Harry G. Frankfurt: Sich selbst ernst nehmen

Wir Menschen sind stolz auf unsere Begabung zur Vernunft und zur Liebe. Deswegen neigen wir zu ziemlich aufwendigen Zeremonien und beglückwünschen uns gern selbst, wenn wir den Eindruck haben, tatsächlich eine dieser Fähigkeiten zu realisieren. […] Beide sind problematisch, und ihr Verhältnis zueinander ist unklar.

In den beiden Vorlesungen Uns selbst ernst nehmen und Richtigliegen versucht Harry G. Frankfurt, dieses Verhältnis zu durchleuchten und die Liebe und die Vernunft als dem Menschen inhärente Fähigkeiten zu erklären. Harry G. Frankfurt stellt die Autorität der Liebe über die der Vernunft. Die Autorität der Vernunft gründe gar in der der Liebe. Die Liebe selber erachtet er als Sache des Willens. Und somit steht dieser an erster und oberster Stelle, von wo alles ausgeht.

Frankfurts Liebesbegriff ist frei von romantischen Spuren, Liebe ist für ihn verbunden mit der Sorge um etwas, dem sich Kümmern um eine Person oder Sache. Diese Form von Liebe setzt Ziele und somit Handlungen in Gang. Indem wir wissen, was uns wichtig ist, worum wir uns kümmern wollen, können wir unser Handeln auf diese Punkte fokussieren. Wir setzen also unseren freien Willen um.

Wichtig dabei ist, so Frankfurt, dass man sich immer wieder interfragt, um sich näher kennen zu lernen. Diese Fähigkeit der Selbsthinterfragung nennt Frankfurt denn auch das, was den Menschen grundlegend ausmacht.

 Es ist unser besonderes Talent, uns von dem unmittelbaren Inhalt und Fluss unseres eigenen Bewusstseins abzusetzen und eine Art Spaltung innerhalb unseres Denkens einführen zu können. Dieses elementare Manöver etabliert eine nach innen gerichtete kontrollierende Überwachung. Es schafft eine elementare reflexive Struktur, die es uns ermöglicht, unsere Aufmerksamkeit

Erst wenn wir uns selber hinterfragen, nehmen wir uns auch ernst. Dann finden wir heraus, was wir wirklich wollen, welches wirklich die Stimme der Liebe und der Vernunft ist und wo wir Irrtümern und falschen Beweggründen aufsitzen.

Fazit:

Ein hoch komplexes und trotzdem schön lesbares Werk über die Liebe und die Vernunft. Diese beiden Vorlesungen behandeln Themen, die für den Menschen zentral sind: Wie sollen wir handeln, worauf unser Handeln stützen. Drei Kommentare runden das Ganze ab, einerseits Christine Korsgaards Beitrag über die Beziehung von Sorge und Moral, Michael Bratmans Frage, ob wirklich die Liebe handlungsbegründend ist, sowie Meir Dan-Cohens Untersuchung nach der Rolle der Verantwortung in Harry G. Frankfurts Essays.

(Harry G. Frankfurt: Sich selbst ernst nehmen, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007.)

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Gebundene Ausgabe: 145 Seiten

Verlag: Suhrkamp Verlag (2007)

Preis: EUR: 18.80 ; CHF 34.50

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Wenn Warten zur Nervenprobe wird

Seit 9 Uhr sitze ich hier und warte darauf, dass es halb 12 Uhr wird, ich anrufen kann. Ich versuche mich abzulenken. Weiss, es ist nur ein Routineeingriff bei beiden. Weiss, ich habe das schon oft erlebt, ging immer gut. Ich weiss, ich habe einen super Tierarzt, gehe ja extra zu ihm, weil ich ihm vertraue, weil ich ihn toll finde. Vor Ort hätte es viele, sogar nette… aber nein. Er ist der beste – für mich. Und doch: ich sitze auf Nadeln.

Um 11 Uhr krampft mein Herz zusammen. Ich werde traurig. Aus heiterem Himmel. Ich kann es nicht mehr abwenden, mein Bauch krampft mit. Ein Kloss im Hals. Ich kann nicht mehr warten. Ich rufe an.

