Reisen mit Erich Kästner

Fahrt in die Welt
Seltsam ist’s mit einem Schiff zu fahren,
das sich abschiedsschwer vom Ufer trennt.
Jenes Land, in dem wir glücklich waren,
wird ein Strich am Firmament.

Lange stehen wir an Bord und winken,
bis die Heimat wie ein Traum vergeht.
Muss das Alte immer erst versinken,
ehe Neues aufersteht?

Doch dann schauen wir nicht mehr zurück.
Unbekannte Ufer werden kommen
und vielleicht ein unbekanntes Glück.
Und das Herz ist fast beklommen.

Und wir freuen uns am Wunderbaren,
und wir reisen gern durch neue Meere.
Herrlich ist es, in die Welt zu fahren,
wenn nur nicht das Heimweh wäre!

Erich Kästner reiste gerne und er reiste vor allem gerne mit dem Zug. In der Eisenbahn kam er schnell vorwärts und konnte dabei den Menschen um sich beim Reisen zuschauen, aber auch in sich selber gehen und das eigene Reisen hinterfragen. Er reiste selten alleine, oft waren Freundinnen dabei oder aber die Mutter. Immer plante er dabei die Reisen sorgfältig, Abenteuer überliess er lieber seinen Romanfiguren wie zum Beispiel dem Amfortas Kluge, welcher in den Kongo will und am Nordpol landet.

Wem Gott will rechte Gunst erweisen
(vorausgesetzt, dass es ihn gibt),
den lässt er in ein Seebad reisen,
besonders wenn er die Berge liebt.

Im vorliegenden Buch hat die Herausgeberin Sylvia List Texte Kästners vereint, die alle eines gemeinsam haben: Das Thema Reisen. Es finden sich Gedichte sowie kurze Reiseanekdoten, welche vom Scharfblick und der spitzen Zunge ihres Autors zeugen.

Sie schmorten zu Tausenden in der Sonne, als sei die Herde schon geschlachtet und läge in einer riesigen Bratpfanne. Manchmal drehten sie sich um. wie freiwillige Koteletts.

Neben diesen wunderbaren Metaphern finden sich Anleitungen zum Schreiben von Reiseberichten, Gedanken dazu, wie einer überhaupt zu reisen hätte, was er an Garderobe einpacken nicht versäumen dürfe, welches Verhalten auf Reisen angebracht ist sowie Gedanken darüber, was Reisen bedeutet.

Reisen fördert die Völkerversöhnung. […] Die Touristen sind Kriegsgegner; sie bilden einen unsichtbaren Völkerbund.

Entstanden ist ein wunderbares Lesebuch, das Einblicke in das Denken, Schreiben und Dichten des Autors Erich Kästner gewährt und Lust auf mehr macht, zumal neben den Gedichten und kurzen Texten auch Auszüge aus Kästners Roman Fabian in diesem Buch enthalten sind.

Fazit:
Ein wunderbares Buch zum Reisen, das Erich Kästner in all seinen Eigenheiten, seinem Sprachwitz, seinem Scharfblick sowie seiner Erzählgabe sichtbar macht. Absolute Leseempfehlung!

Zum Autor und zur Herausgeberin
Erich Kästner wurde 1899 in Dresden geboren und starb 1974 in München. Der Schriftsteller, Satiriker, Dramatiker und nicht zuletzt Autor der berühmten Kinderklassiker ›Das doppelte Lottchen‹, ›Das fliegende Klassenzimmer‹, ›Pünktchen und Anton‹, ›Emil und die Detektive‹ und ›Die Konferenz der Tiere‹ wurde mit zahlreichen Preisen bedacht (u.a. mit dem Büchner-Preis und der Hans-Christian Andersen-Medaille).

»Erich Kästner war ein wehmütiger Satiriker und ein augenzwinkernder Skeptiker. Er war Deutschlands hoffnungsvollster Pessimist und der deutschen Literatur positivster Negationsrat. War er ein Schulmeister? Aber ja doch, nur eben Deutschlands amüsantester und geistreichster. Er war ein Prediger, der stolz die Narrenkappe trug.« Marcel Reich-Ranicki

Sylvia List ist Slavistin, war lange Jahre Lektorin und arbeitet derzeit als freie Übersetzerin und Herausgeberin in München.

Angaben zum Buch:
KästnerReisenTaschenbuch:176 Seiten
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (1. Mai 2014)
ISBN-Nr.: 978-3-423-14313-4
Preis: EUR 8.90 / CHF 12.90
Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Mit sieben erlebte ich meinen ersten literarischen Erfolg. […] Mit vier armen Reimen war ich zum Dichter der Familie geworden. Mit acht hatte ich nichts mehr zu schreiben.

DelacourtDer siebenjährige Edouard schreibt ein kleines Gedicht und wird von seiner Familie hochgelobt – er sei der Dichter in der Familie. Was so erfolgsversprechend beginnt, geht leider nicht so weiter, der Schreibfluss, zumindest der dichterische, versiegt, Werbetexte fliessen stattdessen aus der Feder, und auch sonst nimmt das Leben seinen Lauf: Falsche Frau, zerbrochene Familie und mittendrin Edouard, der immer noch nach dem – wie sein Vater einst sagte – heilenden Schreiben sucht.

Als Ich-Erzählung wird uns hier eine Geschichte fortlaufender Tragödien präsentiert, die in unzusammenhängenden Sätzen daher kommt. Weder werden die Figuren wirklich plastisch, noch stellt sich je ein wirklicher Erzählfluss ein, man hangelt sich als Leser von Moment zu Moment, fühlt sich irgendwie verloren – wohl etwas so verloren, wie sich der Ich-Erzähler selber in seinem Leben fühlt – und der Autor wohl in seinem Schreiben.

Das einzig Zusammenhängende in dem Roman ist der chronologische Ablauf, jedes neue Jahr beginnt mit einer Auflistung aktueller Filme, Bücher oder Musiktitel, was ein wenig Nostalgie aufkommen und selber zurückdenken lässt. Das reicht aber leider nicht, um auch in die Geschichte hineinzufinden – fast schon möchte man sagen: Welche Geschichte. Die wenigen, durchaus humorvollen, pointierten und gut beobachteten Episoden und Momentaufnahmen, die man doch findet, zeigen, dass der Autor es besser könnte, leider hat er es in diesem Buch nicht besser gemacht. Schade, denn der Stoff an sich hätte durchaus mehr Potential gehabt.

Fazit:
Ein sehr enttäuschendes Buch, das aufgrund der unzusammenhängenden Sätze und Absätze, der wenig plastischen Figuren und dem Fehlen eines einnehmenden Plots nicht zu überzeugen vermag.

Zum Autor:
Grégoire Delacourt
Grégoire Delacourt wurde 1960 im nordfranzösischen Valenciennes geboren und lebt mit seiner Familie in Paris. Sein Bestseller Alle meine Wünsche wurde in fünfunddreißig Ländern veröffentlicht. Im Atlantik Verlag erschien von ihm zuletzt Die vier Jahreszeiten des Sommers (2016). Homepage des Autors: HIER

Tobias Scheffel, geboren 1964, lebt in Freiburg/Breisgau. Er hat unter anderem Robert Bober, Fred Vargas ud Georges Perec übersetzt. 2005 wurde er mit dem Eugen-Helmlé-Übersetzerpreis ausgezeichnet.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 240 Seiten
Verlag: Atlantik Taschenbuch (12. Juli 2017)
Übersetzer: Tobias Scheffel
ISBN-Nr: 978-3455404685
Preis: EUR 20; CHF 28.90

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u. a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Ich habe eit auf Instagram bereits zwei Durchgänge der #abcliteraturchallenge gemacht, daraus entstanden dann zwei Artikel hier im Blog:

Bei den ersten beiden Runden lief ich jeweils mit dem Nachnamen der Autoren das Alphabet ab. Nun habe ich eine dritte Runde durchgeführt, dieses Mal musste ein Wort des Titels mit dem entsprechenden Buchstaben des Alphabets beginnen. Es hat wieder unglaublich viel Spass gemacht, die einzelnen Bücher zu suchen, sie in die Hand zu nehmen, an die Lesemomente damit zurückzudenken. Dieses waren die Titel der dritten Runde

A: Theodor Fontane: L’Adultera
Dieser Roman von Theodor Fontane, er ist einer meiner liebsten, handelt von Liebe und Verrat. Er stellt den Beginn einer Reihe von Frauenromanen in Fontanes Werk dar und nimmt dabei als Ausnahme ein glückliches Ende.

