Interview

Menschen fragen:
«Zahlen, Fakten,
wann, wohin und
wieviel Wert?»

Was du hast und
wer du bist,
zählt mehr als
was du willst.

Was du bringst und
wie du nützt,
zählt mehr als
wie’s dir geht.

Dann stehst du da
mit allen Fragen,
fragst dich selber:
«Wo bin ich?»

Dann stehst du da
und bist alleine,
weil – der Frager
sieht nur sich.

@Sandra von Siebenthal

Ingeborg Bachmann: Die große Fracht

Die große Fracht des Sommers ist verladen,
das Sonnenschiff im Hafen liegt bereit,
wenn hinter dir die Möwe stürzt und schreit.
Die grosse Fracht des Sommers ist verladen.

Das Sonnenschiff im Hafen liegt bereit,
und auf die Lippen der Gallionsfiguren
tritt unverhüllt das Lächeln der Lemuren.
Das Sonnenschiff im Hafen liegt bereit.

Wenn hinter dir die Möwe stürzt und schreit,
kommt aus dem Westen der Befehl zu sinken;
doch offnen Augs wirst du im Licht ertrinken,
wenn hinter dir die Möwe stürzt und schreit.

Ingeborg Bachmann hat gerade in Wien ihr Studium abgeschlossen, als sie dieses Gedicht 1952 geschrieben hat. Ingeborg Bachmann war eine intellektuelle Schriftstellerin, was man ihren Gedichten anmerkte. Bachmanns Gedichte sind komponiert, durchdacht, an ihnen wurde gefeilt bis zum letzten Wort. Sinnzusammenhänge finden sich zu den verschiedensten Gebieten. Ingeborg Bachmann war mit ihren hermetischen Gedichten eine typische Vertreterin der Nachkriegszeit. Sie versuchte, durch ein neues Sprachverständnis eine neue Wirklichkeit zu schaffen, was zuweilen zu einer schwierigen Verständlichkeit führt. Doch ist es den Aufwand wert, hinter die Bilder und Sprachchiffren zu dringen, um den Sinn eines Gedichts herauszuschälen.

Auch das vorliegende Gedicht ist beladen (überfrachtet?) mit symbolischen Bedeutungen und Anspielungen. Das grosse Thema des Gedichts ist die Vergänglichkeit, der Tod. Der Tod ist oft ein Thema, das wir meiden, weil der Tod vielen Menschen Angst macht. Wir wollen uns nicht damit auseinandersetzen, wir sehen ihn als Bedrohung, als etwas, das dunkel und düster über uns schwebt wie ein Damoklesschwert. Ingeborg Bachmann hat den Tod in vielen ihrer Gedichte thematisiert, in diesem aber auf eine wunderschöne, tröstliche Weise. Für diese Wirkung sorgt auch die von ihr gewählte Form des durchgängigen 5-hebigen Jambus, welche das Gedicht ruhig fliessen lässt. Der umarmende Reim, es sind alles reine Reime, führt zu einer Geschlossenheit der einzelnen Strophen, was einen Halt gibt, trotzdem ist eine Verbindung zwischen den einzelnen Strophen da durch die Wiederholungen der einzelnen Zeilen der ersten Strophe.

Es ist Herbst, die Blütezeit ist vorbei und die Früchte des Sommers werden als Fracht verladen. Das Sonnenschiff steht im Hafen (der steht symbolisiert den Anfang und das Ende von etwas) für diese Ladung bereit. In der ägyptischen Mythologie (sowie auch in anderen Mythologien des Mittelmeerraums) ist das Sonnenschiff das Schiff, auf welchem der Sonnengott mit den Seelen der Toten übers Meer fährt, um in der Nacht in die dunkle Unterwelt einzutauchen und den Toten das Licht zu bringen. Auf dieses Schiff wird also die Fracht des Sommers verladen, welche als Metapher für das Leben des Menschen steht. Er steht am Übergang von Leben und Tod.

Es ist kein grausamer Übergang, es ist kein Leiden in diesem Gedicht. Auf den Gesichtern der Lemuren, also den Geistern der Verstorbenen, liegt ein Lächeln. Sie sind die Gallionsfiguren des Schiffs und deuten somit auf einen friedlichen Weg hin.