„Der Hund hat alles gut überstanden, beim Kater können wir es noch nicht sagen….“

Ich weiss, ich war zu früh. Ich muss noch eine halbe Stunde warten. Und doch fliessen nun die Tränen. Ich kenne diese Situation nur zu gut. Anfangs Mai war es, keine 5 Monate her, als ich auch zu Hause sass. Mein Kater war beim Tierarzt. Man konnte auch nicht sagen, wie es kommt. Es sah da allerdings bedenklich aus. Trotzdem immer wieder die Hoffnung. Die irgendwann starb – weil er starb. Ich hätte nicht gedacht, dass das alles wieder hoch kommt. Mit der Intensität und Gewalt.

Alles ist wieder da, dieser unbändige Schmerz von damals, der mich überwältigte. Ich höre noch heute die spöttischen Stimmen: „Wie trauerst du denn erst, wenn es ein Mensch wäre?“ – Wer will schon Mensch und Tier in die Waagschale werfen? Wer kann schon wissen, was dieser eine Kater für mich war? Und zur Trauer um Pascha kommt nun die Angst um Schiller. Schiller, der so klein und frech in unser Leben kam. Der sich nachts ins Herz schnarchte, tagsüber hinein schnurrte. Der uns zum lachen bringt durch seinen Übermut, ab und an zur Verzweiflung mit seiner Frechheit.

Noch 15 Minuten. Die Zeit schleicht. Die Tränen versiegen langsam, die Hoffnung und die Zuversicht kommen wieder. Die Erlösung kommt, der nächste Anruf bringt Erleichterung.

Beide sind wach, beide sind wohlauf, alles gut überstanden.

Ich kann die beiden am Nachmittag heimholen.

Zuerst schrieb ich diesen Text, stellte ihn online. Dann zog ich ihn zurück. Ich kam mir komisch vor, dachte, ich übertreibe. Fragte mich, was er überhaupt bringt, wer das lesen will. Die Weinerlichkeiten einer überbesorgten Tierbesitzerin. Doch was ist so schlimm daran? Die Tiere sind in mein Leben gekommen und haben dieses unglaublich bereichert. Sie sind da, wenn es mir nicht gut geht, trösten mich; sie bringen mich zum lachen, sie füllen die Leere, die ab und an aufkommt. Sie bringen Leben in die Wohnung, wenn diese still ist, ab und an zu viel, aber es ist schön. Sie vertrauen mir, glauben an mich, bauen auf mich. Was also sollte ich tun, wenn mich nicht sorgen, wenn es ihnen nicht gut geht?

Schein und Sein

Von aussen sieht man nur, wie etwas scheint; wie es ist, weiss nur, wer es erlebt.

Ich bin mit Krimis wie „Der Alte“, „Derrick“, „Ein Fall für zwei“ und wie sie alle hiessen, aufgewachsen. Auch deutsche Komödien schaute ich dann und wann. In allen traf man immer wieder auf dieselben Schauspieler, man wusste so schon bald am Anfang des Krimis, wer der Mörder ist, weil dieser immer von denselben Schauspielern gespielt wurde. Ein Problem war das keines, im Gegenteil, wir erheiterten uns und schauten mit Freude weiter. 

Der Umstand, dass diese Schauspieler so präsent waren, liess darauf schliessen, dass sie Erfolg hatten. Dass sie auf der Sonnenseite des Lebens standen. Ab und an kriegte ich von meiner Grossmutter Regenbogenpresse, von deren Cover sie mir entgegen lächelten. Sie strahlten all ihr Glück vom Magazin in mein Wohnzimmer. Und es gab Momente, in denen ich dachte: „Ich hätte auch gerne so viel Glück!“ Nicht dass ich Schauspielerin werden wollte oder sonst berühmt, den Gedanken hatte ich nie. Es ging mir eher um das offensichtliche Glück, das sie im Leben zu haben schienen. Sie konnten den Beruf verfolgen, den sie wollten (ich ging davon aus, dass niemand Schauspieler wider Willen ist, da es doch der Traum vieler ist und doch Glück und Einsatz erfordert, ihn wirklich auszuüben). 

Viele Jahre später gelangte mir ein Buch in die Hände. Ich forschte zum Thema, wie man heute mit der Vergangenheit umgehen soll, vor allem, wenn diese Vergangenheit eine so schreckliche wie der Holocaust ist. Ich las Überlebendenbiographien, las Bücher über die Lager, über die Zeit. Und dabei auch eine Biographie, die mir nahe ging. Es war Michael Degens „Nicht alle waren Mörder“. Er schilderte darin seine Kindheit in Berlin, eine Kindheit auf der Flucht, eine Kindheit in Verstecken, eine Kindheit ausgesetzt den Launen und der Übermacht anderer. 