B: Thomas Mann: Buddenbrooks
Die Saga um den Untergang einer Lübecker Kaufmannsfamilie – ein wunderbares Buch von dem Schriftsteller, der mein Leben wohl wie kein anderer begleitet und auch geprägt hat. Ich war immer fasziniert von seiner Persönlichkeit, von seiner Familiengeschichte, sein Werk ist von einer Tiefe und Vielschichtigkeit, wie man sie sonst selten findet. Ich glaube, er ist wohl einer der Schriftsteller, die man entweder liebt oder hasst – so ein bisschen mögen geht kaum.

FoenkinosCharlotteC: David Foenkinos: Charlotte
Die Geschichte von Charlotte Salomon, die aus Berlin nach Südfrankreich flüchtet wegen den Nazis, wo sie für eine kurze Zeit ihren Traum vom Künstlerleben verwirklichen kann. „Das ist mein Leben“ – mit diesen Worten übergibt sie einem Vertrauten einen Koffer voller Bilder. Ein wunderbares Buch, das ich jedem nur ans Herz legen kann.
HIER die ganze Rezension.

D: Mitch Albom: Dienstags bei Morrie
Der vielbeschäftigte Journalist Mitch erfährt, dass sein ehemaliger Professor sterbenskrank ist. Einem ersten Besuch folgen regelmässige Dienstagsbesuche, die allen Beteiligten viel vermitteln. Ein Buch über das Leben und das Sterben, ein Buch voller Wärme und Tiefe. Auch sehr gelungen ist die Verfilmung. Auch das eine absolute Leseempfehlung!

E: Claire Fuller: Eine englische Ehe
Mehr „E“ im Titel ging kaum. Ein wunderbares Buch über die Liebe, das gelebte und das nur ersehnte Leben, über eine Ehe, über Verrat, Verlust, Sehnsucht. Hat mich sehr berührt.
HIER die ganze Rezension.

F: Erich Kästner: Fabian
Erich Kästners Fabian – eine Grossstadtsatire mit dem feinen Blick für die kleinen und grösseren Verlogenheiten der Gesellschaft.
HIER die ganze Rezension.

IMG_2862G: Max Frisch: Mein Name sei Gantenbein
Max Frisch geht in „Mein Name sei Gantenbein“ der Frage nach, was Wirklichkeit eigentlich ist. Ein Mann steht im leeren Wohnzimmer, die Ehe ist gescheitert, und er fragt sich: Was ist wirklich geschehen? Und dann erfindet er seine eigene Geschichte…

H: François Lelord: Hektors Reise oder die Suche nach dem Glück
Der Psychiater Hector ist immer für seine Patienten da, doch es macht ihn traurig, dass er sie nicht glücklich machen kann. Das will er ändern und er reist im die Welt, um das Geheimnis des Glücks zu lüften. Ein wunderbares Buch!

I: Theodor Fontane: Irrungen, Wirrungen
Irrungen, Wirrungen dreht sich um eine nicht standesgemässe Beziehung zwischen einem Baron und einer Näherin. Während die Verliebten den Standesunterschied ignorieren wollen, duldet die Gesellschaft und damit die herrschende Moral diese Liaison nicht…

J: Ödön von Horvath: Jugend ohne Gott
Jugend ohne Gott- kann man nach einem Weltkrieg noch an Gott glauben? Oder wenn ein junger Mensch stirbt? Wie soll man sich verhalten, wenn die Gesellschaft offensichtlich in eine inhumane Richtung abdriftet? Wenn Menschen abgewertet werden aufgrund ihrer Hautfarbe? Mit diesen Fragen schlägt sich ein Lehrer in der Geschichte rum.

K: Christa Wolf: Kassandra
Kassandra, die Geschichte einer Königstochter und Seherin, die ihren eigenen Tod vorhersieht und diesen in Kauf nimmt, um nicht ihre Autonomie aufgeben zu müssen.
HIER ein Artikel zum Buch.

IMG_2839L: Thomas Mann: Lotte in Weimar        
Eines meiner Lieblingsbücher von Thomas Mann: Goethes Jugendliebe (Werthers Lotte) kommt nach 50 Jahren nach Weimar und will, selbst eine ältere Dame, den in die Jahre gekommenen Künstler besuchen. Thomas Mann selber nannte das Stück „lustspielhaft“, ich stimme ihm zu. Unbedingt lesen!!!!
HIER die ganze Rezension.

M: Miep Gies: Meine Zeit mit Anne Frank
Ein berührendes Buch, ein Stück Zeitgeschichte: Miep Gies hatte die Familie Frank lange versorgt in ihrem Versteck in einem Amsterdamer Hinterhaus, bis jemand die Familie verriet. Ein Buch, das ich sehr ans Herz legen möchte.

N: Doris Lessing: Das goldene Notizbuch
„Das goldene Notizbuch “ ist die Geschichte einer Frauenfreundschaft, eine Geschichte, die in London und Südafrika spielt in der Mitte des 20. Jahrhunderts.

O scheint vergessen gegangen zu sein oder ich fand keines – ich weiss es gar nicht mehr. Ich hätte nun natürlich schummeln können und noch schnell eines einfügen, aber das mache ich nicht.

P: Theodor Fontane: Die Poggenpuhls
Die Geschichte der Witwe Poggenpuhl und ihrer drei Töchter und zwei Söhne, die nichts mehr haben als den „guten alten Namen und drei Krönungstaler“. Eine Milieustudie, ein Familienbild und ein Gesellschaftsbild, eine nett daherkommende Geschichte mit doppeltem Boden und kleinen Spitzen.
HIER die ganze Rezension.

Q: Joël Dicker: Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert
Ein grossartiges Buch: was ist wirklich passiert in Aurora vor 33 Jahren? Als das Skelett der damals verschwundenen Nola im Garten ihres einstigen Geliebten gefunden wird, gerät der Schriftsteller Harry Quebert in Tatverdacht.

R: Friedrich Dürrenmatt: Der Richter und sein Henker
Der schwerkranke Inspektor Bärlach im Kamf von Gut und Böse, sich immer wieder fragend: „Was ist der Mensch?“

S: Max Frisch: Antwort aus der Stille
„Stiller“ wäre wohl naheliegender gewesen, ich habe mich aber für dieses Buch entschieden: „Antwort aus der Stille“ ist die Geschichte eines jungen Mannes, der einen Berg bezwingen will und dabei immer auch mit sich selber kämpft.
HIER die ganze Rezension.

T: Rainer Maria Rilke: Das Florenzer Tagebuch
Zwar ist er bekannter für seine Lyrik, aber seine immensen Briefwechsel sowie die Tagebücher haben durchaus Werkcharakter und zeigen viel über Rilkes Wesen und seine Haltung zu seiner Umwelt.

IMG_2905U: Fernando Pessoa: Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares
Pessoas Buch der Unruhe, die Geschichte des Hilfsbuchhalters Soares. Ein Buch über Träume, die Bilanzen des Lebens, die Masken im Alltag, das Nachdenken über das Leben und dessen Sinn.

V: Thomas Mann: Der Tod in Venedig
Der berühmte Schriftsteller Gustav von Aschenbach fährt zur Erholung nach Venedig, verfällt einem Knaben und versucht bis zur eigenen Entwürdigung, Eindruck auf diesen zu machen.

W: Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg
„Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat besitzen.“ Mit diesen Büchern wollte Fontane die Mark Brandenburg bekannt machen, er wollte sie historisch und menschlich porträtieren und ihr so seinen Respekt zollen.

