24. Mai

„Wie selten ist der reine Blick, das bereite Herz, der aufmerksame Sinn?“ Hugo von Hofmannsthal

Je älter wir werden, desto mehr haben wir erfahren, erlebt, auch durchlitten. Alles, was uns im Leben begegnet, hinterlässt Spuren – tiefe, schmerzhafte, auch schöne. Sie prägen unser Sein, damit auch unser Verhalten. Vor allem Verletzungen aus der Vergangenheit können dazu führen, dass wir uns verschliessen, so denken, Herz und Seele schützen zu können.

Leider schützen wir uns damit nicht nur, oft verletzen wir uns auch selber immer wieder durch dieses Verschliessen. Und oft verpassen wir auch wunderbare Chancen, weil wir uns nicht trauen, wirklich mit offenem Herzen und Blick durchs Leben zu gehen.

Das Leben erfordert mitunter Mut. Ein offenes Herz lässt alles rein. So nicht nur Schweres, sondern immer auch Schönes. Und das hilft, das Schwere zu tragen.

23. Mai

„Achtsamkeit ist ein aufmerksames Beobachten, ein Gewahrsein, das völlig frei von Motiven oder Wünschen ist, ein Beobachten ohne jegliche Interpretation oder Verzerrung.“ (Jiddu Krishnamurti)

Wir neigen dazu, wenn wir etwas sehen, dieses gleich zu beurteilen. Gegenstände, Menschen, Situationen – alles kriegt einen Stempel aufgedrückt, welchen wir durch unsere Erfahrungen in der Vergangenheit geprägt haben. Oft schauen wir gar nicht mehr genau hin, wir wissen ja – so denken wir – schon bescheid.

Nur: Ist die heutige Situation wirklich genau gleich wie die letzte, aufgrund derer wir sie bewerten? Ist der Mensch vor uns wirklich genau so, wie der, an den er uns erinnert mit seinem Verhalten? Ist der Baum wirklich einfach nur ein Baum wie tausend andere oder aber zeichnet ihn nicht doch etwas Spezielles aus?

Nur wenn wir die Dinge achtsam anschauen, wenn wir sie in ihrem heutigen Sein, wie es sich uns präsentiert, wahrnehmen, sehen wir sie, wie sie wirklich sind. Ansonsten sehen wir nur das, was wir aus uns selber in sie hineinlesen.

22. Mai

„Auf alles, was der Mensch vornimmt, muß er seine ungeteilte Aufmerksamkeit oder sein Ich richten.“ Novalis

Geht es dir auch so, dass du ab und an tausend Dinge aufs Mal machst, ganz vieles mal schnell nebenher erledigst? Das mag bei einigen Routinedingen gut funktionieren, auch wenn es Studien gibt, dass man gar nicht effizienter ist, wenn man die Dinge gleichzeitig statt hintereinander macht (und ob es einem wirklich gut tut, ist die andere Frage).

Wenn du aber ein Ziel hast, etwas wirklich willst, musst du es mit ganzem Engagement und voller Aufmerksamkeit verfolgen. Was man nur halbherzig verfolgt, kommt meist auch genau so raus: halbpatzig. Es ist einerseits ein Ausdruck deines Wunsches, etwas zu erreichen, wenn du dich diesem voll widmest. Andererseits gibst du dem Wunsch erst durch deinen Einsatz auch den Wert, von dem du behauptest, dass er ihn hat für dich.

Wenn du also ein Ziel hast, setze deine ganze Energie in dessen Verfolgung. Nur so gibst du wirklich alles, was du kannst, um es zu erreichen.

21. Mai

„Man sieht oft etwas hundertmal, tausendmal, ehe man es zum ersten Male wirklich sieht.“ (Christian Morgenstern)

Ist es dir auch schon einmal passiert, dass du durch eine Strasse gingst und plötzlich ein Haus sahst, das dir vorher noch nie aufgefallen ist? Oft laufen wir mit Scheuklappen durch die Gegend, sind entweder in Gedanken versunken, ins Gespräch vertieft oder – wie so oft – mit den Augen auf den Handy-Bildschirm geheftet. Dabei wäre da draussen eine ganze vielfältige und bunte Welt, die nur gesehen werden möchte. Und die neue Inspirationen und auch Freuden bringen könnte – wenn man sie sähe.

