Lebenskunst: Dankbarkeit

«Danke doch lieber für das, was du bekommen hast; auf das andere warte und freue dich, dass du noch nicht alles hast.» Seneca


Eine neue Tasche, einen Partner, ein paar Kilos weniger, eine kleinere Nase, mehr Gelassenheit, mehr Kraft, weniger Macken – oft wollen wir ganz viel und denken, wenn wir es nur hätten, wären wir glücklicher. Dann wäre die Welt eine bessere, zumindest unser Leben in ihr wäre besser. Doch: Wenn wir etwas erreicht haben von all dem, kommt immer was Neues dazu – oder es ist noch genug da. Das wirkliche Glück will sich nicht dauerhaft einstellen. Es scheint, als ob immer was fehlte. Und ja, das stimmt, es fehlt etwas Essentielles: Die Dankbarkeit für das, was ist.

Wenn ich auf mein Leben schaue, ist daran so viel Schönes und Gutes. Ich habe ein schönes Dach über dem Kopf, habe wunderbare Beziehungen zu grossartigen Menschen, ich habe genug zu essen, die Möglichkeit, meiner Leidenschaft zu folgen. Ich hatte das Glück, gute Ausbildungen absolvieren zu können, mein Leben frei und unabhängig zu leben, und ich lebe in einem Land, das mir noch viel mehr Freiheiten zugesteht. Wie viel davon nehme ich als selbstverständlich wahr, denke nicht weiter drüber nach neben all dem Wünschen? Wie wäre es, einfach mal dankbar zu sein für all das, was nämlich alles andere als selbstverständlich ist für ganz viele Menschen auf dieser Welt?

Dankbarkeit ist ein Gefühl, das Glück bringt. Es ist undenkbar, wirklich unglücklich zu sein, wenn man ganz viel Dankbarkeit im Herzen fühlt für das, was ist. Das Gefühl der Dankbarkeit, immer wieder bewusst ins Gedächtnis gerufen, kann auch helfen, wenn wir mal wieder hadern. Wenn wieder einmal Wünsche da sind, die sich nicht erfüllen lassen, zumindest nicht gleich: Wieso nicht auf das Gegenteil konzentrieren? Weg vom Mangel an dem, was wir wollten, sondern hin auf die Fülle, was da ist?

Dankbarkeit hilft auch in schwierigen Lebenssituationen, wenn das Leben seine Krallen zeigt. Wenn wir leiden, weil Umbrüche stattfinden, die Gesundheit instabil ist, wir uns verletzt fühlen oder benachteiligt. Sich dann hinzusetzen, Tag für Tag, und aktiv ins Gedächtnis zu rufen, was neben all dem Schweren an Schönem im Leben ist, für das wir dankbar sein können, wird zwar nicht die unschönen Umstände beseitigen, es hilft aber, innerlich etwas mehr Ruhe und Kraft zu entwickeln, aus der heraus wir dann das Schwere besser (er-)tragen können. Ich habe in schwierigen Zeiten immer ein Dankbarkeitstagebuch geführt. Es hat mich durch die Zeiten getragen. Und wenn mir mal nichts in den Sinn kam, weil zu viel Dunkles die Sicht versperrte, blätterte ich in den alten Aufzeichnungen und fand immer etwas, das noch immer gut war, so dass ein wenig Licht ins gefühlte Dunkel kam.

Wofür seid ihr dankbar?

Lebenskunst: Das Leben als Reise

Kürzlich habe ich mich aufgeregt. So richtig. Ich hätte schimpfen und toben mögen, den ganzen Frust rausschreien. Ich konnte mich zwar zurückhalten, doch das eine oder andere Schnauben und ein paar süffisante Bemerkungen entwichen mir doch. Schon durfte ich mir anhören:

 „Ich dachte, Yoga mache gelassen?“

Meine Gedanken begannen zu drehen: Wo waren nun Gleichmut und Gelassenheit? Alles nur reine Theorie, die ich runterbete? Eigentlich hätte ich es besser wissen müssen, hätte viele Argumente gegen den Ärger und für innere Ruhe gehabt. Und doch: Als die Welt nicht so drehte, wie ich es gerne gehabt hätte, tobte es in mir. Ich schien förmlich aus purer Wut zu bestehen, alles andere war fast ausgeblendet, liess sich nur mit Anstrengung zurückholen, um langsam wieder zur Ruhe zu kommen. Und da fragte ich mich:

Bin ich ein schlechter Yogi? Ist es doch nur Mattenturnen statt Einkehr und Einsicht?

Voilà, Falle Nummer 2: Eigene Be- und Verurteilung. Statt zu reflektieren, was, wie und warum passiert war, um daraus zu lernen, liess ich alles im Kopf drehen, schimpfte nun nicht nur auf das, was passiert war, sondern auch über mich und verabsolutierte meinen Fehler hin zu: Ich mache alles falsch. Zum Glück konnte ich das anhalten:

Ich habe mich hingesetzt und ein paarmal tief ein- und ausgeatmet. Das hat nicht die Situation geändert, es hat auch mein Verhalten nicht rückgängig gemacht. Es hat mir ein bisschen Ruhe zurückgebracht. Ich war sicher noch kein friedlich lächelnder Dalai Lama, aber ich war auch kein tobendes Rumpelstilzchen mehr. Ich erkannte die Muster, die Prägungen, die meinem Verhalten zugrunde lagen, sah die Situation als schwierig und meine emotionale Reaktion als wenig heilbringend an.  Ich hielt mir zugute, dass ich selbst schnell erkannt hatte, in welches Muster ich geraten war, dass ich es unterbrechen und ruhig werden konnte.

Nun: Ich bin nicht erleuchtet. Ich bin auch nicht der Superyogi. Ich bin auf meinem Weg. Und es ist ein guter Weg. Ich muss nicht perfekt sein. Ich bin, wie ich bin. Und das ist gut. Und morgen bin ich anders. Auch das wird gut sein. Und so geht die Reise fort. 

Lesemonat Dezember

Schon wieder ist ein Monat vorbei, ein neuer hat begonnen. Zeit, zurückzuschauen, Bilanz zu ziehen. Es war (wettertechnisch) ein grauer Monat, die Sonne fehlte, es war zeitweise kalt. Die Kälte fürchtete ich dieses Jahr, da ich schnell friere und es hiess, man dürfe nicht mehr voll heizen (bei mir muss es immer sehr warm sein). Dann kam ein Moment, als ich plötzlich dachte: Das wird auch gehen, das wird kein Problem sein, wenn es denn so ist. Und siehe da: Es war keines. Ich heizte lange gar nicht, danach minim. Und ich fror nicht, es war angenehm. In mir kam der Gedanke auf, dass die Dinge oft sind, wie wir sie uns vorstellen, wir unsere (auch körperlichen) Wahrnehmungen über diese steuern (können!). Ich hoffe, ich kann das in Zukunft auch gezielt nutzen.

Zu den Büchern:

Es war lesetechnisch ein Monat für die Innenschau, einer, der sich mit dem Menschsein beschäftigt, mit körperlichen und seelischen Belangen des Lebens. Es war ein Monat, in dem ich merkte, dass man auch zu viel lesen kann über ein Thema, zumindest in kurzer Zeit, denn gegen den Schluss merkte ich, dass ich genug hatte von indischen Konzepten und „Welt-Theorien“ und mir ein wenig die westliche Rationalität fehlte. Der Januar wird dem wohl ein wenig Rechnung tragen. Der Dezember war generell sehr von einer Innenschau geprägt, was vielleicht auch mit dem nahenden Jahresende zusammenhing: Was will ich, wo will ich hin, wie geht es weiter? Was ist wirklich (!) mein (!) Interesse, und wo denke ich, es interessant finden und vertiefen zu müssen – aus welchen Gründen auch immer?