Mit dem X ist es jedes Mal dasselbe: Ich habe keines. Auch das Y fiel diesmal aus. Den Abschluss macht:

IMG_2920Z: Thomas Mann: Der Zauberberg
Die Geschichte von Hans Castorp, der sich mit der verführerischen Macht des Todes auseinandersetzt im Sanatorium in Davos, und der schliesslich in einem Traum einen quasi kategorischen Imperativ fürs Leben erfährt: „Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tod keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken.“ Mit dem Gedanken wacht er auf und kämpft sich ins Leben zurück.

Es war eine schöne Runde, ich glaube, ich mache wohl wieder einmal eine Runde. Ich muss mir noch überlegen, was ich dann als Kriterium nehme – eine Idee habe ich schon.

August 2017

1Ich bin im Netz auf verschiedenen Blogs auf ein Monatsprojekt gestossen. Ein Jahr lang soll man jeden Monat vom selben Ort/Gegenstand ein Bild machen und damit den Lauf der Zeit dokumentieren. Ich habe beschlossen, da mitzumachen. Bei der Frage, was ich denn dokumentieren könnte, wurde es dann schwerer. Es soll etwas sein, das mir entspricht, mit mir zu tun hat, etwas von meinem Tun widerspiegelt. Plötzlich war es sonnenklar:

Die Tischsituation

Was hat es damit auf sich? Der Tisch ist immer mit Büchern belegt, die in irgendeiner Form aktuell sind. Die Bücher liegen also aus Gründen da – und sie wechseln oft, ohne dass passiert wäre, wozu sie da liegen, schlicht, weil neue dazu kommen, Interessen ändern. Ich habe auf Instagram schon ab und an solche Bilder eingestellt, allerdings ohne Regelmässigkeit und ohne Erklärung. Dies soll hier anders sein.

Ich versuche, das nun jeden Monat weiterzuführen und dabei zu erklären, welche Bücher auf dem Tisch sind und wieso sie da liegen – allerdings werde ich wohl nicht jedes Buch erwähnen oder genauer darlegen können, es würde je nach Belegung sonst ausufern.

Beginnen wir links unten:
Zu unterst liegt mein Notizbuch, das eigentlich immer dabei ist. Ich hielt darin bislang alles fest, von Exzerpten über Gedanken, hin zu Erlebnissen und anderen Notizen. Neu führe ich zwei, um gewisse Dinge ein wenig zu trennen – ganz sicher bin ich aber noch nicht, ob das gut ist oder nicht. Kann ich die Dinge so klar trennen? Gehört nicht alles irgendwie zu mir?

Darauf liegt Ingrid Nolls neuster Roman „Halali“, der bislang sehr enttäuschend anfing. Da ich die Autorin sonst sehr mag, kämpfe ich noch ein wenig weiter. Darauf schliesslich Interviews mit der wunderbaren Ilse Aichinger. Ich lief an meinem Bücherregal vorbei und sah das Buch und es kam so über mich: Ich will es endlich noch ganz lesen.

Der Haufen darüber setzt sich zusammen aus einem Buch über das richtige Handeln (Bernward Gesang: Darf ich das oder muss ich sogar?: Die Philosophie des richtigen Handelns), das ich rezensieren will, zwei Gedichtbänden (Jürg Beeler/Pierre-Alain Tâche), ebenfalls zu Rezensionszwecken, Rilkes Bildbetrachtungen (weil Rilke immer schön ist), Emersons „Von der Schönheit des Guten“ und dem Briefwechsel von Golo Mann und Marcel Reich-Ranicki, ein wirklich wunderbares Buch, das viel über die Familie Mann, aber auch die Liebe zur Literatur zweier Menschen erzählt.

Oben rechts vier Bände von Hanns Dieter Hüsch zu Rezensionszwecken sowie mein Französisch-Lern-Projekt obendrauf – das Projekt stockt etwas *hüstel

Daneben haben wir zwei Stapel mit Rezensionen, die bislang liegen geblieben sind (ausser Alain de Botton, die Rezension ging ja soeben raus). Oben rechts dann der erste Band von Rainer Stachs wunderbarer Biografie zu Franz Kafka sowie seine Ist das Kafka?: 99 Fundstücke. Die anderen zwei Bände habe ich ins Regal verfrachtet, nicht dass der Tisch noch zusammenbricht. 😉

Das Holzding ist ein Teelichthalter – ich liebe Deko und kann ihr kaum widerstehen, wenn ich sie im Laden sehe. Der Holzteller in der Mitte ist ein weiteres Zeugnis dieser Liebe. Darauf eine andere Liebe: Gedichte und Fontane – also eigentlich zwei Lieben, hier vereint. ich lese jeden Tag mindestens ein Gedicht als Start in den Tag (ein Projekt, das ich ja auf Instagram, Facebook und Twitter dokumentiere), daneben nehme ich mir immer mal wieder einen Dichter vor und tauche tiefer ins Werk.

Rechts vom Teller finden sich Lou Andreas-Salomes Aufzeichnungen über Rilke, eine Biographie über Mascha Kaleko, die Bücher „Reisen mit Stefan Zweig“, Das „Das Florenzer Tagebuch“ von Rilke, Bichsels „Zur Stadt Paris: Geschichten (suhrkamp taschenbuch)“, sowie Rousseaus Träumereien, weil mich literarische Spaziergänge interessieren, dann Joan Didions Essays „Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben: Mit einem Nachwort von Antje Ravic Strubel“ (sehr empfehlenswert) sowie zwei Bände „Geschichte der deutschen Lyrik“ – ich wollte eigentlich etwas nachschauen, kam aber nicht dazu bislang, und wenn das so bleibt, wandern die bald wieder ins Regal zurück.

Und zum Schluss haben wir einen Bildband „Albert Camus – Sein Leben in Bildern und Dokumenten“, ein Buch, wie man mit einfachen Schritten nähen kann, ein Buch Spielereien zum Schreiben, dann Franz Hessels „Spazieren in Berlin“ und Franz Hohlers „Spaziergänge“ – der Grund ist derselbe wie bei den Büchern auf dem letzten Stapel: die literarischen Spaziergänge. Ui, und fast hätte ich vergessen, unter dem sichtbaren Franz Hohler liegt noch einer mit einseitigen Kurzgeschichten. Ich habe es aktuell mehr mit kurzen Formen, finde die Ruhe für dicke Bücher nicht so. Und ab und an schalte ich einfach schnell was dazwischen, um ein wenig Abwechslung zu haben – da bieten die sich gut an.

Das war meine Tischsituation für den August – ich bin gespannt, wie das alles im September aussieht.

Wenn das Streben nach Glück unser Leben beherrscht, erschliessen uns vielleicht nur wenige unserer Handlungen soviel über die Dynamik dieser Suche – mit all ihrer Inbrunst und ihren Paradoxien – wie die Reisen, die wir unternehmen.

debottonreisenIch lese Alain de Bottons Buch Kunst des Reisens in den Sommerferien. Ich sitze zu Hause, sehe auf Facebook, Instagram und Twitter all die Urlaubsbilder, lese, wie toll die Reisen sind. Ich reise im Kopf – oder lese mir mal durch, was Herr de Botton über das Reisen zu sagen hat. Es ist einiges. Er behandelt die Erwartungen, die wir haben, wenn wir eine Reise haben, beschreibt, wie diese enttäuscht werden kann. Er geht von den Vorstellungen weiter zur Anreise, Ankunft, dem Aufenthalt und schliesst mit der Abreise und dem erneuten Ankommen – diesmal zu Hause.

Der Leser macht eine ganze Reise in Gedanken mit, nicht nur an verschiedene Orte, er begleitet Schriftsteller, Philosophen, Maler auf ihren sowie de Botton auf seinen Reisen. Und auch das Reisen selber wird hinterfragt.

Wir werden überhäuft mit Ratschlägen, wohin wir reisen, hören aber nur wenig, warum und wie wir reisen sollten – und das, obwohl die Kunst des Reisens naturgemäss verschiedene Fragen aufwirft, die weder simpel noch trivial sind und deren Betrachtung in bescheidenem Masse zum verstehen dessen beitragen könnte, was griechische Philosophen mit dem schönen Begriff der eudaimonia, der Entfaltung der Persönlichkeit, bezeichneten.

