Frei – unfrei

Es gibt Studien zum Verhalten von Kleinkindern und deren Bindung zu den Eltern. In einer Art Jojo-Effekt bewegen sie sich von den Eltern weg, um wieder zu ihnen hin zu laufen, danach etwas weiter weg zu gehen, wieder hinzulaufen. So werden die Abstände immer weiter, im Wissen, wieder zurückkommen zu können. Ich denke, dieses Wissen um den Halt in der Mitte lässt das Erkunden des Aussen, der Weite, der Welt möglich werden. Die Weite ist unsicher, haltlos, sie braucht einiges an Anstrengung. Das Zurückkommen ist die Erlösung der Anspannung, die Erleichterung. Das Kind kann wieder auftanken, Mut schöpfen, Geborgenheit tanken und damit die eigenen Batterien auffüllen. Es fühlt wieder den Schutz, die Liebe, die Sicherheit. Es lotet so aus, wie weit es gehen kann, ohne das Gefühl zu verlieren. Es lotet aus, wie weit es geht, bis es an Grenzen stösst. Grenzen des eigenen Vertrauens, des eigenen Mutes und an die Grenzen des Dürfens, des Erlaubten.

Der Mensch wird diesen Mechanismus wohl nie ganz los. Immer strebt er nach aussen, sucht das Weite, sucht die Freiheit. Er will Ketten sprengen, eigene Wege gehen, ungehindert, ganz nach seinen eigenen Wünschen, dem eigenen freien Willen (wie er denkt) folgend. Dieser Wunsch ist umso grösser, je stärker die Fesseln drücken, die der Alltag schnürt. Je mehr man sich unter Zwang fühlt, desto mehr sehnt man sich nach Freiheit. Möchte mal ausbrechen, einfach frei sein, tun und lassen können, was man will. Nicht um 6 aufstehen, nicht um 8 bei der Arbeit sitzen, nicht um 12 Mittagessen kochen, um um 2 wieder zu arbeiten. Man möchte frei weg gehen, ohne alles drum rum zu organisieren, möchte einfach mal in den Zug steigen und nach Irgendwo fahren, ohne zu denken, dass die Zeit nicht reicht, die Blumen verdursten, der Mann verhungert und das Konto überzogen wäre. Man möchte im Schlafanzug aufs Sofa liegen und ein Buch in einem Zug durchlesen, ohne dass irgendwer was von einem möchte. Und man möchte vor allem niemandem Rechenschaft ablegen müssen, wieso man das tut, was das bringt, wo der Sinn liegt in all dem.

Doch stellen wir uns das vor: Pflichten weg, Mann weg, Kind weg – kein Zwang, kein Muss, nur Sein. Was ist dann noch? Ok, ich schlafe bis 8, stehe auf, lese. Es ist ruhig. Sehr ruhig. Ich könnte in den Zug steigen. Wohin sollte ich? Eigentlich ist es gut hier. Also bleibe ich. Lese weiter. Ich geniesse es, keine Frage. Um 12 müsste ich eigentlich kochen. Wozu? Ist ja keiner da. Ich denke an die gemeinsamen Mittagessen. An die schönen braunen Augen des Kindes. An sein Lachen. Ich habe gar keinen Hunger, ich kann ja lesen. Endlich mal. Lese weiter, geniesse es. Kein „Mama, wo ist…..?“, kein „Mamaaaaa, darf ich……?“ und kein „Mamaaaaa, kannst du…..?“. Einfach ich. Ganz frei.

Und doch fehlt was. Es fehlt das Gewohnte. Das, was Halt gibt. Das, was da ist, worauf man bauen kann. Ohne diesen Halt wird das Leben haltlos, uferlos, es ufert aus. Wieso suchen so viele Menschen Zuflucht in Religionen, Sekten, Institutionen? Weil sie genau da ihren Halt finden, die Geländer für ihr Leben, die Grenzen, innert derer sie sich bewegen können. Mein Halt im Leben war lange Zeit mein Studium. Alles brach, alles ging drunter und drüber – das Studium war immer da. Der Abschluss war keine Freude. Mir fehlte mein Sinn. Mein Halt. Was ich vorher immer mied, Druck, Zwang, von aussen auferlegte Aufgaben, das war weg. Ich hatte Glück, ich konnte weiter forschen.

Daneben war mein Kind. Eine sichere Konstante. Sie beide schrieben meinen Rollen: Philosophin und Mutter. Einerseits Last – aber ohne wäre ich wohl untergegangen, sie waren auch identitätsstiftend. Wenn ich das so denke, merke ich, dass ich wohl eher sonderbar bin. Ab und an wünschte ich, die Dinge gar nicht zu hinterfragen, das Leben wäre wohl einfacher. Wen kümmert schon Identität, man ist, wer man ist. Was gibt es da zu denken? Muttersein ist biologische Tatsache, wieso muss man das philosophisch hinterfragen? Nun gut, ich bin, wie ich bin, ich werde aus dem Hinterfragen kaum ausbrechen.

Was also ist der richtige Weg? Freiheit wird oft als höchstes Gut gewertet und doch scheint sie der Mensch nicht auszuhalten. Er sucht nach Halt, er sucht nach Schutz und Sicherheit. Nimmt man einem Menschen jeglichen Halt, fühlt er sich haltlos und damit hilflos. Zwänge und Einschränkungen scheinen zwar auf der einen Seite einzuengen, auf der anderen Seite geben sie eine Orientierung. Etwas, woran man sich halten kann.

Der Mensch sucht förmlich danach. Er sucht nach dem Partner, der diesen Halt versprechen kann, er sucht nach dem Status, der ihm diesen Halt in der Gesellschaft gibt. Die heutige Zeit löst immer mehr auf, was mal Halt war. Ehen werden zur Massenware, Arbeitskräfte austauschbar. Werte wechseln wie Unterhosen und Trends überleben kaum noch ihre Niederschrift. Die Menschheit krankt, mit ihr der Mensch an sich. Die einen streben hoch und höher, die anderen besinnen sich auf sich und kämpfen  mit dem Untergang. Glücklich ist keiner und die Lage ist ernst. Wo ist die Lösung? Vielleicht sollten wir uns ein Beispiel am Kleinkind nehmen. Es weiss, dass es den Halt braucht, es weiss, dass gewisse Grenzen lebensnotwendig sind und es sucht nach den Grenzen. Es muss nicht immer weiter gehen, es reicht, die Grenzen zu suchen, sie auszuloten, mit ihnen zu spielen. Im Wissen, dass der Halt, der Mittelpunkt wichtig ist. Ohne diesen sind wir verloren.

Neues zu entdecken, weiter zu kommen, ist nicht schlecht. Schwierig wird es dann, wenn das, was ist, was hält, was gut ist, abgelehnt wird, nur weil es schon da ist, weil es nicht neu ist, weil es nicht spannend ist. Neu ist nicht immer besser. Es ist anders. Es mag weiter bringen. In einem Bereich. Etwas wird wegfallen. Und dieses Etwas ist immer ein Teil von einem selber, da man selber immer Teil von dem ist, was war. Wirklich frei ist man nie, zum Glück. Wirkliche Freiheit wäre unendliche Einsamkeit. Alles, was hält, wäre dahin, alles, was stützt, eingebrochen. Wer wäre man dann noch?

Überkochende Töpfe oder von Ängsten gesteuertes Verhalten

Das Misstrauen gegenüber anderen widerspiegelt oft deutlicher die eigenen Ängste als die angeblichen Verhaltensweisen der anderen.

Ich bin eifersüchtig. Ich behaupte, es ist ein gesundes Mass von Eifersucht, rational, begründet, ab und an auch unbegründet, aber nie rabiat, Teller schmeissend, Szene machend. Einfach da.

Das ist die Theorie. Kommt dann eine Gelegenheit, da brodelt es. Brodelt hoch, kocht über wie eine Pfanne mit Wasser, das siedet, schäumt, überkocht. Wieso lächelt mein Mann die Frau an? Redet mit der? Wieso schaut sie ihn so an? Das geht ja gar nicht. Meine Blicke werden tötend. Meine Sprüche spitzig, giftig, treffend. Ich weiche aus. Lasse nichts mehr zu. Maure.

Die nächste Stufe ist unter vier Augen. Ich stichle. Unterstelle. Tobe innerlich und agiere äusserlich mit immer groberen Aussagen. Weiss selber, dass ich mich versteige, kann nicht aufhören. Bin verletzt, getroffen. Wieso? Er hat nichts gemacht. Sie vielleicht was gewollt, es nicht gekriegt. Was also geht ab? Die pure Angst. Meine Angst. Die ich auslebe anhand von gefürchteten Gefahren, nicht eingetretenen Projektionen.

