Ich und Du und Wir

Es wünscht sich oft
einer partout,
als Ich zu sein
mit einem Du.

Denn ist man erst
einmal zu zweit,
erscheint das Glück
gar nicht mehr weit.

Bloss oft ist ein
Zusammensein
viel mehr allein
als ganz allein…

Der and’re ist
im Anderssein
ein Dorn im Auge,
eine Pein,

weil keiner mehr
den andern sieht,
ins innere Exil
entflieht.

Nur macht erst dieses
Selbstsosein
aus Ich und Du
ein Sein zu zwein.

©Sandra von Siebenthal, Juni 21

Trauben in Nachbars Garten

Man kann wohl schlicht
nicht alles haben,
denn so manches
schliesst sich aus.

Will man in fremden
Gärten graben,
kauft man besser
sich kein Haus.

So mancher denkt,
das geht doch beides,
gräbt so fröhlich
vor sich hin.

Doch geht die Chose
in die Hose,
ist die Fröhlichkeit
dahin.

So ist es halt
in diesem Leben,
alles hat so
seinen Preis:

die kurze Freud,
die bunte Pracht,
legt manches Glück
auf Eis.

©Sandra von Siebenthal

Kleine Deutung – Heinrich Heine: Das Fräulein stand am Meere

Das Fräulein stand am Meere
Und seufzte lang und bang,
Es rührte sie so sehre
Der Sonnenuntergang.

Mein Fräulein! sein Sie munter
Das ist ein altes Stück;
Hier vorne geht sie unter
Und kehrt von hinten zurück.

Es holpert und poltert, mal sind die Reime gesucht, mal wird um das Metrum gerungen. Ein Gedicht, in dem nichts passt. Und doch alles. Da steht eine Frau am Meer und schaut hinaus, angetan vom Spektakel, das die Sonne vollführt. Sie seufzt, ist hin und weg, da kommt Herr Heine und sagt pragmatisch: Mein Gott… das kennen wir doch schon, das war immer so, das wird weiter so sein. Und er hat recht!

Wie oft gingen wir in die Ferien, zückten die Kamera und knipsten. Hatten oft wenig mehr als ein Farbenspiel, würde man all die Bilder vermischen, könnte man sie kaum mehr Orten zuordnen. Und doch… wir sind immer wieder gerührt. Und immer wieder bewegt. Und das erkennen wir im Gedicht wieder. Die pragmatische Stimme überhören wir ebenso pragmatisch. Wir lesen von der Rührung des Fräuleins und sind selber in unseren Bildern gefangen. Zwar lesen wir noch weiter, doch wir hängen an den Bildern.

Heine versucht dann noch mit Holterdipolter quasi die Aufmerksamkeit zu wecken – es gelingt nicht. Und wie ich Heine einschätze so aus der Ferne, denke ich, dass es genau das ist, was er zeigen will: Wenn wir mal berührt sind, kann es noch so ruckeln und es können Argumente angeführt werden – es hilft nichts. Wir sind gefangen. Und da kommen wir so schnell nicht mehr raus.

Das ist natürlich in der Rührung, im Schönen, im Positiven wunderbar. Doch leider macht es auch vor dem Rest nicht halt. Und ab und an ruckelt es da auch und wir hören schlicht nicht hin… Vielleicht täte ab und an ein klarer Blick Not? Und er täte gut? So im Wissen: He, heute ist nicht alles verloren, es gibt morgen eine neue Chance?

Aber ja… wenn dann die Sonne wieder untergeht, kümmert es nicht, ob sie das morgen wieder tut. Das Geniessen im Hier und Jetzt tut gut und darf sein. Gegebenenfalls morgen wieder.

#abcdeslesens – Stefan George (12.7.1868 – 4.12.1933)

Was will man über ihn sagen? Am besten nichts und gleichzeitig dazu aufrufen, alles, was bekannt ist, zu vergessen und sich den Gedichten zuzuwenden. Zwar stiessen auch diese auf Kritik, doch die war wohl auch oft Georges Leben und Unverständnis geschuldet, nicht den Gedichten selbst.

