Bumerangs Abgesang

Es war einmal ein Bumerang

der flog so manche Strecke lang

und kehrte wieder, noch und noch

dahin, woher er einst auch flog.

Doch als das Wetter mal war trübe,

traf er seines Werfers Rübe,

was demselben nicht gefiel

– und hier endet dieses Spiel.

„Das war’s mit uns, du dummes Stück,

ich will dich nimmer mehr zurück.“

Sprach’s und holte ganz weit aus,

warf ihn in die Welt hinaus.

Daraus sieht man sonnenklar,

dass die Rübe matschig war.

Das etwas andere Liebesgedicht

Und da war dann noch die eine Frau,

uninteressant, wer nun genau!

Sie suchte nicht, sie fand,

Das brachte sie um den Verstand.

Fortan regierte nur das Herz –

mein Gott, war das ein Terz.

Sie hüpfte hoch und sang dazu,

die Nachbarn waren fort im Nu,

denn Singen war nicht wirklich Stärke,

klang nicht wie Nachtigall und auch nicht Lärche.

Egal, die gute Frau war froh,

ihr Herz entflammt gar lichterloh,

und wenn sie nicht gestorben ist,

singt sie noch heute diesen Mist.

Der Weg

Vigilio

Ich sah Vigilio das erste Mal vor 13 Jahren. Sein Sohn, mein späterer Mann, nahm mich mit, um mich den Eltern vorzustellen. Als wir ankamen, war Vigilio nicht zu Hause, seine Frau öffnete die Tür. Nach einem kurzen Gespräch packten wir den Hund und gingen spazieren. Auf dem Weg in den Park stießen wir dann auf ihn. Jeans, T-Shirt, Weste und Schirmmütze – so sah ich ihn später meistens. Vigilio war mit Hauswartsarbeiten im Quartier beschäftigt. Schon von weitem erkannte er seinen Sohn, winkte, rief mit kräftiger Stimme „Halli Hallo“ und lachte. Das sollte immer seine Begrüßung sein in den nächsten Jahren. Auch dass er kaum zu Hause war, sondern ständig am arbeiten, stellte sich als Dauerzustand heraus.

Vigilio wuchs mit seinen acht Geschwistern im Trentino auf. Eines der Kinder durfte studieren, die anderen mussten Berufe erlernen. Vigilio reiste jung in die Schweiz, arbeitete, wo immer er Arbeit fand, lernte seine Frau kennen, gründete eine Familie. Die beiden Menschen arbeiteten hart, um ihre Familie zu ernähren, Vigilio als Hauswart, seine Frau als Putzfrau, beide an mehreren Orten, teilweise Tag und Nacht. Wer nun dächte, das hätte ihn unzufrieden gemacht, er haderte in irgend einer Form mit dem Leben, weil er nicht studieren konnte, weil er Tag und Nacht für andere da sein musste (und auch wollte, weil er es als normal ansah, zu helfen, wenn Not am Mann war), weil er anderen den Dreck wegräumte, wie er ab und an lachend sagte, der kennt Vigilio nicht. Er ging immer mit einem Lächeln durchs Leben, grüßte jeden freundlich, plauderte mit allen, machte seine Späße. Ab und an waren es gar viele Späße, die den Anschein erweckten, er nehme nichts ernst, schon gar nicht einen selber. Vielleicht war das seine Art, mit dem Leben und dessen nicht immer schönen Seiten umzugehen.

