Betrachtungen einer Unpolitischen

Ich lese keine Zeitung. Politik interessiert mich nicht. Ich will all das Leid und all die Mauscheleien überall nicht lesen. Es sind zu viele und ich kann nichts ändern. Was bringt es mir, was bringt es der Welt, wenn ich es lese? Irgendwie kriege ich doch immer viel mit. Zu viel. Die Welt ist ein Dorf und Nachrichten verbreiten sich durchs Buschtelefon.

Heute las ich über eine türkische Feministin und Aktivistin, die von ihrem Heimatland schuldig gesprochen wurde. Sie wird verdächtigt, terroristische Massnahmen unterstützt zu haben. Mir kommt die Weigerung der Türkei in den Sinn, sich des Völkermords an den Armeniern schuldig zu bekennen, die Verantwortung für dieses historische Unrecht zu übernehmen. Ich wunder mich deswegen nicht über das Urteil. Gleichzeitig denke ich, dass ich die Türkei nicht anklagen darf, denn wer ist die Türkei? Nach aussen hört man die Politiker, nach innen sind es ganz viele Menschen, die ihre eigenen Meinungen haben. Wie sehen die aus? Kenne ich sie?

Nun kann man dahin gehen und sagen, die Politik spiegelt das Land und die Meinung der Bürger wieder. Doch wie viele Bürger trauen sich nicht, ihre ehrliche Meinung zu sagen, weil sie Unterdrückung, weil sie Schlimmeres befürchten müssten, täten sie es? Wer oder was ist die Türkei? Was ist ein Staat, eine Nation?

Thomas Mann nannte sich mal einen „Unpolitischen“, er veröffentlichte sogar die Betrachtungen desselben. Ich bin nicht politisch eingestellt(sondern immer menschlich), und doch: Ich stosse immer wieder auf solche Dinge und ich kann es nicht lassen, meine Meinung dazu zu sagen. Oft mit einem unguten Gefühl. Wen klagt man an, wenn man eine Nation anklagt? Es sind nie alle. Es waren nicht alle Deutschen böse und grausam vor vielen Jahren und es sind es heute nicht alle Bürger der Länder, die noch heute Unrecht verüben. Das Problem ist, wenn man Position bezieht, tut man das immer in einer verallgemeinernden Weise. Man klagt eine Grundhaltung an. Dass dabei immer „Unschuldige“ subsumiert werden können, liegt in der Natur der Sache. Deswegen aber zu schweigen, hiesse, all das Unrecht, das passiert, implizit gut zu heissen.

2 Kommentare zu „Betrachtungen einer Unpolitischen

  1. Danke für deinen Kommentar und den Hinweis auf das Porträt. Traurig zu sehen, wie noch in vielen Ländern Frauen möglichst still zu sein haben. In vielen Ländern ist auf dem Papier Gleichberechtigung gefordert, doch gelebt wird sie nicht. Frauen werden unterdrückt, mit Gewalt zum Schweigen gebracht. Es ist noch ein langer Weg.

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