Theodor Storm: Wohin du gehst, wohin du irrst

Notwendige feine Gedichte

StormWohinSo betitelt und untertitelt kommt dieser kleine, aber feine Gedichtband daher. Kannte ich aus Schulzeiten nur den Schimmelreiter und die ach so norddeutschen Novellen, entdeckte ich den Lyriker Storm erst spät. Das bedaure ich sehr, bin aber froh, dass es nicht zu spät war, ich ihn entdeckte. Eine wunderbar klare Sicht aufs Leben, so viel Herz und Verstand.

Wer je gelebt in Liebesarmen,
Der kann im Leben nie verarmen;
Und müsst’ er sterben, fern, allein,
Er fühlte noch die selge Stunde,
Da er gelebt an ihrem Munde,
Und noch im Tode ist sie sein.

Ein wunderbares Buch voller Gefühl, voller Poesie, voller Leben und aus dem Leben.

Was mich sehr traurig stimmt – und da kommt nun eine Kritik in eine Rezension, die nicht dem Inhalt des Buches, sondern der heutigen Zeit gilt: Lyrik wird zu gering geschätzt. Lyrik trägt so viel an Leben, an Philosophie, an Gefühl. Sie regt zum Denken an, lädt zum Innehalten ein, kann Halt in schweren Stunden sein oder Begleiter in den leichten.

Wir haben hier ein gebundenes Buch. Für 6 Euro. 9.90 CHF. Jeder seichte Krimi ist teurer. Und der wird nie nachhallen. Er ist Unterhaltung und dafür toll, ich las viele davon und möchte sie nicht schlecht reden. Nur: Wo bleiben unsere Werte? Dies ein kurzer Exkurs einer Lyrik-Liebhaberin.

Fazit:
Ein kleiner, feiner, tiefgründiger, gefühlvoller Gedichtband. Lyrik, die berührt. Absolute Leseempfehlung.

Zum Autor und den Mitwirkenden
Theodor Storm wurde 1817 in Husum geboren und studierte Jura in Kiel und Berlin. Anschließend ließ er sich als Rechtsanwalt in seiner Heimatstadt nieder. Neben seinem Beruf widmete er sich jedoch leidenschaftlich seinem eigenen literarischen Schaffen: Er schrieb Gedichte, Märchen und Novellen. Im Jahr 1888 verfassteStorm sein letztes und erfolgreichstes Werk: die Novelle ‚Der Schimmelreiter‘. Noch im gleichen Jahr erlag er einer schweren Erkrankung und starb am 4. Juli.

Prof. Dr. Gerd Eversberg war 22 Jahre lang Sekretär der Theodor-Storm-Gesellschaft in Husum. Er studierte Theaterwissenschaften, Kunstgeschichte, Germanistik, Philosophie und Pädagogik in Köln und leitet seit 1989 das Theodor- Storm-Zentrum mit Archiv und Museum in Husum. Er war Herausgeber der Schriften der Theodor-Storm-Gesellschaft, der Editionen aus dem Storm-Haus und der Storm-Briefwechsel. Neben seinen Arbeiten zur Literatur des poetischen Realismus und zur Mediengeschichte veröffentlichte er Beiträge zur „Fachdidaktik Deutsch“ und zum Philosophieunterricht sowie zur Ausstellungsdidaktik und zur Kulturgeschichte Nordfrieslands. Seit 2011 lehrt er als Honorarprofessor am Seminar für deutsche Philologie der Georg-August-Universität in Göttingen.

Angaben zum Buch:
Gebundene Ausgabe: 160 Seiten
Verlag: marix Verlag ein Imprint von Verlagshaus Römerweg; Auflage: 1 (18. August 2017)
ISBN-Nr: 978-3737410526
Preis: EUR 6/ CHF 9.90
Zu kaufen in Ihrer Buchhandlung vor Ort oder online u.a. bei AMAZON.DE und BOOKS.CH

Nach der Liebe

Du liegst mir im Sinn,
ob ich will oder nicht.
Du bist einfach drin,
darum dieses Gedicht.

Es tat uns nicht gut,
miteinander zu sein.
Statt Liebe meist Wut
und wir waren gemein.

Wir kämpften aufs Blut
und bereuten gleich sehr.
Wir meinten es gut
und machten’s uns schwer.

Und oft hält man nur
an den Träumen noch fest.
Fokussiert viel zu stur,
ignoriert dann den Rest.

Es gibt nur ein Leben,
was machen wir draus?
Könnten viel geben
und halten nur aus.

Und dann kommt die Zeit,
und wir müssen einseh’n,
was in uns laut schreit,
und müssen dann geh’n.

Zurück bleibt der Schmerz
und Trauer und Not,
es blutet das Herz
und fühlt sich wie tot.

Und irgendwann hoffst du,
nun bald zu gesunden,
und irgendwann hoffst du,
auf bessere Stunden.

©Sandra Matteotti

Christian Morgenstern: Mittag

Christian Morgenstern (1871 – 1914)

Mittag

Tage gibt es, da des Mittags Bläue
Uebermild um braune Berge zittert
Und in unaussprechlich linder Läue
Sie wie Himmelsliebesrausch umwittert.

