Simone de Beauvoir: «Ich möchte vom Leben alles»

Das schrieb Simone de Beauvoir dem Schriftsteller Nelson Algren, einer ihrer Zufallslieben, wie Sartre und sie die Beziehungen nannten, die sie nebenher hatten. Und sie fährt fort:

«Ich möchte eine Frau, aber auch ein Mann sein, viele Freunde haben und allein sein, viel arbeiten und gute Bücher schreiben, aber auch reisen und mich vergnügen, egoistisch und nicht egoistisch sein. Sehen Sie, es ist nicht leicht, alles, was ich möchte, zu bekommen. Und wenn es mir nicht gelingt, werde ich wahnsinnig zornig.»

Eine Frau, die weiss, was sie will, und die es nicht beim Träumen belassen möchte. Sie wollte es bekommen und tat alles, was dafür nötig war, auch wenn sie wusste, dass andere darunter litten (zum Beispiel auch die Zufallslieben, die im Stellenwert immer hinter Sartre standen).

„Mein Unternehmen war mein Leben selbst.“

Eine interessante Aussage, verweist sie doch auf das Leben zurück als Zentrum, nicht auf das Streben im Aussen, dem so viele nachrennen, um da ihren Erfolg zu suchen. Simone de Beauvoir wollte in diesem Leben vor allem eines: Eigenständig bleiben, sie brauchte ihren Raum und ihre Zeit für sich. In Jean Paul Sartre fand sie den perfekten Partner dafür. Die beiden sollten ein Leben lang verbunden bleiben, endlose Diskussionen führen über Themen wie den freien Willen, die Rechte des Menschen, Verantwortung und mehr zu diskutieren. Daneben war aber auch immer wieder die Art ihrer Beziehung offen Thema: Es war eine offene, mit einem Pakt besiegelte Beziehung, in welcher jeder seine Freiräume haben konnte, sie aber immer miteinander darüber sprachen. Und das taten sie in aller Offenheit, wie Briefe bezeugen. Es war aber auch eine Beziehung auf Augenhöhe, in welcher beide auf das Urteil des anderen vertrauten und bauten. 

Von aussen wurde Simone de Beauvoir oft als „Anhängsel“ Sartres gesehen, dem war nicht so. Sartre achtete de Beauvoir und ihr Werk, etwas, womit sie ansonsten in der damals von Männern dominierten Welt kämpfte, wurde sie doch von männlichen Kollegen oft nicht ernst genommen. Vermutlich konnten diese schlicht mit ihren Themen wenig anfangen, da sie nicht für Freiheiten kämpfen mussten und an den Innenwelten von Frauen wenig interessiert waren – zumindest nicht auf geistiger Ebene. 

Es sind die Rollenbilder, die wir übernehmen, die uns im kulturellen Raum als Frau definieren, es sind die Zuschreibungen, die unseren Platz in der Welt bestimmen, keine biologische Anlage.

„Die Menschheit ist männlich, und der Mann definiert die Frau nicht an sich, sondern in Beziehung auf sich; sie wird nicht als autonomes Wesen angesehen.“

und weiter: 

„Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.* Kein biologisches, psychisches, wirtschaftliches Schicksal bestimmt die Gestalt, die das weibliche Menschenwesen im Schoß der Gesellschaft annimmt.“

Simone de Beauvoir sah nur einen Weg, dies zu ändern: Es selber in die Hand zu nehmen:

«Der Frau bleibt kein anderer Ausweg, als an ihrer Befreiung zu arbeiten. Diese Befreiung kann nur eine kollektive sein.»

Was so lange geübt und eingetrichtert wurde, was sich als Haltung etabliert hat, lässt sich nicht im Alleingang ändern. Kultur ist ein kollektives Gut, was alle betrifft, kann nur getragen werden, wenn es alle tragen.

«Da ich nicht denke, dass die Frau von Natur aus dem Manne unterlegen ist, denke ich auch nicht, dass sie ihm von Natur aus überlegen ist.»

Insofern sind alle gefordert, da eine Veränderung zu erreichen, in einem konstruktiven Miteinander unter Gleichgestellten auf Augenhöhe. So ist ein schönes Zitat zum Abschluss vielleicht dieses:

«Das Glück besteht darin, zu leben wie alle Welt und doch wie kein anderer zu sein.»

Niemand ist eine Insel, wir alle wollen zur Welt gehören. Schön, wenn wir das in unserem eigenen So-Sein als Ich tun können.