Hier die Liste meiner Bücher im Dezember:

Andreas Salcher: Die grosse Erschöpfung und die Quellen der KraftWas treibt immer mehr Menschen in die Erschöpfung und wie können sie lernen, dies zu vermeiden, einen Weg der Kraft zu finden? Andreas Salcher analysiert die grossen Kraftfresser der Zeit, die mehrheitlich im Menschen selbst und nicht in den äusseren Umständen liegen, um dann Mittel und Wege aufzuzeigen, wie wir mehr Kraft finden können, und damit mehr Lebenssinn und -lust zu gewinnen. 4
Dr. Mariza Snyder: Aromatherapie für entspannte Wechseljahre. Mit ätherischen Ölen Hitzewallungen, Stimmungsschwankungen, Lustlosigkeit und Schlafstörungen lindernWechseljahre sind keine Krankheit und kein Fluch, sie sind eine Chance, das Leben nochmals neu in die Hand zu nehmen. Damit das gelingt, gilt es, unseren Hormonhaushalt im Auge zu haben, damit er in einer gesunden Balance bleibt. Ätherische Öle können hier helfen. Mariza Snyder gibt nicht nur die passenden Öle für verschiedene Beschwerden an die Hand, sie hat auch ein 21-Tageprogramm für eine hilfreiche Lebensumstellung entwickelt, um das Leben auch nach der Menopause lust- und kraftvoll leben zu können. 4
Christiane Wunderlich: 6 Schritte zur Achtsamkeit. Ein Stressbewältigungsprogramm für mehr Gelassenheit und Lebensfreude.Stress – ein Wort in aller Munde, die Krankheit unserer Zeit. Was bedeutet Stress und wie kann ich lernen, besser mit herausfordernden Situationen umgehen. Ein Sammelsurium von Einsichten und Übungen für ein Leben mit mehr Ruhe und Gelassenheit.3
Eckard Wolz-Gottwald: DIe Bhagavadgita im Alltag leben. Die vier grossen Übungswege des YogaEine historische und kontextuale Einordnung der Bhagavadgita in die hinduistische Tradition und Religion sowie die Erläuterung der vier dargestellten Yogawege Karma-Yoga, Jnana-Yoga, Bhakti-Yoga und Dhyana-Yoga. Zu jedem Weg werden verschiedene Übungen vorgestellt und beschrieben, so dass der interessierte Leser die vorgestellte Philosophie praktisch umsetzen kann. 4
Lucia Schmidt: Das Rückenheilbuch für Frauen. Die weibliche Anatomie verstehen und die Rückengesundheit nachhaltig stärkenEin überblick über den menschlichen Körper mit seinen Zyklen, den damit zusammenhängenden Hormonen und möglichen Disbalancen und andere mögliche Ursachen für Rückenschmerzen, sowie ein praktischer Teil mit Übungen, diesen vorzubeugen und den Rücken nachhaltig zu stärken. 4
Liane Dirks: Sein & WerdenWie komme ich mir selber auf die Spur? Liane Dirks macht mit dem Leser eine Reise durch sein Leben, lässt ihn sich selbst mit Papier und Stift hinterfragen, denn sie ist sich sicher: Schreibend erfahren wir genauer, was wir denken, wir dringen tiefer in uns. Es ist ein Weg, der Mut braucht, doch er lohnt sich, gegangen zu werden, denn das, was es zu entdecken gilt, ist das, was in uns steckt, wenn wir aufgeben, was und wer wir zu sein glauben, um zu werden, wer wir wirklich sind – weil wir dies erkannt haben.4
Anna Trökes: Die kleine Yoga Philosophie. Grundlagen und Übungspraxis verstehenEine Einführung in die verschiedenen historischen Texte des Yogas mit ihren Konzepten und Ausrichtungen. Ein fundierter, umfassender Überblick über die Yogaphilosophie und den Yogaweg. 5
Bernie Clark: Das grosse Yin Yoga BuchEin umfassender Überblick über die Theorie hinter dem Yin Yoga, sein Zusammenspiel von chinesischer Medizin und herkömmlichem Yoga. Einführung in 25 Asanas und Auflistung ihrer Wirkungen auf die verschiedenen Ebenen des Seins, sowie Zusammenstellungen von Flows für verschiedene Körperregionen. 5
Karin Kuschik: 50 Sätze die das Leben leichter machen. Ein Kompass für mehr innere SouveränitätTeilweise interessante Sätze, allerdings alles zu lang und oft etwas zu einfach gedacht, wie mir scheint. Trotzdem unterhaltsam, wenn man es einfach überfliegt.3
Eva Kalbheim: Resilienz für DummiesEine Einführung ins Thema Resilienz, was sie bedeutet, was resiliente Menschen auszeichnet und wie man sie erwerben kann. Die sieben Säulen der Resilienz (Optimismus, Akzeptanz, Handlungsfähigkeit, Verantwortungsbereitschaft, Lösungsorientierung, Netzwerkpflege und Zukunftsplanung) werden vorgestellt, und aufgezeigt, wie man sie in verschiedenen Lebensbereichen einsetzen kann. Für mich ein wenig zu seicht mit zu vielen Wiederholungen.3
B. K. S. Iyengar: Licht fürs LebenEine Einführung in die yogische Lebensreise von Aussen nach Innen, vom Leben in der Welt über die einzelnen Stufen des achtstufigen Pfades bis hin zu Samadhi, immer mit dem Hintergrund, aus dieser Haltung heraus in die Welt zu gehen und zu wirken. Inspirierend, authentisch, tiefgründig, informativ. 5
Jean-Pierre Critin: Ayurvedische PsychologieAbgebrochen – Eine Einführung in die Lehren der Ayurvedischen Psychologie, die auf der ganzheitlichen Sicht des Menschen aufbaut und mit vielfachen Methoden zur Gesundherhaltung – was eine Balance der in ihm wirkenden Kräfte bedeutet – des Menschen. Abgebrochen. Sehr fundiert. Leider zur falschen Zeit, da im Moment zu viel an Wiederholung von gerade Gelesenem. 5
Osho: Tantra. Die höchste EinsichtAbgebrochen – Ein Kommentar zum tantrischen Buddhismus. Sehr ausführliche und mit Beispielen versehen Eklärung des „Gesangs vom Mahamudra“ – leider zur falschen Zeit, da im Moment zu blumig.4

Was habt ihr im Dezember gelesen? was waren eure Highlights?

Lebenskunst: Den eigenen Weg finden

„Um Wasser zu finden, solltest du nicht überall kleine Löcher graben, sondern an einer einzigen Stelle bis auf den Grund bohren.“ (Nisargadatta Maharaji)

Die Welt bietet so viele Möglichkeiten, Dinge zu lernen. Alle sind sie reizvoll, alle sind sie inspirierend, in jedem Gebiet findet man Menschen, die einen beeindrucken in ihrem Tun und Können und Sein. So etwas würde man sich auch wünschen. Und so fängt man an, taucht in eine Sache ein, während man nebendran drei andere sieht, die auch toll wären. Und irgendwann wird es ein wenig harzig beim eigenen Weg und man sieht bei einem anderen, dass das einfacher wäre. Und wechselt. Das passiert vielleicht nicht nur einmal, sondern mehrere Male.


Das positive daran ist, dass man viel kennenlernt, viel mitnimmt auf dem Lebensweg. Auf der Strecke bleibt aber die wirkliche Tiefe in einer Sache. Man kratzt meist an der Oberfläche, taucht ein paar Meter, stösst dann zurück an die Oberfläche und kratzt an einer anderen Stelle. Das ist nicht grundsätzlich schlecht, im Gegenteil, es kann sehr befriedigend sein. Wenn man aber wirklich tief gehen möchte, dann wird dieser Weg nie dahinführen.

