#abcdeslesens – A wie Ilse Aichinger (1.11.1921 – 11.11.2016)

In einem Interview sagte Ilse Aichinger mal, dass die glücklichste Zeit ihres Lebens die im Krieg gewesen sei. Da hätte man immerhin gewusst, woran man sei, wer Freund und wer Feind sei. Zudem wäre es eine Zeit voller Hoffnung gewesen. Diese Worte aus dem Mund einer Kriegsüberlebenden, einer Frau, die als jüdisches Mädchen nur mit Glück den zweiten Weltkrieg überlebte, da einen grossen Teil der eigenen Familie verloren hat, machen nachdenklich.

Ilse Aichinger begann schon 1945 mit dem Schreiben gesellschafts- und politikkritischer Werke. 1951 wurde sie in die Gruppe 47 eingeladen, deren Preis sie bereits 1952 gewann. Gefragt, wieso sie schreibe, sagte sie einst:

„Ich schreibe, weil ich keine bessere Form des Schweigens finde.“

Sieht man Fotos von damals, lacht Ilse Aichinger immer. Man sieht eine schöne junge fröhliche Frau. Leise rührt sich die Frage, wo die oft tieftraurigen, verbitterten Aussagen ihren Anfang nahmen, die man in späteren Interviews von ihr hörte. Hat sie diese damals überspielt? Sind sie dem Leben geschuldet, welches ihr 1972 den Mann nahm, 1998 den Sohn? Oder wirkte die Kriegszeit zeitlebens nach? Worauf bezieht sie sich, wenn sie sagt:

„Man überlebt nicht alles, was man überlebt.“

Ihr grösster Erfolg war wohl der 1948 erschienene Roman «Die grösste Hoffnung», es folgten verschiedene Erzählungen auch Gedichtbände. Es fällt auf, dass ihre Sprache sich immer mehr verdichtet – in allen Formen. Das hatte seinen Grund auch darin, dass Ilse Aichinger Sprache immer mehr auch als Ausdrucksmittel unbrauchbar empfand, da diese zu sehr der Konvention, dem fraglosen Bezeichnen anheimfiel. Ihre Konsequenz war eine «Poetik des Schweigens», etwas, mit dem sie übrigens nicht alleine war, auch bei Paul Celan finden sich solche Ansätze.

Das folgende Gedicht spricht in meinen Augen von all dem:

Ortsanfang

Ich traue dem Frieden nicht,
den Nachbarn, den Rosenhecken,
dem geflüsterten Wort.
Ich hörte,
daß sie die Häute an die Schlinge legen,
daß sie die Bänke kippen vor dem Winter,
ihre Jauchzer flogen
zum Schlaf gerüstet
durch Schul- und Kirchenhäuser
auf und fort.
Wer erwartet noch die Vögel,
die bleiben,
den Rauch übers kurze Gras?
(aus Verschenkter Rat, 1978)

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#abcdeslesens ist eine Aktion, die ich auf Instagram durchführe. Ich lese mich anhand des Alphabets durch mein Bücherregal und stelle einzelne Autoren vor.

Franziska zu Reventlow (*18. Mai 1871)

Fanny_Gräfin_zu_ReventlowFranziska zu Reventlow wird am 18. Mai 1871 im Schloss Husum geboren. Fanny erfährt eine strenge Erziehung, teils durch die Familie, teils durch das Altenburger Magdalenenstift, ein Mädchenpensionat in Thüringen. Schon früh zeigt sich ihr rebellisches Wesen, welches nach nur einem Jahr in der Pension zu ihrem Rauswurf führt. Es folgt ein privates Lehrerinnenseminar, eine nicht wirklich typische Ausbildung für eine junge Adlige.

Mittlerweile in Lübeck wohnend schliesst sich Reventlow dem Ibsen-Club an, beschäftigt sich mit gesellschaftskritischer Literatur und Nietzsche. Eine entdeckte Liebschaft führt zu Fannys Verbannung aufs Land, die Familie ist darauf bedacht, den guten Ruf der ungezügelten Tochter zu wahren, was diese nicht so einfach geschehen lässt und aus ihrem Exil flieht. Diese Geschichte führt zu einem lange währenden Zerwürfnis der Familie.

Fanny lernt den Hamburger Gerichtsassessor Walter Lübke kennen und heiratet ihn. Er finanziert ihr den Aufenthalt an einer Malschule, allerdings zeigt Fanny wenig Dankbarkeit, sondern flieht aus dem bürgerlichen Eheleben in die Freiheit, welche arm und von Krankheiten und Fehlgeburten betroffen ist. Sie hat nur noch verächtliche Worte für die strukturierten Lebensentwürfe der bürgerlichen und höheren Gesellschaft.

Es ist jetzt kein Zweifel mehr. Ich bin froh und ruhig. So elend, dass ich kaum durchs Zimmer gehen kann. Und denke nichts andres mehr. Ein Kind. Ein Kind. Mein Gott.

Sohn Rolf wird geboren, der Vater spielt keine Rolle, wird namentlich nicht mal genannt. Das finanzielle Überleben sichert sich Fanny zu Reventlow mit Übersetzungsarbeiten und kleinen Texten für Zeitschriften und Tageszeitungen sowie einem – wenn auch eher kurzen – Engagement am Theater am Gärtnerplatz. Auch Jobs wie Prostituierte, Köchin, Sekretärin finden sich in ihrem Lebenslauf. Übernamen wie „heidnische Madonna“ oder „Wiedergeburt der antiken Hetäre“ zeugen von einem bewegten Leben, welches Fanny literarisch teilweise mit viel Selbstironie verarbeitet.

Franziska zu Reventlow wohnt in München in Schwabing, nennt den Stadtteil selber Wahnmoching, was sowohl zu ihr selber wie auch zur Szene, in der sie sich bewegt, passt.

[…] eine geistige Bewegung, ein Niveau, eine Richtung, ein Protest, ein neuer Kult oder vielmehr der Versuch, aus uralten Kulturen wieder neue religiöse Möglichkeiten zu gewinnen. (Aus: Herrn Dames Aufzeichnungen)

Die grosse Wahnmochinger Bewegung hat sich schon überlebt – noch ehe sie eigentlich das Licht der Welt erblickt hat. (ebd.)

Zahlreiche Exponenten der Münchner Künstlerszene säumen ihren Weg: Rainer Maria Rilke, Marianne von Werefkin, Erich Mühsam, Frank Wedekind, Theodor Lessing – um nur einige zu nennen. Fanny unternimmt Reisen in den Süden, zieht 1910 ins Tessin nach Ascona, schreibt da ihre Schwabinger Romane, geht eine Scheinehe ein und zieht schliesslich nach Muralto, wo sie am 26. Juli 1918 an den Folgen eines Fahrradsturzes stirbt.

Fanny zu Reventlow wird nur 47 Jahre alt, allerdings darf man mit Fug und Recht behaupten, dass sie in diese 47 Jahre wohl mehr Leben packte als so mancher in die doppelte Zeit. Allerdings wäre es verfehlt zu denken, man hätte es hier mit einer lebenslustigen, leichtsinnigen und leichtfertigen Frau zu tun. Fanny zu Reventlow ist eine Suchende, sie verzweifelt ab und an beinahe am Leben, fällt in dunkle Löcher, aus denen sie sich nur mühsam wieder herausarbeitet. Sie leidet an sich und der Welt, sehnt sich nach Liebe und Glück und findet es nicht. Wenn sie es doch findet, hält es nur kurzfristig, als ob sie es nicht länger ertrüge – Ein Hin und Her zwischen Freiheitsdrang und Liebesglück.

Wie bin ich einsam und wie bin ich glücklich.

 

Werk und Wirkung

Der grosse Ruhm blieb Fanny zu Reventlow versagt, trotzdem werden ihre Romane bis heute (zu Recht) verlegt und gelesen. Ihr Schreiben ist ein Abbild der damaligen Zeit, mit Humor und klarem Blick zeichnet sie ein Bild der Schwabinger Bohème. Ihre Übersetzungsarbeiten haben ihren eigenen Schreibstil sicher massgeblich geprägt, welcher sich durch einen Plauderton auszeichnet. Reventlows Texte sind gesellschaftskritisch, durchleuchten die Geschlechterrollen und –bilder und offenbaren immer wieder einen Blick hinter die Fassade, in ihr eigenes Leben und Denken, das so bewegt und vielschichtig war wie es ganze Bibliotheken nicht bunter beschreiben könnten.

 

Ausgewählte Werke

  • Was Frauen ziemt (Essay, 1899)
  • Erziehung und Sittlichkeit (Essay, 1900)
  • Ellen Olestjerne (Roman, 1903)
  • Von Paul zu Pedro (Amouresken, 1912)
  • Herrn Dames Aufzeichnungen oder Begebenheiten aus deinem merkwürdigen Stadtteil (Roman, 1913)

 

Arthur Schnitzler (*15. Mai 1862)

Das Leben
Arhur Schnitzler kommt am 15. Mai 1862 als Kind von Johann Schnitzler, Arzt, und dessen Frau Louise in Wien zur Welt. Er besucht ebenda das Gymnasium, nach dessen Abschluss er an der Universität Wien Medizin studiert. Schon früh beginnt er, literarische Texte – Prosa und Lyrik – zu verfassen. Seine erste Veröffentlichung ist das Liebeslied der Ballerine, welches 1880 in der Zeitschrift Der freie Landbote erschienen ist. Auf dieses sollen weitere folgen. Im selben Jahr schreibt er in sein Tagebuch:

Somit hab ich bis auf den heutigen Tag zu Ende geschrieben 23, begonnen 13 Dramen, soweit ich mich erinnere.[1]

Schon ein Jahr vorher hatte er notiert:

Ich fühl’ es schon, die Wissenschaft wird mir nie das werden, was mir die Kunst schon jetzt ist.[2]

Arthur_Schnitzler_1912_(cropped)Trotzdem hält er am Studium fest und die Medizin bleibt lange seine Haupttätigkeit. Nach einer Assistenzstelle im Allgemeinen Krankhaus der Stadt Wien wird er Assistent seines Vaters, publiziert in der Zeit mehrheitlich Fachartikel. Daneben pflegt er aber Freundschaften zu den Schriftstellern seiner Zeit, darunter Hermann Bahr, Hugo von Hofmannsthal und weitere der literarischen Wiener Moderne.

Als Schnitzlers Vater stirbt, tritt er aus dem Krankenhaus aus und eröffnete eine eigene Praxis. Seine Schriftstellerei nimmt immer mehr Raum in seinem Leben ein. Arthur Schnitzler ist kein Kind von Traurigkeit. Liebschaften aller Art zu Frauen aus verschiedenen Kreisen säumen seinen Weg und inspirieren sein Schreiben. Am 9. August 1902 kommt Arthur Schnitzlers Sohn Heinrich zur Welt, ein gutes Jahr später heiratete er dessen Mutter, die Schauspielerin Olga Gussmann. Sechs Jahre darauf wird die gemeinsame Tochter Lili geboren. Die Ehe kriselt, 1921 kommt es zur Scheidung.

Literarisch feiert Schnitzler Erfolge, ist einer der meistgespielten Dramatiker im deutschen Sprachraum, was sich allerdings mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs ändert. Während Schnitzler seinen Themen treu bleibt, wollen die Menschen mehr davon sehen und lesen, was sie aktuell beschäftigt: Vom Krieg. 1921 kam es zu einem Skandal anlässlich der Uraufführung des Bühnenstücks Reigen. Schnitzler musste sich in einem Prozess gegen den Vorwurf der Erregung öffentlichen Ärgernisses wehren. In der Folge zieht er sich mehr und mehr aus der Öffentlichkeit zurück.

1928 nimmt sich Schnitzlers Tochter das Leben, einige Stimmen machen den Vater dafür verantwortlich. Für Arthur Schnitzler ist der Verlust ein harter Schlag, er nennt den Todestag in einem Tagebuch auch das Ende seines Lebens.

Arthur Schnitzler leidet neben zunehmender Schwerhörigkeit viele Jahre unter Tinnitus, was ihn Situationen meiden lässt, in welchen verschiedene Geräusche auf ihn zukommen – soziale Kontakte sind so teilweise schwer wahrzunehmen. Seine letzten Lebensjahre widmet Schnitzler hauptsächlich dem Schreiben von Erzählungen. Er stirbt am 21. Oktober 1931 an einer Hirnblutung.