Am Schluss des Buches habe ich erfahren, wieso ich nicht blind jedem Reiseführer folgen muss, wieso ich nicht immer nur Freude haben muss auf Reisen. Ich weiss, wieso mir Kunst die Augen öffnen kann für Orte und dass Reisen auch den Blick auf das Gewohnte verändern kann.

Ich bin ein Reisemuffel. Wobei: Das stimmt nicht ganz. Ich denke immer, ich würde gerne reisen. Und ich mache Pläne für Orte und stelle mir alles vor. Und ganz oft bleibe ich dann doch zu Hause. So bin ich auch in diesen Ferien zu Hause, geniesse es hier, denn: Wann wäre Zürich schöner als im sonnigen Sommer, wann könnte man es mehr geniessen, als wenn alle weg sind, der Garten lacht, der Weisswein gekühlt wartet? Diesmal war ich auf Reisen. Im Geiste. Nicht nur auf einer, auf mehreren. Und das war schön. Und wer weiss: Vielleicht packe ich doch bald mal meine Koffer und setze um, was ich grad für mich aus dem Buch gezogen habe.

Fazit:
Ein inspirierendes, tiefgründiges, unterhaltsames Buch über das Reisen, das von einer unglaublichen Belesenheit des Autors zeugt und Lust aufs Reisen macht – sogar Reisemuffeln. Absolute Leseempfehlung.

Zum Autor:
Alain de Botton
Alain de Botton gründete 2008 die ›School of Life‹, da er der Überzeugung ist, dass man die verschiedenen Lebensbereiche wie Karriere, Liebe, Elternschaft usw. erlernen kann. Mit Charme, Ironie und Neugier entwickelt Alain de Botton seit seinem Romandebüt und Weltbestseller »Versuch über die Liebe« eine Philosophie des Alltags. Alain de Botton lebt mit Frau und Kindern in London. Zuletzt erschienen bei S. Fischer sein essayistisches Werk »Die Freuden der Langeweile« und sein Roman »Der Lauf der Liebe«.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 288 Seiten
Verlag: Fischer Taschenbuch (1. Juni 2003)
ISBN-Nr: 978-3596158041
Preis: EUR 9.95; CHF 14.90
Zu kaufen in jeder Buchhandlung oder aber online u.a. bei AMAZON.DE oder BOOKS.CH

Keiner blickt dir hinter das Gesicht

Eines Tages fällt ihm plötzlich auf,
dass er seit drei jahren nicht mehr lachte.
Und nun prüft er seinen Lebenslauf,
was er denn inzwischen machte.[1]

HanuschekKästnerWer war er, der Mann, der die berühmten Kinderbücher Emil und die Detektive, das Fliegende Klassenzimmer oder Pünktchen und Anton schrieb? Wer steckt hinter den bissigen und doch auch melancholischen Gedichten? Wer hinter den gesellschaftskritischen Romanen?

Sven Hanuschek macht sich auf die Reise, den Schriftsteller und Menschen Erich Kästner kennenzulernen. Er hat nicht viele Zeugnisse des Autoren selber, da sich Erich Kästner zeitlebens eher bedeckt hielt. Er gestaltet sein Bild anhand der vielen Briefe Kästners an seine Mutter, analysiert die Texte und ordnet sie in die Entstehungszeit und –situation ein. So entsteht das Bild eines Menschen, der von klein auf kein einfaches Leben hatte, der erst unter dem Druck einer überstrengen und besorgten, aber auch ambitionierten Mutter stand, vor dem er in die Literatur, ins lesen flüchtete,

Ich las und las und las – kein Buchstabe war vor mir sicher.

der auf ihren Wunsch hin erst Lehrer werden soll, dann aber mehr will und sich für ein Studium der Germanistik entscheidet, das er in Leipzig aufnimmt. Schon da schreibt er Kritiken für die Zeitung, etwas, das er lange aufrechterhalten wird.

Kästner liebt Bars und Cafés, in ihnen schreibt er, in ihnen lernt er aber auch die Menschen kennen, die später seine Romane bevölkern. Es sind oft Menschen am Rande der Gesellschaft, Menschen, die mit dem System nicht klar kommen. Auch Kästner kam mit vielem nicht klar. Unter Hitler wird das besonders deutlich, da er einer der verbrannten Autoren ist – er wohnt der Verbrennung seiner Bücher als einziger Autor bei. Er wird nie emigrieren, sich aber später immer fragen, ob es nicht besser gewesen wäre, es zu tun.

Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.[2]

Neben dem Schreiben sind noch seine Liebschaften und Beziehungen zu erwähnen. Kästner kann sich nicht auf eine Frau festlegen, zeitweise hat er 4 Verhältnisse gleichzeitig. Luiselotte Enderle ist die Frau, mit der er am längsten zusammen war – die Gründe dafür sind vielfältig. Sie ist es auch, die das Bild, das man von Erich Kästner hatte und oft noch hat, nachhaltig prägte, war sie doch seine erste Biografin und später auch Hüterin über Leben und Werk, welches sie nach eigenem Gutdünken zensierte und durch selektive Auswahl steuerte.

Sven Hanuschek besticht durch eine objektive, nie verurteilende, aber auch nicht verklärende Sicht auf Erich Kästner. Er geht den Weg durch das Leben Kästners chronologisch, flicht dessen Schreiben mal ausführlicher mit Inhalt und Rezeption, mal nur am Rande hinein. Entstanden ist so ein wunderbares Buch, das dem Moralisten und Dichter, dem Menschen und Schriftsteller Erich Kästner gerecht wird.

Fazit:
Ein muss für jeden Kästner-Fan, ein wunderbares Buch über einen spannenden Menschen, geschrieben mit viel Hintergrundwissen und trotzdem leicht zu lesen. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Sven Hanuschek
Sven Hanuschek, geboren 1964, ist Publizist und Professor am Institut für deutsche Philologie der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 494 Seiten
Verlag: Carl Hanser Verlag (Neuauflage 24. Mai 2017)
ISBN-Nr.: 978-3446257160
Preis: EUR 28 / CHF 36.90
Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

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[1] „Ganz vergebliches Gelächter“, zitiert nach Erich Kästner: Lärm im Spiegel
[2] „Sachliche Romanze“, zitiert nach Erich Kästner: Lärm im Spiegel

Bücher sind wie Freunde, mit dem Vorteil, dass sie einen nicht verraten und nicht launisch sind. (Tahar Ben Jelloun)

Als François Armanet im Oktober 2003 Jay McInerney kennenlernte, welcher in Paris seinen vor kurzem erschienen Erzählband vorstellte, stellte er ihm am Schluss des Gesprächs die Frage:

Welche drei Bücher würden Sie mit auf eine einsame Insel nehmen?

ArmanetMcInerney nannte unter anderem Tante Lisbeth und Armanet erinnerte sich, dass dieses Buch viele Jahre früher auch von André Gide genannt worden war. Eine Entscheidung für etwas ist immer auch eine Absage an anderes. Die Idee mit der einsamen Insel ist ein Gedankenkonstrukt, das durch die Unmöglichkeit eines Wechsels der Wahl ein noch grösseres Gewicht gibt – das weiss man spätestens dann, wenn mit einem mit Büchern bepackten Koffer in den Urlaub reist und dann merkt, dass einen keines der mitgebrachten Bücher anspricht. Wie ginge es einem da auf einer einsamen Insel, von der man nicht einfach nach Zwei Wochen wieder heimfährt? Oder ist der Aufenthalt gar nicht für immer? Die Dauer wird nie genannt, man geht meist aber davon aus, dass man da festsitzt.

200 Schriftsteller wurden gefragt, welche drei Bücher sie auf die einsame Insel mitnehmen würden, wenn sie die Bibel und Shakespeare nicht nennen dürften (es sei denn, sie könnten auf keinen Fall auf diese Nennung verzichten). Zusammen kamen teils kurze, teils witzige, teils sehr ausführliche Antworten. Einerseits sagt die Art der Antwort immer auch viel über den sie gebenden aus, andererseits ist so eine Reihe an Einsame-Insel-Klassikern zusammengekommen, die spannend zu sehen ist. Was verbindet Autoren, die dasselbe Buch mitnehmen würden? Welche Bücher wären auf einsamen Inseln am häufigsten vertreten? Wieso?