Vielleicht habe ich es erlebt, dass ich verletzt werde, verlassen werde, betrogen werde. Ich fürchte, das könnte wieder passieren. Fürchte, ich könnte wieder leiden. Misstraue, weil ich erfuhr, dass Vertrauen missbraucht werden kann und dass dies passierte. Ich lege einen Schutzmantel an, schärfe meine Sensoren, damit das nicht nochmals passiert. Die Sensoren reagieren auf Kriterien, die ich festlege, die Gefahren zeigen. Ich will nicht nochmals blöd da stehen. Lieber gleich reagieren. Die Sensoren sind hochsensibel. Sie reagieren. Aufgrund von Erfahrungen. Zwar sind die Auslöser präsent, gegenwärtig, aber es sind keine wirklichen Ereignisse, Betrüge, es sind nur Dinge, die dahin führen könnten, Ängste zu bestätigen, die bereits in mir schlummern aufgrund von Erfahrungen, die ich in der Vergangenheit gemacht habe.

Mein Mann war wohl nur nett, konnte die Frau ja nicht einfach anschweigen oder grimmig anschauen. Die Frau war wohl ebenfalls nett, was für einen Grund hätte sie, meinen Mann anzumotzen, fies zu ihm zu sein oder unfreundlich. Und ich  – sitze hier mit meinen Ängsten, die mir selber Gefängnis werden, aus dem ich nicht ausbrechen kann. Ich sitze hier und durchschaue mein Tun, verfluche es und tue es doch. Weil es kocht und brodelt. Und die Angst besteht. Dass eine kommt, die besser, toller, klüger, schöner ist. Eine, die geschickter wirbt – ich bin ein Trampel. Eine, die es drauf anlegt – ich bin einfach ich, man mag’s oder nicht. Eine, die wirklich will und es zeigt. Das liegt mir nicht.

Diese Ängste haben wir in vielen Bereichen. Jeder hat seine Schwachstelle, die verletzlich ist. Das Leben ist nicht immer fair. Es prägt. Die Prägungen graben sich ein, werden zu Spuren, die wie Schienen das Verhalten steuern. Und wir rattern die ewig selben Muster ab. Manchmal schon beim Tun wissend, dass es nicht richtig ist, doch ausbrechen geht nicht. Spätestens nachher wissen wir: Da lief ein Muster. Das war nicht gut. Das war nicht angebracht. Und doch kochte der Topf über. Oder bin nur ich so?

Freiheit oder Überleben

Der Mensch ist frei. Sein freier Wille ist es, das ihn von den Tieren abhebt. Er kann entscheiden, was er tut, kann wollen, kann wählen. Tiere können das in einem begrenzten Mass auch, aber nicht so ausgeprägt, wie der Mensch. So die Theorie bis vor kurzem. Es gab zwar Stimmen dagegen, die der Determinsten, die alles als vorgegeben sahen, sei es durch die Natur oder göttliche Fügung. Die Gegenspieler beharrten drauf: Der Mensch ist frei.

Ich kann also wählen, was ich will. Ich kann frei entscheiden, was ich tue und frisch fröhlich drauflos gehen. Freiheit ist, wenn keine Hindernisse da sind – äussere wie innere. Soweit so gut. Ich will also auf einen Berg steigen. Ich bin aber nicht schwindelfrei. Nun kann man sagen, ich will das gar nicht, wieso sollte ich das wollen, wenn ich doch die Höhe nicht mag? Ich könnte lesen wollen. Einen ganzen Roman. Er ist spannend. Ich will nicht aufhören. Eigentlich müsste ich arbeiten. Kann ich schwänzen. Das hat Konsequenzen vielleicht, aber das könnte ich so entscheiden. Irgendwann müsste ich mal was essen. Nun gut, Diät ist auch nicht schlecht, ich lese weiter. Ich sollte aufs Klo. Ich verklemme das. Unendlich geht das nicht. Wo ist mein freier Wille nun? Ich will doch lesen. Nicht aufs Klo gehen. Kinder lassen laufen, im Spiel versunken. Als Erwachsener? Könnte man… kann man nicht. Man könnte doch… man geht aufs Klo. War das Entscheid? Musste ich? War ich frei? Ich war wohl frei in der Wahl, wo ich es laufen lasse, aber dass ich es laufen lassen muss, das war erzwungen. Wo also ist diese Freiheit? Doch schlussendlich Triebe, die Motive sind, die antreiben, die Handlungen erzwingen?

Vielleicht ein Zusammenspiel von vielem? Natürliche Grundtriebe lassen sich nicht steuern, doch wie man damit umgeht, hat man in der Hand? Eine Teilfreiheit? Ein Jein? Das befriedigt nie. Man möchte ganz – besser als gar nicht, wobei das immer noch eine klare Linie wäre. Ein bisschen hier und bisschen da ist so lau, so fad. Das mag man nicht, es hat den langweiligen Anstrich des Unentschieden. Und doch ist es wohl am Ende das, was überlebt. Die Balance zwischen den Extremen, die Anpassung. Anpassung ist Überleben und das ist das höchste Ziel.

Das war es zumindest mal. Als man genug damit zu tun hatte, zu sehen, dass man überlebt, waren Themen wir Freiheit und Glück kaum je im Gespräch. Es ging um pure Notwendigkeiten. Lebensnotwendigkeiten. Wenn die gesichert sind, wendet man sich neuen Projekten zu. Die Frage, ob das wirklich sinnvoll ist oder man einfach nur froh sein könnte, dass es einem so gut geht und man überlebt, ist wohl eine sehr ketzerische, die Antworten wie: „Das wäre Stillstand“ oder: „Wir wären nie so weit gekommen, wie wir sind“ aufs Tapet rufen würden.

Ja, vermutlich hätten wir einige Entdeckungen und Erfindungen nicht gemacht. Vermutlich wäre der Büchermarkt um einige theoretischen Werke ärmer. Sehr wahrscheinlich wären die Psychiater seltener und schlechter verdienend und die Menschheit vielleicht immer noch auf dem Plumpsklo. Was wäre schlimm daran? Wir wüssten ja gar nicht, dass es mehr gäbe, aber wir würden alle leben.

Das Gute und das Schlechte – ein Regenbogen des Lebens

Bin ich gut, wie ich bin? Geht es mir gut, so wie es mir geht? Ist mein Leben ein gutes Leben oder müsste etwas besser sein? Wie entscheide ich, was gut ist und was schlecht? Was sind generell Kriterien für gut und schlecht?

Ganz schnell gesagt wäre gut das, was ich gerne möchte. Ich möchte es, weil es gut ist. Und schlecht wäre dann das, was ich gerne miede, wovon ich Abstand nehme. Das liegt auf der Hand, man weiss dabei noch nicht, ob ich etwas möchte und es drum gut ist oder aber ob es gut ist und ich es drum möchte. Wird etwas erst durch das Wollen gut oder ist es das schon und das Wollen strebt nach dem Guten? Offen bleibt noch immer: Was macht das Gute zum Guten?

Oft sind es Wertvorstellungen. Diese sind vielschichtig genährt. Kulturell, gesellschaftlich und auch teilweise ideell. Und ab und an streiten diese Kriterien miteinander. Was gesellschaftlich gefordert ist, geht eher den ökonomischen Weg, der ideelle Weg eher den romantischen. Was genau ist dann gut? Wäre es nicht ein Zirkelschluss, könnte man sagen, dass das gut ist, was gut ist. Eine neue Komponente käme dazu, wenn man sagte, dass gut ist, was man als gut erachtet. Da ist eine Instanz, die bestimmt, was gut ist. Gut wird zum Normbegriff. Dinge müssen erfüllt sein, damit etwas gut ist. Welche sind das?

Es darf keinen Schaden anrichten. Dann ist es ethisch gut. Es darf kein Leid verursachen. Das ist das Wohlfühlgut. Es ist erstrebenswert, das Nachfragegut. Es muss was bringen, das Vermögensgut. Und es gäbe wohl noch viele guten Güter. Bringt uns das weiter? Wieso streben wir nach dem Guten? Woher hat es seinen Reiz? Und wenn wir all das Gute haben, was haben wir dann?

Oft hilft ein Blick auf das Gegenteil dessen, was man zu eruieren sucht: Das wäre hier das Schlechte. Wir meiden es. Wieso? Das Schlechte wird mit all dem in Beziehung gebracht, das wir nicht haben wollen. Es bringt Leid (wir fühlen uns nicht wohl), es bringt Verlust (wir vermissen das Vermögen), wir wollen es nicht haben (wir rennen davon, erstreben das Gegenteil), wir wollen so nicht sein oder handeln (es widerspricht unserer Vorstellung von Moral und Ethik).

