Gegensätze ziehen sich an – oder: Zum Valentinstag

Ich hab’ so diesen einen Mann,
nicht weil ich mehr nicht haben kann,
weil einer reicht, es ist genug,
behaupte ich, mit Recht und Fug.

Ich habe also diesen Mann,
der sich nur Reime merken kann,
nicht Zahlen, Namen, Worte so,
es braucht was mehr, so irgendwo.

Da steht er dann, zitiert den Faust,
die Brust weit raus, ganz aufgebauscht,
den Jahrestag, ich wusst es zwar,
der war ihm nicht mehr ganz so klar.

So gehen wir durch diese Zeit,
und tun das gerne auch zu zweit,
im Wissen, wer der andre ist,
den man mit Vorsicht nur bemisst

nach eignem Mass, mit eignem Sinn,
er ist nicht so, wie ich halt bin,
das macht ihn aus, das ist schlicht er,
klagt‘ ich es an, wer wär ich, wer?

Ich merk mir Zahlen, merk mir Zeit,
des Esels Brück’ geht mir zu weit,
bin schlicht ganz klar, bin grad heraus,
liebe aber auch den Faust,

so sind wir beide, wie wir sind,
nicht immer nur das liebe Kind
des andren Wunsch, des andren Sein,
und sagen doch: „Auf immer dein!“

©Sandra von Siebenthal

Lebenssinn?

Wird die Raupe je gefragt,
was sie im Leben will?
Ist einzig nur der Schmetterling
der Raupe ganzer Sinn?

Zählt Werden mehr,
als Sein je wird?
Wo geht man hin,
wenn man mal stirbt?

Kommt schliesslich dann das Paradies,
ist Leben hier nur leben bis?
Ist Streben das, was wirklich zählt?
Und wer hat dieses so gewählt?

Was ist genug,
was wird’s nie sein?
Bin ich speziell,
oder gemein?

Es drängt so manche Frag’ sich auf,
meist nimmt das Schicksal seinen Lauf,
bevor die Antwort sich dir zeigt,
und fast bin ich dazu geneigt,

zu sagen, dass das ständig Fragen,
zu nichts taugt in diesem Leben,
Denn die Antwort ist und bleibt:
„So ist es halt im Leben eben.“

©Sandra von Siebenthal

neue einsichten

und ab und an
verrenn ich mich,
blockiere dann
den weg zurück.

ich sitze da
und denk gequält,
was grad passiert,
war dumm gewählt.

da muss ich durch,
das weiss ich schlicht,
und sitz nun hier,
ich affe, ich.

ich kratze mich
an kopf und brust,
verliere bald
daran die lust.

ach wär ich doch
ne dumme kuh,
ich kaute friedlich,
machte muh,

hielt mich für klug
und so gescheit,
und säh null fehler
weit und breit.

ich hadere
noch vor mich hin,
doch dann kommt mir
so in den Sinn,

dass jeder mal
sich irren kann,
und dieses mal
war ich halt dran.

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Für die abc.etüden, Woche 06/07/21: 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern. Die Wortspende für die Textwoche 06/07.21 kommt von Torsten mit seinem Blog Wortman

Verwendete Worte für die Extraetüden Affe, neu, blockieren

Der Originalpost: Schreibeinladung für die Textwoche 06/07/21

Kleine Poesie: Blüten des Lebens

Du mußt das Leben nicht verstehen

Du mußt das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.
Und laß dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen
von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken lässt.

Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.