Sein Schreiben
Arthur Schnitzlers Werk besticht dadurch, die Innensichten seiner Figuren aufs genauste zu durchleuchten. Anhand von Einzelbeispielen zeichnet er ein Bild der damaligen Wiener Gesellschaft. Protagonisten seiner Werke sind die typischen Originale Wiens: Offiziere, Ärzte, Künstler – meist von leichtem Charakter und gegen alle Normen und Regeln verstossend. Thematisiert werden so immer auch die Auswirkungen solchen Handelns auf sozial Schwächere, vor allem Frauen. Während diese in seinen frühen Werken blosse Opfer bleiben, fangen sie in den späten an, ihr Leben in die Hand zu nehmen und sich so aus der männlich dominierten Welt zu befreien.

Bezeichnend für Schnitzlers Werk sind auch autobiographische Verweise, da der Autor alles, was er schreibt, durch eigene Erfahrungen untermauert haben will. Sein Blick auf das Verhalten paarungswilliger Menschen mit all ihren Irrungen und Wirrungen nimmt einen zentralen Stellenwert in seinem Schreiben ein. Immer beleuchtet er dabei die Doppelmoral der Gesellschaft, welche nach vorne moralische Ansprüche predigt und im Geheimen diese selber mit Füssen tritt. Seine gesellschaftliche Analyse entspringt seiner subjektiven Einschätzung. Dass er mit seinen literarischen Innensichten durchaus ins Schwarze trifft, attestiert ihm Sigmund Freud einmal in einem Brief:

„Ich meine, ich habe Sie gemieden aus einer Art von Doppelgängerscheu… Ihr Determinismus wie Ihre Skepsis – was die Leute Pessimismus heissen -, Ihr Ergriffensein von den Wahrheiten des Unbewussten, von der Triebnatur des Menschen, Ihre Zersetzung der kulturell-konventionellen Sicherheiten, das Haften Ihrer Gedanken an der Polarität von Lieben und Sterben, das alles berührt mich mit einer unheimlichen Vertrautheit. […] So habe ich den Eindruck gewonnen, dass Sie durch Intuition – eigentlich aber infolge feiner Selbstwahrnehmung – all das wissen, was ich in mühsamer Arbeit an anderen Menschen aufgedeckt habe.“[3]

Für seine Darstellung der inneren Abläufe und psychischen Dispositionen entwickelt Arthur Schnitzler (zum Beispiel in seiner Novelle Leutnant Gustl, das Werk, das ihn wegen seiner kritischen Haltung den Offiziersrang im Militär kostet) mit dem inneren Monolog eine neue Ausdrucksform in der deutschen Literatur.

Für Arthur Schnitzler stehen stets die Auseinandersetzung mit seiner Zeit und sein Werk im Zentrum – beides bedingt sich gegenseitig. Heinrich Mann schreibt Schnitzler zu Ehren:

Kampf allein tut es nicht, was bleibt denn von den Kämpfen. Fortzuleben verdienen die schönen Werke und fordern, dass ihrer gebrechlichen, bedrohten Ursprünge gedacht wird. Ich ehre Sie, lieber Arthur Schnitzler.[4]

Ausgewählte Werke

  • Dramen:
    • Anatol (1893)
    • Reigen (1903)
    • Das weite Land (1910)
    • Professor Bernardi (1912)
  • Romane
    • Der Weg ins Freie (1907)
    • Chronik eines Frauenlebens (1928)
  • Erzählungen und Novellen

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[1] Tagebuch, 25. Mai 1880
[2] Tagebuch, 27. Oktober 1879
[3] Hartmut Scheible, Arthur Schnitzler, S. 124
[4] Heinrich Mann: Ein Zeitalter wird besichtigt, S. 234

Max Frisch (*15. Mai 1911)

Max Frisch wird am 15. Mai 1911 in Zürich geboren, wo er die Schule besucht und studiert. Germanistik soll es sein, will Max Frisch doch Schriftsteller werden. Schon bald merkt er, dass ihm dazu das Studium herzlich wenig bringt. 1931 erscheint sein erster Artikel in der NZZ, nach dem Tod des Vaters weitet Max Frisch seine Tätigkeit im Journalismus aus, um zum Unterhalt der Mutter beizutragen. Daneben entsteht sein erster Essay mit dem Titel Was bin ich?, der bereits die Grundthemen späterer Werke in sich trägt. Noch immer belegt er vereinzelte Kurse an der Uni, schreibt für verschiedene Zeitungen und daneben Arbeiten, die sich allesamt um ein Thema drehen: Max Frisch und wer er sei.

1933 unternimmt Frisch eine Reise gegen Osten, Prag, Budapest, Belgrad und viele weitere Orte stehen auf dem Plan. Er verwirklicht damit einen von seiner Mutter lange gehegten Traum. Zu der Zeit entsteht Frischs Roman Jürg Reinhart, welcher sinnigerweise von einem Balkanreisenden handelt. Noch immer dreht sich also Frischs Denken und Schreiben um die eigene Person.

Politik ist für Frisch kein Thema, seine Haltung Deutschland und dem Nationalsozialismus gegenüber ist fast schon merkwürdig unbeteiligt. Dies ist wohl aber seiner Arbeit als Schriftsteller dienlich, kann er seine ersten Romane so problemlos bei der Deutschen Verlags-Anstalt veröffentlichen.

1937 erscheint Max Frischs zweiter Roman Antwort aus der Stille. Frisch selber äussert sich später vernichtend über das Werk, die übrigen kritischen Stimmen weisen eine grosse Bandbreite auf. Sicher ist es kein Meisterwerk, vereint aber auch wieder die für Frisch so typischen Themen der Selbstfindung und des Schwankens zwischen Bürgertum und Künstlertum. Max bezieht Stellung und entscheidet sich im Roman wie im Leben für das Bürgertum. Er verbrennt alle bisherigen Schriften und wendet sich einer solideren Materie als dem Schreiben zu: Der Architektur.

Die Würde des Menschen besteht in der Wahl.

Der Entschluss, das Schreiben zu beenden, hält nicht lange, schon 1938 gewinnt Frisch den Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis. Es folgt Militärzeit, die er verschriftlicht und unter dem Titel Aus dem Tagebuch eines Soldaten veröffentlicht. Das Architekturstudium gedeiht, durch eine Anstellung kann Frisch endlich aus der gemeinsamen Wohnung mit der Mutter ausziehen, lernt eine Frau (Gertrude Anna Constanze von Meyenburg) kennen, die er am 30. Juli 1942 heiratet.

1943 gewinnt Frisch einen Architekturwettberb für den Bau des Letzibads in Zürich. Wirklich viel baut er trotzdem nicht, die Schriftstellerein nimmt noch immer einen grossen Platz in seinem Leben ein. Es entstehen in der folgenden Zeit diverse Arbeiten, darunter literarische Tagebücher.

1954 schreibt er seinen Roman Stiller. Frisch nimmt das Thema der Unvereinbarkeit von Kunst und bürgerlichem Leben wieder auf, bezieht nun Stellung für die Kunst und übernimmt diese Haltung ins Leben, indem er sich von seiner Familie trennt. Nicht dass er vorher ein Kind der Traurigkeit gewesen wäre, einige Liebschaften säumen seinen Weg. 1955 schliesst er auch sein Architekturbüro, um fortan als freier Schriftsteller zu leben. Im selben Jahr beginnen die Arbeiten zu Homo Faber.

Die Frau ist ein Mensch, bevor man sie liebt, manchmal auch nachher; sobald man sie liebt, ist sie ein Wunder.

1958 folgt dann das wohl prägendste Erlebnis in Max Frischs Leben: Er lernt Ingeborg Bachmann kennen. Die beiden gehen eine Beziehung ein, in welcher Eifersucht, ein ausgeprägtes Nähe-Distanzproblemen, ausserdem die Problematik von zwei durch und durch gegensätzlichen Menschen unter einem Dach sowie grosse Liebe miteinander kämpfen. Die beiden Schriftsteller ziehen nach Rom, danach nach Zürich, wo die Beziehung zerbricht. Frisch wandelt weiter zu Marianne Oeller, Bachmann kann er aber zeitlebens nicht vergessen, sie spukt weiter durch seine Romane und damit wohl offensichtlich auch in seinem Kopf.

Marianne Oeller und Frisch heiraten, was Frisch nicht davon abhält, weiter über den Zaun zu grasen, Affären zu pflegen. Auch Marianne geht eine nebeneheliche Beziehung ein, welche Max Frisch in seinem Roman Montauk thematisiert. Diese Vermischung von Privatem und Öffentlichem führt zum Zerwürfnis zwischen den Eheleuten, die Scheidung folgt 1979.

Die Zeit verwandelt uns nicht. Sie entfaltet uns nur.

Frisch wird nicht jünger, gesundheitliche Probleme kommen und das Thema Alter zieht in Frischs Werk ein. Nach Abstechern nach New York und teilweisem Leben im Tessin zieht Max Frisch zurück nach Zürich, wo er am 4. April 1991 stirbt.

Das klare Todesbewußtsein von früh an trägt zur Lebensfreude, zur Lebensintensität bei. Nur durch das Todesbewußtsein erfahren wir das Leben als Wunder.

Max Frischs Schreiben

Max Frischs Schreiben dreht sich vor allem in den Anfängen um Max Frisch. Zu den frühen Veröffentlichungen gehören denn auch Tagebücher. Im Tagebuchstil findet er eine Art der Schilderung, welche Fakten und Fiktion vereint. In den ersten Tagebüchern finden sich Vorlagen für seine späteren Romane, die sich auch stilistisch noch immer am Tagebuchstil orientieren.  Max Frisch sieht sich dieser Schreibform ausgeliefert, denkt, keine Wahl zu haben, da nur diese Form ihm zugänglich sei. Dies mag sicher zu einem gewissen Teil so sein, kann vielleicht mit seinem nach wie vor sehr um sich selber kreisenden Denken und Sein zu tun haben.

Frisch feiert grosse Erfolge mit Theaterstücken, veröffentlicht daneben aber hauptsächlich Prosawerke, Romane, Erzählungen und Tagebücher. Zentrale Themen sind immer wieder die Künstler-Bürger-Thematik, die Identitätsfindung des Menschen und das Verhältnis zwischen den Geschlechtern. Wenn bei einem Autor das Diktum Goethes, dass alles Schreiben autobiographisch sei, zutrifft, dann sicher bei Max Frisch.

Ausgewählte Werke

  • Jürg Reinhart (1934)
  • Antwort aus der Stille (1937)
  • Tagebuch mit Marion (1947)
  • Tagebuch 1946 – 1949 (1950)
  • Graf Öderland (1971)
  • Stiller (1954)
  • Homo Faber (1957)
  • Mein Name sei Gantenbein (1964)
  • Tagebuch 1966 – 1971 (1972)
  • Montauk (1975)
  • Triptychon (1978)
  • Der Mensch erscheint im Holozän (1979)

Rose Ausländer (11. Mai 1901 – 3. Januar 1988)

Rose Ausländer wurde als Rosalie Beatrice Scherzer am 11. Mai 1901 in Czernowitz, Österreich-Ungarn in einen liberal-jüdischen und kaisertreuen Haushalt geboren. Zwar hatte man sich vom streng orthodoxen Ostjudentum distanziert, trotzdem waren die wichtigen jüdischen Traditionen wichtig und wurden gelebt.

Czernowitz war eine Mischung aus verschiedenen Völkern und damit auch Sprachen, 60 Prozent der Bevölkerung waren Juden, die Umgangssprache war Deutsch. Deutsch wurde als Kultursprache und als Sprache des Aufstiegs angesehen. Paul Celan sprach von Czernowitz in einer Rede von einer «Gegend, in der Menschen und Bücher lebten». Literatur und Kultur genossen einen hohen Stellenwert in Czernowitz.  

«Bukowina II

Landschaft die mich
erfand

Wasserarmig
Waldhaarig
die Heidelbeerhügel
honigschwarz

Viersprachig verbrüderte
Lieder
in entzweiter Zeit

Ausgelöst
strömen die Jahre
ans verflossene Ufer»

1916 musste die Familie nach Budhapest fliehen, weil Czernowitz von den Russen besetzt wurde. Von da ging es 1919 weiter nach Wien und 1920 zurück nach Czernowitz. Rose Ausländer arbeitete in einer Rechtsanwaltskanzle und studierte nebenher als Gasthörerin Literatur und Philosophie. Sie beendete das Studium nie.