Sind wir nun weiter? Es ist zu sehen, dass das Gute all das ist, was wir wollen und das Schlechte all das, was wir nicht wollen. Von unserem Standpunkt aus sind es zwei Seiten ein und desselben – unseres Wollens. Und unseres Wertens. Wir schauen hin, sortieren aus, streben nach dem Einen, meiden das Andere. Wie die Tauben bei Aschenputtel – die guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen – nur dass wir es gerne andersrum hätten – die Guten essen, die Schlechten wegwerfen, wir sind ja nicht Mutter Wohlfahrt. Oder wäre gerade das gut? Die Schlechten essen, die Guten weitergeben? Dann wäre ja gut, das Schlechte zu behalten, das Gute zu geben? Und schlecht wäre, am Guten zu haften, das Schlechte zu geben?

Aus egoistischer Sicht behalten wir das Gute, aus altruistischer geben wir es her.  Realistisch wäre wohl, dass alles zwei Seiten hat, man keine verneinen kann, da die andere sonst nicht existiert. Das Streben nach dem Guten muss misslingen, wenn man dabei das Schlechte ausblenden und meiden will. Das Schlechte ist der Preis für das Gute, dass es überhaupt als Gutes existiert und wahrgenommen werden kann. Geschätzt werden kann. Dabei ist es irrelevant, was nun gut und was schlecht ist. Alles gehört dazu und macht in seiner Fülle, seiner Ganzheit das Leben aus. Das nie nur schwarz oder weiss ist, sondern ein Sammelsurium aus den verschiedensten Farben. Einige mögen wir, andere weniger, alle gehören sie zum Regenbogen.

Auswüchse der Profitgier oder: Jeder ein Manager

Da man vom Kader unentgeltliche Überstunden erwarten kann (schön geregelt im OR), erhebt ein Unternehmen alle seine Mitarbeiter gut und gerne in den Managerstatus(so wird zum Beispiel aus dem Hausabwart ein Facility Manager, der weiteren Beispiele wären viele…). Alter Wein in neuen Fässern.

Das bringt den so Beförderten im ersten Moment den Stolz des Titels, im zweiten das Nachsehen im eigenen Portemonnaie. Das Unternehmen auf der anderen Seite kann auf eine grosse Dichte an ausgewiesener Führungsqualität verweisen (man sehe die vielen Titelträger) und spart Ende des Jahres an Ausgaben, was dem Umsatz wiederum zu  Gute kommt. 

 

Es lebe die Wirtschaft. Oder doch: Mehr Schein als Sein?

Sexismus – Ausbeutung der Frau

Kaum sieht man ein eher freizügiges Bild einer Frau oder eines, das gewisse Körpermerkmale deutlich operiert zeigt, geht ein Aufschrei durch die Reihen der emanzipierten Schreiberinnen von Kolumnen in Zeitungen und Zeitschriften. Es wird angeprangert, dass die Werbeindustrie sexistisch sei, dass der Körper der Frau ausgebeutet werde, dass Assoziationen heraufbeschworen würden, die zu anzüglich seien, da sie die Frau zum Sexobjekt degradierten. 

Mir sind diese Plakate nie wirklich aufgefallen. Vielleicht schaute ich mal hin und fand die Kleidung schön, den Bikini hässlich oder die Figur gut – oder nicht. Meistens machte ich mir kaum Gedanken darüber. Bin ich oberflächlich? Ignorant? Weil ich mich als Frau nicht degradiert fühlte durch solche Instrumentalisierungen von Frauenkörper, die sich noch dazu freiwillig angeboten haben, so abgelichtet zu werden zu Zweck, das damit beworbene Produkt an den Mann und die Frau zu bringen? 

Oft wird das Argument nachgereicht, dass diese Bilder junge Mädchen zu falschen Körperidealen führten, somit Magersucht und sonstige Essstörungen befördert würden. Noch nie war die Menschheit so dick (durchschnittlich) wie heute… Magersüchtige gibt es, Esstörungen nehmen zu. Doch sind sie wirklich solchen Bildern geschuldet? Dass eine Esstörung eine Krankheit und kein Nachahmungswahn ist, ist hinlänglich bekannt. Sie hat psychische Ursachen und es ist ein Suchtcharakter, der dahinter steckt. Diese Bilder mögen einen Schritt auf dem Weg in die Krankheit ausmachen, aber sie sind weder Grund noch Ursache und schon gar nicht ausreichende Erklärung. 

Was also ist so problematisch an diesen Bildern? Sie werden freiwillig gemacht von Frauen, die sich ihren Traum als Fotomodell zu arbeiten erfüllt haben. Sie werden von Fotografen gemacht, die sich ihren Traum von ästhetischen Bildern und was sie und die Werbeindustrie dafür halten erfüllt haben. Und sie werden gesehen von Menschen, die sich frei entscheiden können, ob sie das Produkt aufgrund dieser Werbung kaufen wollen oder nicht.

Wo bleibt eigentlich der Aufschrei beim Cola Zero Mann, der mit nacktem, muskulösem Oberkörper rumstolziert? Wie viele Männer sehen wirklich so aus? Wird der Ärmste instrumentalisiert, um unterbediente Hausfrauen beim Cola-Genuss zu erfreuen und dieses damit mehr zu verkaufen? Oder ist das ganz was anderes, weil man sich nun mal auf Frauen und ihre Rechte konzentriert und der Rest schauen kann, wo er bleibt? Chippendales und Callboys erwähnen wir hier gar nicht mehr, das ginge in die selbe Richtung. Auch sie kaum erwähnt bei der dahingehenden Diskussion um Feilbieten von Körpern. 

Vielleicht verstehe ich es einfach nicht. Wo genau liegt das Problem?

Der Halt im Leben

Man ist Kind, wächst auf unter der Obhut der Eltern. Zwar findet man nie alles toll, was die tun, findet vieles sogar ungerecht, falsch, zu streng, völlig daneben. Und doch sind sie ein sicherer Hafen (im guten Fall), ein Halt, ein Auffangnetz.

Irgendwann setzt die Pubertät ein. Man strampelt sich frei, rebelliert, setzt sich gegen die Eltern, steht auf, will eigene Wege gehen. Und doch sind sie im Ernstfall immer noch da (im besten Fall) und sind Halt, Stütze, Zuhause. Der sichere Wert, auf den man bauen kann.

Man wird erwachsen, zieht aus, geht wirklich eigene Wege. Die Eltern bleiben da. Auf Distanz, mal mehr, mal weniger, sie sind ein fester Bestandteil des Lebens. Sogar wenn man verkracht ist, sind sie ein Orientierungspunkt. Entweder will man sein wie sie oder gerade anders. Immer aber sind sie der Punkt, der ein sicherer Wert ist. Man fühlt sich nie verloren.

Beziehungen kommen, sie gehen. Die zu den Eltern bleibt. Ob gut oder schlecht, sie ist da. Was wäre man ohne Eltern? Haltlos? Man suchte wohl einen anderen Halt. Menschen brauchen irgendwo einen, sonst fühlten sie sich haltlos, würden ungehalten, gerieten in die Gefahr, zu fallen. Manchmal empfindet man den Halt als einengend, zürnt, hadert. Denkt, er schränke einen zu stark ein, man möchte ihn los sein. Doch wenn es hart auf hart kommt, wie froh ist man dann um ihn?

Wann wird man erwachsen? Wann kann man diesen Halt ablegen? Was, wenn er einfach entzogen wird? Wenn es von einem Tag auf den anderen heisst: Dein Platz hier ist nun weg. Wir geben ihn auf? Wir lieben dich, aber da ist einfach kein Platz mehr? Früher hatte man immer im Hinterkopf: Wenn alle Stricke reissen, da ist noch ein Platz, ich stehe nie im Schilf. Und dann ist der weg. Anderes war wichtiger (zurecht, es ist ihr Leben – oder sind Eltern ein Leben lang dazu da, ihre flügge gewordenen Kinder zu halten?), man musste sich entscheiden.

Der Verstand sagt: Alles gut, es war richtig und ich habe kein Recht, etwas anderes zu sagen. Das Herz blutet. Die Seele wankt. Alt genug bin ich. Etwas verlangt habe ich nie. Von niemandem. Ich bin so doof. Vielleicht gehofft… und vertraut. Und ein ums andere Mal gemerkt: Wenn es hart auf hart kommt, ist sich selber jeder der Nächste. Wieso also auf andere bauen? Kann man das?

Yoga – der Weg ins Glück?