Leider fristen die Gedichte Stefan Georges ein eher ungelesenes Dasein, von ein paar eifrigen Germanistikstudenten und nach Neuem suchenden Literaturbegeisterten abgesehen, interessiert sich kaum jemand für diese eigentlich so wunderschöne Dichtung. Seine Heimatstadt Bingen versuchte eine Zeit lang, dem entgegenzuwirken und veröffentlichte jeden 15. des Monats eines seiner Gedichte auf der Homepage. Leider wurde das eingestellt und es bleibt nur noch ein sporadisch geöffnetes Museum. Und eben das wichtigste: Die Gedichte – mit ihrer eigenwilligen Schreibweise.

Komm in den totgesagten park

Komm in den totgesagten park und schau:
Der schimmer ferner lächelnder gestade –
Der reinen wolken unverhofftes blau
Erhellt die weiher und die bunten pfade.
Dort nimm das tiefe gelb – das weiche grau
Von birken und von buchs – der wind ist lau –
Die späten rosen welkten noch nicht ganz –
Erlese küsse sie und flicht den kranz –
Vergiss auch diese letzten astern nicht –
Den purpur um die ranken wilder reben –
und auch was übrig blieb von grünem leben
Verwinde leicht im herbstlichen gesicht.

Stefan George wollte sich abgrenzen. Abrenzen von althergebrachten Klischees, abgrenzen von der bekannten Spiesserlitertatur, abgrenzen von abgedroschenen Wendungen und offensichtlichen Reimen. Auch in den verwendeten Metaphern suchte er neue Wege, erschloss neue Bildwelten für seine Worte, was beim ersten Lesen wohl oft genau das auslöst, was beabsichtigt war: Ein Innehalten, ein genaues Hinsehen, weil man sich mit unbekannten Welten konfrontiert sieht, und die Aufgabe, sich diese lesend zu erschliessen. Stefan George setzte auf das Ungewöhnliche, auf das Neue, ab und an um den Preis, dass seine Dichtung dadurch schwer fassbar ist und auch zeitweise sperrig wirkt.

Teich der Erinnerung

Auf sehnsuchtvollem teiche der weissen erinnrung
Auf schlafenden fluten von angst und von wahn
Segl ich tief einsam in den stunden des seufzens
Auf nachtäugigen angedenkens kahn.

Ich gleite still und die schwäne der gefühle
Tauchen ferne von mir in das dunkel ein
Ich gleite wie in einer feudalen ballade
Mondlicht beleuchtet von der gedanken schein.

Ich segle schweigend – plötzlich aus klagenden fluten
Hebt sich die maid der raue in sagengrau
Und schluchzt die weissen lilienhände windend
Wie einsame quelle auf der verwitweten au.

Auf sehnsuchtsvollem teiche der weissen erinnrung
Auf schlafenden fluten von angst und von wahn
Swegl ich tief einsam in den drückenden nebeln
Auch nachtäugigen angedenkens kahn.

Neben der eigenen Dichtung hat sich Stefan George auch mit Übertragungen und Umdichtungen beschäftigt, neben Shakespeare, Dante und Mallarmé vor allem Baudelaires Blumen des Bösen. Der Vorwurf kam denn auch, er hätte seinen Tonfall bei Baudelaire entlehnt, was George vehement bestritt und auf Eigenständigkeit pochte. Die intensive Auseinandersetzung mag sicher ihre Spuren hinterlassen haben, doch selbst wenn, wäre das nicht verwerflich und keineswegs zum Schaden der Georgeschen Gedichte.

Neben dem Wunsch, sich abzugrenzen, Neues zu schaffen, ging es Stefan George immer um die Schönheit. Er stellte in seinen Gedichten den Sinn im Sinne eines Wortsinnes hinter die sinnliche Erfahrung des Ausdrucks. So hilft es beim Lesen, die strenge Rationalität auszuschalten zugunsten eines Aufnehmens mit allen Sinnen. Auf diese Weise steigt aus  den Worten plötzlich ein Erfahren, ein Erleben, das tiefer geht als es der Wortsinn je könnte.

Vogelschau

Weisse schwalben sah ich fliegen –
Schwalben schnee- und silberweiss –
Sah sie sich im winde wiegen –
In dem winde hell und heiss.

