In der Welt zu Hause sein


Wir werden in eine Welt geworfen, die wir uns nicht ausgesucht haben und die nicht auf uns gewartet hat. Wir wachsen in diese Welt hinein, lernen, wie sie funktioniert, was von uns erwartet wird. Je nach Kultur und Zeit und sozialem Umfeld sehen diese Erwartungen anders aus, was überall gleich ist: Wir sollten sie erfüllen. Doch was, wenn sich diese Erwartungen nicht passend anfühlen? Was, wenn wir es nicht schaffen, sie zu erfüllen? Was, wenn wir uns fremd in dieser Welt fühlen, die doch die unsere ist, entfremdet von der Welt durch unser und in unserem Sein?

„Ob Leben gelingt oder misslingt, hängt davon ab, auf welche Weise Welt (passiv) erfahren und (aktiv) angeeignet oder anverwandelt wird und werden kann…Zentral ist die Idee einer Differenz zwischen gelingenden und misslingenden Weltverhältnissen, die sich nicht am Ressourcen- oder Verfügungsreichtum und auch nicht an der Weltreichweite festmachen lässt, sondern am Grad der Verbundenheit mit und der Offenheit gegenüber anderen Menschen (und Dingen).“ *


Eine Welt, die wir als für uns passend wahrnehmen, muss etwas in uns zum Klingen bringen. Wir müssen eine Verbindung wahrnehmen, etwas, an das wir mit unserem Sein anknüpfen können. Wir müssen in unserem So-Sein die Welt als etwas erfahren, in dem wir aufgehoben sind, das uns etwas angeht, weil sie zu uns spricht.

„Subjektivität [entsteht] immer schon aus und in einer Bezogenheit auf Welt… Subjekte erfahren sich als in eine Welt gestellt, die sie etwas angeht, und dieses ‚Angehen‘ ist von positiver oder negativer Bedeutsamkeit. Die Dinge sprechen uns an oder sagen uns zu – oder sie stossen uns ab; wenn uns etwas nichts sage, so impliziert dies, dass wir keine Beziehung dazu haben.“*

Wir leben als Individuen nie unabhängig von der Welt, unser Selbst bestimmen wir immer relational zur Umwelt. Egal, ob uns diese gefällt oder eher abstösst, wir setzen uns dazu in Bezug und schaffen aus dieser Beziehung unser Selbstbild. Diese Bestimmung ist allerdings nicht für immer festgesetzt, sie ist nicht in Stein gemeisselt, sondern sie kann sich über die Zeit auch verändern.

„Weltbeziehungen sind stets dynamisch, sie konstituieren sich in und durch die prozesshaften Begegnungen von Subjekt und Welt.“*

Das hängt damit zusammen, dass sich die Welt verändert durch das, was tagtäglich in ihr vorgeht, aber auch, weil wir uns selber verändern – besonders stark im Heranwachsen, aber auch später noch. Je nach Lebensabschnitt befinden wir uns an einer anderen Stelle in unserem Sein und damit auch in einer anderen Rolle in der Welt, die uns umgibt. Einerseits haben wir andere Bedürfnisse an diese je nach Lebensplan, andererseits hat auch sie andere Erwartungen an uns. Dieses Zusammenspiel von Erwartungen und Anpassungen, von Beziehungsgefügen ist ein dynamisches, aber in dieser Dynamik kontinuierlich wandelndes.

Die Frage nach dem eigenen Sein, nach dem gelingenden Leben, kann nie im luftleeren Raum gestellt werden. Wir sind als soziale Wesen in eine Welt und ein menschliches Umfeld eingebettet, mit dem wir in einer irgendwie gearteten Beziehung stehen. Einerseits prägt uns dieses Umfeld, andererseits wollen wir uns in diesem Umfeld behaupten als die, die wir sind. Wir wollen ein Leben leben, das dem entspricht, das wir für uns als die, als die wir uns sehen, passend erachten.

Fühlen wir uns mit diesem Lebensentwurf nicht mehr zur Welt passend, kommt es zu einem Gefühl von Entfremdung. Zwar können wir uns nicht aus der Beziehung zu dieser Welt lösen, doch wir können sie auch nicht leben. Wenn wir uns zu sehr in die Welt einfügen, kann es dazu führen, dass wir uns von uns selbst entfremden. Ein gelingendes Leben kann also nur dann stattfinden, wenn zwischen uns und der Welt eine Beziehung besteht, die lebt.

„Die Vorstellung, dass Menschen selbstinterpretierende Wesen sind, impliziert, dass ihre Weltbeziehungen niemals schlechthin gegeben sind, sondern in individuellen und kulturellen Deutungsprozessen stetig artikuliert, re-konstituiert, verhandelt und transformiert werden. Sie bedeutet zugleich, dass Selbstinterpretation immer und notwendig auch Weltinterpretationen sind und umgekehrt.“*

Nun ist die Welt nicht einfach gesetzt im Sinne einer unveränderlichen objektiven Grösse. Die Welt ist immer auch das, was wir in ihr sehen, wie wir sie deuten, interpretieren. Insofern schaffen wir uns unsere Welt zu einem Stück selber durch die Perspektive, die wir ihr gegenüber einnehmen. Um also zu einem gelingenden Leben innerhalb der Welt um uns zu gelangen, bedarf es eines offenen Blickes auf diese Welt. Wir müssen bereit sein, uns von der Welt berühren zu lassen. Wir müssen sie mit all ihren Möglichkeiten und von verschiedenen Seiten betrachten und nach Antworten suchen auf unser Fragen an das Leben und die Welt. Wo finden wir einen Resonanzrahmen, wo die Möglichkeit, uns mit unseren Bedürfnissen wahr- und angenommen zu fühlen? Ebenso müssen wir offen bleiben gegenüber den Bedürfnissen der Menschen um uns und auf diese antworten. Erst durch dieses gegenseitige In-Beziehung-Treten, das sich als gegenseitige Anerkennung*** äussert, wird ein gelingendes Leben als soziale Menschen in einer gemeinsamen Welt möglich.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass für ein gelingendes Leben zuerst ein Selbstbild nötig ist, welches wir durch unseren Weltbezug und unsere Bedürfnisse für unser in der Welt Sein festlegen. Zweitens bedarf es eines aktiven In-Beziehung-Tretens, indem wir nach Antworten suchen und im Gegenzug auch auf die Welt antworten, so dass ein Resonanzraum entsteht. Durch diese Interaktion des gegenseitigen Aufeinander-Beziehens, durch die gegenseitige Anerkennung, verhaften wir uns in der Welt als selbstbestimmte Wesen, die gemeinsam mit anderen als je eigenständige und selbstbestimmte Wesen an dieser Welt partizipieren.


*Zitate aus: Hartmut Rosa, Resonanz
**mehr zum Thema Entfremdung: Rahel Jaeggi, Entfremdung
***mehr zum Thema Anerkennung: Axel Honneth

Buchtipps zum Thema

  • Hartmut Rosa: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, Suhrkamp Verlag, Berlin 2016.
  • Rahel Jaeggi: Entfremdung, Suhrkamp Verlag, Berlin 2016.
  • Axel Honneth: Kampf um Anerkennung, Suhrkamp Verlag, Berlin 2016.

Carolin Emcke: Gegen den Hass

Inhalt

„Der Hass richtet sich das Objekt des Jasses zurecht. Es wird passgenau gemacht.“

Was geht in Menschen vor, die andere bedrohen, angreifen, verletzen, abwerten? Was bewegt Menschen, anderen Leid anzutun, nur weil sie von dem abweichen, was man selber als Norm gesetzt hat? Wir scheinen in einer Welt zu leben, die Pluralität ausschliessen möchte, um unter Gleichen gefühlt sicher zu leben. Dass damit eine Demokratie nicht lebbar ist, ist das Eine, das Andere ist, dass wir auf diese Weise kein friedliches Miteinander erreichen werden als Gesellschaft.

Carolin Emcke geht der Frage nach dem Hass nach, sie hinterfragt die Beweggründe und Muster desselben, zeigt auf dessen Auswirkungen für einzelne Menschen, die Gesellschaft und das politische System. Sie ruft auf zu mehr Mut zum Widerstand, zur Akzeptanz von Pluralität und zu einer humanistischeren Haltung.

Weitere Betrachtungen

„Sie müssen sich sicher sein. Ohne jeden Zweifel. Am Hass zweifelnd lässt sich nicht hassen. Zweifelnd könnten sie nicht so ausser sich sein. Um zu hassen braucht es absolute Gewissheit. Jedes Vielleicht wäre da störend. Jedes Womöglich unterwanderte den Hass, zöge Energie ab, de doch gerade kanalisiert werden soll. Gehasst wird ungenau.“

Hass ist ein starkes Gefühl und dahinter steckt eine Sicherheit, dass er gerechtfertigt ist. Das Bild steht, die Meinung ist gemacht, der Andere ist der Feind und man kann diesem nur mit Hass begegnen, da er das Eigene gefährdet. So wenig differenziert und doch so in Stein gemeisselt erscheint die Gesinnung, die sich als Rassismus und Fanatismus äussert.

„Gehasst wird aufwärts oder abwärts, in jedem Fall in einer vertikalen Blickachse, gegen „die da oben“ oder „die da unten“, immer ist es das kategorial „Andere“, das das „Eigene“ unterdrückt oder bedroht…“

Feindbilder verbinden und trennen. Sie verbinden die Einen mit den Gleichgesinnten, den Mithassern, weil allen gemeinsam das Feindbild der Anderen ist, gegen welche sie mit vereinten Kräften vorgehen in ihrem Hass.

„Um dem Hass und dem Fanatismus mit Reinheit zu begegnen, braucht es aber auch zivilgesellschaftlichen (und zivilen) Widerstand gegen die Techniken des Ausgrenzens und Eingrenzens, gegen die Raster der Wahrnehmung, die manche sichtbar und andere unsichtbar machen, gegen die Blick-Regime, die Individuen, nur noch als Stellvertreter von Kollektiven gelten lassen. Es braucht mutigen Einspruch gegen all die kleinen und gemeinen Formen der Demütigung und der Erniedrigung ebenso wie Gesetze und Praktiken des Beistands und der Solidarität mit denen, die ausgeschlossen werden.“

Wir können dem nur begegnen, wenn wir aufhören, Fronten zu bilden, wenn wir das Trennende durch das Verbindende ersetzen. Wir müssen uns bewusst werden, wo Aus- und Eingrenzungen stattfinden, müssen hinter diese Mechanismen blicken und die sie auslösenden Annahmen entkräften. Wir müssen wieder beginnen, Menschen als Individuen zu sehen und nicht als Vertreter eines (fremden und deswegen abgelehnten) Kollektivs. Wir müssen hinschauen, wenn Menschen gedemütigt und diskriminiert werden und uns dagegen stellen. Schweigen ist feige, Schweigen über Hass, Rassismus und Fanatismus, über Gewalt und Diskriminierung ist im Grunde Unterstützung von alledem.

