Eine schlaflose Nacht brachte es mit sich, dass ich einen Film schaute, zuerst in der Hoffnung, dabei einschlafen zu können, dann mit immer mehr Gefallen am Gesehenen selber. Ein Kleinunternehmer, gutaussehend, Familienvater von drei Kindern, verheiratet mit einer eigentlich hübschen, ihm aber wohl zur Gewohnheit gewordenen Ehefrau, welche mehr an Alltag denn an Erotik denken liess, verliebte sich (nicht zum ersten Mal in seiner Ehezeit) in eine Frau (die, man hat es erahnt, nicht die seine war). Die Liason dauerte ein paar Monate, die Ehe daneben plätscherte dahin, die Frau fühlte sich allein gelassen, keifte, was sie nicht attraktiver machte für den Mann. Ganz Unschuld von Lande war sie auch nicht, auch ihre Ehekarriere war durchbrochen mit sicher zwei Affairen. Reingeschlittert aus dem Wunsch, begehert zu werden, aus der Vernachlässigung heraus, vielleicht auch aus Frust über den Alltagstrott.
Irgendwann das Unvermeidliche: die Sache kam ans Licht. Vorher zwar erahnt, war nun klar für die Frau: da ist eine andere Frau. Und der Mann stand in der Situation, dass diese andere Frau eine Entscheidung haben wollte. Die Trennung wurde beschlossen, man redete erst emotional, den anderen verletzen wollend, vielleicht um ihm ein wenig von der eigenen Verzweiflung, die in diese Situation geführt hatte, abzutreten, dann sachlich. Trennte sich in derselben Nacht, die Frau noch nüchtern, er eher weniger, was ihm im Auto nicht gut bekam. Er landete in der Ausnüchterungszelle. Da weinte sie nun zu Hause aus Trauer über das, was sie verloren hatte, was doch nicht nur Alltag, Gewohnheit war, sondern auch Erinnerung, Lebensinhalt, eigenes Leben. Er tat das Gleiche in der Zelle, plötzlich bewusst, dass ihn doch mehr mit dieser Frau verbindet als die Kinder und die Zahl der Jahre. Am nächsten Morgen trennt er sich von der Nebenfrau, die ins Schlittern geratenen Geschäfte können dank der Hilfe der Nochfreu aufgefangen werden und am Schluss sieht man die beiden in den lange geplanten und immer verschobenen Urlaub fahren. Im Wissen, dass es nicht nur einfach werden wird und eitel Sonnenschein, aber doch nachdenklich geworden.
Die Filme und Bücher über das Zusammenbleiben scheinen sich zu mehren. Waren früher eher Kennenlerngeschichten aktuell, stolpere ich immer mehr über die, welche die Fortsetzung der Anfangsromantik thematisieren. Zufall? Zeichen der Zeit? Ich weiss es nicht, nutze es aber zu eigenen Gedanken.
Früher war mir eines klar: Ein Seitensprung wäre das unweigerliche Ende. Treue als oberste Maxime, ohne Toleranz. Ich bin älter geworden. Vielleicht ruhiger. Bestimmt ruhiger. Und wohl auch nachdenklicher. Zudem hat die Erfahrung des Lebens einiges mit sich gebracht. Eine Beziehung, welche aus Liebe entsteht, aus Romantik auch, aus vielen Wünschen und Träumen des Miteinanders, des Wachsens, gemeinsam, aneinander ist etwas Wertvolles. Das zu erkennen dürfte noch keine Hexerei sein. Was aber so blumig und schön anfängt, bleibt selten so, das Leben geht weiter, das Leben ist nicht immer einfach, äussere Einflüsse tun das ihre, innere Stimmungen zu erzeugen, nicht immer nur positive. Zwei Menschen sind nie identisch, Wünsche prallen aufeinander, Bedürfnisse, widersprechende, sich ab und an ausschliessende. Kompromisse sind wichtig, nicht immer befriedigend. Ab und an kommt die Sehnsucht nach Unabhängigkeit dazu, nach Neuem, nach Abenteuer. Verlockungen sind nicht selten, wenn gar Möglichkeiten da sind… wird das Schwierige noch schwieriger, der Schlussstrich scheint der einfachere Weg.
