Meeresfluten

Wenn Stürme sich verzogen
die Luft steht klar und leer,
die Wolken sind verflogen,
und ruhig liegt das Meer.

Das Blut hört auf zu tosen,
es fliesst in ruhigem Takt,
die Sorgen sind verstoben,
die Stirn ist wieder glatt.

Ich schwöre mir wie immer,
so wird das niemals mehr,
und wäre ein Beginner,
glaubt’ ich mir das zu sehr.

Das Leben schlägt oft Haken,
es steht nicht einfach still,
es fährt in wilden Bahnen,
was immer ich auch will.

Ich bin als Boot gewoben
ins Wellenteppichkleid,
mal unten und mal oben
im Toben der Gezeit.

©Sandra von Siebenthal

Teufelspakt

Ich wünschte mir
ein Stückchen Glück,
ich gab mich ganz,
nicht nur ein Stück.

Was andre tun,
für Schnaps, Geld, Bier,
schien das Glück wert –
zumindest mir.

Doch ist das Glück
ein flüchtig Ding,
mal ist es gross,
dann nur gering,

statt Federstrich
ein spitzes Schwert.
Dann frag ich mich:
War es das wert?

Ich gab mich hin,
nicht nur ein Stück,
krieg’ ich mich nun
noch ganz zurück?

Das Leben hat
stets seinen Preis,
dem Teufel zahlt
man diesen heiss.

Rainer Maria Rilke: Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort


Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heisst Hund und jenes heisst Haus
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.

Mir bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott, 
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.

Rainer Maria Rilke schrieb einmal: „Ich habe mich, seit ich denken kann, als Anfänger gefühlt.“ Im Buddhismus gibt es das auch, den Anfängergeist. Es bedeutet, dass man die Dinge immer wieder mit neuem Blick sehen, sie nicht einfach in gewohnte Schubladen stecken, sondern in ihrem So-Sein wahrnehmen soll. Wie viel Neues bietet die Welt da plötzlich? Dieses Anfänger-Sein steckt auch in diesem Gedicht. Es ruft dazu auf, nicht einfach gleich für alles Namen zu finden und die Dinge so in Schubladen abzulegen. Es ruft dazu auf, demütig zu bleiben, nicht alles zu wissen meinen, sondern hinzuschauen, um Neues zu sehen und lernen.

Indem wir durch die Welt gehen und die Dinge mit den Augen der Gewohnheit betrachten, sehen wir nicht, was wirklich ist. Wir sind in einem Schleier gefangen, der die wahre Sicht verschliesst. Wir nehmen nicht mehr wirklich wahr, sondern bewegen uns eigentlich schlafend durch die Welt. Und wir töten diese förmlich ab, da wir ihr die Lebendigkeit absprechen durch das schlichte benennen. Wir nehmen damit auch der Sprache ihre Kraft, da dieses Benennen ein oberflächliches ist. Es geht nicht mehr in die Tiefe, es lässt alle Nuancen vermissen, sondern handelt die Dinge mit einem Wort ab. Es ist wohl kein Ding so flach, als es mit einem einzelnen Wort hinreichend beschrieben wäre.

Denken wir an einen Baum. Wir laufen durch die Strasse, sehen diesen, denken Baum und gehen weiter. Wir sehen nicht das kräftige Grün der Blätter, sehen nicht die kleinen, feinen Blüten, die in ihrer Mitte einen feinen Stempel haben. Wir sehen nicht die Maserung der kleinen Blätter, die wie Landschaften ganze Welten darstellen. Wir sehen nicht die Maserung der Rinde, in denen sich wunderschön natürliche Muster zeigen. Wir sagen Baum und sind an diesem vorbei. Sähen wir genauer hin, eröffnete sich uns eine Schönheit, die dann in unser Leben einzöge.

Aus diesem Grund ruft Rilke dazu auf, den Dingen fern zu bleiben mit einfachen Worten. Lass die Dinge zu dir sprechen, lass sie singen und höre zu. Wenn ihr sie benennt, sagen sie nichts mehr, dann sind sie tot. Und damit ist deine Welt um dich tot. In einer toten Welt lebt es sich nicht froh. Ein Leben, das ein wirkliches solches sein soll, das lebendig und reich sein soll, bedarf eines ebensolchen Blicks, eines aufgeschlossenen, nicht wertenden, offenen, der wirklich wahrnimmt.