1921 wanderte Rose mit ihrem Studienfreund Ignaz Ausländer in die USA aus, den sie 1923 heiratete und von dem sie sich bereits 1926 wieder trennte (1930 erfolgte die Scheidung). Im gleichen Jahr erhielt sie die amerikanische Staatsbürgerschaft. 1927 erschienen ihre ersten Gedichte im Amerika-Herold-Kalender, im gleichen Jahr kehrte sie in die Bukowina zurück, um ihre kranke Mutter zu pflegen. Dort lernte sie den Kulturjournalisten Helios Hecht kennen, mit dem sie 1928 nach New York reiste. Es erschienen weitere Gedichte von ihr.

«Warum schreibe ich?

Vielleicht, weil ich in
Czernowitz zur Welt kam,
weil die Welt in
Czernowitz zu mir kam.
Jene besondere Landschaft.
Die besonderen Menschen.
Märchen und Mythen
Lagen in der Luft,
man atmete sie ein.»

1931 kehrten Ausländer und Hecht zurück nach Czernowitz, es folgten weitere Gedicht- und Aufsatzveröffentlichungen in Zeitungen und Anthologien, daneben arbeitete sie als Englischlehrerin und Lebensberaterin in einer Zeitung. 1934 wurde ihr die amerikanische Staatsbürgerschaft aberkannt, da sie dem Land zu lange ferngeblieben war. 1935 kam es auch zur Trennung  von Hecht.

1939 erschien Rose Ausländers erster Gedihtband «Der Regenvorgen», welcher beim Publikum trotz guter Kritiken nicht ankam. Nach einem kurzen Aufenthalt in New York pflegte sie in Czernowitz ihre kranke Mutter, als 1940 sowietische Truppen einfielen. Ausländer wurde verhaftet, kam nach vier Monaten wieder frei. 1941 besetzten mit Deutschland verbündete rumänische Truppen die Stadt. Ausländer kam ins Ghetto der Stadt, wo sie Paul Celan kennenlernte. In einem Kellerversteck überlebte sie, weil sie der Deportation entgehen konnte. Die Erkenntnis, dass all die Verbrechen damaliger Zeit von Menschen begangen wurden, setzt Rose Ausländer zu. Sie verarbeitete diesen Schrecken in Gedichten:

Noch ist das Lied nicht aus

Noch ist das Lied nicht aus, noch lebt im Leid
der immerdar Verfolgte und Beraubte.
Er weiss: sein Schicksal ist dem Tod geweiht,
und immer schwebt ein Schwert ob seinem Haupte.

Sie sagten einst, sein Gott sei nicht so gut
wie ihrer, so musste er es büssen.
Fest liegt die Schuld in seinem bösen Blut,
und sie zertraten es mit ihren Füssen…

1944 befreite die Rote Armee schliesslich die wenigen überlebenden Juden, so dass Ausländer über Rumänien nach New York auswandern konnte, wo sie als Fremdsprachenkorrespondentin arbeitete und Gedichte schrieb – ausschliesslich auf Englisch.

1957 traf sie in Paris auf Celan. 1964 zog sie nach Wien, 1965 nach Düsseldorf. Als verfolgte des NS-Regimes bezog sie eine Rente, der ihr das finanzielle Überleben sicherte, so dass sie sich ihren Gedichten widmen konnte. 1965 erschien ihr zweiter Gedichtband «Blinder Sommer», welcher beim Publikum ankam und ihr endlich zum literarischen Durchbruch verhalf.

Als ich
aus der
Kindheit floh
erstickte
mein Glück
in der Fremde

Als ich
im Ghetto
erstarrte
erfror
mein Herz
im Kellerversteck

Ich Überlebende
des Grauens
schreibe aus Worten
Leben

In den folgenden Jahren reiste Rose Ausländer viel in Europa, auch nochmals kurz nach USA, uns trat 1972 ins Nelly-Sachs-Haus, ein jüdisches Altenheim in Düsseldorf. Ein Unfall 1977 führte bei ihr zum Entschluss, das Zimmer nicht mehr zu verlassen, so dass sie die restlichen 11 Jahre, die ihr noch blieben, nur noch Gedichte schrieb und veröffentlichte. Ihr lyrisches Werk schliesst sie mit folgenden Worten ab:

«Gib auf

Der Traum
lebt
mein Leben
zu Ende»

Rose Ausländer starb am 3. Januar 1988 und liegt auf dem jüdischen Friedhof in Düsseldorf.

Christian Morgenstern (6. Mai 1871)

Christian Otto Josef Wolfgang Morgenstern wird am 6. Mai 1871 in München in eine Malerfamilie geboren. Als Christian Morgensterns Mutter 1881 an Tuberkulose stirbt, wird Christian nach Hamburg zu seinem Paten geschickt, kehrt ein Jahr später zurück nach München und geht ab da ins Internat in Landshut, wo er züchtigenden Körperstrafen der Lehrer und Mobbing der Mitschüler ausgesetzt ist. Als sein Vater, mittlerweile neu verheiratet, nach Breslau an die Königliche Kunstschule berufen wird, zieht die ganze Familie um, Christian besucht da das Gymnasium. In diese Zeit fallen auch seine ersten Schreibversuche, das Trauerspiele Alexander von Bulgarien, die Mineralbeschreibung Mineralogia popularis (beide Texte sind nicht erhalten) und der Entwurf für eine Faustdichtung entstehen.

Ab dem Herbst 1889 besucht Christian Morgenstern die Militär-Vorbildungsschule, verlässt diese aber schon nach einem Jahr und kehrt aufs Gymnasium zurück. Es folgt das Studium der Nationalökonomie, währenddessen Morgenstern zusammen mit Freunden die Zeitschrift Deutscher Geist gründet, die unter dem Motto steht „Der kommt oft am weitesten, der nicht weiss, wohin er geht“ (Das Zitat wird Oliver Cromwell zugeschrieben).

Die Tuberkulose, Morgenstern hat sich offenbar als Kind bei seiner Mutter angesteckt, macht ihm mehr und mehr zu schaffen, so dass er zur Kur nach Bad Reinerz geht. Wieder zurück, kann er das Studium immer noch nicht fortsetzen, das Angebot von Freunden, eine weitere Kur in Davos zu bezahlen, wird von seinem mittlerweile von seiner zweiten Frau getrennten Vater abgelehnt, ebenso weitere Hilfsangebote. Das führt wohl auch zum Bruch mit demselben. Da Morgenstern das Studium nicht mehr aufnehmen kann, entscheidet er, fortan als Schriftsteller zu leben.

Im April 1894 zieht Christian Morgenstern nach Berlin, wo er dank des auf Versöhnung hoffenden Vaters eine Anstellung in der Nationalgalerie findet. Daneben schreibt er für verschiedene  Medien und befasst sich mit Friedrich Nietzsche und Paul de Lagarde. Im Frühling 1895 erscheint Morgensterns erster Gedichtzyklus In Phanta’s Schloss. Es folgen Reisen in den Norden und Auftragsübersetzungen, 1900 eine erneute Kur und weitere Reisen, dieses Mal im Süden Europas. Ab 1903 arbeitet Morgenstern als Lektor im Verlag von Bruno Cassirer, versucht immer wieder, in Kuren seine Gesundheit zu verbessern, was nicht den erwünschten Erfolg bringt, beschäftigt sich ausgiebig beruflich wie privat mit Literatur und Philosophie, darunter Dostojewski, Tolstoi, Hegel, Spinoza, Fichte und viele andere.

Bei einer Kur 1908 lernt Christian Morgenstern Margareta Gosebruch von Liechtenstern kennen. Im Jahr 1909 kommt er in Kontakt mit Rudolf Steiners Ideologie, es entsteht eine enge Freundschaft und Morgenstern reist zu dessen Vorträgen, schliesst sich der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft an. Nach einer schweren Bronchitis, bei der schon der bevorstehende Tod diagnostiziert wird, der glücklicherweise nicht eintritt, heiraten Christian und Margarete im Jahr 1910. Es folgen weitere Reisen, teils für Vortragsbesuche, teils des Reisens und Schreibens wegen. 1911 ein erneuter Krankheitseinbruch, von dem er sich wieder erholt und 1912 mit einer Spende der Deutschen Schillerstiftung weiter reist, kurt und schreibt.

Christian Morgenstern stirbt am 31. März 1914 in Meran.

 

Werk und Wirkung

Dem breiten Publikum ist mehrheitlich Morgensterns humoristische Dichtung, allen voran dessen Galgenlieder, bekannt. Die Galgenlieder waren eigentlich nicht zur Veröffentlichung bestimmt, hatten aber bei einer Lesung so grossen Erfolg, dass sich Morgenstern umentschloss – zum Glück, wie man sagen möchte. Zur Einleitung seiner 15. Auflage 1913 schreibt Morgenstern:

In jedem Menschen ist ein Kind verborgen, das heisst Bildnertrieb und will als liebstes Spiel- und Ernst-Zeug nicht das bis auf den letzten Rest nachgearbeitete Miniatür-Schiff, sondern die Walnussschale mit der Vogelfeder als Segelmast und dem Kieselstein als Kapitän. Das will auch in der Kunst mit-spielen, mit-schaffen dürfen und nicht so sehr bloss bewundernder Zuschauer sein. Denn dieses ‚Kind im Menschen’ ist der unsterbliche Schöpfer in ihm…

In diesen lyrischen Grotesken zeigt Morgenstern sein Können an liebenswürdigem, scharfsinnigem Sprachwitz

‚Der Werwolf’ sprach der gute Mann,
‚des Weswolfs, Genitiv sodann,
Dem Wemwolf, Dativ wie mans nennt,
den Wenwolf, – damit hats ein End.’

sowie an Beobachtungsgabe und bildhafter Umsetzung in knappe und prägnante Wortspielereien.

Man sieht vom Galgen die Welt anders an und man sieht andre Dinge als Andre. (Wie die Galgenlieder entstanden)

Dabei versteckt sich in diesen Spielereien keineswegs nur Nonsens, wie es auf den ersten Blick den Anschein haben mag, sondern auch ein tiefes Misstrauen gegen die Sprache, die Morgenstern als willkürlich empfindet:

Blitzartig erhellt sich dir die völlige Willkür der Sprache, in welcher unsere Welt begriffen liegt, und somit die Willkür dieses unseres Weltbegriffs überhaupt.

Zu guter Letzt lassen wir Morgenstern noch selber sprechen:

Wer denn?
Ich gehe tausend Jahre
um einen kleinen Teich,
und jedes meiner Haare
bleibt seinem Wesen gleich,

 
im Wesen wie im Guten,
das ist doch alles eins;
so mag uns Gott behuten
in dieser Welt des Scheins!

 

 

Das Mondschaf
Das Mondschaf sagt sich selbst gut Nacht,
d. h., es wurde überdacht
von seinem eigenen Denker:
Der übergibt dies alles sich
mit einem kurzen Federstrich
als seinem eigenen Henker.

 

Werke

Zu Lebzeiten Morgensterns erschienen

  • In Phanta’s Schloß. Ein Cyklus humoristischer-phantastischer Dichtungen. Taendler, Berlin 1895
  • Auf vielen Wegen. Gedichte. Schuster & Loeffler, Berlin 1897
  • Horatius Travestitus. Ein Studentenscherz. Schuster & Loeffler, Berlin 1897
  • Ich und die Welt. Gedichte. Schuster & Loeffler, Berlin 1898
  • Ein Sommer. Verse. S. Fischer, Berlin 1900
  • Und aber ründet sich ein Kranz. S. Fischer, Berlin 1902
  • Galgenlieder (mit Umschlagzeichnung von Karl Walser). Bruno Cassirer, Berlin 1905
  • Melancholie. Neue Gedichte. Bruno Cassirer, Berlin 1906
  • Osterbuch (Einbandtitel: ‚Hasenbuch‘). Kinderverse mit 16 Bildtafeln v. K. F. Edmund von Freyhold. Bruno Cassirer, Berlin 1908; Neuauflagen: Inselbuch 1960 und Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 1978 ISBN 3-937801-16-2
  • Palmström (mit Umschlagzeichnung von Karl Walser). Bruno Cassirer, Berlin 1910
  • Einkehr. Gedichte. Piper, München 1910
  • Ich und Du. Sonette, Ritornelle, Lieder. Piper, München 1911
  • Wir fanden einen Pfad. Neue Gedichte. Piper, München 1914

 

Es erschien eine Vielzahl von Werken in erweiterter oder veränderter Ausgabe postum, mehrheitlich herausgegeben durch Margareta Morgenstern.

