schriftstellerkollegen und Freunde, die wie er auf der Flucht sind vor einem Regime in einem Land, das das ihre nicht mehr sein kann, weil ihre Bücher da nicht mehr erscheinen dürfen: Joseph Roth, Irmgard Keun, Hermann Kesten, Ernst Toller, Egon Erwin Kisch.

«Jetzt sind sie Menschen auf der Flucht in einer Urlaubswelt.»

Besonders mit Joseph Roth verbindet Stefan Zweig eine enge Freundschaft – eigentlich mehr als das. Es ist eine grosse Bewunderung für dessen Schaffen, das er aber am Alkohol zugrunde gehen sieht; und Roth damit. Der jüngere Freund, dem Alkohol durchaus zugetan, steht finanziell und gesundheitlich immer am Abgrund, ist auf die Hilfe seines brüderlichen Freundes angewiesen, kann sie aber doch nicht ganz annehmen, da er sich für die Abhängigkeit schämt und sich nicht unterlegen zeigen will.

Roth trifft in Ostende auf Irmgard Keun, es ist der Beginn einer zweijährigen Beziehung, welche neben der grossen Liebe (Roth ist wohl Keuns grösste Liebe in ihrem Leben) aus Schreiben und Trinken besteht, die beiden sind in beidem sehr fleissig.

Volker Weidermann ist ein wunderbares Porträt der Schriftsteller auf der Flucht gelungen. Mit feinem Blick, zielsicherer Sprache und genügend Wissen, die Inhalte auf leichte Art zu erzählen malt er ein Bild einer Oase in der Zeit, welche einerseits die Wunden durchscheinen lässt, andererseits die Kompensationsstrategien der Einzelnen aufzeigt – und dies ohne moralinsaure Stimme, ohne abschätzigen Ton, ohne zu stark zu Psychologisieren.

Persönlicher Bezug
Stefan Zweig war meine erste grosse Liebe in der Welt der grossen Literatur. Liebte ich ihn in der Jugend vorbehaltslos, kam im Zuge meines Studiums durchaus ein kritischer Blick auf ihn, die Überfülle des Adjektivgebrauchs, die teilweise doch sehr überschwängliche, blumige, sentimentale Herangehensweise an seine Stoffe, entsprachen durchwegs nicht ganz dem, was ich als grosse Literatur im strengen Sinne bezeichnen wollte, und doch war da etwas eigentümlich Packendes in seinen Darstellungen sowohl von Menschen als auch von Zeiten. Es gelang Stefan Zweig immer wieder, sowohl die Menschen authentisch und erfahrbar zu präsentieren, und die Zeiten plastisch werden zu lassen. Und durch Zeit und Mensch schien immer etwas durch: Stefan Zweig selber.

Als ich dann auch noch auf seine Gedichte stiess, die mich sehr berührten und einnahmen, war die Liebe wieder intakt. Es war schon von daher ein Muss, dieses Buch zu lesen. Aber es gab noch mehr Gründe:

Irmgard Keun ist eine in meinen Augen viel zu wenig beachtete Schriftstellerin. Die kecke Art, auf eine vordergründig naive Weise von den Zuständen im Dritten Reich zu schreiben, dabei aber tief in die Abgründe zu stossen und diese sichtbar zu machen, beläufig und doch nicht als Nebenschauplatz, ist grossartig. Und nicht zuletzt schätze ich Volker Weidermann für sein Wissen, für seine Art, dieses auf gut nachvollziehbare und unterhaltsame Weise zu Papier zu bringen, so dass jedes Buch nicht nur informativ, sondern auch eine grosse Lesefreude ist.

Fazit
Ein grossartiges Buch über die Geschichte einiger Schriftsteller auf der Flucht, das mit viel Hintergrundwissen, Menschlichkeit und einem gut lesbaren Erzählfluss aufwartet. Eine ganz grosse Leseempfehlung.

Zum Autor
Volker Weidermann, geboren 1969 in Darmstadt, studierte Politikwissenschaft und Germanistik in Heidelberg und Berlin. Er war Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, ist seit 2015 Autor beim SPIEGEL und war Gastgeber des »Literarischen Quartetts« im ZDF. Zuletzt erschien von ihm »Ostende. 1936, Sommer der Freundschaft«, »Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen« und »Das Duell. Die Geschichte von Günther Grass und Marcel Reich-Ranicki«.

