#abcdeslesens – Erich Fried (6. Mai 1921 – 22. November 1988)

Er war wahrlich kein einfacher Zeitgenosse, er war streitbar, setzte sich ein für seine Überzeugungen und nahm kein Blatt vor den Mund. Der Übername Stören-Fried kam also nicht von ungefähr. Der dezidierte Linke hat polarisiert, er wurde attackiert und auch oft verschmäht. Das könnte dem ausgewiesenen Provokateur sogar gefallen haben.  Das Kämpferische kam schon früh, er war ein ernstes, nachdenkliches und auch frühreifes Kind. Dieses Gedicht stammt vom knapp sechseinhalbjährigen Erich Fried:

«Mir träumte jüngst von frohem Leben
Friedlichem Schaffen, freudigen Weben,
Dass es nicht Krieg noch Tücke gibt,
Dass jeder jeden andern liebt
Und keiner hungern, darben muss.
Jäh schrak ich auf, da fiel ein Schuss.»

Neben der überraschenden Sprachfertigkeit fällt das politische Weltbild auf: Schon damals träumte Erich Fried von einer Welt, in welcher Menschen harmonisch und ohne Not zusammenleben können. Dieses Hoffnung prägte auch noch den älteren Erich Fried und er benannte die Probleme der Zeit mit klaren:

«Wir leben in einer Zeit des Elends und des Verderbens. Hundertausende Arbeitslose schleichen hungernd, frierend durch die Strassen. Wer ist schuld daran? Die Giftschlange Politik.»

Das Anliegen lässt ihn auch später nicht los, wie man aus einem Brief aus dem Jahr 1954 entnehmen kann. Es sei, so Fried, wichtig, die drängenden Themen anzugehen, weswegen auch er sich «um die Lösung der Probleme unserer Zeit und die Schaffung einer gerechten Welt gekümmert habe». Neben den politischen Aktionen verarbeitete Fried die Themen seiner Zeit lyrisch, deutet auf Missstände im Zusammenleben und in der Politik.

Das Gedicht „Befreiung“ musste leider gelöscht werden, da der Verlag mit rechtlichen Schritten drohte bei einer Publikation hier. Es kann nachgelesen werden in „Erich Fried: Befreiung von der Flucht“

Auch wenn er viele Hoffnungen begraben musste, viele Projekte scheitern sah, aufgegeben hat er nie. Unermüdlich glaubte er an die gute Sache, unermüdlich kämpfte er weiter für eine gerechte Welt. Er wäre nicht Erich Fried, gälte sein ironischer und klarer Blick nur der Welt da draussen, er machte auch vor sich selber nicht Halt:

Das Gedicht „Lebensaufgabe“ musste leider gelöscht werden, da der Verlag mit rechtlichen Schritten drohte bei einer Publikation hier. Es kann nachgelesen werden in „Erich Fried: Gedichte“

Doch genug der Politik, haben wir es doch bei Erich Fried mit einem Lyriker zu tun, der neben all dem ein paar der wunderbarsten Liebesgedichte geschrieben hat, allen bekannt ist wohl dieses:

Das Gedicht „Was es ist“ musste leider gelöscht werden, da der Verlag mit rechtlichen Schritten drohte bei einer Publikation hier. Es kann nachgelesen werden überall im Internet“

Auch in der Liebe ist er kein Verklärer, pathetisch wogende Liebesgedichte sucht man bei Erich Fried vergebens. Es sind die kleinen Alltäglichkeiten, die kleinen Vertrautheiten, das, was die Liebe im Stillen ausmacht, das er hochhält. Er schärft den Blick für das Wesentlich fern der grossen Worte und Beschwörungen, er feiert die Liebe in den kleinen Gesten.

Das Gedicht „Nachtgedicht“ musste leider gelöscht werden, da der Verlag mit rechtlichen Schritten drohte bei einer Publikation hier. Es kann nachgelesen werden überall im Internet“ oder im Buch „Liebesgedichte“

Immer aber, in all seinen Gedichten, schaut Erich Fried genau hin auf das, was ist. Er will nichts beschönigen, er will nichts verklären, er will wahrhaftig sein – so auch in der Liebe. Denn so ist die Liebe:

Das Gedicht „Dich“ musste leider gelöscht werden, da der Verlag mit rechtlichen Schritten drohte bei einer Publikation hier. Es kann nachgelesen werden in „Erich Fried: Liebesgedichte“

Kleine Deutung – Mascha Kaléko: Das Ende vom Lied

Ich säh dich gern noch einmal wie vor Jahren
Zum erstenmal. Jetzt kann ich es nicht mehr.
Ich säh dich gern noch einmal wie vorher,
Als wir uns herrlich fremd und sonst nichts waren.