Wirkliches Eintauchen, wirklich einen Weg zu gehen, mit all seinen Hürden, Schwierigkeiten und Herausforderungen, bedeutet, sich diesem Weg zu verpflichten. Es bedeutet, die Herausforderungen zu meistern, um dann die Früchte zu ernten, die durch die intensive Auseinandersetzung wachsen.

„Mein lieber Freund, du solltest in deinem Leben einen Mittelweg finden zwischen Geben und Empfangen.“ (Bhagavad Gita)

Ich hatte in meinem Leben beide Phasen, die des tiefen Eintauchens und die des eifrigen Suchens, Findens, Verwerfens, neu Suchens. Jedes neue Finden war mit einem Schub neuer Energie verbunden, mit Begeisterung, mit Enthusiasmus. Es war wie Fliegen auf einem Strom von Energie, der mich trägt. Das hielt selten an. Es lässt sich vielleicht vergleichen mit der Liebe: Wenn die erste Verliebtheit schwindet, zieht man auf zu neuen Ufern, um wieder zu schwelgen, verliebt zu schwärmen, im Hochgefühl zu baden. Eine tiefe Liebe wird so nie entstehen. Dazu müsste man sich auf einen Menschen einlassen. Tief einlassen. Mit allem, was gut ist. Mit allem, was schwer ist. Gerade beim Schweren zeigt sich, ob die Liebe trägt. Ob man auch fähig ist, sich tragen zu lassen und mitzutragen, denn beides ist nötig.

„Die persönliche Pflicht im Leben sollte man als seine Verantwortung für das eigene höchste Selbst ansehen.“ (Bhagavad Gita)

Genauso sehe ich heute den Lebensweg: Es ist ein Einlassen auf etwas, das mir selbst entspricht. Mein Leben leben bedeutet für mich, meine Aufgabe zu erfüllen in dem Sinne, dass ich das, was in mir ist, lebe, mich ihm verschreibe, auch wenn es nicht nur einfach ist. Im Yoga gibt es dafür den Begriff Svadharma: Seiner Berufung folgen, die eigene Aufgabe in dieser Welt gut erfüllen. Dabei gibt es keine höheren oder tieferen Aufgaben, sie sind alle wichtig, sowohl für das eigene Leben wie auch für das Zusammenleben als Gesellschaft.

Was ist deine innere Pflicht? Wo siehst du deinen Weg?

Lebenskunst: Panta Rhei

«Wer in denselben Fluss steigt, dem fliesst ein anderes und wieder anderes Wasser zu.» Heraklit

Heraklits Lehre vom Wasser ist eine Lehre vom Leben. Es gibt nichts, was einfach ist und bleibt, alles bewegt sich, verändert sich fliesst weiter, ändert sich in seiner Form. Eigentlich wünschen wir uns oft Kontinuität, diese wird auch als wichtige Eigenschaft bewertet, weil sie Verbindlichkeit und eine Form von Sicherheit mit sich bringt. Wir wissen, woran wir sind, bei uns und bei anderen. Nur: Das ist nicht nur nicht möglich immer, es entspricht auch den Tatsachen nicht.

Wenn ich an etwas festhalte, mich selbst aber verändere, werden irgendwann ich und das von mir Festgehaltene nicht mehr zusammenpassen. Wenn ich mich dann krampfhaft daran klammere, weil ich nicht aufgeben will, wofür ich mich mal entschieden habe, entferne ich mich langsam von mir selbst. Ich klammere an einem Selbst, das ich nicht mehr bin und ignoriere das, was ich geworden bin. Dass dies mit der Zeit Leid mit sich bringen wird, liegt auf der Hand.

Nun ist auch eine Veränderung nicht immer ohne Leid. Oft werden wir auch von aussen auf das festgesetzt, was wir einmal waren. Sind wir nun plötzlich durch eine Veränderung anders geworden, verlieren andere Menschen den Faden, sie haben die Entwicklung nicht nur nicht durchgemacht, sie haben sie vielleicht auch nicht gewollt – vor allem, wenn ich mich auf eine Weise verändert habe, die sie tangiert, weil ich vielleicht selbstbewusster geworden bin, auch mal nein sage, meinen eigenen Kopf habe und dieser meinen Weg bestimmt Das mag schmerzhaft sein, zeigt aber auch viel: Wer nicht bereit ist, mit mir meinen Wandel mitzuleben, der will in einem leblosen Dasein verharren. So wenig, wie ich jemandem in den Tod folgen wollte, so wenig sollte ich ihm meine Lebendigkeit opfern, indem ich mich weiter in den vorgespulten Mustern bewege, denn: Sie sind nicht mehr ich, ich bin in ihnen nicht mehr zu Hause.

«Wir steigen in denselben Fluss und doch nicht in denselben, wir sind es und wir sind es nicht.» Heraklit

So hat sich über die Jahre auch bei mir immer wieder eine Veränderung angezeigt, Dinge kamen, Dinge gingen, Lebensinhalte wurden wichtig, schwanden wieder, um neuen Platz zu machen. Und manchmal kommt einer wieder hervor, der über lange Zeit prägend, tief und wichtig war, lebenswichtig: Yoga und die östliche Philosophie, die Meditation und der Buddhismus. Zwar waren sie nie ganz weg, aber sie haben sich über ein paar Jahre nun nur auf meine Übungen auf der Matte jeden Morgen beschränkt. Zwar wusste ich immer, wie viel mir fehlte, ich spürte immer diese Sehnsucht in mir, aber ich konnte all dem nicht nachgeben. Bis ich es nun wieder tat. Und da war es: Dieses Gefühl: Nun bin ich zu Hause Ich bin nicht mehr am selben Ort, wie ich aufhörte, ich bin nicht mehr dieselbe auf der Matte, Yoga hat eine neue Qualität bekommen, auch das ist nicht mehr dasselbe Es ist tiefer, es ist grösser, es ist noch wichtiger als je zuvor. Und fast will mir scheinen, dass diese Zeit dazwischen genauso zu meinem Yogaweg gehörte wie die intensive Zeit vorher und jetzt. Sie hat mich Dinge gelehrt, hat mir vieles gezeigt, hat mich wandeln und wachsen lassen.

Am Schluss ist es doch nur ein Leben, ein Selbst und ein Fluss. Und doch auch wieder nicht.

Lebenskunst: Gewaltlosigkeit

Vor einigen tausend Jahren lebte Patanjali, ein indischer Gelehrter und er schrieb neben anderen Werken auch das Buch, das noch heute einen grossen Stellenwert in der Yogaphilosophie hat: Die Yogasutras. 195 Sutras, welche den Weg hin zum Ziel des Yoga, hin zur Einheit mit allem zeigen, den Ort, an dem das geistige Kreisen und irdische Suchen und Irren und Hasten und sich Aufreiben ein Ende findet.

Patanjali beschrieb den Yoga als achtgliedrigen Pfad, an dessen Anfang ethische Prinzipien stehen: Die Yamas und die Niyamas, Prinzipien des Umgangs mit anderen und solche für den Umgang mit mir selbst. Das erste Yama, der erste Schritt auf diesem Weg also, heisst: Ahimsa. Landläufig wird es mit Gewaltfreiheit übersetzt, dem biblischen Gebot des «du sollst nicht töten» verwandt.

Bei so alten Schriften liegt die Frage immer nahe: Was hat das mit mir heute zu tun. Bei ahimsa liegt das auf der Hand: Wenn wir lesen, man soll gewaltfrei leben, weil Gewalt nur Leid schafft, wird wohl jeder gleich zustimmen und den tiefen Sinn und Wert darin erkennen. Doch was kommt nach dem Kopfnicken? Wo bleiben die Handlungen? Leben wir wirklich gewaltfrei? In die Welt geschaut, sieht man Krieg und Streit, man sieht Ausbeutung und Zerstörung. Gewaltfreiheit sähe anders aus, es hätte eher mit Frieden, mit Miteinander, mit Bewahrung und Aufbau zu tun. Aber ja, die grosse weite Welt und wir kleinen Wesen – was können wir schon tun.