Katja Kulin: Nachgefragt

Katja Kulin

Katja Kulin wurde in Bochum-Wattenscheid ­geboren und lebt seit Mitte 2018 in einem kleinen Dorf in der Voreifel. Das Schreiben war schon als Kind präsent in ihrem Leben, als sie die alte Schreibmaschine ihrer Mutter in beschlag nahm und in die Tasten hämmerte. Nach der Schule studierte sie Germanistik und Erziehungswissenschaften, begann später erst ernsthaft in eigner Sache, fern der Universität zu schreiben. 2015 erschien ihr erster biografischer Roman bei Herder, 2016 dann ihr Romandebüt bei Ullstein. Neben dem Schreiben von Romanen, Romanbiografien und Sachbüchern ist sie als Lektorin/Korrektorin tätig.

Ihr aktuelles Buch: Der andere Mann. Die große Liebe der Simone de Bauvoir.

Wer bist du? Wie würdest du deine Biografie erzählen?

Als sogenanntes „Arbeiterkind“ bin ich eher bildungsfern aufgewachsen, aber mir wurde als kleines Kind aus Bilderbüchern vorgelesen (leider nicht selbstverständlich, wie ich später von anderen erfahren habe), und mein Vater hat Geschichten über eine kleine Katze für mich erfunden. Ich konnte nie genug davon bekommen es kaum erwarten, selbst das Lesen zu lernen. Von da an war ich ständiger Gast in der Bücherei und habe mir auch schon früh selbst Geschichten ausgedacht.

Dass Schriftstellerin ein richtiger Beruf sein könnte, kam in meiner Welt aber lange nicht vor. Viele Jahre habe ich als Lerntrainerin Kindern und Jugendlichen bei Schulproblemen geholfen und das auch sehr gern gemacht. Das Schreiben habe ich aber irgendwann als Hobby wieder aufgenommen. Inzwischen hat sich schönerweise der Kreis geschlossen und ich darf meinen Unterhalt mit dem Schreiben verdienen. Außerdem unterstütze ich andere Autor:innen als Lektorin oder Korrektorin bei ihren Buchprojekten.

Wieso schreibst du? Wolltest du schon immer Schriftstellerin werden oder gab es einen Auslöser?

Das Schreiben ist einerseits eines der Dinge ist, die ich am besten kann und die mich erfüllen, gleichzeitig ist es aber auch die eine Sache, in der ich mich noch am meisten weiterentwickeln, über die ich noch am meisten lernen will.

In der Grundschule hatte ich in der vierten Klasse einen Deutschlehrer, der meine Aufsätze sehr besonders fand und mich ermutigt hat. Das hat mir damals viel bedeutet.

Es gibt diverse Angebote, kreatives Schreiben zu lernen, sei es an Unis oder bei Schriftstellern. Ist alles Handwerk, kann man alles daran lernen oder sitzt es in einem?

Was mich selbst angeht, glaube ich, ein gewisses Talent in die Wiege – oder besser in die Gene – gelegt bekommen zu haben, auf dem sich dann ganz selbstverständlich aufbauen ließ.

Das Handwerk ist eine wichtige Komponente, die sich erlernen lässt, aber sie ist längst nicht alles. Grundsätzlich führen viele Wege zum Ziel, denke ich. Ich bin seit vielen Jahren Moderatorin im Deutschen Schriftstellerforum und habe dort den Weg so einiger Autor:innen bis zur Veröffentlichung begleitet. Einige davon haben sich lange und intensiv mit Schreibratgebern auseinandergesetzt und mehrere Romane zur Übung verfasst, bevor sie an eine Veröffentlichung dachten, andere haben mit ihrem Erstling und aus dem Bauch heraus gleich einen Treffer gelandet.

Woher holst du die Ideen für dein Schreiben? Natürlich erlebt und sieht man viel, aber wie wird eine Geschichte draus?

Was meine Romanbiografien angeht, steht an erster Stelle die Überlegung, welche historische Person ich denn grundsätzlich spannend finde. Dann gehe ich auf die Suche nach einer besonders interessanten oder konfliktreichen Phase in deren Leben, die ich porträtieren möchte. Bei der Recherche formt sich dann meist schon eine Szene in meinem Kopf, mit der dann beginne.

Meine Romanideen beinhalten in der Regel Themen, die mich persönlich beschäftigen oder in meinem Umfeld eine Rolle spielen; Dinge, mit denen ich mit gedanklich auseinandersetze oder die ich individuell, aber auch gesellschaftlich für relevant halte.

Wenn du auf deinen eigenen Schreibprozess schaust, wie gehst du vor? Entsteht zuerst ein durchdachtes Gerüst oder aber schreibst du drauflos und schaust, wo dich das Schreiben hinführt?

Wenn ich zu dem Schluss komme, eine Idee wirklich umsetzen zu wollen, überlege ich mir mittlerweile zuerst den groben Aufbau und bei fiktionalen Romanen auch die Figuren, die auftreten sollen. Für meine Agentur und interessierte Verlage verfasse ich dann ein erstes Exposé und eine Leseprobe. Viele Details kommen erst beim Schreiben hinzu, und natürlich ändert sich manchmal auch noch etwas an der Grobstruktur, wenn ich merke, dass es irgendwie nicht funktioniert. Im Schreibprozess selbst bin ich mir dann immer ein paar Szenen voraus, das heißt, ich plane drei bis vier Szenen genauer vor, damit ich beim Schreiben vor Augen habe, wo ich hinwill.

Wie schreibst du? Noch mit Papier und Stift oder alles am Computer? Und: Hat das Schreibmittel deiner Meinung nach einen Einfluss auf den Schreibprozess?

Erste Notizen mache ich mir sehr gern handschriftlich, den eigentlichen Text schreibe ich am Computer. Zum Überarbeiten drucke ich alles aus und kritzele mit dem Stift an den Rand, was mir auffällt, und arbeite es dann später am Computer ein. Das Schreiben mit der Hand ist meiner Erfahrung nach mit mehr Nachdenken verbunden bzw. fließen die Gedanken dabei besser, weshalb es sich besonders gut für erste Überlegungen eignet.

Gab es Zeiten in deinem Leben, wo der Schreibfluss versiegte? Und wenn ja, wie gingst du damit um?

Ich bin generell niemand, der jeden Tag ein oder zwei Seiten schreibt, obwohl ich mir das gern antrainieren würde. Vielmehr gibt es wochenlange intensive Phasen, in denen ich sehr viel schreibe, und dann auch mal einen oder zwei Monate, in denen ich nur recherchiere, neue Ideen zerdenke oder einfach etwas anderes mache.

Schreibblockaden kenne ich eher nicht bzw. steckt an solchen Tagen meist nur die Angst vorm Versagen oder auch schnöde Prokrastination dahinter.

Ich hörte mal, der grösste Feind des Schriftstellers sei nicht mangelndes Talent, sondern die Störung durch andere Menschen. Brauchst du zum Arbeiten Stille und Einsamkeit, oder stören Sie andere Menschen nicht?

Tatsächlich bin ich beim Schreiben am liebsten allein (vom Hund mal abgesehen), ich kenne aber auch Autor:innen, die immer und überall schreiben können.

Hat ein Schriftsteller je Ferien oder Feierabend oder bist du ständig „auf Sendung“? Wie schaltest du ab?

Abschalten kann ich eigentlich problemlos, aber gerade in intensiven Schreibphasen spukt ein Projekt einem natürlich ständig im Kopf herum, und auch das Unbewusste arbeitet unbemerkt weiter und lässt ab und an wie aus dem Nichts Durchbrüche für Plotprobleme oder Ähnliches ins Bewusstsein dringen. Das sind dann schöne Aha-Erlebnisse.

Was sind für dich die Freuden beim Leben als Schriftstellerin, was bereitet dir Mühe?

Neben den erwähnten Durchbrüchen finde ich generell die unbewussten Prozesse beim Schreiben sehr spannend. Eigentlich immer bemerke ich beim Durchlesen einer ersten Fassung, dass ich einen roten Faden, ein durchgehendes Motiv, gesponnen habe, ohne es bewusst geplant zu haben.

Mühe bereitet es mir ehrlich gesagt immer wieder aufs Neue, mich überhaupt hinzusetzen und mit dem Schreiben anzufangen. Aber wenn dieser Punkt überwunden ist, läuft es dann in der Regel gut.

Goethe sagte einst, alles Schreiben sei autobiographisch. Wie viel von Katja Kulin steckt in deinen Büchern?

Meiner Meinung nach ist es unmöglich, eine „Einmischung“ der eigenen Person zu verhindern. Alles, was wir erleben, interpretieren wir ja vor dem Hintergrund unserer Erfahrungen, unserer Gene, unserer Biografie, und natürlich beeinflusst das immer auch unsere Texte.

In meinen Romanen steckt dabei sicher noch mehr Persönliches als in den Romanbiografien, wobei ich da nicht nur aus meiner eigenen Person, sondern auch aus meinem gesamten Umfeld schöpfe. Und natürlich findet das, was mich persönlich bewegt, auch den Weg in meine Bücher.

Du hast schon einige Romanbiografien geschrieben. Was gefällt dir an dem Genre?

Tief in das Leben spannender Persönlichkeiten abzutauchen, finde ich einfach unglaublich interessant und inspirierend. Ermutigend ist, dass sich dabei immer zeigt, dass diese tollen Menschen auch große Schwächen hatten, Zweifel; dass sie nicht nur „gut“ waren, sondern, wie wir alle, viele Facetten hatten. Das auch herauszuarbeiten, ist mir sehr wichtig. Grundsätzlich lässt sich aus gelebtem Leben immer auch viel für das eigene mitnehmen, finde ich.

Dein neustes Buch handelt von Simone de Beauvoir und ihrer Liebe zu Nelson Algren. Wie kamst du auf sie, was hat dich an just dieser Episode aus ihrem Leben gereizt?

Beauvoir und Algren waren beide außergewöhnliche und gleichzeitig sehr unterschiedliche Persönlichkeiten, die als Schreibende auf ganz verschiedene Weise Stellung zu der Gesellschaft nahmen, in der sie lebten. Beide haben in der Zeit ihrer Beziehung ihre erfolgreichsten Werke verfasst und ein bedeutendes Vermächtnis hinterlassen.

Die Entstehungsgeschichte dieser Werke fand ich schon spannend genug, aber vor allem haben mich die Diskrepanzen und Zwiespalte interessiert, die sich bei der näheren Recherche offenbarten, zum Beispiel beim Lesen der Briefe. Die Beziehung Beauvoirs zu Algren war nämlich eine mit zeitweise beinahe klassischer Rollenverteilung, ganz untypisch für sie. Und das ausgerechnet, während sie das Buch schrieb, das dem Feminismus neuen Aufschwung gab.

Wenn du an ein nächstes Projekt denkst, könnte das auch ein anderes Genre sein oder bleibst du deinem treu?

Ich habe schon ein Konzept für eine neue Romanbiografie entwickelt, aber ich arbeite gerade auch einige Ideen für Romane aus, die ich gern schreiben würde.

Wenn du auf deine Bücher zurückschaust, gibt es ein Lieblingsbuch, eines, das dir am nächsten ging, am wichtigsten war und noch ist?

Mein Roman „Normal ist anders“ ist mir sehr wichtig, vor allem wegen der Botschaft, um die es mir beim Schreiben ging. Das Buch begleitet Lea, die nichts mehr essen kann, weil sie Angst vor dem Ersticken hat. Die Leser:innen erleben ihren Weg zur Gesundung in der Psychiatrie mit, wo sie weitere Menschen kennenlernt, die „anders“ sind: Ben, der zwanghaft Kram und Zitate sammelt, den soziophoben Transsexuellen Ismail, der in der Klinik seine ersten Schritte als Frau macht, die langsam gebrechlich werdende, aber liebenswert resolute bipolare Künstlerin Anna und einige mehr.

Es ist nicht nur die Therapie bei einem sehr unkonventionellen Therapeuten, die Lea hilft, sondern vor allem auch die gegenseitige Akzeptanz und Unterstützung der Freunde. Die Figuren sind beim Schreiben damals so lebendig geworden, dass ich mich noch heute praktisch so an sie erinnern kann, als wären sie echte Menschen.

Die meisten Schriftsteller lesen auch viel – gibt es Bücher, die dich geprägt haben, die dir wichtig sind, Bücher, die du empfehlen würdest?

Sehr nachhaltig beeindruckt hat mich Sibylle Bergs „GRM“. Berg schreibt wie keine andere, ich lese sie schon lange, aber „GRM“ ist für mich ihr Meisterstück.