Ich hört dich gern noch einmal wieder fragen,
Wie jung ich sei, was ich des Abends tu.
Und später dann im kaum gebornen Du
Mir jene tausend Worte Liebe sagen.

Ich würde mich so gerne wieder sehnen,
Dich lange ansehn stumm und so verliebt.
Und wieder weinen, wenn du mich betrübt,
Die viel zu oft geweinten dummen Tränen.

Das alles ist vorbei. Es ist zum Lachen!
Bist du ein andrer, oder liegts an mir?
Vielleicht kann keiner von uns zwein dafür. 
Man glaubt oft nicht, was ein paar Jahre machen.

Ich möchte wieder deine Briefe lesen,
Die Worte, die man liebend nur versteht.
Jedoch mir scheint, heut ist es schon zu spät.
Wie unbarmherzig ist das Wort: Gewesen!*

Doch: Das alles ist vorbei. Zum Lachen sei das. Mit Ausrufezeichen. Und schon beim Lesen werden die Worte Lügen gestraft. Zum Weinen ist es wohl, weil es nicht mehr ist. Es ist wohl also ein Lachen, das im Halse stecken bleibt, ein sarkastisches Lachen, ein leicht verzweifeltes Lachen. Und auf das Lachen folgen die Fragen nach dem Warum. Wieso ging das, was mal so schön war, auseinander? An wem lag’s? War’s schlicht der Lauf der Zeit?

Und dann versiegt das kurze Fragen und Hadern, die Sehnsucht drückt wieder durch. Wie gerne würde man all das nochmals erleben, wie gerne würde man wieder lieben. Und mit der Sehnsucht kommt die Einsicht: Das wird nie mehr sein.

Trotz des eigentlich traurigen Themas wohnt dem Gedicht etwas Versöhnliches, gar Tröstliches inne. Die Dankbarkeit über das Schöne, das Erinnern an das Gute bringt dies mit sich. Und in diesen Erinnerungen und in der Dankbarkeit lebt das Gute auch weiter. Wer weiss: Hätte man vielleicht früher schon, bei Streit, wenn das Schwere überwog, an die schönen Anfänge und das Gute und Schöne gedacht, wäre es gar nicht zum Ende gekommen, weil im Innern etwas Versöhnliches aufgetaucht wäre? So bleiben nur das «Gewesen!» und das sehnsüchtige Erinnern.

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* zitiert nach „Das lyrische Stenogrammheft“. Erstveröffentlichung dieser Ausgabe: 1956 Rowohlt Verlag, Hamburg © 2015 dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München – zu kaufen direkt beim Verlag: HIER

Mein eigener Steuermann

Ich warf einen Stein und
dieser zog Kreise,
fast so wie im Leben
die Jahre hinzieh’n.

Vom Kleinen zum Grossen,
von mir zu euch andern,
so wächst sich das Leben
von innen heraus.

Doch wir schau’n nach aussen
und fühlen verloren
uns selber und mit uns
die Welt um uns auch.

Der Halt, den wir suchen,
und den wir verfluchen
so manches Mal, wenn er
gar starr und steif wirkt,

den brauchen wir oft doch,
selbst wenn wir nicht wollen,
denn ohne ein Halten,
da treiben wir fort.

Es droh’n viele Wellen
uns zu überfluten,
es droh’n viele Wogen,
uns unterzuspül’n –

ein Schiff nur im Wasser,
das uns nicht gewogen,
da hilft nur das Eine:
ans Steuer zu stehen!

©Sandra von Siebenthal

Werk und Autor

Gehören Werk und Autor zusammen? Ist das Werk vom Autor zu trennen? Solche Fragen tauchen vor allem dann auf, wenn ein Autor ins Visier gerät, durch irgendeine Untat auffällig geworden. Und da wird dann oft das Kind mit dem Bade ausgeschüttet, sprich, das Werk soll mit dem Autor untergehen.