„Nur wenn die Raster des Hasses ersetzt werden, nur wenn „Ähnlichkeiten entdeckt (werden), wo vorher nur Differenzen gesehen (wurden), kann Empathie entstehen.“

Persönlicher Bezug

„Du willst, dass es aufhört. Du willst nicht, dass nur manche sichtbar sind, nur diejenigen, die irgendeinem Ebenbild entsprechen, das jemand einmal erfunden und als Norm ausgegeben hat. Du willst, dass es reicht, ein Mensch zu sein, dass es keine weiteren Eigenschaften oder Merkmale braucht, um gesehen zu werden… Du willst, dass es aufhört, weil es eine Kränkung für alle ist, nicht nur für diejenigen, die übersehen und zu Boden gestossen werden.“

Es fängt vieles schon bei uns selber an. Wenn wir uns selber hassen, stufen wir uns automatisch tiefer ein als andere und der Umstand, dass die Anderen dann über uns stehen, gibt ihnen quasi mehr Wert und damit mehr Rechte – zu Unrecht. Kein anderer hat das Recht auf unsere Psyche oder unseren Körper. Was so offensichtlich klingt, ist im Alltag vieler nicht so einfach. Wir leben in Systemen, welche Wertverteilungen und Marginalisierungen in sich tragen und die in diesen Systemen Lebenden bis tief ins Unbewusste prägen. So sind wir uns der eigenen Abwertung oft nicht bewusst. Und genauso unbewusst fallen Abwertungen anderer aus – wir verhalten uns in einer kulturell geprägten Art und unterstützen damit immer weiter die strukturelle Gewalt.

So gesehen sind wir nicht einfach Opfer einer Kultur, wir haben einiges selber in der Hand. Aber wir leben in ebendieser Kultur und müssen ihre zugrundeliegenden Muster und Prägungen aufdecken und durchbrechen, um zu einer Veränderung zu kommen.

Fazit
Ein analytisches, differenziertes, ausführliches Buch über die gefährlichen Mechanismen und Auswirkungen von Ausgrenzung, Diskriminierung und Hass. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Carolin Emcke, geboren 1967, studierte Philosophie in London, Frankfurt/Main und Harvard. Sie promovierte über den Begriff »kollektiver Identitäten«.Von 1998 bis 2013 bereiste Carolin Emcke weltweit Krisenregionen und berichtete darüber. 2003/2004 war sie als Visiting Lecturer für Politische Theorie an der Yale University.Sie ist freie Publizistin und engagiert sich immer wieder mit künstlerischen Projekten und Interventionen, u.a. die Thementage »Krieg erzählen« am Haus der Kulturen der Welt. Seit über zehn Jahren organisiert und moderiert Carolin Emcke die monatliche Diskussionsreihe »Streitraum« an der Schaubühne Berlin. Für ihr Schaffen wurde sie mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Theodor-Wolff-Preis, dem Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus, dem Lessing-Preis des Freistaates Sachsen und dem Merck-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. 2016 erhielt sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Bei S. Fischer erschienen ›Von den Kriegen. Briefe an Freunde‹, ›Stumme Gewalt. Nachdenken über die RAF‹, ›Wie wir begehren‹, ›Weil es sagbar ist: Über Zeugenschaft und Gerechtigkeit‹ sowie ›Gegen den Hass‹.

Angaben zum Buch
Herausgeber: FISCHER Taschenbuch; 3. Edition (23. Mai 2018)
Taschenbuch: 240 SeitenISBN-Nr.: 978-3596296873

Svenja Flasspöhler Sensibel

Über moderne Empfindlichkeit und die Grenze des Zumutbaren

Inhalt

„Offenbar sind wir mehr denn je damit beschäftigt, das Limit des Zumutbaren neu zu justieren. Doch fährt sich der Diskurs hierüber zunehmend fest: Liberale und Egalitäre, Rechte und Linke, Alte und Junge, Betroffene und Nicht-Betroffene stehen sich unversöhnlich gegenüber.“

Wir leben in einer Gesellschaft, die durch zunehmende Sensibilisierung um gegenseitige Anerkennung kämpft, die Menschen in ihrer Verletzlichkeit schützen will und dafür Mittel und Wege findet im Umgang miteinander in verschiedenen Bereichen. Svenja Flasspöhler streicht die Errungenschaften dieser Haltung heraus, beleuchtet aber auch kritisch ihre Gefahren:

Entmündigt eine Gesellschaft, die alles unternimmt, Verletzungen zu vermeiden, nicht auch das Individuum, da es dieses aus der Pflicht der Selbstbehauptung und Selbstermächtigung nimmt und es als hilfloses Opfer äusserer Umstände betrachtet? Müsste im Kampf um Emanzipation und Gleichberechtigung nicht auch das Individuum selber seine Widerstandskraft trainieren?

Entstanden ist ein gut lesbares, informatives, differenziertes Buch über die Möglichkeiten, wie ein Weg in eine gleichberechtigte Gesellschaft gelingen kann, welcher immer ein gemeinsamer sein muss.

Weitere Betrachtungen

„Unbestritten gehört es zu den Errungenschaften der Emanzipation, dass man Menschen nicht auf ihr Geschlecht reduziert, sondern für das anerkennt, was sie können und machen. Wenn es gelänge, das generische Maskulinum als universale, geschlechtsunabhängige Bezeichnungspraxis zu nehmen, die es rein formal eben ist: Böte es dann nicht ein erstaunliches emanzipatorisches Potenzial – und zwar gerade durch seine umfassende Bezeichnungskraft, die nicht nur einzelne Gruppen meint, sondern alle?“

Neben anderen Themen geht Svenja Flasspöhler in ihrem Buch auch auf die Sprache ein, die in der heutigen Gesellschaft ein Politikum geworden ist. Was darf man noch sagen und wie muss man es sagen, dass alle mit gemeint und keiner verletzt ist? In Bezug auf das generische Maskulinum bedeutet das, zu sehen, dass mit ihm kein Geschlecht gemeint ist, sondern alle unter den Begriff fallenden Einheiten. Lehrer sind damit nicht nur Männer, sondern alle möglichen Ausprägungen des Geschlechts. Da nun neue Begriffe einzuführen, bringt nicht zwingend mehr Gerechtigkeit, sondern meistens auch neue Fronten, da jeder neue Begriff wieder jemand anderen ausschließt, wie sich am Beispiel LGBTQIA+ zeigt, welcher nach und nach um einen weiteren Punkt erweitert werden musste, bis nun mit dem + alle noch nicht genannten mit gemeint sind.

„Sondern gesagt werden soll lediglich, dass – um noch mal auf Saussure und Derrida zurückzukommen – Lautbild und Vorstellung nicht unauflöslich aneinandergekoppelt sind und gerade in der Bedeutungsverschiebung emanzipatorisches Potenzial liegt.“

Sprache und ihre Bedeutung ist nicht in Stein gemeisselt, sondern unterliegt Konventionen. Je nach Zeit und Umfeld und Kontext bedeutet ein Wort etwas anderes und diese Bedeutung ist von all dem abhängig. Insofern bildet Sprache nicht die Wirklichkeit ab, sondern sie ist eine konnotierte Bedeutungszuschreibung. In Anbetracht dessen könnte es sinnvoll sein, statt Wörter auszuwechseln, sie neu zu konnotieren, sie mit einer neuen, positiven Bedeutung zu belegen. Das passierte so zum Beispiel mit dem Wort „queer“, welches seltsam, komisch heisst und damit nicht wirklich positiv wirkt. Durch eine Neubewertung steht das Wort nun für den Widerstand, es hat also quasi seinen Effekt umgekehrt, die ursprüngliche Zielsetzung der Verletzung und Abwertung wurde zum Ausdruck der Selbstermächtigung.

„Wörter haben aus psychoanalytischer Perspektive immerhin sichtbares Heilungspotenzial. Umgekehrt können sie auch, so offenbart sich an konkreten psychosomatischen Leiden, wie ein ‚Schlag ins Gesicht‘ wirken.“

Bei all dem betont Flasspöhler, dass Sprache verletzen kann und ein sensibler Umgang damit deswegen wünschenswert und nötig ist.

Persönlicher Bezug

«…dann kann sich eine funktionsfähige Gesellschaft nicht in der Aufgabe erschöpfen, Verletzungen zu vermeiden. Genauso fundamental muss die gezielte Stärkung von Widerstandskraft sein, die wesentlich ist für die Ausübung von Autonomie.»

Wir leben in einer Welt, die uns mit vielem konfrontiert, Gutem wie Schlechtem. Als Menschen streben wir danach, das Gute zu fördern und das Schlechte zu meiden. Das liegt in der Natur der Sache und unseres Wesens. So lange das eine eigene Strategie ist, schaut jeder für sich, wie er dahin kommt, möglichst viel Leid zu vermeiden. Wenn wir diese Aufgabe Gesellschaft und Staat übereignen, nehmen wir uns aus der Pflicht. Nun ist es durchaus so, dass eine Gesellschaft so gestaltet sein sollte, dass jeder Mensch sich in ihr wohl fühlen kann, keiner um sein Leben oder seine Integrität fürchten muss. Auch dem Staat fällt die Aufgabe zu, die einzelnen Menschen in grösstmöglicher Weise vor Unrecht zu bewahren.

Vergessen werden darf allerdings nicht, dass auch der einzelne Mensch durchaus etwas in der Hand hat und dies auch nützen soll. Selbstverantwortung schliesst auch mit ein, dass man selber dafür sorgt, sich so gut wie möglich aus eigener Kraft in der Welt einzurichten, sich für sich selber einzusetzen, wo man Unrecht erfährt. Es ist wichtig, die eigene Potenz zu entfalten und nicht darauf zu hoffen, dass von aussen alle Steine aus dem Leben geschafft werden. Ich mag Rilkes Sicht aufs Leben deswegen, die hinter seinem Satz „du musst dein Leben ändern“ steht. Er sieht das Leben als Kunstwerk, welches wir selber gestalten und verändern können. Den grossen Rahmen dazu haben wir, die Gesetze in unseren Breitengraden sind grossmehrheitlich so, dass sie eine gleichberechtigte Gesellschaft unterstützen und jedem Menschen seine Würde und Persönlichkeit zusprechen. An der Umsetzung können wir aktiv mitarbeiten.