Bunte häher sah ich hüpfen –
Papagei und kolibri
Durch die wunder-bäume schlüpfen
In dem wald der Tusferi.

Grosse raben sah ich flattern –
Dohlen schwarz und dunkelgrau
Nah am grunde über nattern
Im verzauberten gehau.

Schwalben seh ich wieder fliegen –
Schnee- und silberweisse schar –
Wie sie sich im winde wiegen
In dem winde kalt und klar.

Kleine Deutung – Paul Fleming: An sich

Sei dennoch unverzagt, gib dennoch unverloren,
Weich keinem Glücke nicht, steh höher als der Neid,
Vergnüge dich an dir und acht es für kein Leid,
Hat sich gleich wider dich Glück Ort und Zeit verschworen.

Was dich betrübt und labt, halt alles für erkoren,
Nimm dein Verhängnis an, lass alles unbereut.
Tu, was getan muss sein, und eh man dir’s gebeut.
Was du noch hoffen kannst, das wird noch stets geboren.

Was klagt, was lobt man doch? Sein Unglück und sein Glücke
Ist ihm ein jeder selbst. Schau alle Sachen an:
Dies alles ist in dir. Lass deinen eitlen Wahn,

Und eh du förder gehst, so geh in dich zurücke.
Wer sein selbst Meister ist und sich beherrschen kann,
Dem ist die weite Welt und alles untertan.

Schon am Anfang zeigt sich das Programm des Gedichtes. In einem kleinen Wort steckt schon so viel drin: Dennoch. Sei dennoch unverzagt. Selbst wenn alles nicht so läuft, wie das willst, wenn das Leben schwer ist, selbst dann sei unverzagt. Und gib dennoch nicht alles schon verloren, denn das ist es nicht. Hüte dich vor Neid dem Glücke anderer gegenüber und schau es nicht als Leid an, wenn dir selbst das Glück gerade nicht hold ist.

Was aber ist Glück und wie kommt man dahin? Wie kommt man mit einer Welt klar, in der die Dinge nicht immer so laufen, wie man sich das wünscht? Mit Gelassenheit, sagt Paul Fleming. Indem wir davon ausgehen, dass alles seine Bestimmung und seine Gründe hat, dass wir annehmen müssen, was ist. Und bei all dem sollen wir die Hoffnung nie verlieren, dass nach einem Unglück auch wieder bessere Zeiten kommen.

All die Klagen sind schlussendlich unnötig. Auch das Loben des Glücks ist es. Statt das Glück im Aussen zu suchen, solle man in sich gehen, denn: Alles ist schon da. Es liegt allein an mir selber, ob ich das Glück finde oder nicht, denn es liegt genau darin, was oben schon beschrieben ist: Annehmen was ist und sich nicht in Neid und Wehklagen zu verstricken. Dann ist man Herr seiner Gefühle, dann ist man Herr seiner selbst und steht damit über allem, was bedrücken könnte.

Paul Fleming hat dieses Gedicht 1641, also vor 380 Jahren geschrieben, in einer Zeit, die durch den 30-jährigen Krieg und die Pest stark gebeutelt war. Das Leben war kein sicherer Wert, es war jederzeit in Gefahr. Mit seiner Form (Sonett mit 14 Versen, aufgeteilt in zwei Quartette und zwei Terzette, mit sechshebigem Jambus (Alexandriner), abwechselnd weiblichen und männlichen Kadenzen sowie dem umarmenden, in den Terzetten durch zwei Paarreime unterbrochenen, Reim)  ist das Gedicht typisch für seine Entstehungszeit, den Barock. In der Lebensauffassung dieser Zeit bildeten sich Gegensätze wie «Carpe diem – Memento mori», «Diesseits – Jenseits» heraus, Gegensätze, denen immer die Vergänglichkeit des Lebens eingeschrieben war. Ebenfalls präsent war der Glaube an die Vorbestimmung eines Lebens, daran, dass dieses dem Menschen quasi vorgezeichnet ist und es kein Entrinnen gibt.