Yoga ist Kult. Jeder betreibt Yoga, der was auf sich hält. Wie es früher zum guten Ton gehörte, zu Teegesellschaften oder in Salons zu gehen, so geht man heute zum Yoga. Die Dame von Welt ist auf der Suche nach sich selber, nach Ruhe und Stille durch Meditation und wohltuende Körperübungen. Man will der westlichen Welt mit all ihrem Leistungsdruck, ihrem Statusdenken, ihrem Kapitalismus abschwören und sich in der alten Tradition der Innenschau schulen.

So die Theorie. Waren es anfangs noch ein paar Aussteiger und kurlige Vögel, so betreiben heute Lady Highsociety und der Herr Geschäftsmann Yoga. Und alle erzählen sie von ihrem Aha-Erlebnis, von all den positiven Nutzen, die Yoga in ihr Leben brachte. Das Leben im Hier und Jetzt wird propagiert, der achtstufige Weg von den Verhaltensnormen bis hin zur Erleuchtung runtergebetet, einzelne Yogasutras zitiert und die Mala am Handgelenk gebüschelt.

Die frühen Vögel fingen den Wurm, indem sie Richtungen mit ihrem Namen und ihrem Konzept prägten. Weitere Vögel folgten und sprangen auf den Ast auf. Studios spriessten aus dem Boden, eines glänzender und grösser als das andere. Ausbildungen kamen nach, alle mit noch universaleren Namen. Allianzen entstanden national und international, Standards wurden geschaffen, so viele, dass keiner mehr den Durchblick hat. Bücher bevölkerten die Ladentische, alle mit den ewig selben Inhalten, alter Wein in neuen Fässern.

Was ist Yoga? Die Besinnung auf das Hier und Jetzt, der Weg nach Innen. Die Auseinandersetzung mit sich selber und die Erlangung eines stillen Geistes. Wo in dieser schreienden Yogawelt von Designeryogakleidern, Edelmatten, Nobelstudios ging das hin? Ist die Yogalehrerin mit diamentenbesetzten Malaketten und rotgeschminkten Lippen wirklich auf ihrem Weg oder aber auf dem Weg, der in ihr selbstgemachtes Glück führt, das kaum etwas mit Yoga, mehr mit Business zu tun hat?

Klar kann man sagen, dass auch Yogalehrer leben müssen. Sie bauen ein kleines Imperium auf, hoffen auf ein grösseres und bedienen sich des Yogas, dieses zu erreichen. Der Boom hält an, er wird wie jeder auch mal abnehmen. Schneeballprinzip. Wenn jeder die Ausbildung zum Lehrer machen, danach selber loslegen kann, dann gibt es bald mehr Studios als Schüler. Ob dann die  grosse Freude an der angestrebten Erleuchtung noch dieselbe ist, wage ich mal ganz kess zu bezweifeln.

Was heute in der Yogaszene passiert, hat leider wenig mit dem ursprünglichen Gedanken von Yoga zu tun. Man kann nun sagen, der Yoga macht es im Gegensatz zu unseren Kirchen richtig: Er passt sich den Gegebenheiten und Ansprüchen des heutigen westlichen Lebens an und adaptiert die da portierten Werte. Verkauft wird immer noch östliche Philosophie, dahinter steht Profit und westlicher Spirit. Das ist nicht grundsätzlich schlecht, das ist Ökonomie und damit heute und hier anerkannt. Ob es glückselig machend ist, sei dahin gestellt. Unterm Strich kann man sagen, dass niemandem damit geschadet wird. Die Menschen, die die Maschinerie nähren, bewegen sich, finden etwas für sich, das ihnen (für den Moment zumindest) gut tut und nehmen etwas in ihr Leben hinein.

Zum anderen kann man sagen: Zum Glück sind nicht alle so. Es gibt auch noch die Yogis und Yoginis, die nicht mit 100 Ausbildungen prahlen, in jede Kamera lächeln und sich über den Klee loben. Es gibt noch die, welche durch ihr Wesen strahlen, die leben, was sie lehren und den Weg für sich gehen. Innerlich und ehrlich. Es sind die, welche sich nicht etwas überstülpen, sondern wirklich denken, was sie sagen und glauben, was sie beschwören. Allerdings hat das dann wenig mit Yoga zu tun, sondern mit Authentizität. Es hat damit zu tun, dass man ist, wie man fühlt und das nach aussen darstellt. Das wird jedem, der damit konfrontiert wird, etwas geben. Und das ist wohl auch die wirkliche Philosophie des Yoga. Unabhängig von glänzenden Räumen, glitzernden Tops und klirrenden Malas.

Wenn Profitgier die Schere zwischen arm und reich weiter macht

Die NZZ und auch „Le Temps“ wollen ihre Onlineportale kostenpflichtig machen. Das ist sicher ihr gutes Recht, jeder kann für das Produkt, das er anbietet die Verteilungsstrategie wählen, die ihm beliebt. Dass kaum mehr was umsonst ist, ist in dieser Welt nichts Neues. Ein Experte meinte denn auch, dass die Strategie wohl aufgehen werde, die NZZ damit eine Vorreiterrolle übernähme, der andere folgen könnten. Dazu käme, so der Experte, dass die NZZ eher ein Blatt für die höhere Schicht sei, die dadurch auch zahlungskräftiger sei und damit wohl bereit, die Gebühr zur Nutzung aufzubringen. 

Legitim ist das sicher alles. Trotzdem stossen mir gewisse Dinge auf:

In der heutigen Zeit hat nicht jeder mit einer hohen Ausbildung auch eine gut bezahlte Stelle hat. Der Arbeitslosenmarkt macht auch vor Uniabgängern nicht halt. Des Weiteren ist zu bemerken, dass nicht jeder nicht Studierte gleich ungebildet und vor allem desinteressiert ist. Die Gleichung: Interessiert = zahlungskräftig ist eine, die nicht aufgeht. Wenn man nun den Interessierten jeglichen Zugang verunmöglicht, ist das zwar wirtschaftlich legitim, doch auch irgendwo traurig. Die volle Version war schon bisher zahlungspflichtig, wenn die abgespeckte Variante nun folgt, sind die Türen dicht. Klar gibt es andere Zeitungen, keine Frage, wenn die aber wirklich nachziehen?

Es gibt noch ein weiteres Problem: In einer Demokratie gilt der Mehrheitsentscheid. Entscheide sind dann vernünftig und durch Argumente und Wissen abgedeckt, wenn man sich informieren konnte, wenn man die Möglichkeit hat, den Dingen auf den Grund zu gehen und sich eine Meinung zu bilden. Woher soll die Meinung kommen, wenn die Informationen nicht mehr zugänglich sind? Wie soll man sich weiter bilden, wenn am Schluss nur noch 20 Minuten Und Blick gratis sind? Die Demokratie ist in der Krise. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Krise ist ein Wort, das heute in aller Munde ist, damit nicht sympathischer wird. Man kann aber sagen, dass die Beteiligung an demokratischen Mitteln abnimmt und die Entscheide oft eine Richtung annehmen, die mehr als ungeheuer ist. Die Einschränkung des Zugangs zu Informationen, die über Boulevardniveau hinausgehen, wird das nicht verbessern. 

Schon die Vorreiter der Demokratie, zu nennen sind neben anderen  Rousseau und Tocqueville, haben alle dasselbe gesagt: Eine Todesursache für eine funktionierende Demokratie (wie sie damals gesehen wurde) ist ein zu grosser Wohlstandsunterschied. Die Stütze dieses Staatsmodells wäre ein gesunder Mittelstand. Dass dieser heute schon lange krankt, ist eine traurige Tatsache, doch die Schere tut sich immer mehr auf. Ob dem entgegenzuwirken ist, sei dahingestellt, wie das geschehen könnte oder sollte braucht mehr Platz und Zeit und bräuchte vor allem den Willen derer, die in Positionen sind, welche es erlauben, an den Zuständen zu schrauben. Wenn die Wohlstandsschere aber immer mehr auch Bildung und Informationszugang betrifft, dann nimmt das Ganze Züge an, die mehr als bedenklich sind. Und das wäre spätestens der Zeitpunkt, an dem man sich fragen müsste, ob man damit wirklich etwas Gutes tut oder ob diese Profitgier, die sich bei der Erhebung von Gebühren für die Onlineplattform zeigt, nicht schlussendlich – wenn diese Tendenz um sich greift und sich mehr und mehr vertieft, weil einer dem anderen nachfolgt – das Fundament zerstört, auf dem die ganze Wirtschaft überhaupt steht. 