Fazit
Ein sehr differenziertes Buch über die heutige Gesellschaft, ihre Empfindlichkeiten und Möglichkeiten, als Individuen in einer liberalen, demokratischen Gesellschaft ein Miteinander zu leben. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Svenja Flaßpöhler ist Chefredakteurin des Philosophie Magazin. Die promovierte Philosophin war leitende Redakteurin beim Deutschlandfunk Kultur, wo sie die Sendung »Sein und Streit« verantwortete. Mit Wolfram Eilenberger, Gert Scobel und Jürgen Wiebicke gestaltet sie das Programm der »Phil.cologne«, dem größten Philosophie Festival Deutschlands. Ihre Bücher wurden in mehrere Sprachen übersetzt, die Streitschrift »Die potente Frau« wurde ein Beststeller.

Angaben zum Buch
Herausgeber: Klett-Cotta; 4. Druckaufl., 2021 Edition (20. Oktober 2021)
Gebundene Ausgabe: 240 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3608983357

Wilhelm Schmid: Glück

Was kann dieses Buch dazu bringen, dass Sie Ihr Glück finden können? Einen Moment des Nachdenkens, sonst nichts. Eine kleine Atempause inmitten der Glückshysterie, die um sich greift.

Der erste Satz im Buch Wilhelm Schmids über das Glück mildert zum Glück die doch eher überheblich anmutende Botschaft des Untertitels, dass das dünne Büchlein alles beinhaltet, was man über das Glück wissen muss. Das Buch will zum Nachdenken anregen und es geht der Frage nach, was Glück eigentlich ist. Die Antwort ist, dass es keine verbindliche Definition von Glück gibt, dass jeder für sich selber festlegen muss, was Glück für ihn bedeutet.

Viele Menschen sind plötzlich so verrückt nach Glück, dass zu befürchten ist, sie könnten sich unglücklich machen, nur weil sie glauben, ohne Glück nicht mehr leben zu können.

Wilhelm Schmid stellt fest, dass es nicht nur ein Glück gibt, sondern mehrere. Zu unterscheiden sind nach Wilhelm Schmid Zufallsglück, Wohlfühlglück, Glück der Fülle und Glück des Unglücks. Allen gemeinsam ist, dass der Mensch nach ihnen trachtet, dass er das Glück als höchstes Gut erachtet, das er erreichen und halten möchte. Wirklich dauerhaft ist dabei nur das Glück der Fülle, da es auch die negativen Seiten des Lebens beinhaltet. Trotzdem kommt Wilhelm Schmid zum Schluss, dass Glück nicht das Wichtigste im Leben ist, dass hinter dem Streben nach Glück die Suche nach Sinn steht.

Der zweite Teil des Buches befasst sich denn auch mit dem Sinn und den Sinnen. Sinn ergibt sich da, wo ein Zusammenhang besteht, er beginnt mit der Sinnlichkeit, der sinnlichen Erfahrung der Welt. Im Zeitalter der Technologisierung setzte ein Verfall der Sinne ein, was ein Verschwinden vom Sinn, vom Zusammenhang des Selbst mit der Welt zur Folge hatte.  Aus dieser Sinnleere heraus begann – so Schmid – das Streben nach Glück.

Schmid sieht die Lösung darin, Beziehungen zu knüpfen, so dass wieder Zusammenhänge entstehen. Neben vielen Möglichkeiten nennt er als herausragende die Beziehung zur Unendlichkeit, die Beziehung zur Natur und zur Religion. Wie auch immer der Glaube an eine das eigene Leben und die eigene Endlichkeit überragende Unendlichkeit aussieht, so eröffnet er neue Dimensionen und eine neue Fülle, welche der eigenen Existenz Sinn und Geborgenheit vermitteln können – so die Theorie Wilhelm Schmids.

Das kleine Büchlein regt wirklich ab und an zum Nachdenken an, birgt ein paar gute Sätze, welche spontane Zustimmung beim Lesen entlocken. Alles, was man über das Glück wissen muss, findet man darin kaum, dazu geht das Buch weder tief noch weit genug.

Persönlicher Bezug
Vor einiger Zeit hörte ich den Spruch, dass das Unglück wertvoll sei, denn wenn wir alle immer nur glücklich gewesen wären, sässen wir heute noch auf Bäumen und würden uns gegenseitig lausen. Erst das Unglück, das Gefühl, dass in unserem Leben etwas fehlt, mit dem wir glücklicher sein könnten, treibt uns an. Und doch: Was rational so vernünftig klingt, reicht emotional nicht ganz aus. Wir gehen nun doch nicht dahin und wünschen uns Unglück, um weiter zu kommen. Was aber hat es mit diesem Glück auf sich, dass wir es alle haben wollen?

Folgt man Nietzsche, braucht es ein Warum zum Leben, dann sei fast jedes Wie tragbar. Viktor Frankl hat diesen Gedanken auch formuliert. Damit würden beide auch dem Sinn die Hauptrolle in unserem Leben zuordnen: Das, was unserem Leben Sinn verleiht, macht es für uns lebenswert. Das Glück ist dann ab und an vielleicht ein Sahnehäubchen obendrauf, aber wohl kaum das, worauf das gelingende Leben sich stützen kann.

Ich schätze Wilhelm Schmids Bücher sehr, weil er darin immer wieder lebenspraktische Themen aufgreift, die gut lesbar und doch fundiert behandelt.

Fazit:

Das Glück wird man mit diesem Buch nicht finden, aber ein paar gute Gedanken zum Thema Glück und zum eigenen Verhalten. Kurz und prägnant, lesbar und unterhaltsam.

Bild

Angaben zum Buch:

Ringbuch: 80 Seiten

Verlag: Insel Verlag

Preis: EUR: 7 ; CHF 11.90

Wilhelm Schmid: Glück. Alles, was Sie darüber wissen müssen, und warum es nicht das Wichtigste im Leben ist, Insel Verlag, Frankfurt am Main 2007.

Rahel Jaeggi: Entfremdung

Zur Aktualität eines sozialphilosophischen Problems

Inhalt

„Entfremdung bedeutet Indifferenz und Entzweiung, Machtlosigkeit und Beziehungslosigkeit sich selbst und einer als gleichgültig und fremd erfahrenen Welt gegenüber. Entfremdung ist das Unvermögen, sich zu anderen Menschen, zu Dingen, zu gesellschaftlichen Institutionen und damit auch – so die Grundintention des Entfremdungsmotivs – zu sich selbst in Beziehung zu setzen.“

Rahel Jaeggi widmet sich einem alten Begriff aus der Soziologie und holt ihn ins Heute. Sie definiert ihn als Beziehung der Beziehungslosigkeit, als ein Verhältnis zu etwas, das einem eigentlich wichtig ist, zu dem man aber den Bezug verloren hat. Entfremdet ist also jeder, welcher zu jemandem oder etwas, zu dem er in einer Beziehung steht, die Beziehung verloren hat. Sie analysiert, wie dieses Gefühl der Entfremdung zustande kommt und was es für Auswirkungen auf den Menschen hat.

Weitere Betrachtungen

„Eine entfremdete Welt präsentiert sich dem Individuum als sinn- und bedeutungslos, erstarrt oder verarmt, als eine Welt, die nicht ‚die seine‘ ist, in der es nicht ‚zu Hause‘ ist oder auf die es keinen Einfluss nehmen kann.“

Jeder Mensch befand sich wohl schon mal in einer Situation, in der er sich fremd fühlte, sei es, weil er sich in einem fremden Umfeld befand oder aber sich zu Dingen gezwungen sah, die ihm nicht entsprachen. Manchmal manövriert man sich auch selbst in diese Situationen, weil sich Dinge plötzlich verselbständigen und an einen Ort führen, an welchen man nie gelangen wollte. Dann stellt sich das Gefühl ein, fehl am Platz zu sein, nicht im eigenen Leben verankert zu sein. Wenn dieses Gefühl anhaltend ist, führt das zu einer Entfremdung, die krank machen kann. ALs Menschen und damit als soziale Wesen sind wir darauf angewiesen, mit unserer Umwelt in einer Beziehung zu stehen, dies umso mehr, als wir uns nur durch diese Beziehung als ein Selbst erfahren.

„Das entfremdete Subjekt wird sich selbst zum Fremden, es erfährt sich nicht mehr als ‚aktiv wirksames Subjekt‘, sondern als passives Objekt.“

Eine Welt, der wir uns ausgeliefert fühlen, die mit uns nichts zu tun zu haben schein, weil wir uns in ihr nicht wiederfinden und auch nicht tätig wirksam sein können, bedeutet nicht nur eine krankende Beziehung zur Welt, sondern auch zu uns selber. Wenn wir uns nur durch die Beziehung zu anderen Menschen und Dingen als ein Selbst erfahren, fällt auch die Beziehung zu uns selber weg, wenn die Beziehungen nach aussen fehlen.

„Das Selbst […] ist ein handelndes und weltliches Selbst, eines, das sich immer schon handelnd in der Welt vorfindet und aus dieser nicht herauszulösen ist. […] Eingelassen in die Welt, existiert das ‚Selbst‘ nicht in einem abgeschlossenen ‚inneren‘ Raum, in dem es sich in Isolation von der äusseren Welt vorfinden liesse.“

Schon Hannah Arendt bestimmte in „Vita Activa“ das Sein als ein Tätigsein. Der Mensch ist Mensch insofern er etwas tut. Es reicht nicht, einfach nur in einer Welt zu sitzen, wir wollen in dieser auch etwas tun, etwas bewirken, das Gefühl des selbst Gestaltens zu haben. Das Verhältnis Welt – Selbst ist kein eindimensionales, in welchem die Welt das Selbst gestaltet, sondern das Selbst gestaltet die Welt als Teil davon auch mit. Es ist ein gegenseitiges Durchdringen, welches aber nur geschehen kann, wenn ich als Selbst auch an der Welt partizipieren kann. Das bedarf einerseits der eigenen Offenheit und Aufgeschlossenheit der Welt gegenüber, andererseits aber auch die Möglichkeit, an der Welt und am Weltgeschehen teilhaben zu können, weil ich als akzeptierter Teil davon in ihr lebe.