Das Ernten der Früchte und das Verladen kann man als Herbst des Lebens lesen, in welchem irgendwann der Zeitpunkt des Aufbruchs auf die letzte Reise kommt. Hier wird dieser durch die Möwe als Todesvogel verkündet, welche hinter dem lyrischen Ich, welches hier als zweite Person vorkommt, stürzt und schreit. Nun ist es also Zeit, den letzten Weg zu gehen, den in den Tod, in die Unterwelt. Dass dieser Zeitpunkt kommt, ist unausweichlich, es ist quasi der Befehl aus dem Westen, welchen man mit dem Sonnenuntergang übersetzen könnte. Der Gedanke, dass es ein lichtvoller Weg ist, kein dunkler, düsterer, nimmt diesem Weg die Schwere, lässt ihn hell erscheinen.

#abcdeslesens – Y wie William Butler Yeats

“Die Welt ist aus den Fugen, wie kann ich mit meiner Kunst angemessen darauf reagieren?”

Wollte man einen Antrieb für Yeats Sein und Schaffen finden, wäre es wohl diese Frage. Dass man bei der Ausgangslage nicht einfach stehen bleiben kann, sondern sich dem Wandel der Welt auch immer wieder neu stellen muss, liegt auf der Hand. So unterscheidet sich das Frühwerk von den späteren Gedichten Yeats auch deutlich. War er anfänglich noch der englischen – excuse me, irischen Romantik zuzurechnen, verfasste er später auch durchaus moderne Gedichte – und mit denen konnte er sich auch behaupten.

Mein Schwerpunkt hier liegt oft auf der Lyrik, ich werde also nicht darauf eingehen, dass Yeats auch Dramatiker und Essayist war. Ebenso wird kein Thema sein, dass er das irische Nationaltheater gegründet hat und nebenher Volksmärchen sammelte. Auch dem Umstand, dass er als Poet bei der Staatsgründung mitwirkte, wird hier kein Tribut gezollt. Erwähnt wird das alles nur, um zu zeigen, wie breit und weit denkend dieser Lyriker war. Leben und Lyrik war ihm eines, das Eine vom Andern nicht zu trennen.

Yeats war der erste Ire, der einen Literaturnobelpreis erhalten hat. Dass es heisst, seine wirklich grössten Werke hätte er erst nachher verfasst, sei nur erwähnt, den Beweis bleibe ich hier schuldig, zumal ich der Meinung bin, dass vieles Geschmacksache ist und Literatur sich nicht am Metermass messen lässt.

Sucht man nach Einflüssen für die Yeats’sche Dichtung, findet sich einiges. Angefangen von der keltischen Mystik über Shakespeare, Blake reichen Spuren bis nach Frankreich, zu Charles Baudelaire und Paul Verlaine.

Yeats war alles andere als ein weltabgewandter Dichter. Bewegten sich die frühen Gedichte noch in mystischen und Geisterwelten, wurde er mehr und mehr sachlich und lebensnah. Vor allem sah er es als Aufgabe der Kunst – und damit auch der Dichtung – den “politischen Kampf” zu unterstützen. Mit diesem Ansinnen änderte auch seine lyrische Sprache, da diese zu dem Zweck klar und deutlich sein müsse.

“Ohne uns gibt es weder Freund noch Feind.”

Wir haben alles selber in der Hand und müssen dafür einstehen. Die Welt ist nicht einfach, wie sie ist, sie ist, wie wir sie sehen. Vorbei die romantische Trauer und das abgehobene Heldentum, konkrete Sachlichkeit war gefragt. Dies war nicht nur ästhetisches Prinzip, sondern Lebensphilosophie. Und er war rigoros:

“Wir dürfen nie die Verantwortung für einen Kompromiss übernehmen.”

Was nicht passte, wollte er benennen, dafür einstehen mit seinen Mitteln. Es waren die der Dichtung. Und er hat sie beherrscht! Man sieht es an diesem wunderbaren Gedicht:

«Hätt ich des Himmels reichbestickte Tücher,
bestickt aus Golden- und aus Silberlicht,
die dunklen, die blauen und die hellen Tücher,
aus Nacht, aus Tag und aus der Dämmerung,
legt ich die Tücher dir zu Füßen.
Doch ich bin arm und habe nichts als Träume,
so leg ich meine Träume dir zu Füßen.
Tritt leise, denn du trittst auf meine Träume.»