Mein eigenes Schreiben sehr inspiriert und, glaube ich, auch verändert hat „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ von Peter Høeg, ein Buch, das ich als junge Frau gelesen habe. Fasziniert hat mich daran gar nicht so sehr die Geschichte, sondern vielmehr die Umsetzung. Høeg hat eine einzigartige Protagonistin erschaffen und auf eine wunderbar indirekte, rätselhafte und auch poetische Weise erzählt.

Welche fünf Tipps würdest du einem angehenden Schriftsteller geben?

  1. Viel lesen, vor allem auch in dem Genre, das man schreiben möchte.
  2. Die ersten Schreibschritte ruhig unbeeinflusst machen, dann aber auch die Veröffentlichungsreife intensiv prüfen, indem man das eigene Manuskript mit anderen Werken des Genres vergleicht, Schreibratgeber kritisch liest, Meinungen von Testleser:innen einholt und immer wieder überarbeitet.
  3. Sich mit der Branche auseinandersetzen und Pseudoverlage meiden, die Geld von Autor:innen nehmen und darum alles drucken würden.
  4. Eine Agentur suchen, wenn eine Veröffentlichung in einem Großverlag das angestrebte Ziel ist.
  5. Gleichgesinnte zum Austausch finden und dabei vor allem von denen lernen, die in ihrer Entwicklung schon mindestens einen Schritt weiter sind als man selbst.

Die Rezension zu Katja Kulins Buch „Der andere Mann – Die grosse Liebe der Simone de Beauvoir“ findet ihr HIER

Paul Celan (23. November 1920 – 20. April 1970)

Paul Celan wird am 23. November 1920 in Czernowitz, Grossrumänien als Paul Antschel geboren. Celan lernt schon als Kind Gedichte auswendig, er liebt die deutsche Literatur, allen voran Hölderlin, Heine und Kafka. Es dauert nicht lange, dass eigene Gedichte aus seiner Feder fliessen.

Nach seiner Schulzeit studiert er zuerst Medizin, später Romanistik, was er aber wegen der Massnahmen des Nazi-Regimes abbrechen muss. 1941 wird Czernowitz von den Deutschen besetzt, die jüdische Bevölkerung wird in Ghettos gezwungen, von wo Paul Celans Eltern deportiert werden. Kurz nach der Deportation stirbt sein Vater an Typhus und seine Mutter wird erschossen. Daraus entsteht für Paul Celan ein Schmerz, der ihn nie mehr loslässt. Zudem quält ihn die Überlebensschuld, wie sie viele Überlebende des Zweiten Weltkriegs fühlen. Paul Celan verarbeitet dies immer wieder in seinen Gedichten.

„Der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau“
(aus der Todesfuge)

1944 kann Celan sein Studium wieder aufnehmen, für den Lebensunterhalt arbeitet er als Lektor und Übersetzer. 1947 verlässt er seine Heimat und reist über Wien schliesslich 1948 nach Paris (er erhält 1950 die französische Staatsbürgerschaft). 1948 lernt Paul Celan Ingeborg Bachmann kennen, mit der ihn eine tiefe Liebe verbindet, die dreimal kurz gelebt werden kann, ansonsten nur in Briefen stattfindet. Das Band der beiden ist tief, gegenseitige Bezüge durchziehen beider Werk.

Dieses Gedicht widmet Paul Celan Ingeborg Bachmann im Mai 1948:

Ägypten

Du sollst zum Aug der Fremden sagen: Sei das Wasser.
Du sollst, die du im Wasser weißt, im Aug der Fremden suchen. 
Du sollst sie rufen aus dem Wasser: Ruth! Noemi! Mirjam!
Du sollst sie schmücken, wenn du bei der Fremden liegst. 
Du sollst sie schmücken mit dem Wolkenhaar der Fremden.
Du sollst zu Ruth und Mirjam und Noemi sagen: 
Seht, ich schlaf bei ihr!
Du sollst die Fremde neben dir am schönsten schmücken.
Du sollst sie schmücken mit dem Schmerz um Ruth, um Mirjam und Noemi.

Du sollst zur Fremden sagen: 
Sieh, ich schlief bei diesen!“ 

1951 lernt er Gisèle Lestrange kennen, die er ein Jahr später auch heiratet, 1955 kommt der gemeinsame Sohn Eric zur Welt. 1952 kann Paul Celan durch die Vermittlung von Ingeborg Bachmann bei der Tagung der Gruppe 47 lesen, was allerdings kein Erfolg wird, da die Art von Celans Vortrag bei den Anwesenden auf wenig Verständnis stösst, was diesen wiederum verletzt. Zwar hält sich der Kontakt zu einigen der Mitglieder, doch es fehlt ihm das wirkliche Vertrauen zu ihnen mehrheitlich.

Nicht leicht zu verstehen ist sicher Celans Interesse an und seine freundschaftliche Beziehung zu Martin Heidegger, den in der Tat herausragenden und tiefgründigen Denker mit NS-Vergangenheit. An Ingeborg Bachmann schreibt Paul Celan, dass er der Letzte sei, welcher über die «Freiburger Rektoratsrede und einiges andere hinwegsehen» könne. Trotzdem bevorzuge er einen, welcher «an seinen Verfehlungen würgt» als «patentierte Antinazis». Heideggers Würgen scheint allerdings sehr versteckt zu sein, da er sich nie von seinen Aussagen distanziert .

Ausschlaggebend für diese Beziehung ist für Celan wohl Heideggers Hochachtung der Dichtung, welche in seinem philosophischen Werk einen hohen Stellenwert hat. Zudem steht Heidegger neben Jünger, Hölderlin, Rilke und anderen für einen Ausdruck des Deutschen im Guten (als Gegensatz zur Tätersprache), welcher sich Celan verbunden und wodurch er eine Art Geistesverwandtschaft fühlt. Mit dem Land Deutschland und den Deutschen sonst gelingt ihm das nie, er fühlt sich nie wohl oder zuhause da.

Die dramatischen Erlebnisse durch den Krieg haben Paul Celans psychische Stabilität schon früh angegriffen, eine innere Zerrissenheit macht ihm zeitlebens zu schaffen. In den 60er-Jahren kommen mehrfache Depressionsschübe dazu, die oft auch von aggressiven Ausbrüchen begleitet sind. Dies führt zu mehreren Aufenthalten in psychiatrischen Kliniken. Am 20. April 1970 nimmt sich Paul Celan das Leben, indem er sich am Pont Mirabeau in Paris in die Seine stürzt. Zwar findet sich nie ein Abschiedsbrief, doch Celan war ein guter Schwimmer, so dass ein Unfall fast auszuschliessen ist. Auf seinem Schreibtisch findet sich zudem eine aufgeschlagene Hölderlin-Biografie mit folgender unterstrichener Stelle:

«Manchmal wird dieser Genius dunkel und versinkt in den bitteren Brunnen seines Herzens.»

Werk
Paul Celans Werk zeigt eine deutliche Entwicklung von den frühen zu den späten Gedichten. Während die frühen noch eher traditionell erscheinen, verändert sich die Sprache immer stärker. Er steht damit nicht alleine, da viele Autoren der Nachkriegsliteratur damit befasst waren, die durch das Unrechtsregime und die damit einhergehenden Gräueltaten korrumpierte deutsche Sprache zu verlassen und eine neue Form zu finden. Paul Celans Weg war der, dass er die Worte zwar verwendete, sie aber in einer Weise setzte, dass sie sich dem Leser quasi wieder entziehen durch ihre kryptische Verwendung. So klingen die Verse zwar beim Lesen, verschliessen sich aber dem einfach zu erfassenden Sinn. Damit will Celan den Wörtern ihre Gewalt nehmen, die dadurch entsteht, dass sie den Leser durch den Akt des Verstehens unterwerfen. Daraus resultiert aber keine dem Sinn enthobene Sprache, denn dieser erschliesst sich durchaus beim näheren Betrachten, dies allerdings erst durch die eigene Auseinandersetzung mit den Wörtern, was den Leser zu einem Eroberer macht.

Eines der bekanntesten Gedichte Paul Celans ist wohl die Todesfuge:

Todesfuge

Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland
dein goldenes Haar Margarete

er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne
er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland
dein goldenes Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith

wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr anderen spielt weiter zum Tanz auf

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen

Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus  Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus
Deutschland  
 
dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith

William Wordsworth (7. April 1770 – 23. April 1850)

William Wordsworth wurde am 7. April 1770 in Grossbritannien geboren. Er war einer der bekanntesten englischen Dichter der Romantik und vor allem durch seine an der Natur orientierten Gedichte bekannt. Allerdings verschloss er sich auch nicht der Schönheit anderer Orte, unter anderem jener der Stadt London. In seinem Gedicht Composed upon Westminster Bridge glänzt diese in voller Pracht:

Composed upon Westminster Bridge, September 3, 1802
Earth has not anything to show more fair:
Dull would he be of soul who could pass by
A sight so touching in its majesty:
This City now doth, like a garment, wear
The beauty of the morning; silent, bare,
Ships, towers, domes, theatres, and temples lie
Open unto the fields, and to the sky;
All bright and glittering in the smokeless air.
Never did sun more beautifully steep
In his first splendour, valley, rock, or hill;
Ne’er saw I, never felt, a calm so deep!
The river glideth at his own sweet will:
Dear God! the very houses seem asleep;
And all that mighty heart is lying still!”

Schönheit zu sehen braucht Zeit, die man sich nehmen soll. Wenn man einfach blind durch die Strassen rast, wird man zu viel übersehen. Das Gleiche gilt für Gedichte: Wordsworth verschafft dem Leser durch die Setzung der Interpunktionen immer wieder Atempausen, er lenkt den Fluss unter der Brücke des Blickes durch. Aus jeder Zeile steigt die Schönheit auf, erstreckt sich zwischen Erde und Himmel. Die Stille des Anblicks und der noch schlafenden Stadt spiegelt sich im ruhigen Fluss der Sprache.

Es fällt auf, dass die Stadt menschenleer ist, wodurch sie aber durch sich selber lebend erscheint. Sie trägt des Morgens Schönheit, wie ein Mensch Kleider trägt. Die Häuser, Schiffe, Tempel, Kuppeln, sie alle tragen zum Bild und zum Leben bei. Nicht mal als Schöpfer tritt der Mensch ins Bild, an seiner Stelle wird Gott angerufen, fast, als hätte er durch den Menschen hindurch eine Stadt erschaffen, welche nun, einem Naturschauspiel gleich, in ganzer Schönheit vor unseren Augen liegt.

Hier noch eine deutsche Übersetzung:

Verfaßt auf der Westminster-Brücke,
3. September 1802

Die Erde hat nicht Schöneres zu zeigen:
Stumpf wär’ ein Mensch, der hier vorübergeht
und nicht erlebt des Anblicks Majestät:
Die große Stadt hat heute sich gekleidet
in des Morgens Schönheit! Still da liegen
Dom, Theater, Türme, Schiffe, Kran,
frei gehn die Blicke zu der Wolken Bahn.
Niemals sah ich, fühlt’ ich solchen Frieden,
und niemals hat der frühen Sonne Scheinen
vergoldet reicher Hügel, Fels und Tal.
Der Fluß, wie sanft er will, dahin kann gleiten:
Mein Gott! die Häuser liegen all’ im Schlaf,
die Stadt hält an, so möcht’ man meinen,
des großen, mächt’gen Herzens Schlag!“

Jean Paul (21. März 1763 – 14. Nov. 1825)

Am 21. März 1763 kommt Johann Paul Friedrich Richter in Wunsiedel zur Welt. Als Kind sowohl von einem protestantischen Umfeld sowie der eigenen Liebe  zur Literatur geprägt, studiert er zuerst Theologie, eher lustlos, um dann seiner wahren Berufung, dem Schreiben nachzugehen. Der finanzielle Erfolg lässt auf sich warten, so dass er sich als Privatlehrer betätigen muss. Daher stammt wohl auch die Erkenntnis:

„Die Kunst ist zwar nicht das Brot, aber der Wein des Lebens.“

Doch schon bald soll sie auch zu seinem Brot werden. 1793 beginnen seine schriftstellerischen Ambitionen sich endlich auszuzahlen. Mit Hilfe von Karl Philipp Moritz, welchem er sein Manuskript geschickt hat, findet sein Roman „Die unsichtbare Loge“ einen Verlag. Gleich darauf widmet Jean Paul sich schon dem neuen Roman, „Hesperus oder 45 Hundposttage“, welcher 1795 erscheint und ihn schlagartig berühmt macht.