Wir könnten hinschauen. Bei uns selbst. Leben wir wirklich gewaltfrei? Fleischkonsum ist das offensichtlichste Problem, das dem gegenübersteht: Indem wir Tiere töten, um sie zu essen, wenden wir Gewalt an. Wir könnten diese immerhin reduzieren durch einen bewussteren Konsum. Vielleicht muss es nicht täglich das Billigfleisch aus dem Discounter sein, das aus einer qualvollen Massentierhaltung stammt, sondern es reicht einmal die Woche ein Stück vom Biobauern?

Es geht aber noch weiter: Wie gehe ich mit mir um? Wie oft stehe ich vor dem Spiegel, kritisiere Falten, Speckröllchen, graue Haare, die zu grosse Nase, die schielenden Augen, die ungraden Zähne – und was es sonst noch alles gibt. Ich schelte mich über Verhaltensweisen, die vielleicht unglücklich waren, werfe mir Versäumnisse und Unkenntnis vor – die Liste liesse sich verlängern. Und: Meistens, wenn wir mit uns selbst so kritisch und destruktiv umgehen, ist unser Blick auf die anderen ebenso: Wir lästern über zu enge Hosen bei zu dicken Hintern, über zu junge Partner und zu alte Eltern, wir kritisieren Verhaltensweisen, die unseren Massstäben und Lebensmaximen widersprechen, belächeln zu naive Gedanken und dumme Fehler. Wir führen Krieg. Kleinkrieg gegen uns und andere.

Patanjali schreibt:

«Wer fest in der Gewaltlosigkeit gründet, in dessen Gegenwart lassen andere von Feindseligkeit ab.» (II.35)

Vielleicht sind wir gar nicht so klein? Vielleicht können wir was tun? Indem wir bei uns hinschauen, für und mit uns liebevoller werden, Gewalt aus dem Spiel lassen? Indem wir gegen andere milder werden, sie leben lassen? Und dann das alles ausstrahlen und in die Welt tragen? Vielleicht verändert sich was – wenn auch nur im Kleinen erst? Aber: Kleines zieht Kreise, wird gross.

Auch das ist Yoga. Das wichtigste steht im ersten Sutra:

«atha yoga-anusanam.»

Jetzt ist die Zeit für Yoga. Fangen wir mit der Gewaltlosigkeit an.

Lebenskunst: Ausdauer führt zum Ziel

«Nicht das Beginnen wird belohnt, sondern einzig und allein das Durchhalten.» Buddha

Seit vielen Jahren steige ich jeden Morgen auf meine Yogamatte und mache da die immer gleichen Übungen. Eine Freundin fragte mich mal, ob ich ihr Yoga zeigen könnte, etwas, das sie zu Hause für sich üben könne Ich zeigte ihr einen Sonnengruss, übte ihn mit ihr immer wieder und sagte dann, sie solle nun jeden Morgen diese Form des Sonnengrusses machen. Nach drei Tagen rief sie mich an und fand, das sei doch eher langweilig, jeden Morgen das gleiche zu machen, ob es nicht noch mehr gäbe. Das gibt es natürlich. Viel mehr.

Geht man zurück zu Patanjali (er schrieb eines der Grundlagenwerke des Yoga), gab es gerade mal eine Yogaübung: Den Schneidersitz. Es ist die einzige Körperübung, die beschrieben ist und sie hat ausgereicht, um das Ziel des Yoga zu erreichen: Einheit – mit sich und der Welt. In dieser einen Haltung ist also alles, was es braucht, den Yogaweg zu gehen und zum Ziel zu gelangen. Etwas später kam man dann zum Schluss, dass diese Asana (so heissen die Stellungen im Yoga) nicht ausreicht, den Körper gesund zu erhalten, was nötig ist, um sich ganz der Konzentration, der Innenschau, der Versenkung und dem Erreichen der höchsten Ruhe zu widmen. Die Asanapraxis, der unseren heute ähnlich, wurde erfunden. Mittlerweile gibt es eine Unzahl von Asanas und es werden wohl noch immer auch neue erfunden.

Es stellt sich also die Frage: Warum um Gottes Willen mache ich jeden Morgen dieselben? Ich bin damit meistens ungefähr eine Stunde auf der Matte, die könnte ich sicher abwechslungsreicher gestalten, würde man meinen. Aber nein: Ich habe so schon genug Abwechslung. Dass meine Yogapraxis unterschiedlich lange dauert, hat verschiedene Gründe: Einerseits fliesst mein Atem nicht immer gleich. Bin ich aufgewühlt, aufgeregt, fliesst er schneller. Das lässt sich mit Atembewusstsein teilweise ausgleichen, aber nie über eine Stunde hinweg konstant. In solchen Zeiten dauert meine Praxis weniger lang, da die einzelnen Stellungen und Bewegungen sich dem Fluss des Atems anpassen. Dann gibt es immer wieder Erkenntnisse, die ich aufschreiben möchte, um später damit weiterzuarbeiten. Das Wichtigste aber scheint mir, dass ich durch die immer gleiche Praxis näher bei mir selbst bin. Ich vergleiche mich nicht mit anderen, sondern ich sehe, was bei mir gerade los ist. Jede einzelne Asana dient als Gradmesser für mein Befinden. Jede Asana hat eine bestimmte Wirkung, spricht etwas anderes in mir an – körperlich und geistig. Je nachdem, wie ich mich in einer Asana fühle, wie sie gelingt (zum Beispiel die Balanceübungen), merke ich, wie es mir geht, wo ich stehe an diesem Tag. Das wäre in viel kleinerem Ausmass der Fall, würde ich mir jeden Tag ein neues Programm ausdenken. Selbst dann ist viel an Innenschau und Erkenntnis möglich, aber für mich ist das so der beste Weg.

Jeder Mensch ist anders. Jeder Mensch hat andere Bedürfnisse. Was aber sicher immer gleich ist: Wenn du etwas erreichen willst, musst du dranbleiben. Pattabhi Jois sagte einst, Yoga sei 1% Theorie und 99% Praxis und Schweiss. Picasso sagte etwas ähnliches über die Kunst. Es kommt also nicht drauf an, für welchen Weg du dich entscheidest, wichtig ist, ihn dann zu gehen, nicht nur ein paar Schritte.  

Lebenskunst: Sehen, was ist

«Führe mich vom Unwahren zum Wahren, führe mich von der Dunkelheit ins Licht. Führe mich von dem, was tot ist, zu dem, was lebendig ist.» Upanishaden

Wenn ich durch die Strassen laufe, sehe ich Bäume, Häuser, Autos. Ich stecke alles in Schubladen, in die Schublade der Begriffe: Baum, Auto, Haus. Näheres Hinsehen erübrigt sich. Scheinbar. Ich sehe Menschen in ihren Kleidern, ihrer Mimik, ihrer Frisur. Und ich bilde mir ein Urteil, ich bilde mir ein, zu wissen, wer sie sind. Ich erlebe sie, wie sie etwas tun und bewerte es mit gut oder falsch. Auch da erübrigt sich das nähere Hinschauen. Scheinbar.

Bei Lichte betrachtet sehen wir so gar nichts, wir folgen nur unseren eigenen Vorstellungen davon, wie die Welt ist, kategorisieren die Welt nach mentalen Konstrukten wie gut und schlecht, und verschliessen uns so der Wirklichkeit, wie sie ist. Gut und schlecht sind keine Eigenschaften von irgendetwas, es sind blosse Zuschreibungen, die auf Erfahrungen, Konventionen, Einstellungen beruhen – also menschengemacht, subjektiv und von der Vergangenheit geprägt.