Als mein Sohn auf die Welt kam, war ihm Vigilio ein liebender Grossvater. Er nahm ihn mit auf seine Hauswartstouren, ließ ihn am Handschubwagen Gehübungen machen, seine Augen leuchteten, wenn er seinen kleinen Enkel sah, was oft war, weil wir im selben Haus wohnten. Leider dauerte das Glück nicht lange, wir zogen weg, meine Ehe ging in die Brüche und damit verlor sich der Kontak zu Vigilio größtenteils. Ein paar Jahre später kam die Nachricht: Krebs. Vigilio war erkrankt und musste zur Chemo. Die Nachricht erschütterte mich, aber ich war weit weg, fühlte mich nicht mehr als Bestandteil dieser Familie, war mein Platz als Schwiegertochter doch neu besetzt. Als ich Vigilio das nächste Mal sah, waren seine Haare, auf die er so stolz gewesen war, ausgefallen. Das war aber auch das einzige äußere Zeichen für seine Erkrankung, ansonsten sah er immer noch wie der starke, vitale Mann von früher aus. Leider schlug die Chemo nicht wie gewünscht an. Es folgten weitere, der Krebs streute, gewisse Teile mussten herausgeschnitten werden, andere neu bestrahlt. Es half nichts. Der Krebs ließ sich nicht besiegen. Irgendwann setzte man die Chemo ab. Die Haare kamen zurück. Was äußerlich schien wie neues Leben, war eigentlich nur das Zeichen, dass der Tod langsam und schleichend seinen Weg gehen, ihm nichts mehr entgegen gestellt werden konnte.

Eines Tages kam die Nachricht: Vigilio ist im Spital. Da hielt mich nichts mehr zu Hause. Ich eilte hin, musste ihn sehen. In mir gingen ganze Filme ab, ich sah ihn und mich früher, sah sein Lachen, hörte seinen für einen Italiener so typischen Akzent. Ich wollte das wieder hören, wollte nochmals mit ihm reden, wollte ihm vor allem zeigen, dass ich an ihn dachte, für ihn da bin. Als ich sein Zimmer betrat, lag er ruhig, wie schlafend, im Bett. Er hatte die Tür aber trotzdem gehört und als er den Kopf zu mir drehte, mich sah, ging ein Strahlen über sein Gesicht. „Sandra, du kommst mich besuchen?“, fragte er mit feiner Stimme. Seine Frau kam auf mich zu, umarmte mich. Die Freude war offensichtlich, auch bei mir. Vigilio sah noch immer gut aus, aber man sah den Kräfteverlust. Man sah, dass er oft an Schmerzen litt, dass sie ihn plagten. Wir redeten über seine Krankheit. Er wusste, dass er nicht mehr lange leben würde. Er redete über sein Leben, dass dieses nun bald vorbei sei, er alles hinter sich lasse. Er erzählte davon, was er alles getan habe, um für seine Familie, seine Kinder dazusein, ihnen eine gute Zukunft zu ermöglichen. Und er wurde traurig dabei. Ich hielt seine Hand, sagte, dass er stolz auf sich sein könne, dass er mehr für seine Familie getan hätte, als so mancher, dass er ein wunderbarer Mensch sei. Und ich meinte und fühlte alles genau so. Und da sagte er es: „Sandra, du warst für mich immer meine zweite Tochter. Ich habe dich sehr gern.“ Das war der Moment, in dem es um meine Fassung geschehen war und die Tränen flossen. Ich spürte, dass ich dasselbe fühlte. Ich hatte diesen Mann sehr gerne, mehr als ich mir all die Jahre ohne Kontakt zugestehen wollte. Ich weinte um die verpassten Jahre und darum, dass wir sie nicht mehr zurückholen konnten. Und ich weinte, weil er mich genauso gern hatte – das waren die Freudentränen im Ganzen. Freude und Leid liegen oft nahe zusammen, sogar in solchen Situationen.

Von da an besuchte ich ihn, wann immer ich es einrichten konnte, teilweise täglich. Ich half ihm beim essen, besorgte ihm, was er brauchte, massierte seine schmerzenden Füße, zog Socken an und aus – es war ganz natürlich, obwohl ich nicht wirklich der pflegende Typ bin und Füße sonst nur unter Protest anfassen würde. Zwischen Vigilio und mir war dieses Band, diese Vertrautheit, die alle Scheu wegfallen ließ. Seine Freude jedes Mal, wenn er mich sah, die Wärme, die ich für ihn empfand – alles half, die Zeit, die wir verpasst hatten, zwar nicht zurückzuholen, aber zumindest zu überbrücken und neu anzufangen. Schade, müssen erst so einschneidende Erlebnisse kommen, damit man eine Beziehung lebt, die so schön sein könnte.