Nur: Ist das legitim? Ich erinnere mich an meine Anfänge im Germanistikstudium. Die Biografie was massgeblich entscheidend für das Werk, oft wurde sie in diesem gesucht. Dann kam plötzlich die totale Verneinung. Werke müssen für sich sprechen, hiess es. Man müsse sie für sich lesen und dann – so quasi – was rein- oder rauslesen. Ich halte es mit einem «sowohl – als auch».

Man kann Werke nicht vom Autoren trennen. Werke entstehen in einer Zeit und in einem Kontext. Der Kontext ist weit. Er reicht von den Erfahrungen des Einzelnen bis hin zur kulturellen Stimmung im Land und in der Zeit. Es trägt die Konventionen der Zeit in sich, egal, ob sich der Autor davon distanzieren wollte oder sie mittrug; in einer anderen Zeit hätte er beides nicht müssen – vielleicht anderes. Das darf nicht ausser Acht gelassen werden.

Dieser Punkt zeigt sich grad heute sehr deutlich: Stimmen werden laut, welche die Literatur säubern wollen. Sie wollen alles ausmerzen, was nicht in die heutige Zeit und den heutigen Sprachgebracht passt. Ich schlage selten und höchst ungern mit der Nazikeule um mich, aber: Kennen wir das nicht schon? Was nicht passt, wird passend gemacht? Wird eingegliedert oder ausgemerzt?

Werke werden in einer Zeit geschrieben und die Zeit bestimmt viel von dem, was im Werk steht. Gerade das wäre ja ein Lehrstück: Schaut, wie es war, wir wollen es nicht. Also schreiben wir heutige Werke anders. So wurde das immer getan. Ein Werk auf heutige Konventionen hin umzuschreiben hiesse, es zu töten. Das darf nicht sein. Dieses Vorhaben spricht eher für den mangelnden Glauben an eine mündige Leserschaft, die durchaus in der Lage ist, zu differenzieren.

Zurück zur Ursprungsfrage: Kann oder muss man das Werk vom Autor trennen oder soll es mit diesem untergehen im Zweifelsfall? Ich bin der Überzeugung, dass wir viel verlieren würden mit dem Untergang. Museen wären leer, Bücherregale ebenso, das Fernsehprogramm könnte man wohl praktisch einstampfen. Wieso?

Ich bin der Überzeugung, dass jeder Schöpfer nur gerade sein Werk erschaffen kann (Fälscher können auch die anderer nachahmen, aber das ist keine Schöpfung in meinem Sinne). Insofern hängen Schöpfer und Schöpfung durchaus zusammen. ABER: Ich muss den Schöpfer nicht mögen in seinem Sein und Tun, er kann auf ganz vielen Ebenen ein Mensch sein, mit dem ich nicht in einem Raum sein, geschweige denn engeren Kontakt haben möchte. Und trotzdem kann sein Werk grossartig sein. Ist dieses plötzlich weniger wert, wenn ich das Leben des Urhebers nicht gutheisse? Müssten wir die Erkenntnisse von Hell und Dunkel, von realistischer Darstellung eines Caravaggios ignorieren, weil er ein Mörder und Trunkenbold war? Dürften wir Heideggers Gedanken zum Denken mit Verachtung strafen, nur weil er eine kurze Zeit auf Abwege kam und in einer Rede ein System pries, das so verabscheuenswürdig war? Die Frage, die sich stellt: Wäre die Geschichte anders ausgegangen, würden wir es anders sehen? Wohl schon, ein Glück, ging sie aus, wie sie ausging, wenn auch nach viel zu vielen Opfern. ABER: Was heisst das für Heideggers Gedanken? Macht eine Fehlzündung das ganze Feuerwerk kaputt? Dies sind nur zwei Beispiele, extra weit auseinander gewählt. Es gäbe unzählige.[1]

Ich habe viele Künstlerbiografien gelesen und keiner war so das, was man als angepassten, liebeswürdigen, im Umgang erfreulich leichten Zeitgenossen genannt hätte. Ich hätte die meisten wohl nicht gerne als Lebenspartner, Vater, Mutter, Kind gehabt. Aber als Gesprächspartner wohl schon. Und die Hochachtung vor dem Werk ist geblieben. Ich werde beim Anschauen von Caravaggios Bildern nicht zum Mörder oder dessen Verteidigerin, beim Lesen von Heideggers Gedanken nicht zum Befürworter nationalsozialistischen Gedankenguts. Und wenn  zum Beispiel – Max Frisch in seinen Werken das Wort «Neger» verwendete, kann ich differenzieren, dass dies in einer anderen Zeit geschah, als das Wort entweder anders konnotiert oder unkritischer verwendet wurde. Das wiederum wäre spannend zu erfahren. Das können wir aber nur, wenn wir es im Werk drin lassen.