Eine witzige Idee, ein wunderbares kleines Buch, das auch durch eine liebevolle Illustration und Gestaltung besticht.

Fazit:
200 Buchempfehlungen für die berühmte einsame Insel – ein interessantes, witziges und liebevoll gestaltetes Buch. Absolute Leseempfehlung!

Der Autor und Mitwirkende
François Armanet geboren 1951, ist Chefredakteur des Magazins Nouvel Observateur. Er hat drei Romane geschrieben und einen Film produziert. Er lebt in Paris.

Claudia Steinitz übersetzt seit dreißig Jahren Literatur aus dem Französischen, unter anderem von Albertine Sarrazin, Véronique Olmi, Lyonel Trouillot und Véronique Bizot. Zu ihren Autoren bei Hoffmann und Campe gehören Grégoire Delacourt und Sophie Bassignac.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 224 Seiten
Verlag: Atlantik Verlag (11. April 2017)
ISBN-Nr 978-3455000368
Preis: EUR 15 / CHF 23.90
Übersetzer: Claudia Steinitz, Angela Volknant
Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

 

Literatentochter, von der väterlichen Liebe erdrückt?

„Es gibt Sünden (oder lasst uns sie nennen, wie die Welt sie nennt) schlimme Erinnerungen, welche der Mensch in den dunkelsten Winkeln seines Herzens verbirgt. Doch dort verharren sie und warten.“ (James Joyce, Ulysses)

Inhalt
Lucy Joyce möchte eine grosse Tänzerin werden. Das Talent dazu hat sie, doch ihr Vater, James Joyce beobachtet den aufkommenden Erfolg seiner Tochter skeptisch. Er sähe lieber, seine Tochter würde ihm zur Seite stehen und nur für ihn tanzen. Lucy verliebt sich in Samuel Becket, doch die Liebe steht unter keinem guten Stern, ein bislang gehütetes Familiengeheimnis zerstört jegliche Hoffung auf ein eigenständiges Leben der jungen Frau, die sich immer mehr in ihrer Familie gefangen sieht.

Beurteilung
AbbsTänzerinEin Roman, angelehnt an die wahre Geschichte der Lucy Joyce, von der wenig überliefertes Material existiert. Die Geschichte springt hin und her zwischen der Lucy Joyces Psychoanalyse bei C. G. Jung im Jahr 1934 in Zürich, und dem Leben der Familie Joyce in Paris ab 1928. Geschrieben ist alles in einer einfachen Sprache mit kurzen Sätze, die fast ein wenig an einen Plauderton erinnert. Dieser Eindruck wird noch unterstützt durch die fast inflationär verwendete Koseform „Babbo“, mit welcher Lucy ihren Vater anspricht oder an ihn denkt oder über ihn spricht, oder sehr markig formulierte Gedanken Lucys:

Es gibt einfach Dinge, über die man nicht reden kann. Nicht mit fetten Schweizern, die Taschenuhren tragen und pro Stunde bezahlt werden wie ganz gewöhnliche Prostituierte.

Was wohl dazu gedacht ist, dem ganzen Roman eine authentische Note zu geben, wirkt in Tat und Wahrheit eher aufgesetzt und auf die Figur gestülpt als Wertung aus dem Off, vom Autor in die Protagonistin hineingepflanzt.

Das Ganze wird sprachlich nicht besser durch das Gegenteil, nämlich bemüht gewählte und gesucht klingende Passagen:

Ich werde mit den ersten Anzeichen der Begierde und des Ehrgeizes anfangen, die sich wie gierige Ranken von Unkraut in mein junges Herz schoben.

Nach Seiten mit Beschreibungen von offenen Tänzerinnenfüssen, Schwärmereien für die blauen Augen Samuel Beckets und wenig aussagekräftigen Sitzungen bei Herrn Jung habe ich das Buch enttäuscht beiseite gelegt. Vielleicht hatte ich nach dem grossartigen Buch von Anne Girard, Madame Picasso, zu hohe Ansprüche, da die beiden Bücher in der gleichen Reihe erschienen sind, auf alle Fälle wurde ich nicht warm mit dem Roman, weder mit der Sprache, noch mit dem Aufbau, noch mit dem Fortgang der Geschichte (eigentlich eher eine Stagnation über weite Strecken).

Fazit:
Ein von der Sprache und vom Aufbau her wenig überzeugendes Buch, das in einem seichten Plauderstil dahinplätschert. Schade!

Zur Autorin und Übersetzerin
Annabel Abbs studierte Englische Literatur und leitete eine große Marketing Consulting Agency, bevor sie zu schreiben begann. Ihre Kurzgeschichten wurden hoch gelobt, und auch ihr Debütroman wurde mehrfach ausgezeichnet. Mit ihrem Mann und ihren vier Kindern lebt Annabel Abbs in London und Sussex.
Ulrike Seeberger, geboren 1952, Studium der Physik, lebte zehn Jahre in Schottland, arbeitete dort u.a. am Goethe-Institut. Seit 1987 freie Übersetzerin und Dolmetscherin in Nürnberg. Sie übertrug u.a. Autoren wie Philippa Gregory, Vikram Chandra, Alec Guiness, Oscar Wilde, Charles Dickens, Yaël Guiladi und Jean G. Goodhind ins Deutsche.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 512 Seiten
Verlag: Aufbau Verlag (14. Juli 2017)
Übersetzung: Ulrike Seeberger
ISBN: 978-3746633169
Preis: EUR 12.99 / CHF 17.90

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Die Geschichte eines Moralisten

Der Moralist, der nicht im trüben Wasser schwimmen konnte

Der Moralist pflegt seiner Epoche keinen Spiegel, sondern einen Zerrspiegel vorzuhalten. Die Karrikatur, ein legitimes Kunstmittel, ist das Äusserste, was er vermag. […]

Sein angestammter Platz ist und bleibt der verlorene Posten. Ihn füllt er, so gut er kann, aus. Sein Wahlspruch hiess immer und heisst auch jetzt: Dennoch!

Inhalt
Fabian, ein am Leben pessimistischer Moralist hält sich mit verschiedenen Jobs über Wasser, lernt das Leben und die Menschen mit all ihren Facetten kennen und sieht das eigene Land langsam untergehen. An ein eigenes Glück oder Liebe gar glaubt er nicht, bis er eines Tages Cornelia kennenlernt und mit ihr die glücklichste Zeit seines Lebens erlebt. Hatte er bislang doch alles zu schwarz gesehen?

Zusammenfassung
KästnerFabianFabian, Dr. der Germanistik und zweiunddreissig Jahre alt, hält sich finanziell mehr schlecht als recht in abwechselnden Jobs über Wasser. In seiner Freizeit treibt er sich in zweifelhaften Etablissements herum, trinkt mit befreundeten Journalisten eines über den Durst, hat Liebschaften und diskutiert mit seinem Freund Labude über die pessimistischen Aussichten für Deutschland und Europa.
Fabian glaubt nicht an das Glück, er glaubt nicht an die Liebe, bis er Cornelia trifft und sich verliebt. Nach ein paar Tagen glücklichen Daseins verliert er seine Stelle. Einerseits für die eigene Karriere, andererseits, um ihm zu helfen, lässt sich Cornelia mit einem Filmmagnaten ein – einmal mehr ist Fabians Unglück besiegelt.