Vigilios Frau war die ganze Zeit an seiner Seite, sie pflegte ihn zu Hause, besuchte ihn im Spital, wusch, kochte, putzte, half, lebte fast nur noch für ihn. Auch zu ihr entwickelte sich wieder eine Nähe, wie wir sie vorher nie hatten leben können. Meine Sorge galt auch ihr, weil ich fürchtete, sie ginge über ihre eigenen Kräfte. In ihr kämpften der Wunsch, ihren Mann bei sich zu haben, für ihn dazusein, und das Gefühl der eigenen Grenzen, des Kräfteverlusts. Nach über 50 Jahren musste sie mit ansehen, wie ihr Mann  immer schwächer, von Schmerzen geplagt wurde, und sie wusste, dass er über kurz oder lang nicht mehr bei ihr sein würde.

Vigilio konnte wieder nach Hause, allerdings hielt das Glück nicht lange, schon bald lag er wieder im Spital. Der Magen streikte, mal arbeitete er gar nicht mehr, mal zu schnell. Die Schmerzen nahmen zu, die Mittel dagegen wurden erhöht. Vigilio beklagte, dass er nicht mehr klar denken könne, dass die Medikamente sein Hirn lahmlegten. Trotzdem verzweifelte er nicht, sondern nahm dieses Schicksal mit Humor, machte noch immer Spässe, die allerdings milder geworden waren im Vergleich zu früher, sah der Realität ins Auge, nahm es meistens gefasst, wenn auch ab und an Trauer über ihn kam. Wenn man von etwas in der Zukunft erzählte, wurde er still. Und man spürte, dass er sich wohl innerlich fragte, ob er das noch erleben würde. Oder fürchtete er von vornherein, dass es nicht so sein würde?

Noch lebt er. Ich hoffe, ich werde noch manche Stunde an seinem Bett sitzen, noch manche Stunde die Gelegenheit haben, mehr aus seinem Leben zu erfahren, ihn so besser kennenzulernen. Ich möchte unser Band vertiefen, damit es hält, wenn er mal nicht mehr ist. Ich möchte noch viele Erinnerungen mit auf meinen Weg nehmen, damit Vigilio mich weiter begleitet. Und ich hoffe, ich kann ihm auf seinem Weg, den er zu gehen hat, eine Stütze sein, ihn begleiten, ihm Kraft geben. Zumindest sagt er das und das ist unendlich wertvoll für mich, denn ich weiß eines: Ich liebe ihn. Er ist wie ein zweiter Vater, was ich spät erkannte, zum Glück nicht zu spät.

Ich liebe dich

IMG_0969Will allein sein,
doch vermiss ich dich.
Will Ruhe haben,
doch erdrückt sie mich.
Will dich spüren,
danach verzehr ich mich.
Will dich riechen,
denn das kann ich dich.
Will dich sprechen,
denn du verstehst mich.
Will von dir hören,
es ist still ohne dich.
Will mit dir sein,
ich sehne mich.
Will mit dir sein,
ich liebe dich.

Wartebank

Auf der Wartebank
des Lebens
gestrandet,
nicht angekommen.
Auf dem Weg,
ohne zu gehen.
Die Zeit verrinnt,
der Rest bleibt,
wie man ihn
nicht haben will,
erdulden muss.
Sehnend
nach dem Ziel,
in weiter Ferne,
nach dem Hafen,
Anker Setzen,
und Bleiben.

Der Wandel

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Genug davon,
stets zu genügen
es recht zu machen,
brav zu sein,
zu schweigen,
hinzunehmen,
zu schlucken,
mich reinzuschicken.

Endlich bereit,
hinzusehen,
aufzubegehren,
es zu wagen,
nein zu sagen,
einzustehen,
mich zu wehren,
ich zu sein.

Phönix aus der Asche

Mich gesucht
gefunden
für falsch befunden,
wieder vermisst
und neu erfunden
über Runden,
kreuz und quer,
so und anders,
es war schwer.

Ohne Plan
und doppelten Boden,
ganz verloren,
gegen die Wand gefahren,
tief gefallen,
aufgestanden,
Halt gesucht,
innen und aussen.

Klein begonnen
ohne Vertrauen,
weiter gegangen,
darauf zu bauen,
mich erschaffen,
aus den Trümmern,
auferstanden
aus dem Nichts.