Müsste ein Dichter Liebe beschreiben, er wäre in der engeren Auswahl. Es zählt nicht der äussere Schein, es ist das Gefühl, das kommt, wenn der Geliebte den Raum betritt. Weil er einem ist, was er ist:

„There is grey in your hair.
Young men no longer catch their breath
When you are passing;
But maybe some old gaffer mutters a blessing
Because it was your prayer
Recovered him upon the bed of death“
„Burdensome beauty – for your sole sake
Heaven has put away the stroke of her doom,
So great her portion in that peace you make
By merely walking into a room“

«Das Haar ist langsam grau,
jungen Männern stockt der Atem kaum,
wenn du vorüber gehst;
Vielleicht murmelt noch ein Alter ein Lob
Weil du’s so beschwörst in deinem Gebet,
er mög’ aus dem Totenbett steigen»
Belastende Schönheit – zu deinem Profit
Nahm der Himmel den Untergang mit,
weil du, wenn du den Raum betrittst,
immer auch den Frieden bringst mit.»
(Übersetzung SVS)

Und damit beende ich dieses Porträt. In der Hoffnung, Yeats bleibt nicht nur ein Buchstabe im Alphabet, sondern ein Lyriker, den man gerne nochmals lesen möchte.

Das Gesicht wahren

Grillen zirpen zirrilierend, stellen
ihre Flügel auf. Sie zeigen eifrig
ihr Begehren, nehmen dazu gern
in Kauf von allen, auch von völlig Fremden,

So gehört zu werden; nehmen gerne
auch in Kauf, dass and’re sich dran stören,
Ruhe wünschen, sie auslachen ob
Der just entfachten, jubelschwang’ren Lust.

Wäre ich doch auch so mutig, wäre
ich doch auch so frei, und könnte die
Gefühle zeigen, wie sie sind, und nicht

mich schämen, weil ich fürchte, anzustehen,
statt Erhören, Spott zu ernten und drum
mein Begehren still in mich zu kehren.

©Sandra von Siebenthal

Else Lasker-Schüler: Mein blaues Klavier

Ich habe zu Hause ein blaues Klavier
Und kenne doch keine Note.

Es steht im Dunkel der Kellertür,
Seitdem die Welt verrohte.

Es spielten Sternenhände vier –
Die Mondfrau sang im Boote.
– Nun tanzen die Ratten im Geklirr.

Zerbrochen ist die Klaviatur.
Ich beweine die blaue Tote.

Ach liebe Engel öffnet mir
– Ich aß vom bitteren Brote –
Mir lebend schon die Himmelstür,
Auch wider dem Verbote.

Das Gedicht «Mein blaues Klavier» ist das titelgebende Gedicht für den letzten veröffentlichten Gedichtband Else Lasker-Schülers. Die 32 enthaltenen Gedichte thematisieren noch mehr als die vorhergehenden Einsamkeit, Schmerz und Trauer über den Verlust der Heimat, so auch dieses Gedicht, welches Else Lasker-Schüler 1937 geschrieben hat. Man kann es von der Form her als Elegie bezeichnen, es ist ein Klagegedicht, ein Gedicht, in welchem die Melancholie und das Leid aus jeder Zeile drängt.

Das Gedicht handelt vom Verlust nicht nur der Heimat, sondern auch der Kindheit und dem verlorenen Ideal der Kunst. Das Instrument der Kindheit ist verloren, ins Dunkel des Kellers entschwunden, es lässt sich nicht mehr bespielen. Geblieben ist nur die Erinnerung an das schöne Spiel, mehr als das ist, da es das Zuhause in sich trägt. Wo vorher Sternenhände spielten, sogar vier, so dass sie nicht alleine war, und die Mondfrau sang, tanzen heute nur noch klirrend Ratten. Was war, ist zerbrochen, geblieben sind die Tränen der Trauer und die Einsamkeit.

Das Klavier steht gleichzeitig synonym für die deutsche Sprache, welche Else Lasker-Schüler Mittel der Kunst ist, die aber durch die grausame Geschichte entweiht wurde und ihr auszugehen droht im Exil. Zurück bleiben die Trauer über das Zerbrochene, unwiderbringlich Verlorene, und der Wunsch, schon lebend dieser Welt, in welcher ihr die Publikation verboten, sie also nicht nur aus dem Zuhause, sondern auch aus der Sprache vertrieben worden war, in eine bessere Welt, das Jenseits, zu entfliehen.