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*DIes wohl der Kernsatz aus „Das andere Geschlecht“

Der Rose Abgesang

Es hängen die Köpfe,
die Blätter sind welk,
der Duft ist verflogen,
das Zartrot verblasst.

Das Leben geschwunden,
es lauert der Tod,
und doch ist da Schönheit
in letzter Not.

Ich schaue wehmütig,
mit schwerem Herz hin,
wie schnell doch das Leben
im Glase verrinnt.

Das nächste Mal lass ich
die Blüte wohl steh’n,
und will ihre Schönheit
von Ferne anseh’n.

Und irgendwann werde
auch ich einmal bleich;
ach gäb’ es für mich dann
ein Mittel dem gleich.

Das Leben ist endlich,
es nimmt seinen Lauf,
und kommt dann das Ende,
dann trinken wir drauf!

©Sandra von Siebenthal

Abschied von Erich Fried

Es heisst Abschied nehmen. Abschiede sind immer auch ein kleiner Tod, vor allem dann, wenn einem etwas/jemand am Herzen liegt. Die Lyrik ist mir wichtig und ich finde – wie es auch der Spruch von Goethe auf meiner Seite sagt – dass ein Tag ein besserer ist, wenn man ein Gedicht liest. Gedichte sind ganze Welten in wenige Zeilen verpackt, Gedichte verbinden, indem sie Gefühle freilegen, mit denen man sich in Verbindung bringen kann. Gedichte sind wertvoll, heilsam, Zeit schenkend, nährend. Leider haben wir das in unserer Zeit viel zu weit aus den Augen verloren. Dem wollte (und will es noch) ich Abhilfe verschaffen. Und ich fiel dabei aus allen Wolken, als ich plötzlich eine Mail vom Wagenbach Verlag in meiner Inbox hatte.

Wenn ich nicht die Gedichte von Erich Fried aus dem Blog lösche, würden rechtliche Schritte eingeleitet (immerhin kam erst die Drohung, nicht gleich die Klage). Es war ein Schlag, ich versuchte, meine Sicht darzulegen, da ich ja nicht eigennützig handelte, sondern durch jede Empfehlung dem Verlag auch gedient sei – es half nichts. Entweder ich zahle für die Rechte oder ich lösche.

Ich trage diesen Blog selber finanziell, so viel Freude manches bereitet (mir und denen, die es lesen), so wenig wird es fremdfinanziert. Deswegen bin ich nicht bereit, für von mir geleistete Arbeit, die durchaus auch Werbung sein kann, noch zu bezahlen. Und so bleibt mir nur der eine Schritt:

Ich habe alle Gedichte gelöscht, die Texte belassen. Die Texte sind meine, die Gedichte muss man nun leider anderswo suchen. Es wird auf meiner Seite aber keine Gedichte von Erich Fried mehr geben. Und drum heisst es also nun Abschied nehmen. Ich mochte seine Gedichte sehr, ich fand ihn als Person spannend, ich mochte die Auseinandersetzung mit beiden. Fortan werde ich mich auf andere Lyriker konzentrieren.

Das ist zum Glück nicht nur Verlust, sondern auch Freude. Ich spielte in den letzten Tagen schon oft mit dem Gedanken, mich auf wenige zu konzentrieren. Das erlaubt mir, mehr in die Tiefe zu gehen. Daneben möchte ich aber den offenen Blick auf die Lyrik behalten, immer wieder zum Lesen derselben anregen und hoffen, es schwappt ein wenig der Leidenschaft über.

Erich Fried wurde zu Lebzeiten der «Stören-Fried» genannt, weil er ein unbequemer Charakter war. Nun bin ich offenbar zu einem ebensolchen im rechtlichen Getriebe der Verlagsanstalt geworden. Mea culpa.

Wetterumschwung

Blätter tanzen sanft im Wind, sie hören
wohl die Himmelstöne leise spielen,
geben sich dem zärtlich hin und leben
damit unbeschwerte Ewigkeiten.

Strahlenhelles Sonnengleissen lässt die
Glitzerplättchen schimmernd schweifen,
Vögel singen, jubilieren, feiern
diese freudentollen Festmomente.

Hinter fernen Hügelketten hangen
graue Wolkenbetten, tragen in sich
alles Dunkle, dem wir beide bis vor
kurzem hilflos ausgeliefert waren.

Diese heut’gen Lichterreigen bringen
Hoffnung und vor allem Dankbarkeiten!

©Sandra von Siebenthal

Ich und Du und Wir

Es wünscht sich oft
einer partout,
als Ich zu sein
mit einem Du.

Denn ist man erst
einmal zu zweit,
erscheint das Glück
gar nicht mehr weit.