Angaben zum Buch
Taschenbuch: 160 Seiten
Verlag: btb Verlag (10. August 2015)
ISBN: 978-3442748914
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und ORELLFUESSLI.CH

Michael Maar: Die Schlange im Wolfspelz

„Was ist guter Stil? Und was hat guter Stil mit grosser Literatur zu tun? Alles, oder fast alles.

Inhalt
Michal Maar geht in diesem Buch auf die ihm eigene Art wieder einmal ins Detail. Schon im Klappentext steht, dass in diesem Buch vierzig Lesejahre verarbeitet worden sind, was sich dann auch so zeigt: Eine Fülle an Literaturverweisen pflastern den Weg hin zur Antwort auf die Frage, was denn nun grosse Literatur ausmache, was man unter gutem Stil verstehe und wieso dieser relevant ist, um aus Geschichten gute Literatur zu machen. Dabei achtet er – dafür ist er schon aus seinen früheren Werken bekannt – auf die kleinen Details der Sprache und der Geschichte, zeigt auf, wieso das Eine funktioniert, anderes nicht. Er beleuchtet Essays, Gedichte, Romane, Erzählungen und Novellen, hinterfragt den gängigen Kanon und setzt ihm seine persönliche Meinung entgegen. Dabei begründet er seine eigenen Urteile sorgfältig, so dass der Leser diese gut nachvollziehen und sich auf dieser Basis auch eine eigene Meinung bilden kann.

Klar ist: Es ist einfacher, schlechten Stil zu definieren als guten, und DEN einen guten Stil gibt es nicht. Eine generelle Regel lässt sich nicht finden, der passende Stil hängt immer vom Inhalt, vom Autor und von der literarischen Form ab.

Michael Maar verweist auf viele Bücher, der Vielleser wird sicherlich einige davon kennen, aber es bleibt sicher nicht aus, dass er neue entdeckt bei der Fülle, die präsentiert wird. Maar gelingt es dabei, den spontanen Kaufwunsch seiner gelobten Bücher auszulösen, indem er durch seine Präsentation die Lust am Lesen des ganzen Werks auszulösen vermag.

Persönliche Einschätzung
Ich liebe Bücher über Literatur, ab und an denke ich, ich liebe die Bücher über Bücher fast mehr als die Bücher selber, da ich es immer wieder spannend finde, was andere Menschen in Büchern entdecken, worauf sie achten, was sie finden und wie sie es dann übermitteln. Ein neues solches Buch ist Michael Maars „Die Schlange im Wolfspelz“. Es wurde verdient für den Deutschen Sachbuchpreis 2021 nominiert und hat ihn unverdient nicht gewonnen (wobei der Sieger, Jürgen Kaube mit „Hegels Welt“ durchaus verdient gewonnen hat).

Was mir natürlich persönlich gefällt, ist, dass Michael Maar meine Sicht teilt, dass man Bücher nie von ihrem Autor und dessen Biographie trennen kann. Zu der Zeit, in welcher ich studierte, kam die Tendenz auf, gerade dies zu tun und ich habe es nie verstanden. Zwar denke ich durchaus, dass ein Text auch etwas über das bewusst hineingefügte enthalten kann, dass ihm erst der Leser mit seiner Biographie und daraus resultierenden Lesart zufügt, und doch ist in meinen Augen – um es mit Goethe zu sagen – alles Schreiben autobiographisch. Das heisst nicht, dass jeder Roman eine Wiedergabe der Lebenseckdaten des Autors ist, aber er entsteht schlicht aus einem Menschen heraus und trägt diesen dann auch in sich.

Etwas bitter ist natürlich, dass der Lyrik nur ein Kürzestausflug gewidmet ist, aber auch dieser zeugt, wie der Rest des Buches, von viel Wissen, Belesenheit und Tiefgang. Es sei also verziehen. Es ist eine wahre Freude, mit Michael Maar auf der Suche nach dem guten Stil durch die Literatur zu streifen. Ich kann das Buch nur empfehlen!

Fazit:
Ein gut lesbares und fundiert geschriebenes Buch darüber, was gute Literatur ausmacht und was der Stil dazu beiträgt. Sehr empfehlenswert!

Zum Autor
Michael Maar, geboren 1960, ist Germanist, Schriftsteller und Literaturkritiker. Bekannt wurde er durch „Geister und Kunst. Neuigkeiten aus dem Zauberberg“ (1995), für das er den Johann-Heinrich-Merck-Preis erhielt. 2002 wurde er in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung aufgenommen, 2008 in die Bayerische Akademie der Schönen Künste, 2010 bekam er den Heinrich-Mann-Preis verliehen. Zuletzt sind von ihm erschienen: „Heute bedeckt und kühl. Große Tagebücher von Samuel Pepys bis Virginia Woolf“ (2013) und „Tamburinis Buckel. Meister von heute“ (2014). Er hat zwei Kinder und lebt in Berlin. 

