Eltern – Kinder

Was schuldet man seinen Eltern? Sie haben einen auf diese Welt gebracht, sie haben einen gross gezogen, irgendwie wurde man wohl so, wie man ist, weil man Eltern hatte, die einem Möglichkeiten boten – selbst wenn sie sie nicht boten, hat man sie gefunden, weil es so war, wie es war. Durch ihr Tun oder Nichttun landete man da, wo man ist. Das heisst nicht, dass man nicht selber verantwortlich ist für das, was man heute ist, denn man hat den Weg gewählt. Hat die Möglichkeiten ergriffen, die man angeboten kriegte oder hat sie gesucht, wenn keine da waren – oder es unterlassen.

Was also schuldet man seinen Eltern? Dank? Gibt es eine Pflicht, zurückzuzahlen? Muss man sie lieben, weil sie Eltern sind? Man selber wollte nie auf diese Welt, man wurde hineingeworfen. Da sitzt man nun und ist abhängig von denen, die es taten. Und aus diesem Hineingeworfenwerden in etwas, das man nicht suchte, entsteht eine Verpflichtung auf Lebenszeit? Man schaut hin und denkt logisch und ruft laut „NEIN. Das kann nicht sein!“ Man ordnet die Argumente, alle sagen dasselbe, alle geben diesem Nein recht. Und doch fühlt man es. Man steckt da drin.

Die Schwierigkeit in dieser Sache ist, dass die Art der Schuld unbestimmt ist. Reichen monatliche Besuche? Tägliche Anrufe? Braucht es mehr? Was ist es? Was, wenn man eine andere Meinung hat, die aber nicht geduldet ist, da man ja nur das Kind ist? Wird man je erwachsen in den Augen der Eltern? Auf der einen Seite fordern sie es (Werde endlich erwachsen, mach was aus deinem Leben!), auf der anderen Seite könnten sie damit nicht umgehen (das vorher war ja ein Befehl und die ganz deutliche Aussage, dass das eigene Leben noch nicht so ist, wie es sein sollte und wie es sein sollte, wissen nur sie aus jahrelanger Erfahrung…).

Darf man Eltern hassen? Könnte man es je ohne Schuldgefühle? Wäre es nicht undankbar? Was, wenn einen die Beziehung zu ihnen zerstört? Stetig? Würde man den Kontaktabbruch unbeschadet überstehen? Ohne Schuldgefühle? Ohne den Gedanken daran, was man eigentlich sollte oder zumindest den Zweifel, ob man nicht doch müsste? Was, wenn die Versöhnung nicht mehr gelänge, plötzlich die letzte Stunde ihn verunmöglicht hätte?

Und irgendwann ist man selber Mutter/Vater von Kindern. Und man tut, was man für richtig hält. Und man will daran glauben, dass auch die eigenen Eltern das nach ihrem Dafürhalten Beste taten. Kann man ihnen vorwerfen, dass es nicht so ankam? Wird es einem das eigene Kind je vorwerfen? Wie viele Fehler wird man gemacht haben? Was bleibt zurück beim Kind? Was schuldet es einem? Dank? Zuneigung? Dasein? Einen Anruf pro Woche? Einen Besuch pro Monat? Was, wenn es nie mehr käme? Wie würde man sich fühlen? Könnte man das jemandem antun?

 

4 Comments

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  1. Ach Schuld! Die Schuldgefühle, diese sozialen Emotionen, die aus dem Bewusstsein entstehen, etwas nicht ganz richtig oder gar völlig falsch gemacht, eine moralische Pflicht nicht erfüllt zu haben, spukt gerade bei diesem Thema ständig durch unseren Kopf. Viele kämpfen mit einer gesellschaftlich determinierten Verpflichtung, die sie ständig von ihrem Über-Ich suggeriert bekommen. Sie kompensieren mit Agression gegenüber Pflegenden in Altersheimen die stellvertretend für die Kinder diese nicht hinterfragte Schuld abtragen sollen. Ich erlebe es fast täglich und bin mit diesen durch Schuldgefühle ausgelösten Aggressionen gegenüber meine Mitarbeiterinnen konfrontiert. Wir haben keine Schuld, es ist auch keine Wiedergutmachung für die Versorgung, die gute oder schlechte Erziehung und die Aufzucht. Hat alles soweit geklappt und redet man auch mit denen gegen die man Schuld verspürt, versucht man Einsicht zu erreichen, schließt Vereinbarungen über Besuche und Telefonate und wirbt man für die eigene Beschäftigtkeit im Sinne des jüngeren Lebens, befreit man sich ein Stück von dieser Last.

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    • Ich habe schon viel von diesen Aggressionen in Pflege- und Altersheimen gehört. Ich habe grosse Achtung vor den Menschen, die in diesem Umfeld arbeiten und alles dafür tun, auch auf Hilfe angewiesenen Menschen ein menschenwürdiges und schönes Leben zu ermöglichen.

      Schuld ist eine schwierige Sache und meist ist sie eine durch Konventionen und Moralvorstellungen konstruierte Angelegenheit. Das macht es noch schwerer, denn man schwankt zwischen genügen wollen und Auflehnung.

      Gegenseitiges Verständnis und die Suche nach einen Konsens wäre ein guter Weg, allerdings müssten beide Seiten den gehen.

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  2. Die Vermittlung ist schwierig. Es wären viele Theapiegespräche mit den Angehörigen nötig. Das erfordert Bereitschaft der Kinder. Von den Eltern, die oft schon recht betagt sind, kann man das kaum mehr verlangen. Der Fokus steht auf Bewahren und Regelwerk. Ich habe viele Stunden hinter mir bei denen ich vermitteln wollte, eine sanfte Durchleuchtung der Verhältnisse mit den zumeist dann agressiven oder aber auch in Tränen ausbrechenden Angehörigen. Die Muschel öffnet sich einen kleinen Spalt um dann wieder fest zusammengedrückt zu werden. Wichtig wärs schon den jungen Leuten diese „Schuld“ zu nehmen.

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    • Schön, gibt es Menschen wie dich, die es immer wieder versuchen. Vielleicht ist wichtiger als Schuld und Sühne, dass man versteht, wieso der andere handelte und handelt, wie er es tut. Man muss es dann immer noch nicht gut heissen, kann immer noch darunter leiden, aber man kann es vielleicht einordnen und so von sich selber abwenden im Sinne, dass Menschen sind, wie sie sind, weil sie selten aus ihrer Haut können – jeder für sich.

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