Wie oft hatte ich ihn in die Kamera lächeln sehen? Wie oft hatte ich gedacht: „Wow, toller Mann, toller Schauspieler, Glückspilz!“? Hatte ihn auf der Sonnenseite des Lebens gewähnt? Das Buch ist nicht wehleidig. Es ist nicht im Stil „Ich bin ein armes Opfer“ geschrieben. Es beschreibt eine Mutter mit ihrem Sohn, der voller Zuversicht durch diese schwierige Zeit geht, weil seine Mutter ihm verspricht, dass sie heil aus ihr hervorgehen. Eine tolle Frau. Wie viel Kraft muss es sie gekostet haben?

Er hatte sicher viel Glück im Leben. Trotz dieser unglaublich düsteren Zeit, welche aber nicht ausschliesslich eine düstere Kindheit war, wie er sagt. Er konnte für sich positive Momente daraus ziehen. Er hat überlebt. er hat einen Beruf ergriffen, der ihm lag, der ihn erfüllte. Er hatte Glück, hat sich eingesetzt. Und steht noch heute in diesem Beruf. Und wenn man ihn darüber sprechen hört, spürt man das Herzblut. Spürt man die Freude und die Leidenschaft. 

Also doch Sonnenseite des Lebens? Das wäre in meinen Augen zu kurz gegriffen. Leid war da. Ist sicher immer mal wieder da gewesen über die Jahre. Gesehen hat man von aussen nur den strahlend fotografierten. Und sich gedacht: „Was für ein Glückspilz. Wenn es mir so gut ginge, könnte ich auch so lachen.“ Dahinter blickt man nie, nur dran hin. Und dessen sollte man sich immer bewusst sein. 

Mit Kritik umgehen

Ich mag keine Kritik. Mochte ich nie. Zumindest im ersten Moment trifft sie mich. Ich fühle mich schlecht, denke, ich hätte was nicht gut gemacht (offensichtlich). Es ist ein Gefühl des Versagens, das aufkommt. In diesem ersten Moment denke ich nicht, dass der Kritisierende vielleicht falsch liegen könnte. Ich denke auch nicht, dass er es nur gut meint, ich etwas lernen könnte aus seinen Worten. Ich kann mir auch nicht sagen, dass niemand perfekt sein muss, Fehler gemacht werden dürfen – von mir und von anderen. Ich sitze da und das schlechte Gefühl, das sich aus Trauer, Verletztheit, Wut, Enttäuschung und noch einigem mehr zusammensetzt. 

Ich kritisiere ungerne. Je lieber mir das Gegenüber ist, desto schwerer fällt mir Kritik. Ich möchte nicht, dass der andere sich schlecht fühlt. Ich möchte aber auch nicht, dass ich ihn in ein Unglück laufen lasse, indem ich etwas gut rede, das vielleicht nicht gut ist. Und ich möchte schon gar nicht lügen. Das ist vor allem dann schwer, wenn man von Berufes wegen eher kritisch eingestellt sein muss, die Dinge eher hinterfragen und nach Fehlern durchforsten muss. Nur sind es da meist Texte, Denker, die nie lesen werden, was ich schreibe, Schriftsteller, die entweder längst tot sind oder aber nie von meinen Zeilen erfahren. Und doch – es fällt mir manchmal schwer, weil ich denke: Wer bin ich, dahin zu gehen und zu kritisieren, was jemand mit Herzblut und ganzem Einsatz machte? Was bilde ich mir ein, mich über den zu stellen? 

Genau so fühlt es sich auch an bei der Kritik an meiner Person und meinem Tun: Jemand stellt sich über mich und will mir sagen, dass er besser wisse als ich, was gut wäre. Ich frage mich nur: Wieso hat er es nicht getan? Dahin stellen kann sich jeder. Es tun ist was anderes. 