Bloss oft ist ein
Zusammensein
viel mehr allein
als ganz allein…

Der and’re ist
im Anderssein
ein Dorn im Auge,
eine Pein,

weil keiner mehr
den andern sieht,
ins innere Exil
entflieht.

Nur macht erst dieses
Selbstsosein
aus Ich und Du
ein Sein zu zwein.

©Sandra von Siebenthal, Juni 21

Trauben in Nachbars Garten

Man kann wohl schlicht
nicht alles haben,
denn so manches
schliesst sich aus.

Will man in fremden
Gärten graben,
kauft man besser
sich kein Haus.

So mancher denkt,
das geht doch beides,
gräbt so fröhlich
vor sich hin.

Doch geht die Chose
in die Hose,
ist die Fröhlichkeit
dahin.

So ist es halt
in diesem Leben,
alles hat so
seinen Preis:

die kurze Freud,
die bunte Pracht,
legt manches Glück
auf Eis.

©Sandra von Siebenthal

Kleine Deutung – Heinrich Heine: Das Fräulein stand am Meere

Das Fräulein stand am Meere
Und seufzte lang und bang,
Es rührte sie so sehre
Der Sonnenuntergang.

Mein Fräulein! sein Sie munter
Das ist ein altes Stück;
Hier vorne geht sie unter
Und kehrt von hinten zurück.

Es holpert und poltert, mal sind die Reime gesucht, mal wird um das Metrum gerungen. Ein Gedicht, in dem nichts passt. Und doch alles. Da steht eine Frau am Meer und schaut hinaus, angetan vom Spektakel, das die Sonne vollführt. Sie seufzt, ist hin und weg, da kommt Herr Heine und sagt pragmatisch: Mein Gott… das kennen wir doch schon, das war immer so, das wird weiter so sein. Und er hat recht!

Wie oft gingen wir in die Ferien, zückten die Kamera und knipsten. Hatten oft wenig mehr als ein Farbenspiel, würde man all die Bilder vermischen, könnte man sie kaum mehr Orten zuordnen. Und doch… wir sind immer wieder gerührt. Und immer wieder bewegt. Und das erkennen wir im Gedicht wieder. Die pragmatische Stimme überhören wir ebenso pragmatisch. Wir lesen von der Rührung des Fräuleins und sind selber in unseren Bildern gefangen. Zwar lesen wir noch weiter, doch wir hängen an den Bildern.

Heine versucht dann noch mit Holterdipolter quasi die Aufmerksamkeit zu wecken – es gelingt nicht. Und wie ich Heine einschätze so aus der Ferne, denke ich, dass es genau das ist, was er zeigen will: Wenn wir mal berührt sind, kann es noch so ruckeln und es können Argumente angeführt werden – es hilft nichts. Wir sind gefangen. Und da kommen wir so schnell nicht mehr raus.

Das ist natürlich in der Rührung, im Schönen, im Positiven wunderbar. Doch leider macht es auch vor dem Rest nicht halt. Und ab und an ruckelt es da auch und wir hören schlicht nicht hin… Vielleicht täte ab und an ein klarer Blick Not? Und er täte gut? So im Wissen: He, heute ist nicht alles verloren, es gibt morgen eine neue Chance?

Aber ja… wenn dann die Sonne wieder untergeht, kümmert es nicht, ob sie das morgen wieder tut. Das Geniessen im Hier und Jetzt tut gut und darf sein. Gegebenenfalls morgen wieder.

#abcdeslesens – Stefan George (12.7.1868 – 4.12.1933)

Was will man über ihn sagen? Am besten nichts und gleichzeitig dazu aufrufen, alles, was bekannt ist, zu vergessen und sich den Gedichten zuzuwenden. Zwar stiessen auch diese auf Kritik, doch die war wohl auch oft Georges Leben und Unverständnis geschuldet, nicht den Gedichten selbst.

Leider fristen die Gedichte Stefan Georges ein eher ungelesenes Dasein, von ein paar eifrigen Germanistikstudenten und nach Neuem suchenden Literaturbegeisterten abgesehen, interessiert sich kaum jemand für diese eigentlich so wunderschöne Dichtung. Seine Heimatstadt Bingen versuchte eine Zeit lang, dem entgegenzuwirken und veröffentlichte jeden 15. des Monats eines seiner Gedichte auf der Homepage. Leider wurde das eingestellt und es bleibt nur noch ein sporadisch geöffnetes Museum. Und eben das wichtigste: Die Gedichte – mit ihrer eigenwilligen Schreibweise.