„Das Selbst ist ein Verhältnis, es entsteht nicht selbstgenügsam ‚aus sich heraus‘, sondern ist grundlegend relational verfasst. Als ‚Beziehendes von Beziehungen‘ konstituiert es sich in und durch die Beziehungen, die es zu den Anderen und Anderem hat, und ‚ist‘ nicht ausserhalb dieser Beziehungen. Auch wenn es sich vereinzelt, vereinzelt es as diesen heraus.“

Persönlicher Bezug

„Wir sind, was wir tun und womit wir uns identifizieren.“

Ich war immer ein sehr selbstbestimmter Mensch, ein Mensch, welche so leben wollte, wie er es für sich vorstellte. Ich hatte von klein an Ziele für mein Leben, die ich unbedingt erreichen wollte und wofür ich alles tat, das nötig war. Ich hatte dafür das Glück, mehrheitlich in einer Welt zu sein, die mir die Möglichkeit bot, dies zu tun. Ich hatte Zugang zu Schulen, das Recht, zu studieren, ich durfte meine Zukunft selber planen und wurde nicht von Eltern oder Institutionen in eine Richtung gezwungen. Ich lebte also in einer Welt, welche ich als die meine wahrnahm, eine, in der ich selbstwirksam meine Ziele erreichen und mich verwirklichen konnte als das Ich, das ich sein wollte.

Es ist in unserer westlichen Welt noch nicht lange so, dass all das so möglich ist, es bedurfte vieler Kämpfe, Rechte zu bekommen. In ganz vielen Teilen der Welt ist es das bis heute noch nicht möglich, da haben Mädchen keinen Zugang zu Schulen, da können Frauen keinen Beruf wählen, da haben Menschen, welche in eine bestimmte Klasse hineingeboren wurden, keine Chance, aus der je wieder herauszukommen.
«Entfremdung behindert ein Leben in Freiheit. Erst dann nämlich, wenn wir unser Leben in einem anspruchsvollen Sinn als unser ‚eigenes‘ erfahren können, sind wir frei.»
Und: Es ist auch bei uns nicht für alle möglich, weil nicht alle im gleichen Masse frei sind, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen, weil es Menschen gibt, die aufgrund irgendwelcher Zuschreibungen unterdrückt und ausgeschlossen werden von Möglichkeiten und Chancen. Für sie ist die Welt nicht ihre Welt, sondern es ist eine Welt, die sie ausschliesst. Das verschliesst nicht nur die Möglichkeit, eigene Wege zu gehen, es lässt den Einzelnen auch mit Verletzungen zurück, weil er zu der Welt, in der er leben muss, nicht gehört. Im Wissen darum sollten wir die Welt so öffnen, dass alle ihren Platz dahin haben, dass alle, unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Hautfarbe, ihrer Religion, ihrer sexuellen Ausrichtung als selbstbestimmte und autonome Menschen leben können und einen ihren Fähigkeiten entsprechenden Zugang zu Möglichkeiten und Chancen haben.

Fazit
Ein tiefgründiges, differenziertes und doch gut lesbares Buch über das Phänomen der Entfremdung, über die Beziehungslosigkeit des Einzelnen zu sich und der Welt. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Rahel Jaeggi ist Professorin für Praktische Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Angaben zum Buch
Herausgeber: Suhrkamp Verlag; 2. Edition (8. August 2016)
Taschenbuch: 337 Seiten
ISBN-Nr.: 978-3518297858

Hannah Arendt: Denken ohne Geländer

‚Denken ohne Geländer’, das ist es in der Tat, was ich zu tun versuche.

Das vorliegende Buch beinhaltet zentrale Texte aus Hannah Arendts Schriften sowie Auszüge aus Briefen zu Themen, die Hannah Arendt bewegten und ihre Auseinandersetzung damit zeigen. Das Buch bietet damit eine Einführung in zentrale Gedankengänge, offenbart die klare Strukturiertheit von Hannah Arendts Denken und ihre Genauigkeit bei der Analyse von Zusammenhängen und Verwendung von Begriffen.

Denken ohne Geländer ist in fünf Teile gegliedert, von denen der erste die Philosophie allgemein behandelt. Es werden Fragen behandelt wie wo wir sind, wenn wir denken, was Denken überhaupt ist und wie es mit der Sprache zusammenhängt.

„Wer das Tiefste gedacht, liebt das Lebendigste“ – weil Denken Lebendigsein ist, so wie Arbeiten Leben ist.

Arbeiten – Denken – Lieben sind die drei Modi des schieren Lebens, aus denen nie eine Welt entstehen kann und die daher eigentlich welt-feindlich, anti-politisch sind.

Der zweite Teil ist Arendts politischem Denken gewidmet. Der historische Sinn des Politischen liegt, so Arendt, in der Freiheit. Der Staat als Gewaltmonopol ist dazu legitimiert, dieses zu nutzen um dieselbe für seine Bürger zu gewähren – als ein Nicht-beherrscht-Werden und Nicht-Herrschen. In der Gegenwart stellt sich allerdings eher die Frage, ob Politik überhaupt noch Sinn ergebe, was den Erfahrungen von Totalitarismus und Terror geschuldet sei. Die Auseinandersetzung mit den Begriffen Macht, Stärke, Gewalt, Kraft und Terror zeigen Arendts Wertlegung auf präzise Begrifflichkeiten.

Nirgends tritt das selbstzerstörerische Element, das dem Sieg der Gewalt über die Macht innewohnt, schärfer zutage als in der Terrorherrschaft, über deren unheimliche Erfolge und schliessliches Scheitern wir vielleicht besser Bescheid wissen als irgendeine Zeit vor uns. Terror und Gewalt sind nicht dasselbe. Die Terrorherrschaft löst eine Gewaltherrschaft ab, und zwar in den, wie wir wissen, nicht seltenen Fällen, in denen die Gewalt nach Vernichtung aller Gegner nicht abdankt.

Der dritte Teil über das politische Handeln widmet sich hauptsächlich der jüdischen Geschichte, der jüdischen Armee, dem Kampf gegen den Antisemitismus und der Eichmann-Kontroverse. Daneben findet sich ihr Artikel zu Little Rock, der Frage nach des gleichberechtigten Schulbesuchs von schwarzen und weissen Kindern in einer Schule in den USA.

Im vierten Teil finden sich Texte über die Situation des Menschen und das, was den Menschen als solchen ausmacht an Fühlen und Handeln. Lebensthemen wie die Liebe, Treue, Schmerz und das Alter werden feinfühlig und durchdacht behandelt.

…für die Meinung, dass nur die Liebe die Macht hat zu vergeben, spricht immerhin, dass die Liebe so ausschliesslich auf das Wer-jemand-ist sich richtet, dass sie geneigt sein wird, Vieles und vielleicht Alles zu verzeihen.

Den abschliessenden fünften Teil füllen Lebensgeschichten aus. Es finden sich neben Texten zu Rahel Varnhagen, Jaspers und Heidegger Briefausschnitte aus Arendts vielfältigen Briefwechseln mit Heinrich Blücher, Mary McCarthy und Gertrud und Karl Jaspers.

…wie ich auf Deinen Brief gewartet habe, kannst Du Dir gar nicht vorstellen. Das ist das Band, das mir immer wieder klarmacht, dass ich nicht verlorengehen kann. Denn wenn Du nicht da bist, bin ich gleich wieder so verletzbar wie früher.

Fazit:
Eine breite Zusammenstellung von Texten zu den verschiedensten Themen, die Hannah Arendt in ihrer klaren Art zu denken behandelt hat. Macht Lust auf mehr. Absolut empfehlenswert.

Zur Autorin:
Hannah Arendt
(eigentlich Johanna Arendt)
Geboren am 14. Oktober 1906 in Linden bei Hannover als Tochter jüdischer Eltern. Obwohl sie sich keiner religiösen Gemeinschaft anschloss, sah sie sich immer als Jüdin.
Studium bei Martin Heidegger (die Liebschaft ist wohlbekannt) und später Promotion bei Karl Jaspers. 1933 Flucht nach Frankreich, 1940 Internierung im Lager Gurs, aus welchem ihr die Flucht gelang. 1941 Ankunft in New York. Verschiedene Tätigkeiten fürs Überleben und auch aus Überzeugung, daneben Publikation mehrerer Artikel. Später Lehrtätigkeit und mehrere für die Philosophie herausragende Werke (Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Eichmann in Jerusalem, Vita Activa). Sie stirbt am 4. Dezember 1975 in New York.

ArendtDenkenGeländer

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 272 Seiten
Verlag: Piper Verlag (6. Auflage 1. Oktober 2006)
ISBN-Nr: 978-3492248235
Preis: EUR 9.99; CHF 16.90

Franziska Schutzbach: Die Erschöpfung der Frauen

Inhalt

«Erschöpfung ist kein individuelles Schicksal, sondern Ausdruck eines kollektiven Leidens, das auch gesellschaftliche und nicht zuletzt ökonomische Ursachen hat.»

Frauen haben in der heutigen Zeit so viele Möglichkeiten, wie wohl nie zuvor. Sie waren wohl auch noch nie so vielen Erwartungen ausgesetzt wie heute, und müssen gleichzeitig noch immer mit Benachteiligungen leben, die keiner rationalen Grundlage, sondern nur einer über Jahrzehnte gewachsenen Struktur geschuldet sind. Noch immer verdienen Frauen weniger, erwartet man von ihnen die Sorge um die Mitmenschen, oft auch als Gratisarbeit, sollen sie am besten gefällig, nett anzuschauen und möglichst angepasst sein.

Das stille sich Hineinfügen in die immer noch vorhandenen Ungerechtigkeiten aber auch der Kampf, etwas zu ändern, kosten Kraft, Kraft, die nicht unendlich vorhanden ist und die mehr und mehr ausgeht und Frauen in die Erschöpfung treibt.

Franziska Schutzbach schaut genau hin, thematisiert die Missstände, belegt sie mit eindeutigen Zahlen und zeigt so den dringenden Handlungsbedarf, der auch heute noch herrscht.

Weitere Betrachtungen

«Eine feministische Arbeit gegen die Erschöpfung ist eine Arbeit an Beziehungen. Wenn Menschen ihre Sehnsucht nach Bezogenheit und ihre Bedürftigkeit nach Umsorgung ernst nehmen, wenn sie zueinander in Beziehung stehen, können sie sich einander verletzlich zeigen – und auch erschöpft. Wenn Menschen in Beziehung stehen, können sie ohne Angst verschieden sein.»