Ja, wie Liebe bricht es aus den Räumen,
Und nur noch aus Frauenaugensternen
Kannst du dies aus fast zu seligen Träumen
Hergesunkene Gottesleuchten lernen.

1910

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Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, das man lesen kann, wenn man liebt

Fragen

Worauf bauen
hoffen, und auch
vertrauen?

Was kann ich
wollen, tun und
was sollen?

Was darf ich
wünschen und was
für mich wollen?

Kann ich es
sagen, ist es
gegeben?

Was darf ich
dürfen und was
muss ich müssen?

Was ist mein Ziel
und was passt
so richtig?

Was ist schlicht gut
und was ist
das Falsche?

Was ist der Mensch
und was macht
ihn zu dem?

Wann bin ich Mensch
und wann darf
ich’s sein?

©Sandra Matteotti

Sehnsucht

Und ich denke,
denke an dich.
Denke an dich und
denke an mich.
An uns denke ich.

Und ich denke,
denke gar nicht.
Fühle so mich und
fühle tief dich.
Und fühle dann uns.

Und ich denke.
Und fühle ganz dich.
Und fühle und bin
nur ich ohne dich.
Vermisse dich schlicht.

Und ich denke,
denke an dich.
Denke an dich
und plötzlich weiss ich:
Dich spüren will ich.

©Sandra Matteotti

Was ist echt?

Siehst du
mich so
wie ich bin?

Liest du
nur so
dich hinein?

Bist du
wirklich
hier und jetzt?

Fühlst du
mich so
wie ich dich?

Willst du
es nur
gerne tun?

Was ist
echt und
was gespielt?

Was ist
echt und
was gefühlt?

Siehst du
mich so
wie ich bin?

Das kam
mir grad
in den Sinn.

©Sandra Matteotti

Kapitalismus

Das ist mein Haus
und hier mein Boot
und Autos hab’ ich viele.

Erzähl von dir,
wie steht es da?
Und: Hast du auch noch Ziele?

Was bringen die
so finanziell?
Was sollte and’res zählen?

Du hast gar nichts?
Und bist auch nichts?
Was ist das für ein Leben?

Was kümmert mich,
wer du sonst bist?
Kein Geld, das ist wie sterben.

So läuft die Welt,
setzt ihren Wert.
Und: Opfert dafür viele.

©Sandra Matteotti

Ein mörderischer (Rate-)Spass

Sie: „Ganz schön schwül heute…. UIIIIIII, was war das denn?“

Er: „Ich könnte dir das natürlich gleich verraten, aber das wäre nur halb so lustig, drum rate mal – du hast drei Versuche.“

Sie: „Nicht dein Ernst, oder? Du weißt genau, dass ich solche Spiele hasse, nun spuck schon aus.“

Er: „Nun sei doch keine Spassbremse, rate!“

Hätte er mal gesehen, was sie in der Hand hält, er hätte gesagt, dass es eine Fledermaus war, die in dunkelster Nacht und damit ungesehen, lautlos und nur durch den nahen Lufthauch gefühlt an ihr vorbeischwirrt war und sie erschreckt hatte.

Die Moral von der Geschicht’?

Provoziere erschreckte Frauen nicht, schon gar nicht mit besserwisserischen Ratespielchen… die Polizei fand nur das blutüberströmte Messer neben seiner Leiche und glaubte der immer noch erschreckt wirkenden Frau (die zwei Semester an der Schauspielschule waren also doch für etwas gut gewesen – man sollte Weiterbildungen nie unterschätzen, auch wenn sie nicht gleich eingesetzt werden können), dass es Notwehr war aufgrund der Todesangst, die ihr eine aus dem Nichts auftauchende und hautnah durchhuschende Gestalt eingejagt hätte….

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Für die abc.etüden, Woche 28.18: 3 Worte, maximal 10 Sätze. Die Wortspende für die Textwoche 28.18 kommt von Natalie aus dem Fundevogelnest

Sie lautet: Fledermaus, schwül, verraten

Der Ursprungspost: HIER

jedem seine welt

meine welt ist
nicht glänzend
nicht ständig nur pink und gar
himmelblau strahlend

es gibt da die ganz
dunklen töne die
mitunter auch
das zepter einnehmen

es gibt da so diese
gar düsteren klänge
die statt in dur auch
moll halt verströmen

meine welt ist nicht
jeden tag glänzend
sie malt auch in matt und
dunkelblau – satt

das ist halt die welt die
die meine ich nenne
und wem’s nicht gefällt
der hat dann noch seine.

©Sandra Matteotti

Ausgeträumt

Und dann kam die Zeit
als Menschen verwert-
und austauschbar warn.

Wo nur noch Gewinn,
nur Leistung wert war –
niemals Gefühl.

Und dann kam die Zeit,
als wir uns verlorn
und Leere nur blieb,

weil die Illusion
der Jahre zuvor
im Sande verlief.

©Sandra Matteotti