Vielleicht beim nächsten Gang durch die alltäglichen Strassen die Augen besondern offen halten, um all das zu sehen, was uns vielleicht sonst entgangen ist?

20. Mai

„Man muss viel gelernt haben, um über das, was man nicht weiss, fragen zu können.“ (Jean-Jacques Rousseau)

Sokrates ist bekannt für seinen Ausspruch, dass er wisse, dass er nichts weiss. Dieser Spruch könnte wie Koketterie anmuten, wenn man bedenkt, dass er als weisester Mensch galt damals. Und gerade der Mensch hat eine Dialogform gepflegt, die mehrheitlich aus Fragen bestand. Im Gespräch ging er auf den anderen ein und hinterfragte immer wieder festgefahrene Annahmen.

„Ist das wirklich so?“

Wie oft versteigen wir uns in unsere eigenen Meinungen, setzen sie als sakrosankt und lassen nicht mehr dran rütteln? Wie oft geraten wir deswegen sogar in Streitdiskussionen und fühlen uns schlussendlich schlecht, weil die Diskussion lief, wie sie lief, oder weil wir merken mussten, dass so manches Festgefahrene doch nicht der Wahrheit letzter Schluss war?

Alles zu wissen (oder es zu glauben) ist kein Zeichen wirklicher Weisheit. Die Offenheit, Dinge in Frage zu stellen, mitunter auch sich selber, zeugt von einer Grösse gepaart mit Demut. Die erreicht man nur, wenn man aus den Erfahrungen lernt – allem voran: Es gibt die eine Wahrheit nicht, die Wirklichkeit lässt sich von verschiedenen Seiten betrachten, und erst durch Fragen lernt man andere, einem nicht sichtbare, kennen.

19. Mai

„Es wiederholt sich alles Bedeutende im großen Weltgange, der Achtsame bemerkt es überall.“ Johann Wolfgang von Goethe

Hast du auch schon einmal gedacht: „Ach nein, nicht schon wieder?“ Dir ist etwas passiert, was du eigentlich vermeiden, oder du hast dich auf eine Weise verhalten, wie du es nie mehr tun wolltest. Und doch liefst du wieder in die gleiche Situation hinein.

Menschen haben oft Punkte, die bei ihnen eine automatische Reaktion auslösen. Sobald der Punkt getroffen ist, läuft das Programm ab. Und oft blickt man dann im Nachhinein zurück und denkt, dass das nicht nötig gewesen wäre, dass man vieles hätte vermeiden können, hätte man nur genauer hingesehen.

Der erste Schritt zur Besserung ist sicher, die eigenen, solches auslösenden Punkte (auch Triggerpunkte) zu kennen. Wenn man sich bewusst ist, worauf man unbedacht reagiert, kann man in Zukunft besser darauf achten. Und wenn dann ein Punkt getroffen wird, gelingt es vielleicht auch (und: die Übung macht den Meister), bewusster und angemessener darauf zu reagieren.

Das mag nun zwar für den Weltenlauf nichts Bedeutendes sein, kann aber im eigenen Leben viel Bedeutung haben, weil sich dieses dadurch entspannter gestaltet.

Bis zum Letzten

Turm Oerlikon (4 von 7)

Bis zum Letzten

In Runden umrunden,
so Stufen um Stufen,
die Höhe bezwingen,
um fast wie von Sinnen,
den Turm zu erklimmen,
doch in mir die Stimmen,
sie kommen mit.

Himmelwärts streben,
die Weite erleben,
die Höhe erfahren,
und Ruhe bewahren,
trotz rasendem Herzen
und stechenden Schmerzen
ich halte Schritt.

Lasse nicht locker,
ich bin nicht das Opfer,
ich will, was ich tue,
und nehme die Schuhe
in meine Hände,
ertaste die Wände,
und dann dieser Schnitt.

Blut rinnt in Strömen,
ich höre sie höhnen,
lachend und spassend,
trotzdem anmassend
in Spott sich ergiessen
und diesen geniessen.
was für ein Ritt.

Ist das mein Leben?
Ich will mir’s nicht geben,
und breche nun aus hier,
wie aus nem Loch schier
den Turm hinauf strebend,
dann oben erbebend,
– nur noch ein Schritt.