1796 reist Jean Paul nach Weimar, wohin er nach einigen weiteren literarischen Erfolgen („Siebenkäs“, „Das Leben des Quintus Fixlein“ und andere) zwei Jahre später ganz zieht. Neben dem Schreiben ist er auch in amouröse Geschichten verwickelt, verlobt sich zuerst mit Karoline von Feuchtersleben, von der er sich später wieder entlobt, wo auch mit Charlotte von Kalb eine Liebelei stattfindet, die er jedoch nicht verbindlich werden lässt. Überhaupt findet Jean Paul grosse Beachtung bei der Frauenwelt, welche nicht nur begeistert seine Bücher liest, sondern auch an ihm Gefallen findet, wobei er sich immer als erfolgreicher Eheverweigerer gibt.

„Die Liebe ist das Leben des Weibes, aber immer eine Episode im Leben des Mannes.“

Doch auch das hat einmal ein Ende. Im Jahr 1800 reist Jean Paul nach Berlin, lernt dort Karoline Mayer kennen und heiratet diese schliesslich. Die preussische Königin, eine Verehrerin seines Werkes, bringt ihn dazu, ganz nach Berlin zu ziehen, wo er bald ein freundschaftliches Umfeld findet mit Friedrich Schlegel, Johann Gottlieb Fichte und anderen Zeitgenossen.

An die Erfolge der alten Romane kann er allerdings nicht mehr anschliessen, die späteren, „Titan“ und Flegeljahre“ stossen nicht mehr auf so viel Interesse wie die früheren. Umso mehr verwundert es, dass heute diese am bekanntesten sind. Schon zu seiner Zeit ist die Rezeption auch seiner erfolgreichen Romane nicht einheitlich. Während sie von den einen hochgelobt werden, stossen sie bei anderen, darunter auch Goethe und Schiller auf Ablehnung.

1804 führt die Reise von Jean Paul und seiner Familie nach Beyreuth, wo sie ein eher zurückgezogenes Leben führen im Gegensatz zu Berlin damals. Auch die noch folgenden Romane werden keine Erfolge mehr. 1821 ereilt ihn durch den Tod seines Sohnes Max ein Schicksalsschlag, von dem er sich nicht mehr erholen wird.

„Das Alter ist nicht trübe, weil darin unsere Freuden, sondern weil unsere Hoffnungen aufhören.“

Auch gesundheitlich häufen sich die Probleme. Er stirbt am 14. November 1825 in Bayreuth.

„Die Zeit ist ein Augenblick. Unser Erdendasein wie unser Erdengang ein Fall durch Augenblicke.“

Werke

  • 1793 Die unsichtbare Loge. Eine Biographie, Roman
  • 1795 Hesperus oder 45 Hundposttage. Eine Biographie, Roman
  • 1796 Leben des Quintus Fixlein, aus funfzehn Zettelkästen gezogen, Erzählung
  • 1797 Siebenkäs, Roman
  • 1803 Titan, Roman
  • 1809 Dr. Katzenbergers Badereise, Erzählung

Friedrich Hölderlin (20. März 1770 – 7. Juni 1843)

Am 20. März 1770 wird Johann Christian Friedrich Hölderlin in Lauffen am Neckar geboren. Als er zwei Jahre alt ist, stirbt sein Vater, 7 Jahre später auch sein Stiefvater. Er durchläuft die übliche Schule mit mässigem Erfolg, beginnt ein Studium, wobei er. nicht wie von der Mutter gewünscht die theologische Laufbahn einschlagen will. Im Jahr 1791 veröffentlicht er die ersten Gedichte.

Um seiner Mutter nicht zur Last zu fallen, sucht er sich immer wieder Anstellungen als Hauslehrer, sieht diese aber nach anfänglicher Euphorie stets als untragbar, gar seiner eigenen geistigen Gesundheit abträglich. Um diese ist es dann auch wirklich nicht gut bestellt, bricht bei ihm doch 1806 eine geistige Krankeit aus, deretwegen gegen den eigenen Widerstand in eine Klinik eingeliefert wird, wo er 1807 als unheilbar krank wieder entlassen wird und fortan auf Pflege angewiesen ist. Er verbringt seine letzten Jahre in einem Turmzimmer. Schon in der Klinik begann er wieder mit dem Dichten, muss aber immer wieder aufhören, weil er zu erregt ist. Er ist sich seiner Situation bewusst und leidet auch darunter, worauf dieses Gedicht aus dem Jahr 1811 hindeutet:

„Das Angenehme dieser Welt hab ich genossen,
Die Jugendstunden sind, wie lang! wie lang! verflossen,
April und Mai und Julius sind ferne
Ich bin nichts mehr; ich lebe nicht mehr gerne!

Sowohl Hölderlins Leben wie auch sein Dichten waren nicht gradlinig und schon gar nicht einfach zu deuten. Zu viele Widersprüche, zu viele Brüche weisen beide auf. Zuerst ein braver Zögling auf dem Weg zum Pfarramt, Befürworter der Französischen Revolution, dann wieder Rebell und dem Politischen sich entziehend durch die Poesie. Sein (geistiger) Zusammenbruch 1806 ist wohl nur äusseres Zeichen einer schon lange dauernden inneren Zerrissenheit. Sein Rückzug ins Turmzimmer nur letztendliche Konsequenz eines schon lange herrschenden Gefühls einer ihn erdrückenden Gesellschaft.

„Im heiligsten der Stürme falle
Zusammen meine Kerkerwand,
Und herrlicher und freier walle
Mein Geist ins unbekannte Land!“

In der Poesie lässt er das Einengende hinter sich, seine Gedichte fliessen förmlich aufs Papier und von da in die Weite. Selten sind sie irgendwie unterbrochen, immer fügt sich Eines ins Andere, soll doch die Poesie als Einheit, als Ganzes bestehen neben der Zerrissenheit der Welt, wie Hölderlin sie empfand. Auch wenn (oder gerade weil?) Hölderlins Gedichte alles andere als einfach gestrickt sind, werden sie auch heute noch gerne gelesen. Aus jeder Zeile tropft der Dichter, an seiner Zeit leidend, immer versuchend, im Denken frei zu bleiben. Hölderlin erwartete viel von der Poesie. Zusammen mit Hegel und Schelling formulierte er folgendes:

„Die Poesie wird am Ende wieder, was sie am Anfang war – Lehrerin der Menschheit.“

Man würde sich oft wünschen, die drei hätten recht.

Wenige von Hölderlins Texten werden zu Lebzeiten veröffentlicht, trotzdem bildet sich schon damals ein romantischer Kult um den Dichter im Turmzimmer. Erst anfangs des 20. Jahrhundert wird Hölderlins Dichtung wieder entdeckt. Es erstaunt deswegen, dass im Jahr 1861 ein junger Gymnasiast just Hölderlins (damals praktisch unbekanntes) Werk wählt für einen Schulaufsatz, und dieses feurig gegen Anschuldigungen verteidigte. An einen imaginären Brieffreund schreibt er er:

„…ich fühle mich bewogen, für diesen meinen Lieblingsdichter gegen dich in die Schranken zu treten.“

Und er fährt fort:

„Dies Verse (um nur von der äusseren Form zu reden) entquollen dem reinsten, weichsten Gemüt, diese Verse, in ihrer Natürlichkeit und Ursprünglichkeit die Kunst und Formgewandtheit Platens verdunkelnd, diese Verse, bald im erhabenen Odenschwung einherwogend, bald in den rartesten Klänge der Wehmut sich verlierend…“

Und fügt ein Gedicht an, in welchem sich „die tiefste Melancholie und Sehnsucht nach Ruhe ausspricht“:

Am Abendhimmel blühet ein Frühling auf;
Unzählig blühn die Rosen, und ruhig scheint
Die goldne Welt; o dorthin nehmt mich,
Purpurne Wolken! und mögen droben

In Licht und Luft zerrinnen mit Lieb und Leid! –
Doch, wie verscheucht von törichter Bitte, flieht
Der Zauber. Dunkel wird’s, und einsam
Unter dem Himmel, wie immer, bin ich.

Komm du nun, sanfter Schlummer! Zu viel begehrt
Das Herz, doch endlich, Jugend, verglühst du ja!
Du ruhelose, träumerische!
Friedlich und heiter ist dann mein Alter.

Der Gymnasiast heisst Friedrich Nietzsche.

1936 wird die historisch-kritische Hölderlin-Ausgabe aufgelegt, welche bei den Nazis grossen Anklang findet. Heidegger, ausgerechnet, kann mit seiner Deutung des Werkes diesen Fluch abwenden, so dass Hölderlin wieder über alle braunen Zweifel erhaben in die Zukunft strahlte. Ein

„Glaube und Liebe und Hoffnung sollen nie aus meinem Herzen weichen. Dann gehe ich, wohin es soll, und werde gewiß am Ende sagen: „Ich habe gelebt.“ Und wenn es kein Stolz und keine Täuschung ist, so darf ich wohl sagen, daß ich in jenen Stunden nach und nach, durch die Prüfungen meines Lebens, fester und sicherer geworden bin.“

Möge es ihm wirklich und genau so gelungen sein. Friedrich Hölderlin stirbt am 7. Juni 1843 in Tübingen.

Werke

  • 1791 Erste Gedichte
  • 1797 Hyperion, Roman
  • 1826/1846 Der Tod des Empedokles, Drama
  • Verschiedene theoretische Schriften

Christa Wolf (18. März 1929 – 1. Dez. 2011)

„Unverhüllt autobiographisches Schreiben ist unter den vielfältigen Schreibmöglichkeiten zugleich die leichteste und die schwerste: leicht, weil der oder die Schreibende sich im Stoff bewegt wie der Fisch im Wasser; weil alles bekannt, vertraut ist, nichts erfunden muss (oder darf) – vielleicht, dass, um des lieben Friedens willen, einige Namen verändert, einige Handlungsorte verschleiert werden. Aber man schöpft aus der Fülle.Das schwerste ist es, weil es, soll es gelingen, bekennendes Schreiben sein muss, was meistens heisst: Es muss weh tun.“

Dies schreibt Christa Wolf in ihrem Essay „Autobiographisch schreiben“ zu Günter Grass’ „Beim Häuten der Zwiebel“, aber man könnte es genauso als Selbstbeschreibung sehen, behandelt Christa Wolf in ihren Büchern doch immer auch ihre eigene Biografie, verwebt diese in die erzählten Geschichten.

Christa Wolf wird am 18. März 1929 in Landsberg an der Warthe geboren, wo sie auch bis kurz vor Kriegsende die Schule besucht. Als die Truppen der Roten Armee anrücken, flieht die Familie 1945 nach Mecklenburg. 1946 setzt Christa Wolf die Schule in Schwerin fort und studiert später in Leipzig Germanistik. Danach arbeitet sie zuerst als wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Deutschen Schriftstellerverband, später als Lektorin und als Redakteurin. 1961 erfolgt ihre erste literarische Veröffentlichung „Moskauer Novelle“ (allerdings nur in der DDR, in der BRD erschien das Buch nicht) und ab 1962 arbeitet Christa Wolf ganz als freiberufliche Schriftstellerin, kann auch gleich mit dem Roman „Der geteilte Himmel“ einen Erfolg verzeichnen, wird das Buch doch mit dem Heinrich-Mann-Preis ausgezeichnet und 1964 verfilmt.

Christa Wolf ist als Mitglied der SED politisch engagiert und lässt dieses Engagement auch immer in ihre literarischen Texte einfliessen. Immer wieder behandelt sie aktuelle Themen wie den Mauerbau (verarbeitet in „Der geteilte Himmel), das Reaktorunglück in Tschernobyl (verarbeitet in „Störfall“)oder auch feministische Fragen, in der Hoffnung, diese Themen einer breiten Leserschaft zugänglich zu machen. Auch die Auseinandersetzung mit sich selber und das Einfliessen lassen der eigenen Vergangenheit in ihr Schreiben war typisch für ihre Werke, wie oben bereits erwähnt.

„Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen. Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd.“ (zit. nach Schulz, Christa Wolf)

Mit diesem Satz fängt Wolfs Buch „Kindheitsmuster“ an und zeigt deutlich ihr Verständnis vom Leben in der Gegenwart, welches (oft unterbewusst) geprägt ist von der Vergangenheit. Nur wenn man sich dieser Vergangenheit stellt, könne man bewusst gelebte Gegenwart erreichen, dessen ist sich Wolf sicher. Dabei ist das Erinnern oft trügerisch, erfinden wir doch nicht selten die Vergangenheit mehr, als dass wir sie wirklich erinnern:

„In die Erinnerung drängt sich die Gegenwart ein.“ (ebd.)