(Rainer Maria Rilke)

Ich backe mir meine Welt

Ich stellte die Musik an und ganz unerwartet und aus dem Nichts erschallte aus den Lautsprechern ein lautes Gitarrensolo und erschütterte den Raum. Ich erschrak und die Folgen liessen nicht lange auf sich warten. Die immer übellaunige Alte von unten stand schon an der Wohnungstür, hämmerte wie mit Eisenfäusten dran und schrie durch die verschlossene Tür Zetermordio. Schnell sprang ich auf, stellte leiser, öffnete die Tür und entschuldigte mich mit reumütiger Miene und einem Glas Honig als Wiedergutmachung.
„Du bist viel zu weichmütig“, sagte Urs und schaute mich mit hochgezogenen Augenbrauen an.
„Das Wort gibt es nicht, dass heisst – wenn schon – gutmütig, und nein, das bin ich nicht. Ich will einfach keinen Ärger“, erwiderte ich.
„Das Wort habe ich grad gebacken, weil ich finde, dass es besser passt. Wer immer gleich nachgibt, wenn jemand etwas beanstandet, ist weichmütig.“
„Irgendwie finde ich weichmütig schön. Da steckt weich und mutig drin. Mut zur Weichheit, ich muss nicht verhärten. Ich mag so sein.“
„So kann dir aber jeder auf der Nase rumtanzen und du gehst bei Auseinandersetzungen leer aus. Und ich nun auch, denn das war mein Lieblingshonig.“
„Ach, du wolltest doch sowieso abnehmen, da passt das grad, wenn der Honig nicht mehr da ist. …und führe mich nicht in Versuchung…“
„Ich habe beschlossen, nun auch weichmütig zu sein. Mut zur Weichheit, ich brauche keinen stahlharten Bauch.“
„Du bäckst dir die Welt heute, wie sie dir gefällt….“
„Backen ist eine gute Idee, ich finde, du könntest mir einen Kuchen backen. Ein Hoch auf die Weichmütigkeit.“

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Für die abc.etüden, Woche 05/21 – dieses Mal Extraetüden: 5 Begriffe in maximal 500 Wörtern. Die Wortspende für die Textwoche 05.21 kommt von Ludwig Zeidler und Ulrike mit ihrem Blog Blaupause7

Verwendete Worte für die Extraetüden: Zetermordio, weichmütig, backen, Lautsprechererschüttern.

Der Originalpost: Schreibeinladung für die Textwoche 05/21

Gutes Essen, schlechtes Essen

Ich erinnere mich, wie ich von der Schule heimkam und schon beim Öffnen der Tür den Geruch aus der Küche in der Nase hatte. Teilweise roch ich unser Essen schon, wenn ich die Treppen hochstieg. Wir wohnten im fünften Stock und so waren es viele Treppenstufen, auf denen ich den Geruch in der Nase hatte. Zwar gab es in dem Haus einen Lift, doch den durfte ich nicht benutzen, weil Mama fand, das sei zu gefährlich für mich alleine. Ich verstand das zwar nicht, doch ich hielt mich immer daran. Überhaupt hielt ich mich meist an solche Ge- und Verbote, die einfach ausgesprochen wurden, ohne dass ich sie verstanden hätte. Darüber zu diskutieren, das hatte ich schnell gelernt, brachte nichts, denn sie waren, wenn ausgesprochen, quasi in Stein gemeisselt.

Ich wusste immer, dass der Geruch nach Essen im Treppenhaus von uns kam, da es sonst selten aus Wohnungen heraus nach Gekochtem roch. Parfumwolken, Waschmittel, Raumdüfte, Müffeliges war alles da, aber kein Essen. Papa sagte oft, dass in anderen Familien nicht wie bei uns gekocht würde mittags. Da gäbe es dann nur Brot und Käse, die Küche bliebe kalt. Bei ihm klang das immer so, als ob das etwas Schlechtes wäre. Das habe ich nie verstanden, da ich Brot und Käse liebte und es gerne öfters gegessen hätte. Ob es wohl eine Hierarchie von Mahlzeiten gab, fragte ich mich dann. Gab es Mahlzeiten, die etwas taugten auf der einen Seite, solche, über die man die Nase rümpfte, auf der anderen? Und wer bestimmte, was auf welche Seite kam? Es kam mir ein bisschen vor wie bei Aschenputtel, welches die Erbsen sortieren musste. Ich traute mich nicht, das meinen Vater zu fragen. Es wäre sicher eine dumme Frage gewesen und ich konnte seinen abschätzigen Blick, den er für solche Fragen hatte, förmlich vor mir sehen. Die Vorstellung davon reichte mir durchaus.