Auf diese Weise tue ich nicht nur anderen Menschen Unrecht, auch ich selber nehme mir die Möglichkeit, die Vielfalt und Schönheit der Welt zu sehen, wie sie ist. Ich nehme mir die Möglichkeit, auf das zu reagieren, was wirklich passiert, indem ich eigentlich noch aus der Vergangenheit heraus reagiere – was sehr oft zu leidvollen Situationen führt. Vielleicht wäre es ein erster Schritt, wenn ich das nächste Mal etwas in gut oder schlecht einteile, hinzusehen: Wieso ist das schlecht? Wer sagt das? Daraus könnte eine offener Sicht und damit auch ein lebendigeres Leben entstehen, weil nicht schon alles in praktischen Schubladen verpackt erscheint, sondern frei tanzen darf.

Und: Nur so sind wirkliche Begegnungen mit anderen Menschen möglich, da ich wirklich hinsehe, wer sie sind.

Lebenskunst: Glück

«Das Glück ist keine leichte Sache: es ist sehr schwer, es in uns selbst, und unmöglich, es anderswo zu finden.» Arthur Schopenhauer

Aristoteles sah sie als oberstes Ziel eines gelingenden Lebens: die Glückseligkeit. Im folgten über Jahrtausende viele Menschen, alle auf der Suche nach dem Glück, danach, was das Leben zu einem schönen macht. Es wurden Thesen aufgestellt, Definitionen verfasst, Regale mit gefüllt mit vielen Büchern – und doch scheint es nicht gefunden worden zu sein, denn es entstehen ständig neue Bücher. Fruchten die Anleitungen nicht? Oder halten sich die Menschen einfach nicht dran?

Die buddhistische Sicht auf das Glück ist eine einfache: Glück ist in uns allen angelegt, wir erlangen es nicht, indem wir den Dingen im Aussen nachrennen. Glück ist ein Zustand innerer Erfüllung, nicht die Befriedigung des unerschöpflichen Verlangens nach äusseren Dingen.

Das ist natürlich sehr ärgerlich, haben wir doch die letzten Jahre und Jahrzehnte damit verbracht, genau das zu tun: Etwas zu wollen, etwas anzustreben, etwas zu kaufen. Zwar haben wir auch gemerkt, dass es mit dem Glück dann doch nicht weit her war. Im besten Fall zeigte es sich für einen kurzen Moment, doch auch dann war es schnell wieder weg. Doch es ist nicht zu spät:

Will man sich auf die Suche nach dem Glück machen, gilt es, die Sicht von aussen nach innen zu verlagern und den eigenen Geist zu schulen. Wir müssen erkennen, wie der Geist funktioniert und vor allem, was uns gut tut und was nicht. Das klingt einfach, ist aber eine langwierige Angelegenheit.

Eine Lebensweise zu pflegen, durch die man dauerhaftes Glück erreicht, ist eine Kunst. Es erfordert ständiges Bemühen, eine unablässige Schulung des Geistes und die Entwicklung einer Reihe von menschlichen Qualitäten wie etwa Geistesruhe, Achtsamkeit und selbstlose Liebe. Darin sind sich die westliche und die östliche antike Philosophie einig. Bei den Stoikern ist das oberste Ziel im Leben, zu einer gelassenen Haltung, einer inneren Ruhe zu kommen. Ist dies erreicht, ist das Glück automatisch da. Glück ist danach also nicht etwas, das wir anstreben sollen, sondern es ist das Nebenprodukt einer eigenen Haltung, eines Seins.

Dies deckt sich sowohl mit dem yogischen Denken wie auch dem buddhistischen, es wird von der neuen wissenschaftlichen Forschung untermauert. Das Schöne daran: Man muss es nicht einfach glauben, man kann es erfahren, indem man etwas dafür tut. Wenige Minuten der Bewusstwerdung, der Meditation, des Zur-Ruhe-Kommens reichen, um nach und nach zu einer Veränderung führen hin zu einem Gefühl von mehr Ruhe, mehr Wohlbefinden – und sogar Glück.

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Buchempfehlung zu dem Thema:

Matthieu Ricard: Glück

Ricard versteht es, ein grosses Thema auf eine verständliche, tiefgründige und gut lesbare Art zu vermitteln. Er greift bei seinen Darlegungen auf ein immenses Wissen westlicher und östlicher Philosophie zurück, er zitiert die neue wissenschaftliche Forschung und legt die buddhistische Sicht dar, die sich in vielen Punkten mit wissenschaftlichen Erkenntnissen deckt. Dabei bleibt er nicht in der trockenen Theorie, sondern erläutert diese mit anschaulichen persönlichen Erlebnissen.

Neben den theoretischen Erklärungen finden sich auch Anleitungen für die eigene Meditation zu Hause, so dass man sich gleich hier und jetzt auf den Weg zum eigenen Glück machen kann. Ein wahrlich wunderbares Buch, das in keinem Regal fehlen sollte!

Zum Autor: Matthieu Ricard
Matthieu Ricard arbeitete als Forscher auf dem Gebiet der Molekularbiologie, ehe er seine Berufung zum Buddhismus erkannte. Seit 25 Jahren lebt er als buddhistischer Mönch in den tibetischen Klöstern des Himalaya. Er übersetzt Werke aus dem Tibetischen und ist der offizielle Französischübersetzer des Dalai Lama.

Lebenskunst: Dinge achtsam tun

«Unser Leben ist nicht schön, weil wir perfekt sind. Unser Leben wird schön, weil wir unser Herz in alles stecken, was wir tun.» Sadhguru

Oft denken wir, wenn wir nur schöner, reicher oder erfolgreicher wären, wäre unser Leben schön. Selbstoptimierung ist ein modernes Wort für diese Sicht: Werde das perfekte Du und die Welt liegt dir zu Füssen – und wenn sie schon da liegt, wie könnte dann das Leben nicht schön sein? Nur, bei Lichte betrachtet: Nehmen wir an, ich wäre nun wunderschön. Was an meinem Leben wäre genau schöner? Kopfschmerzen hätte ich wohl immer noch dann und wann. Vielleicht würden sich ein paar mehr Männer nach mir umdrehen, aber das wäre auch nicht die Welt – die würde sich wohl genauso wenig um mich kümmern wie vorher, zumal ich nicht die einzige wäre, die wunderschön durch sie läuft. Vielleicht wäre der Blick in den Spiegel ein erfreulicherer – zumindest für eine kurze Zeit, denn die Chancen wären gross, dass mir bald etwas Neues auffiele an mir, das mir nicht gefällt – und alles ginge von vorne los.

Was aber bringt mir dann das schöne Leben? Ich denke, das kann nur aus mir selbst heraus entstehen. Nicht dadurch, was ich bin, sondern was ich tue – und vor allem: Wie ich es tue. Wenn ich beiläufig oder gar widerwillig Dinge verrichte, wird das sicher schwer mit dem schönen Leben. Tue ich Dinge, die mir Freude bereiten, aus vollem Herzen, fühlt sich das schön an. Wenn sie sogar gelingen, noch schöner – wobei das zweitrangig sein sollte, denn das Tun an sich ist schon befriedigend, weil ich in ihm aufgehe.

«Wenn ich stehe, stehe ich, wenn ich gehe, gehe ich, wenn ich sitze, sitze ich, wenn ich esse, esse ich.»

Nun können wir meist nicht nur Dinge tun, die uns Spass machen, es gibt auch alltägliche Verrichtungen und Pflichten, die auf uns warten. Thich Nhat Hanh rief immer wieder dazu auf, alles, was wir tun, bewusst zu tun. Sei es abspülen, Wäsche waschen, den Boden kehren: Tue es bewusst und sei mit deiner Aufmerksamkeit ganz dabei, was du tust.