Wir haben es noch nicht geschafft, Gleichberechtigung ist noch nicht erreicht. Bücher wie dieses können dabei helfen, die Augen zu öffnen für die Missstände, die noch immer herrschen. Dass dies nicht das Anliegen eines Einzelnen sein kann, liegt auf der Hand. Wir leben in einer Welt, in welcher sich ein System über Jahrzehnte herausgebildet hat. Es liegen klare Rollenbilder vor, wie Frauen (und Männer) zu sein haben und wie sie behandelt werden (dürfen, wie die landläufige Meinung zu sein scheint). Es reicht nicht, wenn eine Einzelne in einer persönlichen Situation einfach reagiert, es bedarf des gemeinsamen Kampfs gegen diese Missstände, denn sonst wird sich nie etwas im Grossen ändern, sonst werden sich das System und dessen immanente Struktur nie zu einem Besseren verändern.

«Im Nachhinein wird ausgeklammert, welche Radikalität notwendig war, damit sich überhaupt etwas verändert, und dass Frauen für ebendiese Radikalität angegriffen und gehasst wurden.»

Franziska Schutzbach zeigt auf, wie Frauen in vielen Belangen des täglichen Lebens in ihren Ressourcen ausgenutzt, wie sie kulturell und sozial benachteiligt und in ihren Rechten beschnitten werden. Zwar haben wir durch den langen Weg der Frauenbewegungen schon einiges erreicht, aber wir sind noch nicht am Ziel. Dass es kein einfacher Weg war, zeigt die Geschichte, er wird auch jetzt nicht leichter werden, da die Privilegierten ungern auf ihre (unverdienten) Privilegien verzichten wollen und alles dransetzen, sich diese zu bewahren.

Franziska Schutzbach ist eine fundierte, gut recherchierte und informative Arbeit gelungen. Die Autorin verweist auf aufschlussreiche Studien und Schriften namhafter Theoretikerinnen und präsentiert die Ergebnisse auf eine gut lesbare und verständliche Weise. Entstanden ist so ein Buch, das zum Nachdenken und Weiterdenken und hoffentlich auch zur Tat anregt.

Persönlicher Bezug

«Wer sich öffentlich für feministische Anliegen ausspricht, sexistische Strukturen kritisiert und Fehlverhalten anspricht, ist mehr als nur Meinungsverschiedenheiten ausgesetzt. Diese massiven Widerstände sind erschöpfend.»

Es war und ist nicht einfach, sich Feministin zu nennen, da man dann sofort in eine Ecke gedrängt und oft angefeindet wird. Die Reaktionen, die von Ignoranz über Belächeln bis hin zum Angriff und zur Beleidigung reichen, zeigen deutlich, wie viel noch im Argen liegt, denn wenn etwas so heftig abgelehnt und bekämpft wird, dann hat man in ein Wespennest gestochen, einen Missstand entdeckt. Es wird nichts bleiben, als weiterzumachen, Feminismus als wichtige Aufgabe und aktives Tun zu sehen, um den Weg hin zu einer gerechteren Gesellschaft weiterzugehen. Ich hoffe, dass gerade auch Frauen merken, dass sie nur gemeinsam Erfolg haben werden, dass nur gelebte Solidarität und ein aktives Miteinander helfen, so eingefahrene Strukturen zu verändern. Leider mangelt es gerade daran oft.

Fazit
Ein wichtiges Buch über ein aktuelles Thema, das zum Nachdenken anregt. Ein Aufruf, weiterzukämpfen für eine gerechte Welt, in welcher Menschen nicht ihres Geschlechts wegen benachteiligt sind. Sehr empfehlenswert.

Autorin
Franziska Schutzbach, geboren 1978, ist promovierte Geschlechterforscherin und Soziologin, Publizistin, feministische Aktivistin und Mutter von zwei Kindern. Im Jahr 2017 initiierte sie den #SchweizerAufschrei, seither ist sie eine bekannte und gefragte feministische Stimme auch über die Schweiz hinaus.
Ihre Forschungsschwerpunkte sind Geschlechterthemen wie Misogynie und Sexismus, darüber hinaus befasst sie sich mit den Kommunikationsstrategien von Rechtspopulisten. Franziska Schutzbach lebt in Basel.

Angaben zum Buch
Herausgeber: Droemer HC (1. Oktober 2021)
Gebundene Ausgabe: 304 Seiten
ISBN: 978-3426278588

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Joke J. Hermsen: Rosa und Hannah: Das Blatt wenden

Sie waren zwei Vordenkerinnen, zwei, die für ihre Gedanken einstanden, nie müde wurden, für die richtige und wichtige Sache zu kämpfen. Rosa Luxemburg bezahlte das mit ihrem Leben, Hannah Arendt musste oft Kritik einstecken, einmal so viel, dass sich Freunde abwandten und sie sogar Morddrohungen bekam (nach ihrem Buch über Eichmann). Und doch liessen sie nicht ab von dem, was Hannah Arendt einst «Denken ohne Geländer» nannte.

Beide kritisierten sie die Konsumgesellschaft, das gedankenlose Partizipieren am Leben ohne wirklich politisch relevant zu werden. Joke J. Hermsen verbindet die Gedanken der beiden Denkerinnen immer wieder mit der politischen Lage in Frankreich und den Niederlanden, zeigt daran auf, wie zeitgemäss diese auch heute noch sind. Die hier so zusammengetragenen Gedanken sind sicher nicht neu, die Passagen über die aktuelle Situation etwas gar umfassend für dieses schmale Büchlein, und doch ist es die Lektüre durchaus wert, sei es nur schon, sich gewisse Gedanken wieder zu vergegenwärtigen und dadurch bewusst zu werden.

So stellte Hannah Arendt zum Beispiel fest, dass die Welt finster werde, wenn die Menschen keine gemeinsame Verantwortlichkeit mehr spüren, jeder nur noch seine eigenen Belange sähe und der Politik so misstraue, dass er sich abwendet. Sie hatte das 1968 in ihrem Buch «Menschen in finsteren Zeiten» geschrieben). Oder aber Rosa Luxemburg befand in Anbetracht der Schieflage der Welt, dass es vor allem wichtig sei, Mensch zu bleiben, was heisse: fest, klar und heiter – heiter trotz allem. Die Welt mag ab und an undurchsichtig sein, das Leben beschwerlich – die Heiterkeit kann vieles besser machen. Trotzdem. Da haben wir dieses „Trotzdem“, das wir bei Viktor Frankl finden oder das „Dennoch“ bei Hilde Domin.

Bei Rosa Luxemburg dominierte immer die Hoffnung über alles, auf sie setzte sie. Hannah Arendt setzte auf die Liebe und auf die Verantwortung, denn nur Kraft der beiden, davon war sie überzeugt, könne man die Selbstsucht, das oberste Primat des Kapitalismus, überwinden, und frei, das heisst, wirklich Mensch werden.

Abgerundet wird das schmale Bändchen mit Briefen von Rosa Luxemburg, die durch ihre Poetik, ihre grosse Liebe zur Literatur, Musik und auch Natur beeindrucken.

Zum Autor
Joke J. Hermsen, geboren 1961 in Middenmeer, studierte Literatur und Philosophie in Amsterdam und Paris. In ihrer Doktorarbeit befasste sie sich mit Lou Andreas-Salomé und Ingeborg Bachmann. Für ihre Romane und Essays erhielt sie viele Preise. Ihr Werk wurde in mehrere Sprachen übersetzt.

Fazit
Ein wunderbares, wichtige Gedanken grosser Denkerinnen aufgreifendes Büchlein, das zum Nachdenken anregt. Sehr empfehlenswert!

Angaben zum Buch
Herausgeber: Wagenbach, K (4. März 2021)
Gebundene Ausgabe: 144 Seiten
ISBN-13: 978-3803113580

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Richard David Precht: Jäger, Hirten, Kritiker

Eine Utopie für die digitale Gesellschaft


„Dieses Buch möchte einen Beitrag dazu leisten, aus dem Fatalismus des unweigerlichen Werdens aus- und zu einem Optimismus des Wollens und Gestaltens aufzubrechen. Es möchte helfen, ein Bild einer guten Zukunft zu malen.“


Unsere Welt ist in einem schnellen Wandel und manchmal scheint es, alle schauen gespannt zu. Es gibt verschiedene Lager der Zuschauer, die, welche die Entwicklungen als Fortschritt hochjubeln, und die, welche auf Ängsten gegründete Horrorszenarien an die Wand malen.

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die fortschreitende Digitalisierung unser Leben stark verändern wird, dass wir uns in vielen Lebensbereichen mit neuen Umständen auseinandersetzen müssen. Berufe werden wegfallen, neue werden kommen, wie die genau aussehen, steht noch in den Sternen, was aber sicher ist: Diese Veränderungen werden sich sicher nicht zugunsten von den jetzt schon sozial Schwachen auswirken, die Schere zwischen Arm und Reich wird sich vergrössern, wenn wir nicht dagegen steuern und in einer humanen Weise auf die neuen Möglichkeiten reagieren.


„Die Digitalisierung wird bereits von allen Volkswirtschaften als Macht anerkannt. Und es ist hohe Zeit zu zeigen, wo die Weichen liegen, die wir jetzt richtig stellen müssen, damit sie sich in einen Segen und nicht in einen Fluch verwandelt. Denn die Zukunft KOMMT nicht! […] die Zkunft wird von uns GEMACHT! Und die Frage ist nicht: Wie WERDEN wir leben? Sondern: Wie WOLLEN wir leben?“


Richard David Precht zeichnet ein sehr realistisches Bild der aktuellen Situation, der vierten industriellen Revolution, welche in vollem Gange mit noch offenem Ausgang ist. Er ruft dazu auf, sich nicht hinter Fortschrittglauben und Ängsten zu verstecken, sondern aktiv die Idee einer wünschenswerten Welt zu schaffen, in welcher Maschinen nicht zur Optimierung oder zum Ersatz von Menschen werden, sondern diese unterstützen.