©Sandra Matteotti

18. Mai

„Der gegenwärtige Moment ist voller Freude und Glück.“ (Thich Nhat Hanh)

Achtsam durchs Leben gehen, bedeutet, jedem Augenblick die volle Aufmerksamkeit zu geben. Meist sind wir ja in Gedanken ganz wo anders, denken über Vergangenes nach oder planen die Zukunft. Was, wenn wir ab und an einfach mal alles loslassen und hinschauen, was genau jetzt ist?

Was sehe ich?
Was rieche ich?
Was höre ich?
Was spüre ich?

Die Blume am Strassenrand hätten wir vielleicht fast übersehen, den Geruch der Orangenblüten am Baum nicht wahrgenommen und den Gesang des Vogels auf dem Ast nicht gehört. Wie viel Freude kann aus solchen Alltäglichkeiten wachsen?

Die bessere Wahl

Mann und Frau, die streiten sich,
betiteln sich gar bitterlich.
Er nennt’ sie Kuh,
sie grunzt ihm zu,
ganz ungeschönt und unsittlich.

Vergessen ist die ganze Liebe,
statt Küssen gibt es Seitenhiebe,
direkt auf den Nerv
mit Feuer und Verv‘,
die Worte durchlaufen keine Siebe.

So nimmt das Unglück seinen Gang,
was anfangs mal so schön begann,
zu Ende und aus,
der Mann aus dem Haus,
bei ihr lebt nun ein Dobermann.

Und die Moral von der Geschicht?
Streite als Mannsbild besser nicht:
Du gehst vor die Hund,
statt dir kommt ein Hund,
weil dieser der Frau nicht widerspricht.

©Sandra Matteotti

17. Mai

„Wir verleben unsere schönen Tage, ohne sie zu bemerken: erst wenn die schlimmen kommen, wünschen wir jene zurück.“ (Arthur Schopenhauer)

Nach einem schönen Tag kommt es oft vor, dass ich abends beim Nachtessen sitze und an den Tag zurück denke. Ich denke an all die schönen Momente, an die Freuden, die er mir brachte. Und dann kommt ein Gefühl der Dankbarkeit auf und nicht selten spreche ich es dann auch aus:

„Heute war ein schöner Tag!“

Damit ist das Schöne nochmals ganz präsent und das nach so einem Tag sowieso schon gute Gefühl verstärkt sich noch. Und auch wenn nicht alle Tage so schön sind, kann es helfen, die schönen bewusst wahrzunehmen. Die Dankbarkeit für das Gute hilft oft in schwereren Zeiten, die nötige Kraft, sie gut zu meistern, und auch Hoffnung auf wieder bessere Zeiten aufrecht zu erhalten.

Ausgesprochen sprachlos

Ich bin all der Worte so müde,
ich mag nicht mehr schreiben,
schon Denken wird viel.

So vieles umwälzt sich
in all meinen Windungen
und dreht sich und mich damit mit.

So vieles ergoss sich
und floss über Seiten
und Blöcke hinaus.

Und nun bin ich lautleer
und auch mein Denken
schweigt mit mir mit.

©Sandra Matteotti

 

15. Mai

„Warum uns das Plötzliche oft überrascht? …Weil uns das Allmähliche entging.“ Otto Weiß

Wer hat nicht schon einen guten Freund, dessen Beziehung gerade in Brüche ging, klagen hören, dass er es nicht hätte kommen sehen? Und wer fiel dabei nicht auch schon selber aus allen Wolken und dachte, dass das wirklich nicht abzusehen war? All die kleinen Blicke, die spitzigen Bemerkungen, die leisen Unzufriedenheiten gingen unter. Und aus dem Nichts quasi kommt der Bruch.

Wenn du mit deinem Partner sprichst, hörst du ihm wirklich zu? Wenn ihr das gemeinsame Leben plant, habt ihr wirklich beide eine Stimme? Bist du zufrieden mit deinem Leben? Ist es dein Partner? Was weisst du eigentlich über euch beide? Wann hast du das letzte Mal genau in dich gehört? Und ihm zu?

Veränderungen kommen oft schleichend und werden uns so oft nicht bewusst. Das geschieht einerseits aus unserem Eingespanntsein in die Hektik des Alltags, aber auch, weil wir gar nicht genau hinschauen wollen: Es könnte uns nicht gefallen, was wir sehen, so dass wir lieber in der Illusion verharren, dass alles gut ist. Bis sie sich nicht mehr aufrecht erhalten lässt.