Diese Lebensauffassungen mögen heute nicht mehr gelten, dennoch hat das Gedicht nichts von seiner Aktualität und Wahrheit eingebüsst. Noch heute ist der Mensch in seinem Streben nach Glück gleich, noch heute wird er aber einsehen müssen, dass er nur eines selber in Händen hat: Wie er auf die Dinge reagiert, welche das Leben bereit hält. Wenn es da gelingt, aus einem Gleichmut und einer Gelassenheit heraus anzunehmen, was ist, dann stellt sich eine Ruhe ein und damit auch eine Art Glück.

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Paul Fleming, geboren am 5. Oktober 1609 in Hartenstein (Sachsen) und gestorben am 2. April 1640 in Hamburg, war Arzt und Schriftsteller und gilt als einer der bedeutendsten Lyriker der deutschen Barockliteratur. Er schrieb sowohl lateinische wie auch deutsche Gedichte, wobei nur wenige lateinische Gedichte schon zu Lebzeiten veröffentlicht wurden.

Katers Annäherung

Am ersten Tag war er noch scheu,

am zweiten schnuppert’ er, was neu.

Am dritten kam er zu mir hin,

am vierten wollt‘ er wieder fliehn.

Am fünften hoffte ich nun sehr,

er käm’ am sechsten wieder her.

Am siebten war er wirklich da,

am achten war es langsam klar.

Am neunten folgt‘ er stetig mir,

am zehnten Tag warn wir ein Wir.

©Sandra von Siebenthal

#abcdeslesens – Erich Fried (6. Mai 1921 – 22. November 1988)

Er war wahrlich kein einfacher Zeitgenosse, er war streitbar, setzte sich ein für seine Überzeugungen und nahm kein Blatt vor den Mund. Der Übername Stören-Fried kam also nicht von ungefähr. Der dezidierte Linke hat polarisiert, er wurde attackiert und auch oft verschmäht. Das könnte dem ausgewiesenen Provokateur sogar gefallen haben.  Das Kämpferische kam schon früh, er war ein ernstes, nachdenkliches und auch frühreifes Kind. Dieses Gedicht stammt vom knapp sechseinhalbjährigen Erich Fried:

«Mir träumte jüngst von frohem Leben
Friedlichem Schaffen, freudigen Weben,
Dass es nicht Krieg noch Tücke gibt,
Dass jeder jeden andern liebt
Und keiner hungern, darben muss.
Jäh schrak ich auf, da fiel ein Schuss.»

Neben der überraschenden Sprachfertigkeit fällt das politische Weltbild auf: Schon damals träumte Erich Fried von einer Welt, in welcher Menschen harmonisch und ohne Not zusammenleben können. Dieses Hoffnung prägte auch noch den älteren Erich Fried und er benannte die Probleme der Zeit mit klaren:

«Wir leben in einer Zeit des Elends und des Verderbens. Hundertausende Arbeitslose schleichen hungernd, frierend durch die Strassen. Wer ist schuld daran? Die Giftschlange Politik.»

Das Anliegen lässt ihn auch später nicht los, wie man aus einem Brief aus dem Jahr 1954 entnehmen kann. Es sei, so Fried, wichtig, die drängenden Themen anzugehen, weswegen auch er sich «um die Lösung der Probleme unserer Zeit und die Schaffung einer gerechten Welt gekümmert habe». Neben den politischen Aktionen verarbeitete Fried die Themen seiner Zeit lyrisch, deutet auf Missstände im Zusammenleben und in der Politik.

Das Gedicht „Befreiung“ musste leider gelöscht werden, da der Verlag mit rechtlichen Schritten drohte bei einer Publikation hier. Es kann nachgelesen werden in „Erich Fried: Befreiung von der Flucht“

Auch wenn er viele Hoffnungen begraben musste, viele Projekte scheitern sah, aufgegeben hat er nie. Unermüdlich glaubte er an die gute Sache, unermüdlich kämpfte er weiter für eine gerechte Welt. Er wäre nicht Erich Fried, gälte sein ironischer und klarer Blick nur der Welt da draussen, er machte auch vor sich selber nicht Halt:

Das Gedicht „Lebensaufgabe“ musste leider gelöscht werden, da der Verlag mit rechtlichen Schritten drohte bei einer Publikation hier. Es kann nachgelesen werden in „Erich Fried: Gedichte“

Doch genug der Politik, haben wir es doch bei Erich Fried mit einem Lyriker zu tun, der neben all dem ein paar der wunderbarsten Liebesgedichte geschrieben hat, allen bekannt ist wohl dieses:

Das Gedicht „Was es ist“ musste leider gelöscht werden, da der Verlag mit rechtlichen Schritten drohte bei einer Publikation hier. Es kann nachgelesen werden überall im Internet“

Auch in der Liebe ist er kein Verklärer, pathetisch wogende Liebesgedichte sucht man bei Erich Fried vergebens. Es sind die kleinen Alltäglichkeiten, die kleinen Vertrautheiten, das, was die Liebe im Stillen ausmacht, das er hochhält. Er schärft den Blick für das Wesentlich fern der grossen Worte und Beschwörungen, er feiert die Liebe in den kleinen Gesten.

Das Gedicht „Nachtgedicht“ musste leider gelöscht werden, da der Verlag mit rechtlichen Schritten drohte bei einer Publikation hier. Es kann nachgelesen werden überall im Internet“ oder im Buch „Liebesgedichte“

Immer aber, in all seinen Gedichten, schaut Erich Fried genau hin auf das, was ist. Er will nichts beschönigen, er will nichts verklären, er will wahrhaftig sein – so auch in der Liebe. Denn so ist die Liebe:

Das Gedicht „Dich“ musste leider gelöscht werden, da der Verlag mit rechtlichen Schritten drohte bei einer Publikation hier. Es kann nachgelesen werden in „Erich Fried: Liebesgedichte“

Kleine Deutung – Mascha Kaléko: Das Ende vom Lied

Ich säh dich gern noch einmal wie vor Jahren
Zum erstenmal. Jetzt kann ich es nicht mehr.
Ich säh dich gern noch einmal wie vorher,
Als wir uns herrlich fremd und sonst nichts waren.

Ich hört dich gern noch einmal wieder fragen,
Wie jung ich sei, was ich des Abends tu.
Und später dann im kaum gebornen Du
Mir jene tausend Worte Liebe sagen.

Ich würde mich so gerne wieder sehnen,
Dich lange ansehn stumm und so verliebt.
Und wieder weinen, wenn du mich betrübt,
Die viel zu oft geweinten dummen Tränen.

Das alles ist vorbei. Es ist zum Lachen!
Bist du ein andrer, oder liegts an mir?
Vielleicht kann keiner von uns zwein dafür. 
Man glaubt oft nicht, was ein paar Jahre machen.

Ich möchte wieder deine Briefe lesen,
Die Worte, die man liebend nur versteht.
Jedoch mir scheint, heut ist es schon zu spät.
Wie unbarmherzig ist das Wort: Gewesen!*

Doch: Das alles ist vorbei. Zum Lachen sei das. Mit Ausrufezeichen. Und schon beim Lesen werden die Worte Lügen gestraft. Zum Weinen ist es wohl, weil es nicht mehr ist. Es ist wohl also ein Lachen, das im Halse stecken bleibt, ein sarkastisches Lachen, ein leicht verzweifeltes Lachen. Und auf das Lachen folgen die Fragen nach dem Warum. Wieso ging das, was mal so schön war, auseinander? An wem lag’s? War’s schlicht der Lauf der Zeit?

Und dann versiegt das kurze Fragen und Hadern, die Sehnsucht drückt wieder durch. Wie gerne würde man all das nochmals erleben, wie gerne würde man wieder lieben. Und mit der Sehnsucht kommt die Einsicht: Das wird nie mehr sein.

Trotz des eigentlich traurigen Themas wohnt dem Gedicht etwas Versöhnliches, gar Tröstliches inne. Die Dankbarkeit über das Schöne, das Erinnern an das Gute bringt dies mit sich. Und in diesen Erinnerungen und in der Dankbarkeit lebt das Gute auch weiter. Wer weiss: Hätte man vielleicht früher schon, bei Streit, wenn das Schwere überwog, an die schönen Anfänge und das Gute und Schöne gedacht, wäre es gar nicht zum Ende gekommen, weil im Innern etwas Versöhnliches aufgetaucht wäre? So bleiben nur das «Gewesen!» und das sehnsüchtige Erinnern.