[1] Gerade die #metoo-Kampagne hat viele an den Pranger gestellt. Zu Recht- nur: Diese sollen einem fairen rechtlichen Verfahren ausgesetzt werden, wie ich es mir für jeden gegen geltendes Recht und auch gegen die menschliche Ethik verstossenden wünschen würde. Für ein solches System stehen wir ein und berufen uns darauf, wenn wir uns in unseren Rechten betrogen fühlen.

Befreiung der Marionetten

Es stirbt der Mensch,
er wird zum Ding
an Fäden
dieser Welt.

Er wird zum Abbild
einer Norm,
die sagt, wir sind hier
uniform.

Doch ist der Mensch
nicht Opfer bloss,
er schwingt sich auf
und wird Gericht

für andre, die
im selben Zwang
dem eig’nen Leben
sind verlor’n.

So prägt ein jeder
seine Welt,
indem er tut,
was sich gehört.

So lebt ein jeder
seinen Tod,
und wird zum Mörder
an der Welt.

Es bräuchte einen,
der sich traut,
der aufbegehrt
und nicht wegschaut.

Der mutig sich
dagegen stellt,
im Wissen: «Das
ist meine Pflicht!

Denn leben tut
nur der allein,
der selber denkt –
kein andrer lenkt.


Und wer das sieht,
der wird gewahr,
dass, was vermeintlich
Leben war


so nicht mehr geht,
will er besteh’n,
weil Leben heisst
selbst hinzusteh’n.

Heisst gegen Normen,
gegen Fäden,
selber formen
sich, das Leben,

in der Welt
sich selber bleiben,
niemand soll
am andern leiden.

©Sandra von Siebenthal, 30. Mai 2021

Mördergrube


Ein leiser Hauch,
ich spür ihn kaum,
wischt alles weg –
war mal was da?

Worauf noch bau’n?
worauf vertrau’n?
Heisst immer nicht
im Grunde nie?

Heisst ach so sehr,
im Grunde nicht,
ich lieb dich grad
so wie auch die?

Ist Liebe nur
ein Zauberwort,
Gefühlter Hort und
Schmerzensort?

Ist Liebe mehr
erhofftes Gut,
die kurze Glut,
dann wird es schwer?

Am tiefsten trifft dich
jener Keil,
der ungeschützt
dein Herz zerteilt.

©Sandra von Siebenthal

Hermann Hesse: Bücher

Bücher (1918)

Auf den Text muss hier leider verzichtet werden aus urheberrechtlichen Gründen. Das Gedicht kann HIER nachgelesen werden.

Hermann Hesse schrieb dieses Gedicht in einer für ihn schwierigen Zeit. Verschiedene Schicksalsschläge haben ihn psychisch so belastet, dass er sich in Behandlung geben musste, dabei Erfahrungen mit der Psychoanalyse machte. Daneben war seine Ehe am Zerbrechen, seine Kriegsgegnerschaft hat ihm nicht nur Freunde beschert. Kurz vor diesem Gedicht hat Hesse seinen Demian geschrieben, den er folgendermassen einleitete:

«Mancher wird niemals Mensch, bleibt Frosch, bleibt Eidechse, bleibt Ameise. Mancher ist oben Mensch und unten Fisch. Aber jeder ist ein Wurf der Natur nach dem Menschen hin. Und allen sind die Herkünfte gemeinsam, die Mütter, wir alle kommen aus demselben Schlunde; aber jeder strebt, ein Versuch und Wurf aus den Tiefen, seinem eigenen Ziel zu. Wir können einander verstehen; aber deuten kann jeder nur sich selbst.»

Der Roman zeichnet das Leben des Protagonisten Emil Sinclair vom zehnjährigen Kind hin zum sich selber bewussten, sich selber hinterfragenden Erwachsenen auf. Fast scheint es, er hätte diese Thematik im wahrsten Sinne des Wortes verdichtet. Im Gedicht erzählt er nicht vom möglichen Weg hin zur Erkenntnis, er spricht den Leser an, sagt ihm, wo er das Glück sicher nicht findet: In allen Büchern dieser Welt. Dahin flieht vor allem der Literaturliebhaber in schwierigen Zeiten gern, eröffnen sich in Büchern doch neue Welten, welche ein Abtauchen ermöglichen. Und daraus erhofft man sich dann ein bisschen Glück.