Kürzlich war mein Sohn beim Fussball. Ein Freund von mir begleitete ihn, ersparte mir das stundenlange Spielfeldrandsitzen und machte dem Kind die Freude, mit ihm Zeit zu verbringen. So weit so gut. Als sie zurück kamen, kritisierte besagter Freund den mangelnden Einsatz des Kindes. Für mich nichts wirklich Neues, ich kenne meinen Sohn und der ist nie bei der Gruppe, die schreit „Extra Bewegung? Ich will sie haben!“. Der kluge Junge liess das aber nicht einfach auf sich sitzen und meinte zum Kritiker, der als Sport- und Bewegungsmuffel bekannt ist: „Mach es doch besser!“ Er hörte darauf:

Ein Kritiker ist keiner, der etwas praktisch besser kann, er weiss nur theoretisch, wie es besser ginge. 

Mein Sohn wollte das nicht gelten lassen, er fand das eine billige Ausrede. Ist es das? Ja und nein. Es gibt Menschen, die meinen andere kritisieren zu müssen, nur weil sie denken, sie hätten selber die Weisheit mit Löffeln gegessen (mündlich klänge das stärker). Sie wollen aus einer selbst erstellten Machtposition heraus auf andere herabschauen und ihnen zeigen, dass sie alles wissen, der andere nichts. Das ist die Machtdemonstration des eigentlich frustrierten Besserwissers und da hat mein Sohn ganz recht: „Macht es doch besser!“ Diese Art der Kritik ist absolut destruktiv. 

Dann gibt es den sachlichen Kritiker. Der eigentlich aus Liebe zur Sache kritisiert, im Dienste der Sache auch und nie, um jemandem weh zu tun, jemanden abzuwerten. Das ist in meinen Augen eine durchaus legitime Art des Kritisierens, da es a) um die Sache geht, b) keine egoistischen Motive hat, c) nicht verletzen will, indem es nicht gegen jemanden, sondern für etwas ist. Es kann auch helfen, etwas zu verbessern, etwas zu durchschauen. Von aussen sieht man ja ab und an mehr als wenn man selber tief in etwas steckt. Diese Kritik ist konstruktiv, sie ist lehrreich. 

Und es gibt den wohlwollenden Kritiker. Er kritisiert aus Liebe zum Kritisierten, weil er ihm vielleicht auch helfen will, ihn vor etwas bewahren will. Er will seine Meinung zeigen, eine Meinung, die nicht zwangsläufig richtig sein muss, aber eine andere Sicht der Dinge darstellt. Er will den geliebten Menschen nicht verletzen, sondern ihm helfen durch seine ehrlichen Worte. An dieser Kritik kann man wachsen. 

Und noch immer gebe ich zu, dass mich Kritik im ersten Moment trifft. Das wird sie wohl immer. Die Momente werden aber kürzer. Und ich habe durch meinen Weg so viel Gelassenheit gelernt, nicht alles gleich in die Tonne zu treten, sondern es nach einem kurzen Durchatmen anzuhören und zu reflektieren. Erst vielleicht noch gepaart mit Trotz, mit spitzen Bemerkungen, innerlich schon hinterfragend „hat er recht?“. Dann genauer hinhörend, überlegend: „Kann ich das auch so sehen?“

Am Schluss nehme ich mir das Recht heraus, zu sagen: „Nein, ich bleibe bei meinem. Danke für die Kritik, aber für mich stimmt es, wie es ist. Dies geschieht zumindest bei den konstruktiven Kritiken. Bei den anderen schmunzle ich innerlich und denke mir das Meine. Sicher auch, weil ich weiss, dass ich genug Leute habe, die ehrlich sind zu mir und konstruktiv. Dafür bin ich dankbar, dafür möchte ich danken! Danken dafür, dass sie meine Spitzfindigkeiten im ersten Getroffensein auf sich nehmen, danken dafür, dass sie immer und immer wieder bereit sind, mir zuzuhören, mit mir zu denken, mit mir zu hinterfragen. Und dafür, dass sie da sind. 

Diane Broeckhoven: Kreuzweg

Nach fünfunddreissig Jahren kennt Theo Jesper jede noch so kleine Unebenheit, jede Mulde auf dem Bahnsteig, und doch geht er heute Morgen wie auf Eiern.

Auf einem Bahnhof in einem kleinen Ort beginnt die Geschichte und endet ebenda. Es ist die Lebensgeschichte einer Frau, welche auf die Geheimnisse ihres Lebens zurück blickt. Es ist ein Leben voller Schmerz, voller Tragik. Ein Leben, in welchem ihre Worte nicht gehört wurden und in dem sie bald keine Worte mehr findet für das, was ihr geschah.