Gestutzte Flügel

Eingeschlossen in den selbstgewählten
Käfig, der so golden glänzt im Licht,
sitzt im Dunkel müdgeworden, einsam
sucht sie durch der Stäbe Ritzen, nach

ersehnter Freiheit, nach dem glitzernd Hellen,
welches draussen schillernd leuchtet, und sich
in den Stäben bricht. Sie umschliessen, und es
dringt kein Funke durch der Stäbe Dicht.

Abgestumpfter Seele Trauer, tief im
Herzen brennt. Es gibt rein nichts, das sie noch
freut,  es gibt rein nichts, das sie noch hält.

Dann und wann ein leises Zucken, dringt durch
Sie, durch Mark und Bein. Es schiesst zum Herzen,
schläft ermattet da dann wieder ein.

©Sandra von Siebenthal

Demut

In grünen Hügeln giesst das Land sich hin
und legt sich mir zu Füssen erdenschön.
Ich steh hoch oben, seh’ es liegen, weite,
breite, edenartig schöne Höhn.

Ich geh voll Ehrfurcht durch den Garten, fühl mich
Wie im Paradies. Ich danke Gott
für dieses Wunder, bin ergriffen, mir
wird klar: Ich bin so klein in dieser Schöpfung,

bild’ mir oft gar Grosses darauf ein.
Ich bin ein Beitrag im Gescheh’n nur, bin
ein kleiner Teil in dem System, drum

soll ein Leben hier gelingen, brauch’
ich ein Du, gelebtes Wir, für ein 
Wozu, das mehr nur ist als Sein allein.

©Sandra von Siebenthal, Juni 2021

Lebensspiel

Es tost das Meer in lauten Wogen, rauschend
Brechen Wellen an der Steine Riff.
Sie schiessen auf mit weisser Krone, bis
In sich zusammenbricht die weisse Gischt.

Auf und nieder, immer wieder, neu
Ergiesst sich dieses Spiel des Elements.
Sonnenfunken tänzeln, rauf und runter,
munter eingewirktes Glitzervlies.

Spiel des Lebens, Lebensfülle, stetig
Gehend, kehrend, mitgeführt im Fluss
Der niemals anhaltenden Ewigkeit.

Und über allem steht die Sonne, thront
Als die, die ganz klar weiss, dass ohne sie
Kein Leben und in dem kein Lichtspiel sei.

©Sandra von Siebenthal, Juni 2021

Ausser mir

Manchmal steh‘ ich neben mir
und schaue mir beim Leben zu.

Ich seh’ mich sitzen, gehen, steh’n,
und denke oft, ich kenn’ mich kaum,
so fremd wirkt die, die neben mir
grad tut, was sie halt tut.

Ich frage mich, bin ich so nur,
tun andere das auch?
Es mutet seltsam komisch an,
so neben mir zu steh’n.

©Sandra von Siebenthal, Juni 2021

Götterfreuden

Ich sprech’ mitunter sehr gehoben,
manche nennen’s auch verschroben,

wird doch aus ‘nem Furz kurzum
Fehlzündung aus Elysium.
Ein Rülpser heisst – das ist O-Ton:
«Kuss und Gruss von Gott Pluton.

Da haben wir die Götterwelt,
sie lebt sich aus, wie’s ihr gefällt.

©Sandra von Siebenthal

Simone de Beauvoir: «Ich möchte vom Leben alles»

Das schrieb Simone de Beauvoir dem Schriftsteller Nelson Algren, einer ihrer Zufallslieben, wie Sartre und sie die Beziehungen nannten, die sie nebenher hatten. Und sie fährt fort:

«Ich möchte eine Frau, aber auch ein Mann sein, viele Freunde haben und allein sein, viel arbeiten und gute Bücher schreiben, aber auch reisen und mich vergnügen, egoistisch und nicht egoistisch sein. Sehen Sie, es ist nicht leicht, alles, was ich möchte, zu bekommen. Und wenn es mir nicht gelingt, werde ich wahnsinnig zornig.»