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 656
Verlag: Rowohlt Buchverlag; 8. Edition (13. Oktober 2020)
ISBN: 978-3498001407

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online unter anderem bei AMAZON.DE und ORELLFUESSLI.CH

#abcdeslesens – B wie Beherzigung (Johann Wolfgang von Goethe)

Ach, was soll der Mensch verlangen?
Ist es besser, ruhig bleiben?
Klammernd fest sich anzuhangen?
Ist es besser, sich zu treiben?
Soll er sich ein Häuschen bauen?
Soll er unter Zelten leben?
Soll er auf die Felsen trauen?
Selbst die festen Felsen beben.
Eines schickt sich nicht für alle!
Sehe jeder, wie ers treibe,
Sehe jeder, wo er bleibe,
Und wer steht, dass er nicht falle!

Da haben wir ihn schon ein wenig, den Faust. So viele Fragen und so wenig Antworten. Faust studierte alles denkbar mögliche und fand keine Antworten, in diesem Gedicht findet sich zumindest ein Schluss. Aber der Reihe nach:

Da wird ein Mensch ins Leben geworfen und ist fortan diesem ausgesetzt. Was nun? Goethe formuliert präzise: Nicht: Was kann er verlangen, sondern was soll er verlangen. Können tut man ja grundsätzlich viel, nur: Ist es sinnvoll? Das «soll» ist also wichtig. Und dann fängt das Fragen an:

Soll er ruhig bleiben, auch wenn alles anders läuft als gewünscht? Oder soll er an seinen Wünschen festhalten? Soll er sich treiben lassen, schauen, wohin das Leben ihn schlägt? Oder doch ein Haus bauen, sich niederlassen? Der Punkt scheint wichtig, er wird in anderen Worten wiederholt: Zelte bricht man schnell mal ab, Felsen stehen gefühlt für die Ewigkeit.

Und dann findet er einen vorläufigen Schluss: Es sind nicht alle Menschen gleich, was dem einen Not tut, ist für den anderen falsch. Wie auch Voltaire kommt Goethe zum Schluss: Jeder kann nur für sich entscheiden, was für ihn stimmt, wie das Leben für ihn ein glückliches ist. Und dann soll er dafür sorgen, dass es so kommt, wie er es braucht und will und haben muss.

Goethe wäre nicht Goethe, schickte er nicht noch eine Warnung hinterher: Nachdem du nun also gesehen hast, dass das Leben für jeden selber zu leben ist, du dich für deinen Weg entschieden hast, schau, dass du darauf aufrecht gehst und nicht doch noch irgendwo in eine Grube fällst.

Ich mag keine Moralkeulen. Ich mag auch nicht, wenn man mir sagt, was ich tun oder lassen soll. Das tut Goethe hier nicht. Ich mag dieses Gedicht. Es wirkt auf mich nicht wie eine dogmatische Handlungsanweisung, eher wie eine Bestandsaufnahme, was wir im Leben vorfinden und wie wir damit umgehen könnten – zu unserem Wohl. Goethe hat das nicht erfunden, vor ihm waren die Stoiker da.

Epiktet sagte in seinem «Handbüchlein zur Moral», dass es im Leben Dinge gäbe, die man selber in der Hand hätte, und solche, auf die man keinen Einfluss hätte. Kämpft man gegen die der zweiten Sparte, kann man nur verlieren. Es ist nicht im eigenen Einflussgebiet. Bei den anderen allerdings sollte man sich ranhalten: Was will ich, was kann ich dafür tun? Und dann das Ganze umsetzen.

Das Gleicche gibt es auch in der östlichen Philosophie, bei Shantideva:

„Wenn Du Dein Problem lösen kannst, wozu dann Sorgen machen? Und wenn Du es nicht lösen kannst, wozu dann Sorgen machen?“

Wir haben im Leben nicht alles in der Hand, in der Hand haben wir einzig (und das nicht mal immer bewusst), wie wir auf die Dinge reagieren. Daran können wir arbeiten. In der Hoffnung, dass wir so dem Glück auf die Spur kommen.