Es ist also die Gegenwart, die immer auch die Sicht auf die Vergangenheit manipuliert, wogegen Christa Wolf mit ihrem Schreiben angeht. Christa Wolfs Schreiben ist ein sehr bewusstes, welches sie selber oft in Essays, Briefen und Reden thematisiert. Daraus wird klar, dass Christa Wolf den Menschen als ein in seine politische Umwelt verflochtenes Wesen sieht, welches durch diese Umwelt in seinem Sein und Tun geprägt wird. Ihre Tagebücher legen über diese Verflochtenheit in ihrem eigenen Leben Zeugnis ab.

1988 erkrankt Christa Wolf schwer, in der Folge kommt es immer wieder zu gesundheitlichen Problemen. Sie stirbt am 1. Dezember 2011 nach einer schweren Krankheit mit 82 Jahren.

Ausgewählte Werke

  • 1961 Moskauer Novelle
  • 1963 Der geteilte Himmel, Erzählung
  • 1968 Nachdenken über Christa T., Roman
  • 1979 Kein Ort. Nirgends., Erzählung
  • 1983 Kassandra, Erzählung
  • 1990 Was bleibt, Erzählung
  • 1996 Medea. Stimmen, Roman

Briefwechsel

  • Sarah Kirsch,Christa Wolf: „Wir haben uns wirklich an allerhand gewöhnt.“ Der Briefwechsel
  • Man steht sehr bequem zwischen allen Fronten. Briefe 1952 – 2011

Sammelbände

  • Lesen und Schreiben. Aufsätze und Betrachtungen
  • Fortgesetzter Versuch. Aufsätze, Gespräche, Essays
  • Geschlechtertausch. 3 Geschichten über die Umwandlung der Verhältnisse. Mit Sarah Kirsch und Irmtraud Morgner
  • Die Dimension des Autors. Essays und Aufsätze, Reden und Gespräche 1959 – 1985
  • Rede, dass ich dich sehe: Essays, Reden, Gespräche

Siegfried Lenz (17. März 1926 – 7. Okt. 2014)

Siegfried Lenz wurde am 17. März 1926 in Lyck, Ostpreussen, als Sohn eines Zollbeamten geboren. Selber beschrieb er diesen Umstand später so:

„Ich wurde am 17. März 1926 in Lyck geboren, einer Kleinstadt zwischen zwei Seen, von der die Lycker behaupten, sie sei die „Perle Masurens“. Die Gesellschaft, die sich an dieser Perle erfreute, bestand aus Arbeitern, Handwerkern, kleinen Geschäftsleuten, Fischern, geschickten Besenbindern und geduldigen Beamten.“ (Lenz, Autobiographische Skizze)

Der Vater starb früh, die Mutter liess den Sohn bei der Grossmutter zurück, als sie wegzog. Dieser kam später in ein Internat, von wo er nach einem Notabitur in die Kriegsmarine eingezogen wurde. Nach seiner Desertation kurz vor Kriegsende kam er in britische Kriegsgefangenschaft, wo er als Dolmetscher eingesetzt wurde. Die Jahre waren von einer emotionalen Berg- und Talfahrt begleitet, erlebte Lenz schon nach kurzer Kriegseuphorie eine grosse Ernüchterung.

Nach einem abgebrochenen Studium begann er bei einer Tageszeitung, wo er sich um Redaktor hocharbeitete, seine Frau kennenlernte und heiratete. Nach seiner ersten Roman-Veröffentlichung in der Zeitung setzte er ganz auf den Beruf Schriftsteller, anfangs allerdings mit mässigem Erfolg, stiess sein Erstling „Es waren Habichte in der Luft“ doch auch wenig Beachtung. Davon liess sich Siegfried Lenz nicht irritieren, beharrlich schrieb er weiter und durfte schon bald den ersten grossen Erfolg verzeichnen mit seinen Masurischen Geschichten „So zärtlich war Suleyken“. Zu seinem Schreiben sagte er einst:

„Was sind Geschichten? Man kann sagen, zierliche Nötigungen der Wirklichkeit, Farbe zu bekennen. Man kann aber auch sagen: Versuche, die Wirklichkeit da zu verstehen, wo sie nichts preisgeben möchte.“ (Siegfried Lenz, zit. nach Siegfried Lenz. 1926 – 2014. Eine Hommage)

Dieser Zweifel an der Wirklichkeit, an der Wahrheit, sowie auch eine latente Traurigkeit prägen denn auch sein Schreiben. Er schreibt über Menschen, die sich irren, die ausserhalb der Norm stehen. Vielleicht hat Goethe recht, wenn er sagt, dass alles Schreiben autobiographisch sei. Lenz sagte das gar selber mal:

„Man schreibt eigentlich nur von sich selbst.“ (zit. nach Siegfried Lenz. 1926 – 2014)

Lenz selber sah sich selber als Fremdling in der Welt, da er nur aus dieser Fremdheit heraus glaubte schaffen zu können. Er schreibt aber auch über Menschen wie die, welche nach eigener Aussage seinen Geburtsort besiedelten.
Bei den Kritikern schaffte es Lenz selten auf eine Stufe mit Grass oder Walser, beim Publikum indes war er beliebt und galt als einer der grossen Erzähler, auf gleicher Stufe mit den vorgenannten. Er galt als Volksschriftsteller, wohl auch darum, weil er über dieses schrieb durch seine Figuren. Zudem war er anders als viele seiner Kollegen nie in Debatten verstrickt oder und stets freundlich und herzlich, was ihm viele Sympathien einbrachte. Bei all seinem Erfolg blieb er immer bescheiden:

„Als Schriftsteller habe ich erfahren, wie wenig Literatur vermag, wie dürftig und unkalkulierbar ihre Wirkung war und immer noch ist.“

Dies sagte er anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, den er 1988 erhielt. Man möchte ihm in Bezug auf seine eigene Literatur widersprechen.

Siegfried Lenz war später regelmässiger Gast bei der Gruppe 47, engagierte sich daneben in der Politik, war Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland und Gastprofessor an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Er schrieb insgesamt 15 Romane, über hundert Erzählungen, Theaterstücke, Essays und einiges mehr.

Siegfried Lenz starb am 7. Oktober 2014 in Hamburg.


Ausgewählte Werke

Romane

  • 1951 Es waren Habichte in der Luft
  • 1968 Deutschstunde
  • 1973 Das Vorbild
  • 1990 Die Klangprobe
  • 1994 Die Auflehnung

Erzählungen und Novellen

  • 1955 So zärtlich war Suleyken, Masurische Geschichten, Kurzgeschichten
  • 1957 Risiken für Weihnachtsmänner
  • 1960 Das Feuerschiff, Erzählungen
  • 1960 Verzicht, Erzählungen
  • 1973 Wie bei Gogol, Erzählung
  • 1984 Ein Kriegsende, Erzählung
  • 2008 Schweigeminute, Novelle


Diverses

  • 1953 Lotte soll nicht sterben, Kinderbuch
  • 1970 beziehungen, Essay
  • 1971 Verlorenes Land – Gewonnene Nachbarschaft, Rede
  • 1998 Über den Schmerz, Essay
  • 2006 Selbstversetzung, Über Schreiben und Leben

Erich Kästner (23.2.1899 – 29.7.1974)

Erich Kästner wurde am 23. Februar1899 in Dresden geboren und wuchs in kleinbürgerlichen Verhältnissen auf. Schon als Kind hatte er eine sehr enge Beziehung zu seiner Mutter, welche das ganze Leben anhalten sollte, oft Thema seiner Schriften war und auch Grund, dass Kästner nicht ins Ausland floh bei der Machtübernahme der Nationalsozialisten.

Nach der Schule trat Kästner ins Lehrerseminar ein, brachte zwar keinen Abschluss als Lehrer heraus, aber immerhin genügend Stoff als Inspiration für sein fliegendes Klassenzimmer. Später studierte Kästner in Leipzig Geschichte, Philosophie, Germanistik und Theaterwissenschaft und promovierte in Germanistik. Schon während des Studiums arbeitete er journalistisch. Dies behielt er auch nach dem Studium – auch unter vielen Pseudonymen – bei. Daneben veröffentlichte er Geschichten, Gedichte, Romane und auch Kinderbücher

„Ich bin ein Deutscher aus Dresden in Sachsen.
Mich läßt die Heimat nicht fort.
Ich bin wie ein Baum, der – in Deutschland gewachsen –
wenn’s sein muss, in Deutschland verdorrt.“

1933 wurde Erich Kästner von den Nationalsozialisten als Autor verboten. Trotzdem blieb er als einer der wenigen prominenten und intellektuellen Gegner des Systems in Deutschland, sicherte sich sein finanzielles Überleben durch schreiben unter Pseudonym, entstanden sind in der Zeit einige Drehbücher zu unterhaltsamen Komödien. Das wurde ihm – vor allem in späterer Zeit – immer wieder zum Vorwurf gemacht. Zu seicht sei er gewesen, zu wenig auflehnend und kämpferisch. Ganz böse Zungen nannten ihn gar Profiteur, habe er doch mit seichtem und dem Regime genehmem Stoff ein Auskommen gehabt.

Dass ein kritischer Geist wie Kästner aber nicht einfach zuschaute, ohne sich Gedanken zu machen, liegt aber auf der Hand. Zwar konnte er diese nicht mehr schriftlich unter die Leute bringen, aber er hielt sie in einem blauen Buch fest.

„Der Entschluss ist gefasst. Ich werde ab heute wichtige Einzelheiten des Kriegsalltags aufzeichnen. Ich will es tun, damit ich sie nicht vergesse, und bevor sie, je nachdem wie dieser Krieg ausgehen wird, mit Absicht und auch absichtslos allgemein vergessen, verändert, gedeutet oder umgedeutet sein werden.“


Nach dem Krieg zog Kästner nach München, wo er erst das Feuilleton der Neuen Zeitung leitete, sich dann immer mehr dem literarischen Kabarett zuwandte. Die anfängliche Nachkriegseuphorie wich schnell einer Resignation, er sah unter anderem die Pressefreiheit durch zu viele staatlichen Massnahmen gefährdet. Zwar war Kästner auch nach dem Krieg noch erfolgreich, allerdings nahm seine Produktivität ab und gleichzeitig der Alkoholkonsum zu.
Auch in der Liebe war ihm das Glück nicht hold, blieb er doch ein Leben lang unverheiratet, wenige etwas längere Beziehungen waren eher kompliziert als glücklich.
1965 zog sich Kästner von allem zurück, er starb am 29. Juli 1974 in München an Speiseröhrenkrebs.

Bekannt wurde Erich Kästner vor allem durch seine Kindergeschichten „Das doppelte Lottchen“, „Das fliegende Klassenzimmer“, „Emil und die Detektive“ und einige mehr, die alle auch verfilmt wurden. Aber auch seine Gedichte waren sehr erfolgreich. In all seinen Schriften zeigt sich der Satiriker, der Mensch, der hinter die Fassaden schaut, der seine Zeitgenossen kritisiert und ihre (fehlende) Moral anprangert. Er tut dies nicht analytisch, aber mit klarem Blick, immer als vorgehaltenen Spiegel, verpackt in einen feinen (ab und an auch beissenden) Humor.

Marcel Reich-Ranicki hat den Menschen und Denker Kästner schön beschrieben:

»Erich Kästner war ein wehmütiger Satiriker und ein augenzwinkernder Skeptiker. Er war Deutschlands hoffnungsvollster Pessimist und der deutschen Literatur positivster Negationsrat. War er ein Schulmeister? Aber ja doch, nur eben Deutschlands amüsantester und geistreichster. Er war ein Prediger, der stolz die Narrenkappe trug.«


Einige ausgewählte Gedichte:

Apropos Einsamkeit
Man kann mitunter scheußlich einsam sein!
Da hilft es nichts, den Kragen hochzuschlagen
und vor Geschäften zu sich selbst zu sagen:
Der Hut da drin ist hübsch, nur etwas klein …

Da hilft es nichts, in ein Café zu gehn
und aufzupassen, wie die andren lachen.
da hilft es nichts, ihr Lachen nachzumachen.
Es hilft auch nicht, gleich wieder aufzustehn.

Da schaut man seinen eignen Schatten an.
Der springt und eilt, um sich nicht zu verspäten,
und Leute kommen, die ihn kühl zertreten.
Da hilft es nichts, wenn man nicht weinen kann.

Da hilft es nichts, mit sich nach Haus zu fliehn
und, falls man Brom zu Haus hat, Brom zu nehmen.
Da nützt es nichts, sich vor sich selbst zu schämen
und die Gardinen hastig vorzuziehn.