Und nun also Hesses Absage an das Glück aus Büchern. Er kommt zum Schluss, dass man unzählige Bücher lesen kann, sie alle werden das Glück nicht bringen. Dabei belässt er es aber nicht: Zwar findet man nicht unmittelbar Glück, aber Bücher helfen, sich durch das Lesen fremder Sichtweisen, durch das Erfahren neuer Möglichkeiten, sich selber genauer zu sehen. So wird Literatur zum Spiegel und sie öffnet dadurch neue Tore, allen voran das zum eigenen Ich.

Ist man erst mal bei sich selber angekommen, merkt man, dass eigentlich alles, was man suchte, schon da ist. Das deckt sich mit dem, was Buddha einst sagte:

«Das Glück liegt in uns, nicht in den Dingen.»

Die Dinge aber, in dem Fall die Bücher, können uns helfen, unseren Blick zu schärfen dafür, was da ist, dafür, was möglich ist. Bei allem, was wir lesen, lesen wir uns mit. Mit allem, was wir erfahren, treten wir in Kontakt mit unserer eigenen Erfahrungswelt. Ist der Blick erstmal klar und wir unserer selbst bewusst, werden wir in uns selber das Licht erzeugen, welches das Dunkel des Unverständnisses, das Dunkel der Welt erhellt.

Mascha Kaleko: Rezept

Jage deine Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.
Für die paar Jahre
Wird wohl alles noch reichen.
Das Brot im Kasten
Und der Anzug im Schrank.

Sage nicht mein.
Es ist dir alles geliehen.
Lebe auf Zeit und sieh,
Wie wenig du brauchst.
Richte dich ein. 
Und halte den Koffer bereit.

Es ist wahr, was sie sagen:
Was kommen muss, kommt.
Geh dem Leid nicht entgegen.
Und ist es da,
Sieh ihm still ins Gesicht.
Es ist vergänglich wie Glück.

Erwarte nichts.
Und hüte besorgt dein Geheimnis.
Auch der Bruder verrät,
Geht es um dich oder ihn.
Den eignen Schatten nimm
Zum Weggefährten.

Feg deine Stube wohl.
Und tausche den Gruß mit dem Nachbarn.
Flicke heiter den Zaun
Und auch die Glocke am Tor.
Die Wunde in dir halte wach
Unter dem Dach im Einstweilen.

Zerreiß deine Pläne. Sei klug
Und halte dich an Wunder.
Sie sind lang schon verzeichnet
Im großen Plan.
Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.
(1966)*

Das Lyrische Ich ruft das Du an, gibt ihm Rat mit auf den Lebensweg. Es ist wohl der Rat, dessen es selber bedarf. Fast muten die Zeilen an wie eine Selbstbeschwörung. Ängste plagen und belasten das Leben. Es sind Ängste ums Überleben: Wird genug da sein? Reicht das, was ich habe, bis zum Ende? Was, wenn ich etwas verliere? Kann ich etwas abgeben, wenn jemand etwas von mir wünscht oder fordert? Mit solchen Fragen treibt sich das Ich um und sagt dann selber: Lass sie sein. Es wird alles reichen. Es ist genug. Schau genau hin: So viel brauchst du gar nicht. Wenn du helfen kannst, hilf, schlussendlich gehört nichts wirklich dir. Und irgendwann trittst du die letzte Reise an. Sei darauf vorbereitet.

Das Leben nimmt seinen Lauf und wir können wenig daran ändern. Statt aber zu geniessen, was gut ist, leiden wir durch unsere Ängste schon, bevor die Dinge eintreten, die wir fürchten. Wie hilfreich wäre hier eine gelassenere Sicht und vor allem auch das Wissen: Alles ist vergänglich, nicht nur Glück, auch das Leid. Die Botschaft erinnert an die Stoiker, allen voran Epiktet, welcher genau das als Rezept für ein gutes Leben anführt: Schaue auf dein Leben, schaue, was du in der Hand hast und was nicht. Und dann geh die Dinge, die du selber ändern kannst, an, akzeptiere die anderen. Sich über diese aufzuregen wird nichts verändern, ausser dass du dir selber Leid zuführst.