Wenn diese Tendenzen um sich greifen, wird irgendwann die Basis einer gerechten Demokratie völlig unterlaufen sein. Dann werden sich arme Information nicht mehr leisten können, sie werden dadurch entweder der Chance beraubt, wirklich am Entscheiden teilzuhaben oder aber man läuft Gefahr, dass sie sich auf die Informationen stützen müssen, die ihnen noch gratis geboten werden. Das wäre ein gefundenes Fressen für all die, welche durch manipulative Informationsstreuung ihre eigenen Interessen stärken wollen. Am Schluss wundert sich dann jeder, wieso Volksentscheide ausfallen, wie sie es tun, wieso gewisse Parteien Zulauf haben, andere Treten an Ort praktizieren. 

Es ist mir klar, dass die Gebühren für eine oder zwei Onlinezeitungen noch nicht den Untergang der Welt bedeuten und es durchaus andere Missstände gibt. Trotzdem denke ich, dass sie Auswüchse dessen sind, was an den Grundfesten heutiger Gesellschaftsordnungen rüttelt: Die Kurzfristigkeit des Denkens und die Ausrichtung auf den eigenen Profit ohne Rücksicht auf mittel- und langfristige Folgen, ohne Rücksicht auf ein gewisses Mass an Fairness. 

Genug ist nicht genug

Konstantin Wecker singt in einem Lied „Genug ist nicht genug“. Es ist ein Lied des Aufbruchs, ein Lied, hinauszugehen und das Leben zu entdecken. Es ist ein Lied, sein Leben in die Hand zu nehmen und eigene Wege zu gehen, sich nicht im Alltagstrott auszuruhen, nicht fremde Dogmen zu akzeptieren, sondern seine eigene Wahrheit zu suchen. Im Sinne Konstantin Weckers eine gute Sache. Sie ruft auf, sich auf sich selber zu besinnen und auszubrechen aus äusseren Zwängen. Doch im Satz „genug ist nicht genug“ liegt auch eine Gefahr. Ich denke, daran krankt die Menschheit heute. 

Genug heisst, dass das, was man hat, genug ist, es ausreichend ist. Nun kann man sich fragen, was es heisst, genug zu sein. Was muss im Leben abgedeckt sein, dass man sagen kann, es ist genug? Einigkeit besteht sicher bei den Grundbedürfnissen. Wenn diese abgedeckt sind, ist schon mal viel gut. Viele Menschen können davon nur träumen. In unseren Breitengraden sehen wir das als selbstverständlich, wir denken kaum mehr dran, dass das nicht Standard sein könnte und setzen die Messlatte entsprechend höher. Grundbedürfnisse wäre blosses Überleben, doch wir wollen leben, das braucht mehr. Das minimale „Genug“ ist nicht mehr genug. 

Nur: wann ist es nun genug? Die Ansprüche gehen hier wohl auseinander. Und ich denke, mit wachsenden Möglichkeiten werden die Ansprüche höher.

Das Streben nach immer Besserem vergiftet die Freude am eigentlich Guten in deinem Leben.

Wer genug zum Überleben hat, hätte gerne ein Auto. Wer ein Auto hat, hätte gerne ein teureres. Dann kommen Ferien, das Haus, die Yacht, der Schmuck.. die Kleider sollen nicht mehr H&M, sondern Gucci sein… die Liste ist unendlich. Genug kann es nie mehr sein. Die Freuden am Neuen werden kürzer, noch mehr Neues muss her. Konsum wird zur Sucht und die Befriedigung nimmt in der Dauer ab – kontinuierlich. Nun kann man da den Moralzeigfinger schwingen und sich auf die armen hungernden Kinder in Afrika besinnen. Ich denke, das wird nichts bringen. Wir sind nicht in Afrika, so schrecklich die Zustände da teilweise sein mögen. Es ist zu weit weg. 

Was aber nah ist, ist die eigene Unzufriedenheit. Und irgendwann könnte einem aufgehen, dass man selber etwas dazu beitragen könnte, zufriedener zu sein. Es könnte einem aufgehen, dass das immer höher hinauf Wollen nicht allselig machend ist. Es könnte einem aufgehen, dass mehr nicht besser und besser nicht Glück bringender ist. Dabei möchte ich nicht sagen, dass man nicht geniessen soll, was man hat – jeder nach seinen Möglichkeiten. Keiner soll auf Grundbedürfnisse zurück schrauben müssen, wenn er mehr hat und mehr kann. Das wäre unrealistisch und die Forderung entspricht wohl eher dem Neid des Besitzlosen als der Wirklichkeit. Aber mit dem Mehr dann zufrieden sein, das wäre schon mal ein guter Anfang. Ein paar Träume, die darüber hinaus gehen, sind sicher Motivator, sich weiter anzustrengen, zu viele Träume mehr Grund, sich irgendwann unglücklich fallen zu lassen. 

Geld oder Liebe?

Als ich Kind war, gab es im Fernsehen die Sendung „Geld oder Liebe“, in der auf spielerische Weise Wettbewerbe zu bestehen waren und am Schluss eine Entscheidung darüber gefällt werden musste, ob man sich für die Liebe – den Mann/die Frau vor Ort – oder aber für Geld – den erspielten Betrag – aussprechen möchte. Der Romanitker hätte gerne die Liebe gewählt gesehen, da ich noch jung war, überwog der immens. Der kleine Rationalist in mir sagte zwar schon, dass es a) nur ein Spiel, b) der anwesende Mensch ein unbekanntes Zufallsprodukt und c) wirkliche Liebe anders aussehen müsste. Trotzdem wäre es schön, den Himmel voller Geigen (oder Herzen) zu sehen und sich im Geiste ein „und sie lebten fortan in Glück und Frieden“ vorzustellen.

Wie ist es im wirklichen Leben? Was zählt, was ist wichtig, wofür entscheidet man sich, wenn es hart auf hart kommt? Was sind die Kriterien der Partnerwahl? Entscheidet nur das Herz, wo der Pfeil des Amor einschlägt, bleibt er stecken, ungeachtet dessen, was diese Einschussstelle mit sich bringt, oder zählen auch andere Werte, andere Kriterien? Welchen Stellenwert hat Geld? Welchen gleiche Interessen, gleiche Vorstellungen, gleiche Lebensmuster? Oder sind es gerade die gegensätzlichen Einstellungen, die anziehen?

Die erste spontane Antwort auf diese Frage ist sicher: Nur die Liebe zählt. Wo sie hinfällt, wächst nicht kein Gras mehr, sondern da wächst ganz viel. Wie aber fällt die Liebe? Einfach so? Aus dem Nichts auf einen Menschen? Was macht den anderen zu dem Menschen, den man liebt? Wie verliebt man sich? Haben die Biologen recht, wenn sie von den 3 Sekunden der Entscheidung aufgrund irgendwelcher Lockstoffe und passenden Gerüche sprechen? (Herr Biologe, zu Hilf!) Haben die Psychologen recht, die auf einer ähnlichen Schiene fahren und auch eine kurze Zeit als Matchentscheidend sehen? Wo aber bleiben da die Eigenheiten des anderen? Die Übereinstimmungen? Die Gemeinsamkeiten oder Gegensätzlichkeiten, die so anziehend sein sollen? Alles Schall und Rauch, da wir nur Trieb und animalisch gesteuert sind?

Wo blieben dann all die inneren Werte? Die kennt man doch gar noch nicht. Oder drücken die sich im Geruch aus? Riecht man, ob der andere hilfsbereit, intelligent, verlässlich, treu, ehrlich, verantwortungsbewusst und humorvoll ist? Wenn es nicht der geruch sondern doch ein Anflug von romantischer Liebe per Pfeilschuss ist: sind es dann die inneren Werte oder irgendwelche Phantasien, die der andere weckt? Und woher stammen die Phantasien? Sind sie nicht auch im weitesten Sinne verstandesprodukte? Wie weit entfernt sind wir dann noch vom Geld? Die Phantasie von der goldenen Kreditkarte, man selber in Highheels, gut aussehend neben dem machtvollen erfolgreichen Mann stolzierend, jeden Wunsch von den Lippen abgelesen bekommend da alles möglich ist? Ist sie verwerflicher als die Romantik des mittellosen Jünglings, der so gut aussieht, ein grosses Herz hat, einen auf Händen in den Sonnenuntergang trägt und dabei Gitarre spielt (bitte mich nicht auf die Unmöglichkeit dieses Zusammenspiels hinweisen, das Bild ist grad so schön – nicht plastisch sichtbar allerdings)? Zerplatzt diese Romantik nicht bei der ersten nicht bezahlten Telefonrechnung und spätestens im dritten Winter ohne Heizung, wenn die durch Nähe entstehende Wärme nicht mehr jeglichen weiter führenden Wünsche tilgt?