 Alles wirkte so schrecklich alltäglich. Also beschloss ich, dass das alles überhaupt nicht passiert war. Dass ich das bloss geträumt hatte. Ich zog einen schweren Vorhang vor den Albtraum, der mich mit Scham erfüllte, und kehrte ihm den Rücken.

Sie zieht sich zurück, igelt sich ein, versteckt sich vor ihrer Umwelt und trägt ihre Geheimnisse selber aus. Später flieht sie vor ihrem Leben, bricht auf in ein neues, welches mit Erfolg und vor allem mit Vergessen gekrönt ist. Erst als der Vater alt und krank ist, kehrt sie zurück, stellt sich ihren Erinnerungen und merkt, wie diese langsam ihre Macht verlieren, dass sie die Vergangenheit ruhen lassen kann, sich nicht mehr davor fürchten muss.

Diane Broeckhoven erzählt mit sparsamen Worten einfühlsam den Weg einer jungen Frau, die versucht, ihr Leben von den Geistern zu befreien, die andere diesem aufgeladen haben. Dabei gelingt es, die Sprachlosigkeit der Protagonistin literarisch umzusetzen, sie den Leser fühlen zu lassen. Immer schwebt ein Geheimnis über dem Buch, welches zwar durchschaut werden kann, nie aber erzählt wird. So weiss der Leser zwar bald, was passiert ist, er sieht aber nur die Folgen davon und trägt sie lesend mit.

Fazit:

Ein berührendes, beklemmendes Buch über eine Frau, die versucht, ihren eigenen Erinnerungen zu entkommen. Ein herausragendes Werk, das ich jedem nur ans Herz legen kann.

(Diane Broeckhoven: Kreuzweg, übersetzt von Isabel Hessel, C.H.Beck Verlag, München 2012.)

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Gebundene Ausgabe: 124 Seiten

Verlag: Beck Verlag (23. August 2012)

Übersetzung: Isabel Hessel

Preis: EUR: 14.95 ; CHF 21.90

 

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Von der Freiheit des Willens – Work in Progress

Meine momentane Forschungstätigkeit befasst sich mit dem freien Willen und inwiefern er existiert. Ich habe momentan noch mehr Fragen als Antworten, da beim Lesen diese immer drängender in den Vordergrund stechen, ich aber noch zu wenig Material habe, wie ich finde, eine wirkliche Meinung zu vertreten, zu der ich stehen kann. Ich nenne das Work in Progress. Ich werde hier in unregelmässigen Abständen von dieser Arbeit erzählen, vielleicht auch mal Fragen stellen oder Bücher dazu vorstellen.

Ein Blogartikel in einem meiner Lieblingsblogs befasste sich unlängst auch mit dem Thema:

Zeitspiegel: Der freie Wille

Gestützt auf Franz M. Wuketits Buch Der freie Wille. Die Evolution einer Illusion (Hirzel Verlag) geht der Zeitspiegel der Frage nach, ob der Wille wirklich frei ist und kommt zum Schluss, dass diese als sicher geglaubte Tatsache gehörig ins Schwanken geraten ist durch die neueren Erkenntnisse aus Natur- und Sozialwissenschaften. Der freie Wille sei gar eine evolutionäre Evolution, befindet Wuketits.

Ob das der Weisheit letzter Schluss ist, weiss ich noch nicht, noch bin ich skeptisch. Einige Fragen kamen aber auch mir durch meine aktuelle Lektüre von Harry G. Frankfurts Sich selbst ernst nehmen.

Was genau bedeutet Willensfreiheit? Wann ist sie gegeben, wann nicht. Kann es eine absolute Willensfreiheit geben oder ist sie gar nicht erstrebenswert? Ist sie überhaupt relevant oder ist sie nur ein Mittel zu einem höheren Zweck? Wie sieht der aus? Ich würde mal sagen, ganz platt: Ein schönes und gutes Leben. Das Schöne und das Gute als höchste Ziele des Lebens – zu definieren wären die Begriffe auch noch. Es gibt einiges, aber ohne konzise Begrifflichkeit ist das Ziel unklar. Stellen wir die Hypothese aber in den Raum, es sei so. Dann wäre der freie Wille dazu da, genau dieses Ziel zu erreichen. Wir bestimmen, was wir als schön und gut empfinden (tun wir das? Nach absolut freiem Willen sicher) und wählen den Weg frei, der dahin führt.