Zum Autor
Johann Wolfgang von Goethe wird am 28 .August 1749 in Frankfurt als Spross einer reichen Familie geboren. Er wird von verschiedenen Hauslehrern unterrichtet, studiert später Jura, besucht andere Vorlesung zwecks eigener Abhärtung und Vervollkommnung, und beginnt Mitte 20 ernsthaft mit dem Schreiben. Wenige Wochen nur braucht er für «Die Leiden des jungen Werthers». Er schrieb in den verschiedensten Gebieten, hatte zudem viele Ämter inne, arbeitete als Jurist, Minister und Naturforscher – ein richtiger Allrounder oder Tausendsassa. Goethe starb am 22. März 1832 in Weimar. Er hinterliess wohl eines der umfassendsten, vielfältigsten und umfangreichsten Werk überhaupt.

#abcdeslesens – A wie An sich (Paul Fleming)

Sei dennoch unverzagt, gib dennoch unverloren,
Weich keinem Glücke nicht, steh höher als der Neid,
Vergnüge dich an dir und acht es für kein Leid,
Hat sich gleich wider dich Glück Ort und Zeit verschworen.

Was dich betrübt und labt, halt alles für erkoren,
Nimm dein Verhängnis an, lass alles unbereut.
Tu, was getan muss sein, und eh man dir’s gebeut.
Was du noch hoffen kannst, das wird noch stets geboren.

Was klagt, was lobt man doch? Sein Unglück und sein Glücke
Ist ihm ein jeder selbst. Schau alle Sachen an:
Dies alles ist in dir. Lass deinen eitlen Wahn,

Und eh du förder gehst, so geh in dich zurücke.
Wer sein selbst Meister ist und sich beherrschen kann,
Dem ist die weite Welt und alles untertan.

Schon am Anfang zeigt sich das Programm des Gedichtes. In einem kleinen Wort steckt schon so viel drin: Dennoch. Sei dennoch unverzagt. Selbst wenn alles nicht so läuft, wie das willst, wenn das Leben schwer ist, selbst dann sei unverzagt. Und gib dennoch nicht alles schon verloren, denn das ist es nicht. Hüte dich vor Neid dem Glücke anderer gegenüber und schau es nicht als Leid an, wenn dir selbst das Glück gerade nicht hold ist.

Was aber ist Glück und wie kommt man dahin? Wie kommt man mit einer Welt klar, in der die Dinge nicht immer so laufen, wie man sich das wünscht? Mit Gelassenheit, sagt Paul Fleming. Indem wir davon ausgehen, dass alles seine Bestimmung und seine Gründe hat, dass wir annehmen müssen, was ist. Und bei all dem sollen wir die Hoffnung nie verlieren, dass nach einem Unglück auch wieder bessere Zeiten kommen.

All die Klagen sind schlussendlich unnötig. Auch das Loben des Glücks ist es. Statt das Glück im Aussen zu suchen, solle man in sich gehen, denn: Alles ist schon da. Es liegt allein an mir selber, ob ich das Glück finde oder nicht, denn es liegt genau darin, was oben schon beschrieben ist: Annehmen was ist und sich nicht in Neid und Wehklagen zu verstricken. Dann ist man Herr seiner Gefühle, dann ist man Herr seiner selbst und steht damit über allem, was bedrücken könnte.

Paul Fleming hat dieses Gedicht 1641, also vor 380 Jahren geschrieben, in einer Zeit, die durch den 30-jährigen Krieg und die Pest stark gebeutelt war. Das Leben war kein sicherer Wert, es war jederzeit in Gefahr. Mit seiner Form (Sonett mit 14 Versen, aufgeteilt in zwei Quartette und zwei Terzette, mit sechshebigem Jambus (Alexandriner), abwechselnd weiblichen und männlichen Kadenzen sowie dem umarmenden, in den Terzetten durch zwei Paarreime unterbrochenen, Reim)  ist das Gedicht typisch für seine Entstehungszeit, den Barock. In der Lebensauffassung dieser Zeit bildeten sich Gegensätze wie «Carpe diem – Memento mori», «Diesseits – Jenseits» heraus, Gegensätze, denen immer die Vergänglichkeit des Lebens eingeschrieben war. Ebenfalls präsent war der Glaube an die Vorbestimmung eines Lebens, daran, dass dieses dem Menschen quasi vorgezeichnet ist und es kein Entrinnen gibt.