Eine Frau, die weiss, was sie will, und die es nicht beim Träumen belassen möchte. Sie wollte es bekommen und tat alles, was dafür nötig war, auch wenn sie wusste, dass andere darunter litten (zum Beispiel auch die Zufallslieben, die im Stellenwert immer hinter Sartre standen).

„Mein Unternehmen war mein Leben selbst.“

Eine interessante Aussage, verweist sie doch auf das Leben zurück als Zentrum, nicht auf das Streben im Aussen, dem so viele nachrennen, um da ihren Erfolg zu suchen. Simone de Beauvoir wollte in diesem Leben vor allem eines: Eigenständig bleiben, sie brauchte ihren Raum und ihre Zeit für sich. In Jean Paul Sartre fand sie den perfekten Partner dafür. Die beiden sollten ein Leben lang verbunden bleiben, endlose Diskussionen führen über Themen wie den freien Willen, die Rechte des Menschen, Verantwortung und mehr zu diskutieren. Daneben war aber auch immer wieder die Art ihrer Beziehung offen Thema: Es war eine offene, mit einem Pakt besiegelte Beziehung, in welcher jeder seine Freiräume haben konnte, sie aber immer miteinander darüber sprachen. Und das taten sie in aller Offenheit, wie Briefe bezeugen. Es war aber auch eine Beziehung auf Augenhöhe, in welcher beide auf das Urteil des anderen vertrauten und bauten. 

Von aussen wurde Simone de Beauvoir oft als „Anhängsel“ Sartres gesehen, dem war nicht so. Sartre achtete de Beauvoir und ihr Werk, etwas, womit sie ansonsten in der damals von Männern dominierten Welt kämpfte, wurde sie doch von männlichen Kollegen oft nicht ernst genommen. Vermutlich konnten diese schlicht mit ihren Themen wenig anfangen, da sie nicht für Freiheiten kämpfen mussten und an den Innenwelten von Frauen wenig interessiert waren – zumindest nicht auf geistiger Ebene. 

Es sind die Rollenbilder, die wir übernehmen, die uns im kulturellen Raum als Frau definieren, es sind die Zuschreibungen, die unseren Platz in der Welt bestimmen, keine biologische Anlage.

„Die Menschheit ist männlich, und der Mann definiert die Frau nicht an sich, sondern in Beziehung auf sich; sie wird nicht als autonomes Wesen angesehen.“

und weiter: 

„Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.* Kein biologisches, psychisches, wirtschaftliches Schicksal bestimmt die Gestalt, die das weibliche Menschenwesen im Schoß der Gesellschaft annimmt.“

Simone de Beauvoir sah nur einen Weg, dies zu ändern: Es selber in die Hand zu nehmen:

«Der Frau bleibt kein anderer Ausweg, als an ihrer Befreiung zu arbeiten. Diese Befreiung kann nur eine kollektive sein.»

Was so lange geübt und eingetrichtert wurde, was sich als Haltung etabliert hat, lässt sich nicht im Alleingang ändern. Kultur ist ein kollektives Gut, was alle betrifft, kann nur getragen werden, wenn es alle tragen.

«Da ich nicht denke, dass die Frau von Natur aus dem Manne unterlegen ist, denke ich auch nicht, dass sie ihm von Natur aus überlegen ist.»

Insofern sind alle gefordert, da eine Veränderung zu erreichen, in einem konstruktiven Miteinander unter Gleichgestellten auf Augenhöhe. So ist ein schönes Zitat zum Abschluss vielleicht dieses:

«Das Glück besteht darin, zu leben wie alle Welt und doch wie kein anderer zu sein.»

Niemand ist eine Insel, wir alle wollen zur Welt gehören. Schön, wenn wir das in unserem eigenen So-Sein als Ich tun können.

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*DIes wohl der Kernsatz aus „Das andere Geschlecht“

Der Rose Abgesang

Es hängen die Köpfe,
die Blätter sind welk,
der Duft ist verflogen,
das Zartrot verblasst.

Das Leben geschwunden,
es lauert der Tod,
und doch ist da Schönheit
in letzter Not.