Nachdem sich auch noch sein bester Freund Labude umgebracht hat – aufgrund eines als Witz getarnten Missverständnisses – sieht Fabian seine Zeit in Berlin beendet. Er geht nach Hause ins Dorf seiner Eltern, lebt eine Weile in bleierner Langeweile, lehnt eine ihm angebotene Stelle bei einem rechten Blatt ab und plant eine Auszeit in den Bergen. So weit soll es nicht mehr kommen:

Plötzlich sah er, dass ein kleiner Junge auf dem steinernen Brückengeländer balancierte. Fabian beschlenigte seine Schritte, Er rannte. Da schwankte der Junge, stiess einen gellenden Schrei aus, sank in die Knie, warf die Arme in die Luft und stürzte vom Geländer hintuner in den Fluss.
[…]
Fabian […]zog die Jacke aus und sprang, das Kind zu retten, hinterher. […] Der kleine Junge schwamm heulend ans Ufer. Fabian ertrank. Er konnte leider nicht schwimmen.

Beurteilung
Fabian. Die Geschichte eines Moralisten ist eine brillante Satire auf die deutsche, speziell die Berliner Gesellschaft der späten Zwanzigerjahre, die Zeit der Wirtschaftskrise. Fabian ist ein scharfer Beobachter des Lebens um ihn herum. Er bewegt sich in den verschiedenen Milieus, oft am Rande der Gesellschaft, und sieht da hinter die Masken der herrschenden Doppelmoral.

Kästner wollte warnen, als er dieses Buch schrieb. Er wollte vor dem Abgrund warnen, auf welchen er Deutschland und Europa zuschreiten sah. Es ist – wie seine in der gleichen Zeit entstandenen Gedichte – der sogenannten „neuen Sachlichkeit“ zuzuschreiben, die Figuren und die einzelnen Szenen sind nicht Abbilder, sie sind Zerrbilder. Sowohl die Laster wie auch die Tugenden werden durch Erhöhungen überzeichnet und so in einer Komik dargestellt, die einerseits zum Schmunzeln anregt, andererseits aber auch genauer hinschauen lässt.

Das schnelle Tempo, die rasch wechselnden Szenen, die einfachen Sätze und der überall vorherrschende Sprachwitz geben dem Roman eine Dynamik, die Schnoddrigkeit, Ironie und Schlagfertigkeit in den einzelnen Dialogen ziehen den Leser in die Geschichte hinein, lassen diese lebendig wirken.

Fazit:
Ein wunderbar tiefgründiges, satirisches, witziges Buch, das durch Lebendigkeit der Sprache, Witz und Ironie besticht. Eine brillante Mischung aus ernstem Anliegen und humorvoller Umsetzung. Eine absolute Leseempfehlung.

Zum Autor
Erich Kästner
Als die Nationalsozialisten am 10. Mai 1933 Bücher und Bilder unliebsamer Künstler verbrannten, waren auch Werke von Erich Kästner darunter. Seine zeitkritischen und satirischen Texte hatten ihn in Ungnade fallen lassen. Der am 23. Februar 1899 in Dresden geborene Journalist und Schriftsteller lebte und arbeitete weiter in Berlin und publizierte im Ausland. Die Gedichtbände „Herz auf Taille“ und „Lärm im Spiegel“ erschienen 1928 und 1929, ebenso sein bekanntestes Kinderbuch „Emil und die Detektive“. Nach dem Krieg lebte Kästner in München und rechnete als Mitglied der „Schaubude“ sowie in seinen Hörspielen und Liedern mit den Nazis ab. Er starb am 29. Juli 1974 in München.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 272 Seiten
Verlag: Atrium Zürich (5. Mai 2017)
ISBN: 978-3038820086
Preis: EUR 12 / CHF 17.90

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Der Walzer des Grauens

Inhalt
GerritsenTotenliedImmer wenn amerikanische Violinistin Julia Ansdell auf ihrer Geige den Walzer Incendio spielt – sie hat ihn von einer Italienreise mitgebracht – verhält sich ihre kleine Tochter merkwürdig. Einmal tötet sie die Katze, dann greift sie Julia an. Keiner hat eine Erklärung, woher die Verhaltensveränderungen der kleinen Lily kommen, weder deren Vater noch herbeigezogene Psychologen. Julias Vermutung, es könnte mit dem Lied zusammenhängen, glaubt aber keiner.

Julia lässt der Gedanke, dass ein Zusammenhang zwischen der Komposition und Lilys Verhalten besteht, nicht los, und sie reist nach Italien, um der Herkunft des Liedes auf die Spur zu kommen. Es ist zugleich eine Reise in die Vergangenheit, eine Reise in die Zeit des 3. Reiches.

Zum Inhalt
Ein Thriller ist die vorliegende Geschichte meines Erachtens nicht, es fehlen ihr alle für dieses Genre qualifizierenden Eigenschaften. Wer also einen Thriller erwartet, könnte von dem Buch mehr als enttäuscht sein, da es als einzigen Spannungspunkt das aufzudeckende Geheimnis hat, welches aber durch die ganzen Rückblenden in die Geschichte immer wieder an den Rand gedrängt wird.

Zum Hörbuch
Wer kennt Mechthild Grossmann nicht mit ihrer wunderbar sonoren Stimme. Die Aussicht, von ihr ein Hörbuch gelesen zu geniessen, war wunderbar. Wie gross dann die Enttäuschung. In diesem Roman kommen mehrheitlich Frauen, Kinder und junge Männer vor – allesamt haben sie hohe Stimmen, so dass Mechthild Grossman fast permanent nur am Säuseln ist. Die Momente, in denen sie ihre Stimme richtig klingen lassen kann, sind dünn gesät. Das Gesäusel jedoch kann mit der Zeit gehörig auf die Nerven gehen – mir ging es so. Ich musste das Hörbuch abbrechen.

Fazit:
Die Geschichte ist kein wirklicher Thriller, hat aber durchaus Spannungsmomente. Leider passt die Stimme von Mechthild Grossmann – so wunderbar sie ist – nicht zu den Figuren des Romans. Leider eine Enttäuschung auf mehreren Ebenen.

Zur Autorin und weiteren Mitwirkenden
Sie schreibt knallharte Thriller, unter die Haut gehende Krimis und gilt international als Meisterin der Spannung. Dabei hat die in San Diego aufgewachsene Tess Gerritsen gar nicht vorgehabt, Schriftstellerin zu werden. Nach einem Medizinstudium und anschließender Tätigkeit als Internistin in Honolulu, Hawaii, schien ihre Laufbahn festgelegt. Während ihres Mutterschaftsurlaubs schrieb sie dann eine Kurzgeschichte, die sofort prämiert wurde. Damit stellten sich die Weichen ihres Lebens neu. Ihre Karriere als Medizinerin hat sie mittlerweile an den Nagel gehängt und ist „Vollzeitautorin“. Privat liebt sie es eher friedlich: Nach ihren Hobbys befragt, nennt sie Gartenarbeit und Musik. Gerritsen lebt mit ihrem Mann und ihren Söhnen in Camden, Maine.

Mechthild Großmann drehte mit Fassbinder, arbeitete viele Jahre lang am Theater mit Pina Bausch und spielte in zahlreichen TV-Filmen. Seit 2002 begeistert sie mit ihrer unverkennbaren Stimme als Staatsanwältin im Münsteraner Tatort. Totenlied ist ihr achtes Tess-Gerritsen-Hörbuch für Random House Audio.

Angaben zum Buch:
MP3 CD
Verlag: Random House Audio; gekürzte Lesung (25. Juli 2016)
ISBN-Nr.: 978-3837135626
Preis: EUR 11.49 / CHF 23.90
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Rangliste der Gedichte

Wer kennt sie nicht, die Gedichte, die man in der Schule mühsam auswendig lernen musste, die Gedichte, die man in allen Gedichtbänden findet, die bei Hochzeiten, Trauerfeiern und auch zwischendurch zitiert werden. Das vorliegende Buch hat sie gesammelt und in die passende Reihenfolge gebracht. Entstanden ist eine Sammlung von 100 Gedichte aus fast 1000 Jahren, die am häufigsten in deutschen Anthologien zu finden sind.

Die Welt wird schöner mit jedem Tag,
Man weiss nicht, was noch werden mag,
Das Blühen will nicht enden.
Es blüht das fernste, tiefste Tal:
Nun armes Herz, vergiss die Qual!
Nun muss sich alles, alles wenden.