Nehmen wir das Abwaschen: Wir nehmen einen Teller in die Hand, halten ihn unter den Wasserstrahl, fühlen, wie das Wasser über unsere Hände läuft, drehen den Teller in unseren Händen und reinigen sorgfältig seine Oberfläche vom Dreck. Wir drehen ihn weiter und trocknen ihn sorgsam ab, das Tuch in unseren Händen spürend, gewahr, wie die glänzenden Wasserflächen langsam trocken werden. Dann stellen wir ihn achtsam in den Schrank zurück, ohne das übliche Geklirr, sondern sorgsam still. Wie viel anders sich das anfühlt, als den Teller zu nehmen, innerlich genervt vom Tun schon an das nächste denkend, ihn gedankenlos hin und her zu drehen, abzutrocknen und mit Geklirr zu verräumen. Wer nun denkt, er hätte eine Geschirrspülmaschine, das werde also nichts mit dem achtsamen Tun: Das geht auch mit Zähne putzen, Betten machen, Boden wischen, etc.

Vielleicht dauert es ein wenig länger auf diese Weise, aber dieses Tun wird in dir ein Wohlgefühl auslösen. Und was wäre ein schönes Leben anderes, als ein Leben, in dem wir uns mit uns und dem, was wir tun, wohl fühlen?

Tagesgedanken: Begegnen statt beharren

«Das mit der Wahrheit muss verschwinden. Solange die Wahrheit in den Köpfen der Menschen ist, ist da immer der andere, den ich umbringen muss, denn er hat sie nicht, ich habe sie ja.»

Dies sagte sinngemäss Heinz von Foerster. Es klingt auf den ersten Blick witzig: Die Wahrheit muss verschwinden. Doch denkt man weiter, fängt ein leises Nicken an. Blickt man auf die Welt und wie Menschen miteinander umgehen, nimmt das Nicken zu. Jeder denkt, er hätte die Wahrheit gefunden und propagiert sie nun nicht nur als seine, sondern als absolut gültige. Jeder, der widerspricht, muss natürlich im Unrecht sein, denn zwei Wahrheiten, die sich unter Umständen sogar widersprechen, kann es nicht geben. Wo die Gewissheit herkommt, dass die eigene Wahrheit wirklich die richtige ist, dass sie der Weisheit letzter Schluss ist, das muss nicht weiter begründet werden. Das ist einfach so. 

Was ist eigentlich Wahrheit? Wie findet man sie? Wie weiss man, dass sie es ist? Diese Frage stellt man sich seit Jahrtausenden. Aesop kam zu folgendem Schluss: 

«Jede Wahrheit hat zwei Seiten. Wir sollten uns beide Seiten anschauen, bevor wir uns für eine entscheiden.»

Wahrheit wird oft als Machtmittel benutzt (Wissen ist Macht): Wenn ich weiss, wie der Hase läuft, stehe ich über dir. Nur: Woher nimmt man diese Überzeugung? Was ist überhaupt zuerst: Unsere Wahrheit oder unser Machtdenken? Kehren wir nicht oft die ganze Sache um und propagieren um der Macht Willen eine Wahrheit, die wir als die richtige hinstellen, um die eigene Position zu stärken? Statt unsere Vernunft zu nutzen, um im Diskurs mit Anderen gemeinsame Wege zu finden, setzen wir sie ein, um eigene Zwecke zu erreichen. Adorno resignierte ob dem Umstand, schrieb seine negative Dialektik und pflegte fortan eine pessimistische Weltsicht. Habermas versuchte später, neuen Wind in die Frankfurter Schule zu bringen und teilte die Vernunft in zwei Teile: Die zweckrationale und die kommunikative. Aber auch er ist noch nicht sicher, welche gewinnen wird.

Nun, wir haben es in den Händen: Indem wir uns bewusst werden, wie wir im Umgang mit anderen Menschen agieren, ob wir sie mit Argumenten totschlagen wollen oder aber ob wir mit ihnen in einem quasi kommunikativen Tanz die verschiedenen Wahrheiten umgarnen und eine gemeinsame Melodie finden. Mir ist bewusst, dass dies einfacher klingt, als es ist, sind wir doch alle sozial geprägt und haben damit die zweckrationalen Muster in uns drin, nach denen wir dann, ganz dem Leistungsstreben unserer Gesellschaft verpflichtet, agieren. Aber wir sind ihnen nicht blind ausgeliefert, wir haben es in der Hand, die Veränderung zu suchen und uns neu zu besinnen, wie wir mit anderen umgehen wollen. Hannah Arendt sagte dazu:

«Wahrheit gibt es nur zu zweien.»

Wir haben auf diese Weise nicht mehr die Wahrheit für uns gepachtet, aber wir gewinnen die Möglichkeit, neue Wahrheiten kennenzulernen. Und wir haben mehr noch die Chance, anderen Menschen wirklich zu begegnen, was nur passiert, wenn wir in einen Dialog treten, in welchem beide einander zuhören und offen bleiben, um den anderen und seine Sicht der Welt kennenzulernen. Ein würdiger Ersatz für eine eigentlich nutzlose (da nur propagierte, selten aber wirklich gesicherte) Wahrheit, die nur als Totschlagargument taugt.

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Literatur zur weiteren Lektüre:

Achtsame Kommunikation: Was ist ein philosophischer Dialog?

„Das grösste Problem in der Kommunikation ist die Illusion, sie hätte stattgefunden.“ (George Bernhard Shaw)

Wir reden den ganzen Tag viel und oft aneinander vorbei. Achtsame Kommunikation kann Beziehungen retten, das Verhältnis am Arbeitsplatz angenehmer und damit auch die Arbeit produktiver machen, das Leben mit sich allein und im Miteinander friedlicher gestalten.

Oft nutzen wir Gespräche nur zum Informationsaustausch. Ich habe etwas zu sagen, der andere soll es hören. Und meist bin ich davon überzeugt, dass meine Meinung, meine Information richtig ist. Ich will den anderen davon überzeugen. Dieser aber geht mit derselben Haltung daran. Er hat seine Meinung, die hält er entgegen. Im besten Fall teilen wir eine Meinung und nicken uns wohlwollend zu.

Wie viel ist uns entgangen. Wir haben nichts über den anderen erfahren, nichts über uns selber, keine neue Sicht dazugewonnen – wir stehen noch immer am selben Punkt wie vorher, es flossen nur ein paar Worte hin und her.

Ein wirklicher Dialog bringt mehr als blossen Austausch von Informationen. Er erfordert aber auch mehr. Ein wirklicher Dialog bedingt, dass wir einander begegnen – im wahrsten Sinne des Wortes. Wir lassen uns auf den anderen ein als der, welcher er ist. Wir nehmen ihn ernst und wissen uns selber auch ernst genommen. Wir sind offen dafür, was er zu sagen hat, setzen ihm nicht gleich unsere Sicht entgegen. Wir sind offen für seine Botschaft, aber auch dafür, was sie in uns auslöst. Beide kommentieren oder werten wir nicht gleich. Wir nehmen beides wahr. Und so lernen wir was über ihn und über uns. Und über die Welt, in der wir diesen Dialog führen.

Ein wirklicher Dialog hilft, unsere doch sehr begrenzte Sicht zu erweitern. Jeder Mensch hat nur eine begrenzte Sicht – auf sich und auf die Welt. Indem wir uns den anderen öffnen, können wir unsere Grenzen erweitern – und die der andern werden durch uns erweitert. Erst durch den anderen können wir überhaupt auch etwas über uns selber erfahren, denn: Die blindesten Flecken haben wir bei uns selber. Andere zeigen sie uns auf – weil wir durch sie uns selber besser wahrnehmen. Wir brauchen andere Menschen, ohne sie wären wir nichts, ganz sicher nicht lebensfähig.

