Christian Morgenstern: Mittag

Christian Morgenstern (1871 – 1914)

Mittag

Tage gibt es, da des Mittags Bläue
Uebermild um braune Berge zittert
Und in unaussprechlich linder Läue
Sie wie Himmelsliebesrausch umwittert.

Ja, wie Liebe bricht es aus den Räumen,
Und nur noch aus Frauenaugensternen
Kannst du dies aus fast zu seligen Träumen
Hergesunkene Gottesleuchten lernen.

1910

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, das man lesen kann, wenn man liebt

Fragen

Worauf bauen
hoffen, und auch
vertrauen?

Was kann ich
wollen, tun und
was sollen?

Was darf ich
wünschen und was
für mich wollen?

Kann ich es
sagen, ist es
gegeben?

Was darf ich
dürfen und was
muss ich müssen?

Was ist mein Ziel
und was passt
so richtig?

Was ist schlicht gut
und was ist
das Falsche?

Was ist der Mensch
und was macht
ihn zu dem?

Wann bin ich Mensch
und wann darf
ich’s sein?

©Sandra Matteotti

Sehnsucht

Und ich denke,
denke an dich.
Denke an dich und
denke an mich.
An uns denke ich.

Und ich denke,
denke gar nicht.
Fühle so mich und
fühle tief dich.
Und fühle dann uns.

Und ich denke.
Und fühle ganz dich.
Und fühle und bin
nur ich ohne dich.
Vermisse dich schlicht.

Und ich denke,
denke an dich.
Denke an dich
und plötzlich weiss ich:
Dich spüren will ich.

©Sandra Matteotti

Was ist echt?

Siehst du
mich so
wie ich bin?

Liest du
nur so
dich hinein?

Bist du
wirklich
hier und jetzt?

Fühlst du
mich so
wie ich dich?

Willst du
es nur
gerne tun?

Was ist
echt und
was gespielt?

Was ist
echt und
was gefühlt?

Siehst du
mich so
wie ich bin?

Das kam
mir grad
in den Sinn.

©Sandra Matteotti

Kapitalismus

Das ist mein Haus
und hier mein Boot
und Autos hab’ ich viele.

Erzähl von dir,
wie steht es da?
Und: Hast du auch noch Ziele?

Was bringen die
so finanziell?
Was sollte and’res zählen?

Du hast gar nichts?
Und bist auch nichts?
Was ist das für ein Leben?

Was kümmert mich,
wer du sonst bist?
Kein Geld, das ist wie sterben.

So läuft die Welt,
setzt ihren Wert.
Und: Opfert dafür viele.

©Sandra Matteotti

Ein mörderischer (Rate-)Spass

Sie: „Ganz schön schwül heute…. UIIIIIII, was war das denn?“

Er: „Ich könnte dir das natürlich gleich verraten, aber das wäre nur halb so lustig, drum rate mal – du hast drei Versuche.“

Sie: „Nicht dein Ernst, oder? Du weißt genau, dass ich solche Spiele hasse, nun spuck schon aus.“

Er: „Nun sei doch keine Spassbremse, rate!“

Hätte er mal gesehen, was sie in der Hand hält, er hätte gesagt, dass es eine Fledermaus war, die in dunkelster Nacht und damit ungesehen, lautlos und nur durch den nahen Lufthauch gefühlt an ihr vorbeischwirrt war und sie erschreckt hatte.

Die Moral von der Geschicht’?

Provoziere erschreckte Frauen nicht, schon gar nicht mit besserwisserischen Ratespielchen… die Polizei fand nur das blutüberströmte Messer neben seiner Leiche und glaubte der immer noch erschreckt wirkenden Frau (die zwei Semester an der Schauspielschule waren also doch für etwas gut gewesen – man sollte Weiterbildungen nie unterschätzen, auch wenn sie nicht gleich eingesetzt werden können), dass es Notwehr war aufgrund der Todesangst, die ihr eine aus dem Nichts auftauchende und hautnah durchhuschende Gestalt eingejagt hätte….

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Für die abc.etüden, Woche 28.18: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Wortspende für die Textwoche 28.18 kommt von Natalie aus dem Fundevogelnest

Sie lautet: Fledermaus, schwül, verraten

Der Ursprungspost: HIER

jedem seine welt

meine welt ist
nicht glänzend
nicht ständig nur pink und gar
himmelblau strahlend

es gibt da die ganz
dunklen töne die
mitunter auch
das zepter einnehmen

es gibt da so diese
gar düsteren klänge
die statt in dur auch
moll halt verströmen

meine welt ist nicht
jeden tag glänzend
sie malt auch in matt und
dunkelblau – satt

das ist halt die welt die
die meine ich nenne
und wem’s nicht gefällt
der hat dann noch seine.

©Sandra Matteotti

Ausgeträumt

Und dann kam die Zeit
als Menschen verwert-
und austauschbar warn.

Wo nur noch Gewinn,
nur Leistung wert war –
niemals Gefühl.

Und dann kam die Zeit,
als wir uns verlorn
und Leere nur blieb,

weil die Illusion
der Jahre zuvor
im Sande verlief.

©Sandra Matteotti