Liebe ist ein schwieriges Gebiet. Zum einen weiss jeder genau, was es ist, kann es aber nicht so deutlich beschreiben. Zum anderen stecken so viele Hoffnungen, Wünsche, Ziele drin, dass das arme Gefühl kaum noch atmen kann und sichtlich überfordert ist, was sich im häufigen Verflüchtigen derselben (so genannten) zeigt. Was ist die Lösung? Es gibt Kulturen, in denen Ehen geschlossen werden von den Eltern. Die zu Vermählenden kennen sich kaum bis gar nicht, wenn sie vor den Traualtar treten. Oft halten diese Ehen ein Leben lang, die involvierten Menschen scheinen nicht unglücklich. Ich kenne keine Statistiken, habe selber keine dazu gefälscht, glaube das einfach mal so. Woran liegt es? Nur weil sie keine Wahl haben, es zu ändern? Oder vielleicht doch daran, dass gemeinsame Werte und Wertvorstellungen zusammen halten, einen Weg finden helfen? Ist Liebe schlussendlich doch keine Leidenschaft, sondern ein Zusammenraufen und gemeinsam Gehen?

Was also nun? Geld oder Liebe? Das geld steht dabei wohl sinnbildlich für die Verstandesdinge, die Werte im Leben. Dabei gibt es wichtigere und unwichtigere, relevantere und solche, die man aussshliessen kann. Schlussendlich zählt wohl doch über kurz oder lang eine gemeinsame Basis, die Amorpfeil hin oder her, da sein sollte. Geld allein macht nie glücklich, das zeigen all die ach so reichen Promis mit ihren ach so grossen Problemen. Gar kein Geld macht auch nicht glücklich, das sieht man leider viel zu oft auf dieser Welt. Frei entfalten kann sich der Mensch dann, wenn seine Grundbedürfnisse gedeckt sind. Luxus ist schön, aber nicht glückselig machend. Wenn dann das Herz fehlt, nützt alles Geld, alle Vernunft, alle Rationalität nichts – man wird nicht glücklich werden. Das Herz entscheidet, wen man will, der Verstand prüft, ob es gut ist – und schweigt. Entscheidet der Verstand nach Pflichtenheftmanier, was man zu wollen hat, wird das Herz eingehen und die Seele krank.

Geld

Was sind Gefühle
in einer kalten Welt,
in der man bloss
den Schein noch sucht.
Sich zu offenbaren,
als Schwäche gilt,
sich zu öffnen,
zum Angriff ruft.

Was sind Gefühle
in einer harten Welt,
in der man stark sein
und bestehen muss,
um nicht unterzugehen.
Wo als Schwäche gilt,
wenn man offen
fühlt.

Was sind Gefühle
in einer schnellen Welt,
die antreibt nur
zu Höchstleistung.
Wo Romantik als Geplänkel scheint,
Geld nur herrscht
und Macht
gesucht.

Was sind Gefühle
in einer toten Welt,
wo jedes Fühlen
abgewürgt
und der der fühlt
in Ketten darbt,
als Idealist beschimpft
und ruhig gestellt,
auf dass er schweige.

Was sind Gefühle
in dieser heut’gen Welt?
Gibt man auf
Und ist nur Schein?
Gewinnt Verstand,
das Herz soll Schweigen?
Oder wagt man doch
Und ist.

Sein braucht manchmal Mut, ab und an bedeutet es Verzicht. Schein ist Verzicht auf der ganzen Ebene – nicht gleich, aber langsam bohrend, mitten ins Herz, es verletzend. Und mit dem Herz leidet die Seele und das gekaufte Glück ist plötzlich nichts mehr wert.

Was ist ein Mensch und wann ist er tot?

Im Folgenden meine Rezension von Rafael Ferbers Buch „Philosophische Grundbegriffe 2“ – trotz der sehr komplexen Materie ein lesbares Buch, das durch die sehr weit und breit greifenden Verweise quer durch die Theorien seit der Antike ein Lesevergnügen und eine Bereicherung ist.

Folgende Wesenszüge zeichnen also den Menschen aus: Er ist das sprechende und denkende Wesen, nach dem Bilde Gottes geschaffen und bildet sich selbst nach seinem eigenen Urteil.

Rafael Ferber widmet sich im zweiten Band seiner Grundbegriffe den philosophisch komplexen Themen wie Mensch, Bewusstsein, Leib und Seele, Willensfreiheit und Tod zu. Diesen Begriffen gemeinsam ist, dass sie nicht leicht zu fassen sind. Was ist ein Mensch? Was macht ihn aus? Wie kann ich das, was ihn ausmacht als ihn ausmachend begründen und beweisen? Diese Fragen führen in die Innenperspektive des Menschen, aus der heraus er über sich selbst und sein Menschsein urteilen muss. Die Fähigkeit, über sich selber zu urteilen, die eigenen Gedanken reflexiv zu betrachten und zu werten ist sicher eine menschliche Eigenschaft, sie hebt den Menschen von den anderen Lebewesen ab.

Die in der Fähigkeit zur Argumentation begründete Autonomie hebt den Menschen insbesondere über das Tierreich hinaus. Sie begründet aber auch einen Unterschied zwischen den Menschen untereinander.

Um so weit zu kommen bedarf es der Erklärung, was überhaupt das Bewusstsein ist. Ein Wesen hat dann ein Bewusstsein, wenn es in einer Beziehung zu sich selber steht. Das menschliche geht über das tierische hinaus, insofern es reflexiv ist. Zudem verfügt ein Mensch als Person über eine intuitive Einheit seines Bewusstseins.

Als Einheit/Eins erscheint uns auch ein Mensch, selbst wenn er über psychische wie physische Phänomene verfügt. Die Frage, ob ein Mensch nun wirklich eins ist, Leib und Seele eine Einheit oder aber zwei Dinge sind, stellt das nächste Problem dar, welchem sich Rafael Ferber widmet. Dazu beleuchtet er die unterschiedlichen Theorien und philosophischen Strömungen seit der Antike quer durch die Zeit, um am Schluss sein Fazit zu ziehen, dass das eine Wesen Mensch in zwei Aspekten erscheint, deren Einheit nicht vollständig erfassbar ist.

Ebenso wenig erfassbar ist auch die Willensfreiheit, welche zwar als Illusion so stark ist, dass sie kaum von einer Realität zu unterscheiden ist, da sie auch Wirkungen zeigt. Die Lösung zeigt sich in einer relativen Freiheit, welche mit dem Determinismus vereinbar ist. Die absolute Freiheit bleibt unbegreiflich.

Schlussendlich endet jedes Leben mit dem Tod, wovon der Mensch ein Bewusstsein hat, trotzdem er ihn nicht aus der Innenperspektive beschreiben kann. Der Tod als solches existiert als Begriff, wird aufgrund von Kriterien begründet, welche mit bestimmten Verfahren erfasst werden. Schlussendlich bleibt zu sagen, dass der Tod als biologische Tatsache philosophisch je nach Seelenbegriff variiert. Was über den Tod hinaus bleibt, sind Erinnerung und Nachkommenschaft sowie das Interesse am Überdauern des guten Namens.

Fazit:

Das Buch  zeugt von der Belesenheit, dem Wissen und der Fähigkeit des Autors, dieses trotz der Komplexität der Materie wiederzugeben. Die wohl schwierigsten Begriffe dessen, was den Menschen zum Menschen macht und damit sein Wesen ausmachen werden in diesem Buch vorgestellt, beleuchtet und hinterfragt. Das Buch ist uneingeschränkt zu empfehlen.

Rafael Ferber: Philosophische Grundbegriffe 2, C.H.Beck Verlag, München 2003.

In Ketten

Ich liebe Rousseau. Gründe dafür könnte es viele geben, zudem feiert er grad Jubiläum, so dass auch das dazu beigetragen haben könnte. Hauptsächlich ist es aber ein Spruch von ihm, der mir gefällt:

Der Mensch wurde frei geboren und liegt doch überall in Ketten.

Rousseau bezog das auf die aufgegebene Freiheit zugunsten des Gesellschaftsvertrages. Es waren in seinen Augen also Ketten des Staates, Ketten der Gesellschaft. Zugunsten von Sicherheit und Schutz verzichtet das Individuum auf seine persönliche, allumfassende Freiheit; es bleibt eine bürgerliche Freiheit, welche immer eine eingeschränkte ist.

Ich sehe diese Ketten umfassender. Ich würde den Spruch wohl umformulieren in:

Der Mensch wurde frei geboren, das Leben legte ihn in Ketten.

Kaum auf der Welt kommen die Zwänge, die Regeln, die Normen. Das darfst du nicht, das musst du tun, das ist richtig, jenes falsch. Denkt man als Kind noch, diese Zwänge werden weniger, wenn man gross ist, weil man dann frei und selber entscheiden kann, wird man bald eines Besseren belehrt: Es wird schlimmer.