Diese Lebensauffassungen mögen heute nicht mehr gelten, dennoch hat das Gedicht nichts von seiner Aktualität und Wahrheit eingebüsst. Noch heute ist der Mensch in seinem Streben nach Glück gleich, noch heute wird er aber einsehen müssen, dass er nur eines selber in Händen hat: Wie er auf die Dinge reagiert, welche das Leben bereit hält. Wenn es da gelingt, aus einem Gleichmut und einer Gelassenheit heraus anzunehmen, was ist, dann stellt sich eine Ruhe ein und damit auch eine Art Glück.

Zum Autor
Paul Fleming, geboren am 5. Oktober 1609 in Hartenstein (Sachsen) und gestorben am 2. April 1640 in Hamburg, war Arzt und Schriftsteller und gilt als einer der bedeutendsten Lyriker der deutschen Barockliteratur. Er schrieb sowohl lateinische wie auch deutsche Gedichte, wobei nur wenige lateinische Gedichte schon zu Lebzeiten veröffentlicht wurden.

Rainer Maria Rilke: Briefe an einen jungen Dichter

Im Wallstein Verlag ist eine neue Ausgabe des wunderbaren Buches «Briefe an einen jungen Dichter» von Rainer Maria Rilke erschienen. Rilke ist in der Lyrik einer meiner Lieblinge, in diesen Briefen gibt er tiefe Einblicke in sein Schaffen, in sein Fühlen, in sein Verständnis von Kunst und vom Leben. Was treibt ihn um, was bedeutet Dichtung für ihn? Wo finden sich die Ideen, Inspirationen? Worauf kommt es an? Wann ist ein Kunstwerk gut? Zu dieser Frage meint Rilke:


„Ein Kunstwerk ist gut, wenn es aus Notwendigkeit entstand. In dieser Art seines Ursprungs, liegt sein Urteil, es gibt kein anderes.“

Die Notwendigkeit kann nur aus dem Schaffenden selber kommen, er muss ein „ich muss schreiben“ in sich spüren und merken, dass ein Leben ohne dieses nicht möglich wäre für ihn. Und weiter:

„Der Schaffende muss eine Welt für sich sein und alles in sich finden und in der Natur, an die er sich angeschlossen hat.“

Es bedarf also keines Suchens im Aussen, keiner Anleitungen, Urteile und Kritiken, sondern der Einkehr, des genauen Hinschauens, was im Schaffenden selber angelegt ist.

Entstanden sind diese 10 Briefe in den Jahren 1903 – 1908. Sie richteten sich an Franz Kappus, ein junger Dichter, welcher sich vom Meister Rat erhoffte. Mit diesem Ansinnen war Kappus nicht allein, Rilke erhielt viele Briefe mit Fragen zur Kunst, zum Schreiben oder zum Leben allgemein. Er hat diese alle sehr sorgfältig beantwortet, so dass er in seinem Leben auf ein Briefwerk von um 15’000 Briefen kam – es gibt viele Stimmen, die seine Briefe dem literarischen Werk zurechnen wollen und sie diesem auch ebenbürtig sehen. Diese zehn Briefe sprechen dafür.

Die Briefe an den jungen Dichter wurden zum ersten Mal erst nach Rilkes Tod veröffentlicht, im Jahr 1929. Sie wurden in der Folge ein Ratgeber für viele Künstler und Kreative. In dieser Neuerscheinung sind zum ersten Mal auch die Briefe von Franz Kappus abgedruckt (ausser dem ersten, mit dem alles begann). Damit ist der ganze Austausch noch klarer ersichtlich, Rilkes Antworten haben nun einen klareren Kontext erhalten.

Das Buch ist wunderschön gestaltet, das Cover allein ist ein kleines Kunstwerk. Der fundierte Kommentar und das Nachwort von Erich Unglaub rundet alles ab und es ist ein Buch entstanden, das auf der ganzen Linie eine wahre Freude ist.

Zu diesen Briefen über das Dichten und Dichtersein passt ein Gedicht Rilkes wunderbar:

Der Dichter
Du entfernst dich von mir, du Stunde.
Wunden schlägt mir dein Flügelschlag.
Allein: was soll ich mit meinem Munde?
mit meiner Nacht? mit meinem Tag?

Ich habe keine Geliebte, kein Haus,
keine Stelle, auf der ich lebe.
Alle Dinge, an die ich mich gebe,
werden reich und geben mich aus.

Angaben zum Buch:
Verlag: Wallstein; 1. Edition (8. März 2021)
Gebundene Ausgabe: 148 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3835339323
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE oder beim WALLSTEIN VERLAG