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* zitiert nach „Das lyrische Stenogrammheft“. Erstveröffentlichung dieser Ausgabe: 1956 Rowohlt Verlag, Hamburg © 2015 dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München – zu kaufen direkt beim Verlag: HIER

Mein eigener Steuermann

Ich warf einen Stein und
dieser zog Kreise,
fast so wie im Leben
die Jahre hinzieh’n.

Vom Kleinen zum Grossen,
von mir zu euch andern,
so wächst sich das Leben
von innen heraus.

Doch wir schau’n nach aussen
und fühlen verloren
uns selber und mit uns
die Welt um uns auch.

Der Halt, den wir suchen,
und den wir verfluchen
so manches Mal, wenn er
gar starr und steif wirkt,

den brauchen wir oft doch,
selbst wenn wir nicht wollen,
denn ohne ein Halten,
da treiben wir fort.

Es droh’n viele Wellen
uns zu überfluten,
es droh’n viele Wogen,
uns unterzuspül’n –

ein Schiff nur im Wasser,
das uns nicht gewogen,
da hilft nur das Eine:
ans Steuer zu stehen!

©Sandra von Siebenthal

Werk und Autor

Gehören Werk und Autor zusammen? Ist das Werk vom Autor zu trennen? Solche Fragen tauchen vor allem dann auf, wenn ein Autor ins Visier gerät, durch irgendeine Untat auffällig geworden. Und da wird dann oft das Kind mit dem Bade ausgeschüttet, sprich, das Werk soll mit dem Autor untergehen.

Nur: Ist das legitim? Ich erinnere mich an meine Anfänge im Germanistikstudium. Die Biografie was massgeblich entscheidend für das Werk, oft wurde sie in diesem gesucht. Dann kam plötzlich die totale Verneinung. Werke müssen für sich sprechen, hiess es. Man müsse sie für sich lesen und dann – so quasi – was rein- oder rauslesen. Ich halte es mit einem «sowohl – als auch».

Man kann Werke nicht vom Autoren trennen. Werke entstehen in einer Zeit und in einem Kontext. Der Kontext ist weit. Er reicht von den Erfahrungen des Einzelnen bis hin zur kulturellen Stimmung im Land und in der Zeit. Es trägt die Konventionen der Zeit in sich, egal, ob sich der Autor davon distanzieren wollte oder sie mittrug; in einer anderen Zeit hätte er beides nicht müssen – vielleicht anderes. Das darf nicht ausser Acht gelassen werden.

Dieser Punkt zeigt sich grad heute sehr deutlich: Stimmen werden laut, welche die Literatur säubern wollen. Sie wollen alles ausmerzen, was nicht in die heutige Zeit und den heutigen Sprachgebracht passt. Ich schlage selten und höchst ungern mit der Nazikeule um mich, aber: Kennen wir das nicht schon? Was nicht passt, wird passend gemacht? Wird eingegliedert oder ausgemerzt?

Werke werden in einer Zeit geschrieben und die Zeit bestimmt viel von dem, was im Werk steht. Gerade das wäre ja ein Lehrstück: Schaut, wie es war, wir wollen es nicht. Also schreiben wir heutige Werke anders. So wurde das immer getan. Ein Werk auf heutige Konventionen hin umzuschreiben hiesse, es zu töten. Das darf nicht sein. Dieses Vorhaben spricht eher für den mangelnden Glauben an eine mündige Leserschaft, die durchaus in der Lage ist, zu differenzieren.

Zurück zur Ursprungsfrage: Kann oder muss man das Werk vom Autor trennen oder soll es mit diesem untergehen im Zweifelsfall? Ich bin der Überzeugung, dass wir viel verlieren würden mit dem Untergang. Museen wären leer, Bücherregale ebenso, das Fernsehprogramm könnte man wohl praktisch einstampfen. Wieso?