Wir schliessen aus, was vom Pfad abbringt, streben an, was ihn verfolgt. Damit negieren wir gewisse Dinge, schliessen sie aus unserem Leben aus, weil sie nicht den Weg verfolgen, den wir gehen wollen. Das können Einflüsse sein, können eigene Eigenschaften sein. Lassen die das einfach so zu? Und wenn nicht, sind wir dann immer noch frei, da sie ja entgegen unserem Willen doch noch aktiv sind?

Harry G. Frankfurt sagt, in dem Fall wären wir nicht mehr dafür verantwortlich, da wir diese Eigenschaften nicht wollen, sie sich über unseren Willen stellen. Nur wäre damit die Freiheit schon eingegrenzt in meinem Verständnis. Er hat keine absolute Durchsetzungsmacht, insofern ist er doch begrenzt. Oder sehe ich das falsch?

Work in Progress

Zweiter Versuch – Was ist ein Mensch?

Der Mensch ist Mensch dadurch, dass er sein Verhalten hinterfragen kann, dass er quasi in zweiter Instanz denken kann und so das primäre Denken und Handeln zum Gegenstand des eigenen Denkens macht. Diese Selbstreflexion macht den Menschen aus und hebt ihn vom Tier ab. 

Nun stellt sich natürlich die Frage: Indem er sich hinterfragt, sollte er auf das Gute stossen. Sollte sehen, ob das, wie er handelt, dem entspricht, wie er sein will. Wäre dies nicht der Fall, könnte er mittels seines Willens das Handeln dahin steuern, so zu handeln, wie er es für seinen Wunsch des Seins als angebracht erachtete. 

Ist der Wille so stark? In jeder Sekunde unseres Seins? Kann mein Wille wirklich frei über mein Handeln bestimmen und ist dieses nicht auch anderen Einflüssen unterworfen? Solchen von innen wie von aussen? Was prägt das Ich? Was prägt mein Sein? Mein Handeln? Mein blosser Wille? Ist er Teil einer Kette von Faktoren? Wie sehen die aus? Kultur, Familie, Erlebnisse, Erfahrungen, Erkenntnisse? Ist mein Wille frei von all diesen oder beeinflussen sie nicht nur mich, sondern auch den Willen? Wäre er frei, stünde er gleichberechtigt neben den restlichen Einflüssen. Wäre er beeinträchtigt, würde seine Kraft mit der steigenden Masse von Einflüssen an Kraft einbüssen. 

Was ist der Mensch? Was macht ihn aus? Wie frei ist er in der Bestimmung seines Seins? Seines Handelns?

 

Work on Progress…

Was ist der Mensch?

Was ist der Mensch, wie soll er sein?

Was macht ihn gross, wann ist er klein?

Sind es die Berge auf der Bank,

was ist gefragt, dick oder schlank?

Zählen  Titel oder Schönheit,

Sein allein oder zu zweit?

Ist Egoist er oder nett?

Wie sich kleiden, stets adrett?

Grosses Auto, teures Haus?

Oder macht das gar nichts aus?

Zählen wirklich inn’re Werte,

grosses Herz, das unbeschwerte?

Oder sind Struktur und hoher Rang,

grosses Anseh’n von Belang?

Ist angepasst, was er muss sein,

zählt wirklich Sein oder nur Schein?

Wer sagt es mir, wo muss ich hin,

wie muss ich sein, dass ich gut bin.

Wer setzt das Mass, wo ist die Norm,

gibt es Schablonen, eine Form?

Alltagstrott

Oft hört man bei Paaren, sie hätten sich getrennt, weil der Alltag eingekehrt sei, Langeweile herrschte, man sich in dieser Langweile wohl auch nach mehr Spannung sehnte und die im Aussen suchte. Wenn man in einer Gewohnheit drin steckt, kann die gut und gerne mal eingerostet erscheinen, man selber denkt, der Rost greife auf einen über, man fühlt sich erstarrt, eingeschlafen, nicht mehr lebendig. Findet man dann eine Herausforderung, ein kleines Aufblitzen von etwas Neuem, etwas Spannendem, dann erwachen die vorher noch so starren Sinne und Glieder, man fühlt sich wieder am Leben, voller Tatendrang, voller Freude, voller Aufbruchsstimmung. Der Weg dahin, das alte und gewohnte Leben als noch langweiliger und noch festgefahrener zu sehen, ist nicht weit. Noch weniger weit ist das Gefühl, in eben diesem Leben gefangen zu sein.