Komm in den totgesagten park

Komm in den totgesagten park und schau:
Der schimmer ferner lächelnder gestade –
Der reinen wolken unverhofftes blau
Erhellt die weiher und die bunten pfade.
Dort nimm das tiefe gelb – das weiche grau
Von birken und von buchs – der wind ist lau –
Die späten rosen welkten noch nicht ganz –
Erlese küsse sie und flicht den kranz –
Vergiss auch diese letzten astern nicht –
Den purpur um die ranken wilder reben –
und auch was übrig blieb von grünem leben
Verwinde leicht im herbstlichen gesicht.

Stefan George wollte sich abgrenzen. Abrenzen von althergebrachten Klischees, abgrenzen von der bekannten Spiesserlitertatur, abgrenzen von abgedroschenen Wendungen und offensichtlichen Reimen. Auch in den verwendeten Metaphern suchte er neue Wege, erschloss neue Bildwelten für seine Worte, was beim ersten Lesen wohl oft genau das auslöst, was beabsichtigt war: Ein Innehalten, ein genaues Hinsehen, weil man sich mit unbekannten Welten konfrontiert sieht, und die Aufgabe, sich diese lesend zu erschliessen. Stefan George setzte auf das Ungewöhnliche, auf das Neue, ab und an um den Preis, dass seine Dichtung dadurch schwer fassbar ist und auch zeitweise sperrig wirkt.

Teich der Erinnerung

Auf sehnsuchtvollem teiche der weissen erinnrung
Auf schlafenden fluten von angst und von wahn
Segl ich tief einsam in den stunden des seufzens
Auf nachtäugigen angedenkens kahn.

Ich gleite still und die schwäne der gefühle
Tauchen ferne von mir in das dunkel ein
Ich gleite wie in einer feudalen ballade
Mondlicht beleuchtet von der gedanken schein.

Ich segle schweigend – plötzlich aus klagenden fluten
Hebt sich die maid der raue in sagengrau
Und schluchzt die weissen lilienhände windend
Wie einsame quelle auf der verwitweten au.

Auf sehnsuchtsvollem teiche der weissen erinnrung
Auf schlafenden fluten von angst und von wahn
Swegl ich tief einsam in den drückenden nebeln
Auch nachtäugigen angedenkens kahn.

Neben der eigenen Dichtung hat sich Stefan George auch mit Übertragungen und Umdichtungen beschäftigt, neben Shakespeare, Dante und Mallarmé vor allem Baudelaires Blumen des Bösen. Der Vorwurf kam denn auch, er hätte seinen Tonfall bei Baudelaire entlehnt, was George vehement bestritt und auf Eigenständigkeit pochte. Die intensive Auseinandersetzung mag sicher ihre Spuren hinterlassen haben, doch selbst wenn, wäre das nicht verwerflich und keineswegs zum Schaden der Georgeschen Gedichte.

Neben dem Wunsch, sich abzugrenzen, Neues zu schaffen, ging es Stefan George immer um die Schönheit. Er stellte in seinen Gedichten den Sinn im Sinne eines Wortsinnes hinter die sinnliche Erfahrung des Ausdrucks. So hilft es beim Lesen, die strenge Rationalität auszuschalten zugunsten eines Aufnehmens mit allen Sinnen. Auf diese Weise steigt aus  den Worten plötzlich ein Erfahren, ein Erleben, das tiefer geht als es der Wortsinn je könnte.

Vogelschau

Weisse schwalben sah ich fliegen –
Schwalben schnee- und silberweiss –
Sah sie sich im winde wiegen –
In dem winde hell und heiss.

Bunte häher sah ich hüpfen –
Papagei und kolibri
Durch die wunder-bäume schlüpfen
In dem wald der Tusferi.

Grosse raben sah ich flattern –
Dohlen schwarz und dunkelgrau
Nah am grunde über nattern
Im verzauberten gehau.

Schwalben seh ich wieder fliegen –
Schnee- und silberweisse schar –
Wie sie sich im winde wiegen
In dem winde kalt und klar.

Kleine Deutung – Paul Fleming: An sich

Sei dennoch unverzagt, gib dennoch unverloren,
Weich keinem Glücke nicht, steh höher als der Neid,
Vergnüge dich an dir und acht es für kein Leid,
Hat sich gleich wider dich Glück Ort und Zeit verschworen.

Was dich betrübt und labt, halt alles für erkoren,
Nimm dein Verhängnis an, lass alles unbereut.
Tu, was getan muss sein, und eh man dir’s gebeut.
Was du noch hoffen kannst, das wird noch stets geboren.