Wir starten bei Uhlands Frühlingsglauben, finden später 18 Das Abendlied von Claudius, Nietzsches Vereinsamt, Eichendorffs Abschied, Platens Tristan und schliessen schliesslich mit Trakls Winterabend.

IppenSommersRosenDes Sommers letzte Rosen bringt sicher nicht die neue Erkenntnis in Sachen Gedichten, man findet – vor allem als begeisterter Gedichte-Leser – keine Neuentdeckungen. Auch kann man sich fragen, ob es wirklich nötig ist, Ranglisten aus Gedichten anzulegen – so mutet es ein wenig an. Aber: Es ist ein sehr schön aufgemachtes Buch mit einem ansprechenden Deckblatt, das Layout ist schnörkellos und ganz auf die einzelnen Texte ausgerichtet – ein schönes Geschenk für einen guten Freund, die Mutter oder einen Einsteiger in die Welt der Lyrik.

Müsste man einen Kritikpunkt anbringen, so wäre es, dass die wirkliche Rangliste fehlt. Zwar kann man sich den Gedichten entlanglesen, aber wenn man schon eine Liste erstellt, wäre es schön, die einzelnen Plätze auf einen Blick erfassen zu können, ohne sie abzählen zu müssen.

Fazit:
Die 100 am häufigsten in Anthologien publizierten Gedichte in einem Band, sehr ansprechend gestaltet. Ein wunderbares Geschenk für Lyrik-Liebhaber und solche, die es werden wollen.

Zum Herausgeber
Dirk Ippen, Dr. jur., ist Zeitungsverleger und lebt in München.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: C.H.Beck (16. März 2017)
ISBN-Nr: 978-3406706301
Preis: EUR 14/ CHF 21.90
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…die Sie lesen sollten, bevor das Leben vorbei ist

Eine Zeitreise durch die Literatur

Die Lektüre von Romanen und Erzählungen ist und bleibt für viele Menschen das höchste Vergnügen. Mancher erinnert sich noch an das erste selbstgelesene Buch als einen wichtigen Meilenstein der persönlichen Entwicklung, und viele zählen das Lesen rückblickend zu den grössten Freuden ihrer Kindheit.

5165E1UEWjL._SX384_BO1,204,203,200_Das vorliegende Buch entält eine Zeitreise durch unsere Weltliteratur. 1001 Bücher, die man gelesen haben sollte, bevor man stirbt, will es beinhalten. Ausgewählt wurden diese 1001 Bücher von 157 Schriftstellern, Literaturwissenschaftlern und Journalisten aus der ganzen Welt. Wir lassen uns am Anfang unserer Reise durch die Literatur von Scheherezade aus 1001 Nacht verzaubern, der Weg führt weiter zu Jane Austens Romanen über heiratswillige junge Damen, sticht mit Moby Dick ins Meer, wendet sich nach einer Wegstrecke dem Bildnis des Dorian Gray zu, führt bei Max Frischs Stiller vorbei zu Jakob dem Lügner, um dann weiter zu gehen zum Parfum von Süskind, Henning Mankells Mörder ohne Gesicht und schliesslich bei Swetlana Alexejiewitschs Secondhand-Zeit zu enden.

Der Band enthält bekannte und eher unbekannte Werke. Viele, die man persönlich vielleicht gerne drin hätte, fehlen, von anderen, die sich drin finden, hört man zum ersten Mal. 1001 Bücher erhebt denn auch nicht den Anspruch der Vollständigkeit oder gar den, einen neuen Kanon auszubilden. Vorgestellt werden schlicht Bücher, welche 157 Menschen als lesenwert erachtet haben und welche diese andern Lesern ans Herz legen möchten, denn.

Jedes vorgestellte Buch wird mit den Lebensdaten seines Verfassers, seiner Entstehungszeit, seiner Erstveröffentlichung und Originaltitel vorgestellt, kurz zusammengefasst und teilweise auch in der Zeit oder einem anderen Kontext verortet. Bilder des Umschlags oder des Filmplakats bei verfilmten Büchern runden das Ganze ab. Ein Index nach Buchtiteln sowie nach Autoren hilft, gezielt nach Büchern zu suchen. Ein rundum gelungenes Buch.

Ein kleiner Kritikpunkt sei gestattet: Ein Projekt von so grossem Umfang ist wohl anfällig für Fehler – so finden sich denn auch vereinzelt welche hier. Stefan Zweigs Novelle Der Amokläufer wird schlicht als Amok betitelt – so heisst auf Deutsch die Sammlung, welche die Novelle beinhaltet. Dieser Fehler dürfte bei der Übersetzung passiert sein, da im Englischen die Novelle Amok heisst. Etwas grösser wiegt der Fehler, dass das Buch im Autorenverzeichnis Arnold Zweig statt Stefan Zweig zugeordnet ist. Das sind ärgerliche Fehler, die aber dem Vergnügen mit dem Buch keinen Abbruch tun. In einer nächsten Auflage könnte man diese leicht beseitigen.

Fazit:
Eine informative, kurzweilige, schön illustrierte Zeitreise durch die Weltliteratur. Absolute Leseempfehlung!

Der Herausgeber
Peter Boxall, der Hauptherausgeber, hat in Zusammenarbeit mit 157 (!) internationalen Rezensenten, das Mammutwerk federführend erstellt. Peter Boxall ist außerordentlicher Professor für englische Literatur an der University of Sussex (England). Er hat zahlreiche Studien zum Roman und zum Drama des 20. Jahrhunderts veröffentlicht, zuletzt erschien Don DeLillo: The Possibility of Fiction (2006).

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 960 Seiten
Verlag: Edition Olms (16. Februar 2017)
ISBN-Nr 978-3283012502
Preis: EUR 29.95 / CHF 41.90
Übersetzer: Maja Ueberle, Thomas Marti
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Lebenslügen und ewige Liebe

Inhalt

Eine Braut, die sich von der Kirche lautstark zankte, würde vom Pastor gewiss nicht freundlich empfangen werden. Vom Bräutigam ganz zu schweigen. Immerhin eine Möglichkeit, der Sache ein Ende zu bereiten.
[…]
Rasch drückte er ihre Hand. Aufmunterung und väterlicher Liebesbeweis zugleich, aber auch seine Art, ihr seine Zuversicht mitzuteilen.
Wenigstens einer, der überzeugt von meiner Wahl ist, sinnierte Katharina.

Katharina liebt Joachim, es ist die ganz grosse Liebe. Als dieser jedoch für zwei Jahre in den See sticht, um seine beruflichen Chancen für später besser zu machen, weiss Katharina, dass sie nicht zur Seefahrerfrau taugt, dass sie sich vor Sehnsucht verzehren wird. Ein Jahr nach Joachims Abfahrt tritt sie mit Olaf Borcherts, einem älteren, erfolgreichen Unternehmer, der sein Vermögen mit Strandkörben gemacht hat, vor den Traualtar. Er ist zwar nicht die grosse Liebe, verspricht aber ein sicheres Leben und Halt. Das muss sie sich bei aufkommenden Zweifeln selber immer wieder sagen.

Es war ein zweiter Abschied von Joachim. Diesmal noch endgültiger als der Brief, den sie ihm geschrieben und dem sie das wunderschöne Gesangbuchbeigelegt hatte. Tränen stiegen in ihr hoch.

Die Ehe erweist sich immer mehr als Gefängnis. Nicht nur trauert sie ihrer grossen Liebe Joachim nach, auch sonst stösst sie an Grenzen: Sie würde gerne selber als Geschäftsfrau etwas bewirken und nicht nur den Stoff für die Strandkörbe ihres Mannes aussuchen, doch das ist in der Zeit anfangs des 20. Jahrhunderts noch nicht gerne gesehen. Dass sie bei ihren Bestrebungen ausgerechnet auf Joachim zählen kann, macht die Situation nicht einfacher.

Beurteilung
JaryVillaVilla am Meer ist eine Familiensage, ein historischer Roman und die Geschichte des Strandkorbs in einem. Zwar soll der Roman ausdrücklich nicht als Sachbuch über den Strandkorb, sondern als fiktive Geschichte verstanden werden, trotzdem wirkt das hier geschilderte sehr authentisch.