Bei all der Klage, bei all dem thematisierten Leid liegt doch eine Schönheit in dem Gedicht und damit ein Trost. Die Schönheit überlebt auch die grössten Schrecken, sie ist nicht auszurotten, nicht aus der Welt zu verdammen, nicht zum Schweigen zu bringen. In diesem Sinne schrieb auch der Arzt und Schriftsteller Paul Goldschneider am 12. Juni 1944 in einem Brief aus London an Else Lasker-Schüler:

«Vor mir liegt Ihr Blaues Klavier, und ich trinke seine sternenhellen Akkorde gierig wie ein Verdurstender. Es ist gut zu wissen, daß, was immer Häßliches geschehen mag, Schönheit ist und bleibt. Mir wurde es Trost und Offenbarung und dafür wollte ich Ihnen danken.»

Kräftespiel

In schwarzen Klüften steigt der Fels hinab
Zum tosend blauen Meer. Er ist der Stein
Des Widerstands, der Stein, der Wasser trennt
Und es dann zwängt zu wellenweisser Wand.

Was oben weicht, zurück sich zieht, das spielt
Ein Spiel im Untermeer – mit Wellenwogen,
hin und her. Es schleift mit stetigem Durchstreifen
Von den Kanten alle Grate, macht sie

Sanft und mild und glatt. Was stark aufragend
Kraft ausstrahlte, liegt im Dunkeln weich
gespült. Das Wasser sieht sich nie als schwach,

es will nie Rache üben, lebt nur schlicht,
was ihm gegeben, lebt sein Leben, spielt
sein Spiel, und lässt auch andre spielend leben.

©Sandra von Siebenthal

Rainer Maria Rilke: Nennt ihr das Seele…

Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt
in euch? Was, wie der Klang der Narrenschellen,
um Beifall bettelt und um Würde wirbt,
und endlich arm ein armes Sterben stirbt
im Weihrauchabend gotischer Kapellen, –
nennt ihr das Seele?

Schau ich die blaue Nacht, vom Mai verschneit,
in der die Welten weite Wege reisen,
mir ist: ich trage ein Stück Ewigkeit
in meiner Brust. Das rüttelt und das schreit
und will hinauf und will mit ihnen kreisen …
Und das ist Seele.

Die Grundfrage hinter vielen von Rilkes Gedichten ist eine anthropologische: Was/Wie ist der Mensch? Oft verortet er ihn ganz explizit zwischen Engel (reines Geisteswesen, spirituelles Bewusstsein) und Tier (pure körperlichkeit, Instinktwesen). Zwischen diesen Polen sitzt der Mensch und er ist in diesem Dazwischensein ein Mängelwesen. Hier spricht er nur noch den Mangel an: Was der Mensch Seele nennt, deckt nie das volle, mögliche Bewusstsein ab, es ist ein begrenztes, kleines Etwas, das noch dazu auf das Falsche ausgerichtet ist.

«Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt in euch?»

Es finden sich Worte wie Narr, betteln, arm, alles ist nur gewollt, es wird nur um Würde geworben, sie wird nie erreicht, selbst das Sterben ist würdelos, es ist nur arm. Eine Seele, die den Namen verdiente, wäre grösser, sie würde über die Begrenzungen des irdischen Lebens hinausreichen:

«ich trage ein Stück Ewigkeit / in meiner Brust»

«und will hinauf und will mit ihnen kreisen…
Und das ist Seele.»

Rilke stellt eine grosse Frage, nämlich die, was wirklich ein gutes Leben ist, eines, das mit den richtigen Werten und Ansprüchen gelebt wird. Setzen wir nicht viel zu oft auf das falsche Pferd, indem wir uns von Beifall und Aufmerksamkeiten anderer abhängig machen, anstatt auf unseren eigenen Wert zu vertrauen und in uns zu ruhen?

Das Problem dabei ist doch oft, dass wir uns beweisen wollen, dass wir uns für die Anerkennung auch mal so verbiegen, dass wir selber gar nicht mehr wirklich durchscheinen, sondern nur noch als Erfüllung einer gefühlten Erwartung durchs Leben gehen: Nur: Wer kriegt dann den Beifall? Doch nicht wirklich wir, sondern nur das, was wir, um anderen zu entsprechen, vorgeben, zu sein. Das ist kein Leben aus vollem Herzen, das wir führen, das ist Bemühen darum, in fremdbestimmte Schubladen zu passen.