Das mag in jungen und umabhängigen Jahren noch zutreffen, doch selbst dann kommt nicht immer etwas Besseres nach. Je älter man wird, je mehr in einer Beziehung auch verbindet, desto weniger trifft es in meinen Augen zu, dass Gehen die bessere Alternative ist. Erstens wird alles erst mal Neue irgendwann alt, zweitens werden mit jedem neuen Menschen auch neue Probleme auftauchen und drittens ist im Alten nie alles nur schlecht, so dass einem irgendwas ganz schrecklich fehlen wird, wenn der Mensch erst mal weg ist. Dazu kommt – und das wiegt viel schwerer: Die Vertrautheit, die man über die Zeit aufgebaut hat, wird in einer neuen Beziehung nie so da sein. Selbst wenn man denkt, den Seelenverwandten getroffen zu haben, der einen blind versteht. Nach dieser anfänglichen Blindheit gehen beiden meist die Augen auf und von dem Verstehen bleibt nicht mehr ganz so viel, Unterschiede tauchen auf.
Es gibt viele Sprüche heute darüber, dass man viel zu schnell aufgibt, nicht mehr kämpft, sich nicht mehr zusammenrauft. Man möchte es als leere Weisheiten abtun, möchte dagegen halten. Das Argument der neuen Möglichkeiten der Frau, die das erst realisierbar machten, ist schnell bei der Hand, auch nicht ganz von derselben zu weisen. Und doch bleibt ein Funken Wahrheit dabei. Ob man heute wirklich glücklicher ist damit? Ich wage es zu bezweifeln.
Was ich aber ganz konkret durch diesen Film überlegte, war: wieso ist der Umstand der sexuellen Treue so relevant, so wichtig? Vieles andere wäre man bereit, zu verzeihen, aber bei dem sagt man: Game over. Ist Sexualität so viel wichtiger in einer Beziehung als Liebe, als Miteinander, als Freundschaft, als Vertrauen. Klar, dieses Vertrauen wurde verletzt durch einen Seitensprung, aber andere Vertrauensbrüche würde man leichter wegstecken. Sie wären schmerzhaft, aber nicht das Ende. Grundsätzlich sind sie aber alle dasselbe. Alle Vertrauensbrüche gehen darauf zurück, dass man etwas tat, von dem man wusste, der andere wäre verletzt, der andere würde leiden. Und man tat es doch. Heimlich. Weil man a) nicht verletzen möchte und b) nicht verlieren, was man hat. Sei es aus Gewohnheit, aus Bequemlichkeit oder doch auch Liebe. Trotz allem. Ich bin durch all das zum Schluss gekommen für mich, dass ich es heute wohl nicht mehr so rigoros sagen könnte. Klar erwarte ich nach wie vor Treue – genauso aber auch Ehrlichkeit auf anderen Ebenen. Ich habe keine Hierarchie mehr in diesem Wunsch. Die sexuelle Ehrlichkeit wiegt dabei nicht höher als jede andere, denn der Verlust an Vertrauen ist bei allen Brüchen derselbe. Wäre diese eine Ebene die alleinausschlaggebende, wäre es ja auch die einzige Ebene, die die Beziehung zusammenhält. Aber da ist so viel mehr. An Austausch, an Halt, an Gefühlen, an Herausforderung – und auch an Gewohnheit.
Gewohnheit hat oft einen langweiligen Touch. Alles muss immer neu sein. Aufregend. Dabei übersieht man, dass Gewohnheit auch ganz viel Sicherheit und Geborgenheit vermittelt. Und damit auch ein Stück Ruhe. Auch das kann wertvoll sein. Aufregend genug ist das Leben meistens selber. Und wenn der geliebte Mensch es auch ab und an ist, weil er es sein will, sich die Mühe gibt, es zu sein, dann ist eigentlich schon viel erreicht. Den Wert der Zeit wird Neues nie aufwiegen können. Beziehungen werden nie tief, wenn der Faktor Zeit fehlt. Und gerade diese Tiefe lässt wachsen – sich und den andern und beide zusammen. Drum sind eigentlich diese neuen Liebesgeschichten die interessanteren. Weil sie mehr über den Menschen an sich aussagen. Und damit auch über einen selber.