Lebe dein Leben

Jahre vergehen
wir waren mal nah,
verloren die Nähe,
verloren uns ganz,
Gedanken, sie kamen
und gingen dahin.
Die Trauer geschluckt,
den Alltag gelebt,
den Graben geschaufelt,
der Übergang fehlt.

Es plätschert der Fluss
und still liegt der See,
wir treiben dahin,
die Ruder im Schoss,
lassen geschehen,
dass Land ausser Sicht,
erzählen uns Gründe
und glauben uns nicht.

Der Tag, er wird kommen,
denn das tut er stets,
und er wird uns zeigen,
was wir überseh’n.
Wir werden erschüttert
und hören uns flehen,
zurück gibt es keines,
die Einsicht nur bleibt.
Drum lebe dein Leben
und lass dich nicht gehen,
sag was du fühlst,
bald ist es zu spät.

Der Weg

IMG_1376Angefangen,
losgegangen,
hoch geflogen,
tief gefallen,
aufgerappelt,
gerade gerückt,
weiter gegangen,
tief geflogen,
doch gefallen,
liegen geblieben,
Wunden geleckt,
nachgedacht,
Tränen abgewischt,
hoch gestemmt,
aufgestampft,
jetzt erst recht.

Das Leben

Des Lebens
Höhen
vermissen
ersehnen
erklimmen
erkunden
drauf schwimmen
geniessen

In des Lebens Tiefen
abtauchen
sich finden
schwimmen
sich suhlen
sich verfluchen
sie verdammen
sich fangen
untergehen
sich nach oben sehnen.

Des Lebens Ende
erahnen
fürchten
verdrängen
erinnern
kommen sehen
beweinen
ausreizen
annehmen
angehen
erleben.

Hin und Her

Und irgendwann
trocknen die Tränen,
das Schluchzen stirbt.
Es bleiben bloss
Kloss und klammes Herz,
ein Loch im Bauch.

Man sieht’s im Spiegel,
leerer Blick,
die Nase rot,
die Lider schwer.
Es fehlt an Mut,
an noch viel mehr.

Man blickt zurück,
schluckt erst nur tief,
richtet sich auf,
schaut dann nach vorn,
und weiss bereits,
es geht noch mehr.

Weil – ja weil es muss
und weil es soll,
weil man es will,
hat man die Wahl?
Wär’ aufgeben nicht
nur noch mehr Qual?

Erst ein Blitz,
dann gar ein Strahl,
zeigt sich ein Licht
am Horizont,
fügen kleine Teile sich,
bilden so ein Ganzes.

Es geht voran,
man hofft erneut,
die Angst beständig
im Hinterkopf präsent,
auf ein gutes Ende,
irgendwann.

Ein erstes Lächeln,
das zweite glaubt man fast,
das dritte nimmt die Augen mit
erst nur wenig,
dann ein ganzes Stück,
bis es wirklich ist.

Und wieder zeigt es sich,
dass nichts gemeint
für immer ist.
Ob Glück, ob Leid,
sie wechseln stets,
was bleibt ist nur
das Hin und Her.

Stark sein

Wieviel Schwäche darf man zeigen,
ohne das Gesicht zu verlieren?
„Du bist so stark“ –
Wie lange kann man es hören,
ohne darüber in Tränen auszubrechen,
weil man nur noch Sarkasmus,
Zynismus drin hört,
auch wenn es anders gemeint ist.

Wer fühlt den Schmerz dessen,
der leidet,
der einsam ist,
allein?

Wie kann man schwach sein,
wenn man es nicht sein darf,
ohne in der Gesellschaft
unten durch zu sein?
Wann dürfen Tränen fliessen?
Sind sie nicht einfach nur Zeichen
des Scheiterns,
des eigenen Versagens?

Man war nicht stark,
man ist gefallen
vom Olymp derer,
die es schaffen,
die Haltung bewahren,
Fassung dazu.

Der tagtägliche Kampf um die Maske,
die fallen will,
nicht darf.
Der tagtägliche Kampf mit der Realität,
die so unbarmherzig nagt
an den Fäden der Larve,
die mühevoll man hochhält.
Bis sie fällt.
Tränen enthüllt.
Sie strömen.
In Bächen,
Flüssen,
reissenden.

Und nun?