Damit ein wirklicher Dialog gelingen kann, braucht es verschiedene Dinge:

  • die Hinwendung eines Menschen als Ganzes zum anderen als Ganzer
    • Begegnung auf Augenhöhe
    • die Bereitschaft, sich selber einzubringen
    • Authentizität in Wort und Gefühl
    • direkte Reaktion statt vorgefertigte Meinungen
    • Alle Themen und Meinungen dürfen thematisiert werden
    • Wirkliches Zuhören
    • Gegenseitiger Respekt
    • Offenheit
    • Verantwortung übernehmen
    • Gegenseitiges Lernen
    • Mitgefühl

Nur wenn wir uns auf Augenhöhe begegnen, als Mensch zu Mensch, wenn wir aktiv zuhören und präsent sind, offen bleiben gegenüber anderen Sichtweisen und Meinungen und nicht nur auf vorgefertigte Meinungen und Muster zurückgreifen, kann achtsame Kommunikation entstehen.

Ein wirklicher Dialog bringt mehr als blossen Austausch von Informationen. Wir sind offen für die Botschaft des anderen, aber auch dafür, was sie in uns auslöst. Und so lernen wir was über ihn und über uns. Und über die Welt, in der wir diesen Dialog führen. Indem wir uns den anderen öffnen, können wir unsere Grenzen erweitern – und die der andern werden durch uns erweitert.

Achtsame Kommunikation wird etwas verändern. Bei allen Beteiligten.

Zum Angebot: Achtsame Kommunikation

Philosophische Begleitung

Oft werde ich gefragt, was ich in einer Philosophischen Praxis mache, wie man sich eine philosophische Begleitung vorstellen muss. Die Antwort ist einfach und schwer zu gleich: Zentral ist, dass im Zentrum der Mensch steht, der zu mir kommt (oft übers Netz via Zoom). Er hat ein Anliegen, fühlt sich mit etwas in seinem Leben nicht wohl. Grundsätzlich stehen dann grundlegende Fragen an:

  • Wo stehe ich im Leben?
  • Wie will ich leben?
  • Was kann ich dafür tun?
  • Was für ein Mensch bin ich?
  • Bin ich der Mensch, der ich sein kann?

Wenn wir im Leben anstehen, fühlen wir uns oft richtig aus der Bahn geworfen an: Wir sind vom Weg abgekommen, etwas ist in Unordnung geraten. Was wir anstreben, ist Ordnung, ist ein Leben, das wir als gelingendes, als rundes, stimmiges bezeichnen für uns. Nur sehen wir den Weg dahin oft nicht. Die Fragen können helfen, das eigene Bild wieder zu erkennen – mit allen Facetten.

Wir können uns das Leben wie ein Pult vorstellen. Wenn sich Blätterbeigen türmen, alles drunter und drüber liegt, finden die einen gar nichts mehr, für die anderen ist das erst der passende Arbeitsplatz. Wir haben unterschiedliche Ansprüche an eine für uns passende Ordnung, so dass wir zuerst die Unordnung analysieren und feststellen müssen, was wir selber unter Ordnung verstehen – und wieso wir das so sehen. Hier setzt die Philosophische Begleitung, das Philosophische Coaching an:

Dein Leben scheint gerade aus den Fugen? Du hast keine Kraft mehr, fühlst dich am falschen Platz, bist von deinem Partner verlassen worden oder weißt nicht, ob du gehen sollst? Ein lieber Mensch liegt im Sterben oder du erlebst dein Leben schlicht nicht als sinnvoll? Du hast viele Fragen und wenige Antworten? Du weißt nicht, wie mit einer Situation umgehen oder wie zu einer Entscheidung zu gelangen? Du sehnst dich nach Ordnung, doch überall siehst du nur Chaos?

Was auch immer in deinem Leben los ist: Du erzählst davon. Du erzählst von deinen Sorgen, von den Stellen, die dir Mühe bereiten. Du erzählst, was dir wichtig ist und ich höre dir zu.  Zusammen versuchen wir, im Dialog weiter und tiefer zu gehen, prüfen deine Geschichte von allen Seiten. Das kann zu neuen Perspektiven führen, auch neue Wege zeigen. Wichtig dabei ist, dass wir auf Augenhöhe kommunizieren. Deine Situation ist einzigartig, weil du es bist. Da hilft keine vorgefertigte Methode oder Anleitung. Dein individuelles Problem verdient eine massgeschneiderte Lösung. Und ich werde dich auf dem Weg begleiten, diese zu finden und umzusetzen.

Dabei ist mir ganz wichtig, dass du neben dem Problem auch deine guten Seiten siehst. Wo liegen deine Stärken, wo deine Fähigkeiten? Womit bist du zufrieden und woher holst du Kraft? Wie kannst du all das nutzen dabei, das Leben wieder in die Ordnung zu bringen, die für dich stimmt? Wie kannst du genügend Resilienz entwickeln, um trotz einiger Probleme sagen zu können: „Es geht mir gut!“

Philosophische Begleitung kann helfen bei

  • Entscheidungsunsicherheiten
  • Burnouttendenzen
  • Scheidung
  • Verluste
  • Tod
  • Umbrüche im Leben
  • Psychische Belastungen

Behandelt werden Lebensthemen wie

  • Wie will ich leben?
  • Was bin ich für ein Mensch?
  • Wie lebe ich Beziehungen?
  • Was ist ein gelingendes Leben?
  • Was kann ich tun?
  • Was schulde ich anderen?
  • Was schulde ich mir selber?
  • Was ist Glück?
  • Wie kann ich mehr Freude in mein Leben bringen?
  • Wie komme ich zu mehr Gelassenheit?
  • Wie kann ich vergangene Wunden heilen?
  • Wie entwickle ich mehr Resilienz?

Zum Angebot: Philosophische Begleitung

Utopien

Als ich ein Kind war, spielte ich gerne mit Lego. Ich hatte immer ausgefallene Ideen, was ich bauen wollte (es gab noch nicht so viele fertige Bausätze mit seitenlangen Bauanleitungen) und versuchte dann, dies umzusetzen. Mein Vater wollte mir immer helfen, mir zeigen, wie es geht, doch das machte mich wütend. Ich wollte es selber herausfinden. Mein Vater hat mir bis ins Erwachsenenalter vorgeworfen, dass ich mir schon als Kind nicht helfen lassen wollte. Zwar stimmt das nicht ganz, da ich durchaus Hilfe annehme, wo ich etwas nicht selbst kann oder können will, aber nicht da, wo ich der Überzeugung bin, es selbst zu schaffen.

Es gibt dieses schöne Wort der Selbstermächtigung. Ich finde es zentral in Bezug auf das Menschsein, auf die Selbstachtung als Mensch und damit die eigene Würde. Menschen, die nicht wissen, dass sie selbst etwas bewirken können, fühlen sich (und sind meist auch wirklich) Opfer der Umstände und damit hilflos und abhängig von anderen. Dieses Gefühl der eigenen Ohnmacht nagt am Selbstbild und damit an der Selbstachtung. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das jemand will. Umso mehr erstaunen mich aktuell geführte Diskussionen, wenn es um Themen wie zum Beispiel Rassismus geht.

Eine aktuell populäre Sicht bei der heutigen Thematisierung von Rassismus (die ursprünglich aus den Staaten zu uns kam) ist, dass Weisse aufgrund ihrer Hautfarbe per se rassistisch seien, weil sie in der Geschichte die Schwarzen unterdrückt haben. Rassismus so gesehen ist also quasi in ihren Genen eingebrannt, und sie können dem nicht entkommen.