Was klagt, was lobt man doch? Sein Unglück und sein Glücke
Ist ihm ein jeder selbst. Schau alle Sachen an:
Dies alles ist in dir. Lass deinen eitlen Wahn,

Und eh du förder gehst, so geh in dich zurücke.
Wer sein selbst Meister ist und sich beherrschen kann,
Dem ist die weite Welt und alles untertan.

Schon am Anfang zeigt sich das Programm des Gedichtes. In einem kleinen Wort steckt schon so viel drin: Dennoch. Sei dennoch unverzagt. Selbst wenn alles nicht so läuft, wie das willst, wenn das Leben schwer ist, selbst dann sei unverzagt. Und gib dennoch nicht alles schon verloren, denn das ist es nicht. Hüte dich vor Neid dem Glücke anderer gegenüber und schau es nicht als Leid an, wenn dir selbst das Glück gerade nicht hold ist.

Was aber ist Glück und wie kommt man dahin? Wie kommt man mit einer Welt klar, in der die Dinge nicht immer so laufen, wie man sich das wünscht? Mit Gelassenheit, sagt Paul Fleming. Indem wir davon ausgehen, dass alles seine Bestimmung und seine Gründe hat, dass wir annehmen müssen, was ist. Und bei all dem sollen wir die Hoffnung nie verlieren, dass nach einem Unglück auch wieder bessere Zeiten kommen.

All die Klagen sind schlussendlich unnötig. Auch das Loben des Glücks ist es. Statt das Glück im Aussen zu suchen, solle man in sich gehen, denn: Alles ist schon da. Es liegt allein an mir selber, ob ich das Glück finde oder nicht, denn es liegt genau darin, was oben schon beschrieben ist: Annehmen was ist und sich nicht in Neid und Wehklagen zu verstricken. Dann ist man Herr seiner Gefühle, dann ist man Herr seiner selbst und steht damit über allem, was bedrücken könnte.

Paul Fleming hat dieses Gedicht 1641, also vor 380 Jahren geschrieben, in einer Zeit, die durch den 30-jährigen Krieg und die Pest stark gebeutelt war. Das Leben war kein sicherer Wert, es war jederzeit in Gefahr. Mit seiner Form (Sonett mit 14 Versen, aufgeteilt in zwei Quartette und zwei Terzette, mit sechshebigem Jambus (Alexandriner), abwechselnd weiblichen und männlichen Kadenzen sowie dem umarmenden, in den Terzetten durch zwei Paarreime unterbrochenen, Reim)  ist das Gedicht typisch für seine Entstehungszeit, den Barock. In der Lebensauffassung dieser Zeit bildeten sich Gegensätze wie «Carpe diem – Memento mori», «Diesseits – Jenseits» heraus, Gegensätze, denen immer die Vergänglichkeit des Lebens eingeschrieben war. Ebenfalls präsent war der Glaube an die Vorbestimmung eines Lebens, daran, dass dieses dem Menschen quasi vorgezeichnet ist und es kein Entrinnen gibt.

Diese Lebensauffassungen mögen heute nicht mehr gelten, dennoch hat das Gedicht nichts von seiner Aktualität und Wahrheit eingebüsst. Noch heute ist der Mensch in seinem Streben nach Glück gleich, noch heute wird er aber einsehen müssen, dass er nur eines selber in Händen hat: Wie er auf die Dinge reagiert, welche das Leben bereit hält. Wenn es da gelingt, aus einem Gleichmut und einer Gelassenheit heraus anzunehmen, was ist, dann stellt sich eine Ruhe ein und damit auch eine Art Glück.

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Paul Fleming, geboren am 5. Oktober 1609 in Hartenstein (Sachsen) und gestorben am 2. April 1640 in Hamburg, war Arzt und Schriftsteller und gilt als einer der bedeutendsten Lyriker der deutschen Barockliteratur. Er schrieb sowohl lateinische wie auch deutsche Gedichte, wobei nur wenige lateinische Gedichte schon zu Lebzeiten veröffentlicht wurden.

Katers Annäherung

Am ersten Tag war er noch scheu,

am zweiten schnuppert’ er, was neu.

Am dritten kam er zu mir hin,

am vierten wollt‘ er wieder fliehn.

Am fünften hoffte ich nun sehr,

er käm’ am sechsten wieder her.

Am siebten war er wirklich da,

am achten war es langsam klar.

Am neunten folgt‘ er stetig mir,

am zehnten Tag warn wir ein Wir.

©Sandra von Siebenthal