Ein Leben aus eigenem Antrieb, ein Leben aus vollem Herzen wäre ein Leben, in welchem wir für uns selber einstehen, an uns selber glauben, zu uns selber schauen. Damit nicht gegen andere, aber für uns. Nur so können wir Selbstwirksamkeit erfahren, nur so können wir authentisch leben, nur so können wir als der, der wir sind, geliebt werden. Und nur so ist es möglich, Eigenverantwortung zu übernehmen, da wir das, was wir tun, aus vollem Herzen tun, und dann auch dahinter stehen.

«Und das ist Seele»

Wäsche waschen

Ich hänge meine Hosen seilelang dem
Wind entgegen, seh sie schweifen, schweben,
vogelfrei zum Himmel streben, fast wie
nicht von dieser Welt, schon ihr enthoben.

Seh’ sie flattern, seh’ sie treiben, seh’ sie
Hin zum Himmel greifen, sie die sonst
An meinen Beinen erdenfest am Boden
Kleben, da verweilen, manchmal eilen.

Sind sie nicht den Träumen gleich, die durch die
Lüfte ziehen? Sind sie nicht den Wünschen
Nah, die wir vom Leben weben, hoffen,

dass Hekate spricht und sie dem
Leben übergebe zur Erfüllung
Hier und jetzt, nicht einfach irgendwann?

©Sandra von Siebenthal

Vergänglichkeit

Ich hab’ ein Schloss aus Luft gebaut,
ich stellte es auf Sand.
Dann hat es Zephyr weggehaucht,
als er zog übers Land.

Bäume wogen, Blätter fallen,
langsam neigt die Zeit
sich mit sonnigem Aufwallen
und der Winter ist nicht weit.

Alles fällt und nichts besteht,
das ist des Lebens Kreis.
Doch immer, wenn das Alte geht,
ein Neues steht bereit.

©Sandra von Siebenthal

Mascha Kaléko: Der Eremit

Der Eremit

Sie warfen nach ihm mit Steinen.
Er lächelte mitten im Schmerz.
Er wollte nur sein, nicht scheinen.
Es sah ihm keiner ins Herz.

Es hörte ihn keiner weinen,
Er zog in die Wüste hinaus.
Sie warfen nach ihm mit Steinen.
Er baute aus ihnen sein Haus.[1]

In diesem Gedicht finden sich die typischen Themen Mascha Kalékos: Einsamkeit, Fremdsein, Vertriebensein. Wie oft musste sie den Ort wechseln, konnte nicht bleiben, wo sie war, und fühlte sich am neuen Ort nicht zu Hause. Sie litt zeitlebens unter einem tiefen Gefühl der Heimatlosigkeit.

Ein Mann wird mit Steinen beworfen, er leidet und lächelt trotzdem. Es wird kein frohes Lächeln sein, wohl eher ein resigniertes, ein schmerzvolles, vielleicht aber auch ein Erkennendes. Er wollte authentisch sein, sich geben, wie er war. Gefragt war wohl der Schein, angepasst zu sein. Dem hatte er nicht gehorcht und sah sich nun den Steinen ausgesetzt. Was in ihm vorging, was er dachte, wer er war, interessierte keinen. Die warfen nur Steine und verurteilten sein Anders-Sein.

Keinen kümmerte, wie er sich fühlte, wie er unter ihrer Verurteilung litt. Er zog sich zurück in die Wüste. Sie warfen ihm die Steine hinterher, doch er baute sich ein Haus daraus.

Hier wird eine Welt gezeichnet, in welcher der schöne Schein zählt und in welcher man sich diesem anpassen muss. Tut man dies nicht, wird man beschossen – vielleicht nicht mit Steinen, aber doch mit Unverständnis, Beschimpfungen und Ablehnung. Es kümmert kaum, was im Herzen eines Andersdenkenden vorgeht, sein Leiden wird oft ignoriert. Es gibt zwei Möglichkeiten in dieser Situation: Resignieren oder eine Lösung suchen, wie man mit den Widrigkeiten umgehen, wie man das Beste draus machen kann. Oft einfacher gesagt als getan, zumal der Schmerz des nicht Dazu-Gehörens doch nagt, ist Zugehörigkeit doch ein zutiefst menschliches Bedürfnis.

Der Rückzug in die Wüste ist hier die Suche nach Schutz, nach Sicherheit. Wo keiner mehr ist, kann keiner mehr Steine werfen. Die einen gehen ins äussere Exil, die anderen ins innere. Beiden gemeinsam ist die Einsamkeit, die sie da vorfinden.