Oft, wenn ich durch die Tür in unsere Wohnung kam, rief ich noch in der offenen Tür laut „Hallo!! Gibt es Suppe heute?“ Irgendwie fand ich oft, dass es nach Suppe roch, die ich eigentlich nicht wirklich mochte. Was ich aber an der Suppe mochte, war, dass es nach dem Teller Suppe den ich immer essen musste, Siedfleisch, Käse und Brot gab. Das liebte ich. Meistens hatte ich nach dem grossen Teller Suppe zwar keinen wirklichen Hunger mehr, aber ich ass es doch mit Genuss. Schliesslich, so dachte ich, hatte ich mich durch die Suppe gekämpft, da konnte ich nicht aufhören, wenn das Gute kam.

Irgendwann sagte mir Papa, ich dürfe nicht mehr schon in der offenen Tür rufen, ob es Suppe gäbe. „Sonst denken alle im Haus, dass es bei uns immer Suppe gibt.“ Ich verstand das Problem dabei nicht. Das musste wieder mit dieser Essenshierarchie zu tun haben. Auf alle Fälle rief ich ab da nicht mehr noch halb im Hausflur stehend in die Küche hinein. Ich kam nur noch still rein, hängte meine Jacke an die Garderobe, die gleich vis-a-vis von der Wohnungstür stand, stellte den Schulranzen sorgsam in die zweite Garderobe neben der Eingangstür. Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, Kleider, Schuhe oder Schulranzen einfach so hinzuwerfen. Das hätte Papa mit kritischem Blick und ebensolchen Worten beanstandet. Ich wagte es nicht, diese strafenden Worte herauszufordern. Nicht, dass er mich je mit Prügeln oder ähnlichem gestraft hätte, der Blick und die Worte, dieses offensichtliche Missfallen, waren mir Strafe genug und ich versuchte tunlichst, beides zu vermeiden.

Ich kann mich nicht erinnern, dass wir uns beim Hereinkommen je umarmt hätten. Wenn ich mich ausgezogen hatte und in die Küche lief, hiess es immer, dass ich mich gleich hinsetzen solle, weil das Essen bald fertig sei. Ich habe mich selten wirklich auf das Mittagessen gefreut, da ich oft keinen Hunger hatte oder aber es Dinge gab, die ich nicht mochte. Und immer gab es zu viel von allem, vor allem von dem, was ich nicht mochte. Meine Eltern schöpften für mich und ich musste den Teller leer essen. Bevor nicht alles weg war, durfte ich nicht aufstehen. Erstens sei alles gesund, hiess es, und zweitens bräuchte ich das, um genügend Kraft für den Nachmittag zu haben.

Meistens schaffte ich es in nützlicher Frist, dass ich mit meinen Eltern oder unwesentlich später fertig war und endlich vom Tisch konnte. Doch es gab auch Essen, bei denen alle weg waren und nur ich noch alleine am Esstisch sass. Zuerst hörte ich dann, wie meine Mutter das Geschirr spülte, dann kam sie mit genervtem und fast schon verächtlichem Blick aus der Küche, schimpfte nochmals mit mir wegen meines ungezogenen verhaltens und ging dann an mir vorbei, um Dinge zu erledigen, die dringend getan werden mussten. Alles schien in dem Moment wichtiger, als mir wenigstens Gesellschaft zu leisten bei meiner Sitztortur. Vielleicht dachte sie, das wäre sonst mehr Belohnung, wo es doch die Strafe des Alleinseins sein musste, die ich offensichtlich verdient hatte.