Woher stammen die Ketten? Bei einem Teil hat Rousseau sicher recht: Das Zusammenleben in einer Gesellschaft erfordert ein Mass an Aufgabe von persönlichen Freiheiten. Man kann nicht einfach tun, wie einem beliebt, das würde kein System verkraften, in dem mehr als ein Mensch drinsteckt. Rücksicht und Miteinander sind die Zauberwörter. Dass sie gelingen, dafür sorgt der Staat. Doch denke ich, die Ketten gehen weiter. Neben den Normen des Staates kommen die Normen einer Kultur, auch die moralischen Forderungen, wie man sich zu verhalten habe oder nicht. Neben diesen moralischen Normen stehen die ungeschriebenen Gesetze, was man tun und wie man sein soll, um in einer Gemeinschaft eben dazu zu gehören oder Aussenseiter zu sein. Da werden ganze Lebenswege vorgezeichnet, denen man folgen muss, um ein angesehenes, ein akzeptiertes Mitglied dieser Gesellschaft zu sein. Weicht man ab, wird man hinterfragt (im besten Fall) und verurteilt (in den meisten Fällen). Ab und an erntet man vielleicht auch ein anerkennendes Wort, weil man eigene Wege geht, dies ist oft nur vordergründig, hintergründig sieht man die Fragezeichen rotieren (Wieso tut sie das, wie so lebt er so?)

Und wenn man all diese Ketten als gegeben sieht, ist man in meinen Augen noch nicht fertig. Es gibt noch mehr. Die eigenen. Die sind sicher einerseits durch die der Kultur, Gesellschaft und den Staat geprägt, da man diese verinnerlicht. Sie kommen aber auch in eigenen Wünschen und Begehren, in Sehnsüchten zum Ausdruck. Wir loben uns, einen freien Willen zu haben und finden es schrecklich, denken zu müssen, dass dies nicht der Fall sein könnte. Was, wenn wir nicht wollen könnten, was wir wollen und nicht tun könnten, wonach uns der Sinn steht? Grundsätzlich besteht diese Willensfreiheit, das ungehinderte tun Können dessen, was man will. Dass diese nicht absolut ist und es immer Hindernisse verschiedener Art gibt, muss dabei nicht näher erläutert werden, das liegt auf der Hand. Ich werde nie fliegen können und auch das Gehen über Wasser dürfte eher schwer bleiben. Hindernisse können psychischer und physischer Natur sein, sie sind da, die Wünsche, die zu Handlungen führen, müssen sich damit abfinden, das akzeptieren.

So weit so gut, noch nichts Neues bis dahin. Wo also sind die Ketten? Ich denke, im Leben selber. Irgendwann muss man sich für einen Weg entscheiden und geht ihn. Man entscheidet sich für einen Beruf, für einen Partner, für eine Stadt, eine Lebensphilosophie. Grundsätzlich ist das nicht in Stein gemeisselt, aber es ist mal ein eingeschlagener Weg. Man kann den ändern, wenn man zum Schluss kommt, es wäre die falsche Entscheidung gewesen, aber das geht nicht immer und vor allem nicht zu häufig, denn jede Wegänderung ist irgendwo auch ein Treten an Ort, da man nie weiter kommt. Wege entwickeln sich nur weiter, wenn man sie eine Weile geht. Neue Wege beginnen immer am Ursprung, man kann selten bis nie gleich in der Mitte oder gar am Ziel einsetzen.

Und irgendwann befindet man sich auf dem Weg, für den man sich entschieden hat und fühlt sich unglücklich. Man fühlt sich im falschen Film und damit gefangen in einem Lebensmodell, das man so nicht will. Man sieht keinen Ausweg, denn die Entscheidungen für diesen Weg sind gefallen. Man sitzt in einer Stadt, mit einem Mann (oder eben keinem, weil man sich gegen diesen entschieden hat), mit einem Kind (oder eben keinem, weil man sich für eine Karriere statt für eine Familie entschieden hat) und lebt das Leben. Und dieses Gefühl des „will ich das so wirklich?“, dieses Hinterfragen von „ist das mein Leben?“ bringt ein Gefühl von Gefängnis, von Eingeengt sein.

Man stellt sich die Frage: Wo bog ich falsch ab? Wo lief mein Leben in eine Richtung, die nicht passt? War es, als ich hier her zog? Ich sehe vor mir die Felder und Wälder, den See und die Berge, sehe die Orte, wo ich mal wohnte, erinnere mich an die schönen Momente da. Weiss zwar auch, wieso ich da weg ging, es hatte Gründe, gute. Und doch. Nun sitz ich hier…

War es früher, als ich den einen Mann abwies? Ich denke zurück an gemeinsame Unternehmungen, an sein Lachen, an meines, an die gemeinsame Reise, ein Essen, ein Blick. Ich erinnere mich auch an die schwierigen Seiten, die Eifersucht, die ungerechtfertigten Vorwürfe. Ich weiss, wieso es nicht klappte, und doch sitze ich nun hier und frage mich: Wieso?

Ich denke zurück an die Schule, mein Studium, den Weg danach, frage mich, ob ich falsch entschieden habe. Hätte ich besser etwas anderes studiert, mehr leisten müssen, hartnäckiger den Weg verfolgen müssen, den ich wollte, auch auf Kosten des Kindes, des Familienmodells, das ich mir mal wünschte? Oder hätte ich mehr auf dieses setzen müssen und die Ambitionen in der Wissenschaft von vornherein abhaken? Weil einfach nicht alles geht und vor allem nicht mit den Ergebnissen, die genügen – mir selber?

Wo lief ich falsch? Wieso sitze ich hier? Zurück kann ich nicht. Das Studium ist gemacht, der Weg danach gegangen. Das Modell gewählt, wie es eben ist. Ausbrechen ist schwer. Wie sollte es aussehen? Koffer packen, gehen? Und dann? Im ersten Moment wäre es Befreiung, wäre es Erlösung. Die getroffenen Entscheidungen würde es nicht umstossen. Und wenn ich dann wieder in einem neuen Leben sässe, käme vielleicht wieder das Gefühl: Das passt so nicht, ich möchte frei sein. Denn sobald man sich auf etwas einlässt, baut man langsam und stetig eine Art Käfig. Durch die Pfeiler, die man setzt, durch die Haken, die man einhängt, um überhaupt leben zu können. Wohnung, Wege, Alltag – alles Haken, alles Wände. Würden sie fehlen, fühlte man sich wohl haltlos, hilflos. Und so bleibt wohl nur:

Ich wurde frei geboren, ich legte mich in Ketten, weil ich lebe.

Oder gäbe es einen anderen Weg?

Perfektes Leben…

Anhand einer Blutuntersuchung kann man neu herausfinden, ob das erwartete Kind das Downsyndrom hat. Schon die Meldung dieses Tests stiess auf weit auseinander klaffende Meinungen, die Aufschreie waren laut. Mittlerweile sollen sogar Menschen aus anderen Ländern in die Schweiz, nach Bern, kommen, um den Test zu machen – so lässt es sich in einem Schweizer Boulevardblatt nachlesen. Was soll man davon halten? Ist das gut? Ist das verwerflich? Was daran wäre verwerflich? Wo liegt das Problem?

Die Hauptproblematik liegt wohl in einer Wertung des Lebens. Leben, das einwandfrei ist, frei von Krankheiten und Gebrechen, gar Behinderungen, ist lebenswert, das andere wird aussortiert. Dies die sehr krasse, harte aber durchaus im Kern zutreffende Analyse. Ist das moralisch vertretbar? Hat der Mensch nicht die Konsequenzen seines Tuns zu tragen, kann er sich so aus der Affäre ziehen? Ist das feige? Gar Mord?

Die Problematik ist heikel. Die beiden Lager – Befürworter und Gegner von pränatalen Tests – liegen weit auseinander, es gibt kaum Berührungspunkte. Dazu kommt, dass Abtreibung per se ein schwieriges Thema ist. Die Grundfrage ist doch: Wozu ist so ein Test gut? Man kann damit herausfinden, ob das Kind das sogenannte Downsyndrom hat oder nicht. Wenn man sich für einen solchen Test entscheiden will, muss einem klar sein, dass er unter Umständen eine Entscheidung fordert: Was mache ich, wenn der Fall eintritt? Wie reagiere ich, was will ich? Aber auch: Was kann ich? Man kann nicht einfach mal hingehen zu dem Test, um zu schauen, was ist, das geht tiefer. 