Nur: Früh genug hingeschaut, hätte man noch vielleicht einiges noch in der Hand gehabt, irgendwann ist es zu spät.

Wenn dir das Leben Zitronen schenkt

_I9A0570.JPG

Da wollte doch die Frau dem Manne
einen schönen Kuchen backen,
war auch schnell schon voll zu Gange,
brauchte schlicht nur sieben Sachen.

Zucker, Mehl und auch noch Butter,
Eier, Salz und Pülverchen,
Zitronen, so kannt’ sie’s von Mutter,
alles das ins Schüsselchen.

Das ist nicht schwer, das krieg ich hin,
so dachte sie ganz sorgenfrei.
Nur kam ihr später in den Sinn:
von sieben Dingen fehlten zwei.

Der Kuchen aus dem Ofen kam,
von Kuchen sprechen war schon viel.
Es schaut betreten drein der Mann,
zum Tee noch Kuchen war sein Ziel.

Es blieb dann nur bei trocken Brot,
der Kuchen fand sein Bett im Kübel,
der Bäckerin ihr Wangenrot,
das kam vom Mannesspott – dem Rüpel.

Doch weiss man schliesslich nicht genau,
ob es nicht doch ‚ne Absicht war,
befand doch eben diese Frau,
für ihren Mann so Jahr für Jahr:

Er könnte mal den Bauch loswerden,
dafür fasten wär nicht schlecht.
Da käme doch wie nichts auf Erden,
so kein Kuchen grade recht.

Ein Schelm aber, wer Böses denkt,
es ist und bleibt nun wie es ist:
Wer sich von sieben zweie schenkt,
der bäckt nicht Kuchen sondern Mist.

©Sandra Matteotti

 

14. Mai

„Es gibt überall Blumen für den, der sie sehen will.“ Henri Matisse

Wenn es uns nicht gut geht, neigen wir oft dazu, die Dinge nur schwarz zu sehen. Plötzlich erscheint alles in düsterem Licht, die Welt um uns wird dunkel. Nur: Die Welt hat sich nicht verändert, sie ist noch immer so, wie sie vorher war. Sahen wir sie in lichten Stunden hell oder in dunklen düster: Es ist nicht die Welt, die sich änderte, es ist unser Blick auf sie.

Wenn also wieder mal alles düster erscheint, kann es helfen, sich daran zu erinnern, was alles da war, als sie noch hell war. Und sich dann bewusst zu werden, dass das alles noch da ist, wir es nur sehen müssen. Und oft kann es helfen, einfach mal mit offenen Augen durch die Strassen zu gehen und die Blumen am Wegesrand zu bewundern. Und schon sieht die Welt ein wenig bunter aus.

13. Mai

„Ein Mensch ohne Aufmerksamkeit ist gar nicht geschickt, in der Welt zu leben.“ Philip Stanhope, 4. Earl of Chesterfield

Wer ist nicht schon über eine Schwelle gestolpert oder hat etwas fallen gelassen? Wir nennen sie die kleinen Missgeschicke des Alltags, tun sie mit einem Lachen ab und leben weiter wie bisher – es sei denn, es passiert ein schwerer Unfall aus so einem Missgeschick heraus.

Worauf aber gründen diese Missgeschicke? Sie sind die Folgen unserer Unachtsamkeit: Wir laufen durch die Welt und beachten sie nicht, weil wir im Geist ganz woanders sind. Wir sehen weder die Schwellen unter unseren Füssen noch die Pfosten vor unseren Köpfen. Wer schon Menschen mit ihren Handies durch die Strassen laufen sah, wird sich darüber nicht wundern.

Wieso aber denken wir, geistig immer wo anders sein zu müssen als wir sind? Wenn wir einen Ausflug machen, teilen wir das auf Facebook Freunden mit, sind also eigentlich im Geiste bei denen. Wieder zu Hause denken wir an den Ausflug zurück, trauern ihm nach, weil er schon vorbei ist. Und so leben wir eigentlich nie wirklich im Hier und Jetzt, sondern befinden uns ständig an verschiedenen Orten körperlich und geistig.

Wie wäre es, das genau heute mal zu ändern?