Das Gedicht ist traurig in seiner Offenlegung menschlicher Leiden, und doch irgendwie kraftvoll, zeigt es doch einen Weg auf und damit die Hoffnung, dass man zumindest einen Teil auch selber in der Hand hat – nämlich: Was man mit dem, was man vorfindet, macht. Was für eine grossartige Kraft, wenn es gelingt aus den Steinen, die auf einen geworfen werden, ein Haus zu bauen. Diese Kraft muss aus dem Herzen kommen, in das keiner sieht, aus dem unhörbaren Weinen und dem lächelnden Schmerz. Ein Gedicht, das Mut macht.


[1] Zit. nach „In meinen Träumen läutet es Sturm“ © 1977 dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München (https://www.dtv.de/search/result?search=kaleko)

Klimawandel

Wasser marsch, die Fluten wogen,
Petrus sprach, der Mensch betrogen,
um sein Heim und Hab und Gut,
dem Petrus gilt nun alle Wut.

«Wie konnt’ er nur, was fiel ihm ein,
das darf doch schlicht nicht möglich sein.
Wir armen Opfer, Waisenknaben,
müssen nun hienieden darben.»

Nur: Wer jetzt noch glaubt, dass Petrus bockte,
und zwar ver- – das Unglück lockte,
da schau er hin und prüf’ genau,
ob nicht auch er ‘ne Umweltsau.

Das Leben ist nicht nur kommödlich,
und es endet meistens tödlich.

©Sandra von Siebenthal

Moll und Dur

Es klingt ein Lied in allen Dingen,
spielt in Dur und auch in Moll.
Ich könnt’ euch dieses Lied zwar singen:
was es wohl bedeuten soll?

Gibt den Klang der Zeiten wieder,
als der Menschen Lebenslieder;
klingt so in die Welt hinaus
und tritt ein in jedes Haus.

Es klingt ein Lied in allen Dingen,
manchmal sonnenklar und schön,
singt von Tiefen und Misslingen,
nicht nur blossen Lebenshöh’n.

So scheint das Glück ein selten Wesen,
Dur in Liedern handverlesen,
Verse fliessen oft in Moll,
nur beides macht das Leben voll.

Es klingt ein Lied in allen Dingen,
sendet Freude und auch Trost,
wer immer mag, fängt an zu singen,
und wird schon dadurch leiderlöst.

©Sandra von Siebenthal

Der Olivenbaum

Vom Wind umweht, mit leisem Rauschen, sieht
der Baum den Wellen zu. Er steht schon lang, ist
alt und weise, stolze Kraft auf festem
Grund, der hält und ihn zum Himmel treibt .

Was klein begann mit einem Stein, das wuchs
in Ringen an und an. Erst nur ein Stamm,
dran Äste dann, die weit und breit ins Land
ausschweifen, es ergreifen, Blätterregen

um sich legen und daran ganz klein
ein Stein in grüner Hülle, die in sich
Genuss mitträgt. Es scheint die Sonne, nährt

Die Früchte, lässt sie reifen, rund und prall, bis
eines Tages diese fallen, und zu
neuem Leben streben – irgendwann.

©Sandra von Siebenthal, 13. Juli 2021

Rüdiger Görner, Kaltërina Latifi: Thomas Mann

Ein Schriftsteller setzt sich in Szene. Bildband mit 200 bisher unveröffentlichten Fotografien des Autors und Literaturnobelpreisträgers, begleitet von literaturwissenschaftlichen Essays

«Ich mag mich nicht sehen. Müsste anders ausschauen.»

Das sagte der Mann über sich, welcher hunderte von Fotos in Auftrag gab, um sich in diesen selber zu präsentieren – und wohl auch stilisieren. Das Leben von wohl keinem anderen Schriftsteller ist so gut erschliessbar und erschlossen, wie das von Thomas Mann. Durch seine Tagebücher (von denen er leider ein paar Jahrgänge verbrannt hat) sind die intimsten Details bekannt geworden, unzählige Briefwechsel haben diese Einblicke noch erweitert. Den am Leben und Schaffen Thomas Manns Interessierten steht zudem eine Vielzahl von Biographien und Sekundärwerken zur Verfügung. Man würde denken, dass mittlerweile alles gesagt und bekannt ist. Dass dem nicht so ist, beweisen Gröner und Latifi im vorliegenden Buch. Sie haben neben dem wohlbekannten auch bislang unveröffentlichtes Fotomaterial in diesen Bildband aufgenommen. Dass das Buch geschmackvoll gestaltet ist, trägt zur Freude des Betrachtens bei. Das Buch ist sehr stilvoll gesetzt und auf hochwertigem Papier gedruckt.