In den buntesten Farben malt man sich aus, was alles auf dieser Welt nur darauf wartet, von einem gesehen, erfasst, gelebt zu werden. Man sieht all die Chancen, die im momentanen Leben nicht möglich sind. Man sieht die Träume, die man noch verwirklichen möchte. Man sieht die Schlösser, die man bauen könnte und sieht sich drin sitzen als Prinzessin im Reich der eigenen Wünsche. Man hört als verheiratete Frau zum Beispiel von Singles, die ein abenteuerliches Leben führen, die Männer kennen lernen, in den Ausgang gehen, das Leben geniessen. Man hört von witzigen Flirts, bereichernden Kontakten. Man hört von einem Leben ohne Alltagstrott, ohne die Fehler des anderen, ohne Socken am Boden und ungebügelte Hemden. Die Welt ausserhalb des eigenen Trotts wirkt so verlockend. Man bricht aus. 

Zuerst das Aufatmen. Alles ist neu zu organisieren, alles ist frisch. Befreiung pur. Wo sind nun aber all die netten Männer? All die witzigen Kontakte? Wo die Chancen, die nur darauf warten, ergriffen zu werden? Wo die geselligen Abende in grosser Runde? Irgendwie hat man sich das alles anders vorgestellt. Und neben der ganzen Umorganisation des eigenen Lebens macht sich langsam Einsamkeit breit. Die vorher so interessant wirkenden Möglichkeiten scheinen sich in Luft aufzulösen, die vorher attraktiven Männer haben alle eine Macke (oder mehrere), die Welt ist auch als Single nicht nur locker, flockig und rosarot und überhaupt – das alte Leben war im Nachhinein gar nicht so übel. Die ach so langweiligen Werte wie Beständigkeit, Verlässlichkeit, Verantwortung hatten ihre sehr guten Seiten. 

Ich kenne diese Welt auch, allerdings kenne ich auch die umgekehrte: Ich liebe Alltagstrott. Ich liebe all die verlässlichen und beständigen Dinge, die täglich wiederkehren. Ich mag es, wenn ich weiss, wie alles ist, wie es wird, wenn ich weiss, was die Tage mir bringen. Neues macht mich unruhig, liegt mir nicht. Ich mag die mir vertrauten Dinge um mich, weiss, wo alles ist, weiss, dass es da ist. Ferien sind mir ein Graus. Nie habe ich all das dabei, was mir irgendwann im Laufe der Zeit fehlt. Nie habe ich meine Ruhe für mich, kann einfach nur in den Tag hinein leben, der mir vertraut ist, wo alles seinen Platz  hat. Es sind schliesslich Ferien, man muss was erleben, muss etwas sehen, muss die Welt erkunden und Freizeitbeschäftigungen abhaken. Dazu hat man ja Ferien.

Neuerungen im Alltag sind  mir ein Gräuel. Termine, die meinen Alltagstrott durchbrechen und über den Haufen werfen eine Plage. Ich werde giftig. Unleidlich. Schimpfe, tobe. Bis das Neue da ist, durch ist und ich sehe: ging ganz gut. Und dann kehrt wieder Zufriedenheit ein. Bin ich sonderbar? Mag sein. Vielleicht auch borniert, verkalkt, langweilig. Möglich. Aber eigentlich ist mir das egal. Ich mag den Trott, ich schick mich drein und wenn man mich da lässt, bin ich absolut pflegeleicht, zufrieden und fröhlich. 

Ok, meistens. Ab und an sehe ich in der Welt draussen Dinge. Die sehen neu und spannend aus. Und machen Lust, sie zu erkunden, sie zu ergreifen. Und ich sehe die andern, die sie ergreifen, höre, wie sie davon sprechen und denke, es wäre genau das, was ich auch wollte, damit ich auch wäre, wie sie, hätte, was sie haben. Spüre die Unzufriedenheit aufsteigen. Stelle mir vor, wie alles wäre, wäre ich genau da, hätte genau das, denke mir, was das für mich bedeuten würde – und bin schlagartig geheilt. Gehe zurück in meinen Alltagstrott, bin dankbar, ihn zu haben. Er ist mein Stück Heimat, mein Stück Geborgenheit, mein Halt und mein Leben. Und das ist gut so, genau so brauche ich es – für mich. 