Nicht nur zementiert diese Argumentation die Fronten schwarz-weiss, sie macht Schwarze auch zu ewigen Opfern. Wenn dem Weissen der Täterstatus eingebrannt ist, ist es dem Schwarzen das Opfertum. Tun wir jemandem damit einen Gefallen oder macht diese Sicht irgendetwas besser? Ich denke, das Gegenteil ist der Fall. Menschen so gesehen spricht ihnen die Würde ab, die auch darauf beruht, dass Menschen frei sind, sich zu ändern. So schreibt Avishai Margalit in seinem Buch „Politik der Würde“:

„der grundlegende Respekt vor jedem einzelnen orientiert sich an dem, was er in Zukunft tun könnte, nicht an dem, was er in der Vergangenheit getan hat. Achtung ist dem Menschen nicht dafür zu zollen, in welchem Grad er sein Leben tatsächlich zu ändern vermag, sondern allein für die Möglichkeit der Veränderung.“

Margalit fährt fort, dass ein Mensch nicht durch seine Vergangenheit determiniert (wenn auch durchaus geprägt), sondern zu jedem Zeitpunkt frei ist, sich und sein Verhalten zu ändern. Wenn dies schon für das eigene Verhalten gilt, wie viel grösser muss also die Möglichkeit einer Veränderung über Generationen sein, in denen durchaus ein Denkprozess stattfand und auch Massnahmen zur Abschaffung von Rassismus erfolgreich durchgesetzt werden (nicht zu verstehen als diesen vollständig aus der Welt schaffen) konnten?

Ich bin der Meinung, dass wir genau hinschauen müssen, wo heute noch strukturelle Benachteiligungen existieren, und wir müssen diese gemeinsam angehen. Betroffene sollten aber nicht nur von den Anderen Veränderungen erwarten, sondern sie sollten sich auch als Akteure sehen (können). Auch dafür ist ein Miteinander wichtig, dass ein Raum geschaffen wird, in welchem es möglich ist, für die eigenen Rechte und gegen Benachteiligungen einzustehen. Dann gibt es keine Täter und Opfer durch von aussen definierte Kriterien, sondern eine gemeinsame Welt mit gemeinsamen Werten und Zielen, welche diese gestalten sollen, und in der jeder seinen Platz hat.

Ich mag Utopien… und ich glaube, sie könnten oft verwirklicht werden.


Leseempfehlung: Avishai Margalit: Politik der Würde, Suhrkamp Verlag, 2. Auflage, Berlin 2018.

Die Würde des Menschen

„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“

So lautet der erste Absatz des ersten Artikels des Deutschen Grundgesetzes. Neu ist der Begriff der Würde nicht, er lässt sich historisch durchaus zurückverfolgen, Was ich hier aber nicht ausführlich tun möchte. Nur noch soviel: In der Aufklärung schrieb der Naturrechtsphilosoph Samuel von Pufendorf:

„Der Mensch ist von höchster Würde, weil er eine Seele hat, die ausgezeichnet ist durch das Licht des Verstandes, durch die Fähigkeit, die Dinge zu beurteilen und sich frei zu entscheiden, und die sich in vielen Künsten auskennt.“

Er verknüpft die menschliche Würde mit der Vernunft und der (Entscheidungs-)Freiheit, eine Verbindung, die sich auch in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948 findet:

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.“

Kürzlich hörte ich eine Sendung über Menschenwürde. Im Grundgesetz gilt diese – wir sahen es oben – als unanstastbar und zwar für alle Menschen ohne Unterschied allein aufgrund ihres Mensch-Seins. Ferdinand von Schirach hat diese Unantastbar bezweifelt und ein Buch mit dem Titel „Die Würde des Menschen ist antastbar“ geschrieben, in dem er ausgeführt, sie würde täglich angetastet durch unsere gesellschaftlichen Umstände, welche mehr auf Profit als auf Mitmenschlichkeit ausgerichtet sind.

Die Würde wird oft herbeigeholt, wenn es darum geht, Argumente für etwas zu finden, manchmal für verschiedene Standpunkte. Man denke zum Beispiel an die Sterbehilfe: Beide Seiten argumentieren mit der menschlichen Würde, um ihre Position zu begründen. Und manchmal kommt es mir so vor, als wäre die Würde ebenso ein Konjunktiv wie das entsprechende Verb in der Form: Sie würde schon jedem zukommen, die Würde, aber darum können wir uns gerade nicht kümmern…

In dieser Sendung wurde argumentiert, dass Würde nur bei entsprechenden kognitiven Fähigkeiten verletzt werden könne, da jemand, der eine Erniedrigung nicht als solche empfinde, könne gar nicht verletzt werden. Schlimmer noch: Mangels dieser kognitiven Fähigkeiten und auch der Möglichkeit auf freie (politische) Entscheidungen sprach man Babies und Kleinkindern, zudem entsprechend Behinderten und Dementen Würde ab (was nicht hiess, dass man sie nicht trotzdem gut behandeln müsse). Und ich merkte, wie sich alles in mir sträubte.

Auf den ersten Blick könnte man denken, diese Argumentation stimmt überein mit Pufendorf und in der Menschenrechtserklärung, wo Würde mit Vernunft und freier Entscheidung zusammenfällt. Sich auf Pufendorf zu berufen, wäre in meinen Augen keine hinreichende Begründung für das Absprechen von Würde in der heutigen Zeit. Pufendorf attestiert dem Menschen durchaus Würde aufgrund einer Seele, welche er als vernunftbegabt und zu Entscheidungen fähig sieht. Wenn man allerdings die rassistische und frauenabwertende Sicht der Philosophen der Aufklärung kennt, ist mit einer solchen Begründung wohl auch Schwarzen und Frauen eine entsprechende Seele und damit die Würde abgesprochen worden. In der Menschenrechtserklärung heisst der erste Satz ganz klar:

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“

Alle. Frei und gleich geboren. Mit Würde und Rechten. Die nachfolgende Beschreibung macht das nicht rückgängig. Sie ist auch nicht als nachträglich einschränkende Bedingung formuliert. Insofern behält der erste Satz seine Gültigkeit. Das muss so sein, denn: Könnte man Würde all denen absprechen, die keine ausgebildete Kognitionsfähigkeit zum Erfassen der eigenen Würde haben, wäre Würde eine reine Zuschreibung. Diese erfolgte aufgrund verschiedener Fähigkeiten und Möglichkeiten und wäre in der Form eher beliebig, da Fähigkeiten und Möglichkeiten in unterschiedlichen Kulturen und zu unterschiedlichen Zeiten verschieden bewertet werden.

Würde hat aber eine tiefere Bedeutung. Würde ist etwas dem Menschen immanentes, das schreibt keiner nach irgendwelchen Kriterien zu. Wir haben uns Wesen gegenüber so zu verhalten, dass ihre ihnen eigene Würde nicht verletzt wird – egal, ob sie von ihrer Würde wissen oder eine Verletzung derselben empfinden (können). Wenn wir Würde von individuellen Befindlichkeiten abhängig machen, siegt die Willkür, was dazu verleiten kann, moralische Pflichten des (eigenen) Verhaltens zu vernachlässigen – man kann sich immer darauf berufen, dass man nicht hätte ahnen können, wie der andere etwas empfindet und sich mit Unabsichtlichkeit herausreden: „Mich würde das nicht stören, man wird ja wohl noch sagen/tun dürfen…“

Ich möchte es vorläufig mit Schiller halten:

„Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben, bewahret sie! Sie sinkt mit euch! Mit euch wird sie sich heben!“

Die Würde steht jedem Menschen zu. Es ist an jedem Einzelnen, Menschen dementsprechend zu behandeln. Menschen verlieren ihre Würde nicht durch fehlende Fähigkeiten oder Möglichkeiten, andere Menschen sprechen sie ihnen ab durch ihr falsches, unwürdiges, entwürdigendes Verhalten – und das tun sie zu Unrecht. Jeder Mensch besitzt eine Würde und wir haben uns Menschen gegenüber so zu verhalten, dass diese gewahrt ist. Weil sie Menschen sind und damit wie wir das Recht darauf haben.