Begleitet werden die Fotografien von inhaltlich informativen und fundierten Essays. Der Leser erhält Einblicke, wie ein Porträt zum Medium der Selbstdarstellung wird, das Individuum sich selber erschafft durch das Bild oder auch, wie durch das Bild das eigene Selbstverständnis und die gewünschte Wirkung nach aussen erreicht wird bei Thomas Mann.

Persönlicher Eindruck
Als ich vor vielen Jahren meine Masterarbeit über Thomas Mann schrieb, habe ich nicht nur das gesamte Werk von ihm gelesen, sondern auch einen grossen Teil seiner Tagebücher und eine Vielzahl von Biographien und anderen Sekundärwerken über sein Leben und Werk. Zudem schaute ich Filme über ihn, tauchte sprichwörtlich in sein Leben ein. Vor diesem Hintergrund liegt es auf der Hand, dass ich viele der Bilder kannte, mir auch gewisse in den Essays erscheinenden Informationen nicht neu waren. Das tat meiner Freude über dieses und an diesem Buch aber keinen Abbruch, im Gegenteil. Es war wie ein Heimkommen, ein erneutes Eintauchen, ein innerliches „Weisst du noch?“. Das Buch hat es mir einfach gemacht, einzutauchen und zu geniessen. Es ist wirklich eine Augenweide und es zollt diesem grossartigen Schriftsteller den gebührenden Tribut.

Fazit:
Ein grossartiges Buch, das auf eine sehr ansprechende Weise das Leben Thomas Manns ins Bild setzt, zudem sehr informativ und fundiert. Eine grosse Buchempfehlung!

Zu den Autoren
Rüdiger Görner ist Professor für Neuere Deutsche und vergleichende Literatur an der Queen Mary University of London und Gründungsdirektor des Centre for Anglo-German Cultural Relations. Er ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und erhielt den Deutschen Sprachpreis der Henning Kaufmann-Stiftung ebenso wie den Reimar Lüst-Preis der Alexander-von-Humboldt-Stiftung. Rüdiger Görner ist Träger des Bundesverdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland. Publikation zu Nietzsche, Kafka, Trakl, Thomas Mann und Oskar Kokoschka.

Kaltërina Latifi promovierte mit einer Arbeit zur Poetik E.T.A. Hoffmanns. Fellowship am Centre for Anglo-German Cultural Relations der Queen Mary University of London. Sie arbeitet derzeit an einer Habilitation zur Ästhetik des Fragments. Publikationen zu E.T.A. Hoffmann, A.W. Schlegel und Jean Paul.

Angaben zum Buch:

  • Herausgeber ‏ : ‎ wbg Theiss in Wissenschaftliche Buchgesellschaft (WBG) (18. März 2021)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 272 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3806242478

Zu kaufen in jeder Buchhandlung vor Ort oder online unter anderem bei AMAZON.DE und ORELLFUESSLI.CH

Träume in meeresumrauschter Nacht

Ich teile die Nacht mit dem Rauschen des Meers,
ich sehe den Mond… licht, der alluns bescheint.
Er ist unser Zeuge, bewacht unser Sein.
Er steht da ganz ruhig im milchweissen Schein.

Im tiefschwarzen Wasser zieht er seine Bahn,
hell silberweiss glänzend, als wär’ er ein Kahn,
der teilt, was nicht einig, der teilt
was ist mehr, viel mehr noch als Eines,

viel mehr als ein Meer. Hier sitz ich als Kleines,
als wenig nur mehr, als ein kleiner Punkt mehr
im Sternenvielmeer.
Die Welt ist so gross und… ich bin nur klein…

es gibt so viel mehr da, als mich kleines Sein.
Doch hab’ ich nur dieses und gar nicht viel mehr;
ich bin schlicht kein Meer und… ich bin auch nicht mehr.
Ich bin nur ein Mangel, ein Wesen, gar klein.

Ich wünschte mir immer, ach wär ich doch der,
der dir so genügt… der deiner so wär.
Ist dieses wohl mehr noch, als was ich kann sein?
Ich bleibe wohl schliesslich schlicht immer nur mein.

©Sandra von Siebenthal