Es gab aber auch Mittagessen, die wollten und wollten nicht enden. Ich erinnere mich an ein Mal, als es Lebern gab. Das war neben Kutteln das Essen, das ich am wenigsten mochte. Wenn ich diesen grässlichen Geschmack im Mund hatte, würgte es mich regelrecht, so dass ich das Gefühl hatte, ich müsse alles wieder von mir geben. Ich versuchte so zu kauen, dass ich möglichst wenig vom Geschmack mitkriegte, und wenn dann doch plötzlich eine Geschmackswelle durch mich hindurch ging, schüttelte es mich. „Nun stell dich nicht so an!“, schimpfte Papa mit missbilligendem Blick. „Wir geben uns immer solche Mühe, für dich etwas Anständiges auf den Tisch zu bringen. Andere Eltern machen es sich einfach und tischen Brot und Käse auf.“

Wie gerne wäre ich in dem Moment bei den anderen am Tisch gesessen. Aber ich sass hier und das an dem Tag lange. Es wurde eins, halb zwei, zwei. Ich langweilte mich fürchterlich. Die Vorstellung, die Lebern doch noch zu essen, die nun zu allem Übel auch noch kalt und damit noch ekliger waren, liess mich erschauern und ich schüttelte mich. Doch, was blieb mir anderes übrig?

Irgendwann ging meine Mutter ins Bügelzimmer, mein Papa war schon zur Arbeit gefahren. Da kam mir die Idee. ich könnte die Lebern in einem der grossen Blumentöpfe vergraben. Schnell machte ich mich an die Arbeit, nicht dass meine Mutter plötzlich dastünde und mich bei meinem Tun ertappte. Mein Herz schlug bis zum Hals, meine Hände zitterten, so dass ich mein Vorhaben fast nicht in Tat umsetzen konnte. Schliesslich gelang es mir doch. Ich rief meiner Mutter durch die Wohnung zu, dass ich nun fertig sei. „Siehst du, ging doch, war doch gar nicht so schlimm.“ Ich nickte stumm. Und ich fühlte mich gar nicht stolz, sondern schlecht. Ich schämte mich.

Irgendwann sassen wir wieder gemeinsam am Mittagstisch, meine Mutter zeigte auf einen der Blumentöpfe und sagte zu meinem Vater: „Schau, die Pflanze, die immer kränkelte, die ich fast fortgeworfen hätte – nun hat sie neue Triebe.“ Mein Vater interessierte sich nicht für die vielen Pflanzen bei uns, er fand im Gegenteil, es wären sowieso zu viele.

ich lächelte nur und dachte an mein kleines Abenteuer zurück. Es fühlte sich plötzlich nicht mehr ganz so schlimm an. Meine Mutter sollte allerdings viele Jahre nicht erfahren, was sich damals zugetragen hatte.

Kleine Poesie: Sanfte Träume

Psst!

Träume deine Träume in Ruh.

Wenn du niemandem mehr traust,
Schließe die Türen zu,
Auch deine Fenster,
Damit du nichts mehr schaust.

Sei still in deiner Stille,
Wie wenn dich niemand sieht.
Auch was dann geschieht,
Ist nicht dein Wille.

Und im dunkelsten Schatten
Lies das Buch ohne Wort.
Was wir haben, was wir hatten,

Was wir – –
Eines Morgens ist alles fort.

Joachim Ringelnatz (1883 – 1934)

Herr Karl

Einsam stand er am Strassenrand, er hatte seine besten Zeiten hinter sich. War er früher, es war nicht mal lange her, der Star der Strasse gewesen, so beachtete ihn heute kaum jemand mehr. Die, welche ihn noch vor kurzem fröhlich angelacht hatten, liefen nun achtlos an ihm vorüber. Irgendwie konnte er es auch verstehen. Er sah wirklich heruntergekommen aus. Die Zähne waren ihm ausgefallen, der Schal war dreckig und schmuddelig und seine einst stattliche Figur war geschrumpft. Was mal ein fröhliches Lachen in seinem Gesicht gewesen war, glich nun einer Fratze. Dabei hatte sein Leben so schön angefangen.