Micaela Jary erzählt in einer eingängigen, leicht lesbaren, flüssigen Sprache die Geschichte einer Frau, die auf ihre grosse Liebe verzichtet, um ein Leben in gesicherten Bahnen zu führen. Es ist die Geschichte einer Frau, die alles daran gibt, trotz dieser schwierigen Voraussetzung glücklich zu sein mit ihrem Mann, die ihren Mann unterstützt, aber auch selber Ambitionen hat und damit aneckt.

Entstanden ist ein Roman, der durch einen stimmigen Plot, plastische Figuren und einen authentischen Schauplatz – der aufstrebende wilhelminische Urlaubsort Warnemünde an der deutschen Ostseeküste – besticht. Ein wunderbares Buch für den Sommerurlaub am Strand oder zu Hause im Liegestuhl.

Fazit:
Ein stimmiger Plot mit plastischen Figuren und einer flüssigen Sprache, ein Roman, der zugleich Familiensaga wie auch historischer Roman ist und die Geschichte einer Liebe, die überdauert, auch wenn sie nicht gelebt werden kann. Sehr empfehlenswert.

Zur Autorin:
Micaela Jary stammt aus Hamburg und wuchs im Tessin auf. Sie arbeitete lange als Journalistin, bevor sie sich ganz dem Schreiben von Romanen widmete. Nach einem langjährigen Aufenthalt in Paris lebt sie heute mit Mann und Hund in Berlin und München. Zum Schreiben taucht sie aber auch in einem Landhaus Nähe Rostock ab.

Angaben zum Buch:
Taschenbuch: 512 Seiten
Verlag: Goldmann Verlag (20. März 2017)
ISBN-Nr.: 978-3442485956
Preis: EUR 9.99; CHF 14.90
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Ein kleines bisschen Glück

…es ist mir egal, was die Leute denken. Viel zu lange habe ich darauf geachtet, mein ganzes Leben lang. Aber damit ist jetzt Schluss.

harufSeelenAddie Moore und Louis Waters leben im kleinen Städtchen Holt, nur wenige Häuser voneinander, trotzdem kennen sie sich nur oberflächlich. Beide sind allein, ihre Partner sind verstorben, die Kinder längst ausgezogen. Eines Tages klingelt Addie bei Louis und stellt ihm eine ungewöhnliche Frage: Ob er nicht ab und an für die Nacht zu ihr käme, damit sie einfach im Dunkeln nebeneinander liegen, reden und dann nicht allein einschlafen könnten. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Kent Haruf ist mit Unsere Seelen bei Nacht eine wunderbare Liebesgeschichte gelungen, die auf Kitsch und Romantik vollständig verzichtet und durch ihre stille Ehrlichkeit und Tiefe besticht. Die Geschichte zweier Menschen, die sich ihr Leben erzählen und all die Werte leben, die eine gute Beziehung ausmachen, geht zu Herzen. Erzählt wird die Geschichte im Aufsatzstil, in einer einfachen und eingängigen Sprache. Der Leser fühlt sich immer mittendrin, so unmittelbar und authentisch wird das Leben dieser beiden Menschen vermittelt.

Unsere Seelen bei Nacht ist die Geschichte einer späten Liebe, es ist aber auch eine Geschichte darüber, was Beziehungen ausmacht, eine Geschichte über die Fehler, die man in Beziehungen macht, eine Geschichte über das Leben. Der Mensch ist nie allein, er wird immer von anderen Menschen beeinflusst und in seinem Handeln geprägt oder gesteuert. Auch wenn sich Addie anfänglich vornimmt, nichts darauf zu geben, was andere denken, so muss sie doch lernen, dass das nicht ganz so leicht ist – irgendwann wird sie vor die Wahl gestellt und muss sich entscheiden.

Fazit:
Ein feinfühliges, tiefgründiges, leises, einnehmendes Buch über die Liebe, das Leben und darüber, was Menschen prägt und sie leitet. Sehr empfehlenswert.

Zum Autor
Kent Haruf
Kent Haruf (1943–2014) war ein amerikanischer Schriftsteller. Alle seine sechs Romane spielen in der fiktiven Kleinstadt Holt im US-Bundesstaat Colorado. Er wurde unter anderem mit dem Whiting Foundation Writers’ Award, dem Mountains & Plains Booksellers Award und dem Wallace Stegner Award ausgezeichnet. Unsere Seelen bei Nacht ist sein letzter Roman, den er kurz vor seinem Tod beendete.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 208 Seiten
Verlag: Diogenes Taschenbuch (22. März 2017)
Übersetzung: Pociao
ISBN: 978-3257069860
Preis: EUR 20/ CHF 29.90
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Dichtung und Wahrheit

Es war März 1924. Es war nicht Juni, aber es wr ein Tag wie im Juni. Es musste kurz nach zwölf Uhr mittags sein. Ein Fenster stand offen, und er ging unbekleidet durch das sonnendurchströmte Zimmer, sorglos, nackt; er wirkte wie ein Tier. Es war ja sein Zimmer.

SwiftFesttagJane, eine Waise, arbeitet als Dienstmädchen bei einer reichen Familie. Dass sie daneben eine Beziehung zu Paul hat, dem Sohn einer mit ihren Arbeitgebern befreundeten, ebenso wohlhabenden Familie, ist ihr Geheimnis. Sie wird es nie jemandem erzählen. Am 30. März 1924 wird sie das letzte Mal mit Paul zusammen sein, denn Paul heiratet bald standesgemäss. Es ist nochmals eine Chance, für eine kurze Zeit ein Glück zu geniessen, das nachher blosse Erinnerung ist. Danach wird alles anders sein. Wie sehr, ahnt sie mittags um 12 noch nicht, erst gegen Abend ist ihr klar: Es wird nie mehr sein, wie es mal war.

Graham Swift schreibt in einer wunderbar flüssigen, klaren, poetischen Sprache über die Geschichte der jungen Jane, die allein in der Welt, sich ihren Ort darin sucht. Jane ist belesen, tiefgründig. Sie hat ein Faible für Wörter, hinterfragt diese – was läge näher, als dass sie später Schriftstellerin wird? Mit 90 blickt Jane auf ihr Leben zurück und erzählt ihre Geschichte.

Ein Festtag ist ein Buch über die Gesellschaftsverhältnisse im England der 20er Jahre, ein Buch über Literatur, das Schreiben, Wörter. Es ist ein Buch über die Liebe und ein Buch über den Weg einer Frau, die sich ihren Weg von ganz unten nach ganz oben erarbeitet hat. Es ist ein Buch über Geheimnisse und Geschichten, ein Buch darüber, wo Dichtung anfängt und Wahrheit aufhört – und umgekehrt. Es ist ein wunderbares Buch!

Fazit:
Ein wunderbar berührendes, tiefgründiges, poetisches Buch über eine junge Waise, die als alte Schriftstellerin über ihr Leben erzählt. Absolute Leseempfehlung!

Zum Autor und zur Übersetzerin
Graham Swift, geboren 1949 in London, wo er auch heute lebt. Nach dem Studium in Cambridge arbeitete er zunächst als Lehrer. Seit seinem Roman ›Wasserland‹, der mit Jeremy Irons verfilmt wurde, zählt er zu den Stars der britischen Gegenwartsliteratur. ›Letzte Runde‹, wurde 1996 mit dem Man Booker-Prize ausgezeichnet und, hochkarätig besetzt, von Fred Schepisi verfilmt. Zuletzt erschien der hochgelobte Erzählungsband ›England und andere Stories‹. ›Ein Festtag‹, in siebzehn Sprachen übersetzt, wurde enthusiastisch als sein herausragendes Werk gefeiert und auf Anhieb ein internationaler Bestseller.
Susanne Höbel, geboren 1953, lebt in Südengland und arbeitet seit über zwanzig Jahren als Übersetzerin englischer und amerikanischer Literatur.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 144 Seiten
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (1. August 2004)
Übersetzer: Susanne Höbel
ISBN-Nr.: 3423281103
Preis: EUR 18 / CHF 26.90
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