Da spürt man, wie es wäre: Klein zu sein.
So klein, wie nagelneue Kinder sind!
Dann schließt man beide Augen und wird blind.
Und liegt allein.

Ich bin die Zeit
Mein Reich ist klein und unabschreitbar weit.
Ich bin die Zeit.
Ich bin die Zeit, die schleicht und eilt,
die Wunden schlägt und Wunden heilt.
Hab weder Herz noch Augenlicht.
Ich kenn die Gut‘ und Bösen nicht.
Ich trenn die Gut‘ und Bösen nicht.
Ich hasse keinen, keiner tut mir leid.
Ich bin die Zeit.

Da ist nur eins, – das sei euch anvertraut:
Ihr seid zu laut!
Ich höre die Sekunden nicht,
Ich hör‘ den Schritt der Stunden nicht.
Ich hör‘ euch beten, fluchen schrei’n,
Ich höre Schüsse zwischendrein;
Ich hör‘ nur Euch, nur Euch allein …
Gebt acht, ihr Menschen, was ich sagen will:
Seid endlich still!

Ihr seid ein Stäubchen am Gewand der Zeit, –
Lasst euren Streit!
Klein wie ein Punkt ist der Planet,
Der sich samt euch im Weltall dreht.
Mikroben pflegen nicht zu schrei’n.
Und wollt ihr schon nicht weise sein,
Könnt ihr zumindest leise sein.
Schweigt vor dem Ticken der Unendlichkeit!
Hört auf die Zeit!

Kleines Solo
Einsam bist du sehr alleine.
Aus der Wanduhr tropft die Zeit.
Stehst am Fenster. Starrst auf Steine.
Träumst von Liebe. Glaubst an keine. Kennst das Leben.
Weißt Bescheid. Einsam bist du sehr alleine –                           
und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.

Wünsche gehen auf die Freite.
Glück ist ein verhexter Ort.
Kommt dir nahe. Weicht zur Seite.
Sucht vor Suchenden das Weite.
Ist nie hier. Ist immer dort.
Stehst am Fenster. Starrst auf Steine.
Sehnsucht krallt sich in dein Kleid.Einsam bist du sehr alleine –                          
und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.

Schenkst dich hin. Mit Haut und Haaren.
Magst nicht bleiben, wer du bist.
Liebe treibt die Welt zu Paaren.
Wirst getrieben. Musst erfahren,
dass es nicht die Liebe ist …
Bist sogar im Kuss alleine.
Aus der Wanduhr tropft die Zeit.
Gehst ans Fenster. Starrst auf Steine.
Brauchtest Liebe. Findest keine.
Träumst vom Glück. Und lebst im Leid.
Einsam bist du sehr alleine –                          
und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.

Er weiss nicht, ob er sie liebt
Soll man sein Herz bestürmen: »Herz, sprich lauter!«
da es auf einmal leise mit uns spricht?
Einst sprach es laut zu uns. Das klang vertrauter.
Nun flüstert’s nur. Und man versteht es nicht.

Was will das Herz? Man denkt: wenn es das wüßte,
dann wär es laut, damit man es versteht.
Dann riefe es, bis man ihm folgen müßte!
Was will das Herz, daß es so leise geht?

Das Allerschönste, was sich Kinder wünschen,
das wagt sich kaum aus ihrem Mund hervor.
Das Allerschönste, was sich Kinder wünschen,
das flüstern sie der Mutter bloß ins Ohr.

Ist so das Herz, daß es sich schämt zu rufen?
Will es das Schönste haben? Ruft es Nein?
Man soll den Mächten, die das Herz erschufen,
nicht dankbar sein.

Milena Moser – Nachgefragt

Ein kurzer Blick auf Milena Mosers Leben

Milena Moser in ihrem Garten in San Francisco (©David Butow)

Milena Moser wurde 1963 in Zürich geboren und absolvierte nach dem Besuch der Diplommittelschule eine Buchhändlerlehre, lebte danach in Paris, wo drei unveröffentlichte Romane entstanden. Zurück in der Schweiz schrieb sie für Schweizer Rundfunkanstalten und verfasste Bücher, welche keinen Verlag fanden, so dass sie kurzerhand zusammen mit Freunden den Krösus Verlag gründete, in welchem ihr erstes Buch Gebrochene Herzen sowie Die Putzfraueninsel erschienen, zweiteres wurde zum Bestseller und später verfilmt. 1998 führte Milena Mosers Weg nach San Francisco, wo sie mit ihrer Familie acht Jahre lebte, danach wieder in die Schweiz zurückkehrte. Milena Moser wohnt in Aarau als freie Autorin und führt in ihrem Schreibatelier Menschen in die Welt des Schreibens ein. Des Weiteren begleitet sich Schulklassen beim Verfassen eines gemeinsamen Romans. 2011 folgte, zusammen mit der Musikerin und Freundin Sibylle Aeberli, der Sprung auf die Bühne, Die Unvollendeten war ein voller Erfolg, ein zweites Bühnenprojekt ist in Planung. Von Milena Moser sind unter anderem erschienen Die Putzfraueninsel (1991), Das Schlampenbuch (1992), Artischockenherz (1999), Sofa,Yoga, Mord (2003), Möchtegern (2010), Montagsmenschen (2012), Das wahre Leben (2013), Das Glück sieht immer anders aus (2017), Das schöne Leben der Toten (2019). Später zog Milena Moser zu ihrem Partner und heutigen Mann Victor nach Santa Fe, mit dem sie heute in San Francisco lebt.

Ich habe mich vor acht Jahren schon einmal über ihr Schreiben und Leben ausgetauscht (HIER das Interview), ich freue mich sehr, dass sich ein zweites Mal die Gelegenheit für einige Fragen bot.

Einblicke

Unser letztes Interview liegt 8 Jahre zurück, seit da ist viel in deinem Leben passiert. Wie würdest du das zusammenfassen?

Ich hab noch mal ganz von vorn angefangen ….

Du schreibst schon viele Jahre, dies sehr erfolgreich. Hat sich deine Beziehung zu deinem Schreiben in den Jahren verändert?

Nicht wirklich. Schreiben ist die einzige Konstante in meinem Leben.

Gab es Zeiten in deinem Leben, wo der Schreibfluss versiegte? Und wenn ja, wie gingst du damit um?

Nein. Ich schreibe täglich, sonst fühle ich mich nicht wohl, irgendwie nicht richtig. Aber je älter ich werde, desto mehr Zeit nehme ich mir für Texte, die ich veröffentlichen will.

Ich traf dich vor vielen Jahren bei einem Schreibworkshop in Aarau, nun bietest du Onlinekurse im Schreiben an. Was reizt dich an dieser neuen Form?

Sie hat sich aufgezwungen, nachdem ich all meine Kurse absagen musste. Ohne die Pandemie hätte ich mich nie auf dieses Format eingelassen. Doch es hat sich mehr als bewährt, es hat unzählige Vorteile, die mir nicht bewusst waren. Viele Schreibende sind Einzelgänger, Individualisten, die eine Gruppenerfahrungen eher scheuen, die in ihrem eigenen Rhythmus arbeiten möchten. Der individuelle Austausch zwischen mir und dem Einzelnen ist auch viel intensiver, als das in einem Gruppensetting möglich wäre.

Wenn du auf deinen eigenen Schreibprozess schaust, wie gehst du vor? Entsteht zuerst ein durchdachtes Gerüst oder aber schreibst du drauf los und schaust, wo dich das Schreiben hinführt?

Ich lasse mich treiben, oder eher: von einer Figur an die Hand nehmen und entführen. Diese Anfangsphase in der ich selbst nicht weiss, ob und was “dabei herauskommen wird”, ist eine atemlose, berauschende – ein bisschen, wie wenn man sich verliebt.

Wie schreibst du? Noch mit Papier und Stift oder alles am Computer? Und: Hat das Schreibmittel deiner Meinung nach einen Einfluss auf den Schreibprozess?

Beides, ich versuche vor allem, unabhängig zu bleiben. Ich schreibe gern mit Bleisitift, weil es so etwas Vergängliches hat, das eine grosse Freiheit beinhaltet. Aber im professionellen Umfeld muss früher oder später alles im Computer enden.

Woher holst du deine Ideen für ein Buch?

Siehe oben: Eine Figur taucht auf und nimmt mich mit.

Ich hörte mal, der grösste Feind des Schriftstellers sei nicht mangelndes Talent, sondern die Störung durch andere Menschen. Brauchst du zum Arbeiten Stille und Einsamkeit, oder stören Sie andere Menschen nicht?

Talent ist keine objektiv messbare Grösse. Der grösste Feind des Schreibenden ist der Selbstzweifel. Die Frage, was andere denken könnten. Das scheint mir generell das grösste Hindernis auf dem Weg zum Glück, nicht nur beim Schreiben.

Du lebst aktuell in San Francisco. Wie beeinflusst der Ort, an dem du lebst, dein Schreiben?

Unterschiedlich. In Santa Fe war es vor allem die Landschaft, die mich inspirierte. In San Francisco sind es eher die gesellschaftlichen Umstände oder Bedingungen.

Dein Mann Victor ist auch Künstler – wie empfindest du das Zusammenleben von zwei kreativen Menschen? Ist es Segen, weil man die Antriebe des anderen versteht, oder auch ab und an schwierig, weil doch zwei Menschen mit eigenen Ideen und Projekten aufeinander treffen?

Gerade jetzt, in dieser Ausnahmesituation ist es ein Segen für uns beide, dass wir diesen Bereich haben, in dem wir uns, trotz allen Einschränkungen, auch austoben können. Wir werden vielleicht für unsere Arbeit nicht bezahlt, aber wir können arbeiten. Wir können uns ausdrücken. Ausleben. Das nimmt enorm viel Druck von der Beziehung. Victor unterstützt mich ausserdem bedingungslos.

Dein neustes Buch handelt vom Tod. Wurde dieser erst durch die Krankheit von Victor ein Thema für dich oder war er auch schon früher präsent und ein mögliches Thema für ein Buch?

Auf diese Art nicht. Die Beziehung mit Victor wird ja nicht nur durch seinen Gesundheitszustand, sondern vor allem auch durch seine Kultur beeinflusst. Durch ihn habe ich einen ganz anderen Umgang mit dem Tod kennengelernt. “Das schöne Leben der Toten” ist nicht “mein” letztes Buch, sondern ganz klar ein Gemeinschaftswerk.

Ich las mal, wenn es den Tod nicht gäbe, wäre das Leben sinnlos, weil wir ohne Beschränkung nichts tun müssten und würden. Lehrt uns der Tod zu leben?

Der Tod gehört einfach dazu, man kann ihn nicht vom Leben trennen. Der Tod ist die einzige Gewissheit, die wir haben: Wir werden alle einmal sterben. Es ist also recht absurd, diese Tatsache verdrängen oder überspielen zu wollen. Der Tod ist Teil des Lebens.

Du schreibst, wenn wir den Tod nicht fürchten, wird das Leben leichter. Kann man die Furcht vor dem Tod ganz ablegen? Wünschenswert wird er ja selten, was macht ihn in deinen Augen leichter?

Ich habe, seit ich denken kann eine gewisse Todessehnsucht im Sinn von einer grossen Neugier, einer Ahnung, dass da durchaus noch was kommt… aber was? Angst macht mir nur der Tod der anderen, der Verlust geliebter Menschen. Die mexikanische Vorstellung, dass die Toten das schönste Leben haben, mildert diese Angst ein wenig. Die Trauer jedoch bleibt. Und wie gesagt, wünschenswert oder nicht, der Tod ist eine Tatsache. Man lebt auf jeden Fall besser, wenn man sich damit anfreundet!

Wenn du auf deine Bücher zurück schaust, gibt es ein Lieblingsbuch, eines, das dir am nächsten ging, am wichtigsten war und noch ist?

Nein. Mich beschäftigt immer das, was ich gerade schreibe, egal ob es veröffentlich wird oder nicht. Das Geschriebene ist geschrieben.

Die meisten Schriftsteller lesen auch viel – gibt es Bücher, die dich geprägt haben, die dir wichtig sind, Bücher, die du empfehlen würdest?

Lesen und Schreiben gehören untrennbar zusammen. Als junge Frau hat mich vor allem die französische Literatur inspiriert, die Surrealisten, die Oulipisten, die Pataphysiker. Nicht in dem Sinne, dass ich ihnen nacheifern wollte, aber sie zeigten mir, was möglich ist: Alles.

Was wäre dein Rat an einen angehenden Schriftsteller?

Wer schreiben will, muss – schreiben.