Eines Morgens, als es frisch geschneit hatte, kamen die Kinder aus der ganzen Strasse fröhlich lachend angerannt. Alle waren sie dick eingepackt, trugen bunte Mützen mit Bommeln dran und Wollhandschuhe. Ihre Wangen waren vor Freude und Kälte rot, sie plauderten und lachten, warfen sich den frischen Schnee ins Gesicht und waren sichtlich glücklich über das kalte Weiss, das noch immer unablässig vom Himmel fiel und auf dem Boden schon eine stattliche Schicht hinterlassen hatte.

Eifrig machten sie sich ans Werk. Ein Junge formte einen kleinen Schneeball und rollte ihn durch den Schnee. Er wurde gross und grösser, so dass er ihn schon bald nicht mehr alleine bewegen konnte. Schnell kamen die anderen hinzu und halfen ihm, bis eine stattliche Kugel entstanden war. Auf die gleiche Weise machten sie noch eine zweite Kugel, nicht ganz so gross, und hoben sie dann gemeinsam auf die erste Kugel. Die Anstrengung hatte ihre Wangen noch röter werden lassen, kalt war ihnen schon lange nicht mehr. Und: Sie waren noch lange nicht fertig, es brauchte noch eine dritte Kugel. Als sie auch diese gerollt hatten, standen sie da und wussten nicht wie weiter. Wie sollten sie diese nun auf die anderen beiden Kugeln heben? Sie war viel zu schwer und es war auch zu hoch. Zum Glück kam in dem Moment ein Mann vorbei, der die Kinderschar bei ihrem Tun beobachtet hatte. Er lachte fröhlich, denn er konnte sich noch gut erinnern, wie es gewesen war als er mit seinen Freunden an der gleichen Stelle auch einen Schneemann gebaut hatte.
„Braucht ihr Hilfe?“, fragte er. „Au ja, unbedingt!“, kam es ihm im Chor entgegen.

Gemeinsam hoben sie die dritte Kugel auf die ersten beiden. Was für eine Freude – fertig war der Schneemann.

Doch halt – er war noch lange nicht fertig. Jetzt ging es erst richtig los. Der Schneemann brauchte ja noch Augen und einen Mund, eine Nase und Arme, Kleider und vieles mehr, denn sonst wäre es ja nur irgendein Schneemann gewesen, aber es sollte ihr Schneemann sein. Schnell rannten die Kinder nacht Hause, um zu sehen, was sie Brauchbares finden konnten. Als alle wieder beim Schneemann versammelt waren, begutachteten sie die Ausbeute.

Sie hatten eine Möhre, die sie als Nase mitten in den Kopf steckten. Aus zwei Walnüssen machten sie zwei Augen links und rechts, die vielen schwarzen Knöpfe liessen sich gut zu einem Mund formen. Ein altes Nudelsieb war ein prima Hut – sie konnten sogar eine Plastikblume zur Zier in eines der Löcher stecken. Danach wickelten sie ihrem Schneemann einen Schal um den Hals und freuten sich: Das würde der schickste Schneemann überhaupt. Schnell steckten sie ihm noch zwei Äste als Arme in den Körper und da stand er nun. Stattlich und gross und wunderschön. Fröhlich schaute er in die Welt hinaus.

„Wie soll er denn heissen?“, fragte ein Junge. „“Wir brauchen einen Namen, der zu ihm passt.“ „Wie wäre es mit Herr Karl?“, fragte ein kleines Mädchen, denn so hiess die Hauptfigur in ihrem Lieblingsbuch. Alle waren begeistert. Mittlerweile war es Mittag geworden und die Kinder mussten nach Hause. Schnell verabschiedeten sie sich von Herrn Karl und rannten nach allen Seiten davon.

Alle menschen, die an Herrn Karl vorbeiliefen, mussten lachen. Wie gut konnten sie sich an ihre eigenen Schneemänner und die Freude am Bauen erinnern. Man hörte ein fröhliches „Weisst du noch…“ aus vielen Mündern. Zudem war Herr Karl wirklich ein sehr stattlicher und schöner Schneemann. Die Strasse war durch ihn eine fröhlichere geworden.