Er weist weiter auf die Chancen der Digitalisierung hin, welche es dem Menschen ermöglichen könnte, vom Arbeiten im Lohnhamsterrad zu einem selbstbestimmteren und erfüllteren Leben zu kommen, was allerdings nur mit einem bedingungslosen Grundeinkommen zu verwirklichen wäre, da gerade die wegfallenden Berufe in vormaligen Ausbildungsberufen ein würdevolles Leben ansonsten verunmöglichen würden. Precht nennt seine Lösungsansätze selber eine Utopie, beklagt aber den negativen Klang, den dieses Wort heute hat. Wenn wir den Begriff der Utopie als das sehen, was wir uns wünschen würden, könnten wir es uns aufs Papier schreiben und damit anfangen, das Leben und dessen Bedingungen und Umstände so zu gestalten, dass aus der Utopie die nächste Wirklichkeit wird.

„Jäger, Hirten, Kritiker“ greift ein aktuelles Thema auf und vermittelt auf gut lesbare und verständliche Weise Hintergründe und Aussichten. Die Sprache ist ab und zu etwas gar plakativ und flapsig, die Ausführungen zu umfassend, doch die Grundbotschaft ist eine durchaus gute und bedenkenswerte.

Fazit:
Ein gut lesbares Buch über ein aktuell brennendes Thema, bei dem weniger mehr gewesen wäre, das aber viele bedenkenswerten Ansätze für den Umgang mit einer noch unsicheren Zukunft vermittelt.

Zum Autor:
Richard David Precht wird 1964 in Solingen geboren. Nach dem Abitur studiert er Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte und promoviert 1994 in Germanistik mit der Dissertation Die gleitende Logik der Seele. Ästhetische Selbstreflexivität in Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“. Precht arbeitet fünf Jahre als Wissenschaftlicher Assistent in einem kognitionspsychologischen Forschungsprojekt, hält danach Vorträge und Vorlesungsreihen an unterschiedlichen Universitäten und Kongressen und wird 2011 Honorarprofessor für Philosophie an der Leuphana Universität Lüneburg, 2012 Honorarprofessor für Philosophie und Ästhetik an der Musikhochschule Hanns Eisler in Berlin. Daneben schreibt er für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften Essays, moderiert seit 2012 die Sendung „Precht“ im ZDF. Von ihm erschienen sind unter anderem Wer bin ich – und wenn ja, wieviele? (2007), Liebe . Ein unordentliches Gefühl (2010), Die Kunst, kein Egoist zu sein (2010), Warum gibt es alles und nicht nichts (2011), Anna, die Schule und der liebe Gott (2013).


Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
Verlag: Goldmann Verlag; Originalausgabe Edition (23. April 2018)
ISBN-Nr: 978-3442315017
Preis: EUR 20; CHF 29.90

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Anselm Grün: Das kleine Buch vom guten Leben


„Gut ist, was mir gut tut. Aber was tut mir wirklich gut? Und was ist gut – für mich und für andere? Was ist es wert, dass ich mein Leben danach ausrichte? Welche Haltungen braucht es dazu?

Anselm Grün geht in diesem kleinen Buch der Frage nach, was ein gutes Leben ist und wie wir dieses leben können. Er beruft sich dabei auf die Religionen und Philosophien aus aller Welt, zitiert literarische Werke und alte Weisheiten. Für ein gutes Leben, so Anselm Grün, braucht es nicht viel, ausschlaggebend ist die innere Haltung, das, wonach wir unser Leben ausrichten.

„Ob unser Leben gelingt, hängt davon ab, dass wir den richtigen Werten folgen. […] Werte sind Quellen, aus denen wir schöpfen können, damit unser Leben erblüht und gelingt.“

Am Anfang von allem steht die Achtsamkeit. Wenn wir nicht achtsam mit uns und dem Leben umgehen, wird es an uns vorbeiziehen, wir verlieren uns selber. Achtsamkeit bedingt den klaren Blick auf das, was ist. Wo stecke ich fest, in welchen Abhängigkeiten bin ich gefangen? Was tue ich täglich und wie tue ich es? Wonach richte ich mich aus und tut mir das gut? Danach geht die Reise durch die verschiedenen wichtigen Werte weiter, Themen wie Alter, Alleinsein, Dankbarkeit, Freundschaft, Genuss, Loslassen und Gesundheit werden auf eine kurze und doch eindrückliche Weise behandelt.

Als Leser wird man immer wieder dazu angeregt, nachzudenken, das eigene Leben zu hinterfragen. Wo halte ich mich krankhaft fest? Womit stehe ich mir und meinem Glück im Weg? Was könnte ich ändern? Wo bräuchte ich mehr Mut und wo mehr Nachsicht?

Anselm Grün überzeugt durch eine tiefe Weisheit, durch eine Belesenheit und einen offenen Blick ohne religiöse, philosophische oder lokale Grenzen. Das gute Leben wohnt dem Menschen inne, unabhängig von seiner Zugehörigkeit zu einer wie auch immer gearteten Gruppierung. Und jeder hat es selber in der Hand, sein Leben in bestmöglicher Weise zu einem guten Leben zu machen.

Fazit:
„Das kleine Buch vom guten Leben“ ist ein Kleinod an kurzen Texten, die zur Selbsthinterfragung anregen und so dabei helfen, das eigene Leben in die Hand zu nehmen. Klug, weise und sehr empfehlenswert.

Über den Autor
Anselm Grün studierte zunächst Philosophie und Theologie und danach BWL. Er ist Mönch der Benediktinerabtei Münsterschwarzach, geistlicher Begleiter und Kursleiter in Meditation, Fasten, Kontemplation und tiefenpsychologischer Auslegung von Träumen.
Seine erfolgreichen Bücher zu Spiritualität und Lebenskunst sind weltweit in über 30 Sprachen übersetzt. In ihnen vereint sich die tiefe Religiosität des Benediktinerpaters mit der reichen Lebenserfahrung eines besonderen Menschen.
Sein einfach-leben-Brief begeistert monatlich zahlreiche Leser (www.einfachlebenbrief.de)

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 224 Seiten
Verlag: Verlag Herder (11. Mai 2005)
ISBN-Nr.: 978-3451070440
Preis: EUR 8 / CHF 12.90

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Das Andenken an die Geschwister Scholl

Vor 77 Jahren wurden die Geschwister Scholl verhaftet und hingerichtet. Die Studenten hatten zum Widerstand gegen das Nazi-Regime aufgerufen. Sie gelten bis heute als Vorbilder der Zivilcourage.*

Die Geschwister Scholl stehen bis heute für Widerstand und Zivilcourage. Sie lehnten sich gegen die Machenschaften unter Hitler auf und bezahlten ihren Einsatz schlussendlich mit ihrem Leben. Ihre Geschichte ist umso erstaunlicher, als sie zuerst mit den Nationalsozialisten sympathisierten, eine Karriere machten in dem System entgegen den Überzeugungen ihrer Eltern, welche dem System eher kritisch gegenüber standen. Die anfängliche Faszination für die Bewegung Hitlers wich nach und nach der Überzeugung, dass diese mit der eigenen Moral nicht konform ging. Doch: woher stammt diese innere Moral? Und wieso fehlte sie bei so vielen der anderen, die entweder mitmachten oder einfach schwiegen?

Glaubt man Kant, steckt die Moral in jedem drin und jeder Mensch hätte (theoretisch) die Fähigkeit, zu erkennen, was recht und was unrecht ist und auch nach danach zu handeln. Wenn dem so ist, wie kommt es dann, dass so viele Menschen sich in ein System einspannen liessen und sogar noch freudig mitmachten, das so offensichtlich nicht recht, nicht gut war? War es wirklich blosse Gedankenlosigkeit, wie Hannah Arendt sie bei Eichmann (wenn auch aufgrund falscher Voraussetzungen) feststellte oder steckt eine menschliche Boshaftigkeit dahinter, die jedem innewohnt? C.G.Jung hat darauf hingewiesen, dass jeder Mensch sowohl Licht wie auch Schatten in sich trägt. Als Schatten bezeichnete er die dunklen Seiten, die man selber verabscheut und auch unterdrückt. Und doch scheinen sie auch eine Anziehungskraft zu haben. Das Gute also blosse Unterdrückung des eigentlich reizvollen?

Der Mensch strebt nach dem Guten. Dessen waren sich die Philosophen zu allen Zeiten einig. Die Meinungen gingen aber auseinander, was dieses Gute sei. Nun lässt sich das Gute, das einer will, durch verschiedene Kriterien bestimmen. Es kann moralisch gut sein, es kann aber auch nur gut sein, weil es erstrebenswert scheint. Dazu bedarf es keiner moralischen Komponente, sondern einer individuell der aktuellen Begehrenssituation angepassten. Ob es wirklich gut und vor allem richtig sei, das zu wollen, was man in dem Moment will, ob dieses erstrebte Gut (moralisch) angebracht ist, steht auf einem anderen Blatt. Es steht einem immer frei, sich gegen das angestrebte zu entscheiden, wenn man es aufgrund der eigenen Abwägung über richtig oder falsch als falsch erkannt hätte. Dazu bedarf es aber des Insichgehens. Es bedarf der inneren Zwiesprache mit sich selber darüber, was Recht und Unrecht ist und was für ein Mensch man sein will. In vielen Fällen wird diese Entscheidung zugunsten des (moralisch) richtigen ausfallen. Der andere Fall findet aber auch statt. Und so findet sich kein Mensch, der nur gut oder nur böse ist. Es ist eine Entscheidung von Mal zu Mal. Gefährlich wird es da, wo das sich Fragen ausbleibt, man unbedacht handelt, ohne sich bewusst zu sein, was man tut und wieso – und vor allem, ob man das tun sollte, dürfte, kann.

Die Geschwister Scholl haben nachgedacht, haben nach ihrem eigenen Gewissen gehandelt und bezahlten das mit ihrem Leben. Sie liessen nicht ihr Leben für die Sache, denn sie wollten leben um für ihre Haltung gegen das Regime. Sie mussten sich aber bewusst gewesen sein, dass sie dieser Kampf eben dieses Leben kosten kann. Das Andenken an die Courage dieser jungen Menschen ist aus verschiedenen Gründen wichtig: Es ist ein Aufruf an das eigene Denken und Hinterfragen von von aussen Gegebenen. Selbst wenn man zuerst etwas gut hiess, ihm folgte, kann man seine Route jederzeit ändern, wenn man den eigenen Weg als falsch erkannt hat. Und man kann die eigene Kraft für das Gute einsetzen, statt sie dem Bösen zu widmen. Dazu bedarf es des eigenen Urteils, der eigenen Stellungnahme, denn nichts ist – wie schon Hannah Arendt sagte – gefährlicher als blinder Aktionismus:

Diese Indifferenz stellt, moralisch und politisch gesprochen, die grösste Gefahr dar.**

____________________________

*http://www.dw.de/vorbilder-bis-heute-sophie-und-hans-scholl/a-16601656

**Hannah Arendt: Über das Böse

Wer bin ich?