Ich bin der Überzeugung, dass jeder Schöpfer nur gerade sein Werk erschaffen kann (Fälscher können auch die anderer nachahmen, aber das ist keine Schöpfung in meinem Sinne). Insofern hängen Schöpfer und Schöpfung durchaus zusammen. ABER: Ich muss den Schöpfer nicht mögen in seinem Sein und Tun, er kann auf ganz vielen Ebenen ein Mensch sein, mit dem ich nicht in einem Raum sein, geschweige denn engeren Kontakt haben möchte. Und trotzdem kann sein Werk grossartig sein. Ist dieses plötzlich weniger wert, wenn ich das Leben des Urhebers nicht gutheisse? Müssten wir die Erkenntnisse von Hell und Dunkel, von realistischer Darstellung eines Caravaggios ignorieren, weil er ein Mörder und Trunkenbold war? Dürften wir Heideggers Gedanken zum Denken mit Verachtung strafen, nur weil er eine kurze Zeit auf Abwege kam und in einer Rede ein System pries, das so verabscheuenswürdig war? Die Frage, die sich stellt: Wäre die Geschichte anders ausgegangen, würden wir es anders sehen? Wohl schon, ein Glück, ging sie aus, wie sie ausging, wenn auch nach viel zu vielen Opfern. ABER: Was heisst das für Heideggers Gedanken? Macht eine Fehlzündung das ganze Feuerwerk kaputt? Dies sind nur zwei Beispiele, extra weit auseinander gewählt. Es gäbe unzählige.[1]

Ich habe viele Künstlerbiografien gelesen und keiner war so das, was man als angepassten, liebeswürdigen, im Umgang erfreulich leichten Zeitgenossen genannt hätte. Ich hätte die meisten wohl nicht gerne als Lebenspartner, Vater, Mutter, Kind gehabt. Aber als Gesprächspartner wohl schon. Und die Hochachtung vor dem Werk ist geblieben. Ich werde beim Anschauen von Caravaggios Bildern nicht zum Mörder oder dessen Verteidigerin, beim Lesen von Heideggers Gedanken nicht zum Befürworter nationalsozialistischen Gedankenguts. Und wenn  zum Beispiel – Max Frisch in seinen Werken das Wort «Neger» verwendete, kann ich differenzieren, dass dies in einer anderen Zeit geschah, als das Wort entweder anders konnotiert oder unkritischer verwendet wurde. Das wiederum wäre spannend zu erfahren. Das können wir aber nur, wenn wir es im Werk drin lassen.


[1] Gerade die #metoo-Kampagne hat viele an den Pranger gestellt. Zu Recht- nur: Diese sollen einem fairen rechtlichen Verfahren ausgesetzt werden, wie ich es mir für jeden gegen geltendes Recht und auch gegen die menschliche Ethik verstossenden wünschen würde. Für ein solches System stehen wir ein und berufen uns darauf, wenn wir uns in unseren Rechten betrogen fühlen.

Befreiung der Marionetten

Es stirbt der Mensch,
er wird zum Ding
an Fäden
dieser Welt.

Er wird zum Abbild
einer Norm,
die sagt, wir sind hier
uniform.

Doch ist der Mensch
nicht Opfer bloss,
er schwingt sich auf
und wird Gericht

für andre, die
im selben Zwang
dem eig’nen Leben
sind verlor’n.

So prägt ein jeder
seine Welt,
indem er tut,
was sich gehört.

So lebt ein jeder
seinen Tod,
und wird zum Mörder
an der Welt.

Es bräuchte einen,
der sich traut,
der aufbegehrt
und nicht wegschaut.

Der mutig sich
dagegen stellt,
im Wissen: «Das
ist meine Pflicht!

Denn leben tut
nur der allein,
der selber denkt –
kein andrer lenkt.


Und wer das sieht,
der wird gewahr,
dass, was vermeintlich
Leben war


so nicht mehr geht,
will er besteh’n,
weil Leben heisst
selbst hinzusteh’n.

Heisst gegen Normen,
gegen Fäden,
selber formen
sich, das Leben,

in der Welt
sich selber bleiben,
niemand soll
am andern leiden.

©Sandra von Siebenthal, 30. Mai 2021