Nach dem vielen Schneefall kam bald auch wieder die Sonne. Wie schön der Schnee glitzerte und funkelte. Und mittendrin Herr Karl. Nun sah er noch schöner aus. Leider litt Her Karl unter den heissen Sonnenstrahlen. Der Schweiss lief ihm unter seinem Hut hervor, das Gesicht hinunter und durchdränkte seinen Schal. Ab und zu nahm ein Schweisstropfen auch einen Knopf des Mundes weg. Zuerst hatte er eine Zahnlücke, dann fehlte immer mehr. Herr Karl verlor seine Nase, sie hatte keinen Halt mehr im immer weicher werdenden Kopf.

Nach und nach verlor Herr Karl sein stattliches Ansehen, er fiel förmlich in sich zusammen und verkümmerte. Eines Morgens war Herr Karl verschwunden. Am Boden lagen nur noch sein Hut und ein paar Knöpfe. Vermutlich hatte er die Möhre und die Nüsse als Proviant auf seine Reise mit genommen.

Leb wohl, Herr Karl!

Lebensseiten

Ich bin nicht immer glücklich,
ich bin nicht immer froh,
man sagt ja auch landläufig,
das sei halt eben so.

Doch find ich dies auch wichtig,
und finde, es tut Not,
als Salz in meiner Suppe,
und Butter auf dem Brot.

Wär’n Menschen immer glücklich
und alles wunderbar,
blieb alles stets beim Alten,
blieb alles, wie es war.

Wir sässen noch wie Affen,
auf Bäumen dumm und satt,
wir lausten uns am Nacken,
und mümmelten ein Blatt.

Nie wären wir entstiegen,
den alten Kinderschuh’n,
wir sähen schlicht den Grund nie,
noch irgendwas zu tun.

Oft brauchen wir das Leiden,
sind wir mal aus dem Lot,
so wachsen und gedeihen
wir aus unsrer Not.

Das Leben hat zwei Seiten,
sonst wären wir nicht hier,
und diese beiden Seiten,
gehören auch zu mir.

©Sandra von Siebenthal

Das Ende eines Liebestaumels

Das Ende eines Liebestaumels

Die Worte sind mir ausgegangen,
ich weiss nicht, wo sie sind,¨.
Ich wollte so viel sagen, doch
in allem fehlt der Sinn.

Ich ringe und ich kämpfe,
ich weine und ich suche,
ich fühle so viel schreien
von ganz tief in mir drin.

Und während ich da stehe
den Abgrund nur noch sehe,
fühle ich auch gar nichts mehr,
nur Leere in mir drin.

Es gibt nicht Form noch Farbe mehr,
kein Zeichen, auch kein Bild,
das mir noch sagen wollt,
wer ich als ich noch bin.

Liebe war, was ich einst suchte,
Liebe war, was ich auch fand,
ein Hafen schien’s, ein sichrer Hort,
ein Heim für mich, ein Heimatort.

Doch merk ich täglich immer mehr,
dass ich hier schlicht nicht hingehör,
dass ich oft falsch, dass ich nicht recht,
dass ich, so wie ich bin, offenbar als Liebe schlecht

in das so passe, was gewünscht.
So bliebe nur, mich anzupassen,
oder aber diese Stätte
schnellstens möglich zu verlassen.

Das wär, was ich nie wollen würde,
das ist das, was eine Bürde,
mir im Leben wär,
doch wär es nicht ganz gar so schwer,

wie wenn ich nur des Steines Anstoss wär,
an dem die Zehen sich der eine stiesse
dem ich doch nur das Beste wollte,
leider ohne, dass ich’s sein sollte.

©Sandra von Siebenthal

Else Lasker-Schüler (1869-1945)

Heute vor 76 Jahren starb Else Lasker-Schüler. Ich habe mein Glas auf diese wunderbare Dichterin, die in ihrem Stil so unverwechselbar war. Ihr zu Ehren heute ein Gedicht von ihr. Dieses passt auch gut in mein Projekt „Lyrische Hausapotheke – für jede Gelegenheit gibt es ein passendes Gedicht“


Ich bin traurig

Deine Küsse dunkeln, auf meinem Mund.
Du hast mich nicht mehr lieb.