Wenn mich jemand fragt, wer ich bin, liegt die Antwort meist auf der Hand. Es ist nicht immer die gleiche, sie passt sich ein wenig dem Fragenden und seiner Intention an, aber doch: Ich bin…

  • Sandra
  • Philosophin
  • Malerin
  • Zeichnerin
  • Mutter
  • Frau
  • Schweizerin
  • Schreibende
  • Fotografin
  • Liebende
  • ….

und vieles mehr. Und nein, die Reihenfolge ist keine Rangliste, sie ist rein beliebig.

Doch: Stimmt das? Was ist es, was ich preisgebe, wenn ich sage, wer ich bin? Und was verdecke ich? Würde ich alles sagen oder gibt es Tabus? Ist eine Beschreibung überhaupt ausreichend oder reicht das, was ich bin, nicht über alle Worte hinaus? Und wenn nicht, hätte das Gegenüber Zeit, all die Worte, die ich zu sagen hätte, anzuhören? Interessieren sie überhaupt?

Wer bin ich? Oft hilft es einem selber, sich in Schubladen zu sehen, da diese auch gefordert sind. Wohin man auch kommt, gibt es Formulare, in denen man ausfüllen muss, wer man ist – vieles vom oben Genannten kommt da vor. Nur: Bin ich das wirklich? Nur eines? Die Kombination?

Schubladen sind hilfreich, aber sie sind auch einengend. Wenn ich mich für eine entscheide, passe ich in die anderen nicht mehr rein. Und: In einer sitzend, lässt es sich oft schlecht rausschauen, was es noch alles gäbe. Und oft versagt man sich das andere bewusst, da es in der Schublade so komfortabel ist, das Draussen Gefahren bieten könnte.

Aber: Im Wissen, dass die Frage kommt, suche ich immer wieder nach Schubladen. Und keine passt auf Dauer. Weil eine einzige schlicht zu wenig ist. Denn: ich bin nicht nur eines, ich bin ganz viel. Und all die Facetten gehören zu mir – die hellen und dunkeln, die griffigen und die schwammigen, die emotionalen und die sachlichen, die genehmen und die unangenehmen. Ich bin ich. Schlussendlich. Mit allem, was dazu gehört.

Nur schon das zu sehen, ist nicht immer einfach. Es zu leben erfordert oft auch Mut. Zu sagen: Ich bin ich und eben keine einzelne Schublade, kann auf Unverständnis treffen. Die Angst, nicht akzeptiert zu sein, wenn man nicht in der richtigen Schublade sitzt, lässt oft zurückschrecken, verdecken, verstecken. Und gerade damit wohl auch anecken – wenn ich sofort bei anderen, so doch irgendwann bei einem selber. Und dann bald auch bei anderen. Weil man selten auf Dauer Teile versteckt. Und Verstecktes oft irgendwann, ganz unvermittelt, in ungemeiner Wucht ans Licht tritt.

Ich bin ich. Und ich bin viel. Und das ist gut so.

Alois Prinz: Hannah Arendt oder die Liebe zur Welt

Ich habe meine ganze Kindheit und halbe Jugend aber doch mehr oder weniger so getan, als ob es für mich das Leichteste und Selbstverständlichste auf der Welt sein würde, sozusagen das Natürliche, allen Erwartungen zu entsprechen. Vielleicht aus Schwäche, vielleicht aus Mitleid, aber ganz sicher, weil ich mir nicht zu helfen wusste.

Diese Worte schrieb Hannah Arendt als schon erwachsene Frau ihrem Mann Heinrich Blücher. Hannah Arendt wurde als Tochter jüdischer Eltern geboren und wuchs in Königsberg auf. Als sie sieben Jahre alt ist, stirbt zuerst ihr geliebter Grossvater, danach ihr Vater. Nach dem Besuch einer Privatschule (es gab noch keine staatlichen Schulen für Mädchen) studierte sie in Marburg bei Martin Heidegger, zu welchem sie eine geschichtsträchtige Beziehung pflegte, und in Heidelberg bei Karl Jaspers Philosophie, schloss das Studium mit einer Promotionsarbeit zum Liebesbegriff bei Augustin ab.

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten zwang sie zur Flucht nach Frankreich, wo sie im Lager Gurs interniert wurde. Sie konnte fliehen und entkam mit Heinrich Blücher, ihrem zweiten Ehemann und ihrer Mutter nach New York. Die ersten Jahre waren finanziell eng, was sich erst nach dem Erscheinen von Hannah Arendts erstem Buch über den Totalitarismus änderte. Darauf folgten Vorträge und Vorlesungen an Universitäten. Zweideutige Berühmtheit erlangte sie mit ihrem Bericht über den Eichmann-Prozess, in dem sie die „Banalität des Bösen“ beschreibt. Diese Formulierung und ihre Beschreibung der Arbeit der Judenräte in den Konzentrationslagern kostete sie manche Freundschaft und schaffte viele Feindschaften.

Das Buch zum Eichmann-Prozess versinnbildlichte aber auch einen ganz wesentlichen Zug Hannah Arendts: Ihre unnachgiebige und unbarmherzige Suche nach der Wahrheit. Sie liess sich im Denken auf keine Konzessionen oder Kompromisse ein, sie war nicht auf Wirkung aus, sondern auf Inhalt. Es ging ihr darum, die Welt zu verstehen und nicht um Ruhm oder Ehre. Dafür wollte sie ohne Geländer denken, frei und in alle Richtungen.

Alois Prinz vermittelt in seinem Buch über die grosse Denkerin ein umfassendes Bild ihrer Person und ihres Umfelds. Er bettet diese ein in das politische Umfeld der jeweiligen Zeit. Diese Vielfalt an Themen und Personen nebst Hintergrundinformationen zu allem lässt das Buch ab und an sprunghaft wirken, es behandelt sehr viele Nebenschauplätze und lässt vor allem am Anfang Hannah Arendt ein wenig kurz kommen. Das mag aber auch damit zusammenhängen, dass Hannah Arendt erst mit 44 ihr erstes prägendes Werk (The Origins of Totalitarianism) auf den Markt brachte. Da Hannah Arendt die Meinung vertrat, dass der Mensch sich in seinem und durch sein Umfeld entwickelt und auch kennen lernt, ist dieses Umfeld auch für das Verständnis dieser Person wichtig und nötig. So gesehen hat sich Alois Prinz in der Methode seiner Darstellung von Hannah Arendt an die Philosophin selber gehalten.

Alois Prinz gelingt es, kurz und knapp die wichtigen Ströme von Hannah Arendts Denken und Schaffen verständlich aber nicht simplifiziert darzustellen und dem Leser so einen Einblick in ihre Philosophie zu geben. Daneben zeichnet er durch Briefausschnitte, Selbstbeschreibungen und Beschreibungen anderer ein plastisches Bild einer menschenfreundlichen, liebenswerten und dabei auch ab und an kühlen, harschen und arrogant wirkenden Frau, die einen messerscharfen Verstand und eine grosse Liebe zur Wahrheit hatte.

Fazit:
Eine gelungene Darstellung des Lebens und Wirkens einer herausragenden und faszinierenden Frau.
Zum Autor:
Alois Prinz
Alois Prinz ist 1958 in Wurmannsquick geboren und aufgewachsen. Nach dem Abitur ging er nach München, um dort Germanistik, Politologie, Philosophie und Kommunikationswissenschaften zu studieren. Parallel dazu absolvierte er eine journalistische Ausbildung und promovierte 1988 mit einer Arbeit über die 68er Studentenbewegung und ihren Einfluss auf die Literatur. Bis 1994 arbeitete er als freier Journalist und verfasste wissenschaftliche Texte. Alois Prinz lebt heute als Schriftsteller mit seiner Familie in einem kleinen Ort südlich von München. Von ihm erschienen sind unter anderem Biographien von Georg Forster (1997), Hannah Arendt (1998), Hermann Hesse (2000), Franz Kafka (2005),Josef Goebbels (2011).

PrinzArendtAngaben zum Buch:
Taschenbuch: 326 Seiten
Verlag: Insel Verlag (9. Auflage 9. Dezember 2012)
ISBN-Nr: 978-3458358725
Preis: EUR 10; CHF 15.90

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Was wir von der künstlichen Intelligenz für die Schule lernen können

Digitalisierung und Künstliche Intelligenz sind Begriffe, die seit einiger Zeit durch die verschiedenen Medien schwirren, mal werden sie euphorisch zu den Hoffnungsträgern der Zukunft erklärt, mal wird durch sie in düsteren Szenarien der Untergang der Menschheit prognostiziert. Die Wahrheit liegt – wie so oft wohl – irgendwo in der Mitte. Was sicher wichtig ist für die nächste Zeit: Wir müssen einen Umgang mit der sich immer schneller verändernden Umwelt finden, wir müssen erkennen, wie wir uns mit ihr – und auch durch sie – entwickeln können.

KI und Digitalisierung sind nicht per se schlecht oder gut, sie sind. Sie wurden von Menschen entwickelt und sind nun dadurch ein Bestandteil unseres Lebens – und das wohl in zunehmendem Masse. Um damit umgehen zu können, ist es wichtig, zuerst einmal zu verstehen, worum es sich dabei überhaupt handelt, und dann zu erkennen, wo sie uns nützen können und wo sie uns in unserem Denken mehr behindern. Die Automatisierung von Entscheidungen, Abläufen und Prozessen kann sowohl für den einzelnen Menschen als auch für Unternehmen eine Chance sein, die Gesellschaft kann davon profitieren – wichtig dafür ist allerdings, dass wir uns bewusst sind, welche Entscheidungen wir wirklich Maschinen überlassen wollen und können, und welche wir doch lieber in Menschenhand wissen.
Was ist künstliche Intelligenz?
KI ist grundsätzlich als Software zu verstehen, welche in einer steuerungsfähigen Hardware sitzt. Die Software lernt in Verbindung mit der Hardware Dinge aufzunehmen, zu analysieren und in eine Handlung umzusetzen. Nach einem solchen Ablauf evaluiert das System das Ergebnis: Wenn es zum gewünschten Ziel führt, wird das Ganze als funktionierender Ablauf gespeichert, Problemen werden entsprechend festgehalten. Aus solchen Abläufen lernt das System also, was funktioniert und was nicht, so dass aufgrund von Wahrscheinlichkeitsrechnungen in nächsten Situationen das anzuwendende Handlungsprinzip immer mehr und besser angepasst werden kann und leistungsfähiger funktioniert.