Das alles ist blosse Theorie. In diesem Punkt liebe ich die Theorie mehr als den Praxisbezug – wie es sich für eine Philosophin wohl auch gehört. 🙂
Wer ist nicht schon mit einem Buch in eine andere Welt entschwebt? Hat genossen, neue Gedanken kennen zu lernen, Abstand vom Alltag zu kriegen? Bücher sind kleine Oasen und als solche haben sie einen hohen Stellenwert.
Bücher sind Kunst. Wie Bilder. Wie Musikstücke. Damit heben sie sich von einer Zahnbürste als blossem Gebrauchsgegenstand ab. Klar könnte man den Inhalt des Buches anders transportieren, auf dem Computer, auf Tablets. Trotzdem behält das Buch seinen Stellenwert neben diesen neuen Wegen der Übermittlung. Ein Teil dieses Wertes ist wohl der Nostalgie geschuldet. Man wuchs (heute noch) damit auf, man ist gewohnt, in Büchern zu blättern. Man weiss noch, wie man als Kind unter der Bettdecke las, geniesst das ganze Drumrum des Buches mit.
Bücher haben Substanz. Die hat ein Tablett auch, aber eine andere. Es ist kälter, ferner. Das Buch liegt warm in den Händen, ich kann reinschreiben, kann die Seiten riechen, die Druckerschwärze riechen. Ich kann von Hand blättern. Es ist unmittlbarer. Beim Tablett steckt viel Technik dahinter. Das ist immer noch fremd. Trotz aller praktischen Seiten wie Hintergrundbeleuchtung, die das Lesen unter der Bettdecke vereinfacht (selber schon probiert). Man fühlt sich damit nicht vertraut und spätestens, wenn die Technik streikt, ist alles aus.
Wieso muss man die beiden überhaupt gegenüberstellen? Sie können ja nebeneinander bestehen bleiben. Das Auftauchen der Fotokameras war auch nicht das Ende der gemalten Kunst, Fernsehen hat das Theater nicht ausgeblendet. Klar, es fanden Verschiebungen statt. Der Markt musste geteilt werden. Aber schlussendlich fanden alle ihren Platz – mit Verschiebungen, mit Veränderungen zu früher, aber sie hatten weiter Bestand.
Noch nie mochten alle Menschen Bücher. Es gibt sehr viele Menschen, denen Bücher egal bis hin zu einer Plage sind. Das war immer so und wird wohl immer so bleiben. Diese Menschen machen sich aber auch kaum Gedanken über das Büchersterben, sie sind nur froh, wenn sie keine lesen müssen. War man früher auf Bücher angewiesen, um ein wenig BIldung zu kriegen, geht das heute auf anderen Wegen. Das ist durchaus ein Gewinn, da Bildung trotz allem wichtiger ist, als gerne zu lesen. Sage ich als Buch- und Literaturliebhaber. Schon da hat der Wert des Buches abgenommen, man muss keine Bücher mehr haben, um als gebildet zu gelten. Trotzdem vermittelt ein volles Bücherregal im Wohnzimmer diesen Eindruck noch heute. Das sind Bilder in Köpfen, Assoziationen. Die sterben nicht so schnell aus. Und das ist vielleicht auch gut so. Denn sie haben auch ein Stück Wiedererkennungswert und Stabilität in sich.
Es bringt in meinen Augen nichts, in einen Trauergesang um das Büchersterben auszubrechen. Sterben werden sie nicht. Sich neu einordnen in einem immer grösser werdenden Dschungel an Möglichkeiten aber schon. Es findet quasi eine Art Evolution im kulturellen Bereich statt.