Und wie du kamst -!
Blau vor Paradies;

Um deinen süßesten Brunnen
Gaukelte mein Herz.

Nun will ich es schminken,
Wie die Freudenmädchen
Die welke Rose ihrer Lende röten.

Unsere Augen sind halb geschlossen,
Wie sterbende Himmel –

Alt ist der Mond geworden.
Die Nacht wird nicht mehr wach.

Du erinnerst dich meiner kaum.
Wo soll ich mit meinem Herzen hin?

(Else Lasker-Schüler (1869-1945))
—-
Projekt „Lyrische Helfer“ – Ein Gedicht, das man lesen kann, wenn man traurig ist oder unter Liebeskummer leidet.

Kleine Poesie: Schmetterling

Die Raupe und der Schmetterling

Freund, der Unterschied der Erdendinge
Scheinet groß und ist so oft geringe;
Alter und Gestalt und Raum und Zeit
Sind ein Traumbild nur der Wirklichkeit.

Träg und matt auf abgezehrten Sträuchen
Sah ein Schmetterling die Raupe schleichen
Und erhob sich fröhlich, argwohnfrei,
Daß er Raupe selbst gewesen sei.

Traurig schlich die Alternde zum Grabe:
„Ach, daß ich umsonst gelebet habe!
Sterbe kinderlos und wie gering!
Und da fliegt der schöne Schmetterling.“

Ängstig spann sie sich in ihre Hülle,
Schlief, und als der Mutter Lebensfülle
Sie erweckte, wähnte sie sich neu,
Wußte nicht, was sie gewesen sei.

Freund, ein Traumreich ist das Reich der Erden.
Was wir waren, was wir einst noch werden,
Niemand weiß es; glücklich sind wir blind;
Laß uns eins nur wissen: was wir sind.

(J. G. Herder)

ABC-Etüden: Ausbruch und Einkehr

Vor vier Jahren begann alles mit den ABC-Etüden. Damals schrieb ich meistens mit, irgedwann verlor ich das Ganze ein wenig aus den Augen. Pünktlich zum Jubiläum – happy Birthday und danke für die vielen unterhaltsamen Stunden – bin ich zurück und versuche es mal wieder. Ich schrieb schon damals mehrheitlich Gedichte, auch dieses Mal soll es eines sein:

Ausbruch und Einkehr

Mein Herz schlägt orange,
durchdringend als Hämmern,
das grundtief erschüttert
in mir die Welt.

Wie Lautsprecher dröhnt es,
von tief in mir drinnen,
und dringt mir durch Mark
und knochentief rein.

Ich sitze und frage
und weiss keine Antwort,
ich suche und haste
und stehe doch still.

Ich drehe im Kreis meiner
eignen Gedanken,
ich suche den Ausgang
und stecke doch fest.

Ein Beben, ein Schweben,
ein mich nicht erleben,
ein Tosen, ein Schlagen,
tief innen im Herz.

Ich möchte nur Ruhe,
ich lege mich nieder,
ich atme, ich presse,
ich krieg keine Luft.

Ich bin so verloren,
ich gehe mich suchen,
ich lege die Arme
zum Schutz um mich rum.

Und langsam fühl ich mich
tief in mir geborgen,
und finde den Atem und
damit auch mich.

©Sandra von Siebenthal

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Für die abc.etüden, Woche 30.18: 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern. Die Wortspende für die Textwoche 3.4.21 kommt von Ulrike mit ihrem Blog Blaupause7

Sie lautet: Lautsprecher, orange, erschüttern

Der Ursprungspost:
https://365tageasatzaday.wordpress.com/2021/01/17/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-03-04-21-wortspende-von-blaupause7/#like-10948