 

Jakob Arjouni: Bruder Kemal. Kayankayas fünfter Fall

Marieke war sechzehn und nach den Worten ihrer Mutter „sehr talentiert, belesen, politisch engagiert, neugierig und voller Humor…

Bei Mariekes Verschwinden wendet sich ihre Mutter, Valerie de Chavanes an den Privatdetektiven Kayankaya. Was zuerst nach dem Verschwinden eines Teenagers aussieht, welcher sich für zwielichtigen Freund statt für das eigene Elternhaus entscheidet, konfrontiert Kayankaya bald mit Drogen, Vergewaltigung und Mord. Während der vermisste Teenager bald wieder zu Hause ist, haben für Kayankaya die Probleme erst begonnen.

Die Geschichte zieht ihre Kreise, breitet sich über seinen zweiten Fall, in dem er den muslimischen Schriftsteller Malik Rashid vor Übergriffen schützen soll. Rashid hat mit  seinem neusten Roman, welcher Homosexualität in der arabischen Welt thematisiert, die Wut muslimischer Gruppierungen auf  sich gezogen und befindet sich in Gefahr. Diese blüht ihm auch wirklich.

 „Hören Sie mir gut zu: Die Lage hat sich verändert, wir haben eine Geisel. […] Wenn Sie die Polizei verständigen, verschwindet die Geisel für immer.

Kayankaya sieht sich vor dem Problem, wie er seinen Schützling und sich selber aus dieser Situation heil herausbringt.

Mit viel Humor erzählt Jakob Arjouni Kayankayas neusten Fall. Dabei kriegt auch die Bücher- und Verlegerbranche ihr Fett weg, wird sie doch unbarmherzig und nicht ohne Zynismus portraitiert. Der neuste Fall des türkischstämmigen Kayankaya verliert ab und an den Spannungsbogen und weicht zu stark auf persönliche Erinnerungen und die private Geschichte des Ermittlers ab, macht dies aber durch viel Witz wieder wett. Die eingestreuten Rassenprobleme und Vorurteile wirken nie belehrend oder moralisierend, sondern immer angemessen und in die Erzählung passend.

Fazit:

Der fünfte Fall von Kemal Kayankaya führt durch die ganze kriminelle Palette von Drogen, religiösem Wahn, Vergewaltigung bis hin zu Mord. Der Kriminalroman besticht durch Witz und Leichtigkeit, ein Lesevergnügen auf der ganzen Linie.

(Jakob Arjouni: Bruder Kemal. Kayankayas fünfter Fall, Diogenes Verlag, Zürich 2012.)

Bild Angaben zum Buch:

Taschenbuch: 225 Seiten

Verlag: Diogenes Verlag (28. August 2012)

Preis: EUR: 19.90 ; CHF 29.90

 

 

 

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Oben – Unten – Hierarchien der Gesellschaft

Mein Sohn (10) meinte heute, dass die handwerklichen Berufe eigentlich wichtiger seien als all die hohen Managerpositionen. Ich fragte ihn, wie er darauf komme und er meinte: Wenn die nicht ihre Arbeit machen würden, hätten die oben gar keinen Job. Welcher Architekt könnte arbeiten, gäbe es keine Bauarbeiter? Welcher Manager könnte am Tisch sitzen, würde niemand den Tisch schreinern? Welcher Manager könnte arbeiten, hätte er keine Sekretärin, welcher Arzt, hätte er keine Sprechstundenhilfe? 

Ich schaute meinen Sohn an, gab ihm recht und war dankbar, einen so klugen Sohn zu haben. Wann geht diese Sicht verloren? Wer verdirbt sie? Nicht, dass mein Sohn nicht auch Millionärsträume hätte, nicht, dass er sich auch gerne ganz weit oben sieht. Die Einsicht in die Wertigkeit, die war schön zu sehen. Sie soll nicht zementieren, dass die einen besser sind als die anderen, sie soll nur zeigen, dass es alle braucht und niemand eigentlich in der Lage sein sollte, auf den anderen herabzuschauen.