Wenn man sich für so einen Test entscheidet, steckt sicher eine Angst dahinter. Die Angst, das Kind könnte „behindert“ (dieser Begriff ist umstritten, alltäglich aber immer noch in Gebraucht. Eine Behinderung soll hier nicht als Stigma oder gar als Abwertung gesehen werden, sondern schlicht als das, was das Wort ausdrückt: Das Leben ist in gewissen Bereichen mit Hindernissen ausgestattet. Diese Hindernisse sind ausgelöst durch die eigenen Lebensumstände, werden aber auch von der Umwelt gesetzt durch ebendiese)  zur Welt kommen. Diese Angst löst eine innere Abwehr aus, sicher auch die Angst, damit nicht klar zu kommen. Aus verschiedenen Gründen: Werde ich selber die Kraft haben, das zu tragen? Werden wir als Familie das tragen können? Wie wird unser Leben sein? Kann ich damit umgehen? Überfordert es mich nicht? Zerbreche ich daran, weil ich tagtäglich damit konfrontiert bin? Nicht nur einfach mit dem Umstand, dass das eigene Kind nicht gesund ist, sondern auch mit der Reaktion der Gesellschaft darauf. Dazu kommt die Wehmut über all das, was dem Kind verwehrt sein wird. Die Trauer über all die Dinge, die nicht möglich sind. Für das Kind und für einen selber. Wird man das packen? 

Was ist die Alternative? Abtreibung. Doch dann setzt man sich all den Verurteilungen aus, die da sagen, dass das nicht geht, dass man damit Mord begeht, unmoralisch handelt. Doch haben all die, die laut schreien, ein Recht, das zu tun? Wer gibt es ihnen? Von aussen ist es einfach zu richten, tragen müssen es dann die, über die man entschieden hat, was geht und was nicht. Niemand nimmt ihnen ihre Trauer ab. Niemand die zusätzlichen Anstrengungen im Alltag. Niemand ist da, sie zu halten, sie zu stützen. Im Vorfeld waren sie alle laut. Danach still und weg. 

Ich möchte nicht entscheiden müssen, wer ein Kind bekommen soll und wer nicht. Welches Kind auf die Welt kommen kann und welches nicht. Ich ziehe es nachher nicht auf. Das tut nur der, welcher es kriegt. Niemand lebt das Leben des anderen, wieso also will man sich anmassen zu sagen, wie er es zu tun hat? 

Man liest in diesen Debatten immer wieder die schönen Berichte davon, wie viel man von Kindern, Menschen mit Downsyndrom erhält an Liebe, an Freude, an Glück auch. Das sind berührende Berichte, Berichte, die einem das Herz aufgehen lassen. Es sind Berichte, bei denen man Freude verspürt, dass es Menschen so gut geht, dass alle mit der Situation so gut klar kommen, diese Kinder das Glück hatten, in eine solche Familie geboren zu werden. Was aber, wenn es eben nicht so aufgeht? Die Familie an der Belastung zerbricht? Die Fröhlichkeit und Liebe des Kindes die Trauer nicht vergessen macht? Wem wäre gedient? Ich denke, niemandem. 

Die konsequente Alternative wäre wohl, auf Sex zu verzichten, wenn man ein behindertes Kind nicht tragen will. Die ist aber wohl unrealistisch, der Mensch ist nicht dazu geschaffen, enthaltsam zu leben – zumindest nicht die Mehrzahl. Und so müssen wir wohl  oder übel mit den Konsequenzen leben, die da heissen: Was tun, wenn die Natur nicht so will, wie man sich das ausgemalt hat. 

Der gläserne Mensch

Der gläserne Mensch ist schon lange eine bekannte Tatsache, man hat sich fast schon damit abgefunden. Kameras filmen uns bei alltäglichen Gängen zur Post, Bank oder beim Einkaufen, die Cumuluskarte und neu auch die Supercard helfen, mein Einkaufsverhalten kennenzulernen und daraus Schlussfolgerungen zu ziehen, Amazon schickt mir Büchervorschläge anhand der Auswertungen meiner vergangenen Einkäufe, Facebook und Twitter schlagen mir neue Freunde vor, da sie meine alten kennen. Alle kennen sie mich, mein Verhalten, meine Gewohnheiten. Das ist nicht toll, wohl aber nicht zu ändern. 

Eine ganz neue Dimension dieses Spiels entdeckte ich aber in den letzten Jahren, seit mein Kind in der Schule ist. Das Kind kam eines Tages mit einem Blatt nach Hause, auf dem ich feinsäuberlich meine Geburt und die nachfolgenden Stillerfahrungen notieren sollte, inklusive Stilldauer und weiteren Informationen. Ich bin sonst durchaus ab und an kooperativ, mitunter auch mitteilungsfreudig, aber ich suche mir gerne aus, wann ich was wem erzähle und eine mir unbekannte Lehrerin gehört nicht zu dem Kreis, der an meinen intimsten Details teilhaben sollte. Das Kind verstand zum Glück meine Beweggründe und trug das Blatt mit meiner Antwortverweigerung brav zur Schule. Ich dachte, damit sei die Sache gegessen. Der nächste Anschlag kam: Unsere Ernährungsgewohnheiten in Bezug auf Milchprodukte sollten in einer Wochentabelle notiert werden: Wann isst Familie Cosima wie viele Einheiten welches Milchprodukts. Mit der Aufforderung zur Offenlegung kam auch noch die klare Anweisung, wie viele Einheiten es zu sein hätten. Damit die Kinderchen sich auch wirklich dran halten, erzählte die gute Frau Lehrerin, wie wichtig das sei, dass sie sonst alle krank würden, wenn nicht heute, so sicherlich morgen. Zudem würde man unweigerlich dick, verzichtete man auf diese Milchprodukte. Nun vertrage ich Milchprodukte eher schlecht, früher noch schlechter als heute. Ich mied diese also früher ganz, heute esse ich sie in Massen. In der chinesischen Medizin lernte ich zudem, dass Milch den Körper verschleimt. Diesen Effekt sah ich bei meinem Sohn auch mal ziemlich deutlich, als er mit einer Erkältung kämpfte. Zuerst wollte ich brav schweigen und überlegte sogar kurz, die Tabelle zu fälschen. Doch dann schrieb ich ihr eine lange und ausführliche Stellungnahme zu dem Ganzen (ernährungstechnisch). 

Heute nun kriegte ich ein Schreiben der städtischen Gesundheitsdienste. Schlularzttermin fällt an. Dazu wollten sie alles über vergangene (wenn es ginge auch zukünftige, ich bin mir sicher) Krankheiten, Unfälle und sonstigen Gebrechen wissen. Dazu noch eine Kopie der bisherigen Impfungen. Danach musste man ankreuzen, wozu man sein Einverständnis gibt, die Auswahl war so, dass man kaum um die Impfung beim Schularzt herum kommt. Nun darf man mich nicht falsch verstehen, ich bin selber Wissenschaftler und bis zu einem gewissen Grad der Wissenschaft angetan. Ich impfe, weil ich davon ausgehe, dass die, welche die Impfungen erfinden, ihre Sache gut machen und mehr von der Materie verstehen als ich. Diesen Mehrverstand spreche ich den meist nicht medizinisch ausgebildeten Impfgegnern einfach mal ab. Ich weiss, reine Spekulation, meine eigene Hypothese, ich stehe dazu und baue darauf. Trotzdem möchte ich mein Kind nicht im Rahmen einer Schulkontrolle impfen lassen, das tut unser Kinderarzt, mit dem ich das angeschaut habe und dem ich vertraue.

Heute hatten wir Ärger mit dem Internet. Ein Anruf mit dem Kundencenter des Anbieters kam sogar über die Warteschlaufe hinaus, bis hin zu einem Mitarbeiter. Am Telefon führte er uns durch gewisse Schritte, sah dabei, wann unser Modem an war, wann aus. Mein Iphone weiss, wo ich wann bin, mein Facebookaccount schreibt, wo ich welchen Status schreibe, Twitter weiss das auch, Google kennt meine Bilder, hat auf dem Drive meine Dokumente, managt meinen Kalender, die Cloud synchronisiert den anderen Kalender sowie meine Kontakte und Lesezeichen. Bei diversen Seiten kann ich mich gleich mit dem Facebookaccount anmelden, der nun auch meine privaten Adressen und Telefonnummern freigibt. Ich bin umstellt, durchleuchtet, ein gläserner Mensch. 

 

Vom Begriff her hörte ich das schon ein paar Mal, in Tat und Wahrheit erschreckt es mich bei jedem Mal, wenn es akut bewusst wird, erneut. Meist verdränge ich es, denke nicht dran. Wozu auch, es lässt sich nicht ändern. Und doch: Will ich das? Eigentlich nicht. In diesem Zusammenhang kommt mir immer der Ausspruch meines Sohnes in den Sinn:

Mama, ich will nie zu Facebook, Facebook ist doof. Ich will mal ein Mann mit Geheimnissen sein.