Es ist ein kleines Gedicht voller Moral und Lebensklugheit, ein Gedicht, das aufzeigen will, wie man auf eine gute und gelassene und zufriedene Weise durch das Leben kommt. Es ist ein Gedicht, das auf die Fallgruben des guten Lebens hinweist und Mittel an die Hand gibt, diese zu umgehen. Es ist sicher keine hohe Poesie, aber beschriebene Lebensklugheit. Es sind keine nie gehörten Ratschläge, aber man spürt aus jeder Zeile, dass sie aus dem eigenen fühlenden Herzen geschrieben ist, um andere fühlende Herzen zu finden und zu beruhigen (und das eigene wohl damit). Das macht dieses Gedicht so menschlich, so tröstlich.

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* zitiert nach „Die paar leuchtenden Jahre“ © 2003 dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München – zu kaufen direkt beim Verlag: HIER

Theodor Fontane: Zuspruch

Such nicht immer, was dir fehle,
Demut fülle deine Seele,
Dank erfülle dein Gemüt.
Alle Blumen, alle Blümchen,
und darunter selbst ein Rühmchen,
haben auch für dich geblüht.

Das Gedicht besteht mehrheitlich aus 4-hebigen Trochäen, dieser Rhythmus wird nur in der dritten und in der letzten Zeile durchbrochen. So entsteht ein fliessender Rhthmus, der beim Gemüt stoppt, dann weiter geht. Dadurch kommt dem Gemüt eine herausragende Bedeutung zu, auf ihm liegt die Aufmerksamkeit. Der Reim unterstützt das zusätzlich, indem auf einen Paarreim ein umschliessender Reim folgt, der die dritte und die letzte Zeile noch näher zusammenrückt, in Beziehung bringt. (aabccb).

Am Anfang steht eine Aufforderung: „Such nicht immer“. Fontane fordert den Empfänger dieses Gedichts auf, nicht immer nach dem zu suchen, was ihm fehlt. Hinter dieser Suche liegt ein Anspruch, welcher zu gross ist und nie zu Zufriedenheit führt, da immer etwas fehlt im Leben. Statt dieser Anspruchshaltung soll der Leser lieber demütig sein. Und hier kommt das Gemüt. Dank soll es erfüllen (dafür, was ist).

Das Gemüt beinhaltet alle vom Seelischen und vom Gefühl ausgehenden Kräfte und Empfindungen eines Menschen. Dass diese mit Dankbarkeit gefüllt sein sollen, ist die zentrale Aussage, die er daraufhin begründet. Er tut dies wieder in fliessendem Rhythmus, verweist auf alle Blumen und Blüten, die auch für den hier Angesprochenen geblüht haben. Hier endet das Gedicht, eng bezogen durch Takt und Reim aufs Gemüt.

Das Gedicht ist überschrieben mit „Zuspruch“. Es soll also jemandem, der klagt, Trost bringen, ihm gut zureden und ihm zeigen, dass alles nicht so schlimm ist, wie er es aktuell beklagt. Den Grund zur Klage sieht Fontane in der Suche nach Fehlern, die Lösung des Problems in einer Veränderung der Perspektive: Statt die Konzentration auf den Mangel zu legen, soll man besser schauen, was ist, sich daran freuen und dafür dankbar sein.

Wer mit ein wenig mehr Achtsamkeit durch die Welt geht, sieht die Blumen am Wegesrand. Und selbst wenn der Weg ab und an holprig und mit Hindernissen bestückt ist, so blühen sie trotzdem und erfreuen den, welcher sie sieht.

Sehen was ist

Du bist so ein Vogel
und mir zugeflogen,
ich hatte kein Recht, es
war blosses Glück.

Ich schau auf mein Leben,
wie viel war gelogen,
wie viel war Betrug, und nur
ich mittendrin.

Ich schau auf mein Hoffen,
und seh all die Plagen,
ich fühl’ noch das Leiden,
will nie mehr dahin.

Und manchmal, da merk ich,
dass all diese Nöte,
so fern sie auch scheinen,
noch immer da sind.

Wir leben ein Leben,
und nehmen halt eben,
was ist und was kommt, so
tief in uns auf.

Es gräbt seine Spuren,
wir laufen wie Nadeln
geritzt ins Vinyl.
Nur manchmal da

sitzt so ein kleines und feines
Stück Staub in der Rille,
es hindert die Nadel am
nahtlosen Lauf –

und wir hören hin!

©Sandra von Siebenthal