Die Fähigkeit, die eigenen Ergebnisse zu analysieren und sich aufgrund gewonnener Daten immer weiter selber zu verbessern, stellt den grossen Unterschied zur herkömmlichen Programmierung dar. Während man früher das Wissen aus Menschenköpfen in Maschinen speiste, damit aber auch die Grenzen des Einspeisbaren quasi selber setzte, können sich verselbständigende Mechanismen nun über diese Grenzen hinaus entwickeln. Neu setzt der Mensch nur noch den Rahmen, die Maschine ist dann innerhalb dieses Rahmens selbstlernend.

Es geht also nicht mehr darum, Theorien und Regeln einzuspeisen, sondern Ziele zu definieren, so dass Computer dann durch verschiedene Beispiele, Ergebnisanalysen und Feedbackketten lernen, ob sie die vom Menschen gesteckten Ziele erreichen können. Die Abkehr von der reinen Wissenseinspeisung anhand von festgesetzten Regeln und Theorien hin zur Entwicklung von sich durch Zielorientierung selber steuernden und weiter entwickelnden Systemen hat in der Informatik zu einer Weiterentwicklung geführt, die immer schneller immer bessere Ergebnisse liefert.

Was wir daraus für die Schule ableiten können
Im herkömmlichen (Frontal-)Unterricht werden Kinder wie früher Computer mit Wissen gespeist. Sie sind quasi die Trägerplatinen, auf welche nun Daten geschrieben werden sollen. Das System schreibt vor, welche Daten relevant sind, welche nicht. Durch den entsprechenden Druck wird sichergestellt, dass die Kinder dies aufnehmen und damit mehrheitlich ausgelastet sind. Für mehr bleibt wenig Zeit und oft auch wenig Interesse, da in den Köpfen steckt: „Das brauchen wir nicht für die Prüfung.“

Dadurch, dass Computer technisch besser in der Lage sind, Daten zu speichern, sie dies erstens schneller, zweitens zuverlässiger und drittens langfristiger können, sind sie dem Menschen immer überlegen in dem Punkt. So gesehen bilden wir unsere Kinder zu Verlierern gegen die Maschine aus. Es verwundert also auch nicht, dass der Mensch, der sich damit konfrontiert sieht, dass jede Maschine besser kann, was er kann, und dieser Vorteil auch immer mehr genutzt wird in der Wirtschaft, Angst um seine Zukunft hat. Statt aber in der Angst zu verweilen, könnte man etwas ändern.

Statt an dem Punkt stehen zu bleiben, den die Computerindustrie überwunden hat, könnte man sich nach ihrem Beispiel weiter entwickeln. Kinder wären dann keine Träger, die gefüllt werden müssen, sondern selber denkende Systeme, denen man den passenden Rahmen geben muss, in welchem sie Ziele erreichen können. Idealerweise wären das selbstgesteckte Ziele aufgrund eigener Interessen und persönlicher Neugier, aber auch vom Lehrplan definierte Ziele, welche mit der nötigen Faszination vermittelt werden, können Antrieb genug sein, den Forscherdrang junger (und auch älterer) Menschen anzustacheln und sie auf die Lern-Reise bringen.

Wenn man Menschen die Möglichkeit gibt, Fähigkeiten zu entwickeln, die sie selbstbestimmt agieren lassen, wenn sie darauf merken, dass sie es selber in der Hand haben, dadurch auch die Verantwortung tragen für das, was sie tun und damit erreichen, gibt das ein Gefühl einer Selbstwirksamkeit. Während die Maschine rein analytisch Wahrscheinlichkeiten berechnet und das weitere Handeln daraus ableitet, kommt beim Menschen die Freude hinzu, welche den Antrieb für neue Herausforderungen noch zusätzlich stärkt.

Auf diese Weise, so bin ich überzeugt, können Menschen über (ihre selber gedachten und von aussen gesetzten) Grenzen hinauswachsen. Sie können sich auf die ihnen mögliche Weise entwickeln. Auf diese Weise könnte sich auch die Angst abbauen, dass Maschinen ihren Platz einnehmen können, denn Maschinen können viel, das dem Menschen eigen ist, nicht. Das sieht man aber mehrheitlich dann, wenn man nicht versucht, aus Menschen (schlechtere) Maschinen zu machen. Man sieht es dann, wenn man den Mensch in seinem Menschsein akzeptiert, stärkt und vor allem: leben lässt.

Hannah Arendt – Der Film

Hannah Arendt fragte beim New Yorker an, ob sie als Berichterstatterin zum Eichmannprozess nach Jerusalem fahren dürfe. Natürlich war man erfreut, eine so renommierte Philosophin für das eigene Blatt vor Ort zu haben. Was war Hannah Arendts Motivation? Sie wollte den Menschen leibhaftig sehen, der für so viel Leid, für all die Greuel verantwortlich gemacht wurde. Sie wollte dem Bösen in die Augen sehen und erwartete, ein Monster, einen bösen Menschen zu sehen. Wirklich gesehen hat sie einen mittelmässigen Menschen, dem, so beschreibt sie es, die Fähigkeit zu denken abhanden gekommen ist. Ein Mensch, der nichts Teuflisches verkörperte, sondern ein ganz normaler Mensch war, der in seinen Augen nur dem damals herrschenden Gesetz gehorchte. Diese „Banalität des Bösen“, wie Hannah Arendt es nannte, war sicher schon weit neben dem, was man gerne gelesen hätte, dass sie aber die Rolle der Judenräte in den Ghettos kritisch beleuchtete, brachte ihr den Bruch vieler Freundschaften und Anfeindungen von vielen Seiten.

Wieso hat sie es getan? Sie wollte verstehen. Als Philosophin wollte sie hinschauen und verstehen, wie es kam, was war. Sie wollte denkend die Wahrheit finden,wobei sie im Gegensatz zu ihren erzürnten Lesern verstehen von vergeben unterschied. Zu recht aus der philosophischen Warte, allerdings verkannt in den Augen derjenigen, die vom Hass und der negativen Gefühle zerfressen nur die eine Botschaft hören und sehen wollen, nämlich die, dass die einen die bösen Täter, die anderen die armen Opfer waren. Man war (noch?) nicht bereit für die sachliche Sicht, für die sicher auch teilweise unbarmherzige Sicht.

Um die Geschichte des Eichmann-Prozesses herum wird im Film Hannah Arendt das Portrait einer grossartigen Denkerin gemalt. Man sieht eine Denkerin, die mit der ganzen Radikalität ihres Geistes der Wahrheit auf den Grund gehen will, die dabei keine Kompromisse eingeht. Sie selbst sagte einst, sie betreibe „Denken ohne Geländer“. Genau diese Radikalität zeigte sich am Beispiel des Eichmann-Buches deutlich. Die eigenen Gefühle wurden aussen vor gelassen, die Gefühle der anderen ebenso. Nicht Gefühle, nicht vorgefertigte Meinungen zählten, sondern der pure klare Blick auf das, was war. Sehr spannend waren die Einblendungen des Originalfilmes aus dem Eichmann-Prozess. Die Mimik, die Argumente – sie zeigten ein deutliches Bild dessen, was Hannah Arendt danach beschrieb. Zwar hätte ich eine gewisse Arroganz in seinen Blick hineingelesen, ganz sicher aber drückte das Unverständnis durch, dass man nicht verstehen wollte, dass er nur Befehle ausführte. Dass er selber keine Juden tötete, nicht mal was gegen sie hatte. Er war – so erscheint es deutlich – ein gedankenloses Rad in einer gnadenlosen Maschinerie. Ein farbloser Bürokrat, der nur auf seine Formulare schielt, den gesunden Menschenverstand ausgeschaltet lässt. Hannah Arendt hat genau das geschrieben.

Ob sie naiv genug war, zu denken, dass man das kommentarlos oder zumindest ohne weitere Probleme hinnehmen werde, oder ob sie die danach auftretenden Probleme und Ressentiments einfach in Kauf nahm, ist schwer abschliessend zu sagen. Ich würde dazu tendieren, dass es sowohl als auch war. Sie muss sich – so klug war sie – bewusst gewesen sein, dass sie mit der Sicht, die ja auch ihre eigenen Erwartungen von vor dem Prozess negierten, viele Leute vor die Köpfe stiess. Doch war sie wohl zu sehr Philosophin und ihrer eigenen Natur ihres Denkens verfallen, um sich der wirklichen Sprengkraft eines solchen Schreibens bewusst zu werden. Zudem denke ich, dass sie, selbst wenn sie sich bewusst gewesen wäre, es nicht hätte unterlassen können. Denn – und das war ihr immer wichtig – Denken lässt keine Geländer zu, es hat keine Grenzen, es soll nur ein Ziel haben: Die Wahrheit. Und Wahrheit bedeutet für Hannah Arendt, „das zu sagen, was ist.“

Der Film ist sicher sehenswert, denn er zeigt das Leben einer wirklich herausragenden Philosophin unserer Zeit. Er behandelt zudem eine Thematik, die unsere Zeit durch ihre Grausamkeit geprägt hat, indem sie das Denken und auch unsere Gesetze massgeblich geprägt hat. Negativ fiel mir auf, dass Hannah Arendt fast schon penetrant rauchend dargestellt wurde. Zigaretten hatten die grössere Präsenz im Film als ihr Geist und ihre Person. Ich bin weit davon entfernt, ein militanter Nichtraucher zu sein, doch fiel mir dieses schon fast als Leitmotiv anmutende Detail störend auf. Die Frage, was es verkörpern soll, lag auf der Hand. Die rauchende Intellektuelle als Kunstbild? Die Nervosität der Denkerin, welche ihre Nerven durch Suchtkrücken still hält? So oder so – ich empfand diese Präsenz als enorm störend und vom wirklichen Inhalt ablenkend.

Fazit:

Ein absolut sehenswerter Film mit einigen Schwachstellen, der aber trotz allem zu denken anregt. Ein Film, der zeigt, dass Denken gefährlich sein kann, vor allem, wenn man es radikal betreibt. Ein Portrait einer grossen Denkerin, die ich ob ihrer Radikalität des Denkens sehr schätze.