Ich schaue wehmütig,
mit schwerem Herz hin,
wie schnell doch das Leben
im Glase verrinnt.

Das nächste Mal lass ich
die Blüte wohl steh’n,
und will ihre Schönheit
von Ferne anseh’n.

Und irgendwann werde
auch ich einmal bleich;
ach gäb’ es für mich dann
ein Mittel dem gleich.

Das Leben ist endlich,
es nimmt seinen Lauf,
und kommt dann das Ende,
dann trinken wir drauf!

©Sandra von Siebenthal

Abschied von Erich Fried

Es heisst Abschied nehmen. Abschiede sind immer auch ein kleiner Tod, vor allem dann, wenn einem etwas/jemand am Herzen liegt. Die Lyrik ist mir wichtig und ich finde – wie es auch der Spruch von Goethe auf meiner Seite sagt – dass ein Tag ein besserer ist, wenn man ein Gedicht liest. Gedichte sind ganze Welten in wenige Zeilen verpackt, Gedichte verbinden, indem sie Gefühle freilegen, mit denen man sich in Verbindung bringen kann. Gedichte sind wertvoll, heilsam, Zeit schenkend, nährend. Leider haben wir das in unserer Zeit viel zu weit aus den Augen verloren. Dem wollte (und will es noch) ich Abhilfe verschaffen. Und ich fiel dabei aus allen Wolken, als ich plötzlich eine Mail vom Wagenbach Verlag in meiner Inbox hatte.

Wenn ich nicht die Gedichte von Erich Fried aus dem Blog lösche, würden rechtliche Schritte eingeleitet (immerhin kam erst die Drohung, nicht gleich die Klage). Es war ein Schlag, ich versuchte, meine Sicht darzulegen, da ich ja nicht eigennützig handelte, sondern durch jede Empfehlung dem Verlag auch gedient sei – es half nichts. Entweder ich zahle für die Rechte oder ich lösche.

Ich trage diesen Blog selber finanziell, so viel Freude manches bereitet (mir und denen, die es lesen), so wenig wird es fremdfinanziert. Deswegen bin ich nicht bereit, für von mir geleistete Arbeit, die durchaus auch Werbung sein kann, noch zu bezahlen. Und so bleibt mir nur der eine Schritt:

Ich habe alle Gedichte gelöscht, die Texte belassen. Die Texte sind meine, die Gedichte muss man nun leider anderswo suchen. Es wird auf meiner Seite aber keine Gedichte von Erich Fried mehr geben. Und drum heisst es also nun Abschied nehmen. Ich mochte seine Gedichte sehr, ich fand ihn als Person spannend, ich mochte die Auseinandersetzung mit beiden. Fortan werde ich mich auf andere Lyriker konzentrieren.

Das ist zum Glück nicht nur Verlust, sondern auch Freude. Ich spielte in den letzten Tagen schon oft mit dem Gedanken, mich auf wenige zu konzentrieren. Das erlaubt mir, mehr in die Tiefe zu gehen. Daneben möchte ich aber den offenen Blick auf die Lyrik behalten, immer wieder zum Lesen derselben anregen und hoffen, es schwappt ein wenig der Leidenschaft über.

Erich Fried wurde zu Lebzeiten der «Stören-Fried» genannt, weil er ein unbequemer Charakter war. Nun bin ich offenbar zu einem ebensolchen im rechtlichen Getriebe der Verlagsanstalt geworden. Mea culpa.

Wetterumschwung

Blätter tanzen sanft im Wind, sie hören
wohl die Himmelstöne leise spielen,
geben sich dem zärtlich hin und leben
damit unbeschwerte Ewigkeiten.

Strahlenhelles Sonnengleissen lässt die
Glitzerplättchen schimmernd schweifen,
Vögel singen, jubilieren, feiern
diese freudentollen Festmomente.

Hinter fernen Hügelketten hangen
graue Wolkenbetten, tragen in sich
alles Dunkle, dem wir beide bis vor
kurzem hilflos ausgeliefert waren.

Diese heut’gen Lichterreigen bringen
Hoffnung und vor allem Dankbarkeiten!

©Sandra von Siebenthal